Meine Herthajacke ist mir zu groß geworden. Es muss lange her sein, dass ich sie zum letzten Mal trug. Es ist eine leichte Sportjacke, sie ist besonders für den späten September und den Oktober ausgelegt oder für den späten April sowie den Mai. Da ich letzten Herbst kaum im Stadion gewesen bin und den Winter in Hamburg verbrachte, trug ich sie zum letzten Mal wohl im Frühling. Da wog ich fast 15 Kilo mehr als heute. An der Jacke mochte ich immer, dass sie eng anliegt und meinem Bauch eine gute Form gibt. Mit meinem neuen Körperumfang weiß ich noch nicht, was sie genau tut. Sie weiß es auch nicht.
Im Vorfeld des Spiels gab es Aufregung wegen der Fanclubbanner. Der Förderkreis der Kurve verlangte von allen Fanclubs, dass Banner und Fahnen auf den Rängen durch Personen bewacht werden sollten. Am letzten Wochenende war es in Dresden nämlich zu Randalen gekommen, weil Dresdner Fans in den Hertha-Block eingedrungen waren und ein symbolisch wichtiges Banner stahlen, um dieses anschließend in der eigenen Kurve vor laufenden Kameras zu verbrennen.
In den Fanclubs gab es große Aufregung, weil niemand Lust und Kapazitäten hat, Banner zu bewachen. Dazu gab es unbestätigte Informationen, dass das von den Hooligans kontrolliert werden sollte, was sich niemand bieten lassen wollte, es ist eine Sache, wenn die Ultras sich bei so etwas aufdrängen, oder wenn es die Hooligans tun. Mit den Ultras kann man immer noch reden, aber von den Hools will man sich wirklich nichts sagen lassen, andererseits sind die Hools auch immer die Typen aus der Muckibude. Viele hingen deswegen ihre Banner wieder ab, wodurch es zu Lücken im Umlauf kam, was auch wieder nicht gut aussieht. Ich kam erst verspätet im Stadion an und verfolgte die Diskussion nur im Fanclubchat.
Als ich meiner Frau davon erzählte, lachte sie nur. Du merkst es schon selbst, sagte sie. Ich sagte: Ja, ich merke es selbst.
Dennoch bleibt es eine ernste Angelegenheit, wenn man wieder einzoomt. Der Klau eines Banners, hat zur Folge, dass sich der Club oder die Vereinigung auflösen muss. Das in Dresden gestohlene Banner war das übergeordnete Symbol, das die Kurve repräsentierte und nicht nur einzelne Fanclubs oder Gruppierungen. Deswegen wurde unter der Woche die Entscheidung gefällt, das große, zentrale Banner mit der Aufschrift „OSTKURVE HERTHA BSC“ abzunehmen und durch einen blau-weißen Platzhalter zu ersetzen. Vor Anpfiff hielt der Vorsänger der Kurve eine etwas pathetische Rede, in der er vom schwärzesten Tag der Geschichte der Kurve sprach.
Es ist alles nicht so einfach.
Diesmal ging ich wieder runter in Block Q3, wo die meisten meiner Freunde stehen. Ich war im Sommer zu Benny in einen anderen Block gezogen, weil neuerdings eine Gruppe junger Typen eine riesige Fahne schwenkte, wodurch ich nichts mehr vom Spiel mitbekam. Mich nervte das ungemein. Die Diskussionen, die wir mit den jungen Männern führten, waren nicht sonderlich ergiebig. Wie es aussieht, haben sie mittlerweile aber aufgegeben und sind plötzlich verschwunden, und die Sicht in Q3 ist wieder frei.
Gestern gab es viel zu sehen. Hertha spielte eine äußerst dominante erste Halbzeit. Als das Gegentor fiel, saß ich gerade mit einem Ex-Kollegen draußen vor dem Stadion. Ich war zu Wiederanpfiff noch nicht zurück in den Block gekehrt. Gegentore hört man draußen immer, weil das Stadion auf einmal verstummt. Allerdings hört man ein weit entferntes, unterdrücktes Jubeln von den Gästefans. Es ist eine eigenartige Geräuschkulisse.
Es blieb dann beim 0:1. Meiner Mannschaft fiel nicht viel ein. Die meisten der wenigen, verbliebenen Aufstiegshoffnungen gingen gestern in Rauch auf.
Heute war ich sehr müde. Zuerst machte ich einen langen Morgenspaziergang mit der Hündin. Dabei trottete ich ziemlich langsam vor mich hin. Als ich zurück nach Hause kam, legte ich mich direkt ins Bett, wo mich meine Frau später beim Schnarchen aufnahm. Es ist die dritte oder vierte oder fünfte Nacht in Folge, in der ich schlecht schlafe, ich weiß nicht, was das ist. Nach dem Schlafen wollten wir auf dem Fernseher etwas schauen. Ich schlug vor, uns auf Youtube mit Videos von Tapezierarbeiten zu bilden. Im Mai fahren wir wieder nach Schweden und wollen das Gästehaus sowie das große Eckzimmer mit neuen Tapeten versehen. Unsere Freundin aus Göteborg sagte, tapezieren sei sehr leicht, sie hätte das auf YouTube gelernt. Irgendwann müssen wir das eben auch lernen. Die Tapeten haben wir schon bestellt, aber wir haben noch keine Ahnung, wie man sie anbringt.
Wird schon nicht schwierig sein, deswegen schauten wir einen Horrorfilm, besser gesagt, ein Creature Feature namens „Thrasher“, der von einem Mega-Hurrikan handelt, der einen Küstenort überschwemmt, und von vielen kleinen Haien, die Gliedmaßen aus Menschen herausreißen, sowie einem sehr hungrigen schwangeren weißen Hai, der viel Schaden anrichtet.
Haie werden tatsächlich schwanger. Haben wir jetzt auch gelernt.
