[woran ich mich erinnern will. Mai und erste Junihälfte 2020]

Im Mai habe ich meinen neuen Job angefangen. Ich entschied mich gleich für den Gang ins Büro. Mir liegt Homeoffice nicht, ich bin im Homeoffice nicht besonders produktiv. Diese ständigen Ablenkungen, dieses Verschwimmen der privaten und professionellen Ebenen. Ich schalte die Webcam ein und sehe einen Wäscheberg hinter mir. Zudem brauche ich manchmal einen halben Tag bis ich mir eine Hose anziehe. Wenn ich ins Büro gehe, zieht sich die Hose ganz von alleine an.
95% der Belegschaft sitzt im Homeoffice. Ein leeres Büro erleichtert es mir natürlich Abstände einzuhalten. Andererseits ist niemand da zum Tischtennisspielen.

Es ist total merkwürdig in einer Firma zu beginnen und man kennt die meisten Teammitglieder nur als kleine Bewegtbilder auf dem Bildschirm. Alles ungreifbar. Ich merke wie wichtig mir Körperlichkeit ist um Menschen zu verstehen, kennenzulernen, einzuschätzen. Oder auch um mich mitzuteilen, etwas zu bewegen. Interessante Lehre.

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Es ist nicht viel erinnernswertes passiert in den letzten Wochen. Während ich das schreibe fällt mir spontan ein, dass ich seit 4 Wochen keinen Alkohol trinke und ich das Fehlen von Erinnernswertigkeit diesem Umstand zuschieben könnte. Aber das würfe kein gutes Licht auf mich und ist auch bestimmt nicht wahr.

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Die Geschehnisse um George Floyd in den USA deprimieren mich ungemein. Und dass die Lage bei uns zwar anders, aber nicht besser ist, dass es im Grunde nur andere Ethnien trifft, bei uns sind die Schwarzen die Araber, die Türken, die Syrer ja und auch hier ist der Rassismus institutionalisiert.
Die hysterische Kakophonie in den sozialen Medien nervt mich wiederum. Aber vermutlich ist es der richtige Weg eine gewichtige Stimme zu geben.

Ich finde nie die richtigen Worte mein Entsetzen darüber zu äußern. Ich schalte dann immer in Vorlebemodus. Antirassismus vorleben. Vorleben, vorleben, vorleben. Aber was wenn es niemand mitkriegt.

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Ich lese diese Texte immer etwas schlampig vor. Dafür möchte ich mich entschuldigen. Es flutscht noch nicht so richtig. Ich bin ja Profinuschler und lese immer zu schnell, das fällt mir erst auf, wenn ich einen Text nachhöre, der etwas älter ist, weil ich da den Inhalt nicht mehr ganz präsent habe und ich mich dann selbst nicht mehr verstehe. Das ist so seltsam frustrierend wie die eigene Handschrift nicht entziffern zu können, wie einem fremden ICH ausgesetzt zu sein dem man nicht mehr folgen kann. Oder ich bin gedanklich schon beim nächsten Satz während ich den alten Satz noch zu Ende sprechen muss und ich merke, dass ich mit der Betonung ins Schlingern gerate.
Ich lese oft Menschen vor. Also meiner Frau und meinen Neffen wenn sie da sind oder auch wenn ich auf Kinderbesuch bin, bringe ich Kinder ins Bett und lese etwas vor, ich mache das wirklich gerne und ich gehe immer davon aus, dass mich die Menschen verstehen.
Aber ich will mich total verbessern, ich werde mir alle paar Zeilen Marker setzen die mich dran erinnern sollen, langsamer zu lesen.

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Die leere Wand in meinem Arbeitszimmer ist sehr weiß und ich suche schon länger nach einem passenden Wandbehang. Passend heißt für mich: eine riesige Karte der Arktis. Im Internet gibt es viele unterschiedlichen Karten, aber alle eher klein und alle eher spezifisch, da die Grafiken üblicherweise zu Artikeln gehören. Den meisten fehlt allerdings Detailreichtum und ich will vor allem Details. Breitengrade und Längengrade sowieso, aber auch Topographische Informationen, Routenbeschreibungen, wenn möglich sogar historische Marker wie Packeisgrenzen der letzten Jahrzehnte usw. Weil das alles sehr unbefriedigend war, schrieb ich das Arctic Institute in Washington an. Das ist eine Organisation von internationalen Wissenschaftlerinnen mit Sitz in Washington D.C. Ich schrieb, dass ich ein hochauflösendes Bild der Arktis suche, mit so vielen Details wie möglich, ich würde mir das gerne ausdrucken und übers Bett hängen.
Die Kontaktadresse dieses Instituts ist offenbar ein Verteiler für viele verschiedene Menschen. Daraufhin erhielt ich eine Menge netter Emails von unterschiedlichen Polarwissenschaftlerinnen die mich mit Links und riesigen Mengen an Kartenmaterial versorgten. Ich bekam Tipps darüber in welcher Große welche Karten am besten aussähen und wie schwer es sei, gute und bezahlbare Printshops zu finden die größer als DIN A0 drucken würden, schließlich sähen die meisten Karten erst ab einer Größe von 150cm richtig gut aus. Genau mein Ding.

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Heute ist Sommersonnenwende. Ich schalte das Licht im Zimmer nicht an. Bis ich nichts mehr sehen kann.

3 thoughts on “[woran ich mich erinnern will. Mai und erste Junihälfte 2020]

    1. Ich fürchte, dass ich hier nicht einfach Kartematerial uploaden darf. Ich kann dir aber gerne direkt ein Bestof schicken. Per Mail?

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