[Fr, 30.7.2026 – Giving you a Nightcall]

Es gibt Filme und Serien, die schaue ich schlichtweg nie, weil meine Frau sie sich nicht ansehen will, und ich verbringe nur selten Zeit alleine vor dem Fernseher. Demzufolge hat sich eine lange Liste von Filmtiteln angesammelt, die ich irgendwann einmal nachholen wollte. Wenn meine Frau für längere Zeit weg ist, wie in diesen Tagen beispielsweise. Meistens kommt mir die Idee dazu, wenn ich mir gerade etwas zum Essen zubereitet habe, dann sitze ich vor den Streamingsendern und es fällt mir keiner der Filmtitel ein. Die Liste befindet sich nämlich in meinem Kopf und nicht auf Papier. Ich sollte mich dahingehend besser organisieren. Gestern fiel mir aber „Project Hail Mary“ ein, ein erstaunlich gefühlvoller Science-Fiction-Film mit Ryan Gosling und Sandra Hüller, sowie einem felsenartigen Wesen namens „Rocky“, von einem fernen Planeten. Dann wollte ich noch „The Irishman“ von Scorsese weiterschauen. Meine Frau fand den so furchtbar, weil der hundertjährige Robert De Niro darin einen jungen Mann spielen soll und Robert De Niro als junger Mann ein ganz anderer Typ war. Das findet meine Frau ganz furchtbar. Aber ich schaute stattdessen „Discounter“ diese Hamburger Netflix-Serie, die ich in ihrer Gen-Zettigkeit wirklich hervorragend fand, aber nach sechs Folgen wurde es auch ein bisschen repetitiv.

Sandra Hüller jedenfalls. Die ist so super. Nie ganz greifbar. Total wandelbar.

Dann starben in diesen Tagen plötzlich Berühmtheiten aus der zweiten Reihe. Glen Hansard, der Hauptdarsteller aus „Once“. Ich fand den Film damals durchaus berührend, andererseits störte ich mich an dieser überromantisierten Straßenmusikerfolklore. Der Film wurde damals von europäischen Festivals abgelehnt, aber dann gewann er den Publikumspreis beim Sundance Festival. Und danach wollten ihn auch in Europa alle haben. Tja. So ist das. Ich verstehe aber, warum die europäische Kulturelite den Film ablehnte. Er ist objektiv zu kitschig. Subjektiv berührt er aber durchaus auf eine nicht zu plumpe Art.

Glen Hansard starb mit seinem Motorrad auf einer Landstraße in Irland. Ich will immer wissen, woran die Menschen sterben. Immer. Um zu wissen, wie nahe mein eigener Tod ist.

Dann starb auch Kavinsky. Wobei. Der ist eher eine Berühmtheit aus der dritten, vierten oder fünften Reihe. Auch Glen Hansard ist das, wenn man ehrlich ist. Kavinsky ist der Mann, der das düstere, electropoppige „Nightcall“ schrieb. Das Lied hörte ich zum ersten Mal, als Frau Fragmente mich Musik von der Band „London Grammar“ hören ließ. Es blieb mir vor allem das eindringliche „Nightcall“ hängen. „I’m giving you a night call to tell you how I feel.“ Langsam, dunkel, nur mit einem Piano begleitet. Später fand ich heraus, dass das Original ein Electropop-Song ist, der als Intro des Filmes „Drive“ mit Ryan Gosling gespielt wird, wo Gosling als professioneller Fluchtfahrer die Verbrecher ins Auto steigen lässt und sich von der Polizei wegmanövriert. An die Filmszene kann ich mich noch gut erinnern, aber das Lied hatte offenbar keinen Eindruck auf mich hinterlassen. Mit dem Umweg über die balladenartige Version von London Grammar verstand ich das Original erst richtig und verbrachte danach viele Stunden in Dauerschleife damit. In verschiedenen Variationen und Coverversionen.

Natürlich las ich danach alles über Kavinsky. Was mich sehr beschäftigte, war der Umstand, dass er nur als Kunstfigur Musik erschaffen kann. Weil er sich als Mensch nicht ernst genug nimmt. So erfand er seine künstlerische Autobiografie, dass er in den Achtzigern in seinem Ferrari tödlich verunglückte und dann als Zombie mit rot leuchtenden Augen zurückkam, um elektronische Musik zu machen. Das fand ich so schön. Es ist für mich nachvollziehbar, wie es die Kreativität abtötet, wenn man sich nicht ernst nimmt. Bei mir ist es eher umgekehrt. Nähme ich mich ernst, dann käme kaum etwas aus mir heraus.

Kavinsky war sechs Monate jünger als ich und starb an einem Schlaganfall. Der Tod kommt mir immer näher.

Danach versank ich den Rest der Nacht auf YouTube mit zahllosen Coverversionen. Auch mit Musik von M83, die in Kitschigkeit auch oft etwas drüber sind, aber „Outro“ ist dermaßen schön, dass ich es auf meinen Hamburgfahrten letzten Winter oft in Dauerschleife hörte. Als Video gibt es diese von einem User geschnittene Version, der Ausschnitte aus Lars von Triers Melancholia über das Lied legte. Wie Kirsten Dunst sich im Weltuntergang mit dem Kosmos vereint. Diese traumhafte Anfangssequenz aus dem Film. Das passt fast perfekt.

Apropos nächtliche Hamburgfahrten. Seit ich nicht mehr nach Hamburg fahre, höre ich auch das Hörbuch von Murakamis 1Q84 nicht mehr weiter. Ich war bei 91 % von den über 31 Stunden, die das Hörbuch lang ist. Als ich letztes Wochenende nachts in Rostock von der Fähre herunterkam, ereilte mich ein nostalgischer Moment. Diese nächtlichen Fahrten alleine auf der Autobahn. So schaltete ich das Hörbuch wieder ein. Tengo und Aomame. Wie zwei alte Freunde von mir.

Schreibe einen Kommentar