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Neuen Arbeitsvertrag bei neuer Firma unterschrieben, alten Arbeitsvertrag bei alter Firma gekündigt.

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Ich habe mir einen Song gekauft. Weil er mir immer wieder zum Ohrwurm wird. Und weil ich unter der Dusche singe: »Gesünder Streu-Wagen…«
Ich habe meinen Widerstand aufgegeben. Ich finde das Ohr-sand-Lied wirklich toll.

[ndrct]

Aha. Undercut also. Das muss ich meinen zukünftigen Friseuren also immer sagen. Ich habe immer angewiesen: »seitlich ein bisschen mehr weg«, aber recht zufrieden war ich damit nie. Heute hat die (neue) Friseurin gesagt, sie könne mir die Seiten ja ganz kurz machen, mit dem Rasierer und ich sagte, nein, das ist doch sehr frivol, die Friseurin sagte aber, das stünde mir sicher gut und ich sagte, ich mache das mal wenn ich weiße Haare habe, dann sehe ich so cool aus wie David Lynch, und sie sagte, der habe seinen Undercut auch mit dunklen Haaren schon getragen.
Dass sie David Lynch kannte sprach für sie und dann habe ich sie machen lassen. Undercut also. So heisst das, was ich immer wollte. Wusste gar nicht, dass David Lynch das auch hat.

[Suddd]

Vorhin vor dem Starten, der Gedanke an einen beunruhigenden Flug. Ich habe jetzt vier Flüge hinter mir, sie waren allesamt ruhig, ja traumhaft ruhig, aber irgendwann wird er kommen, irgendwann wird er kommen, dieser erste Katastrophenflug, dieser Flug in der Gewitterwolke, oder der Flug mit der brennenden Turbine, name it, irgendwann werde ich auch diesen Flug haben, von dem ich im Nachhinein anekdotisch erzählen werde, wenn man am Tisch mit Leuten sitzt und man von den schlimmsten Flügen erzählt. Bisher war ich immer ausgeschlossen, ich hörte nur gespannt zu. Die Aussicht, mich einzureihen, stimmt mich trotzdem nicht gut.

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Ich höre ja immer noch sklavisch den Sicherheitsanweisungen zu und studiere brav die Safety-Card.

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Bier.

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Der Anflug nach Innsbruck durch das untere Inntal, links Bauernhöfe, rechts Bauernhöfe, Wiesen, Kühe, es wirkt, als führe man mit einem schnellen Zug über ein Viadukt. Hinter Innsbruck dreht der Flieger in der Talsohle, links aus dem Fenster der Himmel, rechts aus dem Fenster die Autobahn und die LKW’s von oben. Der Magen überall.

Ich betrete den Flughafen Innsbruck und glaube mich in einem Vereinsheim.

Meine Schwester hat im Pfarrsaal des Dorfes zum politischen Film eingeladen. »Leben ohne Geld«. Sie organisiert unbeirrt, hängt Plakate auf, mobilisiert Nachbarn, Verwandschaft. K und ich malen mit Wachstiften Sprüche zu Existenz und wichtigen Lebensfragen auf einen acht Meter langen Papierbogen.
Der Film soll im kleinen Pfarrsaal aufgeführt werden. Man hat sich wenige Gedanken um die Technik gemacht — ich übernehme Laptop und Beamer.
Zur Vorführung kommen ganze dreißig Leute. Unter ihnen sind: die Nachbarin (ehemals Volksschullehrerin), der gottesfürchtige Busschaffeur, der pensionierte Maresciallo, ein unbekanntes Hippie-Ehepaar mit ihren beiden Kleinkindern, der retardierte Sohn der Wirtin vom Dorfplatz (er spricht mich an und ich merke, wie ich außerstande bin, mit ihm zu reden, da ich zu viel über seine geistige Hinterbliebenheit gehört habe, und nun steht er vor mir und wirkt eigentlich, nunja: ganz normal), meine Mutter, mein Vater, zwei ältere Damen, die sich im Hintergrund halten, und meiner Schwester Ex-Freund.
Wir schauen den Film, zur Mitte des Filmes beginnt die DVD zu holpern. Ich, als technischer Leiter putze die DVD und klicke im Programm. Das Publikum bleibt ruhig. Doch die DVD springt nicht mehr richtig an. Nach einer halben Stunde brechen wir ab. Man beschließt, geschlossen zu jemandem nach hause zu gehen, die DVD mit Alkohol zu reinigen und es auf einem richtigen DVD-Spieler zu versuchen. Da funktioniert es.

Ich will aus essen gehen. Es gibt nur eine Pizzeria im Dorf. Das hatte ich vergessen. Überhaupt: aus essen gehen heißt in Italien üblicherweise Pizza essen gehen. Auch das hatte ich vergessen. Ist aber in Ordnung.



Helmut Krausser. Jedesmal wenn ich das Buch zur Hand nehme, habe ich einen Ohrwurm. Das Buch heißt »Einsamkeit und Sex und Mitleid«. Ich nehme das Buch zur Hand und summe die deutsche Nationalhymne. Und werde sie nicht mehr los. Es ist die Pest.

Den Rest der Woche bleiben wir in Meran. Es ist Sommer, wir holen uns Eis bei Sabine. Bei Sabine gibt es das beste Eis der Welt. Meine Schwester entbindet in zwei Wochen, sie trägt einen riesigen Bauch vor sich her, doch sie will gehen, wir schlendern in Schneckentempo durch die Stadt und reden von den Dingen. Auf jeder Holzbank setzen wir uns hin und verschnaufen.

Ich treffe Silvia G. zufällig auf der Straße. Silvia habe ich 5 Jahre nicht mehr gesehen. Und davor zehn Jahre nicht. Silvia habe ich Anfang der Neunziger auf einem Open-Air Konzert in Rovereto kennengelernt. Sie hatte ein Jahr in Holland gelebt, und da ich einmal nach Holland fahren wollte, gab sie mir die Adresse eines besetzten Hauses, in dem ein Freund von ihr wohne. Ein halbes Jahr später fuhr ich dorthin und blieb sieben Jahre. Zu Silvia habe ich keinen Kontakt mehr. Als ich sie aber auf der Straße sehe, realisiere ich, wie wichtig jene kurze Begegnung in Rovereto gewesen ist. Ohne sie wäre ich nicht nach Holland gefahren, dann hätte ich auch nicht Albert getroffen, der mich für die Thematik erwärmte, mit der ich heute meine Brötchen verdiene, dann hätte ich auch meine damalige Freundin nicht kennengelernt und wäre deshalb nie nach Madrid und nachher nach Hamburg gezogen. Vermutlich würde ich jetzt ziemlich brotlos irgendwas mit Schreiben machen und in Bologna wohnen. Und würde auch nicht K lieben. Andererseits: an Berlin hing ich immer schon. Vielleicht wäre ich jetzt trotzdem da, nur über einen anderen Weg hingelangt. Vielleicht hat es sich auch deshalb so sehr nach Heimkommen angefühlt, als ich vor vier Jahren in Berlin wieder meinen Koffer auspackte. Als wäre die Biegung im Lauf der Dinge geradegebogen worden, korrigiert.

Ich spreche Silvia an. Sie freut sich. Wir unterhalten uns locker, breiten unser Leben in wenigen Sätzen aus. Das mit meinem an sie geknüpften Schicksal erwähne ich nicht, ohne besonderen Grund, ich weiß es noch nicht ganz auszuformulieren.
Sie hat drei Kinder lebt mit einem Mann zusammen, den sie »Kumpane« nennt. Bald verabschieden wir uns wieder, alles ist gesagt, aber ist alles gut, mehr ist nicht nötig.

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Eis bei Sabine.





Das erste mal ohne Laptop weggefahren. Die Mails auf dem Handy, die Notizen ins Buch.

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Eis bei Sabine.

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Nachmittags sitzen wir im Garten, trinken Wasser und Kaffee, schauen den Jungs beim Spielen zu, erzählen uns von den Dingen.
Mit den Schwestern aufs Foto, wir blödeln, keines der Fotos mag wirklich gelingen. Wir mögen sie alle.






Wir holen Eis bei Sabine.

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Und vollgepackte Zeiten. Und alles Ameisenficker. Und morgen in den Süden.

[recitativo]

Am Donnerstag lesen wir euch was vor: Mek Wito und Ronnie Vuine zu Gast bei Read on, my dear.

Yuma Bar, Reuterstraße 63, Neukölln. 20:30.

[nbn]

Ich mag das: in der Nebensaison in diesem Ferienort Restaurants betreten und hänschenkleinmäßig zu sagen: ich bin alleine, wo darf ich mich setzen.
Oft kriege ich einen schönen Tisch. In den altmodischen holzlastigen, deutschen Gaststätten darf ich mich in diese Nischen am Tresen setzen. Auf diese lederbezogenen Bänke. Die stämmige Kellnerin fragt mich von der Seite ob es schmeckt. Ich sage mit vollem Mund: wunderbar!
Sie grinst, ich grinse.

# In der UBB von Ahlbeck nach Zinnowitz setze ich mich zu drei achtzigjährigen Mädls. Sie tragen graue Dauerwelle, sind gutgelaunt und sitzen in den Sesseln wie drei glückliche Kartoffeln. Sie kommentieren alles was sie sehen, jede Person die vorbeigeht, jedes Haus, das draußen vorbeizieht. Und sie lachen. Dauernd. Eine junge Frau mit Musik im Ohr läuft vorbei. Sie trägt schwarze Leggings, darüber weiße Shorts. Die Frau rechts neben mir grinst: »Sie trägt ihren Schlüpper über der Hose«. Alle kichern sie. »Ch…ch…ch«. Sie erwischen mich beim verschämten Mitlachen. Später muss ich daran denken, dass die drei Ladies sicherlich solche Shorts als Unterhosen tragen. Womit ich sie jetzt nicht lächerlich machen will, ich finde den Witz dann nur noch besser, so unvermittelt ernstgemeint: »Sie trägt ihren Schlüpfer über der Hose. Ch…ch…ch.«

# Nein, kein Wasser diesmal.