[mein Austritt]

Heute wieder in der Botschaft gewesen und mir das erste mal ernsthaft überlegt, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, nicht nur, weil es keinen Sinn macht, weiterhin Italiener zu sein, wenn ich ohnehin nicht dort wohne, und das schon seit neunzehn Jahren nicht mehr, sondern vor allem, weil ich diese bräsige, lahme, überhebliche und faschistoide Art der italienischen Repräsentanzen nicht mehr aushalten mag. Und nicht zu vergessen, wenn sie meinen unitalienischen Namen lesen und mich als Südtiroler zu orten wissen, wie sie mir mit jeder Geste zu verstehen geben, ohnehin keiner von ihnen zu sein. Mal ehrlich: ich möchte nicht auf diese Leute angewiesen sein.
Aber der endgültige Schrecken kam mir erst, als ich am Leipziger Platz beinahe vor ein Auto gekommen wäre und ich mir später dachte, in der Zeitung wäre gestanden, ein Italiener sei an der Leipziger Straße überfahren worden. Das war mir dann zu viel.

Aber alles der Reihe nach, gestern bin ich erst von der Katholischen Kirche ausgetreten. Ich will nichts überstürzen. Der Beamten wollte ich sagen: »Hallo, ich möchte vom Glauben abfallen« fand den Witz aber albern konstruiert und hielt daher meinen Mund. Es ist schon tragisch genug, mit wie viel Dummheit ich überhaupt der Kirche beigetreten bin. Als ich vor sieben Jahren nach Deutschland zog, gab es auf dem Meldeschein die Felder zur Religionszugehörigkeit anzukreuzen. Ich war Katholik, zumindest als Kind mal, also gehörte da auch das Kreuz hin. Fand ich in der protestantischen Diaspora nur konsequent – und witzig. Aber eigentlich eher kindisch. Dass das die Kirchensteuer besiegelte, wusste ich erst lange Zeit später. In Italien gibt es die Kirchensteuer in dieser Form nicht. Man wird getauft und dann, nunja, dann ist man eben Teil der Kirche.

Auch albern, das.

[märkischsandburg]

Die Liste der Autoren beim diesjährigen (heurigen) Bachmannpreis.

Antonia Baum, geb. 1984, lebt in Berlin
Nina Bußmann, geb. 1980, lebt in Berlin
Thomas Klupp, geb. 1977, lebt in Berlin
Steffen Popp, geb. 1978, lebt in Berlin
A.M. Praßler, geb. 1983, lebt in Berlin
Leif Randt, geb. 1983, lebt in Berlin
Linus Reichlin, geb. 1957, lebt in Berlin
Maximilian Steinbeis, geb. 1970, lebt in Berlin

Die übrigen sechs leben doch tatsächlich in so komischen Orten wie: Heidelberg, Klagenfurt, Köln, Zürich oder Wien. Man mag es ja nicht glauben, aber so steht es da.

[böhmischrixdorf]

Mit Modeste in Neukölln gewesen um uns von Frédéric Neukölln zeigen zu lassen. Natürlich kennen wir Neukölln, aber man kennt die Dinge nie gut genug. Zu diesem Zweck haben wir Fred sozusagen als einheimischen Neukölln-Führer eingemietet. Das ist selbstverständlich totaler Schwachsinn, einen Freund als Führer einzumieten, wobei es durchaus etwas Beruhigendes hat, in einem klaren Rollenverhältnis zu stehen. Fred erzählte mit Begeisterung von seinem Kiez, die geschichtlichen Zusammenhänge, von den böhmischen Exilanten unter Friedrich, die Entwicklung von Rixdorf zum Puff der Hauptstadt. Wir waren gespannte Zuhörer.
Rund um den Richardplatz, mitten im wilden Neukölln dann, plötzlich patzbumm: Dorf.
Niedrige, locker verteilte Häuser, eine Art Dorfplatz mit einer freistehenden Kirche, hier und da ein paar Fachwerkhäuser. Wir setzten uns in einen Biergarten direkt am Platz. Der Biergarten erinnerte mich architektonisch an einen mittelalterlichen Handwerksbetrieb.Eine Schmiede vielleicht. Es ist eigentlich ein von niedrigen Baracken umgebener Hof. Im Hof stehen riesige, alte Bäume. Um den Bäumen herum Bierbänke und Tische. Die Gäste unterhielten sich ausgelassen, in den Baracken herrschte Betrieb, es brannte ein Ofen, ein Pizzamann schob Pizzen hinein und heraus. Ich aß Pizza, Modeste Rinderfilet mit Spargel, Fred eine Suppe. Wir redeten.
Später liefen wir zur Karl-Marx-Allee, dort war dann wieder Stadt, irre das. Wir schnappten uns ein Kurzstreckentaxi und fuhren bis zur Donaustraße und gingen ins Dilemma kickern. Rauch, Guiness, Pokertische. Wir wurden von zwei jungen Männern herausgefordert. Wir spielten abwechselnd. Fred ist gut im Tor, Modeste ist stark im defensiven Mittelfeld. Nach dem Spiel gab es stets einen Handschlag mit den Jungs und ein Danke für das gute Spiel. Man scheute nicht davor zurück, Modeste in ihrem eleganten, roten Kleid als Gleichgesinnte zu sehen.
Am Ende verlor ich eine Partie zu Null und musste eine Runde Schnaps ausgeben. Wir tranken Mexikaner. Mexikaner sind rot, tomatig und es schwimmen Chilistückchen darin.

[no manners]

Beim HNO im Wartezimmer. Neun Männer sitzen da und lesen aus Büchern und Blättern. Zwei Frauen sitzen da und lesen aus Büchern und Blättern. Eine junge Frau kommt ins Zimmer, sie trägt einen sehr kurzen Faltenrock, ihre Beine wirken außergewöhnlich nackt. Sie will ihr Handy aufladen, findet dann neben der Eingangstür auf zehn Zentimeter Höhe eine Steckdose. Sie bückt sich vor der wartenden Menge nach vorne und versucht umständlich den Stecker in die Dose zu drücken.
Neun Männer schauen von ihren Blättern und Büchern auf und fixieren ihren Blick auf die selben paar Quadratzentimeter. Zwei Frauen lesen in Blättern und Büchern und bekommen von alledem nichts mit.

[ Männer :) ]

Ich lese gerade Stanisław Lems futurologischen Kongress, bin daher angenehm benommen von der Schilderung der Halluzination. Als ich die Blicke der Männer sehe, –meine mit eingeschlossen– meine ich, alle unsere Blicke als gelbe Lichtkegel zu sehen, wie sie, vorne zuspitzend, als Brennpunkt auf den gleichen genannten Quadratzentimetern enden. Wie wenn man gemeinsam versucht mit Lupen, trockene Blätter für ein Lagerfeuer zum qualmen zu bringen. Aber hier im Wartezimmer haut der Hormonpogo unsere Lichtkegel totalmente in die Marmelade. Das Geschlecht der Frau beginnt zu rauchen. So viel Demütigung tut mir ziemlich leid, die Geste ist ja sehr verachtend, das war nicht so gemeint. Aber das mit dem Rauch war ja nicht unsere Absicht.

[den Laut auf]

Es ist Freitagabend und ich so spät noch in der Firma. In meinen letzten Tagen an diesem Tisch will noch so etwas wie Wehmut aufkommen, ich gehe noch nicht, ich gehe noch nicht, ich nehme zuerst noch die Kopfhörer und drehe den Laut auf.

[verständigung]

Vorher haben wir Almanya gesehen und ich habe mir dabei gedacht, wenn wir es wirklich ernst meinen mit der Völkerverständigung, wenn wir dabei nicht auf künstlerische Eitelkeiten zurückfallen, sondern so etwas wollen wie die Ethnien einander näherzubringen, und dabei meine ich die bescheuerten Sarrazins, gleichwohl wie die Islamisten und die Witwen aus Wilmersdorf, wenn wir das wirklich wollen, dann müssen wir alles positiv darstellen, und dabei nicht in Gesellschaftskritik verfallen, sondern müssen positiven Portraits generieren, positive Gefühle.
Dann machen wir nur noch solche Filme wie Almanya.

Oder anders gesagt: überraschenderweise funktioniert diese positive Art, die Ethnien darzustellen, diese Art, ohne jegliche Kritik sowas wie, öhm, Liebe zu erzeugen, wahrscheinlich leistet dieses Weglassen der bösen Gefühle, einen größeren Beitrag zur Völkerverständigung als es jede Gesellschaftskritik vermocht hat. Nun müssen wir bloß noch alle ins Kino kriegen.

Andererseits: wir können doch nicht ewig diesen positiven Scheiß ansehen.

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Nachher beim Spanier gesessen. Am offenen Fenster gegessen und getrunken, der Savignyplatz um uns herum intim und schwül, Berlin in HDR-Effekte getaucht.

[...]

Das Fahrrad zur Reparatur gebracht. Die Bremsen bremsen nicht mehr. Der Fahrradreparateur, jung und gutaussehend, begutachtet das Rad und geht von vorne bis hinten die Mängel durch. Es bleibt kein Einzelteil unbeschimpft zurück. Ich habe das Gefühl, ein verschrecktes und gedemütigtes Drahtgestell in der Werkstatt zurückzulassen.

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Mir überlegt, eine dieser Porno-Toplevel-Domains zu holen, www.mequito.xxx, so eindeutig gebrandmarkt, irgendwie gefiel mir, dieses Blog in einer Art öffentlichem Zwielicht abgleiten zu sehen.

[fronten]

Mein Problem:
Die Linken denken, ich sei ein Yuppie, die Rechten denken, ich sei ein Türke, die Türken denken, ich sei ein Deutscher, die Yuppies denken, ich sei ein Linker, die Manager denken, ich sei irgendwie subversiv, die Polizei denkt, ich sei ein Feind.
Andererseits: bei näherer Betrachtung ist das alles gar kein Problem.