[out]

Mit K und zwei Freunden auf Amrum. Gestern waren wir vom Festland abgeschnitten. Das Wattenmeer vereist, in der Nordsee trieben große Eisschollen, die Fähre konnte nicht mehr anlegen. Wir liefen den Kniepsand hoch bis nach Nebel, durch die verschneiten Dünen zurück ins Dorf, wärmten uns an heißem Punsch.
Heute sind wir an der Wattseite gelaufen, haben die gestrandeten Eisschollen angeschaut und ziemlich gestaunt. Nachher gehen wir noch schwimmen, nein, nicht in die See, in den Pool natürlich, danach machen wir uns Königsberger Klöpse, trinken Bier, und gehen zum Tanzen in die Blaue Maus.

2011 wird ein super Jahr. Macht es gut.

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Wir haben Zombiefilme geguckt. Zombiefilm am Vierundzwanzigsten und Zombiefilm am Fünfundzwanzigsten. Der erste Zombiefilm heißt “Rammbock”. Michi kommt nach Berlin, um seine Freundin Gabi zurückzugewinnen. Er merkt zu spät, dass sich in Berlin in kürzester Zeit ein Virus verbreitet hat, das Menschen zu tollwütigen Beißern macht. Berlins Straßen sind leer und bedrohlich.
Der zweite Film heißt “28 days later”. Ein junger Mann entwacht nach einem Fahrradunfall aus dem Koma und findet sich in einem leeren und bedrohlichen London wieder.
Jedes mal sind wir nach dem Film hinaus ins weihnachtlich verlassene Berlin gegangen. Jedes mal war Berlin leer und bedrohlich.

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# In der u8 sitzt ein junger Mann Mitte dreißig und liest ein Buch auf seinem eReader. Ich habe das noch nie live gesehen und fühle mich entsprechend in die Wirklichkeit geholt. Am Bahnhof Weinmeisterstraße steigt eine junge Frau hinzu, sie hält einen eReader locker in der Hand, und setzt sich dem jungen Mann gegenüber. Sie bemerken einander nicht sofort, schließlich ist es aber soweit. Sie sehen sich an, und lächeln mit einer wissenden Geste.
Ich lese Kafka auf meinem Handy. Ich fühle mich ausgeschlossen. Aber vielleicht bin ich auch nur neidisch auf das Lächeln, das er bekommen hat.

# Ich habe meinen alten Fernseher verschenkt. Über eine Kleinanzeige im Netz. Es haben sich dutzende Menschen gemeldet. Es gab Menschen, die boten mir daraufhin ihren Fernseher an, es gab solche, die fragte, wie viele Fernseher ich im Angebot hätte, es gab solche, die schrieben mir in fürchterlich fehlerhaftem Deutsch, es gab solche, die meinten, preislich würden wir uns sicherlich einig werden, usw.
Ich habe ihn dem ersten geschenkt, der sich gemeldet hat.

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Ich habe mir gestern einen Fernseher gekauft. Flachbildschirm und Full HD. Ich bin von der Bildqualität ziemlich irritiert. Ist das jetzt die Zukunft des Fernsehens? Diese gestochen scharfen Bilder, die alles wirken lassen, als wären es billige TV-Produktionen? Sogar die alten Filme in schwarzweiß. Die harten Konturen, unraffiniert hervorstechend. Gewöhnt man sich an so etwas? Ich meine: muss man sich an so etwas gewöhnen?
Allerdings: Bibel TV sendet noch analog, da ist das Bild erträglich. Aber Bibel TV ist halt so eine Sache.

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Die Schnellschlüsse auch. Wir hatten uns eben kennengelernt, wir plauderten, nicht entspannt, aber professionell. Sie sagte, sie würde dieses Jahr den Winterurlaub streichen, das mit dem Skifahren, das ginge dieses Jahr nicht. Ich nickte, lächelte, zeigte auf ihren dicken Schwangerschaftsbauch und scherzte: sie könne sich doch von der Piste rollen lassen.
Sie lachte allerdings nicht. Sie sagte, sie sei nicht schwanger. Mir ging das Blut sonstwo hin. Sie sagte, das sei noch von ihrer letzten Schwangerschaft, sie bekäme es nicht los, sie wisse auch nicht was tun. Ich bat vielmals um Entschuldigung, das war mir total blöd, ich bin ein Idiot, nein, ein Totalidiot. Sie schien mir eine liebenswerte Frau. Deshalb suchte ich nach Relativierung, ich sagte, ach, meiner Schwester ginge es genau so, sie habe fast ein Jahr gebraucht, das Gewicht wieder loszuwerden.
Ich wähnte mich sicher auf dem Glatteis, ich war ausgerutscht, wagte aber wieder die ersten Schritte, wie so oft, bei einem meiner üblichen schnellen Schlüsse, ich hatte wieder nicht daraus gelernt.
Sie sagte, ihre Tochter sei sechs.
Ich bin mir nicht sicher ob es okay war.

[all in]

Gestern Pokerabend. Bis in die Nacht mit den Jungs in einer verrauchten Kneipe am Tisch gesessen und Karten gelegt. Im vorderen Friedrichshain, irgendwo in diesem Betonplattenmeer am Ostbahnhof. Die Kellnerin, klein und sportlich, ist über die Brust und Nacken hinweg, den Rücken hinunter und an den Armen tätowiert. Bauch natürlich auch. Sie schäkert am Tresen mit einer handvoll bulliger Typen. Die Köpfe sind rasiert. Einer hat einen Kampfhund. Er ärgert den Hund. Der Hund macht Männchen und hechelt. Der Hund ist ein kleiner Fleischberg. Er wirkt wie eine Art Schwein. In den Boxen pumpt düsterer Techno. Ich gehe zum Tresen, sage: Hey. Die Typen grüßen zurück, sind freundlich. Ich bestelle drei große Bier, zwei Weizen und ein Mineralwasser. Einer der Typen sagt: Mineralwasser, höhö. Ich lächle. Was sonst. Vielleicht erwartet er einen Konterwitz. Er lächelt auch. Was sonst. Hinten, auf dem Weg zum Klo stehen zwei Spielautomaten. Zwei Typen sitzen davor, gebückt, lässig und ein wenig gelangweilt auf einem Hocker. Sie werfen Geldstücke ein. An einem Tisch sitzen zwei junge Frauen und rauchen. Ab und zu kommen Menschen herein. Sie sehen uns am großen Tisch sitzen, überall liegen Casinochips verteilt, ein paar Geldscheine, Karten, viele große Biergläser, teils leer, die Haare zerrauft, die Augen glasig. Wir machen kein gutes Gesicht.
Am Ende der Nacht habe ich fünfzehn Euro gewonnen. Als wir bezahlen, schmeißt die Kellnerin eine Runde Kurzer aufs Haus. Was wir denn möchten. Die meisten bestellen Jägermeister. Ich überlege kurz und bestelle einen Korn. Sie sagt: oho, ein richtijet, ehrlichet Korn.
Sie sagt, wir können hier gerne öfter kommen, sie sei sehr erfreut.

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Schneewetterpest. Heute früh acht Uhr. Mein Fahrlehrer sagte, es sei meine beste Fahrstunde bisher gewesen, ich müsse ein Talent sein. Eissplitter unter den Reifen, eine verschneite Sicht. Das ist die Kulisse aus meiner Kindheit. Ich fühle mich wohl.

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Es steht uns Männern nicht zu, ein Urteil darüber zu fällen, wann eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung ist und wann nicht. Das haben wir den Frauen zu überlassen. Vielleicht hat es mich deshalb so sehr geärgert, mit welchem Timing die politische Kampagne gegen Assange und die Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn initiiert wurden, und wie leicht es der öffentlichen Meinung jetzt gemacht wird, die Frauen als Mitverschwörerinnen im Komplott hinzustellen, um gleich wieder dieses “ach, wird schon nicht so schlimm gewesen sein” zu hören.
In allen Fällen hätten die Frauen jetzt verloren. Hätten sie mit der Anklage gewartet bis die Sache um Wikileaks abgeebbt wäre, dann stünden sie sowieso als Unglaubwürdig da. Da sie die Anklage gleichzeitig erhoben haben, stehen sie als Profiteure, oder eben Kollaborateure im “Komplott” da. Sollten sich tatsächlich herausstellen, dass das ein politisches Instrument ist, dann dann, ja dann, dann ist das wirklich übel.

Jede Option kommt der Diskussion über den Umgang mit Vergewaltigungen nicht sonderlich entgegen.

# Übrigens habe ich gestern mein Amazon- und mein Paypal Konto geschlossen. Mit der schriftlichen Begründung, das antidemokratische Verhalten der jeweiligen Firma nicht zu tolerieren. Das so zu sagen, fand ich besonders ulkig. Das soll man diesen Firmen aber ruhig mal vor die Nase halten, das mit der Demokratie.

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Ich saß also bei meinem Frühstückskaffee und schaute der Tischnachbarin über die Schulter, die gerade die Ostsee Zeitung las. Dort prangte am rechtsobigen Eck das Konterfei eines jungen (!) Mannes, der mich an jemanden erinnerte. Ich beugte mich nach vorne, um die Unterschrift zum Bild lesen zu können, das half aber nicht. Ich konnte nur erkennen, dass es ein langer Vorname und ein langer Nachname war, wie der Name desjenigen, an den es mich erinnerte. Ich stand auf, bat die frühstückende Frau ein wenig forsch, mir ihre Zeitung auszuhändigen, was sie, überrascht und -rumpelt auch tat. Ich merkte ein leichtes Zittern an ihr. Doch ich zeigte ihr das Foto, ich war ja selbst überrumpelt. Ich sagte, das sei ein Freund von mir, das issjan Ding. Das fand sie dann auch toll, und alles war gut.
Die Klosterfrauen haben wir einfach ignoriert.