[Sonntag, 19.9.2021 – Tappeinerpromenade, Richard III]

Heute schlief ich lange. Bis zehn Uhr. Oh, das habe ich gestern auch schon geschrieben.
Mein Frühstück fällt hier ganz anders aus als zuhause. Ich esse hier Weissbrot, Marmelade, Nutella und Pistaziencreme. Mir zuliebe tischt man auch Käse und Salami auf. Aber in Wirklichkeit frühstücke ich selten mit Brot. Eigentlich nur wenn ich in Hotels frühstücke oder wenn ich im Urlaub bin. Mein Frühstück besteht aus Joghurt und Haferflocken. Manchmal mit ein wenig Obst darin. Heidelbeeren zB oder Bananenstücke. Meistens aber einfach nur Joghurt mit Haferflocken. Vor einem halben Jahr habe ich Joghurt durch Sojaghurt ersetzt. Man muss ja nicht immer tierische Eiweisse zu sich nehmen.

Meine Tagesplanung sieht simpel aus: um 14Uhr wollte ich zu meiner Frau, die bei meinen Schwiegereltern wohnt. Dort würden wir Brot backen um dies um vier Uhr zu meiner Schwester zu bringen. Um vier Uhr würden wir also mit schwedischen Salz und dem frischgebackenem Brot die neue Wohnung meiner Schwester besichtigen. Weil das ein deutscher Brauch ist, den wir beide mögen. Wir wissen aber nicht, was der Brauch mit dem Salz und dem Brot bedeutet und wo das herkommt, müsste ich mal googlen, aber wir haben den Brauch sofort übernommen.
Und um 18Uhr bin ich mit der kleineren Schwester verabredet. Sie hat Theatherkarten im KIMM. Eine Aufführung von Richard III.

Gegen elf kommt meine Schwester zu meiner Mutter (ich wohne ja bei meiner Mutter) und hat einen der beiden Sohne und die Tochter dabei. Wir beschliessen spontan, zusammen spazieren zu gehen. Sie schlägt eine etwa halbstündige Route vor. Sobald wir losgehen beginnt es zu regnen. Aber wir haben Schirme dabei. Wir laufen die Tappeinerpromenade oberhalb der Stadt hinauf. Wir haben uns lange nicht mehr zu zweit, alleine und ohne Kinder unterhalten. Ich vermisse meine Schwester, wir hatten als Jugendliche eine innige Bindung. Die Bindung ist über die vielen Jahre geblieben, aber natürlich ist sie nur noch innig und nicht mehr eng, was aber vor allem mit den Lebensbedingungen und der Entfernung unserer Wohnorte zu tun hat.
Oben an der Promenade kehren wir in ein Cafe ein und schauen auf die Meraner Altstadt hinunter.

Es ist halb zwei. Ich telefoniere mit meiner Frau. Sie backen gerade Kuchen. Morgen ist runder Geburtstag meines Schwiegervaters. Der Kuchen nimmt den Backofen ein, wir können also noch kein Brot backen. Weil sie eigentlich gerade keine Zeit hat, ändern wir kurzfristig unsere Pläne. Also begleite ich meine Schwester zurück zu meiner Mutter, dort schauen wir mit den Kindern diese Sendung mit dem Hundeflüsterer, Caesar Milan. In dieser Folge nimmt er sich zwei problematischer Hunde auf einer Ranch an. Hunde sind geil. Wir sitzen alle gebannt vor dem Fernseher.

Danach gehe ich zu meiner Frau. Sie ist ein bisschen im Vorbereitungsstress. Wir setzen uns auf den Balkon und reden lange. Dann ist es auch schon bald halb sechs und ich muss ins Theater.

Ich treffe zum ersten Mal den neuen Freund meine kleinen Schwester. Er ist sehr nett, er verbringt seine Urlaube in Norwegen und am Nordkapp, wir haben sofort Gesprächsstoff.

Aufgrund der Coronaauflagen sind die Stühle sehr weit voneinander entfernt. Und dann passiert etwas lustiges. Das Stück hat bereits begonnen, der Saal ist also schon dunkel, dann kommen vier Personen in den Saal und setzen sich eine Reihe vor uns. Eine ältere Dame will sich genau vor mich setzen. Was ich weiss, sie aber noch nicht zu wissen scheint, ist der Umstand, dass sich genau an jener Stelle kein Stuhl befindet. Sondern nur links und rechts davon. Weil es so dunkel ist, sieht sie das nicht uns beginnt, sich hinzusetzen. Es geht alles sehr langsam und ich sehe zu, wie es vor mir passiert. Ich will es zuerst nicht glauben, deswegen schreite ich gar nicht ein, aber als sie unbeirrt ihren Hintern und ihr Gleichgewicht nach hinten bewegt und es diesen Point of no return gibt, merkt sie, dass etwas nicht richtig ist. Ich greife vielleicht etwas spät ein, ich bin vielleicht einfach etwas zurückhaltend und will nicht einfach fremden Damen unter die Schultern greifen, ich weiss aber auch, dass sie es mir nicht verübeln wird, also springe ich nach vorne, und fange sie auf. Sie trägt ein tolles, schweres Parüm, nicht zu süß, ich mag das.
Aber die Blamage ist natürlich längst passiert. Alle Umstehenden prusten und das Rot in ihrem Gesicht lässt den Saal erleuchten.

Das Stück ist gut. Leider fällt es mir schwer, dem Stück zu folgen. Es fehlt mir etwas der Hintergrund zur Geschichte, ich weiss von Richard III eigentlich nur, dass er einen auffälligen Buckel hatte und viele Menschen umbrachte um auf den Thron zu kommen. Ich ahne, dass das Bühnenbild vor Referenzen nur so strotzt. Zumindest finde ich das von modernen Interpretationen eines Shakespeare Stückes einigermassen erwartbar. Auf der Bühne leeren die Schauspielerinnen ständig Müllsäcke mit Papierstücken, ohne dies zu kommentieren. Die Bühne quillt im Verlauf der Geschichte total mit Papierfetzen über. Ich mag das. Auch wenn es referenzlos ist.

Nach dem Theaterstück lädt mich die Schwester noch zu sich ein. Sie hat einen Wirsingauflauf, den sie uns wärmen würde und ein paar belgische Biere. Ich liebe aufgewärmten Wirsingauflauf und belgisches Bier.
Wir sitzen dann eine ganze Weile bei ihr zusammen und reden über Berufe, über Norwegen und über Longyearbyen. So ist das.

[Samstag, 18.9.2021 – die letzten Tage, Fahrt, Südtirol]

Die Reise lief ziemlich so, wie geplant. Wir starteten kurz nach 14Uhr und erreichten Greding um 19:30. Das Restaurant schloss erst um 20:30, wir hatten also noch etwas Zeit ein Bier und etwas zu essen zu bestellen. Weil ich mir ein Gefühl der Belohnung erarbeitet hatte, griff ich zu einem großen, fränkischen Hellen und eine Gordon Bleu.

Nach dem Essen spazierten wir noch ein bisschen durch das Städtchen. Es ist ein angenehmer, kühler Herbstabend. Greding ist gar nicht so klein wie es auf dem ersten Blick aussieht. Wenn man von der Autobahn abfährt, ist man eine halbe Minute später bereits auf dem Marktplatz. Aber trotzdem bekommt man nichts von der Autobahn mit. Greding zieht sich vom Marktplatz entlang eines Hanges so hinauf. Und hat 7000 Einwohner. Hätte ich nicht gedacht.

Wir laufen über den Martkplatz, eine Ansammlung von alten Häusern mit spitzen Giebeln. Manche haben Treppengiebeln. Greding sieht aus, als wäre es mal ein wichtiger Ort gewesen, aber wenn man sich den Wikipediaeintrag durchnimmt, dann steht unter Geschichte ziemlich nichts erzählenswertes. Der Abschnitt “Verkehr” is doppelt so lang und behandelt die Autobahnabfahrt.

Die Kirche befindet sich ein ganzes Stück oberhalb des Marktplatzes. Es ist schon dunkel und es sieht nicht einladend aus, wie die Kirche da oben feindselig aber abwesend auf uns herunterschaut, sie erinnert mich an Kafkas Schloss. Wir beschliessen, am nächsten Morgen hinaufzugehen. Nach dem Frühstück. Nach dem Essen ruhn oder tausend Schritte tun. Wenn es mir passt, dann es mir passt, dann nehme ich Sprüche ernst.

Am nächsten Morgen steigen wir die Anhöhe hinauf. Wir laufen über Friendhof. Das habe ich als Kathole gelernt. Wir laufen immer über Friedhöfe. Ich weiss nicht, warum. Dann nehmen wir Fotos und schauen auf die Stadt hinunter. Da oben versteht man die Struktur des Ortes, man sieht, wie die Autobahn den Ort flankiert. Ich verstehe sofort, warum man in Wikipedia so viel darüber schreibt.

Gegen 11 Uhr fahren wir los. Wir haben 5 Autostunden bis Meran vor uns. Fast meine ganze Familie wohnt mittlerweile in Meran, wo auch die meisten meiner verbliebenen Freunde wohnen. Es ist besser so. Mein Vater wohnt noch im Dorf, das ist immer sehr weit weg von allem.

Am Nachmittag kommen wir an. Wir hatten “Live Location” in Whatsapp an. Die Neffen hatten das genau verfolgt und warteten schon zwei Kreuzungen vor ihrem Haus auf uns.

Nachher gehen wir zu Smorfia. Das ist eine Pizzeria am Rande der Altstadt. Smorfia heisst Grimasse und sie machen napolitanische Pizza. Das Smorfia war das erste Lokal in Südtirol, das keine Industriebiere servierte, sondern von einer kleinen Brauerei aus der Toskana.
Mittlerweile haben sie das aber aufgeweicht. Sie haben noch eine Bionda von besagter Brauerei und sonst das übliche Forstbier und irgendein Weizen aus Bayern. Die Bionda schmeckt mir nicht, es ist dem belgischen “Blonde” nachgeahmt und mir zu säuerlich. Deshalb bestelle ich ein Forstbier hinterher.

Von den zwei Bieren und der Pizza bin ich platt. Aber meine Mutter ist in Plauderstimmung. Wir sitzen nachher noch bis halb zwei Uhr bei ihr am Wohnzimmertisch.

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Am nächsten Tag schlafe ich lange, bis zehn Uhr. Dann frühstücken wir und gehen zu meiner Schwester. Auch dort gibt es Frühstück. Dort gibt es anderes Brot und andere Käses. Also frühstücke ich ein zweites Mal.

Eigentlich wollten wir heute nach Gardaland, dem Vergnügungspark am südlichen Ende des Gardasees, fahren. Es zieht aber gerade ein großes Unwetter über Norditalien her. In Mailand herrscht Notzustand. Am Gardasee regnet es nur. Aber alle Beteiligten entscheiden sich gegen die Fahrt. Mich hält Regen ja selten von etwas ab, aber Regen im Vergnügungspark ist nur so halb, das sehe ich schon ein.

Dafür lädt uns die kleinere der beiden Schwestern in den Escaperoom Meran ein. Ich liebe Escaperooms. Der Escaperoom ist in einem entweihten Nonnenkloster in der ALtstadt eingebaut. Es gibt zwei Räume, ein Raum bespielt eine Detektivgeschichte. Da wir drei Kinder dabei haben, wählen wir den anderen Raum, der ist etwas einfacher und behandelt die Deciffrierung des Voynich Manuskriptes.
Wir sind zu sechst, haben viel Spass, sind aber etwas chaotisch und schaffen es natürlich nicht, das Rätsel innerhalb der vorgegebenen 60 Minuten zu lösen. Der Quizmaster lässt uns aber etwas mehr Zeit. Nach zwanzig Extraminuten, knacken wir das Rätsel.

Danach machen wir Meran-Sachen. Wir spazieren auf der Kurpromenade und gehen zu Mediamarkt. Mit den Kids Mediamarkt gehen, ist immer sehr unterhaltsam. Wir haben nie einen Plan, hängen aber immer lange herum. Am Ende sitzen wir in der Gamer-Ecke auf vier Gamer Sesseln im Kreis und quatschen lustiges Zeug.

Danach ist schon Abendessen und wir schauen eine Familienkomödie (Game Night). Ich vergesse immer, wie viel im Fernsehen über Sex geredet wird. Das bekommt man erst mit, wenn Kinder neben einem sitzen und man sich ständig denkt, was die wohl gerade denken. Als Kind und Jugendlicher fand ich es immer schlimm, Erwachsene neben mir zu haben, wenn Leute im TV knutschten oder Sex hatten.

Die Kinder (10, 12, 13) ignorierten das alles vornehm.

[Mittwoch, 15.92021 – packen]

Heute habe ich nur gearbeitet und gepackt.
Mittags habe ich fünf riesige Karotten gegessen. Das möchte ich hier im Logbuch stehen haben.

Morgen fahre ich mit dem gepackten Auto in die Firma und wir brechen am frühen Nachmittag auf um Richtung Süden zu fahren. Wir werden in einem fränkischen Dorf übernachten. Leider schließen die Restaurants dort um 20Uhr. Das wird etwas knapp. Und es gibt nichts besseres, als nach mehreren Autostunden im Hotel anzukommen und ein frisches, fränkischen Bier sowie eine wohlriechende Speise vor die Nase gesetzt zu bekommen.

[Dienstag, 14.9.2021 – Nachbarin und das Impfen]

Als ich am Abend nach Hause komme, treffe ich die Nachbarin im Hof. Sie gilt im Haus als schwierige Katzenlady, sie ist mit mehreren Leuten im Haus zerstritten. Wir beide haben ein okayes Verhältnis. Vermutlich, weil wir bisher keine kontroversen Themen hatten und innerhalb des Hauses ziemlich weit voneinander entfernt leben. Sie hat ständig und zu allem eine starke Meinung. Ich merke das Potential in einen Streit verwickelt zu werden. Aber ich werde den Teufel tun und mit einer Person, die mir wenig bedeutet, die ich aber regelmäßig treffe, in einen Streit zu geraten.

Dachte ich. Sie muss nur an die richtigen Trigger geraten.

Wir plaudern etwas locker über Corona, dass der Lockdown eigentlich gar nicht so schlimm war, dass sie sogar einen neuen Job gefunden habe, sie wollte sich ursprünglich auch impfen lassen, hat es sich dann aber kurz vor dem Impftermin anders überlegt, weil man ja nicht wisse, was da alles drin sei und das sei ja schon ein bisschen ein Feldversuch mit dem Volk und nein, das wolle sie eigentlich nicht, was ja auch okay sei, jede kann sich impfen lassen, das sei jeder selbst überlassen, aber sie habe neuerdings schon das Gefühl dazu gedrängt zu werden, von allen Seiten, das fände sie nicht fair und das liesse sie sich nicht gefallen.
Ich sage, ja aber je mehr Menschen sich impfen liessen, desto eher sei die Pandemie vorbei bzw desto eher könne man Mutanten verhindern, die auch mich als Geimpften wieder gefährden würde und dass das Spiel dann ja wiede von vorne beginne, etc.
Sie sagte, das sei doch alles gar nicht bewiesen-

Und so bekamen wir innerhalb einer Minute Puls.

Ich hatte nicht die psychologischen Werkzeuge um aus diesem Ärgernis rauszukommen. Als sie über die vom Kapitalismus und Pharmafirmen gesteuerten Wissenschaft sprach stand ich kurz vor einer Beschimpfung. Auch sie wurde aggressiver, ich hatte aber auch das Gefühl, dass sie sich mit dem neuen Tonfall nicht wohl fühlte. Sie hatte vermutlich auch keine Werkzeuge, aus dieser Kiste zu entfliehen. Sie sagte etwas über ihre Ärztin, dass sie sich lange mit der unterhalten habe, dann unterbrach ich sie: bei welcher Ärztin bist du? Auch bei Frau Soundso bei uns um die Ecke?
Sie sagte: Ja. Und ich sagte: Jaaa. Ich auch.
Und dann begannen wir über unsere Hausärztin zu schwärmen. Als wäre vorher nichts gewesen.

Ich muss sie ja nicht missionieren.

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Ich war wieder so müde, dass ich nicht zum Packen kam. Morgen ist der letzte Abend an dem ich die Reise vorbereiten kann.

[Montag, 13.9.2021 – Frisur, großflächig tätowiert]

Wieder im Frisursalon gewesen. Der zweimonatliche Rythmus scheint gut zu sein. Heute hatte ich eine andere Friseurin zugewiesen bekommen. Sie ist neu, kommt aus Franken, wir verstehen uns auf Anhieb, plaudern die ganze Zeit über das Reisen. Nicht Gehaltvolles, aber schönes Schwärmen über Gegenden, die man kennengelernt hat.

Sie ist großflächig tätowiert. Am Hals hat sie eine Motte, vom Nacken hoch bis hinter den Ohren ein Muster, das nach Blättern aussieht. Ihre Muskulösen Oberschenkel zieren Blumen und eine Galgenszene. Eine Gruppe von schwarzen Schatten, die um einen Galgen herumstehen. Ihre Handrücken sind schwarz tätowiert. Gedeckt schwarz. Diesem gedeckten schwarz kann ich wenig abgewinnen. Ein Bekannter hat seinen ganzen rechten Arm schwarz stechen lassen. Einfach großflächig, gedeckt schwarz. Hätte ich so etwas, ich würde mich unwohl fühlen wie mit einem ewigen Sonnenbrand. Ich habe einmal zugesehen, wie das gemacht wird. Da wird mit einem breiten Nadelkamm einfach in die Fläche gestochen. Stechen, stechen, stechen, Blut weg. Stechen, stechen, stechen, Blut weg. Weil man bei solchen großflächigen Arbeiten nicht gut sehen kann wo man hinsticht, sticht man einfach die ganze Zeit auch in die Wunden.

Ich sage ihr, diese großflächigen, gedeckten Tätowierungen finde ich immer etwas hart. Tut sicherlich weh, wenn man da ewig lange in wunder Haut herumgestochen wird. Sie lacht und sagt, sie sei hart im Nehmen.
Gott, ich habe echt gefragt, ob es weh täte.

Sie schneidet anders als ihre Kolleginnen. Der Haarschnitt gerät ungewohnt kurz und etwas undercuttiger. Ich sagte im Voraus, dass ich Undercuts mag, mir diese aber nicht sehr stehen, also soll sie einfach etwas in Richtung Undercut machen ohne einen Undercut zu machen, also Seite kurzer und oben etwas länger, so wie es ihre Kolleginnen auch machen.
Es ist jetzt undercuttiger geworden. Aber es steht mir.

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Heute bin ich wieder ewig im Büro. Ein Mitarbeiter hat Redebedarf. Wir sprechen lange über die Dinge.
Eigentlich müsste ich heute anfangen zu packen, ich möchte nicht alles auf den Mittwochabend verschieben. Als ich zuhause ankomme, bin ich ausgelaugt.

[Sonntag, 12.9.2021 – Duell, Triell]

OK, jetzt geht die Saison weiter. Egal wie die Mannschaft zusammengestellt ist, ich muss es jetzt einfach geschehen lassen. Dass ich einfach geschehen lassen muss, ist ja nichts Unbekanntes.

Das Spiel läuft ungeordneter und nervöser als erwartet. Aber dennoch: wir schiessen drei Mal aufs Tor und treffen drei Mal. Und wir kassieren nur ein Tor. Dabei sind unsere Statistiken gegen den Aufsteiger Bochum so miserabel, als wären wir die Aufsteiger.
Immerhin wollte man Mentalität in der Mannschaft haben. Das scheint irgendwie passiert zu sein. Irgendwie. Die Mentalität überzeugt mich nicht so sehr, wie Mannschaften, die als kämpfendes Mentalitätskollektiv auftreten. Aber immerhin wirkt es wie einzelkämpfende Mentalität, die auf dem Platz steht. Man beisst, man kratzt.

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Nach dem Duell schauen wir das Triell.

Ich schaue das eher aus Sensationslust. Und um zu wissen, worüber die Nation da draussen spricht. Wir dürfen beide nicht in Deutschland wählen, aber dieser Voyeurismus, wenn drei Kandidatinnen um die Gunst der Nation gegeneinander antreten, ist schon eine spannende Angelegenheit. Körpersprache, Stimme, Kleidung. Der psychologische Aspekt. Es geht nicht so sehr um die Inhalte, es geht darum, wer es am besten rüberbringt.
Mit Olaf Scholz habe ich mich bisher noch nicht sonderlich beschäftigt, es ist das erste Mal, dass ich ihn sprechen höre. Die Ruhe mit der er Laschets Angriffe abwehrt ist sehr stark. Dabei wehrt er die Angriffe nicht nur ab, sondern bezichtigt ihn der Lüge oder der Manipulation. Ohne uns das Gefühl zu geben, dass er den Laschet wirklich angreift. Das ist mega. Ich denke sofort: muss ich auch lernen.

Wir sind es nicht gewohnt, lineares Fernsehen zu schauen. Wir haben keinen Anschluss, unser TV läuft mit GoogleTV und hat alle relevanten Streaming Apps. Ich habe herausgefunden, dass es auf dem Fernseher eine ARD-App gibt, mit der man auch einfach ARD übers Internet schauen kann.

Anfangs drücken wir mehrmals auf den Pausenknopf, um uns auszutauschen. Aus Gewohnheit. Wir drücken bei Filmen und Serien ständig den Pauseknopf weil wir uns über das eben Geschehene austauschen müssen. Bei Livefernsehen ist das so eine Sache. Müssen wir uns noch daran gewöhnen.

[Samstag, 11.9.2021 – Damals am 911, und heute unten an der Spree]

All die Geschichten der Leute zum 911. Halb Twitter ist voll davon. Ich mag diese Geschichten. Es was für viele ein Schockmoment, der sich anfühlte, wie das einläuten einer neuen Epoche. Ähnlich wie der Fall der Berliner Mauer. Alle Geschichten haben das gleiche Muster: etwas alltägliches passiert, dann kommt der Schock. Manche sind mit Gedanken garniert, manche beschreiben darauffolgende Handlungen.

Ich war damals die Affäre der Frau eines sehr reichen Mannes. Sie kam aus Norwegen und ihr Mann arbeitete die meiste Zeit in den USA. Ich hatte an jenem Tag früher frei genommen und fuhr mit der Bahn von Amersfoort zurück nach Utrecht. Am Abend würde ich sie treffen, ihr Mann war wieder auf Dienstreise. Zufälligerweise nicht in der USA.
Zwei Jahre vorher hatte ich in der Utrechter Innenstadt eine Art Internetcafé in einem besetzten Haus gegründet, das ich in meiner Freizeit mit einigen Freunden betrieb. Weil ich meine freie Zeit oft in dem Café verbrachte, ging ich auch an jenem Nachmittag da hin. Weil der Ort mein Bezugspunkt war und es immer Freunde gab, die ich dort traf. Eigentlich nahm ich sehr selten ein paar Stunden von meiner Arbeit frei, aber an jenem Tag tat ich es.

Als ich das besetzte Haus betrat, herrschte im Internetcafe eine seltsam aufgeregte Stimmung. Es waren viele Leute anwesend. Ein Freund rief mir vom Tresen her zu: hast du mitbekommen, was gerade passiert ist?
Ich schüttelte den Kopf.
Während ich im Zug gesessen hatte, waren offenbar zwei Flugzeuge in die beiden Türme des WTC’s geflogen. Alles brannte und rauchte. Auf den Bildschirmen flackerten überall diese Bilder. Das Internet war damals noch nicht so multimedial wie heute. Es gab noch kein Youtube, kein Facebook, kein Twitter, aber Foren waren damals ein großes Ding.
Weil wir damals noch ohne Smartphones herumliefen, und Mobiltelefone noch keine Kameras hatten, konnte man noch nicht alles per Film und Foto festhalten. Ich glaube sogar, dass Digitalkameras noch nicht auf dem Massenmarkt waren. Ich kannte zu jener Zeit einen Fotojournalisten, der mir seine Digitalkamera vorführte. Und wie schnell er jetzt Fotos verfügbar habe, weil er sich das Entwickeln der Filme spare. Er könne einfach knipsen und knipsen und knipsen. Irgendeines sei dann schon brauchbar. Das war eine unfassbare Erneuerung.

Der elfte September läutete auch das Ende der Affäre ein. Der Angriff hatte an ihrem Sicherheitsverständnis gerüttelt. Für die Welt im Allgemeinen und für sich in ihrem Leben. Während ich es lange einfach als tragischen terroristischen Akt einstufte, war es für sie, als wäre ihr Boden ins Wanken geraten.
Das kann ich alles nachvollziehen. Was uns in jenen Tagen auffiel: wir waren sehr, sehr verschieden. Mit dem elften September platze vermutlich diese rosa Blase.

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Wir hatten heute vieles zu besprechen. Wir machten einen längeren Spaziergang und setzten uns danach auf den kleinen Bunkerberg im Volkspark Friedrichshain. Es ärgert mich immer ein bisschen, wenn ich auf einem der beiden Bunkerberge sitze. Man befindet sich hier auf einer richtig schönen Anhöhe mitten in der Stadt, aber man kann nichts sehen, weil die Aussicht von Bäumen verstellt ist. Ich werte das schon seit Jahren als fehlende Dramatik der deutschen Stadtplanung. In Frankreich oder in Italien hätte man da vermutlich einen Brunnen draufgesetzt und auf den Treppen würden Liebespaare sitzen und von der großartigen Aussicht würde man Postkartenmotive malen. Aber in Deutschland stehen Bäume. Und man kann gar nichts sehen.

Später kehrten wir nach Hause, redeten weiter. Um 21Uhr beschliessen wir, noch eine Runde spazieren zu gehen. Wir laufen hinunter zur Spree. Es ist Samstagabend, Berlin ist wieder am Leben, die Kneipen, Restaurants und Imbisse sind gefüllt, Menschen sitzen draussen. Wir gehen hinunter zum Wasser, zur Oberbaumbrücke, spazieren am Ufer flussabwärts. Viele Menschen sitzen auf der Kaimauer, Touristinnen, Berlinerinnen. Auch wir setzen uns ans Ufer, strecken die Beine aus, vor uns das Wasser, auf der anderen Seite die Speicherhäuser des kreuzberger Ufers. Die Boote fahren, sie sehen wie liegende Weihnachtsbäume aus.

Kurz vor Mitternacht sind wir wieder zuhause.

[Freitag, 10.9.2021 – italienische Botschaft, Finanzen]

Gerade festgestellt: mein Reisepass verfällt in genau 12 Tagen. Da bin ich in Südtirol.

Ich könnte den neuen Pass auch hier in der italienischen Botschaft verlängern, aber in der Botschaft werde ich immer als second-class Italiener behandelt. Das war schon immer so. In den Niederlanden, in Spanien, im Konsulat in Hamburg und auch in der berliner Botschaft. Mit jedem Kommentar, jeder Geste, wird mir zu verstehen gegeben, dass ich als Südtiroler eigentlich ja eh nicht dazugehöre. Ausserdem wird mein Name beim Aufrufen immer derart falsch ausgesprochen, dass ich mich total angegriffen fühle.

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Am Abend melde ich mich bei Trade Repulic an. Ich habe mich bisher noch nie um Aktien gekümmert. Das hat vornehmlich damit zu tun, dass mir Leute, die sich mit Aktien beschäftigen, grundsätzlich zuwider sind. Schon klar, dass das Käse ist.
Was ich aber schon länger mal machen will, ist einen monatlichen Betrag in ein ETF Fonds stecken. Über ETFs habe ich viel gehört und es ist praktisch ein Investment in den breiten Weltmarkt. Wächst die Weltwirtschaft, wächst auch das Geld, das ich einlege. Immerhin 5% pro Jahr. Geht die Welt den Bach runter, dann gehe ich zwar mit, aber dann gehen wir alle den Bach runter, wenn wir alle das gleiche Schicksal erleiden, kann ich gut damit leben.
An die Rente glaube ich nicht. An die Weltwirtschaft ein kleines bisschen mehr.

Die App macht es mir leichter. Trade Republic ist ein Startup aus Berlin. Ich bilde mir ein, diese Art von Leute zu kennen, das sind andere Leute als die, die in Frankfurt sitzen oder in münchner Vororten mit ihren BMWs nach Feierabend zu ihren Hausfrauen fahren. Nachdem ich ein paar Youtube Videos angeschaut habe, verstehe ich das ganze System ein bisschen besser. Mein Problem mit diesen Dingen ist: ich verstehe die Details nicht. Die Oberfläche kann ich erfassen, ich weiss wie Investitionen funktionieren und wie sich Anteile im Wert verändern. Aber ich blicke bei den einzelnen Interessen nicht durch. Es gibt immer Leute, die mitverdienen, die wissen, wie sie sich bereichern, auch indem sie Aktien zu Fonds verpacken und Dienste anbieten, mit denen man diese verwalten kann. Ich will wissen, was hinter diesem Versprechen der 5% Rendite hängt.

Dann registriere ich mich bei Trade Republic. Da es sich um ein Finanzprodukt handelt, muss ich seriöse Angaben machen. Bankkonto, Reisepass, etc. Per Videoschalte wird mir ein Mitarbeiter von Trade Republic dazugeholt, ich muss meinen Reispass neben meinem Gesicht halten, mit der Hand zwischen Kamera und Pass winken. Nach 10 Minuten abe ich alle eingegeben und mein Konto wird in die Überprüfung gegeben.

Eine Stunde später erhalte ich eine Mail. Da ich italienischer Staatsbürger bin, muss ich auch meine italienischen Steuernummer mitliefern. Ich weiss, dass ich sie irgendwo habe. This is serious business.