[Fr, 6.2.2026 – Eis, Cortina]

Am frühen Morgen war ich einer der ersten Kunden beim Baumarkt und der Parkplatz war noch leer. Er war mit einer Decke aus übereistem Schnee, aufgeworfenem Schneeeis und braunem, aufgetautem Matsch bedeckt. Weil ich so viel Platz hatte, hielt ich mich nicht an die vorgegebenen Wege, sondern fuhr quer hinüber zwischen den kleinen Bäumen und gab ein bisschen mehr Gas, wodurch ich ausscherte und mir vorkam, wie ein junger Wilder auf dem Land.

Zwar bin ich technisch immer noch ein Fahranfänger, aber hey, ich bin ein Mann, wäre doch gelacht, wenn ich meine Fahrkünste nicht überschätzen könnte.
Ich sehe mich schon als Rentner, da werde ich den Winter in Lappland verbringen und meinen französischen Kleinwagen übertourig durch die Eislandschaften schlingern lassen.

Ich kann mich an die älteren Buben – also die mit Führerschein oder Vespas – in meinem Dolomitendorf erinnern, wie sie manchmal an späteren Winterabenden auf den gefrorenen Wiesen nördlich des Seilbahn ihre Schlingerpartys veranstalteten. Die Carabinieri fanden das nicht gut. Wir Kinder fanden das verwegen.

Der Ort, in dem ich aufgewachsen bin, wird oft mit Cortina, jenem Ort, der durch die Olympischen Winterspiele 1956 berühmt wurde, verwechselt. Ich komme aus Corvara, das klingt natürlich ähnlich und liegt auch nur zwei Täler weiter westlich. Trotzdem trennen die Orte eine Autostunde, was aber an den langsamen Passstraßen liegt. Es sind in Wirklichkeit nur 36 Kilometer. Meine Mutter fragte mich, ob ich in Deutschland eigentlich den ORF empfangen kann und ob ich die Eröffnungszeremonie der olympischen Winterspiele in Cortina verfolgt hätte. Hatte ich natürlich nicht. Meine Mutter berichtete mir sehr detailliert über die aktuellen Wintersportfavoriten aus den verschiedenen Disziplinen. Südtirolerinnen sind im Wintersport immer vorn mit dabei, und das sind natürlich auch diejenigen, denen sie die Daumen drückt. Würde meine Mutter in Berlin leben, wäre sie vielleicht Herthanerin und würde sich besser mit Fußball auskennen, als ich das tue.

Ich überflog heute die Strecke von Corvara nach Cortina mit Heremaps. Das war eine sehr magische Gegend. Vor allem ab St. Kassian hinter Armentarola, wo der Bewuchs immer karger wird, bis hinauf zur Baumgrenze und weiter hoch nach Falzarego und schließlich hinten wieder hinunter am langen Bergrücken bis nach Cortina. In meiner Kindheit gab es noch viele alte Männer, die nach Überresten des Ersten Weltkrieges suchten. Man fand in der Gegend immer noch Munition, kleinere Waffen und Helme im Boden. Dort verlief lange eine Front, die Berge sind teils unterbunkert. Auch mein Großvater kämpfte dort für die österreichischen Kaisertruppen. Er erzählte davon, wie sie sich mit Kanonen in verschneiten Bergwänden verschanzten und Hanf rauchten. Um den Hanfrauch beneidete ich ihn in späteren Jahren. Zum Militär wollte ich aber trotzdem nicht.

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