Nachts um 2 fuhr mein Vater los, nach Tansania. Ich bekam davon aber nichts mit.
Am Morgen vor dem Frühstück nahm der Streit mit meiner kleinen Schwester noch einmal richtig Fahrt auf. Nachdem ich etwa zwei Stunden lang beleidigt wurde (mit Pausen allerdings), kündete ich der großen Schwester an, dass ich nun bereit sei, nach Meran zu fahren, und setzte mich in ihr Auto. Es dauerte noch eine Weile, bis wir losfahren konnten, aber ich hatte im Auto eine schöne Aussicht. In den Bergen hat man ja meistens eine schöne Aussicht.
Dann fuhren die große Schwester und ich nach Meran. Dort trafen wir ihre Kinder, ihren Mann und meine Mutter und wir fuhren zu einem Restaurant an einem steilen Hang, weit oben über Meran. Nach dem Essen brachte ich meine Sachen zu meiner Mutter. Dort plauderten wir noch eine Weile. Am Abend war sie eigentlich zu ihrem wöchentlichen Tanzen verabredet, ihr Tanzpartner kränkelte allerdings, weswegen sie zu Hause blieb. Ich war jedoch schon mit einer alten Schulfreundin verabredet. Mit Schulfreundin meine ich wirklich eine Schulfreundin. Wir saßen die ersten fünf Schuljahre in derselben Klasse. Sie war lange Zeit Bibliothekarin und las auch meine Novelle. Deswegen sorgte sie dafür, dass das Buch jetzt in der Meraner Bibliothek und im Südtiroler Landesarchiv aufliegt. Deswegen gingen die Drinks auf mich. Sie weigerte sich aber, sich von mir die Getränke bezahlen zu lassen, und so teilten wir uns die Rechnung.
Wir saßen in der Rossini-Bar an der Freiheitsstraße und erzählten uns aus unseren Leben. In ihrem Leben ging sie durch beeindruckende Tiefen. Wir redeten auch über Menschen von früher, über Schulkameradinnen, und über den Tod von Heike, die damals als Siebzehnjährige an ihrem Geburtstag bei einem Autounfall starb. Der Unfall erschütterte damals das ganze Dorf. Sie erzählte mir von ihrem Freund, der damals am Steuer saß. Wie Heikes Mutter ihm kein einziges Mal Schuld hatte zukommen lassen, sondern ihn vehement in der Öffentlichkeit verteidigte, während alle, wie halt immer, nach einem Schuldigen suchten.
Es wurde noch nicht allzu spät, aber auf dem Nachhauseweg schickte ich meiner Schwester vorsorglich eine Sprachnachricht, dass ich morgen nicht unbedingt nach Corvara fahren müsse. Ich hatte schon alles von meiner Schulfreundin erfahren und es sei vielleicht etwas stressig, die Fahrt nach Corvara dauerte ja fast zwei Stunden und am Dienstag führe ich ja wieder zurück nach Berlin. Meinetwegen können wir auch einfach in Meran bleiben. So ging ich ins Bett und am nächsten Tag wurde ich vom Telefon geweckt. Meine Schwester stünde startbereit, meine Mutter und ich sollten uns fertig machen, dann ginge es los, das Wetter sei viel zu schön, um einfach in der Stadt zu bleiben.
Eine halbe Stunde später fuhren wir also auf der Mebo von Meran nach Bozen und dann weiter durch das Grödental über das Joch am Sellastock nach Alta Badia. Meine große Schwester und ich sind dort aufgewachsen. Die ersten 14 Jahre unseres Lebens. Wir parkten das Auto unterhalb des Hauses, in dem wir wohnten, stiegen aus und liefen die früheren Pfade ab. Das kleine Wäldchen, in dem wir uns ständig aufhielten, zum Lebensmittelladen, der heute ein Sportgeschäft ist, die Straße runter, an den Cafés vorbei. In die Kirche, in der mir der kleinen, vergessenen Teufel wiedersah, an den ich die letzten vierzig Jahre nicht mehr gedacht habe. Den großen Parkplatz, auf dem ich Fahrradfahren lernte, gibt es heute nicht mehr in der Form. Der Parkplatz ist jetzt kleiner und auf einen Teil weiter südlich beschränkt und der andere Teil ist heute eine Bühne, sicherlich für kleine Events, die vornehmlich auf Touristen ausgelegt sind. Blechbläser wahrscheinlich, oder kleine Kammerspiele. Der ganze Ort ist mittlerweile völlig touristifiziert und außerhalb der Saison auch ausgestorben. Meine Schulfreundin warnte mich bereits davor. Ich dürfe nicht enttäuscht sein, wie ausgestorben es im Oktober sei. Sie erzählte auch, dass in den beiden Saisons (also im Sommer und im Winter), sonntagmorgens keine Gottesdienste mehr stattfänden, weil sich sonntags keine Chorsängerinnen mehr finden ließen, die stattdessen in den Hotels die Besucherströme abfertigen mussten. Schließlich sind die Sonntagmorgende immer jene Tage, an denen Besucherinnen ab- oder anreisen.
Wenn der katholische Gottesdienst am Sonntagmorgen wegen Geldgier ausfällt, dann befinden wir uns wirklich am Abgrund. Das leuchtet sogar mir als Atheisten ein.
Wir hatten dennoch einen wunderschönen Tag, in dem wir uns in Erinnerungen schwelgten. Etwas schockiert war ich darüber, dass es den Ort, an dem ich meine erste Zigarette rauchte, nicht mehr gab. Früher war das eine Art Verkehrsinsel, mit drei Bänken, auf der man sitzen konnte. Eine Art Mini-Park. Dort, wo ich meine erste Zigarette rauchte, liegt heute Asphalt und die Autos biegen dort links ab, auf den Weg zum Joch.
Weil wir nur diese paar Stunden hatten, beschlossen wir auch, niemanden von früher zu besuchen. Lediglich Paolina, unsere langjährige Nachbarin. Von der ich immer dachte, sie sei vielleicht fünf Jahre älter als ich. Heute fand ich dann heraus, dass sie fast fünfundsechzig ist. Sie sieht aber immer noch nur fünf Jahre älter aus. Eigentlich sind nur ihre Haare grau geworden, ansonsten ist bei ihr alles gleich geblieben. Sie war einmal in Berlin. Damals stand noch die Mauer. Sie nannte Berlin die schönste Stadt, die sie jemals gesehen hat. Über die Schönheit Berlins gibt es sicherlich sehr unterschiedliche Meinungen. Sogar ich, als mehr oder weniger überzeugter Berliner, finde die Stadt größtenteils unfassbar hässlich. Ich wollte ihr aber nicht widersprechen und lud sie ein. Ich würde ihr sehr gerne die Stadt zeigen.
Es wurde dann sehr schnell, sehr spät und dann machten wir uns auf den langen Weg zurück nach Meran. Auf dem Grödner Joch fotografierten wir noch die Abendsonne an den Felsen am Pisciadu. Irgendwelche Influencer hatten Kameras für ihr Social Media aufgestellt. Überhaupt Influencer. Alle beschweren sich über Influencer. Dass die Tourismusbehörden die Bewohnerinnen und Hotelbesitzerinnen dazu auffordern, die Influencer zu hofieren und ihnen kostenlose Unterkünfte bereitzustellen. Aber niemand will das mehr. Außerdem kommen die Gäste auch so. Für die, die die Gäste wollen, und für die, die die nicht mehr so wollen.

