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Engel (Mehrzahl)
Als ich sechzehn war, gab es diesen einen Tag, dessen merkwürdigen Verlauf mich erst viele Jahre später zum Nachdenken brachte.
Am Abend sollte es eine Party geben, auf einem Bauernhof, unten im Etschtal, südlich von Bozen, keine Ahnung, wem der Hof gehörte, aber wenn wir mit dem Auto kämen, würde es eines der Gebäude direkt an der Hauptstraße sein, sagte man mir, gleich das Erste hinter dem Ortsschild „Neumarkt“ beim Verlassen desselben Ortes, das war nicht zu verfehlen. Es sei für alles gesorgt, zum Rauchen, zum Essen, und ein paar von den Pillenleuten seien auch da, und zum Trinken gäbe es sowieso.
Alte Freunde aus dem Dorf, in dem ich aufgewachsen war, waren bei mir zu Besuch. Mit ihrem Fiat UNO waren sie viele Kilometer aus ihrem weit entfernten Tal gekommen. Die Freude war groß, wir hatten einander seit vielen Jahren nicht mehr gesehen, obwohl wir sozusagen Sandkastenfreunde gewesen sind und mir der Abschied damals sehr schwer gefallen war.
Es sollte ein ereignisreicher Tag werden, schließlich wollte ich meinen Sandkastenfreunden zeigen, wie gut es mir ging, in meinem neuen Dorf. Das war ja auch viel näher an der Hauptstadt dran, nur eine halbe Stunde den Berg runter, und nicht so weit weg, in den hintersten Dolomitentälern, wo die herkamen.
Wir gingen erst ins Dorf, um uns zu betrinken, rauchten auf dem Weg einige Joints, trafen drei weitere Freunde aus dem Nachbardorf und als es anfing zu dämmern, beschlossen wir, runter ins Tal auf die Party zu fahren. Zu siebt im UNO, der Fahrer völlig betrunken, die Passagiere auch, rauschten wir mit den SexPistols durch die Eggentaler Schlucht, immer so, als gäbe es keine zweite Fahrt mehr. Ich war damals schon in einem Zustand, bei dem ich heute sicherlich nicht mehr eine Dreiviertelstunde irgendwohin fahren würde, nur um mich noch weiter zuzudröhnen. Bei mir hatte schon eine dieser Apathien eingesetzt, bei der ich zwar noch sprach, die Buchstaben mir aber vereinzelt aus dem Munde flogen und jeder davon in seine eigene Zeitschicht versank, zwischen den Schlägen des Schlagzeuges in eine unsichtbare Lücke verschwand, zu einem verzögerten Moment von irgendwoher wieder auftauchte und meinem zuhörenden Gegenüber in komplett verdrehter Reihenfolge zu erreichen schien. Und wenn ich nicht sprach, dann durchsiebte mich Johnny Rottens Rotzstimme.
Der Fahrer konnte eigentlich nicht mehr fahren, obwohl er mit gefühlten hundert Sachen durch die Schlucht fuhr. Von früher wusste ich noch, dass er den Alkohol noch nie besonders gut vertragen hatte. So war er einer dieser Typen, die völlig die Kontrolle über ihr eigenes Bewusstsein zu verlieren scheinen. Oder es ist eine Art Übermut, die diese Leute bekommen, ich weiß es nicht genau. Wenn er trank, dann wurde er immer furchtbar laut und aggressiv, obwohl er sonst eher von der schüchternen und leisen Sorte war, wie Käse halt. Aber als er betrunken war, wurde er schon mal handgreiflich gegen einen alkoholisierten Rentner, der ihn einmal nicht ganz richtig angeguckt hatte. Der Freund zog damals seinen Schwanz aus der Hose, so richtig mitten in der Kneipe, und schrie den Mann an, er solle ihn doch lutschen, komm her, komm her, ich zeig’s dir. Wir mussten ihn zu dritt aus der Kneipe zerren, während er noch immer mit seinem Geschlechtsteil herumwedelte und auch draußen nicht daran dachte, ihn einzupacken, sondern nur nach seinem Wein fragte.
Auch an jenem Abend war er wohl schon so weit. Nicht, dass er autofahrend seinen Hosenschlitz öffnete, sondern dass sein Verstand nicht mehr das tat, was er hätte tun sollen. Zweimal streiften wir überstehende Felsen, aber das tat nichts, waren ja nur Kratzer. Bis sich dann vor uns eine Felswand auftürmte, auf die wir geradewegs mit einiger Geschwindigkeit zusteuerten. Es war eine etwas scharfe Kurve und in meinem Gedächtnis spielt sich dieser Moment immer noch in Zeitlupe ab, wie die Felswand näherkam, und ich schon wusste, dass der Fahrer die Wand nicht wahrnahm, sondern lachte und sich zur lauten Musik amüsierte, und ich hatte irgendjemanden auf meinem Schoß, der ungeduldig rumzappelte oder zur Musik mitschwang. Sah ich nur die Felswand näherkommen, konnte ich vor lauter sich in Zeitschichten versenkenden Buchstaben nichts mehr sagen. Ich starrte nur die Wand an und guckte, wie sie näherkam, ohne jetzt sonderlich erschrocken zu sein, sondern bloß mit diesem Blick auf den Felsen gerichtet, und dass es das nun vielleicht wohl gewesen sei, wohl Tod, vielleicht auch bloß ein Erwachen aus einem wilden Traum, weil eben alles vergänglich ist, wie auch die tiefste Nacht und der größte Schmerz.
Bis ein Freund neben mir auf der Hinterbank sich mit einer ungeheuerlichen Geschwindigkeit nach vorne bückte, über den zappelnden, kleinen Kerl auf unserem Schoß hinweg, laut schrie, das Steuer fasste und dieses nach links riss. Ich sah nicht mehr viel, es war ja schon dunkel, hörte nur ein lautes Krachen auf der rechten Seite des Wagens, und es wurde mir etwas schlecht wegen der plötzlichen Wendung des Autos. Das Licht ging aus, die Musik verstummte, und wir kamen zum Stillstand. Ich glaube, kaum jemandem war so richtig bewusst, was geschehen war. Mir selbst leuchtete es erst viele Jahre später ein, dass wir am nächsten Tag in einem dieser klassischen Zeitungsberichte hätten stehen sollen, die von betrunkenen, verunglückten Jugendlichen auf den Südtiroler Bergstraßen berichteten. Diese Berichte, die mehrmals pro Jahr erschienen, bei denen die Leute immer die Hände vor den Augen halten und zum Gebet anzusetzen scheinen, oder noch ein Glas Wein nachbestellen.
Das Einzige, was uns in dem Moment beschäftigte, war, dass wir dem Fahrer die Fahrerlaubnis entzogen. Er musste nach hinten, weil das so nicht ging. So kämen wir niemals zur Party, wenigstens nicht heil, und wir wollten ja nicht unheil ankommen, weil dass man überhaupt nicht ankommen könnte, stand ja gar nicht zur Debatte. Also übernahm jemand anders das Steuer. Er lächelte, fügte sich aber und wir fuhren weiter.
Doch hier hört die Geschichte noch nicht auf. Eine halbe Stunde später erreichten wir die Party. Ein riesiger Bauernhof im Etschtal, wohl verlassen, wie mir schien, aber noch in gutem Zustand. Ich kann mich erinnern, dass wir uns hauptsächlich im hölzernen Teil des Gebäudes aufhielten. Es muss so etwas wie eine Scheune gewesen sein, die jedoch direkt mit dem steinernen Teil verbunden war.
Leute standen herum und rauchten Pfeifen, es lief Musik, die sich dem hochsteigenden Rauch anzupassen schien. Ich zog überall gerne mit, bekam von einer Freundin eine Handvoll Pilze, trank weiter und zählte die Farben oder sprach Sprechblasen, wenn ich versuchte, jemanden zu erreichen.
Irgendwann packte mich dann der Hunger und ich legte mir Zucchinis auf den Grill, der da stand. Drinnen in einem großen Raum wartete ich, bis sie fertig waren, stopfte sie in ein Brot und gesellte mich zu den Leuten, die da am Boden herumsassen, knutschten, Gitarre spielten oder sonstwas taten.
Zum Essen lehnte ich mich zurück an die hölzerne Wand. Es sollte gemütlich sein, oder auch nicht. Ich sitze einfach ungerne verkrampft. Ich öffnete meinen Mund, um hineinzubeißen, und merkte dann, dass die Wand hinter mir nachgab. Es musste eine Tür sein, dachte ich mir, ohne mich umzusehen. Irgendwie fand ich es ja witzig, und ich hatte keine Lust, mich umzudrehen oder mich anzustrengen, mich vor dem Rückfall zu bewahren. Ich konnte mich einfach zurücklehnen, lachen über das Missgeschick und mich dann wieder aufrappeln und weiteressen. Jedoch gab es dahinter keinen Boden. Das merkte ich, als mein Oberkörper schon tiefer lag als meine Beine und nichts zu kommen schien, das mich auffangen würde. Mein Hintern muss dann einfach mitgegangen sein, und bald darauf verließen auch meine Beine den festen Boden.
Später wird man mir sagen, dass dies ein angelehntes Scheunentor war, das in die Tiefe führte. Nach draußen. Wahrscheinlich um von den verschiedenen Stockwerken das Heu hinunterzuschmeißen. Genau, hab ich das noch nie verstanden. Aber so fiel ich eben. Es ging alles sehr langsam. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken. Wie tief es da wohl hinuntergehen würde – ich fiel ja mit dem Rücken voraus, also konnte ich das nicht sehen –, ob ich im Wasser landen würde oder in einem tiefen Schacht, wo ich stundenlang eingequetscht, um Atem ringend, festsitzen würde, oder ob ich auf irgendwas drauffallen und mir das Genick brechen würde.
So fiel ich vor mich hin und sah während des Fallens noch ein knutschendes Pärchen zwischen meine Beine hindurch, die sich in einem unteren Geschoss befanden, mit ebenfalls offenem Scheunentor, aber dann wirklich offen und nicht bloß angelehnt.
Die beiden sahen mich auch, und ich wollte den beiden zuwinken und sie fragen, ob sie mir helfen können mit meiner unglücklichen Situation. Ich wisse ja nicht, was mit mir passiere, ich wäre so alleine da draußen und das käme alles so plötzlich. Mir kam es so vor, als ob der Junge tatsächlich von seinem Mädchen abließ und mir hoffnungsgebende Worte zuwerfen wollte, aber dann landete ich plötzlich ganz hart auf festem Boden. Ich glaube, mich an einen Rülpser erinnern zu können. Daraufhin stand ich gleich wieder auf, um mein Zucchinibrot zu suchen. Der Sturz war vorbei, und nun konnte ich weiterfeiern, vor allem mal endlich essen. Das Grillen hatte schon lange genug gedauert, und dann das mit diesem doofen Sturz.
Aber das mit dem Stehen ging nicht so gut. Nach einem sehr verwirrten Halbkreis stürzte ich zu Boden und blieb da. Ich guckte nach oben und sah viele Köpfe aus einem erhellten, viereckigen Loch herausragen, die meinen Namen riefen, Mek, alles gut, Mek, und ich sagte sowas Ähnliches wie „ja“ und „Zucchinibrot“, aber wenn ich die Augen offen hielt, dann wurde mir sehr schlecht, und irgendwie fand ich das alles sehr komisch und lächelte in mich hinein, dass ich doch wieder mal was Komisches angestellt hatte.
Danach ging alles schnell. Der Krankenwagen war sofort da, als ob sie hinter der Mauer auf mich gewartet hätten, wie der Sensenmann, der einem auflauert und nur auf den richtigen Moment wartet. Oberhalb meines Gesichtes hörte ich laute Stimmen, die von einem großen Stein sprachen, von dem mein Kopf zehn Zentimeter entfernt lag, und diese Sanitäter, die irgendwas an mir herummachten und mich mit zehn oder zwanzig Händen festhielten, während sie eine merkwürdige, harte, aber meinem Körper sich anpassende Masse unter mich schoben. Fragen, ob es hier schmerze oder hier, ob ich das fühle oder das, ein Lichtstrahl direkt in meine Augen und dies, obwohl ich sie fest zuhielt, weil sich sonst alles ganz furchtbar drehte. Und dann wurde ich ins Krankenhaus eingeliefert. Die Sirenen nervten mich, ich bat eine Frau, die neben mir an der Bahre saß, die Sirene auszuschalten, ich sei ja schließlich ganz in Ordnung und kein Fall für den Notarzt, mein Herz schlüge noch ganz lebendig, ich sei doch nur gefallen, ach, das passiere mir so oft, überhaupt wenn ich ein bisschen zu viel getrunken hatte, und sie sagte: „Ja, ja, wir schalten die schon aus“, und ein paar Minuten später heulte sie schon wieder los.
Ich hatte nur einen leichten Oberarmbruch. Ganz unkompliziert, einfach ab, ein Bruch, der in Kürze wieder heil sein würde. Der Arzt war wütend auf mich und meinte, ich hätte tot sein sollen bei solch einem Fall, schüttelte dauernd den Kopf und wiederholte immer wieder, dass ich wenigstens einen gebrochenen Rücken haben müsste, bei dem ich für den Rest meines Lebens im Rollstuhl sitzen würde, und ich müsse einen guten Schutzengel oder gleich eine ganze Armee davon haben.
Diesen Tag gedenke ich nun regelmäßig. So auch heute. Diesmal mit Publikum.
9 April Freitag/Friday
Nach drammatischen Zugevrsaeumnissen in Wuppertal und Dortmund spaetnachts, ist sie dann heutfrueh frisch aus Suedtirol hereingeweht. Meine Schwester Astrid.

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7 April Mittwoch/Wednesday
Zurück zu den Lebenden. Ich kann jetzt von ekligen Details berichten, wie gestern früh meine Eiterbeule am Steißbein von selbst geplatzt war, aber ich beschränke mich lieber auf die Vorgänge im Krankenhaus. Ich bin da ja nicht oft, deshalb kann ich untraumatisiert darüber berichten. Dort angekommen wurde mir mitgeteilt, mich auszuziehen und auf ein Bett da drüben zu legen, den Zettel über Narkosen durchzulesen und zu unterschreiben, dann würde der Anästhesist kommen und mich einschläfern. An diesem Punkt ging Julietta weg, die mich die ganze Zeit begleitet hatte. Sie würde mich nach der OP mit dem Auto abholen. Während dem Lesen jenes Zettels schlief ich jedoch ein, so müde war ich von der letzten Nacht, in der ich wegen des Schmerzes kaum ein Auge zugedrückt hatte. Fünf Stunden später erwachte ich wieder, mit dem Zettel in der Hand, füllte ihn weiter aus und rief dann die Krankenschwester. Irgendwie hatten die mich wohl vergessen, denn danach ging alles schnell. Ich wurde in den OP-Raum geschoben und die Anästhesistin mit Fragen beworfen:
A: Rauchen Sie?
M: Ja.
A: Natürlich, Sie wohnen ja in der XXXXXXXXstrasse. Da raucht jeder.
M: Oh?
A: Dann nehmen Sie auch Drogen.
M: Nein.
A: Natürlich. Kommen Sie, Sie müssen mir schon die Wahrheit sagen.
M: Ich nehme keine Drogen.
A: Aber früher schon?
M: Ja, früher schon.
A: Na, sehen Sie. Welche Drogen waren das?
M: Alle.
A: Na, sehen Sie.
M: Sind sie diejenige, die mich am Arsch aufschlitzt?
A: Nein. Ich bin diejenige, die Ihnen das Gift verabreicht. (Satanisches Grinsen.)
M: Wer wird mich dann aufschlitzen?
A: Der kommt gleich. Wo kommen Sie eigentlich her? Sie haben einen merkwürdigen Akzent.
M: Südtirol.
A: Ach wie schön, ich fahre jedes Jahr nach St.Christina. Aber ihr Akzent klingt irgendwie anders. Ich kenne die Leute da.
M: Ich habe einige Jahre in Holland gewohnt.
A: Ah Holland. Haschisch.
M: Nein. Holland. Käse.
(Sie stach mir einen Schlauch in die Hand und verband das mit einer Flasche, die über mir hing.)
M: Was ist das?
A: Wasser.
M: Aha (ich bin sehr gutgläubig), wofür?
A: Sie sind etwas ausgetrocknet.
(Dann hielt sie mir eine Maske mit komisch riechender Luft über dem Gesicht.)
M: Das ist Ether? Damit ich einschlafe, oder? Das hab ich im Fernsehen gesehen.
A: Nein, das ist D. (irgendein Wort mit D), wirkt besser.
(Dann ging die Tür auf und der Chirurg kam rein.)
A: Das ist der Typ, der Sie aufschlitzen wird.
M: Oh, der sieht sehr vertrauenswürdig aus.
A: Ja, es gibt keinen in der Stadt, der so gut aufschlitzt.
M: Hmm.
Ich glaube, mit dem ‚Hmm‘ wollte ich eigentlich was sagen, aber da trat ich weg. Anästhesisten sind gefährliche Leute, glaube ich. Die sollte man nicht frei rumlaufen lassen.
Kurz danach fand ich mich in einem anderen Raum wieder. Ich blickte auf und sah drei weitere Betten mit Leuten drauf. Ich hatte Durst, also stand ich auf und wollte mir was zu trinken besorgen. Ungefähr gleichzeitig geschahen dann zwei Dinge: Erst sprang ein Typ, den ich gleich als Krankenpfleger identifizierte, zu mir herüber und meinte „Hey, was machen Sie da?“, und in dem Moment merkte ich, dass mein Körper mit Kabeln und Schläuchen verbunden war. Weit wäre ich eh nicht gekommen. Ich war überraschend schnell wach geworden. „Ich habe Durst“ sagte ich. Der Pfleger holte mir ein Glas Wasser. „Wann werde ich eigentlich operiert?“ wollte ich wissen. „Das haben Sie schon hinter sich“. Ich war verblüfft. Der Schlaf kam mir vor, als ob er nur eine Minute gedauert hätte. Ich fühlte an meinem Hintern und merkte, dass ich eine Art Windel trug. „Also, kann ich nun gehen oder?“ „Nein, das geht nicht, Sie müssen noch drei Stunden hier bleiben“ „Drei Stunden? Das schaff ich nicht. Ich will eine Pizza. Ich kann nicht mehr liegen.“ „Es tut mir leid. Legen Sie sich noch etwas hin.“ „OK, können Sie mir etwas zu lesen geben, ich kann hier nicht einfach so liegen“. Der Pfleger ging weg und kam kurz darauf mit einem Bayern-Urlaubsprospekt zurück. Ich nahm das Prospekt dankend an und vertiefte mich darin. Ich kann mich an kein Wort mehr erinnern, das darin vorkam. Erst zuhause fiel mir das Bayern-Prospekt wieder ein. Ein Bayern-Prospekt. Der Pfleger hatte mich sicherlich verarscht. Wahrscheinlich kennt er die mentale Verfassung seiner Narkosepatienten.
Nachdem ich das aber alles durchgelesen hatte, wurde ich wieder ungeduldig und verhandelte mit dem Pfleger, dass ich schon eine Stunde früher nach Hause dürfe. Und dann kam der türkische Bettenschieber plötzlich (vielleicht befand ich mich wirklich im Halbschlaf, weil immer alles so plötzlich geschah) und schob mich durch das halbe Krankenhaus. Wir unterhielten uns blendend über unser Leben und über Nachtschichten, dann trafen wir noch seine ganze Familie in irgendeinem Gang, einen ganzen Haufen türkischer Kinder und Frauen im Kopftuch. Ich fragte nicht, warum die hier wären, mir kam das ganz normal vor. Dann kam ich zurück in das Zimmer, in dem ich ganz am Anfang war. Da bekam ich meine Sachen wieder und durfte mich anziehen. Also stand ich da, voll angezogen und bereit zu gehen, jedoch musste ich noch eine Stunde warten. Julietta war schon informiert. Ich nervte die anwesenden Pfleger mit meiner Ungeduld, und einer gab mir einige Cents und zeigte mir den Raucherraum, wo ich mir bei eventuell anwesenden Rauchern eine Zigarette kaufen konnte. Und tatsächlich saßen dort etwas runtergekommene Patienten am Rauchertisch, gaben mir eine Zigarette und dann war ich glücklich. Um zehn kam dann Julietta, ich kam nach Hause und konnte endlich Pizza bestellen.
