Ich kann mich sehr über zahlpflichtige Toiletten in Einkaufszentren oder Markthallen aufregen.
Gestern auf einer Spritztour mit einem Exkollegen und seinem neuen Elektroauto gewesen. Dafür, dass ich starke Gefühle für E-Autos empfinde, bin ich bisher erstaunlich wenig mit E-Autos in Berührung gekommen. Zweimal bin ich in Amsterdam mit einem Tesla-Uber mitgefahren und einmal mit dem Ex-Freund meiner Schwester in Berlin, der mir auf der Rudi-Dutschke-Straße im Feierabendverkehr die massive Beschleunigung seines Autos demonstrierte. Das dürfte es ungefähr gewesen sein. Mein nächstes Auto wird sicherlich ein Elektroauto, aber ich bin weit davon entfernt, ein neues Auto zu benötigen. Zum einen bräuchte ich nicht einmal unbedingt das alte Auto, aber wegen der paar Mal im Jahr in Schweden und der Hundelogistik, will ich mich doch nicht davon trennen. Dabei habe ich gerade mal seit etwas mehr als zehn Jahren einen Führerschein und fahre immer noch nicht gern Auto.
Mich begeistert vorwiegend die Elektronik in Autos. Assistenzsysteme, die Software, die Displays. Mit sogenannten guten, alten Verbrennern kann ich nichts anfangen. Das hat nicht einmal politische oder ökologische Gründe. Es fehlt mir schlichtweg an Nostalgie.
Dann setzten wir uns in die Arminiushalle in Moabit. Das ist eine wirklich schöne Markthalle, mit der man sich offensichtlich ein ähnlich erfolgreiches Konzept wie mit der Markthalle IX erhoffte. Aber es flutscht irgendwie nicht so richtig. Optisch ist sie zwar schön, sie ist aber nur mäßig besucht und das gastronomische Angebot war eher mittelmäßig. Ich hatte vom serbischen Stand ein Cevapcici bestellt. Es war nicht ganz durch und wurde etwas lieblos serviert. Solche hippen Orte glänzen ja vor allem darin, das Essen instagrammable zu machen. Hier eben nicht. Das kann eine gute Eigenschaft sein, es kann aber auch eine schlechte Eigenschaft sein. Mir kam das heute eher schlecht vor. Zumal ich auch noch für den Toilettendienst zahlen musste und von der Toilettendame sowohl beim Rein- als auch beim Rausgehen angepflaumt wurde, dass ich bezahlen sollte. Wohlgemerkt, bezahlte ich bereits beim Reingehen. Sie hatte mich nach zwei Minuten schlichtweg vergessen. Meistens weigere ich mich, solche Dienste zu bezahlen. Wenn ich irgendwo Gast bin und bereits Geld liegen lasse, sehe ich nicht ein, warum ich auch noch für den Toilettengang bezahlen sollte. Das sollte im Preis inbegriffen sein. Aber ich weiß schon, wie das funktioniert: Die Hallenbetreiber haben keine Lust, sich darum zu kümmern, stecken sich die Taschen mit der Miete der Standbetreiber voll und stellen einen weiteren Dienst ein, der sich um die Toiletten kümmern und sich selbst sein Geld eintreiben soll. Und es wird sich niemand dagegen wehren, weil alle davon profitieren. Bis auf die Gäste.
Mich regt das auf. Heute bezahlte ich aber, weil ich keine Lust auf einen Konflikt mit der Anpflaumerin hatte.
Auf dem Weg ins Büro ging dann mein Fahrrad kaputt. Ich habe noch nicht verstanden, was genau fehlt. Als ich das Fahrrad beim Eingang zur U-Bahn abstellte, kam eine Frau die Treppe hoch. Sie trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Gott ist Scheisse.“ Ich fand das passend, aber die Härte dieses Spruches hat mich dann doch beschäftigt. Inhaltlich gehe ich mit. Aber auf Deutsch klingt der Spruch wesentlich härter, als wenn er auf Englisch wäre. Mit Härte meine ich nicht den Sprachklang, sondern die Nähe der Sprache. Auch wenn ich seit Jahrzehnten oft und viel Englisch spreche, liegt für mich trotzdem immer eine dünne Übersetzungsschicht dazwischen. „I love you“ ist anders als „Ich liebe dich“. Ich frage mich, ob das auch Einfluss auf Jugendbewegungen hat, die ja immer oder meistens jedenfalls einen englischsprachigen Ursprung hatten. Punk, Grunge, Hippies, dass das rebellische Vokabular ging ja immer durch diese Übersetzungsschicht. Mein erster IT-Job in den Niederlanden vor sehr vielen Jahren, war in einem amerikanischen Konzern mit internationalen Mitarbeiterinnen. Mein Chef kam aus England. Ich lernte von den Jungs das Wort „Wanker“ und verwendete es auch schriftlich in der internen Team-Emailkommunikation. „Wichser“ hätte ich auf Deutsch nie geschrieben, aber „Wanker“ hatte für mich eben nicht die Härte. Irgendwann zitierte mich der Chef zu sich und sagte, ich solle doch nicht mehr das Wort „Wanker“ in Emails verwenden.
Hatte ich dann verstanden.
Nun. Fahrrad ist kaputt und God ist ein piece of stool,
Morgen ist Deutscher Vereinstag. Die Supermärkte sind am Vorabend voll. Wer legt auch einen Feiertag auf einen Samstag.
Ich bin gar nicht so schlecht gelaunt, wie dieser Eintrag klingt. Vielleicht deswegen noch einen positiven Abschluss: Dieser angenehme Spätherbst ist wirklich wunderbar. Wir sitzen abends noch nach Sonnenuntergang auf dem Balkon. Ich liebe dieses Wetter, in dem man sich kleiden kann. Dünne-Jacken-Wetter. Wahrscheinlich bin ich ein Dünne-Jacken-Typ, ich mag es, gekleidet zu sein, und ich mag es, wenn andere gekleidet sind. Natürlich mag ich es auch, nackt zu sein, aber bekleidet sieht die Welt irgendwie besser aus.
