[30.5.]

Mit V im Weltempfänger am Arkonaplatz, in der breiten Fensterbank am großen Fenster zum Platz hin, gesessen. Bei Bier und Pfefferminztee. Draußen war heller Abend und das Pflaster war naß vom Gewitter und irgendwie kommt es mir vor als hätte es die ganze Zeit über weitergeregnet, aber ich glaube das ist bloß meine Einbildung oder das Wunschdenken vom Sitzen bei Pfefferminztee und Bier an einem großen Fenster während es draußen regnet.
Wir schauten danach öfter hinaus, in die mittlerweile dunkel gewordene Nacht. Wenn es gar nicht regnet, dann könne man doch ein wenig spazieren. Wir hielten uns als Ziel die unbekanntere Weinerei in der Rheinsberger Straße von der Moni mir einmal berichtet hatte als ich ihr schrieb ich würde in diesen Kiez ziehen. Nun laufe ich so oft durch die Rheinsberger, habe aber niemals etwas gesehen das wie ein Cafe aussieht, allerdings habe ich auch nie die ganze Straße hinauf darauf geachtet, dachte mir aber, wir könnten das jetzt ja tun: mit offenen Augen durch die Rheinsberger laufen. Das taten wir dann, fanden aber nichts, etwas verwundet blieben wir an der Ecke zur Schwedterstraße stehen, liefen dann links in Richtung Bernauer, dann dachte ich: vielleicht war mit Rheinsberger auch nur ungefährsorheinsberger gemeint. Also bogen wir in die Kremmener Straße ein, da gab es aber nur einen offenen Hinterhof mit einem Billard-Salon namens Q-Ball-Libre. Dann gingen wir raus auf die Bernauer, und wie ich jetzt raus sage, weil das tatsächlich immer so etwas ist wie rausgehen, rausgehen auf die Lichtung des Todesstreifens, diese merkwürdige Tragik die heute noch, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall über diese Brachflächen an der Bernauer liegt, diese wunderbare Zustandslosigkeit.
Eigentlich wollte ich über den asphaltierten Patroullienweg spazieren, aber dort war gerade eine Baugrube ausgehoben, deshalb gingen wir hinüber zum Bürgersteig und schlenderten hoch bis zur Oderberger. Uns war nach draußensitzen. Auch wenn es nicht sonderlich warm war, aber eben draußensitzen solange uns nach draußensitzen war. Das Cafe am Mauerpark, Mauersegler oder wie das heißt, mit dem Barackenhof, wir konnten es von der anderen Straßenseite sehen. Aber da lief Fußball auf der Leinwand, und Fußball auf der Leinwand, das war wirklich nicht das wonach wir suchten, auch wenn es nicht das Draußensitzen war wonach wir suchten, und auch nicht ein Cafe, wir suchten in Wirklichkeit gar nichts, weshalb wir die Oderberger hinaufspazierten und uns dort an der touristischsten Ecke der Kastanienallee niederließen auf ein Bier und einen KiBa, vor allem wegen dem Ki, weil Ki müsste man eigentlich in der Apotheke kaufen können, und Ba ist ja bloß fürs Auge, und da war auch nicht so viel Ba drin, das meiste war Ki.
Ich hatte das Bi. Den gegärten Hopfen. Was ganz und gar nicht Apotheke ist.
Dann sind weitergelaufen, hoch zur Choriner Straße, und da rechts eingebogen [...]

Eben habe ich die Mail zur Weinerei nochmal gelesen. Nicht in der Rheinsberger, sondern in der Griebenowstraße.

[29.5.]

In einer verdunkelten Wohnung den gestrigen Abend verbracht, an den Text arbeitend, etliche Flaschen Bier an meiner Seite, bis tief in die Nacht und lange Schatten über weite Teile meines Befindens.

[sie gestehen es sich nicht ein]

Inländische Triebwerke, oh Tagebuchblog, Du willst mich gar nicht wissen lassen, sei es auch nur um die Eigenarten der naheliegenden Kleinigkeiten aufheben zu können, als wären wir alle gebrandet, mit so kleinen, grauen, sauren Flecken auf der Stirn, die wir kreisend zu betrachten versuchten, als gäbe es nur den Pedant, den wichtigen Aspekt, dass es sich um wiederholende Ereignisse, um Ereignis und Ereignis, eine durchgängige Seilschaft transportiert.

[28.5.]

K fliegt morgen nach Chicago, heute haben wir daher so etwas wie Abschied gemacht. Das ist natürlich überdramatisiert wenn man das so sagt: Abschied. Und auch wenn man das so plant, weswegen wir zum Abschied nur eine experimentelle Pasta gekocht haben und danach pastaessend auf dem Sofa einen Film geschaut. Wir dachten erst an einen Lynch-Film, aber nach 29 Stunden Twin Peaks und auf die nächsten Wochen verteilt Lost Highway, Wild At Heart und Mulholland Drive fühlte sich ein Lynch-Film zu unexklusiv an für einen Abschiedsabend. Den Titel des Filmes den wir dann geschaut haben sage ich jetzt aber nicht, ich möchte nicht kulturverschlissen wirken. War aber sehr spannend. Und die Pasta war super.

[27.5.]

Heute hat sich der okaye Tag von gestern wiederholt.
Bis 17 Uhr.
Und um 17 Uhr habe ich das Büro verlassen.
Ich war mit A verabredet. Auf einen Feierabenddrink in der Kochstraße in Mitte, grob da bei der TAZ-Redaktion, ich würde mich melden sobald ich da sei. Ich hatte das Sali e Tabacchi im Kopf, als ich dann die Kochstraße überquerte und auf das TAZ-Haus (Super Art-Deko Bau übrigens, als stünde er in Gotham City) zuging sah ich, dass es in dem Gebäude zwei Gastwirtschaften gibt, neben dem etwas zu schick wirkenden Sali e Tabacchi auch das TAZ-presso mit davor Menschen an den Tischen die in GROSSBUCHSTABEN “ich bin links” auf die Stirn tätowiert haben. Ich musste also wählen. Da ich Anzug und Krawatte trug setzte ich mich ins TAZ-presso und bestellte einen Prosecco.
A kam und trank einen Campari mit Orange. Ich erwähne die Drinks jetzt als hätten sie Gewicht.
Wir redeten über die Stetigkeit und über die Liebe und hatten ein paar sehr helle Gedanken.
Und A hatte Sonnenbrillen mit einer weißen Schicht die dadurch aussahen als wäre ihnen Papier vorne drauf geklebt worden.
Nachher radelte ich die Friedrichsstraße hoch, und möglicherweise habe ich es noch nie gesagt, aber: ich mag die Friedrichsstraße. Das ist so ein gelungenes Stück Stadt bei dem ich dauernd nur gucken will, links und rechts, und dabei vollkommen den Verkehr aus den Augen verliere.

[26.5.]

Vom heutigen Tag wusste ich, dass er ein extrem Mühsamer und Träger und Langweiliger werden wird. Wegen der extrem mühsamen und trägen und langweiligen Schulung.
War dann aber ganz OK.
Nicht besonders aufregend, bis auf das großartige Unwetter, aber keineswegs mühsam und träge und langweilig. Ein bisschen blöd war nur die Sache mit dem grauen Hemd das ich letzte Woche gekauft habe, weil graue Hemden und Schweiß, das geht nicht zusammen. Und ich bin ja einer der sich viel bewegt. Wie sollte ich das auch wissen, mit grauen Hemden habe ich so wenig Erfahrung. Kam ich also mit dem Fahrrad im Büro an, gutgelaunt, ein paar sportliche Schweißperlen auf der Stirn – und einen riesigen Feuchtfleck auf dem Rücken.
So ist das. Nicht schön das.
Auch nicht witzig oder pointiert.

[25.5.]

Huch, Arbeit. Meine Anwesenheit im Büro hat mich heute dann doch ein wenig erschreckt. Erst noch Urlaub und plötzlich steht man ungekämmt im Büro.
Montag. Einer meiner Lieblingskollegen hat heute Geburtstag. Es gab Kuchen und später Magnum-Eis. Beim “Allet Jute” stimmte niemand mit ein. Er nahm es aber mit Humor. Es war auch keineswegs persönlich, das bin ich mir sicher, sondern der fehlende Mut. Das war früher mal anders. Als wir ohne Angst vor Peinlichkeiten drei-, vier-, fünstimmig einstimmten und die Scheiben barsten ließen. Ah, die ewige Zurückhaltung; cool sein. Cool sein ist einfacher. Wie leicht man sich dahinter verbirgt. Ich ja auch.

Nach der Arbeit bin ich zur Friedrichsstraße gefahren weil ich mein Fahrrad seit Freitag in der Reinhardtstraße stehen hatte. Ich war am Freitag mit K in diesem halbberühmten Buchladen der früher mal Kolibri (oderso) hieß, verabredet gewesen. Der Laden der jetzt einen komplizierten Doppelnamen mit einem -kvist am Ende hat. Ich habe vor einigen Monaten einen Gutschein im Wert von sechzig Euro von meinen Kollegen bekommen. Auf meinen Wunsch hin für diesen Laden anstatt des üblichen Thalias. Ich bin ja politisch korrekt (Muss nicht gleich jeder wissen, dass die Bücher dort alle Mängelware sind und nur die Hälfte kosten).
Am Freitag gab es da endlich ein Mängelexemplar von dem neuen Rammstedt-Roman. Der Kaiser von China. Ich bin ein elender Geizkragen. Seit der letzten Klagenfurtlesung schon blättere ich an den Auslagen der Buchläden in diesem Buch. Und warte dabei bis ich es als Mängelexemplar zu greifen kriege. So wird das natürlich nie etwas mit zeitgemäßer Literaturkritik hier in diesem Blögchen. Aber gut, das war ja Freitag. Heute bin ich in die Reinhardtstraße, weil mein Fahrrad noch da stand, und bin wieder in den Laden gegangen, ich habe schließlich immer noch Guthaben auf dem Gutschein, und danndanndann. Nichts dann. Es gab nichts Neues also bin ich nach hause gefahren.

[24.5.]

Sonntag. Wieder familienlos geworden.
Am Nachmittag mit dem Photographen von rechts oben zu Irma in der Brunnenstraße gegangen einen Kaffee trinken. Über Kunst geredet und die Kultur der Ausstellungen und Kuratoren und die Kultur des einfach mal machens in Berlin. Ziemlich viele Gedankenanstöße gehabt und vor allem den praktischen Unterschied zu der eher introviertiert geprägten Literatenszene gesehen. Irma schließt schon um sechs. Was aber nicht schlimm war, weil ich um sechs Uhr mit K ins Berliner Ensemble musste. Karten für “Mein Kampf”.
War unterhaltsam, aber ein bisschen harmlos. Am meisten mochte ich das Huhn. Ich liebe Hühner. Aber dazu ein andermal. Jedenfalls muss ich mich erinnern, bei Frau Casino Empfehlungen für Theathervorstellungen einzuholen.

Die Vorstellung fand auf der Probebühne des BE statt, was wohl eher eine richtige Bühne zu sein scheint als nur eine Probebühne. Aber man spielt ja gerne mit diesen Understatements, vor allem in solchen Overstateten Häusern wie dem BE. Die Probebühne wirkt fast wie der Saal eines Abrißhauses. Sehr schön improvisiert. Ästhetisch jedenfalls. Wie auch dieser ganze Seitenhof nördliches des Hauptgebäudes von wo aus es zu den verschiedenen Seitenbühnen und -Orten geht.
Nebst anderen Schauspielern in Maske lief dort auch Klaus Maria Brandauer in Morgenmantel über den Hof. Das war kein schlechter Anblick. Vor allem so am frühen Abend.

Genau daneben, sozusagen am Ausgang des Seitenhofes bauen sie ja gerade diesen Luxusbau der aussieht wie gestapelte Fernseher, mit von Philip Starck vordesignten Luxuswohnungen. Luxus von der Stange für widerliche Poser, ganz gräßlich finde ich sowas. Ganz grääßlich und schääßlich.

[23.5.]

Für den gestrigen Tag finde ich keinen Ton. Keinen Ton, keinen Beat, keinen Kontrapunkt. Dabei gäbe es durchaus zu berichten, zwar nichts aufregendes aber genauso unaufregend wie die Tage vorher waren war auch der gestrige Tag, eine Aneinanderreihung von Unaufgeregtheiten. Nur tonlos. Ich meine: orchestrieren tu ich ohnehin immer erst nachher, die Unaufgeregtheit selber hatte durchaus Musik, aber jetzt, jetzt wo ich am Mischpult sitze und den Song remixen muss, jetzt ist mit der Tonspur irgendwie alles Polonäse- (Polonäse war gestern noch gut, heute muss sie ihre andere Wange herhalten)

[22.5.]

Als stünden die Sterne und Gestirne gerade auf Familie, auf den erweiterten Kreis: heute sind K’s Eltern angekommen. Mit einem Kofferraum voll Weißwein und rotem Teroldego. Tango hätte ich fast geschrieben, dabei denke ich bei Teroldego tatsächlich ein wenig an Tango, des wackeligen Schrittes wegen womöglich, oder der ungestümen Haltung. Teroldego ist ein ziemlich klasse Rotwein aus meiner Gegend, ein bisschen schwer, hat aber trotzdem den Viervierteltakt in sich und ahmt je nach Zungenlage die in Frankreich gereiften Cabernet Sauvignons überraschenderweise nach. Frankreich und Tango ist natürlich Grütze, aber die Ästhetik hat es in sich. Der Eiffelturm und das netzbestrumpfte Bein.
Nicht, dass ich Weine verstehe, aber ich liebe sie.

Ich blieb aber den ganzen Abend beim Bier. K hat mit ihrer Mutter Pasta gekocht, während ich mit ihrem Vater das Hotel in Schöneberg gesucht habe. Schöneberg an der Kurfürstenstraße. Ein Hotel an einen Brückentag in Berlin führt notgedrungen nach Schöneberg an die Kurfürstenstraße. Ich versprach ihm die Gegend würde einmal besser werden. Ein Trost immerhin: hübsche Mädels die jungen Russinen. Und freundlich. Besser als ihr Ruf.

[21.5.]

Zudem ist mir aufgefallen, dass ich letzten Montag durch meine Fahrt nach Potsdam das erste mal seit fast einem Jahr Berlin verlassen habe. Im August hätte es sich gejährt. Ich habe den Lebensradius eines mittelalterlichen Mönches.

Gestern einen unheimlichen Drang zur körperlichen Beruhigung verspührt. Liegenbleiben, langsam bewegen, leise reden. Als müsse ich mich auspendeln (auräuchern, ausloten, eins werden mit dem kosmischen Beat [1BPM]) weil drinnen irgendwie alles rocknrollig war. Weiß aber nicht warum, Mutter ist ja eher so Schlager.
Jedenfalls: Am Nachmittag war dann alles wieder Polonaise und supi.

K und ich waren danach bei J eingeladen ihren Geburtstag zu feiern. So richtig nachmittags: mit Kuchen und Maibowle. Die Maibowle wurde immer wieder nachgefüllt, was sehr toll war. J’s ganze Familie aus dem Süden war da. Eltern, Tanten, Schwestern, Kusins und Kusinen. Mit Vater und Mutter habe ich mich sehr amüsiert über so gut wie alles unterhalten. Anfangs saßen sie noch ein wenig verschüchtert nebeneinander hinter der Türe. Bei der zweiten Maibowle aber, und als das Gespräch eine Wendung hin zu den badischen Schlössern und dem schwäbischen Mai nahm, wurden sie beide zunehmend zutraulicher. Der Mai, der Mai. Und die Bowle. Sie werden unsere sozialen Gräben zuschütten.
Die Tante aus München war witzig, als wir an der Maibowlenschüssel standen und über J’s Kräutergarten redeten, das Thema auf J’s Wohnung wechselte und sie sagte: nicht nur schön hier, sondern auch eine gute Gegend.
Klar doch. Tiefster Wedding. Wie unbekümmert stilisiert und in festen Formen sich Smalltalk manchmal bewegt.
So auch das Gespräch mit der jungen Ärztin aus Potsdam, in größerer Runde (an der Maibowlenschüssel). Sanssouci sei überbewertet sagte sie, nachdem ich natürlich vom Schlosspark geschwärmt hatte (Kommet mir nicht mit Potsdam in diesen Tagen). Warum, fragte ich, und sie sagte, nun, es sei ja schon lange her, aber das lange Warten in der Schlange und das viele Geld für die 20 Minuten Königszimmer.
Ahso, sagte ich.
Nachher Bohrungen an der jungen Ärztin vorgenommen weil sie so selbstverliebt und überheblich Kulturverständnis auf dem Niveau einer Butterblume in die Runde sprühte. Ich verblüffte mich selbst mit überraschendem Detailswissen über die einzelnen Gebäude im Park Sanssouci (Kommet mir nicht mit Potsdam in diesen Tagen), womit ich sie andauernd korrigierte, bis sie damit aufhörte und das Thema wechselte. Ich kann manchmal nicht anders. Und glücklicherweise hat niemand mein Halbwissen durchschaut.

[20.5.]

Mutter zum Bahnhof gebracht und mittlerweile ist sie auch heil wieder in den Bergen angekommen.
Den Rest des Tages hatte ich sozusagen Urlaub.
Am Abend LOST-Date. Die letzten drei Folgen der Staffel 5. Am Ende sind sie alle gestorben. Jetzt neun Monate warten bis es weiter geht.

[19.5.]

Heute wieder zu Knut gewollt. Stattdessen sind wir auf dem Kreuzberg in Kreuzberg gelandet. Das leichte verschieben der Pläne, dieses halbherzige Planen um allem einen Sinn zu geben, bloß um nachher genau das zu tun worauf man, öhm, Lust hat.
Nichts gegen Knut. Aber Tiere (Vögel im Potsdamer Park) hatten wir gestern schon.
Heute dafür Berge.
Und ich habe mir an den Kopf gegriffen. Es steht ein toller Berg (66m üdM.) mitten in Berlin. Man kann ihn bis auf die Spitze besteigen, man hätte eine wunderbare Aussicht, an einige wenigen Stellen kann man es erahnen, wo man an lichten Stellen den Potsdamer Platz sieht und die Türme am Gendarmenmarkt, aber was machen die Berliner mit ihrem Berg? Das was Berliner überall tun: Sie pflanzen Bäume. Grüne, große, öde, bäh, Bäume.
Ich stehe auf dem Berg und sehe: Bäume.
Ich sitze auf dem Berg und starre auf Baumkronen. Grüne, blättrige Baumkronen, die so rascheln im Wind und Vogelscheiße auffangen, das was ich in Berlin immer überall sehe: Baumkronen die so rascheln im Wind und Vogelscheiße auffangen, so sitze ich nun hier auf dem Berg der Berliner und jegliche Hoffnung auf romantische Ästhetik (zwanzig Jahre alt sein und mit der Geliebten, Rotweinfusel und Gitarre auf dem Berg über die sommerlichen Dächer Berlins zu schauen während die Vögel im Kopfe zwitschern und die Abendsonne im Wannsee ersäuft) wird mir mit politisch hoffnungsloser Bündnisneunzig-slash-Grünen-Ästhethik verbaut.
Ich ärgere mich (zu Tode)

Nachher sind wir irgendwie rumgefahren undso.

[18.5.]

Nach der großartigen Trabifahrt von gestern und einem langen Strapaziergang durch die Stadt (und anschließendem Fernsehen. Fernsehen. Wie lange habe ich mit Mutter nicht mehr ferngesehen. Es lief der Da Vinci Code, den ich trotz aller schlechten Kritiken und allem Blähfutz darumherum, einfach sehen wollte. Vermutlich um die Bilder zu vergleichen, weil ich das Buch [jetzt schäme ich mich aber] gelesen habe, und ich will Verfilmungen immer so gerne sehen um die Bilder zu sehen die sich jemand so gemacht hat, weil ich anderen Menschen sonst ja nie in den Kopf schauen kann).
jedenfalls nach den Dingen von gestern: heute Mutter und Museum.
Viele der Exponate auf der Museumsinsel hatten wir bereits letztes Jahr gesehen, diesmal haben wir uns daher mehr auf berlinische Dinge konzentriert. Gedenkstätte Berliner Mauer (Montags geschlossen), Märkisches Museum (Montags geschlossen), Deutsches Historisches Museum (Montags geschlossen).
Dann wollten wir im Tiergarten spazieren bis rüber zum Zoo und Knut ansehen. Als wir dann in der SBahn saßen, sind wir aber bis ganz nach Potsdam gefahren und endlich mal dieses Sansouci gesehen. Nicht um blöde Witze herumgekommen. Sang Susi, Sang Sushi. Das blöde daran war, dass man aus dem Sang nichts witziges machen konnte.
Noch blöder war natürlich, dass in Potsdam auch Montag war, und alles genauso scheißegeschlossen wie in Berlin.
Ich war ziemlich beeindruckt. Aber jetzt muss ich ins Bett. Gästezimmer wird gebraucht.

[17.5.]

Liebes Tagebuchblog, ich habe Dich die letzten drei Tage vollkommen vernachlässigt, was möglicherweise daher kommt, dass meine Mutter zu Besuch ist und ich daher vordergründig Sohn bin und erst Hintergründig Tagebuchbloggist.
Also: was geschehen ist:
-Donnerstag aufgeräumt
-den Staub weggemacht
-Freitag ist K nach Schönefeld gefahren Mutter abzuholen. Bei gleichzeitigem Kennelernen. Was sehr spannend war. Aber gut funktioniert hat.
-Mutter empfangen und dann bis tief in die Nacht die ganzen Neuigkeiten erfahren
-Keine Nachrichten von Bekannten die sich das Leben genommen haben. Irgendwie beunruhigend das.
-Gestern waren wir shoppen. Dabei hatte ich völlig vergessen wie gut es sich mit Mutter shoppen lässt. Ich habe jetzt eine neue Hose, drei neue Hemden und einen großen Mixer. Und eine Sodaclub Sprudelmaschine. Damit ich nicht mehr die schweren Mineralwasserflaschen von Kaisers nach hause schleppen muss.
-Mutter auf einen Prosecco in der Sonne überredet. Danach waren ihre Knie ein bisschen weich. Aber das war schon Okee.
-Abends zum Vietnamesen in der Auguststrasse. Sie mochte das Scheunenviertel ganz gerne. Ist auch ganz nett da.
-Heute Trabantfahren.

[13.5.]

Den Abend mit Aufräumen und Putzen verbracht. Am Freitag kommt Mutter. Heute Abend werde ich wieder aufräumen und putzen.. Mutter sieht jedes Staubkorn und kann daraus meinen Lebensinhalt ablesen.

(Blog lesen wäre natürlich einfacher, aber daraus kann sie nichts interpretieren)

[12.5.]

Gestern habe ich mich erfolgreich vor dem Tagebuchbloggen gedrückt. Das war irgendwie witzig, so achtziger.
Am Abend habe ich mich an den einen Text gesetzt um daran zu schleifen. Stattdessen geriet ich ganz übel in einen Schreibfluß, und es gibt ja immer diese zwei Zustände beim Schreiben: der Zustand des Schreibflusses, das ist der Zustand in dem alles fließt und rauskommt, aus den Ärmeln aus den Ohren, als würde man wringen. Und der andere Zustand ist der Nüchterne, der Zustand in dem man die Ecken asymetrisch anordnet, in eine Reihe reiht oder schlichtweg rund schleift. Die Dinge schön macht.
Gestern wollte ich schleifen aber dann floss wieder mal alles über, sogar aus dem Hermdkragen kam es gestern, dann habe ich ein Bier aufgemacht und ein zweites, habe mich mit den Figuren unheimlich amüsiert, habe sie durch die Stadt laufen lassen, habe sie weinen machen und lachen, habe sie in Handlungen verwickelt die sie später bereuen werden und in Handlungen die alles ausrollen werden.
Und in die Frau mit den schiefen Zähnen, in die habe ich mich dann ein bisschen verliebt.

[10.5.]

Gestern die Hälfte des Tages furchtbar neidisch gewesen. Auf meinen Nachbarn, den Fotografen oben links.
Es fing ganz harmlos an: Er kam zu mir auf einen Tee. Wir wollten die neuen Erkenntnisse zu den Balkons besprechen, tranken dabei Tee und aßen seinen mitgebrachten Kuchen. Dann erklärte ich ihm von der Schwierigkeit Balkons an seiner Haushälfte anzubringen. Der Architekt hatte mir das alles erklärt.
So gingen wir hoch in seine Wohnung und sahen uns die Situation von Innen an. Und ab dem Moment war ich den Rest des Tages neidisch. Ich will es nicht im Detail beschreiben, das steht geschrieben immer so sperrig da.
Aber das war so: Seine Wohnung ist etwa gleich groß, er hat sie allerdings so umgebaut, dass sie zweimal größer wirkt, zweimal heller und zweimal schöner. Zudem hat er einen zweimal so guten Geschmack (er ist Fotograph, also ein Ästhet) und hat einfach alles zweimal besser als ich.
Dann sind K und ich noch ein bisschen die Bernauer hoch zum Mauerpark spaziert, weiter zur Schönhauser Allee und dann in die Kastanienalle hinein. Dort haben wir uns vor das Cafe mit dem Monatsnamen (oder wars Wochennamen?) gesetzt, einen Prosecco bestellt und über den Umbau geredet. Welche Wände man einreißen müsste, wohin man das Badezimmer verlegen müsste, wohin die Küche. Immer mit dem frustrierenden Wissen im Kopf kein Geld dafür zu haben. Auf diesen Frust hin habe ich noch ein paar Prosecchini gekippt. Und noch ein paar.

Und jetzt habe ich eigentlich gar keine Lust tagebuchzubloggen weil mich das vom mentalen Umbauen abhält.

[9.5.]

Gestern in Charlottenburg gewesen Balkone besichtigen. Balkone mit Streben, mit Stäben, mit eleganten Sichtschutzplatten, mit Betonboden, mit Alumminiumboden, mit [...]

Abends mit C im Theater gewesen. Eine Inszenierung von Schimmelpfennig bei den Theatertagen. Hier un jetzt.
Eine lange Hochzeitstafel. Als das Publikum den Saal betritt sitzt die Hochzeitsgesellschaft schon zu Tisch auf der Bühne, kaut auf Putenkeulen herum, trinkt Wein und schaut dem platznehmenden Publikum zu.
Danach geht es fast drei Stunden um Liebe und Verrat.
Und die Bühne wird ein Saustall. Blut, Federn, Wasser, Scherben. Das hat mir gefallen (ich bin leicht zu kriegen). Den Rest habe ich allerdings nicht verstanden.
Dramaturgisch war es ein Abgesang. Das sieht man öfter in ähnlichen Formen. Dann gab es so eine gewisse Rythmik die mir gefiel, eine Konstante in Referenzen, Rückspielungen auf vorher erwähnte Dinge die immer leicht variierte (ein Baby das ständig als Projektionsfläche ihrer gehemmten Mutter herhalten muss, der altherrenwitz mit 4 Däninnen, etc.).
Dann waren noch ein paar Schauspieler die eine tolle Bühnenpräsenz hatten (Corinna Harfouch!), aber dann. Dann war es das schon.

Aber der Saal war toll. Eine alte Industriehalle, improvisiert, vermutlich von der BVG oder vom technischen Museum, am Gleisdreieck in Kreuzberg. Man sah und hörte die Ubahn links, oberhalb des Saales vorbeidonnern. Die Zuschauerränge waren eine aus (ganz normaler brauner) Erde geformte Tribüne, als säße man in einem erdenen Amphitheater. Man bekam dicke Polster um draufzusitzen.
Ich muss wieder öfter ins Theater öfter wieder muss ich.

[8.5.]

[...]

Den Neuen aus dem Dachgeschoß kennengelernt. Der, der gerade Wände einreißt. Ein gutgelaunter bärenartiger Typ, sehr nett und freundlich. In einem Monat sei er fertig, sagt er, und dann gäbe es eine richtig fette Party bei ihm, da müssen alle aus dem Haus zu ihm kommen. Ich freue mich natürlich. Und sehe auch schon die türkische Familie sich über den Bierkasten hermachen und den hammerschwingenden Alki von unten die Stimmung erhellen. Die Frage was aus den Bewohnern der drei Ferienwohnungen werden soll, stellte ich mir erst später.
Und jetzt wollte ich gerade auf Ferienwohnungen eingehen und sowas sagen wie: Ferienwohnungen, so eine Pest.
Aber das ist auch die Pest.
Alles sagen sie: ist doch OK, hat man Ruhe, weil die Leute keine Ansprüche erheben, die kommen und gehen. Aber vielleicht ist es gerade das: Ich will, dass Leute Ansprüche erheben. (“Ich Blockwart? Ich Blockwart? Bin ich eben Blockwart.”)

Der Architekt nimmt mich als Auftraggeber natürlich nicht ernst als ich ihm mit Lederjacke und mit schmutzigen Haaren (aber mit Krawatte!) die Hand entgegenstrecke: Wito, mein Name ist Wito, ja genau, ich bin das. Wir sind verabredet.
Wir starren etwa eine Stunde lang gegen die Hinterhoffassade und sinnieren über Statik, Standards, Fundamente, Dachkanten, Schwellen, Kunststoff- oder Holzfenster und strikte Bauvorschriften.

[...]

Als der Architekt verschwindet hält ein Taxi. K steigt aus, noch in voller Kongressmontur. Ich will nicht, dass sie das auszieht. Und lade sie auf einen Prosecco in der Kneipe gegenüber ein.