Wir öffneten eine Flasche Champagner. Das hatte er sich so gewünscht. Er schrieb, dass er keine Trauerfeier wünscht, kein Drama, kein Nix, aber die Freunde sollten sich eine Flasche Champagner öffnen und auf ihn anstoßen. Er war ein Freund meiner Schwiegerfamilie, die Eltern waren seit nunmehr 60 Jahren befreundet. Als er mit Anfang 30 aus Göteborg wegzog, arbeitete er lange für die schwedischen Botschaften in der Schweiz und in Brüssel. Zuletzt lebte er seit über zwanzig Jahren in Berlin. Ein vornehmer Mann alter Schule, zu seinem weißen vollen Haar, trug immer weiße Hemden und ein Halstuch darunter. Wir besuchten ihn manchmal in seiner Charlottenburger Wohnung, wo er uns seine Kunst und seine Bücher zeigte und uns schließlich aufwendig bekochte. Zum Aperitif servierte er immer getrocknete Oliven, Salzstangen und geschnittene Äpfel. Geschnittene Äpfel – das fand ich so ungewöhnlich und ich dachte nur: Das müsste man öfter tun. Vor einigen Jahren starb seine Frau. Eine beeindruckende, sehr dominante Frau mit schwarzen Fingernägeln und langgezogenen Kajallinien. Ich habe sie erst spät kennengelernt, da war sie schon eine alte, vom Alkohol unbeweglich gewordene Frau, die sich aber nie um einen schmutzigen Witz oder makabren Kommentar zu schade war. Sie flirtete ganz offen mit mir und nannte mich einen Knaben. Nur ein bisschen zu dick sei ich für sie. Als sie starb, fanden wir heraus, dass sie gar nicht den Vornamen trug, mit dem wir sie kennengelernt hatten. In diesem Zuge fanden wir heraus, dass auch seine vorherige Frau einen anderen Namen trug als den, mit dem er sie seinen Freunden vorgestellt hatte. Er gab ihnen mondäne, französisch klingende Namen. Ihre wirklichen Namen waren schwedisch, zu ordinär. Nach ihrem Tod kümmerte sich die Haushaltshilfe um ihn. Eine ähnlich dominant auftretende Frau. Es hätte eine jüngere Schwester der verstorbenen Frau sein können. Er stellte sie uns als seine neue Frau vor. Dabei verriet sie uns mehrmals, heimlich zuzwinkernd, dass sie mit einem anderen Mann verheiratet sei. Wir fragten nie nach, wir fanden es zu witzig. Erst nach seinem Tod hinterfragten wir den auffällig mondän französischen Namen der Haushaltshilfe. Aber auch hier. Wir fragten nicht mehr nach.
Zum Champagner servierte meine Frau heute Salzstangen, getrocknete Oliven und geschnittene Äpfel. Geschnittene Äpfel – das müsste man echt öfter tun.
Wie wir wohl eines Tages in den Texten der Menschen auftauchen, die heute noch Kinder unserer Freunde sind