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[woran ich mich erinnern will. KW33]

Posted on August 19, 2018September 3, 2022

Am Dienstagmorgen 4:16 klingelte mein Wecker. Wenige Stunden später saß ich im Flieger nach Kiew.

Ich saß auf dem Mittelsitz. Links neben mir eine junge Frau in Hotpants die durchgehend Selfies von sich nahm. Mit Peacezeichen, mit ausgestreckter Zunge, mit winkender Hand. Rechts neben mir saß ihr Freund. Wenn sie keine Selfies schoß, quatschte sie mit ihrem Freund. Über mich hinweg. Als ich merkte, dass die beiden vermutlich sehr viel miteinander sprechen würden, bot ich dem Mann an, sich auf meinen Platz zu setzen. Er lehnte ab und zeigte auf seine langen Beine.

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Ich fahre tatsächlich seit Wochen der Hitze hinterher. Gerade ist es in Berlin etwas abgekühlt, jetzt fahre ich in den Ofen namens Kiew.

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Wir sollten vom Flughafen abgeholt werden. Die Frau die uns abholen würde schickte uns ein Foto mit, damit wir sie erkennen. Das Foto zeigte eine Frau von beinahe klischeehaftiger Schönheit. Ein kühler Blick, hohe Wangenknochen und wallendes, blondes Haar. Fast unangenehm schön.

Am Flughafen erkannte ich sie sofort und ich war etwas erleichtert, dass sie mollig war und mehrere Jahre älter als ich. Mehr eine umwerfend schöne Dame als klischeehafte Schönheit. Ich weiß nicht, warum mich das erleichterte.

Sie trug ein elegantes, blaues Kleid, dazu blaue Pumps und eine Perlenkette. Sie fuhr einen Jeep. Ein junger Mann begleitete sie. Er sprach gutes englisch. Man wollte uns Kiew zeigen, das Englisch der Dame war nicht ganz flüssig, daher eignete es sich vermutlich, wenn jemand besseres englisch sprach.

Als wir zum Mittagessen ins Restaurant gingen ereignete sich folgendes: die Dame ging voran, hinter ihr meine Kollegin, danach ich und hinter mir der junge Mann. Vor der Tür blieb die Frau stehen. Dann schaute sie zu uns zurück und sagte etwas auf russisch. Es klang wie ein Vorwurf. Der junge Mann beeilte sich nach vorne und öffnete ihr die Tür. Ich bin mir nicht sicher wie ich das einzuordnen habe, jedoch vermutete meine Kollegin, die etwas russisch spricht und eine osteuropäische Affinität hat, dass mir als ältester Mann die Rolle des Türöffners zugedacht war. Danach achtete ich den ganzen Tag nur noch auf geschlossene Türen.

Bis wir ins Auto stiegen. Mein Platz war hinterm Fahrersitz, also stieg ich an der linken Seite ein, wo auch sie als Fahrerin einsteigen würde. Sie blieb vor der geschlossenen Autotür stehen. Der junge Mann, der eigentlich rechts vorne saß, lief schnell um das Auto herum und öffnete ihr die Tür. Ich verstehe sowas immer erst zehn Sekunden zu spät.

Für sie bin ich vermutlich ein Barbar.

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Wenn ich ehrlich bin, weiß ich wenig über die Ukraine. Hinter Frankfurt O kommt Polen, da kann ich die Städte noch einigermaßen gut verorten, aber hinter Krakau wirds dann schwierig. Lemberg, Kiew, Ostukraine, Moskau. So ungefähr. Luhansk kenne ich noch vom Europaleague Spiel gegen Hertha. Weiter unten ist die Krim, weiter oben die baltischen Staaten. Die baltischen Staaten kenne ich gut, da war ich bereits mehrmals. Aber die Ukraine. Punktpunktpunkt.

Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, dann schaue ich auf Youtube manchmal diese endlos langen Filmfolgen von Dashcam Aufnahmen aus Russland an. Also Verkehrsunfälle, Leute die aus Autos aussteigen und andere Leute in Autos bedrohen und solch dummes Zeug. Von der Spree aus sieht die Ukraine eben aus wie ein kleines Russland. Also ein Land in dem Leute aus Autos aussteigen und andere Leute in Autos bedrohen. Nur in klein halt.

Dann liest man über das Problem mit den präparierten Geldautomaten und den militärischen Konflikt wegen der Krim und der Ostukraine. Von Gehältern bei 300€ pro Monat aber westlichen Preisen wenn man Essen geht oder Telefone kauft. Dann das kyrillische Alphabet. Straßenwerbung wirkt auf mich wie Werbung für Kosmonautenschulen oder antiamerikanische Propaganda. Regale mit Konserven sehen mit kyrillischen Schriftzeichen aus wie Notreserven für Atomschutzbunker. Hey, ich bin Kind der westeuropäischen Achtziger. Es ist geographisch so nah (näher als Madrid) aber so weit weg von meiner westeuropäischen Realität. Es ist auch nicht so exotisch wie Asien oder Afrika. Es ist für mich eher ungreifbar. Ungreifbar fremd.

Kiew ist mir dann erstaunlich unfremd. Es ist ein wenig so als hätte man Berlin mit Steroiden vollgepumpt und nach südwest Sizilien verpflanzt. Hier und da ein bisschen Mafia und rumhängende Männer mit Glatze, Bauch und Bier, richtig geil kaputte Straßen und fröhlich entspannte Liebespaare im Park, auch nachts, überall und überhaupt: entspannte Leute.

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Jetzt wo es in Kiew wieder etwas abkühl und ich zurück nach Berlin fahre, lese ich: neues Hitzewellchen in Teilen Deutschlands. Und Natürlich ist Berlin in diesem Teil des Landes, schließlich fahre ich ja der Hitze hinterher.

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Comments (5)

  1. arboretum sagt:
    August 19, 2018 um 22:32 Uhr

    Ja, ich fürchte, die Dame ist irritiert angesichts Ihrer Manieren. Ich kenne das von Russinnen auch – das war zu Zeiten der Perestrojka und Glasnost schon so. Es ging dabei auch darum, dem homo sovieticus, der einem jede Tür ins Gesicht knallen lässt, etwas entgegenzusetzen.

    Falls Sie also jemals mit der Dame in einem Bus oder einer Straßenbahn fahren, steigen Sie lieber vor ihr aus und bieten Sie ihr galant die Hand an, wenn sie aussteigt. Und falls sie Ihnen jemals von sich aus die Hand reichen sollte, erwartet sie einen Handkuss. Wenn wiederum Sie ihr die Hand hinstrecken, erwarten Sie lieber keinen Händedruck, sondern eher einen toten Fisch.

    1. mpf sagt:
      August 19, 2018 um 23:01 Uhr

      Oh. Ja. Den toten Fisch habe ich auch angefasst.
      Dass es darum ging dem homo sovieticus etwas entgegenzusetzen ist eine interessante Auslegung. Es konnte mir bisher nicht sehr plausibel erklärt werden.

  2. arboretum sagt:
    August 19, 2018 um 22:36 Uhr

    Und falls es in Berlin wieder so heiß ist und Sie sich gedanklich abkühlen möchten, hätte Frau Wintergedanken da etwas für Sie.

  3. Croco sagt:
    August 19, 2018 um 22:52 Uhr

    Ein schönes Bild einer Stadt ist das. Ich bin ja voller Vorurteile gegen alles im Osten, dass ich mich richtig schäme.
    Das liegt vielleicht auch daran, dass die Väter meiner etwas aggressiveren Schüler früher bei der russischen Marine waren. Und sich Schule als ne Art Jugendknast vorstellen, wo Ludmilla mit den Peitsche den Kinder Mores beibringt.

    1. mpf sagt:
      August 19, 2018 um 23:02 Uhr

      Ich auch voller Vorurteile. Deshalb war ich auch sehr positiv überrascht.

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