[da opac]

Bei Opak ein ziemlich langer Text von mir, über was aus mir geworden wäre, wäre ich nicht Löwendompteur.
Eine Retrospektive.
Mit Fotos von meiner Wohnung.

[bourge]

Die Wahlsieger reden von der Bürgerlichen Mehrheit als wäre es ein von Gott gewollter Sieg, als wäre die Bürgerlichkeit ein von Gott gewollter Zustand. Als wäre eine Ehre wieder hergestellt.
[...] den Bürgerinnen und Bürgern [...] den Bürgerinnen und Bürgern [...] für Bürgerinnen und Bürgern [...]. Der Nachdruck bei Westerwelle, von dem ich jetzt gar nicht weiß was das bedeuten mag.

Und wir werden wieder vermehrt auf die Straße gehen.

[14.9.]

An diesem verregneten Sonntag am Wannsee gewesen, und wieder dem Zwang erlegen, die Frakturschrift der S-Bahnstation falsch zu lesen und es laut aufzusagen: Wannfee. Wannfeewannfeewannfee. Ich finde solche Sachen auch nach dem hundertsten mal noch lustig.
Zudem sieht das S in der Frakturschrift immer so aus als hätte man damals in Preußen gelispelt.

K und ich hatten Judith besucht, in ihrer Holzhütte am Wannfee, es hatte geregnet, wir kamen triefend an, der Schirm war zu klein, und der Regen kam aus allen Richtungen gepustet. Nur das Haar blieb trocken. Danach saßen wir drin und tranken Tee und Kaffee, wir redeten über Schafe, und über Spinnräder, über Wolle, denn Judith kennt sich supergut mit Wolle aus, färbt sie mit Kräutern aus ihrem Garten und spinnt die Knäuel zu dünnen Fäden, entweder mit einer Spindel, die so in der Luft hängt und sich dreht, oder am Spinnrad, an dem man sitzt wie die Mädls aus den Märchen, das war ziemlich klasse sowas zu sehen, Wolle Wolle, ich wusste nicht, dass Wollfäden, wie man sie als Knäuel kennt, einfach gedrehte und sortierte Schafspelze sind, das heißt, ich wusste das alles schon:, Schafspelz wird gesponnen und heraus kommen Wollknäuel, die Oma dann zu Socken strickt; aber diese Sache mit dem Spinnen, es ist nur dieser eine Schritt dazwischen, man füttert dem Spinnrad den Pelz, stetig und langsam, doch immer bei der Sache bleiben bitte, es darf nicht reißen, soll nicht zu dünn werden, und vergiß nicht ein bisschen zu drehen.
Ich ahne den die beruhigende Wirkung des Spinnens. Möglicherweise würden wir keine Kriege mehr führen, würden wir alle spinnen.
Judith strickt mir jetzt eine Krawatte.
Sie macht auch Seifen und hat einen Onlineshop.

[13.9.]

Am gestrigen Samstag meiner Bürgerpflicht nicht nachgekommen, während die anderen Zehntausend gegen Freiheitsbeschneidungen durch die Stadt gezogen sind, saß ich mit schlechter Laune über meine Politikverdrossenheit zu grummeln, ha, Politikverdrossenheit, dabei war es schon eigenartig befremdlich die vielen orangeschwarzen Parteifahnen zu sehen, befremdlich, wegen diesem Gefühl, für ein Parteibuch instrumentalisiert zu werden, etwas, das schon vielen anderen nicht sonderlich gut bekommen ist, aber ich weiß, dass das Unsinn ist, ich bin wahrscheinlich zu sehr noch von den roten Fahnen geprägt, die Piraten sind eben gerade die Bewegung, das ist möglicherweise OK.

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Gestern Abend dann diesen langen Film gesehen. Ich gehe ja nicht aus in diesen Tagen, ich habe mich auf Nahrungsentzug gesetzt, also nicht ganz ohne Nahrung natürlich, ich will ja nicht an Prana sterben, aber ich futtere eben nur noch so energieloses Zeug: Salat, verkochtes Gemüse, Wasser, Brühe, rohe Möhren, Wasser. Wegen dieser großen Unlust so Scheiße mitzumachen wie Herzinfarkt oder schlimmer noch: Schlaganfall. Keine Lust mit einem halbgelähmten Gesicht herumzulaufen, keine Lust auf einen schleppendem Gang, oder schlechten Sex zu haben, oder an Kabeln und Röhren zu hängen, auch keine Lust auf Geschichten mit Zuckerspiegel, oder Schweißausbrüchen, wenn ich der Jugend hinterher hechle, jetzt erstmal alles ausfließen lassen, wenn K kocht schmeckt es wunderbar, wenn ich koche, schmeckt alles tot, ich weiß nicht wie sie das macht, aber es ist mir egal, ich entsage, ich trinke auch keinen Alkohol mehr und damit sind wir auch schon beim Samstagabendfilm, wenn ich nicht esse und nicht trinke, dann gehe ich auch nicht aus, wenn ich Menschen treffe, dann will ich immer trinken und essen, wenn ich Menschen treffe dann borde ich über.
Und so kommen wir zum Samstagabendfilm.
Gestern lief dieser Film über so mysteriöse Dinge: ein Kamm der die Zeit anhält, ein Schlüssel der dich überall hinbringt, ein Kugelschreiber der Menschen von innen grillt. Wir waren mittendrin in der Geschichte, auf den Zehenspitzen vor Spannung und dann kam plötzlich der Abspann, achso Miniserie, wasnscheiß, mich kaputtgeärgert, keine Lust gehabt auf die Forsetzung nächste Woche zu warten und deshalb die restlichen drei Stunden der Miniserie aus dem Netz gezogen, Politikverdrossenheit.

[7.9.]

Weil sie in meinem Buchladen in der Anklamer Straße Infinite Jest immer noch nicht vorrätig haben (morgen, Herr Wito, kommen Sie morgen wieder) und ich mich weigere meine Nummer oder Adresse zu hinterlassen, ich stattdessen jeden Abend in den Laden laufe, habe ich jetzt aus Protest Judith Hermanns Alice gekauft.

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Am Wochenende getan: das Essen eingeschränkt.
Auch versucht diese gehypte 24h Berlin-Doku zu schauen, also nicht vollständig natürlich, aber ich habe versucht mir ein Bild davon zu machen, inwiefern sich mein Bild der Stadt mit dem Bild der Anderen, oder mit dem Bild wie es wirken wird, deckt.
Deckt sich so.

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Dann den neuen Brenner gekauft (morgen, Herr Wito, kommen Sie morgen wieder). Darüber hat am selben Tag die Isa etwas geschrieben. Der Brenner und der Liebe Gott.

[1.9.]

Ich kann mich diesem Hype um Infinite Jest nicht entziehen, man stößt allernorts darauf, in Blogs, in Blättern, so viel darüber zu lesen, zum Hintergrund, zu David Wallace Foster, zu seinem Genie, zu seiner Depression, zum Suizid, und wenn man der Aufregung Anderer beim Lesen der 1600 Seiten folgt, kann ich mich unmöglich gegen eine Ansteckung wehren, auch wenn es ein Männerding ist, typische Lektüre die von Männern geschrieben, von Männern besprochen und von Männern zum Monument erklärt wird, und ich weiß, dass das ein Gedanke ist, den ich irgendwann zerpflücken muss, dabei meine ich das keineswegs abfällig.