Wir beissen ganz sicher nicht (glaube ich). Aber wir lesen euch was vor (glaube ich auch). Übermorgen in der Brotfabrik in Berlin.

(Buchpremiere! Klingt mal anders als Lesung. Premiere klingt nach Schnaps. Was durchaus gut ist.)

trautes Heim, Glück allein [Statistik]

Danziger Straße.
Ich will in der Danziger wohnen. Wollte ich immer schon. Obwohl Provisionsfrei, empfängt mich ein Makler. Einer von der Sorte Seifenblase. Er redet den Lärm schön und die fehlende Sonne. Ich mag die Wohnung trotzdem sehr, der Lärm stört mich nicht, aber schlafen würde ich gerne nach hinten raus, beim Schlafen möchte ich den Lärm lediglich indirekt hören. Sozusagen. Was jedoch mangels eines fehlenden Zimmers nach hinten ein bisschen umständlich werden könnte. Der Makler sagt, wenn man die Fenster schließe, dann sei der Lärm wie verschluckt. Er schließt die Fenster und ich warte auf das Schlucken. Selbstredend vergeblich.
Irgendwie stört mich der Lärm trotzdem nicht, doch finde ich die Miete zu hoch. Ich frage den Makler wie nun weiter zu verfahren sei. Er zeigt mir Formulare, die ich ihm bei Interesse einfach zufaxen solle. Er fügt hinzu, dass die Wohnung zwar Provisionsfrei sei, aber wenn ich wolle — gegen eine Maklerprovision würde er sich natürlich nicht wehren. Und lächelt dabei wie eine Seifenblase. Oder zumindest würden Seifenblasen so lächeln wenn sie Makler wären.
Ich überlege kurz, dem Makler zu sagen ich würde ihm Provision bezahlen wenn er beim Besitzer die Miete um fünfzig Euro drücken könne. Der Lärm, der Lärm, Sie wissen schon. Aber ich lasse es sein. Ich weiß nicht wem ich das Geld weniger gönne; lächelnden Maklern oder wuchernden Vermietern.

Schonhauser Allee.
Ein Loch.

Gaudystraße.
Eigentlich auch ein Loch. Aber ein hübsches Loch. Julietta findet das Loch passe irgendwie zu mir. Sie vermeidet dabei das Wort Loch und umgeht dies mit der Beschreibung, die Wohnung sei ein bißchen dunkel und mürrisch aber irgendwie charmant. Ich denke lange darüber nach was sie wohl mit mürrisch meinen könnte wenn sie über Wohnungen redet. Etwas in mir drin sagt mir, dass das schon in Ordnung sei.
Die Wohnung wurde als renoviert angepriesen. Frau Staller von der Hausverwaltung, eine 50jährige, biedere, und nur im ersten Moment freundlich wirkende Dame, entdeckt die leckende Wasserleitung unter der Spüle — rein zufällig — mit routiniertem Entsetzen. Sie mag es nicht wenn man sie auf den unrenovierten Zustand der Wohnung hinweist. Sie wird ungastlich.

Schliemannstraße.
Ein Loch ohnegleichen.

Stargarder Straße.
Eine hübsche Wohnung auf der Hinterseite des Hinterhauses. Der Hausmeister, ein 45-järiger freundlicher Mann öffnet die Tür und bittet mich herein. Es ist Sonntag und er trägt einen Blaumann. Dienstbeflissen, denke ich. Er zeigt mir die Wohnung und redet ununterbrochen, von den Mietern, von der Schule vor der ich keine Angst zu haben bräuchte, da der Schulhof mit den spielenden Kindern letztes Jahr auf die andere Seite des Gebäudes verlegt worden sei. Es sei hier schön ruhig, so versichert er mir. Ich weiß nicht ob ich Ruhe brauche, nicke aber. Dann schwärmt er vom neuen Grün im Innenhof, wie sauber das jetzt alles sei, schön angelegt, endlich die großen Bäume weg, dafür jetzt diese hübschen kleinen Büsche die man quadratisch schneiden kann. Wie frisieren sei das, fügt er hinzu und ich glaube kurz ein Flackern der künstlerischen Begeisterung in seinen Augen leuchten zu sehen. Dann erzählt er, dass man ihm diese Wohnung auch schon angeboten habe, er sie aber letztendlich ablehnen musste, da er als Hausmeister einen Blick auf den Hof haben müsse, haben wolle. Es könne ja nicht sein, dass er nicht wisse was da so abgehe.
Ich beschließe die schöne, ruhige Wohnung eine schöne, ruhige Wohung sein zu lassen und gehe zu meinem nächsten Termin.

Stubbenkammerstraße.
die Anzeige sagt: TRAUMHAFTE WOHNUNG FÜR INDIVIDUALISTEN IN TRENDIGEM SZENEKIEZ.
Ich beschließe nicht hinzugehen.

Schönhauser Allee.
die Anzeige sagt 115 Quadratmeter für 320€. Zwei Nettokaltmieten für den Makler. Ich beschließe den Makler auf seinem Loch sitzen zu lassen.

Wolliner Straße
Vormieter sucht Nachmieter. Hübsches und helles Ding, nahe an der ehemaligen Mauer. Ich wollte immer schon nahe an der ehemaligen Mauer wohnen. Ich muss in Berlin immer wissen wo die Mauer früher stand und ob ich mich gerade im ehemaligen Osten befinde oder im Westen. Sonst fühle ich mich unglücklich. Berlin und die Geschichte mit der Mauer ist für mich wichtig. Zudem dachte ich mir, es sei ein toller Moment wenn mich meine Mutter besuchen kommt und ich ihr sagen kann, siehe da Mama, hier am Ende der Straße stand die Mauer, da ab dem Kirschbaum. Das ist so statisch, das mag ich.
Die Wohung ist ein bißchen klein vielleicht, aber ich bin sofort verliebt. Der Vormieter erklärt mir die Wohnung, er hat so gut wie alles selbst gebaut und spricht ein sehr eckiges “Icke” wenn er betont was alles von ihm stamme. Die Dusche, das Podest, die Küche, die Regale, alles Icke. Und wie dolle das auf den Mietpreis drücke. Ich gebe zu, dass ich lieber einem Vormieter fettes Geld für Abstand in die Hand drücke als Maklern das selbe Geld für die Vermittlung. Mündige Mieter sind das A und das O der Revolution. Ich strahle die ganze Zeit über, ich wolle die Wohnung, sage, wie toll das alles sei, werfe auch einige “tolls” dazwischen wenn sie gar nicht passen.
Wir reden auch übers Viertel, ich erzähle wie es früher hier aussah, wenige Jahre nach der Wende. Und er erzählt mir wie es nachher war.
Er wird mit der Zeit immer ernster, beginnt gar auf Abstand zu gehen. Dann gesteht er mir, er trete ein wenig gegen die Verwestlichung seines Kiezes ein. Das sei ja alles nix wie das geworden sei hier. Und sagt das mit einer verächtlichen Unterton. Ich bin begeistert. Ich sage, ich sei sogar gegen die Verwestlichung der ganzen Welt! Doch ich sehe ein, dass wir die Verwestlichung aus zwei unterschiedlichen Perspektiven betrachten und nachdem ich die Treppen nach unten laufe, weiß ich schon, dass es mir auch wenig hilft aus dem kleineren Westen, den Süden, zu kommen.

mein Freund, der Berliner Spatz

Wenn Tauben die Ratten der Lüfte sind, dann sind Spatzen die Mäuse. Der Lüfte. Ich weiß drum, wie wenig neu diese Erkenntnis ist und doch war ich bis heute ein großer Freund der Spatzen.
Spatzen pflegen eine besondere Zuneigung zu mir. Ausnahmslos alle. Und weil ich ihnen das hoch anrechne, gebe ich viel von dieser Zuneigung zurück. Wo auch immer es Spatzen gibt, kann ich getrost davon ausgehen, dass der eine oder andere gefiederte Geselle auftaucht, und mich aus der Nähe freundlich mustert. Sei es in Lithauen, wo sich der Spatz neben mich auf die Bank setzte und mich von der schmutzigen Schuhspitze bis zum unfrisierten Scheitel begutachtete, oder sei es der Spatz in Kroatien, der sich auf meine Zeitung setzte und auf meinen aufgekratzten Pickel schielte, so sind das nur einige wenige Beispiele, die der besonderen Lokalitäten wegen erwähnt werden wollen, um beiläufig den Eindruck zu erwecken ich sei ein weitgereister Mensch. Solche Anekdötchen könnte ich natürlich auch aus Hamburg erzählen, wenngleich die Spatzen dort spärlich sind, da der Himmel in der Hansestadt hauptsächlich von Tauben verfinstert wird. Und Tauben wollen nichts von mir. Weshalb sie die Bezeichnung “Ratten der Lüfte” sicherlich nicht zu Unrecht tragen.
Und dann Berlin. Warum ich diese Stadt letztlich so mag, sind sicherlich die Spatzen. Berlin ist sozusagen eine Spatzenstadt. Und nicht nur wimmelt es in Berlin von Spatzen, sondern es leben dort auch die bestgelauntesten Spatzen der ganzen Republik. Oder der Welt meinetwegen. Glaubt es mir, ich kann Spatzenparallelen ziehen, nach Kroatien und Lithauen. Der Berliner Spatz hat Herz. Bis heute jedenfalls. Gestern noch, am Weissensee, der Spatz der sich auf meiner Zehenspitze sitzend, mich kaum beachtend, das Gefider putzte und der andere Spatz ein bisschen später, der sich unbeeindruckt aus der Hand füttern ließ — wirklich gesellige Kleinfederviecher hier.

Bis heutefrüh. Bis ich heutefrüh am Hackescher Markt meinen Milchkaffee trank. Bis sich dieser schienbar so lustige Spatz auf den Tischrand setzte und mich angrinste. Ich war wieder froh. Ich fühlte mich wie Franziskus von Assisi, zwar ohne Heiligenschein, aber mit dieser Aura der Glückseeligkeit, des Friedens und der Inneren Ruhe. Die Tiere lieben mich. So dachte ich. Auch wenn es nur Spatzen sind, die Mäuse der Lüfte, Überbringer von Krankheit und Pest und Tod, in handlichem Miniformat. Die Tiere lieben mich.
Der Spatz kam näher und grinste weiter. Ich lächelte zurück und genoss von meiner Aura. Er bauschte sich auf, so wie Vögel das oft machen, wenn sie sich wohlfühlen. Ich lächelte ihn an.

Der Spatz machte noch einen Satz nach vorne, stand dann neben meinen Kaffee, grinste mich nochmals an und schnappte sich den Kaffeekeks. Im nächsten Augenblick war er auf und davon.

Ich fühlte mich selten so alleine.

zur Erinnerung

(intellektueller Besitz des Fotos liegt bei des Merlix’ Herzdame)

unterschlupf in Berlin gesucht

Umburchszeit steht wieder an. Berlin, Berlin, seit Jahren verbindet mich ein Band der Melancholie mit dieser Stadt, ich freue mich sehr. Nur geht das jetzt alles ein wenig schnell. Am 15.6. soll ich bei meinem neuen Arbeitgeber schon Steinsäcke schleppen, doch habe ich noch nichtmal ansatzweise ein Dach überm Kopf. Deshalb muss das Blog jetzt einspringen.
Weiss jemand eine hübsche kleine Wohnung? Sie kann gerne etwas verwunschen sein und eckig. Ein oder zwei Zimmer. Eine große Küche gefiele mir, ist aber keine Notsache. Ich glaube ich möchte gerne am Prenzlauer Berg wohnen, zumal ich anfang der Neunziger schon dort gewohnt habe, doch liebäugle ich auch mit unsexy Wedding, oder Mitte, bin ich nicht abgeneigt. Auch die Richtung Friedrichshain ist in Ordnung. Am liebsten natürlich 100 Quadratmeter bei einer Bruttowarmmiete von 200€, aber alles dazwischen nehme ich auch.

Überdies, so dachte ich mir letztens, habe ich nun ein Alter erreicht, in dem man wieder in Wohngemeinschaften wohnen kann. Der Gedanke morgens und abends gemeinsam zu beten Terroristen Unterschlupf zu gewähren anderer Leute Abwasch zu machen gefällt mir.
Zu meinen Qualitäten: ich bin stubenrein, ich wasche gerne ab (was jedoch nicht heisst, dass ich es oft mache), ich koche gut, zwar koche ich hässlich, aber ich koche gut. Weiters bin ich nett, habe gute Zähne, bin morgens gut gelaunt, abends auch, dazwischen nicht so, ich werde versuchen bis zum Umzug Nichtraucher zu sein, ich ähm — OK, das waren meine guten Eigenschaften.

Angebote bitte hierüber. Ich belohne euch mit einem weitläufigen Abendmahl bei Rotwein und so halbwegs guter Musik.

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Mein Freund37 war ja schon von Anfang an dabei, der alte Fuchs.

Was war Deine erste “echte” PC-Hardware?
Meinen ersten echten PC habe ich seit etwa einem halben Jahr. Ich habe von Anfang an Linux (oder andere UNIXE) benutzt, wodurch ich immer mit merkwürdiger Hardware in Berührung kam. UltraSPARC fand ich immer klasse. Auch DEC-Alphas. Da die Entwicklung von Sparcs, DEC-Alphas und Indys seit einigen Jahren leider unrentabel geworden und somit auf der Strecke geblieben ist -ich benutzte vor einem Jahr noch eine 400mHz Kiste- bin ich irgendwann in den Mainstream eingestiegen und habe mit Intel auf 2 oder 3 komma irgendwas Gigahertz hochgerüstet. Seitdem fürchte ich mich vor meinem Rechner.

Deine erste Anwendung welche Du benutzt hast?
Vi. The Visual Editor. Ein Textprogramm, da es mir damals ja ums Schreiben ging. Ich brauchte eine Schreibmaschine die Tippex überflüssig machte. Vi ist ein spartanisches Werkzeug, das ich an dieser Stelle nicht ausführlich beschreiben werde, weil es trotz seiner außergewöhnlichen Schlichtheit, hunderte von Büchern darüber gibt. Ich benutze es natürlich – weil UNIX – mit grüner Schrift auf schwarzem Hintergrund, wie eigentlich alles in meinem Leben grün auf schwarz ist. Vi ist für mich, trotz der umständlichen Bedienung, wie Zigarettendrehen: ich kann es einfach und ich kann es nicht anders. So benutze ich es heute noch zum Emailschreiben, meine Texte zu tippen, und eigentlich alles was mit Buchstaben zu tun hat. Wenn ich so nachdenke, dann bin ich in all den Jahren keinem Textprogramm begegnet das dermaßen präzise ASCII-Text verarbeitet. Vi sieht bei mir so aus:

Dein erstes Spiel?
CircleMUD. Ein textbasierter Multiuserdungeon. Grüner Text auf schwarzem Hintergrund. Das ging so: telnet golem.puscii.nl 3400 und daraufhin musste ich mit kill dwarf [ENTER] kill dwarf [ENTER] kleingeratene, bärtige Menschen töten, was zwar immer mein Karma zum absoluten Nullpunkt (0) abrutschen ließ, mir aber am Anfang viele Erfahrungspunkte einbrachte. Und erfahren wollte ich sein, um diesen Wächter zu liquidieren, der mir immer in die Quere kam wenn ich mit eat pigeon [ENTER] eat pigeon [ENTER] einen Saustall fabrizierte. Viele Jahre später, als ich schon lange keine Computerspiele mehr spielte, verriet mir ein erfahrener Krieger, der im echten Leben Manuela hieß, dass man die Wächter nicht umbringen kann. Es war viel Blut geflossen bis dahin. Es hätten viele Leben gerettet werden können, wenn man einfach mal miteinander geredet hätte.

Hattest Du von Anfang an Spass an der Materie?
Jah. Ich musste nach Korrekturen an Texten nicht mehr alles neu tippen. Was für eine Erlösung!

Seit wann bist Du online, und mit welchem Anbieter?
Endlich kann ich Pfaufedern aufstellen und nach kurzem Räuspern sagen: ich war ja einer der ersten DSL Benutzer auf dem europäischen Kontinent. Noch zu Zeiten in denen verschiedene Provider sagten, DSL sei viel zu schnell, es sei eine Illusion, dass das Netz die Last ertragen könnte, wenn jeder mit einer unvorstellbaren Bandbreite von sage und schreibe 254kbit/s (heute würde man das 0,25mbit/s nennen) ans Internet angeschlossen sei.
Ich war Kunde -und emotional zutiefst verbunden- bei xs4all.nl, einem ehemaligen Hackerclub in Amsterdam, der vermutlich schon Internet hatte und damit dealte, als es das Internet noch gar nicht gab. Doch als xs4all später von KPN (der holländischen Telekom) geschluckt wurde, begannen sie als erste ein aDSL Pilotprojekt und ich als treuer Kunde, war einer der Auserwählten Tester. Ich hatte plötzlich viele Freunde. Meinen neuen Freunden und mir jagte dieses schnelle Internet, das die Seite schon geladen hatte noch bevor man auf den Link klicken konnte, einen heillosen Schrecken ein.

Interessantes darüber zu berichten haben womöglich Alexander und Herr Nase.

machet die Tore zu

Ich habe es immer schon gesagt: Türen müssen aus Stahl sein. Und dahinter vorzugsweise eine Steinplatte angeschraubt. Das spart jede Menge Tam-Tam am Abend.

(Aber ich beschwere mich ja nur, weil alte Männer wie ich auf dem Nachhauseweg wieder einen Umweg laufen müssen)

topografie

Und dann der Dingsda. Fernsehturm. In Berlin stehe ich immer so, dass er mir direkt auf den Kopf fallen könnte. Man kann ihm nicht ausweichen, und das macht mich verrückt. Ich bin ja mehr die einfache Seele, eine Seele für Paris beispielsweise. Dort weiß man wo man sicher ist. Der Eiffelturm hat einen viereckigen Grundriss und fällt nur nach vorne oder nach hinten. Auch nach seitwärts kann er fallen, sowohl nach links als auch nach rechts. Aber in Paris brauche ich mich nur schräg zum Turm zu positionieren und schon weiss ich gewiss, auf sicherem Boden zu stehen.
Ganz anders ist das in Berlin, der Turm ist rund und fällt überallhin, wenn er fällt. Und wenn er auf den Kreuzberg niederkracht, dann rollt er er in Längsrichtung zurück ins Spreetal. Und walzt alles dazwischen platt. Straßen, Häuser, Eisdielen, Museumsinseln, Starbuchs, alles. Fällt er nach Norden, zur Schönhauser hin, gilt dasselbe. Nun kann man natürlich denken ein recht Kluger zu sein und vorsichtigen Schrittes auf Distanz gehen, schätzungsweise 386,03 Meter, oder sich sagen, ha, ich ziehe ganz oben hinauf, auf den Prenzlauer Berg, oder ich bau mir eine Baumhütte im Tiergarten, oder flußaufwärts am Friedrichshain oder Stralau, rollen tut alles immer nach unten. An die große Kugel denkt man aber natürlich nicht. Womöglich will man die Kugel nicht an die große Glocke hängen. Denn wenn der Ball ins Rollen. Ich aber habe die Topografie studiert, und alle Rollbahnen berechnet. Öftermals.

primo maggio

Der große, grüne Polizeiwagen mit der Aufschrift Bearbeitungstrupp fährt hinter dem Demonstrationszug her. Ich muß an einen Fleischwolf denken, der ahnungslosem Frischfleisch hinterherhechelt. Ganz kurz staune ich, wie gutherzig die Aufschrift eigentlich ist, wie es wohl wäre, wenn da Verarbeitungstrupp stünde. Und trotzdem finde ich den Orwellschen Neusprech in diesem Fall gräulich mißglückt. Aber wer weiß, vielleicht wird in diesem Wagen wirklich nur Vorarbeit geleistet, gehäutet und geschält beispielsweise, die Nieten vom Bösen getrennt, die Spitzeln von den Stacheln.

Der Neo-Schanzianer der sich am Neuen Pferdemarkt beklagt, dass er dieses Jahr wieder nicht seinen Latte am Schulterblatt trinken könne. Er weiß natürlich nicht, dass die Schanze so cool geworden ist, gerade weil dort regelmäßig Pflastersteine zweckentfremdet wurden. Aber vermutlich ist ihm das egal, die Frauen sind schließlich schöner geworden.

Bearbeitungstrupp. Was für ein Name. Muss ich nachher googeln.

Sie ist heute nach Berlin gezogen. Heute. Bepackt wie ein Lastentier unter einer schweren Reisetasche, einem Rucksack, einer vollgestopften Laptoptasche und ihrer Handtasche, irrt sie durch Kreuzberg auf der Suche nach dieser vorläufigen Adresse. Als wäre es ein Film, ruft sie mich von ihrem Handy aus an und ich höre sie meinen Namen rufen. Danach versinkt ihre Stimme in Polizeisirenen. Es ist ein bisschen wie das letzte Zeichen einer geliebten Person im Weltall, kurz bevor der Kuypers Gürtel die letzten Übertragungswellen abreißt. Ich weiß natürlich, dass es im Weltall keine Polizeisirenen gibt. Und das ist gut.

Bearbeitungstrupp. Was für ein geiler Name. Muss ich unbedingt googeln.