Am Vormittag stieg ich dann in einer dieser kleinen Propellermaschinen der SkyAlps auf dem Weg nach Bozen. Weil diese Maschinen nur auf etwa 6 Kilometer Höhe über das Land fliegen, hat man ein ganz anderes Fluggefühl als mit den Jets, die ja in doppelter Höhe unterwegs sind. Wenn man aus dem Fenster schaut, hat man fast schon ein Googlemaps-Gefühl und ich will ständig einzoomen.
Am Flughafen in Bozen holte mich meine größere Schwester mit ihrem Camper ab. Dann fuhren wir in die Innenstadt, machten einen kleinen Spaziergang über den Waltherplatz, Museumstraße, Lauben und über den Bahnhof wieder zurück zum Waltherplatz. Dort aßen wir etwas, ich bestellte ein Trüffelrisotto und meine Schwester eine Carbonara, auf die sie sich ein paar Trüffelhobel schaben ließ. Ihr Gericht schmeckte wesentlich besser als meines, aber das geht mir oft so, dass ich etwas Falsches bestelle. Das hat sicherlich psychologische Gründe.
Es war schön, sie zu sehen. Wir hatten viel zu bereden. Wir liefen dann noch hinunter zur Romstraße zu einer Künstlerin in ihr Atelier, weil sie für meine Schwester eine Kette repariert hatte. Danach fuhren wir den Berg hinauf ins Dorf meines Vaters. Meine kleine Schwester wohnt zurzeit auch bei ihm. Es war schön, sie alle zu sehen. Mein Vater und die kleine Schwester waren im September für 4 Wochen auf einem Ayurveda-Retreat irgendwo im Süden von Indien und seitdem postet mein Vater ständig indisches Essen in seinen WhatsApp-Status. Er sagte, er habe einen ordentlichen Braten schon vermisst, aber er ist neugierig genug, Dinge auszuprobieren. Meine Schwester und er folgen jetzt irgendeinem ayurvedischen Ernährungsplan.
Er wird übermorgen nach Tansania fliegen, um ein Kinderprojekt zu unterstützen. Deswegen fuhr ich auch als Erstes zu ihm. Morgen werde ich dann weiter nach Meran zu meiner Mutter.
Am Abend saßen wir noch lange zusammen und spielten Karten. Wir spielten Watten. Eigentlich müsste ich Watten können, weil hier alle immer Watten spielen. Ich kann aber nur Schnellen, was gemeinhin als unterkomplexer gilt. Dafür habe ich damals vor zwanzig Jahren meinem ganzen Freundeskreis in Hamburg das Schnellen beigebracht. Sie erhielten von mir sogar originale, sogenannte Salzburger Kartendecks. Watten ist komplizierter und ich konnt mir schlichtweg nie die Regeln merken. Nach ein paar Runden, begann ich heute allerdings, ein Gefühl für das Spiel zu bekommen. Als plötzlich jedoch meine kleine Schwester schlafen gehen wollte, während wir drei anderen erst so richtig Fahrt aufnahmen.
Zum Watten muss man zu viert sein. Also brachte ich meinem Vater und der größeren Schwester (wieder) das Schnellen bei. Schnellen ist viel schneller und ja, ich verstehe jetzt, warum es als unterkomplexer wahrgenommen wird, aber Schnellen spielt sich schön schnell weg, früher im Wirtshaus immer mit billigem Rotwein und viel Zigarettenrauch. Zack, zack, Stich um Stich, Punkte rauf und Punkte runter. Wir hatten heute keinen Alkohol und man raucht auch nicht mehr in Innenräumen. Ich kann mich aber an früher erinnern, als mein Vater und die anderen Rettungsfahrer in der sogenannten Stelle, also der Rettungsstation, tagelang und nächtelang Karten spielten. Wir wohnten im selben Haus wie die Stelle mit der Ambulanzengarage, das war ein weitläufiger Bau aus den Siebzigern. Manchmal wurde ich telefonisch nach unten gerufen. Dann sollte ich ins Gasthaus laufen, um Zigaretten zu kaufen. Wenn die Männer Karten spielten, qualmte die Stelle von dichtem Zigarettennebel über. Aber Alkohol war da nie im Spiel. Das kann ich bezeugen. Auch wenn man das den frühen Achtzigerjahren durchaus zutrauen hätte können.
Jedenfalls. Wo wollte ich hin. Wir spielten Schnellen und ich verlor. Mein Vater gewann. Als wir ins Bett gingen, nahmen wir uns vor, zum Frühstück weiterzuspielen.
Am nächsten Tag beim Frühstück spielten wir aber nicht, sondern schnappten uns die E-Bikes und fuhren auf die Almen. Zuerst nach Laab, dann weiter zur Neuhütte, dann runter Petersberger irgendwas-Alm und Weißenstein. Es war bereits ein bisschen kühl. Mit meiner neuen Funktionsjacke hielt ich den Wind einigermaßen aus, aber wir froren alle an den Händen. Das ist das Problem mit den E‑Bikes: Man kommt nicht wirklich auf Temperatur, vom Gefühl her erinnert es mich eher an Tretbootfahren. Man tritt ein bisschen entspannt vor sich hin und schaut sich die Gegend an.
Auf der Rückfahrt, unten in irgendeiner Schlucht, fuhren wir an einer etwas abgelegenen Ruine vorbei. Ich hielt an und näherte mich dem Gebäude. Es muss mal eine Mühle oder ein Sägewerk gewesen sein. Mein Vater erinnert sich noch an ein Sägewerk, das sich 100 Meter bachabwärts befand. Diese wurde in seiner Jugend abgerissen, als Sägewerke zunehmend elektrifiziert wurden. Das verfallene Haus musste wohl irgendwie dazugehört haben. Aber es muss wesentlich länger leer gestanden haben. Sicherlich 100 Jahre. Vom Haus standen nur noch die Grundmauern. Im Inneren wuchsen bereits dicke Fichten. Es war aber nachvollziehbar, dass da eine Mühle oder eine Säge stand. Dort kreuzten sich zwei Bäche, die mit ordentlicher Steigung von beiden Seiten vom Berg herunterflossen. Geostrategische Lage.
Zurück im Dorf brachte ich das Fahrrad zum Flex-Pub zurück, wo wir mein E-Bike ausgeliehen hatten. Danach lief ich zu Fuß zum Haus meines Vaters hinauf. Man läuft hier ständig hinauf oder hinunter. Auf der Dorfstraße begegnete ich Onkel Konrad, der nicht mehr so gut zu Fuß ist und jetzt ein elektrisches Gefährt besitzt, auf dem er in Schrittgeschwindigkeit durch das Dorf fahren kann. Er saß rechts am Straßenrand auf seinem Vehikel und hantierte mit einer Zange an der Lenkstange. Er erzählte mir, dass er mit dem Ding Schrittgeschwindigkeit fahren kann und vorne sowie hinten, große Taschen aufhängen kann. Und er spare sich 600€ pro Jahr an Kosten. Mit dem Auto sei er ja nur noch ins Geschäft und zur Tankstelle gefahren. Dafür braucht er kein Auto.
Eigentlich wollte ich ja zu meiner Mutter nach Meran fahren, aber wir beschlossen, hier oben auf dem Berg zu bleiben, wo wir uns beim Gasthaus Adler vier Pizze besorgten. Beim Warten gerieten meine kleine Schwester und ich in einen ziemlich emotionalen Streit, der mich sehr überraschte. Wir sprachen uns nicht wirklich aus. Als wir aber die vier Pizze überreicht bekamen, waren wir wieder friedlich und brachten das Essen ohne Konflikt nach Hause.
Danach wurde ich müde.
