[gesucht: lost]

da ich meinen Lost-Partner verloren habe, und es für mich vollends unmöglich ist Lost alleine zu schauen, weil ich nachher oftmals aufgewühlt bin und immer jemanden brauche das ganze Geschehen neu zu ordnen und zu falten, doch sonst niemand aus meinem Umfeld wissen will was mit OceanicFlight so geschieht, muss mein Blog jetzt herhalten:

Jemand da der einmal wöchentlich die neuen (die ganzganz neuen, also ab Staffel 4, Folge 11) Folgen mit mir schauen möchte? Meistens am Wochenende, bald nach Erscheinen in den US. Ich kümmere mich um die Beschaffung.

Rechts oben ist so ein Emailknopf.
Würde mich sehr freuen.

[Zinnowitz, Usedom]

I.
angekommen
Pizza gegessen
auf dem Pier gelaufen
Bier getrunken
ins Bett gefallen

II.
aufgestanden
gefrühstückt
spaziert (am Strand)
zu Mittag gegessen
am Strand den Wellen zugesehen
zu Abend gegessen
Ardbeg getrunken
Bier getrunken
Ardbeg getrunken
ins Bett gefallen

III.
aufgestanden
gefrühstückt
mit dem Fahrrad nach Peenemünde gefahren
Eis gegessen
Kaffee getrunken
zu Mittag gegessen
am Strand den Wellen zugesehen
mir ausgemalt wie es wäre einfach hier sitzenzubleiben, tagein tagaus hier sitzen, nach rechts sehen wenn die Sonne aufgeht und nach links zum Abschied am Abend, und in der Zeit dazwischen den Wellen zuschauen, wie diese einander verfolgen und beim Brechen übereinanderherfallen wie zwei kleine Hunde beim Spielen, hin und wieder bliesse der Wind und ich würde die Augen schließen, und dann die Augen geschlossen lassen, weil die Sonne so schön leicht darauf drückte, und ich danach beim Blinzeln den schwarzen Fleck an der Brandung zu erkennen versuchte, ob es nun ein Hund sei oder ein angespülter Baumstamm, und dann sähe ich hinunter zu meinen Füßen, wo ein kleines Mädchen mit einer grünen Gießkanne stünde und mir meine eingegrabenen Füße gösse, und ich würde sagen, Hey Mädchen, irgendwie gefällt mir das nicht, und das Mädchen würde mich ein bisschen traurig ansehen, wegen der vielen Blätter die ich beim Empörtsein verloren hätte, sie sagt ich sei aber schon ganz trocken, und meine Wurzeln lägen auch schon blank, doch ich würde sagen es sei noch nicht so schlimm, siehe da, und ich würde an meinen Füßen rütteln, und hinzufügen, dass ich ja noch fest im Sand verwurzelt sei, keine Sorge also, es sei alles gut [...]
zu Abend gegessen
Ardbeg getrunken
Bier getrunken
Bier getrunken
ins Bett gefallen

IV.
aufgestanden
gefrühstückt
den Wellen zugesehen
zum Bahnhof gelaufen

[und dann Hamburg]

Eigentlich wollte ich hier schreiben: Rückblick kommt noch, brauche dafür nur etwas Zeit, bin derzeit so etwas wie ein vielbeschäftigter Mann der die Zeit nicht findet sich in aller Ruhe an den Rechner zu setzen und zu reflektieren. Doch dann schlittert mir Hamburg wieder in die Vergangenheit ab, und es ist ja jetzt schon so, dass alles Sentiment ist, dass dieses ganze Wochenende als Batzen Emo in den Schubladen verschwindet.
Doch jetzt habe ich den Ton gefunden mit dem ich berichten kann. Und der Ton geht so:

Ich hatte gute Gründe Hamburg erstmal nicht zu besuchen, was ich nicht wusste, ich weiss es jetzt aber umso besser, und deshalb die große Verblüffung (Patzbumm), weil der Grund eine unerklärliche Wehmut ist, so waren die vier Jahre an der Elbe doch von der ersten Stunde an gezählt, eine Interimslösung sozusagen, leichten Herzens habe ich mich davon getrennt, auf nach neuen Ufern, Spree zumbeispiel, doch die Trennung von der Stadt wurde erst jetzt, ein knappes Jahr später schwierig, oder schwer, oder schweinedoof, schon witzig das mit den Schw’s, weil ich das jetzt auch alles schwulstig schildern könnte, oder schwätzig, schwichtig, schwundelaterne – herrje, Hamburg, wie in meiner Einbildung dann alles nach Meer roch als ich den Hauptbahnhof auf der östlichen Seite verließ, Hamburg, dachte ich, und die Junkies und Penner der Ostseite trotzten immer noch mutig der klassischen Musik, ich musste lachen, dabei lief ich ein bisschen als hätte ich Flügel, bis zu des Merlixes Haustüre wo mich in den Armen der Herzdame sein überaus gutgelaunter Minisohn mit einem strahlenden, nein lichtdurchflutetem und verstrahltem Lachen begrüßte. Herzdame gedrückt, Merlix gedrückt, und überhaupt Merlix. Norddeutsche . Hätte die Norddeutsche Seele ein Blog, dann hieße das Blog Herzdamengeschichten, und das war jetzt albern, ich weiß, aber trotzdem, hätte die Norddeutsche Seele ein Blog das so hieße, dann würde ich es lesen.
Und dann Lu. Aber das lass ich jetzt sein, muss ja nicht immer alles Emo sein.
Und ihr M. Aber das lasse ich jetzt sein, muss ja nicht immer alles Emo sein.
Isa immer gut gekleidet, Isa immer da, immer Menschen, immer alles verstehen, mit Herz, immer Isa.
Und Kid37 hatte rote Flecken um den Augen. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich geglaubt es sei Kriegsbemalung, doch es war bestimmt nur die Sonne, die ja alle Gemütslagen ignoriert und immer ihr eigenes Ding dreht, Photosynthese beispielsweise, und Abends macht sie lange Schatten, oder sie teilt beliebig Hiebe aus, bleich- und dünnhäutigen rheinischen Männer. Meine Freude ihn wiederzusehen war so groß, dass ich ihn um seine Kriegsbemalung loben und über Friedenspfeifen witzeln wollte, doch ich verkniff es mir. Das Lachen wird uns noch oft genug vergehen.

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[...]

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Cem ist ein Löwe. Sternzeichen auch. Wenn Cem atmet braucht er Platz. Und bekommt ihn ohne danach fragen zu müssen. Er hält die Fäden beisammen, weiss wo die Löcher in der Konversation sind, tritt nie auf etwas drauf, sondern füllt alles behutsam auf. Wenn er fragt warum man nicht twittere, dann fühlt man sich regelrecht zu einer ausgiebigen Erklärung verpflichtet.

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[...]

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Bebildert (Danke Alexander)

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Und dann gibt es noch so vieles zu sagen: dass niemand so gut Geschichten erzählen kann wie Paulsen das kann, dass Percanta immer ein bisschen traurig guckt wenn sie lacht, dass KerstinundAxelundIchichich schmerzlichst vermisst wurden, dass ich bei Schafen immernoch an Frank denken muss (was am Samstag ein bisschen Dings war als Lu die Sache mit dem Schaf las und ich beim Wort Schaf automatisch über die Zuschauerköpfe hinweg nach Frank suchte, ihn fand, und er zurückschaute, das war eine ungewohnte Form des denken-an-Frank-wenns-um-Schafe geht), dass FrauStella eigentlich ein ziemlich reiches Leben hat, und überhaupt: Stetigkeit der Liebe, dass[...]

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Dem Taxifahrer dann zugeworfen mich nicht ins Bett zu bringen, sondern mich in die Schanze zu fahren, es sei so lange her, Schanzenluft, das rieche ein wenig nach diesen vergangenen Tagen, wo vieles noch roch, dem Geruch gefolgt, worauf ich zwei Stunden lang zwischen den feiernden Menschen in der Schanze herumgeisterte, immer auf Abstand, den Menschen zugesehen, meinen Lieblingsdöner besucht und dann zu meiner alten Wohnung geschlichen, und gesehen, dass noch Licht brannte, mitten in der Nacht und ich natürlich die Straßenseite gewechselt um hineinzusehen und dann dieser große Bücherschrank an der rechten Wand, wie konnte sie bloß diesen großen Bücherschrank an die rechte Wand stellen, das erdrückt das Wohnzimmer vollends, [...] [mehr zu follow]

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Über den Abend:
Percanta
Merlix
Cem
Isa
Lu
Alexander

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Danke euch allen.

(Und Merlix für die Nordausrichtung des Bettes)

[Pragma]

Beim Franzosen, und ich dann immer diese weltfremde Haltung wenn ich freundlich mit Salut begrüßt werde, dieser gekünstelte Gruß, den ich schon als Buonassera beim Italiener im Ausland nicht mag, weil man das nicht sagt, Buona-sera-wollen-sie-einen-Tisch-am-Fenster, wie man auch nicht Herr Lehmann sagt und ihn dann duzt, aber egal, wie ich dann immer wieder erschrecke und dem Salut ein ungelenkes Salü entgegenbringe, wie ich dem zum hundertsten mal wiederholten Voila irgendwann nur ein müdes ‘Keschön entgegne, weil ich wirklich nicht mehr merci sagen kann, weil ich wirklich nicht mehr will, nicht mehr kann, statt merci nur noch um mercy bitten will, aber auch das ist lediglich eine Frage der Form, der Süße vielleicht, so habe ich noch Kilotonnen Dextrose in meinem Herzen gebunkert mit der ich jetzt nichts mehr anzufangen weiß, weil grad alles ein wenig Pragma ist. (Und Pragma ist jetzt bestimmt ne tibetanische Disziplin, von der mir kotzübel wird. Aber vielleicht auch nur weil ich betrunken bin. Das Tibet jetzt, nicht die Pragma.)

Gestern in einer besonderen Laune ein Doppelripp Unterhemd gekauft. Mich bei der Begutachtung vor dem Spiegel wie eine Frau gefühlt die sich zum ersten mal halterlose Strümpfe übergezogen hat. Ich war betroffen. Zusammen mit meinem 12-Tage Bart sieht das sehr verwegen aus. Das Unterhemd jetzt und nicht die Strümpfe.
Danach ein wüstes Bedürfnis verspürt Bäume auszureissen. Oder wenigstens zu fällen. Stattdessen endlich das Ikearegal aufgestellt. Danach ging es mir nur bedingt besser. Erst am Abend wieder, als wir Männergespräche führten, über die Entwicklung der Gefühle.

Hallo Hamburg

Mit Lu, Isa und Merlix. Wir lesen aus unseren Blogs vor. Und Cem moderiert. Das wird sicherlich supa.
Ihr kommt schon alle, richtig?

[...] als ich in 36 das Taxi herbeiwinkte, und wie ich jetzt 36 sage und dabei versuche es mit dieser lässigen Selbstverständlichkeit dahinzuwerfen wie sie es tut, wenn sie über den hinteren Teil Kreuzbergs spricht, wobei es bei mir etwas hölzern klingt, sicherlich weil mein Kreuzberg keine Mauer mehr hat und 36 deswegen der vorderste Teil des Viertels ist, aber was weiss ich schon, nicht einmal, dass 61 pennt, weil in meinem Berlinverständnis 36 ohnehin immer weinger brannte als NO55, aber egal, worum es mir geht:[...]

Während ich in der Stalinallee Richtung Alexanderplatz vom Fahrrad stieg, weil der Sturmwind mir von vorne auf das Gemüt drückte, schaute ich den entgegenkommenden Fahrradfahrern zu wie sie auf dem Weg nach Friedrichshain ganz bis nach Russland gepustet wurden. Sie hatten sichtlichen Spaß daran. Ich habe mich mitgefreut.

Lieber to01,

aus dem Haufen der Frühlingsswap CDs wurde mir Deine Scheibe zugespielt und ich will Dir an dieser Stelle dafür danken. Danken, weil ich sie wirklich gerne mag, mal abgesehen von kleineren technischen Störungen wie die Unbespielbarkeit auf meiner Anlage, was aber eher an meiner Anlage und ihre Eigenschaft, zeitgemäße Tonträger nach dem Stand des Mondes abzuspielen, liegt. Aber Deine CD hat mich sehr gefreut, weil die Musik nun wirklich anders ist als alles was ich in diesen Tagen höre. Ein bisschen kommt mir Deine Musik sogar vor als wäre es die natürliche Fortsetzung des Punk aus den Siebzigern, mit diesem riesigen Loch der achtziger und neunziger dazwischen, als hätten die Clash 30 Jahre später neu angesetzt und heutigen Zeitgeist gespielt. Damals hätte man den neuen Zeitgeist Plastik genannt, heute fühlt es sich mehr nach wohlformulierter Klage an. Die Ästhetik hat sich natürlich verändert. Gleich wie man brennende Barrikaden heute nicht mehr als zeitgemäß empfindet; wie man es als zu wenig reflektiert betrachtet. Womöglich ist es aber nur die Hygiene der heutigen Zeit. Und provozieren will ja niemand mehr.

Mag ich jedenfalls sehr, die CD. Das Cover zum Selbstbasteln finde ich witzig. Die Musiktitel sind allerdings teilweise unlesbar (Der Grundschullehrer nannte meine Handschrift Hühnerschrift, das soll also kein Angriff sein). Was heisst das: debausser? desansser? Das Stück ist jedenfalls klasse.
Was ich im Besonderen mochte: God is an astronaut. Googelnd stosse ich bei dieser Band auf die Beschreibung Mäandernde Klanggebilde. Irgendwie komisch das mit der neuen Revolution. Ist aber gut so erstmal. Zumal die Protestkultur gut versteckt gehört. Aber was rede ich schon, vor lauter Provokation und Protest hab ich völlig das Contra aus den Augen verloren.

Herzlichen Dank nochmal,

Mek

Emma zum Anlass genommen, gestern unheimliche Mengen Bier und Schnaps zu trinken. Man sollte ja nicht raus heute wenn man nicht unbedingt müsse, sagten uns die Meteoristen. Lebensgefahr und Katastrophen. Bin dann doch noch rausgegangen. Als Leichentuch im Bett zu liegen ist nur schön wenn jemand da ist an dem man sich – verwickeln kann. Und ohne Sex weiss ich mit den schnell vorbeiziehenden Wolken und dem ganzen Klappern der Gerüste auch nichts anzufangen wenn ich die Haltung verliere. Und der Rythmik wegen merkwürdige und kommalose Nebensätze mache.

Hey. Alles gut hier. Sollte ich nach den besorgten Mails wirklich mal posten. Wirklich alles gut. Glaube ich jedenfalls.
Neulich saß ich zwei Stunden in einem Meeting über die neue Mailapplikation, als Hauptansprechpartner für die technische Fraktion. Zwei Stunden genickt und mit interessiertem Blick auf die Tafel geschaut, doch stattdessen drei Charaktere für das Drehbuch geknetet und geformt: den theatralischen Führertypen, den introvertierten Grummeltypen und den destruktiven Charakter der immer kurz davor ist, heilig zu werden. Gegen Ende des Meetings fragte man mich ob ich aus technischer Sicht Einwände hätte. Ich wachte auf, hatte vergessen was das Thema war, hatte vergessen was meine Anwesenheit dort zu bedeuten hatte, hob schließlich den Zeigefinger und sagte: Ja.
Man fragte mich warum und ich sagte deshalb und deshalb. Man nickte und sagte, gute Punkte seien das.
Also ja, alles gut hier. Besonders der dritte Charakter ist gut gelungen.

Nur bin ich mir nicht sicher wie ich das mit der Karmaverteilung erledigen soll. Aber das hat ja nichts mit dem Buch zu tun.

Frühlingsswap

Es ist wieder Mixtape-Jahreszeit. Klick:

[in quiete]

Wie wenig Platz wir brauchten. Als ich nachts von einem schlaftrunkenen Toilettengang zurück ans Bett kam und ich diesen winzigen Fleck sah auf dem ich vorhin gelegen haben musste. Dieser winzige Fleck zwischen ihr und dem Bettrand, während hinter ihr sich die weiten Flächen liebloser Bettödnis ausdehnten. Dieser winzige Fleck zwischen ihr und Bettrand auf den ich mich wieder drängte.

[wie lange es her ist]

Die Videos der Lesung vom letzten Donnerstag auf Youtúbbe. Die Medien — schon tolles Zeug das. Und Undundund ist sehr schnafte.

Die eigenen Texte werden ganz haarig wenn sie altern. An der Oberfläche so überschüssig, wie Haare eben, an denen man dann zwirbeln will, bis alles rot wird und weh tut. Oder schlimmer noch, eigene Texte werde strähnig, der Talg bleibt an den Fingern kleben wenn man drüberfährt. Geht gar nicht.
Ich habe aber das Gefühl, dass mir das Publikum gestern all meine Streichungen verziehen hat. Das muss man auch können. Das Verzeihen mein ich, und nicht das Streichen.

(dabei habe ich nichtmal etwas gegen Haare)

Bin dann mal weg. Paar Tage Prag. Als allerletzter Mensch der dort noch nie gewesen ist.

recitativo

Wie es beim Verlagsdirektor geschrieben steht:
Wir lesen wieder. Spalanzani, Pjaer und ich. Am Donnerstag, den 31.01. (Königin Beatrix’ Geburstdag) um 20.30Uhr, auf der (mehr oder weniger) neu gegründeten Lesebühne Ich fang nochmal an…. Wir lesen euch aus dem Buch vor. Und mehr.

Ori Berlin
Friedelstraße 8
12047 Berlin
Eintritt: 0 Euro

milonga de mis amores

Am Sonntag meine ersten Tangoschritte getanzt. Etwa acht Jahre hat es bis zu diesem Tag gebraucht.
Zwischen dem dritten und dem vierten Schritt der ganz gewöhnlichen formacion de base, wie man beim Richtungswechsel nicht nur die Richtung, sondern auch die Achse gleich mit verläßt und plötzlich Hüfte an Hüfte nebeneinander steht. Selten hatte ich das Gefühl, auf solch dezente Weise etwas vollkommen unanständiges getan zu haben.

Ich habe lange Jahre den tanzenden Tangopaaren zugesehen, und mich in unzählige Paare verliebt, während ich am Wein nippend mit einem schweren Brustkorb an der Anmut der mir dargebotenen Liebe vertrocknete, wobei ich bei meinen Gefährten immer schon an der Beschreibung der Ästhetik scheiterte, die ich versuchte zu erklären, womöglich nur mir selbst.

Und dann diese erstaunliche Sinnlichkeit beim Führen. Die Lehrerin sagte ich solle führen. Ich hatte das noch nie gemacht, sie wusste natürlich nicht, dass ich direkt vom Pogo zum Tango geraten bin. Mit meinen Händen in der Mitte des Rückens der Frau, muss ich sie festhalten, weit oben, noch oberhalb des Herzens, weil die Frau ab dem Herz bis hinunter zu den Zehen atmen muss. Wie man den nicht atmenden Teil der Frau festhält, sanft drückt und dreht, wortlos mit den eigenen Bewegungen die Richtung andeutet, indem man sie umschließt, sie einbettet, und dann merkt, dass es viel besser klappt, wenn man mit den Oberkörpern, also mit den nicht atmenden Teilen, einfach verschmilzt.
Wie eins und wie nahe man sich sein muss um zu wissen wohin es geht.
Ich habe das Führen bisher lediglich erahnt. Noch beherrsche ich ausschließlich den Baumstamm-Part. Nicht umfallen.
Ich falle nicht um. Der Rest kommt vielleicht.

(Und erstaunlich sind die Geschlechterrollen, wie sie manchmal funktionieren)

Vor allem über Nikotinsucht gelesen. Jedesmal wenn ich an eine Zigarette dachte. Um genau zu sein, drei Tage lang nur über Nikotinsucht gelesen. Um mich an die Rezeptoren in mir drin zu erinnern.
Auch weiß ich nun alles über Neurologie. Frontallappen zum Beispiel. Der Frontallappen ist das Engelchen im Kopf. Der Frontallappen sagt immer Nein und Nein und Nein, wenn man beispielsweise nach Schokolade greifen will, nach der man nicht greifen sollte. Nun kann man danach hören oder nicht. Als guter Kathole glaube ich natürlich keinen albernen Engelchen auf der Schulter und habe daher weitgehend das gemacht was verlockender klang.
Doch Frontallappen ist super. Immer wenn ich an Zigaretten denke, schalte ich den Frontallappen ein. Ich kann richtig fühlen wie er glüht.

Nikotinsucht. Diese Mechanismen. Dermaßen faszinierend, dass es mich jetzt furchtbar betrübt, zwanzig Jahre lang Nikotinsüchtig gewesen zu sein ohne zu wissen wie toll das eigentlich ist. Es fühlt sich an wie verschwendete Zeit, fast möchte ich nochmal von vorne beginnen zwanzig Jahre lang kettenrauchen und mich jedesmal über meine inneren Rezeptoren amüsieren, wie sie sich aufstellen und mir das Gefühl geben, ich müsse mich belohnen.
Überhaupt Belohnungen. Ich könnte mich den ganzen Tag lang belohnen. Nett zu mir sein.

In Madrid waren es immer die Trauben. Um zwölf zu jedem Glockenschlag eine. Wie ich das immer hasste, und mich spätestens bei der fünften Traube verschluckte. Nicht viel Glück für das kommende Jahr, sagte man mir, und schlug mir mitleidig lächelnd auf den Rücken, während ich mich ins neue Jahr hustete und es von der fünften Sekunde an schon verfluchte. Dabei war es gar nie die Gier, sondern immer diese Hast, ein klein wenig von dem Glück zu erhaschen den sie alle in sich hineinstopften. Vielleicht doch Gier, meinetwegen, will ich jetzt gar nicht wissen.

Letzte Nacht lief dieser junge Portugiese auf der Party herum und verteilte kleine Knäuel Taschentücher. In seinem Land sei es Brauch, sagte er, diese Trauben zu Mitternacht zu essen, zu jedem Glockenschlag eine. Das bringe Glück. Ich öffnete das Tuch und sah zwölf kleine Rosinen. Und musste ein wenig lächeln. Wie klug, Rosinen.
Um drei vor Mitternacht saß ich auf dem Klo und hörte fünfvierdreizweieins. Und dann gingen die Böller hoch. Und die Kirchenglocken läuteten. Und die Menschen fielen sich in die Arme. Und küssten sich auf den Lippen. Und wünschen sich ein glückliches neues Jahr.
Ich schritt langsam die Treppe runter, raus auf die Skalitzer Strasse zu den feiernden Menschen, gegenüber läuteten die Glocken. Nachdenklich öffnete ich das Taschentuch, nahm eine Rosine raus und lutschte sie lange im Mund. Was ein Glück, dachte ich.
Bei meiner dritten Rosine hielt mir jemand eine Wunderkerze vors Gesicht und fragte mich nach Feuer. Als die Wunderkerze anfing zu funken kam schon die nächste. Ich werde gerne gebraucht.
Beim Lutschen der vierten Rosine stand Scott der Australier neben mir. Es sei sein erstes Neujahr in Europa, sagte er. Er zuckte bei jedem Böller nervös zusammen. In Australien sei Feuerwerk verboten, ihm mache das ein bisschen Angst. Aber er möge es. Er habe gehört es ginge darum, das alte Jahr zu verscheuchen. Ich nickte, und sage, ein bisschen wie ein wildes Tier aus dem Dorf zu jagen.
Wild animal, wiederholte er und hielt inne. Er habe 2007 eigentlich gerne gemocht.
Ich dachte kurz nach, und sagte: I don’t know. I really don’t know.
Beim Lutschen der sechsten Rosine fiel mir ein, dass ich es noch nie bis zur sechsten geschafft habe. Irgendwie freute mich das. Danach wurde ich geküsst und ein glückliches Neues Jahr wurde mir gewünscht.
Beim Lutschen der siebten Rosine gefiel mir plötzlich wie bedrohlich das Glockenläuten die Raketen und die Explosionen untermalte. Es mag vielleicht an der düsterkeit der Kirche gelegen haben, wie sie da stand und beharrlich tiefe Dongs von sich gab, während drumherum das wilde Tier aus der Stadt getrieben wurde, und auf das neue Tier, das neue Glück, getrunken. Wie eine Hure kam mir 2008 vor. In 368 Tagen wird man sie wieder wie ein wildes Tier vertreiben. Ich wusste, dass ich blöd bin, solche Sachen zu denken, und dachte mir, falls ich das alles bloggen sollte, dann sollte ich die Sache mit der Hure nicht erwähnen. Ist irgendwie scheiße.
Danach nahm ich die letzten fünf Rosinen aus dem Taschentuch und steckte sie mir gleichzeitig in den Mund. Als ich die letzten fünf Rosinen im Mund kaute, dachte ich erst, wie gut das eigentlich schmeckt, warum man das nicht gleich so macht. Und dann erinnerte ich mich an das Wünschen, nach den zwölf Rosinen könne man sich ja etwas wünschen. Ich hatte einen Wunsch.