[So, 12.7.2026 – Wasser, Essen]

Wir waren alle ausgiebig im Fluss baden. Dabei hatten wir ungemeinen Spaß und die Kinder fragten, warum wir das nicht schon früher getan hatten. Nun. Hatten wir eigentlich ja, aber der Spaß war vorher weniger gewesen. Warum der Spaß damals weniger war, blieb jedoch ungelöst.

Auch die Hündin kam heute mit. Sie kann mittlerweile schwimmen, sie ist dabei aber sehr aufgeregt, und bei der Tiefe des Flusses habe ich Angst, dass sie sich verausgabt und etwas passiert. Ja, auch ich habe das Recht, mal besorgt zu sein. Für unsere Kajakfahrten kaufte ich ihr im Winter eine Schwimmweste. Auch wenn Hunde schwimmen können, empfiehlt es sich, sie mit einer Schwimmweste auszustatten. Wenn es auf dem Wasser nämlich zu Unfällen kommt, dann geht das nämlich immer mit Stresssituationen einher und eine Weste verhindert Übermüdung bei Stresssituationen. Weil ich das Kajak in Berlin lassen musste, aber die Schwimmweste dabei hatte, zog ich sie ihr an, und so sprang sie mit in den Fluss. Anfangs war sie aufgeregt, nachdem sie aber zu merken schien, wie sie mit der Weste trieb, beruhigte sie sich und watete vor sich hin. Sie tat das Gleiche, wie auch zu Land. Sie watete von Mensch zu Mensch, um zu sehen, ob auch alle beisammenblieben. Was nicht ganz einfach war, weil die beiden Kinder ständig das Wasser verließen und vom Ufer her als Arschbomben in das Wasser sprangen.

Den Rest des Nachmittages saßen meine Frau und ich oben im Schatten des Hauses auf den Bänken und lasen. Die Freunde fuhren ins Dorf und die Kinder lagen im Gästehaus. Das Wasser hatte uns cremig gemacht.

Übrigens schrieb ich auffallend wenig über das Essen. Heute aßen wir Risotto mit einer selbstgemachten Brühe aus Garnelenabfall. Neulich aßen wir nämlich Garnelen als Snack. Die Freundin aus Südtirol wollte die Schalen nicht einfach so wegwerfen, sondern kochte den ganzen Abfall einfach zu Brühe ein. Eine wirklich hervorragende Idee. Heute verwendete sie diese Brühe für Risotto mit Muscheln und Meerestieren.

Was aßen wir sonst noch? Pizza aus unserem Pizzaofen natürlich. Leider hatten wir den Teig diesmal nicht im Griff. Fotos poste ich deswegen keine. Einmal gab es Pasta al limone, gestern machte meine Frau kaltgekochten Lachs, am ersten Tag bereitete ich Pesto zu und einmal grillten wir. Meinen in Wien sozialisierten Freunden wollte ich eine Freude bereiten, indem ich schwedische Käsekrainer, also sogenannte Eitrige, auf die Liste setzte. In meiner Sozialisation gehören Eitrige nämlich zum Wiener Kulturgut, wo man schon morgens eine Eitrige mit einem Gschissenen zu Bier bestellen kann. Diese Gastgeberfreude wurde aber nur mittelmäßig geteilt.

[Mo, 13.7.2026 – Insignien, Werkzeug]

Wir gehen hier ja mit den letzten Sonnenstrahlen ins Bett. Gestern schien sogar noch lange die Sonne ins Zimmer herein, während meine Augen mir zufielen. Unsere Freunde fuhren heute wieder zurück in den Süden. Die Hündin schien sich den ganzen Tag zu fragen, wo die ganze Action plötzlich hin ist. Keine wilden Jungs mehr, die ständig Bälle werfen und sich jagen lassen.

Die Hündin hat uns beim Schwimmen übrigens zerkratzt. Gestern liefen wir alle mit ihren Insignien (drei rote Striche, der mittlere Strich länger) durch die Gegend. Sie wollte uns ja nur immer retten. Die gute Absicht stimmt uns milde.

Am Nachmittag fuhren wir in die Stadt, um ein paar Erledigungen zu machen. Kissenbezüge und Schrauben. Als wir wieder zurück waren, wollte ich den leckenden Schlauch reparieren und musste feststellen, dass mir ein Anschlussstück fehlte. So geht es hier eigentlich die ganze Zeit. Es fehlt eine Kleinigkeit, dann müssen wir in die Stadt. Das ist bei Werkzeug so, aber auch beim Essen. Die Stadt ist nicht gerade um die Ecke, sondern etwa 30 Autominuten entfernt. Ich weiß nicht, wie andere das machen. Vermutlich planen sie die Stadtbesuche sorgfältiger. Berlinbewohner wie wir sind es schlichtweg nicht gewohnt, etwas nicht sofort zur Verfügung zu haben.

Zurück im Wald spielten wir Memory. Ja genau. Ich verlor.

[Di, 14.7.2026 – Sack, komplexitätslose Probleme, wenig Lektüre]

Ich überlege schon die ganze Zeit, wie ich das Geschehene einigermaßen in einer künstlerischen Form auf Papier bringen kann, deswegen am besten einfach direkt: In meinem Hodensack hat sich eine Zecke festgebissen. Ich fand es ja immer schon seltsam, dass sich Zecken vorzugsweise auf dem Bauch oder dem Rücken festsetzen, während es sich doch wesentlich geräuschloser dem Zeckenbusiness nachgehen lässt, wenn man sich an versteckteren Orten einnistet. z. B. in Achselhöhlen oder im Schamhaar oder eben auf dem Hodensack. Wir checken uns jeden Abend vor dem Schlafengehen wegen Zecken ab. Wie präzise ich dabei den Hodensack untersucht hätte, lässt sich schwer sagen. Ich entdeckte das Spinnentier heute auch nur zufällig, weil ich von der Außendusche kam und mich vor dem Haus beim Trocknen in der Morgensonne die Eier kraulte.

Die Kettensäge habe ich übrigens immer noch nicht in Betrieb genommen. Sie wurde in zwei Teilen geliefert und muss noch zusammengebaut werden. Ich verstehe nicht, wie ich das Schwer samt Kette auf den Motor anbringen muss. Die Anleitung ist sehr präzise, sie lässt jedoch genau diesen einen Schritt aus. Auch die KI ist dabei keine Hilfe. Deswegen legte ich die Maschine vor einigen Tagen beiseite, um das Problem auf später zu verlagern. Die Probleme, die ich hier habe, sind sonst alle schön zweidimensional, die sich mit Tatkraft aber sonst unkompliziert lösen lassen: ein umgefallener Baum, ein schwerer Gegenstand, dichtes Gras, ein verirrter Schmetterling, fehlendes Brot, fehlendes Bier. Mein Leben würde ich gerne auf dieser Komplexitätsebene belassen.

Heute ging es mir nicht besonders gut. Letzte Nacht schlief ich schlecht. Ich war den ganzen Tag müde und kraftlos. Irgendwas hat mich heimgesucht. Wir haben hier 30 Grad, während es in Berlin angenehme 24 sind. Der Norden ist auch nicht mehr das, was er früher einmal war. Zugegebenermaßen sind die 30 hier wesentlich erträglicher als in Berlin. Außerdem kühlt es nachts immer gut ab. Noch. Dafür saß ich den ganzen Tag im Schatten vorm Haus und las. Ich habe nur drei Bücher mitgenommen. Wenn ich mit Knausgård durch bin, dann bleiben nur noch zwei dünne Bücher übrig. Die Traumnovelle von Schnitzler und von Schirachs Regen. Die lese ich vermutlich in einem Rutsch durch.

[Mi, 15.7.2026 – Waschen]

Als ich bereits im Bett lag, überkam mich das Bedürfnis nach einer Dusche. Mir war warm. Die Dusche steht zehn Meter von dem Haus entfernt, das Wasser im Schlauch würde aber nicht mehr warm sein, da der Schlauch sicherlich schon einige Stunden im Schatten gelegen hatte. Ich fühlte mich aber überaus unwohl, das bisschen kaltes Wasser würde mich schon nicht erschrecken. Allerdings vergesse ich hier im schwedischen Wald immer wieder, was für ein Warmduscher ich in Wirklichkeit bin. Als ich das Wasser anmachte, hörte mich meine Frau, die im Haus oben im Schlafzimmer lag, schreien. Deswegen schaltete ich das Wasser auch sofort wieder aus. Dann ging ich in die Küche und füllte einen Eimer mit heißem Wasser. Ich möchte wirklich wissen, wie sich die Menschen in diesem Haus vor hundert Jahren wuschen. Es gibt hier nämlich kein fließendes Wasser. Erst seit einigen Jahrzehnten ist der Brunnen unten am Fluss mit dem Waschbecken in der Küche verbunden. Das war einmal ein kleiner Bauernhof für arme Leute. Ein sogenanntes Soldat Torp. Es wurde von Soldaten bewohnt, die in Friedenszeiten Kleinbauern waren, während in Kriegszeiten die Frau den Hof alleine bewirtschaftete. Kam der Bauer aus dem Krieg nicht zurück, musste die Witwe Platz für den nächsten Soldaten machen. Manchmal heiratete die Witwe den neuen Soldaten. Meist verarmten die Witwen aber.

Vermutlich wuschen sie sich in Badewannen. Einmal die Woche. Wie meine Mutter aus ihrer Kindheit erzählte. Dass zuerst der Vater in die Wanne stieg, dann die Mutter und sich dann einmal die ganze Hierarchie herunterwusch, bis sie als jüngste Tochter zum Schluss in einer Dreckbrühe am Zug war.
Wir haben letztes Jahr aber eine Außendusche gebaut. Eine kleine Holzplattform auf Betonfüßen, an der wir im Sommer vier Schotten aus Leichtholz dran festmachen. Das warme Wasser kommt von einem 40 Meter langen Schlauch, der den ganzen Tag in der Sonne liegt. Der Schlauch ist nämlich nur an das kalte Brunnenwasser angebunden. In Zukunft werde ich den Schlauch an die Regentonne anbinden, um Brunnenwasser zu sparen, aber die Regentonne habe ich noch nicht so funktional eingesetzt bekommen, wie ich mir das wünsche. Alternativ kann ich Wasser aus dem Fluss hochpumpen. Dafür kaufte ich letztes Jahr eine Pumpe, die 14 Höhenmeter überwinden kann. Aber um das alles einigermaßen praktikabel betreiben zu können, muss ich mehr ausprobieren und mir noch einige Gedanken dazu machen. Bisher wuschen wir uns im Fluss. Oder an einem kleinen Waschbecken.

Ey, aber wir haben hier 1Gb Glasfaser mitten im Wald.