[Dienstag, 27.7.2021 – redneck, und Scheisssituationen]

Ich habe einen Sonnenbrand vom Mähen in Schweden. Der ganze Nacken ist rot und ich habe käsige Streifen vom Tanktop, den ich dabei trug. Redneck. Redneck. Ich mag ja die Plastizität dieses Wortes.

#
Der erste Tag zurück im Büro ist immer der schwierigste. Es geht alles ein bisschen langsamer. Hinzu kommt, dass wir heute in den neuen Flügel gezogen sind und ich noch nicht genau wusste, wo ich sitzen will. Und dann funktionierte mein Monitor und die Dockingstation ewig lange nicht. Bis alles lief, war es Mittag.

#
Am Abend nahmen wir Abschied von einem Kollegen. Auf dem Weg dahin fuhr ich mit dem Rad am Tempelhofer Ufer entlang. Auf dem Bürgersteig lief eine junge Frau. Sie hatte ein kurzes, dünnes Sommerkleid an und trug dabei einen Rucksack. Ihre linke Rockhälfte war unter dem Rucksack eingeklemmnt und deshalb sah man ihre linke Backe. Sie hatte es nicht bemerkt und sie wirkte nicht so, als wäre es Absicht.

Ich fuhr daran vorbei und dachte, oh was ein Pech. Dabei hatte ich einen guten Podcast im Ohr und es sollte mich nicht länger beschäftigen. Ich fuhr über die Kreuzung, überquerte die Strasse, fuhr in die Gitschiner hinein, fuhr an der ersten Ampel vorbei und merkte, dass der Podcast ohne meine Aufmerksamkeit weitergerödelt hatte, da ich die ganze Zeit an diese junge Frau denken musste und in was für einer Scheisssituation ich sie da gelassen hatte. Die nächste Ampel wurde rot und ich hielt an. Als es grün wurde bog ich um und fuhr auf dem Bürgersteig zurück.
Ich wusste nicht mehr genau wie sie aussah. Da kam aber eine junge Frau mit einem kurzen Sommerkleid daher und ein Stück hinter ihr andere Menschen, darunter auch eine Gruppe junger Kerle. Im Vorbeifahren schaute ich ob sie das wirklich war und ob ihr Kleid noch hochgerutscht war. Ja, war es.

Die Situation mit ihr direkt war dann sehr komisch. Sie erschrak vor mir als ich sie ansprach und als ich sagte, was mit ihrem Rock los sei, griff sie sich an die linke Hüfte und die ganze Situation wurde natürlich super unangenehm. Für sie und auch für mich. Also fuhr ich einfach los. Es gab kein Tschüss meinerseits und kein Danke ihrerseits. Aber ich denke, so müssen sich solche Szenen auflösen.

[Montag, 26.7.2021 – innerlich nass, Stickerabfall im Kiez]

Also zum Gewicht. Ich habe in den zwei Wochen Urlaub vier Kilo zugenommen. Dennoch bleibe ich mal optimistisch, denn in einem schlauen Buch habe einmal gelesen, wenn man etwas schnell gewinnt, kann man es auch einfach wieder schnell verlieren.

#
Ich habe mir den heutigen Tag frei genommen, da ich ahnte, dass ich nach dem Urlaub und der Geburtstagsfeier noch nicht ganz in der Lage bin, mich hundertprozentig in die Arbeit hineinzuversetzen.

Ich fühlte mich noch den ganzen Vormittag nass vom gestrigen Regen. Auch wenn ich längst trocken war und diese gefühlte Nässe bereits mit einer Dusche überwässert hatte. Sie blieb. Und ich fühlte mich auch latent verkatert, ob wohl ich nur drei oder vier, oder vielleicht fünf, sechs Biere getrunken hatte. Es ist seltsam.

Dennoch war es schön, nach zwei Wochen wieder einmal zuhause zu lümmeln. Zumindest ein paar Stunden. Meine Frau arbeitet im Homeoffice, da ist es mit dem Lümmeln natürlich etwas schwieriger.
Ich brachte dann Zalandoretoure zurück, ging einkaufen, danach wollte ich eine Runde spazierengehen da es neue Herthapodcasts gab. Im Exilherthaner wurde mein Fanclub erwähnt und gelobt, beim Immerherthapodcast der Morgenpost wurde die Geburtstagsfeier erwähnt. Natürlich, den entsprechenden Reporter hatte ich ja per Email eingeladen und mich mit ihm länger unterhalten.

Während ich eine Spazierrunde mit Podcasts im Ohr drehe, sehe ich, dass Unioner den Kiez mit ihrem rotweissen Stickerabfall zugemüllt haben. Ich habe ein paar eigene Sticker dabei, überklebe sie sehr indiskret, merke aber schnell, dass sie sehr aktiv gewesen sind und meine paar Sticker nicht ausreichen würden. Als meine Spazierrunde zu Ende ist und ich in der Wohnung ankomme, fragt meine Frau, ob ich Champignons gekauft hätte. Ich verneine, biete mich aber an, noch einmal in den Supermarkt zu gehen, sie sagt, neinnein, das müsse ich jetzt nicht. Daraufhin erzähle ich ihr, dass Unioner den Kiez vollgeklebt haben, dass ich einfach ein paar Sticker einstecken würde und einen Umweg zum Supermarkt nähme.
Das war dann OK.

[Sonntag, 25.7.2021 – Arkonaplatz Herthageburtstag]

Heute war Hertha-Geburtstag. Wir trafen uns wieder informell auf der Wiese am Arkonaplatz. Es waren etwa 40 bis 50 Menschen vor Ort. Wir halten die Feier absichtlich sehr informell, sehr grasswurzelig, wir hatten nur einen Tisch auf dem wir Herthasticker und die Retoure aus unserem Shop zum Wiederverkauf hinlegten.
Um 15:30 zur üblichen Anstosszeit, stiessen wir auf den 129sten Geburtstag an. Bei einunddreissig Grad in der Sonne.

Klaus gab zwei Mal eine Führung durch den Kiez und erzählte dem Publikum vom neunzehnten Jahrhundert. Dieses Jahr waren keine Medien da, bis auf den Herthareporter der Morgenpost, der allerdings privat vorbeikam. Es gab einige Neugierige, einige, die letztes Jahr zufällig da waren und deswegen wiederkamen.

Es rollten dann die Regenwellen. Die erste Regenwelle brachte richtig dicke Tropfen. Nach den dreissig Grad war das Wasser von oben eine richtige Erleichterung. Die meisten Menschen suchten auch keinen Schutz vom Regen. Blöd natürlich, dass wir nicht mehr im Gras sitzen konnten und blöd natürlich, dass wir Sticker und Hoodies ins Trockene bringen mussten und blöd natürlich, dass man halt nicht lange im Regen steht und sich entspannt unterhält.

Die zweite und dritte Welle wurden unheilvoller. Blitze die sich nicht weit von uns entluden und was taten wir? Genau, wir stellten uns unter einen Baum.

Die vierte Welle hörte nicht auf. Ich war gut gelaunt, aber total durchnässt. Während wir so unter einer Trauerweide warteten, wollte ich mal wissen, wie es sich anfühlt, wenn Fussballerinnen ins nasse Gras stürzen, also probierte ich zwei mal einen seitlichen Purzelbaum. Das sah aber nicht gut aus.

Ich mag ja jedes Wetter. Ausser 30+ Grad in der Sonne. Mein nasses Tshirt klebte über meinem Bauch und langsam begann ich ein bisschen zu frieren. Da die Regenradar-App anzeigte, dass es nicht mehr aufhören würde, beschlossen wir die Feier zu beenden.
Die meisten Menschen fuhren nach Hause, einige von uns gingen noch in eine Kneipe, einige andere (ichzumbeispiel) hatten noch nichts gegessen und gingen Schawarma essen. Auf der Toilette zog ich mein Tshirt aus und ersetzte es mit einem der Hoodies von unserem Stand. Daraufhin fror ich nicht mehr.

[Samstag, 24.7.2021 – Rückfahrt, deutsche Autobahnen]

Ich habe die Fähre in Gedser um 13:30 gebucht. Das bedeutet, dass wir auch früh aufstehen müssen. Wie immer, wenn man am nächsten Tag früh aufstehen und viele Stunden autofahren muss, schläft man miserabel.

Wir fahren um 7:45 los. Diesmal nehmen wir die schnellere Strasse hinunter zur Westküste. Normalerweise tingeln wir die schönere Strecke durch Wälder und Dörfer, aber diesmal entscheiden wir uns einfach gegen schwedisches Eyecandy. Die schnellere Strecke ist in der Tat oft sehr banal. Eine breite Landstrasse mit Tankstellen und Gewerbegebieten.

Im Verlauf der Fahrt merke ich aber, dass ich die Zeit ein wenig zu knapp bemessen habe. Ich wollte eigentlich die Fähre in Helsingborg nehmen, weil man da eine Pause auf der Fähre halten kann. Ich habe aber nur 45 Minuten Puffer eingeplant, von dem wir bereits im ersten Abschnitt 20 Minuten verloren, da wir hinter einem langsamen Wohnwagen fuhren, der eine lange Autoschlange hinter sich versammelte.
Da die Fähre einigermaßen unzuverlässig ist, und gerne einmal Verspätung hat, beschlossen wir, über die Öresundbrücke zwischen Malmö und Kopenhagen zu fahren. Das ist anstrengender und weiter, wir würden aber keine Zeit verlieren.

Natürlich gab es unerwartete Staus. Und natürlich verspäteten wir uns immer weiter und natürlich gab es 15 Kilometer vor Schluss, auf der Landstrasse, diesen Traktor mit Baumstämmen, der etwa 20 Autos hinter sich auf 40 Km/h herunterquietschte.

Wir kamen dann genau 1 Minute vor Schalterschluss beim Fährterminal in Gedser an.

#
Auf der Fähre und dann auch in Deutschland, tragen die Leute wieder Masken. Ich merke, wie entspanned das ist. Ich trug in Schweden auch keine Masken in Supermärkten und Läden. Einfach, weil das in Schweden niemand macht. Aber ein gutes Gefühl hatte ich nicht dabei.
Ab der Fähre gilt einfach wieder Maskenpflicht und gut ist.

#
Deutschland. Wieder auf der Autobahn. Kaum ist man auf der deutschen Autobahn, wird das Autofahren wieder unentspannt. Dichter und Drängler. Alle mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und links immer die Scheinwerfer im Rücken.

In Schweden und in den meisten Ländern ist es so:

  • rechts fahren die langsamen
  • links fahren die, die Höchstgeschwindigkeit fahren. Also 120 oder 130.

Stellt man den Tempomat auf 130 (bei Höchstgeschwindigkeit 130) hat man nie Stress. Nie. Man fährt rechts und überholt, wenn jemand langsamer als 130 fährt. Um es noch entspannter anzugehen, kann man einfach bei 130 auf der linken Seite bleiben. Weil einfach niemand schneller als 130 fährt.

Kaum ist man in Deutschland, wird man wieder Teil von einem Meer aus Brems-und-beschleunigungs-Gurken.

#
Ich habe ja ein bisschen Angst, nach zwei Wochen Urlaub, die Wahrheit über mein Gewicht zu erfahren. Ich spüre ja diese neue Lage von Masse an Bauch und Oberschenkeln und auch im Brustbereich. Es fällt mir schwer diese Masse in einer Kilogrammzahl zu schätzen. Um mich in naiver Unwissenheit zu suhlen, verschiebe ich den Gang zur Waage auf den nächsten Morgen.

[Freitag, 23.7.2021 – Packtag, Supermarkt]

Wenn ich nachts wach werde, ist es nie ganz dunkel. Am nördlichen Horizont liegt immer ein silberner Schimmer. Um drei Uhr muss ich das Rollo herunterziehen, sonst kann ich nicht weiterschlafen. Ab jetzt wird es aber dunkler werden.

#
Der letzte Tag ist eigentlich immer ein Pack-Tag. Oder mindestens ein Tag der Reisevorbereitungen. Gleich nach dem Frühstück fuhren wir zum nächsten Ort mit einem Supermarkt, also 17 Kilometer und kauften Reiseproviant und die Einkäufe für den letzten Tag.

An der Kasse sprach uns die Kassiererin auf englisch an. Ich war etwas verwundert darüber, schließlich hatte ich meinen Mund noch nicht geöffnet und auch meine deutsche Kreditkarte noch nicht gezückt. Ich fragte sie: warum haben Sie erkannt, dass ich kein Schwede bin?
Sie sagte: wegen der Art wie ihr die Waren auf das Kassenband legt und wie ihr danach die Waren schnell einpackt. Das machen nur Dänen, Deutsche und Engländer.

Meine Frau grinste während sie einpackte. Es kam ihr nicht in den Sinn sich als Schwedin zu outen, sondern liess mich nackig im gleißenden Rampenlicht stehen.

#
Die Kassiererin weiss nur nicht, was für ein guter Packer ich bin.

#
Ich habe dieses Jahr eine ganze Reihe Dinge nicht in Schweden gemacht. Dinge, auf die ich mich eigentlich gefreut hatte. Ich schreibe sie hier auf, damit ich sie nächstes Jahr aufrufen kann und klarer vor mir habe:

  • Nach Hedared fahren und diese alte Stabskirche von innen besichtigen
  • zum Fluss runter. Ich habe dieses Jahr total den Fluss ignoriert
  • Zum Bärensee fahren (und vorher meine Frau davon überzeugen, dass diese Unternehmung nicht das Auto demolieren wird)
  • Nach Göteborg fahren (einfach so und rumhängen, ich mag Göteborg)
  • Die Brauerei namens “Business Monkey” in Töllsjö besichtigen

Optional:

  • Eine Drohne besorgen und damit Aufnahmen des Häuschens und der Gegend von oben machen
  • Ein billiges Kanu für den Fluss besorgen. Wir haben zwar ein Ruderboot in der Scheune, aber das Ruderboot ist schwerfällig und einen halben Kilometer südlich gibt es ein paar Stromschnellen, die mir für ein Ruderboot zu gefährlich sind.

#
Heute habe ich nicht mehr gemäht.

#
Am Nachmittag geben wir auf Twitter und Facebook die Ankündigung raus, dass wir wieder Herthageburtstag am Arkonaplatz feiern. Hertha wurde der Legende nach von zwei Brüderpaaren auf einer Bank am Arkonaplatz gegründet. Das offizielle Datum der Gründung ist der 25.7.1892. Letztes Jahr haben wir dieses Datum das erste Mal vor Ort zelebriert. Dieses Jahr wieder. Auf den Bänken am Arkonaplatz.

[Donnerstag, 22.7.2021 – weiter… uhm mähen]

Gefrühstückt, gemäht, Pause gemacht, Äste abgeschlagen und dann war schon Beer o’clock. Es ist irre, wie schnell so ein Tag vorbei gehen kann. Morgen ist der letzte Tag, übermorgen fahren wir schon. Am Sonntag feiern wir Hertha-Geburtstag am Arkonaplatz, danach ist bald wieder Weihnachten.

Trotzdem habe ich heute wieder nur etwa 70 Meter geschafft. Ich bin jetzt bei 210m von den etwa 300. Mein Schwiegervater meinte, die letzten 50 oder 60m, also kurz nach der Anhöhe, müsse man nicht mehr mähen, weil da ein verstärkter Untergund beginne. Ich nickte. Danach merkte ich aber, dass ich nicht verstand, warum ich da nicht mähen brauchte. Ich mähte schließlich wegen den hohen Grases und nicht wegen den guten Untergrundes. Und ja natürlich mähte ich, damit die Leute wieder diesen Weg benutzen würden und der Weg sich dadurch wieder etwas verbessere, aber die Leute mieden diesen Weg ja nur wegen des hohen Grases.

Ich beschloss, nicht nachzufragen, weil alle happy darüber schienen, dass der Weg wieder befahrbar sein würde.

Es geht in Wahrheit natürlich nicht nur ausschließlich um das hohe Gras, sondern auch um die kleinen Birken, die mittlerweile auf der Fahrbahn wuchsen und auch die Bäume und Äste am Rande des Weges, die den Lack der Autos zerkratzten. Dies bearbeitete ich heute alles mit einer Astschere. Einige dickere Äste werde ich morgen noch mit der Axt erlegen.

Nach getaner Arbeit: Zeckenkontrolle. Macht man auch nicht mit jeder Person.

Am Abend gab es “Stekt Sill”. Das ist gebratener Hering. Mit Kartoffelpuree und Preiselbeermarmelade. Liebe es.

[Mittwoch, 21.7.2021 – weitermähen, Fabelwesen]

Heute habe ich dann weitergemäht. Am Ende vergass ich, die Strecke per GPS abzulaufen, ich weiss daher nicht genau, wie viele Meter ich heute vorangekommen bin, aber ich glaube es war eine ähnliche Strecke wie gestern, also weitere 70 Meter. Ich müsste mich auf der Hälfte des Weges befinden. Das geht leider sehr langsam. Für nächsten Sommer muss ich mir eine andere Lösung ausdenken. Eigentlich wollte ich einen Rasenmäher kaufen. Das Grundstück liegt mitten im Wald, es handelt sich also eher um Gras und weniger um Rasen, aber das müsste doch auch funktionieren. Und den Waldweg kann ich damit sicherlich auch irgendwie bearbeiten, auch wenn ich mit dem Mäher sicherlich improvisieren muss, weil der Waldweg sehr uneben ist und ich würde behaupten, dass Rasenmäher für gerade Oberflächen optimiert sind.
Es wird mit einem Rasenmäher aber trotzdem wesentlich schneller gehen als mit diesem rotierenden Grassschneidegerät. Doch meine Frau hat etwas gegen den Rasenmäher. Sie findet das verwilderte Gras ums Haus herum schön. Ich hingegen denke bei wildem Gras immer an Schlangen und Zecken und anderen Insekten die man nicht sieht, auf die man drauftretet. Es ist nicht so, dass das Haus von hohem Gras umgeben ist, am Anfang des Sommers kommt ein Bauer und mäht einmal das ganze Gras, aber danach eben nicht mehr. Ausser ich mähe es in meinen sporadisch auftauchenden Phasen der körperlichen Übermotivation. Dann greife ich zu einem rostigen, manuellen Rasenmähgerät, mit dem ich stundenlang über die Wiese laufe.

Nun, da wir am Samstag wieder nach Berlin zurückfahren, werden wir die Entscheidung Diskussion wohl auf nächstes Jahr vertagen.

#
Vom Rasenmähen habe ich tatsächlich Schmerzen an meinen Oberarmen, aber die Schmerzen sind nicht so stark wie erwartet, sondern eher ein Gefühl, das mir auf eine gute Art Sexyness vorgaukelt, weil ich das Gefühl habe, neue Oberarmmuskeln aktiviert zu haben und eine der erstaunlichen guten Sachen am Gewichtsverlust sind diese geilen Oberarme, die man kriegt wenn das Fett weggeht. Also echtjetzt. Ich mähe hier schwitzend im Tanktop im Wald herum und lasse meine Oberarmmuskeln spielen. Ich sollte in Testosteronreklame mitwirken.

#
Später wird man ein riesiges Insekt von meinem Tanktop pflücken. Ich bin hier schon öfter monströsen Insekten begegnet. Insekten, die ich noch nie gesehen habe. Insekten mit großen, haarigen Köpfen, oder exzentrischen Farben und dicken Beinen und großen Flügeln.
Es gibt hier ums Haus herum und unten beim Fluss viele große Insekten. Wenn ich mich aber noch tiefer in deren Gebiet hineinbegebe, wenn ich im hohen Gras stehe, fernab der Wege, zwischen den Bäumen. Wo manchmal das Sonnenlicht nicht durchzukommen scheint. Wo man nicht mehr richtig weiss, aus welcher Richtung die Geräusche kommen. Dann weiss ich wie nahe man Fabelwesen kommen kann.

#
Gegen 5 hole ich meine Frau und ihre Mutter aus Boras ab. Ich teste den zur Hälfte rasierten Waldweg. Ja, man kann ich schon befahren, trotz des hohen Grases. Es ist halt nicht ideal. Bei einem TÜV vor einigen Jahren, hat der Prüfer mehrere dicke Graskuchen aus der Unterseite meines Wagens gezogen und dabei die Augenbrauen hochgezogen. Ob das wirklich schlecht ist, kann ich nicht sagen. Hochgezogene Augenbrauen kann man so beurteilen und so beurteilen.

#
Auf Webseiten wird mir Werbung für Mähroboter angeboten. Das erzeugt Gefühle großen Ärgers in mir.

#
Eigentlich hatte ich heute ein Telefondate mit meiner Schwester. Sie konnte erst gegen zehn Uhr. Ich bekam aber Kopfweh und bat sie, unser Telefonat zu verschieben.

[Dienstag, 20.7.2021 – Elektriker, Mähen]

Dienstagfrüh checkte ich als erstes den Karton unter dem Auto. Ich konnte keine Öl- oder andere Flecken entdecken. Das wertete ich als gutes Zeichen.

#
Nach dem Frühstück war mein Schwiegervater beim Elektriker im Nachbardorf verabredet. Es ging darum einige technische Details zu klären. Ich wollte unbedingt mit. Aus Neugierde, Menschen beim Leben zuzusehen. Zu sehen, wie der Elektriker wohnt, wo er wohnt, wie er sich eingerichtet hat, wie seine Frau aussieht, was sie im Alltag anziehen, wie man sich mit Schweden trifft, redet etc.
In diesem Zuge sollten meine Frau und ich ihn kennenlernen, da wir in Zukunft öfter mit ihm zu tun haben werden.

Das Dorf, in dem der Elektriker lebt hat 651 Einwohner und ist eine kleine, niedliche Siedlung entlang einer schmalen, von Laubbäumen umsäumten Strasse. Viele Häuser sind ehemalige Bauernhäuser, natürlich aus Holz und in rotweiss, die Häuser haben so viel Abstand zueinander, dass man ziemlich privat und unbehelligt von anderen leben kann, aber dennoch nah genug, dass es sowas wie eine soziale Kontrolle gibt. Soziale Kontrolle meine ich in diesem Sinne positiv.
Das Haus des Elektrikers ist ein zweistöckiger Holzbau mit einer hölzernen Veranda, etwa 50 Meter rechts des Weges. Auf dem Grundstück stehen zwei Scheunen, eine größere und eine kleinere, dahinter befinden sich Felder. Drei langhaarige Katzen begrüßen uns und lassen sich streicheln. Der Elektriker kommt heraus und bittet uns zu einer hölzernen Sitzgarnitur, die neben dem Haus in einer wind- und sonnengeschützten Bereich steht. Wir brauchen nur ein paar Minuten, es geht ums Abstimmen von ein paar Details, es wird daher kein Getränk oder Kaffee serviert. Ich sage bei der Begrüssung sofort, auf schwedisch, dass ich kein Schwedisch spreche, um zu vermeiden, dass er glaubt ich sei ein Dödel, der den Mund nicht aufmacht und immer ein bisschen so guckt als würde er nix verstehen.
Er trägt ein Metal Tshirt und hat einen Spitzbart. Er wirkt nett. Seine Frau kommt dann auch heraus. Sie ist vermutlich mitte vierzig, trägt Tshirt und Shorts, sie sieht aus, als würde sie in Prenzlauer Berg herumlaufen, aber der Schwiegervater hat mir erzählt, dass sie immer mit einem dicken Traktor über die Felder fährt. Ich bin beeindruckt.

Auf der Rückfahrt bitte ich den Schwiegervater durch das Dorfzentrum zu fahren. Das Dorf hat kein richtiges öffentliches Leben mehr. Es gab mal einen Bahnhof und der Ort war jahrunderte lang bekannt für überregionale Käseherstellung. Der Bahnhof wurde aber stillgelegt und Käse wird seit den dreissigerjahren nicht mehr produziert. Es wird hier also nur noch gewohnt und auf kleinerer Ebene gearbeitet.

#
Am Nachmittag mähe ich den Weg mit diesem tragbaren Mähgerät. Der kleine Akku hält genau zwanzig Minuten, der große Akku etwas mehr als eine Stunde. Nach fast zwei Stunden bin ich ziemlich erschöpft. Die Bewegungen, die ich beim Mähen absolviere sind mir sehr fremd, meine Unterarme sind völlig kraftlos geworden und wenn ich ein Glas in der Hand halte, zittere ich bzw ich kann das Glas gar nicht richtig festhalten. Auch fühle ich einige Muskelstränge in den Oberarmen, von denen ich nicht wusste, dass sie da sind. Ich fürchte ein wenig den Muskelkater von morgen.

Von den 300 Metern, die ich mähen sollte, habe ich etwa 70 geschafft. Es geht wesentlich langsamer als gedacht. Die 70 Meter sind ungefähr, mit Strava kann man per GPS Streckenverläufe aufnehmen. WIe genau das ist, weiss ich nicht, aber Schritte sind es 85. 70 Meter könnte also stimmen.

#
Danach bin ich körperlich ziemlich erschöpft. Ich bekomme Whiskey aus Orkney und Bier aus Göteborg. Das wandelt die Erschöpfung in Cremigkeit um. Das ist nicht schlecht. Dann beginnen die Vorbereitungen für das Essen, ich sitze vor dem Haus auf der Bank und schäle Kartoffeln. Es gibt warmgekochten Lachs.

[Montag, 19.7.2021 – Akku, Waldwegen mähen]

Am Morgen werde ich von unserem Dienstleister in Amsterdam angerufen. Es gibt Schwierigkeiten mit einer Lieferung in unserem Rechenzentrum in Amsterdam. Ich telefoniere hin und her, dann schaue ich in meine Emails und merke, dass ich sofort in de Arbeitsmodus umgeschaltet habe. Und ich merke, dass es gut wäre, wenn ich mich um zwei oder drei Dinge kümmern würde. Dann kümmere ich mich um dieser zweidrei Dinge. Gegen ein Uhr klappe ich aber den Laptop zu und gehe runter vors Haus. Man trinkt Kaffee und es gibt Brot mit Käse und Wurst.

Meine Frau und ich wollen ins nächste Dorf fahren. Das ist etwa 17 Kilometer entfernt. Wir brauchen einen größeren Akku für den Grassschneider. Mit dem Grassschneider will ich den Weg aus nördlicher Richtung freimähen, damit man besser mit dem Auto durchkommt. Der nördliche Weg ist in einem schlechten Zustand, er ist holprig und wird nicht gewartet. Seit die Brücke gesperrt ist (siehe gestrígen Eintrag) würde dieser Weg für uns eine wesentliche Verkürzung der Fahrtzeit bedeuten, wenn man beispielsweise nach Boras oder Göteborg fahren will. Wir würden uns ganze acht Kilometer sparen. Aber wegen des jetzigen Zustands, nehmen wir lieber die extra Kilometer in Kauf.
Weil wir diesen Weg so selten verwenden, ist er permanent mit hohem und dichtem Gras zugewuchert. An dieser Stelle muss ich vielleicht erwähnen, dass es sich hier um nicht asphaltierte, unbefestigte Waldwege handelt.
Dieser Grassschneider ist eine akkubetriebene Maschine mit einem rotierenden Draht am vorderen Ende, mit dem ich hohes Gras kürzen kann. Der Akku, der mitgeliefert wurde hält aber nur etwa 15 Minuten und ich will nicht alle 15 Minuten zurücklaufen um den Akku aufzuladen, deswegen der größere Akku. Und ich kann sie dann auch abwechselnd laden.

Ich werde also das hohe Gras zu kürzen versuchen und langfristig sollte man sich vielleicht überlegen, den Weg richtig zu warten. Kiesel streuen und mit Traktoren festfahren. Waldwege zu warten ist leider aufwändig und es kann auch kostspielig werden, wenn man es gut machen will. Es gibt eigene Gesetze und auch Abgaben für die Wartung dieser Wege. Ich kenne mich mit diesen Gesetzen nicht so genau aus, aber ich weiss mittlerweile, dass dieser heruntergekommene Weg nicht unter diese Gesetzgebung fällt. Ob und wie wir ihn benutzen, obliegt also vollkommen unserer Verantwortung.
Der Weg ist etwa 300m lang. Das hört sich erstmal nicht nach so viel an, aber 300m sind auch ein knappes Drittel eines Kilometers. Diesen knappen Drittelkilometer muss ich mit einem sich drehenden Kabel Schritt für Schritt auf einer Breite von 2,5 Metern abmähen. Vermutlich muss ich die Strecke zweimal ablaufen.

Ich habe aber totale Lust darauf.

Im Dorf gehen wir dann auch einkaufen und auf dem Rückweg möchte ich unbedingt zwei kurze Abstecher machen. Zuerst zu diesem wilden See. Der See heisst Björnsjön, also Bärensee. Ich habe diesen See auf Googlemaps gesehen, erliegt weit abgelegen und es führt ein Waldweg hin. Wie er da so auf Googlemaps fern von Menschen am Ende eines sehr verlassenen Waldweges liegt. Ein bisschen gruselig finde ich den schon. Deswegen muss ich da hin.

Und der andere Abstecher ist zu einem kleinen Berg auf den man mit dem Auto hochfahren kann. Der Berg heisst übersetzt Rabenberg. Wir waren bereits vor drei Jahren einmal auf diesem Berg. Auf dem sogenannten Gipfel gab es nur Bäume, man konnte nirgendwo hinsehen, deswegen zogen wir etwas enttäuscht wieder ab. Heute sah ich aber auf Googlemaps, dass die den ganzen Berg gerodet haben. Weil ich wissen will, was wir damals an Aussicht verpasst haben, fahren wir diesen steilen Waldweg hinauf. Der Weg ist sehr schlecht und wir übersehen zwei große Steinbrocken auf der Strasse. Sie schlagen voll in die Unterseite des Autos ein. Meine Frau fuhr und das verhagelte ihr total die Laune. Sie wollte da nicht hochfahren, sie hat es nur getan weil ich so insistierte und jetzt dieser sich ungut anhörende Doppelschalg auf der Unterseite, was wenn das Auto beschädigt ist und wir nicht mehr damit nach Berlin kommen.

Die Stimmung ist mies. Wir streichen den Bärensee von der Liste der Unternehmungen und fahren zurück. Was ich aber noch erwähnen muss. Der gerodete Berg sieht apokalyptisch aus. Eine Landschaft, als wäre ein Ufo gelandet und hätte den Wald niedergemäht. Dafür kann man weit sehen. Man sieht Wälder, Hügel und einige verlassene Seeen. Der Wald da unten ist da so dicht, zu diesen Seeen werde ich vermutlich nie gelangen.

#
Als wir zuhause ankamen schlägt der Schwager vor, einen großen Karton unters Auto zu legen, dann würden wir am nächsten Tag sehen, ib die Unterseite des Autos einen Schaden an Öl- oder anderen Leitungen zugefügt hat. Da wir noch die riesigen Kartons vom Ikeasofa und dem Ikeabett in der Scheune haben, lege ich einfach einen der Kartons auf die Wiese und parke das Auto darauf. Das Auto passt genau auf den Karton. Irre.

Und dann ist schon Beer o’ clock. Wir öffnen uns ein Bier und setzen uns auf die Bänke vors Haus. Bald danach kochen wir und dann ist auch schon 23 Uhr.

[Sonntag, 18.7.2021 – gesperrte Brücke]

Heute endlich ein kühler Tag. Es wird 22 Grad nicht überschreiten.

Seit einigen Jahren ist eine wichtige Brücke, die zu unserem Häuschen führt gesperrt. Der Hintergrund dazu ist, dass ein Unternehmer einen Staudamm für die Stromgewinnung errichten will, dies aber politisch verhindert wird. Weswegen er sich weigert, eine Brücke, die auf seinem Grundstück steht, zu warten. Er sagt, sie sei baufällig und er wolle sie nicht sanieren, weswegen er sie nun aus Sicherheitsgründen schliessen müsse. Er nutzt das seit einigen Jahren als Druckmittel. Für uns ist das nicht das große Problem, wir fahren einfach einen Umweg über holprige Waldstrassen, aber für die Bauern und deren schweren Maschinen, sowie deren Milch-Laster sind die guten und kurzen Wege wichtig, weshalb es zu einem Thema in der Gemeinde geworden ist.

Einer der Gründe, warum man ihm den Bau verwehrt, sind der Naturschutz aber auch der Denkmalschutz. An dieser Stelle im Fluss leben seltene Muscheln, von denen man bisher dachte, sie seien ausgestorben. Ein anderer Grund ist eine mittelalterliche Mühlenruine die unter Denkmalschutz steht.

Meine Frau und ich nahmen heute bei unserem täglichen Waldspaziergang einen Abstecher zu dieser gesperrten Brücke und der alten Mühle.
Die Brücke ist bei näherer Betrachtung wirklich verrottet. Zumindest oberflächlich, die Geländer sind rostig und teilweise abgebrochen. Aber das sagt natürlich nix über die Statik aus. Sie ist allerdings so schmal, dass ich mich wundere, wie hier jahrelang die großen Milchtanker drüberfahren konnten.

Unter der Brücke ist ein Wasserfall. Am Wasserfall stehen alte Mauern. Das ist die alte Mühle. Wir machen viele Fotos.
Am meisten beeindruckt mich die gesperrte Strasse zur Brücke. Es sind nun vielleicht drei Jahre vergangen, dass hier keine Autos mehr fahren. Hohe Gräser und kleine Sträucher spriessen aus der Asphaltdecke hervor. Es erstaunt mich, wie schnell das ging.

#
Zuhause helfe ich dem Schwager mit der Kühlung seines PC’s. Er hat einen riesigen PC, den er mit Wasser kühlen will. Prozessor und Grafikkarte wird also an flexiblen Rohren angebunden, die mit durch eine Pumpe das Wasser zirkulieren lässt. Der Schwager nimmt dafür eine rote Kühlflüssigkeit und die Rohre sind durchsichtig. Es sieht gut aus, finde ich.

#
Die niedrigere Temperatur weckt wieder die Lebensgeister in mir, ich bin wesentlich aktiver und frischer.
Oben habe ich gelogen, als ich von unserem täglichen Waldspaziergang schrieb. Der tägliche Waldspaziergang bezog sich auf die vorherigen Jahre. Da liefen wir die Strecke täglich. Vier oder fünf Kilometer. Aber bei 34 Grad mache ich das einfach nicht. Die Temperatur erdrückt mich, heizt mich auf, macht mich träge. Bei 22 Grad will ich nichts wie raus in den Wald.
Vielleicht ja wieder täglich.

#
Ein gelbes Hemd mit kurzen Ärmeln aus Boras.