nette Abende sind nicht blogbar

Nette Abende sind nicht blogbar. Von wunderbaren Menschen und köstlichem Chili zu schreiben hab ich noch nie gekonnt. Vom Wein kann ich schreiben, auch von ganz viel Wein, aber den Wein lassen wir das sein wofür er da ist. Nämlich zum Trinken. Auch wenn es sehr viel war. Dann schenken wir einfach nach.
Aber vielleicht gibt es ja hier und da ein paar hübsche Fotos. Talent ar gestern ja reichlich vorhanden.

weichspülgang

Der Punk der mich gerade an der Ecke Schulterblatt / Juliusstrasse anrannte benutzt den selben Weichspüler wie ich.
(Das stimmt mich nachdenklich. Da könnte ich jetzt noch Stunden darüber nachdenken. Aber ich gehe jetzt schlafen.)

der Rattenberger ihr Spiegel

Das witzige an solchen Geschichten ist ja nicht, dass die Bewohner jetzt völlig übergeschnappt sind und sich diesen Megaspiegel ins Tal stellen um im Winter nicht mehr depressiv zu werden, sondern das witzige an dieser Tatsache… (äh, nein witzig ist an dieser Meldung überhaupt nichts, aber wenn ich da oben mit dem Wort “traurig” beginne, dann dreht ihr euch wieder um und stöhnt, weil ihr glaubt, dass ich wieder so eine Heulgeschichte erzähle, also…) das traurige an dieser Tatsache ist, dass die Alpenbewohner mittlerweile derart zivilisiert geworden sind, dass sie nicht mehr mit ihrem harten Schicksal umzugehen wissen.

Ich meine ja nur, früher, als man in den Alpen noch richtig Alpenbewohner war, da ertrank man seine Depressionen im Wein, jahrelang, bis man alle Zähne verloren hatte und beim Kartenspielen im Wirtshaus Familie und Hof verspielt. Oder man erhing sich an einem Strick in der Scheune. Ein Abgasschlauch durch das Fenster ins Auto war eine ganze Zeit lang auch sehr populär.
Aber heute, in diesen modernen Zeiten von Radio und Fernsehen, will ja jeder immer glücklich sein. Kein Wunder, dass man sich lächerlich macht.

Epicore (loaded)

Wer hier schon länger mitliest, weiss vielleicht von meinem schreiberischen Schicksal das mir vor einem knappen Jahrzehnt jegliche Motivation nahm, mich weiterhin mit der Schreiberei zu beschäftigen. Weil der Verlust zu gross war und ich den Mut verloren hatte, hörte ich damals auf, auch wenn mir später in jeder Firma in der ich arbeitete immer die Rolle des Schreibers der Sitzungsprotokolle zugeschoben wurde. Erst wurde immer gefragt wer das Protokoll aufnehmen wolle und ich drückte mich nie davor, und danach wurde es mir immer zugeschoben, weil ich die Protokolle immer auf eine Weise verfasste als seien es Geschichten oder weil ich all die langweiligen Diskussionspunkte immer skurril umschrieb und zynische Seitenhiebe austeilte, dass die Firmensitzungen sich lasen, als seien es Theatervorstellungen gewesen. Das gefiel meinen Kollegen und merkwürdigerweise beschwerten sich auch meine Vorgesetzten niemals darüber.
Als ich vor etwa zwei Jahren mit diesem Weblog anfing wusste ich nicht ganz genau wohin das führen würde und dass ich es besonders lange durchziehen würde dachte ich mir auch nicht. Es ging mir in erster Instanz nur darum, wieder für michselbst zu tippen, wiedermal meine Hirnwindungen auf Schwarzundweiss zu bringen. Dass ich zwei Jahre später jetzt immer noch mehrmals pro Woche irgeneinen gedanklichen Unsinn oder haushaltliches Desaster oder eine Geschichte niederschreibe, wundert mich allerdings nicht mehr. Weil ich dadurch plötzlich wieder Freude am Schreiben bekommen habe. Ich glaube kaum, dass diese Freude mich heimgesucht hätte wenn ich zuhause in meinem Kämmerlein wieder angefangen hätte still und leise an einem Roman zu schreiben. Hier kamen Leser, Menschen die kommentierten, “weiter so”, “danke” und angeregte Diskussionen, meine Schreiberei bekam etwas dynamisches, etwas Schnelles, ich arbeitete nicht mehr an einem Lebenswerk, sondern fing an meine erst kurzen, dann mit der Zeit längeren Einträge als stilistisches übungsmittel zu gebrauchen und gar als Veröffentlichungen zu betrachten. Und genau das bereitete mir Freude.
Wenn ich heute mit Bekannten spreche die sich auf irgendeiner Weise literarisch beschäftigen, dann wissen sie meistens nicht was Blogs sind, und in den wenigsten Fällen bei denen sie schon mal was davon gehört oder sogar schonmal darin geschnuppert haben, wird es meist als tagebuchschreiberischer Firlefanz abgetan, oder wegen der aufdringlichen Diskussionen von “Blogs vs. Journalismus” gar nicht als literäre Platform wahrgenommen, sondern bloss als Grasswurzelmedium gegen den elitären Journalismus. Schade eigentlich, da ich mir sicher bin, dass es bei der ganzen altmodischen Papierautorschaft da draussen sicherlich einen grossen Teil guter Blogger geben würde, von denen ich gerne mehrmals pro Woche etwas lesen würde, anstatt jahrelang auf Romane oder anderen Veröffentlichungen zu warten.

Nun will ich mir nicht anmassen ein Literat zu sein, aber da mich bei Weblogs vor allem der literarische Aspekt fasziniert, war ich vorhin äusserst erfreut darüber zu lesen, dass ein paar Mitlogger da draussen das Projekt Epicore ins Netz gestellt haben. Weil es sonst eben viele kleine Perlen gibt die irgendwo in den tiefen des Netzes verschwinden.
Ich würde mir gar wünschen, dass es als literäres Diskussionsmedium ausarten würde, wie man andernorts Buchbesprechungen hält, aber wahrscheinlich wird es sowieso darauf hinauslaufen.

exodus

Nein Herr Mek, Sie brauchen sich jetzt wirklich keine Sorgen um die Population der Obstfliegen in Ihrer Küche zu machen, Sie haben sie nicht obdachlos gemacht, und auch keine lokale Hungerskatastrophe ausgelöst. Nein und Arbeitslos erst recht nicht, und kommen Sie jetzt nicht mit der schwierigen Arbeitslage, Sie Schlawiner. Obstfliegen sind erfinderische kleine Viecher, die suchen sich schon einen Ausweg, sie sind ja auch so klein, die brauchen nicht viel, auch wenn sie jetzt völlig panisch in Ihrer Küche herumschwirren, das kommt doch bloss daher, dass sie sich jetzt neu organisieren müssen, wie eine Krisensitzung sozusagen. Die hatten es bloss zu gut bei Ihnen in den letzten Mona- Wochen Tagen Stunden, jetzt fängt für die Biester einfach nur wieder das echte Leben an.
Und nein, Sie werden auch keine Karmapunkte verlieren, was fällt Ihnen ein, was sind Sie für ein mieser Kathole? Wenn Sie glauben, dass Sie jetzt im nächsten Leben als Ratte wiedergeboren werden, dann kommen Sie nach Ihrem langen und quälenden Tode direkt in die Hölle.

Und jetzt hören Sie bitte mit diesen faulen Ausreden auf und gehen sofort zurück in die Küche und machen Sie mit dem Abwasch weiter.

(ich wollte nur mal sehen ob es vielleicht funktioniert wenn ich mich sieze)

Internet 2.0

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(Findungen)

Bei Katze mit Hut geht es um eine arbeitslose ziellos umherstreifende Katze, die nur durch Zufall in dem kleinen Örtchen Stackeln an der Krukel landet. Hier angekommen gründet sie in einem leerstehenden Haus, in das sie einbricht, eine alternative Kommune.
(…)
Die Alterfreigabe für alle Altersklassen halte ich aber aufgrund der vielen moralisch anstössigen Charaktere für etwas niedrig gegriffen. Hier werden Zechpreller, Hausbesetzer, psychisch Kranke und Vergewaltiger als die Stars der Serie gefeiert und…

So kann man “Katze mit Hut” natürlich auch sehen. Herzlich gelacht (Bitte runterscrollen, die erste Kundenrezension). Dass achtzehn Leute von vierzig diese Rezension nicht hilfreich fanden, ist allerdings traurig.

haarige stachelige Dinger

Heute geht es schon wieder ein bisschen um meine Heimat. Ein bisschen nur, ich bitte um Geduld, aber ich bin an dieser Stelle verpflichtet zu erwähnen, dass man dort wo ich herkomme, ein Lied über Innsbruck singt, dieses Lied über die Hauptstadt der Nordtiroler und dort taucht im Text eine bestimmte Stelle auf, die handelt davon, dass Innsbruck eigentlich schon ein ganz nettes Städchen ist, aaahber -ja aber- es hat halt keine Kastanien. Und deshalb bleiben die Singer des Liedes auch lieber im sonnigeren Südtirol, weil ein Leben ohne Kastanien ein wirklich graues Leben sein muss. Den genauen Text kenne ich nicht mehr, er lässt sich auch nicht ergooglen, aber die Melodie, die kann ich noch summen, zumindest in Bruchstücken.
Für mich galt der Brenner deshalb lange Zeit als eine Art Kastanienäquator. Alles was nördlich davon liegt ist schon so eine Art Permafrostland, das im Sommer die paar warmen Sonnenstrahlen abkriegt um danach wieder in einen monatelangen, finsteren Winter zu versinken. Immer wenn ich mit der Sonne gen Norden über den Brenner fuhr und der Zug in Innsbruck hielt, guckte ich jedesmal bemitleidend durch den Regen nach draussen und dachte an die armen Innsbrucker, hätten sie doch bloss Kastanien, die Armen, dann könnte man hier vielleicht sogar das stetige Regenwetter ertragen. Ein wahrlich düsterer Ort, dieses Innsbruck.
Mittlerweile wohne ich seit etwa zehn Jahren fast ausschliesslich in regnerischen Ländern nördlich des Kastanienäquators, weil ich der Gutwetterlaunen irgendwann überdrüssig war und seitdem habe ich auch festgestellt, dass die Länder nördlich vom Brenner durchaus Qualitäten besitzen die wichtiger als Kastanien sind. Gute Politker zum Beispiel. Oder gutes Essen.

Weil Hamburg, am Kastanienäquator gemessen, sich ja schon nördlich des Kastanienpolarkreises befindet, habe ich heute im Wald hinter Blankenese, etwas westlich und oberhalb des römischen Gartens, natürlich sehr verwundert zu Boden geguckt, als dieses igelige, harte Bällchen meinen Kopf nur um wenige Zentimeter verfehlte und vor meinen Füssen zu Boden donnerte. Dieser stachelige Klumpen den ich aus meiner Kindheit nur allzugut kannte wollte heute ganz und gar nicht in mein Weltbild passen. Deshalb griff ich erstmal völlig verblüfft danach und erinnerte mich dann gleich, jedoch zu spät, dass die Dinger nicht nur stachelig aussehen, sondern auch richtig weh tun wenn man sie wie einen Stein fest umklammert vom Boden hebt.
Da stehen also wirklich drei Katsanienbäume wie drei fröhliche Urlauber herum. Hier am Polarkreis. Und scheinen die hellste Freude dabei zu haben an einem sonnigen, späten Nachmittag im Oktober mit Kastanien um sich zu schmeissen. Keine Rosskastanien, sondern richtige, stachelige Dinger, die man öffnet, die braunen Herzchen dann an einer Seite ein wenig einritzt und für etwa zwanzig Minuten in kochendes schmeisst.
Dazu nehme man am besten einen schweren roten Wein, wenn möglich Speck, der bei mir leider alle ist, zündet ein paar Kerzen an und ezählt sich Geschichten.

Jetzt mal sehen ob mir schlecht wird.

interregionales

Frau Modeste trinkt Martini und schwarzen Thee, trägt wirklich tolle Stiefel, kennt den Unterschied zwischen Hugo und Boss, hat keinen Fernseher, wickelt Steine um den Hals wie einen Schal und ist sehr nett.

Herr Winkel trinkt am Nachmittag nur Wasser und Cola, hat lange Beine und schöne Augen, rasiert seinen rechten Ohrenbart ein wenig schlampig, kennt sich mit Musik aus und ist sehr nett.

Text-Tracks

Ich amüsiere mich gerade beim Gedanken, mich mit der untenstehenden Geschichte bei Mercedes Benz Text-Tracks zu bewerben. So, damit die flotten Benzfahrer da draussen ein wenig aufgepeppt werden auf ihrem Weg durchs Leben.
Oder welcher war noch mal der Text in dem Mercedessterne als Währung galten? Als Special für die Hoster der Aktion sozusagen.

wie das unter Freunden so war

Obwohl er nun schon zehn Jahre tot ist, habe ich ihn eigentlich noch nicht begraben, meinen Freund, den ich eigentlich nie als einen Freund angesehen hatte, wobei die anderen Leute um uns herum immer sagten wir seien beste Freunde, weil, wasweissich, wir beide vielleicht immer so viel tranken, oder wenigstens so taten, als sei das die einzige Erfüllung in unserem Leben, dieses andauernde Betrunkensein, dieses stets sich wiederholende “lass uns was zum Trinken besorgen”, am Nachmittag, auf Reisen, bei nächtlichem Rumsitzen in den dunklen und ausgestorbenen Gassen in Bozen, bei Häuserräumungen, und zuhause bei Freunden, immer dieser Pegel, der uns die ganzen Jahre begleitete, um alles um uns herum erträglicher zu machen, weil der Wein wie eine Geräuschkulisse wirkte, wie in einem Cafe, weil man sich dann auch viel besser unterhält, wenn um einen herum die Welt dieses entfernte Blabla von sich gibt und man dadurch in den eigenen Gesprächen schaukelt wie in einer Wiege. Nicht, dass wir viel miteinander sprachen, dafür waren wir viel zu kurzatmig, ständig musste was geschehen, immer dieses Gefühl man würde was verpassen, etwas verpassen das eh nie da war und wenn es einmal da war, das Glück, auf einer grossen Feier, in einer wunderbaren Runde Menschen, dann war man immer noch nicht glücklich genug, weil “lass uns was zum Trinken besorgen”, die Geräuschkulisse erhöhen, denn ganz nah dran am Glück war man erst wenn der Leib dann nicht mehr mitspielte, der Film unterbrochen war und man am nächsten Tag in einer Bierlache erwachte. Da war man nah dran am Glück und die ganzen Bekanntschaften die man kennengelallt hatte, womöglich geknutscht, oder sonstwie die ganze Freude daran abgelassen hatte, blieben übrig wie dicke Nebel, von denen nur hängenblieb was man noch aufbewahren wollte für die schönen Gedanken, die man mitnimmt, auf der Suche nach diesem Glück.

Als ich ihn kennenlernte, mochte ich ihn nicht, wie er daherkam, laut und dumm. Er war etwas jünger als ich, trug einen säuberlich gestylten und gefärbten Irokesenkamm, während mich damals schon die Sehnsucht plagte, der ich mit verwaschenem grünen Haar in Hauseingängen schlief und dabei Samuel Becket las, da wartete ich nicht auf so einen, statt Godot kam er daher, mit seinem OiOi und Exploited Punk, das nervte mich, blosse Mode, Muttersöhnchen, ich hob meine Nase, er stank nichtmal, und doch blieben wir irgendwie aneinander hängen, erst am Wein, dann am Weltschmerz, für ihn die Welt, für mich der Schmerz, und an anderen Tagen anders herum, oderso.

Als wir uns kennenlernten war er sozusagen direkt aus einer Entziehungskur in die Kneipe gekommen, in der wir uns das erste Mal trafen. Er hatte ein wenig zu viel Gefallen am Heroin gefunden und mit dem Zeug ganz fürchterlich übertrieben, sodass er sich in kürzester Zeit schon in eine kriminelle Laufbahn hineinmanövriert hatte. In Bozen, das damals dieses graue Loch voller ethnischer Konflikte zwischen verkappten Burschenschaftlern und italienischen Fascisti war, gab es damals nicht viel anderes zu tun als sich zu besaufen, oder sich im Bahnhofspark die Nadel zu geben. Manchmal schien mir das die einzige Wahl, wenn man wenigstens ansatzweise ein soziales Umfeld zu haben wünschte, ohne sich mit rechtem Gesindel herumzutreiben und Stellung zu beziehen zu müssen, ob nun die deutschen oder die italienischen Ortsnamen zuerst auf den Ortsschildern geschrieben werden sollten. Einige versuchten es mit der Kunst, oder mit der Literatur, die zogen alle nach Bologna oder nach Wien und kamen meistens nicht mehr wieder. Jürgen versuchte es halt mit Opiaten. Weil er damals noch minderjährig war, und selbst wohl auch einsah, dass sein Ausflug mit seiner Heldin völlig schief gegangen war, hatten ihn seine Eltern kurzerhand in eine Klinik gesteckt, in der er dann auch freiwillig verblieben war.

In den Kreisen in denen ich mich bewegte, war Heroin verpönt, das war die Droge der Nicht-Denker, der opportunistischen Gestalten die im Bahnhofspark herumhingen, die dich heute als Freund umarmten und morgen um Geld betrogen, kleine Sklaven von sichselbst, ein winziger kapitalistischer Mikrokosmos, den man so sehr verabscheute. In meinen Kreisen wollte man die Welt verbessern, da rief man Parolen, da kämpfte man gegen die Faschisten, da wollte man was tun. Hauptsächlich tat man jedoch lediglich saufen. Meist von morgens bis abends. Was wohl Jürgens Rettung war. So sagte er jedenfalls später.

Ich hatte damals jemanden gefunden, der gleich mir, immer weg wollte, immer weg aus den Bergen, zu den besetzten Häusern nach Mailand, zum Trinken an die ligurische Steilküste, immer geradeaus, immer weiter, auch wo es nicht mehr weiter ging, wir gingen zu zweit, weil das wesentlich einfacher war, weil wir einen derartig miesen Eindruck gemacht haben mussten, dass uns die Schaffner oft gar nicht nach einer Fahrkarte zu fragen wagten und uns deshalb meistens weiterschlafen liessen oder hin und wieder mal in den Bahnhöfen mit zwei Carabinieris auftauchten, die dann die Drecksarbeit erledigten und uns aus dem Zug warfen, weil Fahrkarten zu kaufen uns irgendwie zu blöde war, es war ohnehin schon schwierig genug an Geld zu kommen, so dass wir alles lieber gleich in fünfliter Pullen Wein steckten, anstatt es der Italienischen Eisenbahn zu geben. Und Arbeitslosengeld gab es in Italien nie, überdies wäre uns das noch viel blöder gewesen, erst den Staat zu verachten, dann auch noch Unterhalt zu verlangen.

Mit der Zeit fing ich an ihn zu mögen, mit der Zeit fing seine Gradlinigkeit an mich zu amüsieren, seine Art rein gar nichts zu reflektieren, aber immer diese Aufbruchstimmung ohne irgendwas zu wollen, “komm lass uns für ein paar Wochen nach Rom fahren ein bisschen saufen und kiffen” um dann in Firenze hängenzubleiben und an allen Sehenswürdigkeiten vorbeizulaufen ohne sie zu bemerken, womöglich gar dran zu pinkeln, weil es da nunmal immer so viele dunkle Ecken gab, und auf der anderen Seite immer diese Unzufriedenheit, dieses Rumgenöle und Gefluche, dioccane hier und dioccane da, wenn ihn etwas nervte, und es nervte ihn dauernd was.

Man traute es ihm nicht zu, aber ab und zu hatte er durchaus seine romantischen Momente, vor allem bei Sonnenuntergängen, da erfasste ihn manchmal ein verblüfftes Staunen, wie geil das doch dioccane sei, “da oben, diese ganzen roten Wattehaufen, mamma, mamma, wie auf Trip”, starrte in Richtung Horizont und fing gelegentlich an, von einigen wenigen Frauen zu schwärmen, dass er sie vielleicht doch einmal wieder besuchen sollte, vor allem die Deutsche, die mochte er eigentlich richtig gerne.
Manchmal liess er sich ohne zu protestieren seine Pickel ausdrücken, meistens musste ich ihn jedoch auf den Rücken schmeissen und mich auf seine Brust knien, weil er sich sträubte, konnte ich ja verstehen, äusserst zimperlich ging ich nie mit ihm um, obwohl es mir leid tut, dass ich ihn einmal mit einem Faustschlag fast die Nase gebrochen habe. Heute tut es mir erst leid, nicht damals. Damals hatte er es verdient, weil wir am Brenner auf den nächsten Zug warteten und die Kippen alle waren. Er hatte als einziger noch etwas Geld, nur zweitausend Lire zwar, aber das war genug für eine Schachtel Kippen. Jedoch nölte er herum, er wolle nun ein Eis, keine Kippen und ich drohte ihm ihn zu erwürgen wenn er sich so ein dämliches Eis kaufen würde, was er sich natürlich nicht zweimal sagen liess und fünf Minuten später grinsend und eisschleckend zu mir zurückkam. Die Nase blutete dann sehr stark, was man erst gar nicht sah, weil sein halbes Gesicht mit Eis verschmiert war. Vanille, und das Rote muss wohl Erdbeer gewesen sein, oder Himbeer, etwas anderes Rotes gibt es glaub ich nicht. Die Nase schwoll auch etwas an, ich hatte ihn bloss nicht richtig getroffen, aber wenigstens war das Eis auf den Boden gefallen und somit hatten wir beide nichts mehr, er kein Eis und ich keine Kippen. Nur schmerzte ihm dioccane die Nase. Ja, heute tut es mir leid. Auch wenn er es damals verdient hatte.

Wenn wir so weitermachen wie bisher, so sagte ich ihm einmal, dann seien wir beide in einigen Jahren tot. Kalt und steif unter der Erde, dort, wo uns die Maden zerfressen. “Hö hö” lachte er und “Hö hö” lachte ich. Er zog dann ein nachdenkliches Gesicht und sagte, dass das aber schon Scheisse sei, das mit den Maden, er möchte nicht, dass seine Tattoos eines Tages verlorengingen, er wünschte sogar, dass ich ihm seine Tattoos rausschneiden solle, falls er sterben sollte, worauf ich wissen wollte, was die Nachwelt mit seinen doofen Posertattoos dann anstellen sollte. Drauf zu pinkeln schien mir das einzig Vernünftige zu tun.
Was damit zu tun sei wusste er auch nicht, pinkeln jedenfalls nicht, es sei halt schade sie verfaulen zu lassen. Es war ein nachdenklicher Moment. Sein Tattoo der Band “Exploited”, der Totenkopf mit Irokesenkamm, war ihm heilig.

Was dann noch bleibt, sind die Fragmente der Erinnerungen, ich kann die Tage noch förmlich riechen, wie staubig sich unsere Tage immer anfühlten, stundenlang im Nirgendwo auf der Autobahn auf anhaltende Autos warten, wie wir uns nachts beim Schlafen umarmten wenn es kalt war, und das Ufo das er gesehen hatte, beim Pinkeln in den Dünen, wie er zurückkam und mich weckte und von der grossen, roten Scheibe erzählte, die über ihn hinweggeflogen war und dahinten irgendwo niedergegangen sein musste. Das war das zweite Mal, dass ich ihm die Nase hätte brechen wollen, vor allem weil er wollte, dass ich aufstand und mit ihm mitginge das Wrack aus dem Weltall zu suchen. Oder wie wir uns gegenseitig auf den Treppen der Bozner Herz-Jesu-Kirche tätowierten, mit Tinte und Nadel Wörter und Zeichen auf unsere Arme stachen, weil wir immer dafür stehen wollten, für das, was wir taten, und uns auch dementsprechend brandmarken. Oder als wir mitten in der Nacht auf der Staatsstrasse von Meran nach Bozen standen und in Hoffnung auf eine Mitfahrgelegenheit versuchten Autos anzuhalten, was bei unserem Anblick ein aussichtsloses Unternehmen war, hielten nur die Carabinieri, und Schweine wie die eben immer sind, zerschlugen sie damals unsere halbvolle Whiskeyflasche, einfach so, weil es eben Schweine sind und unsere Visage denen nicht passte und sie wohl frustriert waren, weil sie uns sonst nichts anhaben konnten, nachdem sie uns bis auf die Unterhosen auf andere berauschende Mittel durchsucht hatten. Und da lagen sie dann, die Scherben, in einer Lache Whiskey, der in alle Richtungen floss, das Gesöff das uns als einziges noch am Leben halten konnte, in jener langen Nacht auf der Staatsstrasse von Meran nach Bozen. Wie er damals fluchte, so viele Wörter in so vielen verschiedenen Tonarten und Lautstärken, länger als eine Viertelstunde, an einem Stück durch, eine Litanei an Beschimpfungen, dass ich erst genervt wurde und hoffte ihm mögen endlich mal die Worte ausgehen, so viele gab es doch gar nicht, und ich dann irgendwann einfach nur noch darüber lachen konnte, über ihn, über uns, über die verdammte ganze Welt.

Wären wir irgendwo auf unseren Reisen geblieben, in irgendeiner der Städte zu denen es uns immer hinzog, wäre vielleicht alles anders ausgegangen, vielleicht wären wir dort in eine WG, in eine der riesigen italienischen Stadtwohnungen eingezogen, hätten uns verliebt und wären irgendwann abgekühlt und alles wäre gut geworden, man glaubt ja gerne daran, dass der Verlauf der Zeit ein blosser Irrtum gewesen ist. Stattdessen verschwand einfach die Lust am Herumstreunen, dieses ewige Herumirren als gäbe es wirklich nie einen Plan oder ein Ziel, weil jedes grossartige Erlebnis musste einem in den Schoss fallen, nichts sei vorauszusehen, was ja auch so war, aber ich war der ganzen Leute, die wir trafen, müde, ein Gesicht nach dem anderen, die ganze Aufregung und all die Abenteuer wurden vorhersehbar, wiederholten sich, letztendlich war man immer bloss betrunken, oder wieder verliebt in irgendjemanden in weiter Ferne, das ganze wilde Leben war spiessig geworden, weil wir in Muster verfielen, und letztendlich einer Routine hinterherliefen.
Wir zerstritten uns in Rovereto, nachdem wir zwei oder drei Tage mit ein paar Mailänder Gesinnungsgenossen am Gardasee, na was schon, getrunken hatten, und auf Pilzen einander zugeredet hatten, von Abenteuern erzählten und ich war schon des Erzählens müde, schonwieder diese gleiche Geschichte, ich wollte nicht mehr, mich nicht fühlen wie ein Abenteurer der sichselbst wiederkäut, weil alles, was er macht, darin besteht, das selbe Abenteuer Tag für Tag wieder zu erleben. Wir konnten noch einige Jahre in diesem Zweivierteltakt weiterhin Pillen schlucken und diesen Hunger, der uns trieb, mit Traubenschnaps ertränken, wir würden dann irgendwo im Viervierteltakt verenden, ohne jemals etwas dazugelernt zu haben. So sagte ich ihm das und er schien mich nicht ganz zu verstehen. Was denn los sei mit mir, ob ich nun abgehoben werde. Ach was Streit, das war es gar nicht, es war eher völliges Unverständnis füreinander, alsob sich plötzlich ein riesiger Graben auftut, nach all den Jahren der Selbstverständlichkeit, nach all den Jahren des Gefühles, immer alles richtig gemacht zu haben, weil wir eben taten, was wir wollten ohne uns um irgendwelche Konsequenzen zu kümmern oder an die Zukunft zu denken, weil das Leben eben geradeaus ging.

So fuhr ich wieder nach Bozen und er fuhr in den Appennin.

Erst drei Monate später trafen wir einander wieder und mir kam es vor als wären es Jahre gewesen, viele Jahre, wir standen voreinander wie Fremde, ich sagte ihm, ich würde erstmal nach Wien ziehen und dann weitersehen, ich sei das Nichtstun satt, ich wolle Theaterstücke schreiben, oder meinetwegen zum Zirkus und Feuer spucken. Es lag diese Erkenntnis zwischen uns, dass sich unsere Wege ab nun trennen würden, dass wir plötzlich realisierten, dass dieser Schritt vorauszusehen gewesen ist und unweigerlich irgendwann passieren musste, nur, dass wir es nie gemerkt hatten, alle Worte, die wir tauschten, klangen nach Abschied, eine hingenommene Trennung, und dann die dauernden Fragen “wirst du…?” und “glaubst du…?”, als gäbe es noch diese Hoffnung, sich irgendwann wiedermal zu treffen. Als Freunde.
Dann verschwand er für einige Wochen, und als er zurückkam, ergatterte er eine Stelle in einem Obstmagazin – zum Schleppen. Das erste Mal, dass ich ihn arbeiten sah. “Ein bisschen Geld verdienen und im Sommer für ein paar Wochen weg”. Abends sass er in der Kneipe, mit Freunden und trank. Dann zog ich nach Wien.

Er war schon seit etwa zwei Wochen tot, als ich ein halbes Jahr später von der Nachricht erfuhr. Ich war in Brüssel und telefonierte mit einem Freund, der sich aufregte, dass man mich nie erreichen könne, und er hatte mich vorher gewarnt, er habe eine schlechte Nachricht, ich solle mich hinsetzen, oder mich wenigstens darauf gefasst machen, dass ich nachher noch ein Bier trinken müsse um das Ganze besser schlucken zu können. Jürgen sei gestorben, vor zwei Wochen, auf dem Parkplatz des Ex-Monopolio, man habe ihn da mitten auf dem Weg gefunden, er habe im Todeskampf wohl gemerkt, dass es ihm nicht gut ging und noch versucht raus auf die Strasse zu kriechen, da im Licht, wo man ihn eventuell sehen konnte um einen Krankenwagen zu rufen. Als man ihn fand, war er jedoch schon tot gewesen.
Ich wusste erstmal gar nicht was ich sagen sollte, wiederholte mehrere Male ein mmh, und sagte, dass das grosse Scheisse sei, auch dass ich nun ein Bier bräuchte, oder nein, besser einen Whiskey, oder zwei, drei. Auf meine Nachfrage hin, woran er denn überhaupt gestorben sei, sagte der Freund “Überdosis”, was mich sehr wunderte, weil er, das letzte Mal als ich ihn gesehen hatte, nicht den Eindruck machte, dass er wieder mit Junkies rumhängen würde. Aber dem war anscheinend auch nicht so, es schien sein erster Schuss gewesen zu sein, seit damals, und ich müsse ja wissen, seine Leber seit der Hepatitis… die hatte es wohl nicht mehr ausgehalten, ein anderer würde bestimmt überlebt haben, aber er halt nicht. War er schon begraben? Ja klar, draussen Überetsch, das Begräbnis war natürlich die Reinste Heulerei gewesen, die ganze Meute versammelt, auch F., mit der er gerade was angefangen hatte. Was die F.? Ja genau. Wie gehts ihr? Dreckig. Ja, klar, du ich muss jetzt unbedingt was trinken, ich ruf dich in ein paar Tagen wieder an. Ja, ciao.
Ich konnte nicht trauern. Es schien mir fast, als sei das für ihn noch der einzige stilvolle Ausweg gewesen, mit der Alternative in Aussicht, in der Obstfabrik plötzlich auf Sparflamme getaktet, Stück für Stück zu verkümmern.
Vielleicht sagte ich mir das aber auch bloss, um nicht trauern zu müssen, oder einzusehen, dass die Freundschaft zwischen uns vollkommen am Ende gewesen ist, oder gar weil mich manchmal das Gefühl nicht loslässt, dass ich ihn wenigstens nach Wien hätte holen sollen und dann alles anders abgelaufen wäre.

Wahrscheinlich würde er jetzt aber ohnehin nur sagen “dioccane so Scheisse, dass die Tattoos jetzt verfaulen” – und sich über diesen pathetischen Text furchtbar aufregen.

Heimatbloggen

Je länger es her ist, dass ich meine Heimat verlassen habe, umso patriotischer werde ich. Ich hatte damals meine guten Gründe die Berge zu verlassen, aber mittlerweile habe ich gewissermassen Frieden geschlossen und erfreue mich eigentlich genau an jenen Dingen die mich damals vom Gefühl her vertrieben haben. Es sind die Geranien und die Trachten und die immergesunden Wangen, an denen ich heute Gefallen finde. Neben inzestuöser Liebe, durchzechter Familien und verzweifelten Selbstmördern. Und das meine ich durchaus ernst.
Regelmässig suche suche ich nach “Blog Südtirol” in den Suchmaschinen, vor allem wenn der Speck wieder alle ist und normalerweise findet google lediglich mequito.org und andere irrelevante Seiten. Heute wurde ich jedcoh fündig, und stiess auf das Südtirol-Blog. Ich bin sehr erfreut.
Oh und das ist das Tal durch das man zu meinem DOrf gelangt. Sieht in Wirklichkeit aber noch viel beeindruckender aus.

eine wahrlich erotische Sauce

Wie meine treue Leserschaft wahrscheinlich wissen wird, besitze ich eine äusserst glückliche Hand in der Küche, die schon etliche Heiratsgesuche per Email reinflattern liessen und wovon man sagt, dass schon sämtliche Menschen willsenschwach umgefallen seien. Nichts ist jedoch weniger wahr, als diese vermeintlich glückliche Hand. Ich bin ein absolutes Disaster am Herd, aber da ich dies alles hinter der Fassade des Küchenpunkrock verberge, merkt man es mir nicht an. Ich koche halt mit Liebe. Mit Liebe verwandle ich die Küche in einen riesigen Schweinestall, ganz verliebt rühre ich meinen Risotto zu Tode und merke es erst, wenn sich der Kochlöffel plötzlich vor lauter Angebranntem nicht mehr bewegen lässt. Von der Liebe singen Maria Callas und ich, während ich den Fisch in der Pfanne wende und all das spritzende Fett die Küchenwände verschmiert, oder wenn das Gemüse in der Pfanne und ich uns eine ganze Flasche Weisswein teilen. Aus Liebe lasse ich es brutzeln und rauchen. Je lauter es in der Küche hergeht, desto mehr Freude herrscht in meinem Hause.

Was ich jedoch gerade eben gekocht habe, hat mir völlig die Stimme verschlagen. Sogar Maria Callas unterbrach ihr “Casta Diva” aus den Lautsprecherboxen und staunte erstmal. Ich dachte mir heute nämlich einmal eine Sauce zu kochen.
Nachdem ich vor einigen Monaten von dem sehr netten Herrn, der hier manchmal unter dem Namen “Der Langweiler” kommentiert, ins Restaurant “Vienna” in Eimsbüttel eingeladen wurde, hat sich für mich eine neue Welt des Kochens aufgetan. Das weiss ich seit heute.
Wir hatten an jenem Abend sehr viel getrunken, der Herr Langweiler entpuppte sich nämlich alles andere als langweilig, überdies hatte er eine äusserst sichere Hand bei der Auswahl der Topinambur- und Birnenschnäpse. Zwischen den Schnäpsen und den Hektolitern Rotwein bekamen wir ein Essen serviert, bei dem es mir, gleich wie heute, die Sprache verschlug. Es war vor allem diese Sauce, von der ich nachher noch wochenlang, mitten in der Nacht, schweissgebadet aufwachte. Gleich wie es früher nur feuchte Träume zu tun pflegten. Eine Sauce die meine Sinne vernebelte, eine Sauce, die fünfmal ihren Geschmack veränderte während sie sich über meine Zunge ausbreitete.
Als der Herr Langweiler und ich zur Sperrstunde, uns an Stühlen und Tischen festhaltend, versuchten das Lokal zu verlassen, sah ich am Ende des Raumes den Küchenchef ganz alleine sitzen und irgendwelche Geheimnisse auf Papier zu schreiben. Vielleicht schrieb er Rechnungen oder er entwarf neue, noch erotischere Gerichte, ich weiss es nicht. Was ich in dem Moment jedoch unbedingt wissen musste, war, wie ich mir diese Sauce selbst, zuhause zusammenbrutzeln konnte. So sank ich vor ihm in einem Stuhl nieder und schwärmte erstmal drei Minuten lang von der Sexualität dieser Sauce und bat ihn anschliessend, nein ich flehte ihn an, mir die Zubereitung dieser zu erklären. Er lächelte freundlich und erklärte mir ohne zu zögern und sehr detailiert die Rezeptur. Ich hörte gespannt zu und bekam schon beim blossen Hinhören wieder Hunger, wobei ich fast zu schmelzen drohte und man mich beinahe als Mequitosauce vom Boden hätte schlecken können. Ich war begeistert, wenn der Kater vorbei wäre, dann wollte ich mich gleich dranmachen und einen Riesenkleks Erotik auf den Tisch zaubern.

Am nächsten Tag wachte ich auf und das Rezept war aus meinem Kopf verschwunden. Erst dachte ich noch es sei bloss der riesige, fette Kater, der sich in meinem Kopf breitgemacht hatte und jegliche Erinnerung verdrängte. Als der Kater jedoch drei Tage später vorbei war, klaffte da immer noch diese Lücke. Ich wusste nur noch einige Kleinigkeiten, dass eben Sahne dazugehörte und Brühe. Das wichtigste von allem hatte ich zum Glück nicht vergessen: das Wort Reduzieren! Meine treue Leserschaft weiss vielleicht was reduzieren heisst, meine Leserschaft ist ja ein Haufen gebildeter Leute, aber für mich war das neu, und wie er mir dieses Reduzieren erklärt hatte, wusste ich sofort, dass dies etwas für mich sei. Reduzieren heisst einfach köcheln lassen und rühren, bis das Wasser verdampft ist.
Reduzieren, das ist was für mich. Ich könnte nämlich mein ganzes Leben lang rühren. Gemüse rühren, dem Dampf zugucken wie er aus der Pfanne hochsteigt, rühren und eine traurige Weise summen, rühren bis man ein Loch in die Pfanne gerührt hat. Deshalb brennen auch meine Speisen immer an.

Heute durfte ich jedoch rühren wie es mein Herz begehrt, denn heute machte ich diese Sauce, jedenfalls so wie sie durch den Sieb aus Birnenschnaps und Rotwein in meinem Gedächtnis hängengeblieben ist.
Eigentlich ganz einfach:
Etwas Olivenöl in eine, ich nenne sie jetzt mal Saucenpfanne, heiss werden lassen und dann 250ml Sahne hinzugeben. Dann köcheln lassen, auf kleiner Flamme. In der Zwischenzeit einen ganzen Würfel Gemüsebrühe in heisses Wasser verrühren, wenn der Wurfel dann aufgelöst ist, in die Saucenpfanne giessen. Und dann heisst es: Redukt! Rühren und rühren und köcheln lassen, bis es sich anfühlt wie ne Sauce.

Das war es schon, klingt nicht ganz so spannend und ist auch bestimmt ganz falsch zubereitet, aber Blumekohlknöllchen haben noch nie so sexy geschmeckt wie gerade eben. Noch nie.

“ER”

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Liebe “Secret”,

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ratschläge

“Pass auf dich auf” rief sie beim Abschied ihrer Freundin zu, bevor sie ohne nach linksundrechts zu gucken loslief und mir vors Fahrrad rannte.
“Pass DU mal auf dich auf” wollte ich sie anlachen, weil ich fröhlich darüber war, dass ich ihr meine rostige Lenkstange nicht in den Magen gebohrt habe, weil ich gleich Pasta kochen wollte und dann mit dem ganzen Blut, nee, das passt irgendwie nicht.
Stattdessen schrie sie mich an: “Mann, kannst du nicht aufpassen?”
Eine Frau die gerne Ratschläge gibt.
(Dabei dachte ich immer Ratschläge seien so achtziger)

Revue

Florapark, Schanzenviertel. Der Spielplatz ist ein Hort der Lust. Wo alleinstehende Mütter und Väter, musternd, schielend und lächelnd einander Revue passieren. Während der gesicherte Genenpool nebenan Sandburgen baut.