endlich

Endlich haben wir es. Endlich haben auch wir im Schanzenviertel ein Café ohne Szene, ohne Einheitslook, ein Café das nicht irgendetwas sein will das es ohnehin nicht ist, neben all den neuen Kneipen deren oberstes Gebot es ist, untrinkbares Astra und Holsten einzuschenken, die Wände rot zu streichen und das Licht dermassen zu dämpfen, dass man nicht einmal mehr das explodieren der Lautsprecherboxen hören kann, finde ich es eine wahre Genutuung dieses Café zu betreten in dem man Nachmittags in aller Seelenruhe einfach ein Buch lesen kann oder Notizen aufschreiben während im Hintergrund, aus der Ferne, leise Gläser klirren, Teller scheppern oder die Kaffeemaschine mahlt und die Kellnerin in richtigen Kellnerkleidern — dezent elegant, ein bisschen altmodisch vielleicht, aber nicht spießig — einen Espresso bringt.

Ich rede hier nicht vom Café im Jesus Center, sondern vom neu eröffneten Frank und Frei in der Susannenstraße. Die frühere miefige Rockerkneipe an der Ecke. Es ähnelt jetzt einem Grand Café, es hat Spiegel, es ist wunderbar hell, und nach der Renovierung kamen richtige Säulen zum Vorschein. Ich kann da endlich neben alten Menschen sitzen, richtig alt und weisshaarig, die dort einfach eine Zeitung lesen, und wären sie an diese neue Situation schon gewöhnt, würden wir über Hartzvier und Herzpumpen debattieren, als säßen wir in Paris oder in Madrid, wo sich die ganze Gesellschaft in den Cafes die Zeit vertreibt. Beinahe wäre ich hier am Junge-schnelle-Leute-Koller gestorben, wirklich.

Es mutet noch ein wenig unsicher an. Noch scheint es mir, dass sich dort lediglich jenes Publikum hinwagt, das die Sonnenbrillenmode noch nicht verstanden hat und das Floradingsda fürchtet, und sich zur Sicherheit an einem neutralen Ort verschanzt. Aber bald ist es so weit, bald, wenn die Revolution kommt, werden wir alle dort sitzen, Rentner, Mütter, Studenten, Künstler, Blogger und wir werden bei französischen Rotwein Pläne schmieden, den König zu enthaupten.

15 Comments

  1. ein kaffee ohne blau beleuchteten wasserfall auf dem klo? wo der milchkaffee so heisst und nicht portugiesisch? darüber schreiben ist schon mal gefährlich, man will ja keine schlafenden hunde beissen…

  2. Höchstens ein halbes Jahr. Ich habe mir das Schwärmen gut aufgehoben. Gefühle aufbewahren, Emotionen schlucken, das lernt man ja so im Leben.

    Don: haha, ja so schnell geht das manchmal. Heute renovieren sie noch das F&F und morgen geht man schon mit 75 in Rente.

    Saxana, dieses Rick steht München? (ich werde kontrollieren)

    Lieber Fabe, leider nicht. Ich kann es zwar nicht bestätigen (morgen erst) aber ich glaube Milchkaffee heißt hier Latte Macchiato. Sie sind halt schon beeinflußt. Das Beste ist nur, dass sie es selbst gar nicht wissen was sie da aufgezogen haben.
    Überdies gibt es ein Gericht das heißt “Mittagsbauernfrühstück”. Bei solchen Speisen wird mir ganz warm ums Herz.

  3. … und das Kaffeekochen haben sie dort mittlerweile auch gelernt? Und liegen dort Zeitungen (abgesehen von der MoPo)?

    Na ja, für Nachmittagsbesuche lobe ich mir immer noch den Saal II. Abends ist das da schon wieder ein anderer Schnack.

  4. Der Kaffee ist klasse und Zeitungen… weiß ich eigentlich gar nicht. Aber ungebildeter Rotzlöffel der ich bin, habe ich selbstreden ständig meine eigene Lektüre dabei.

    Und das Saal II… ja immer nett da natürlich, und auch authentisch in seiner szenigen Form, aber auf die 50m2 will halt immer _jeder_ hin.

  5. Mal sehen, vielleicht gebe ich dem Laden ja noch eine zweite Chance. Für mich war er bislang jedenfalls immer die Kaschemme gegenüber Omas Apotheke. Zusammen bildeten sie das Tor zur Schanze und die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *