[...]

Ich hatte nicht vor, viel zu reden, doch nach vier gewechselten Sätzen hatte uns der Taxifahrer das Thema Hertha BSC übergeholfen, woraufhin er mir seinen verzweifelten Seelenzustand offenlegte, wie er nachts nicht mehr schlafen könne, wie diese Mannschaft seine Wochenenden ruiniere, sein Leben ruiniere, wie die Arbeitskollegen ihn am Montag immer auslachen, wie man noch einen Spielverzögerer namens Ottl in der Mannschaft aufstellen könne, wie man diese Abwehr überhaupt noch Abwehr nennen könne, wie sie sich erlaubten, für ein unverschämtes hohes Spielergehalt, Menschen das Leben zu versauen.

Am Anfang versuchte ich zu relativieren, ich merkte aber schnell, besser in das vorbeiziehende Brandenburg hinauszuschauen.
Die Saison geht dem Showdown entgegen.

[fuba]

Okay, Fußball, irgendwann muss ich das Fass wohl aufmachen. Lisa und ihre Kleeblätter steigen in die erste Liga auf und bei dieser Gelegenheit hat sie ein Stöckchen geschnitzt. Ich bin dabei.

1) Erzähl mal – welcher Verein und warum?

Neben einer ziemlich rationalen Begeisterung für eine handvoll Clubs, ist die Beziehung zwischen Fußball und mir vor allem ein ständiges Abwiegen von Dos und Don’ts, weswegen ich in den Neunzigern auch nichts mit Fußball am Hut hatte, haben wollte. Ich empfand den Fußball zu jener Zeit als eine Anhäufung von unsympathischen Männern mit Schnurrbart und Dauerwellfrisuren, die Testosteronfußball spielten und von einer Masse rechtsradikaler Gewalttäter in den Stadien angeheizt wurden. Das war die Wahrnehmung und zu einem gewissen Teil entsprach es wohl auch der Wahrheit. Anfang der Neunziger stand ich auf einer Autobahnraststätte zwischen Firenze und Rom und hielt ein Pappschild mit der Aufschrift Roma in der Hand, in der Hoffnung, dass mich jemand mitnehmen würde. Es hielt ein Auto mit vier glatzköpfigen Kerlen, die mir das Gesicht und den Rücken blau schlugen, mit der Warnung, mich nicht in Rom blicken zu lassen, da man Abschaum wie mich dort aufhängen würde. Ich hatte grüne Haare und sie trugen Trikots eines römischen Clubs, das war wohl die Symbolik klar gekennzeichneter Fronten. Ich hatte eigentlich nichts gegen Fußball, aber der Fußball schien etwas gegen mich zu haben. Oder zumindest dessen Knechte. Und ich etwas egen die.

In meiner Kindheit war ich ein begeisterter Balltreter. Jeden Nachmittag spielten wir auf dem Bolzplatz. Als Achtjähriger schoss ich in der Dorfmannschaft (auf dem großen Fußballplatz) ein Tor aus dem Mittelfeld. Ich hielt zu Inter Milan (ich bin ja in Italien aufgewachsen), mein bester Freund hielt zu Juve. Inter hatte damals dieses Maskottchen, das so etwas wie einen kleinen Drachen in blau-schwarz darstellte. Mir gefiel das gut. Juve war zwar erfolgreicher, sie hatten aber diese schwarzweißen Trikots, denen konnte ich nichts abgewinnen. Zeitweise hatte ich ein Faible für den ACF Fiorentina, da mich der Spieler Carrasco unheimlich beeindruckte. Ich hielt auch eine Zeitlang zu Sampdoria Genova, jedoch weiß ich nicht mehr, warum. Später kehrte ich wieder zu Inter zurück. Ich bin wohl unstet.
Danach begann ich Punkrock zu hören und fand körperliche Betätigung ziemlich affig und Leute die körperlicher Betätigung zuschauen noch viel affiger. Und sowieso war alles affig, was mit Menschenmengen zu tun hatte, und überhaupt: alles faschistoid.

Ab 2002 begann ich wieder Länderspiele zu schauen. Die WM, dann die EM, dann die WM in Deutschland. 2006 wohnte ich in Deutschland. Da hat Fußball richtig reingehauen. Boink.
Letztendlich hat mich jedoch der FC St.Pauli mit dem Fußball versöhnt. Das mag daran liegen, dass ich 500 Meter vom Stadion entfernt wohnte, aber es war wohl hauptsächlich die Fankultur, in der es möglich schien auch ohne Aggressionspotential Fußballbegeistert zu sein. Bei Länderspielen war das schon der Fall, doch im Clubfußball traf es auch auf Pauli zu. Zudem hatte sich St.Pauli offensiv gegen rechte Strukturen gerichtet, das reichte mir aus, um meiner Neugierde nachzugeben und ins Stadion zu gehen. Beim ersten mal am Millerntor war ich über die soziale Zusammenstellung verblüfft. Es gab zum Beispiel: Frauen. Ganz normale, unaufgeregte Frauen. Auch ganz normale Männer. Sie tranken Cola oder Bier. Sie jubelten wenn ein Tor fiel und jubelten nicht, wenn keines fiel. So einfach war das. Da ging ich öfter hin und als St.Pauli von der damaligen Regionalliga in die zweite Liga aufstieg, stand ich zusammen mit tausenden Leuten auf der Reeperbahn und feierte den Aufstieg. So weit war es gekommen.

Mit dem Umzug nach Berlin verlor ich den Club ein bisschen aus den Augen. Ich informierte mich aber wöchentlich über den Tabellenstand und drückte für einen Aufstieg in die erste Liga die Daumen, das hätte mich sehr gefreut. Aus der Ferne merkt man allerdings auch, wie sehr (ohje und nun schlagt mich bitte nicht!) St.Pauli ein Szeneclub ist, der sich als Underdog, charmant aber schamlos aus der Symbolik und der Haltung der Szene bedient und diese nährt. Es ist okay, es ist nett, aber uff, Szene finde ich mittlerweile sehr anstrengend.
Als St.Pauli in die erste Liga aufstieg, freute ich mich, gleichzeitig machte aber die etwas behäbige und unsexy Hertha aus Berlin dramatische Schlagzeilen und stieg mit lautem Getöse in die zweite Liga ab.
Es mag durchaus ein wenig Lokalverbundenheit sein, dass ich dem Leid der der Hertha nachging, ich interessierte mich immer schon sehr für das lokale Geschehen. Ein weit entfernter Club wie Werder Bremen hat mich aufgrund der Entfernung schlicht nie erwärmt. Ich mag die Themen, die der lokale Pöbel kennt. Ich mag diese halbe Stunde am Samstagnachmittag, wenn sich am Alex fast unbemerkt der Farbanteil von blauweiß im Stadtbild verzehnfacht und in Richtung Olypiastadion wieder abebbt. Oder ich mag es, wenn in der S-Bahn fünf Kindern auf dem Weg ins Stadion sitzen und im Hertha Trikot über Fußball fachsimpeln wie Erwachsene. Oder noch besser: wenn das ältere Ehepaar mit Herthaschals nach dem verloreren Spiel geknickt in der U-Bahn sitzt und ein junger Asiate in gebrochenem Deutsch sich aufgeregt danebensetzt und sagt: oh nein, ich habe gehört, schon wieder verloren und Niemeyer rote Karte. Ja, sowas gefällt mir.
Andererseits mag ich auch dieses Mainstream-Bescheidwissen, auch wenn das mit dem Club an sich nichts zu tun hat, aber ich war neulich mit einer Künstlerin verabredet, wir kannten einander noch nicht, ich rief sie an und bat um Verschiebung der Verabredung. Ich wolle mir das Hertha-Spiel ansehen, es war auf den Abend angesetzt, ich hatte falsch geplant. Mit ihrer Antwort kam ein lautes Lachen: es sei kein Problem, sie wünsche mir aber viel Spaß beim Verlieren. Keine coole Person interessiert sich ernsthaft für Hertha, aber alle wissen Bescheid.

(Nebengedanke über Coolness: ein cooler Club wie FC St.Pauli ist wiederum so Underdog, dass er ja wieder kein Underdog ist, sondern unter coolen Leuten ja schon totaler Mainstream. Andererseits ist Pauli vielleicht sogar schon wieder so cool, dass er wieder uncool ist. Vielleicht bin ich, mit meinen Gefühlen für Hertha ja wieder so uncool, dass ich wieder total cool bin. Andererseits freue ich mich ja immer noch über die Siege von St.Pauli, vielleicht färbt die Coolness ja auf mich ab.)

Als Hertha vor zwei Jahren jedenfalls in die zweite Liga abstieg, berührte mich die Berichterstattung dermaßen, dass ich mich eine ganze Nacht lang mit der Geschichte des Abstieges befasste. Hertha ist ein psychologischer Scherbenhaufen an dem sich Großmachtsphantasten versucht haben, der als Projektionsfläche für ein taumelndes berliner Selbstbild herhalten muss, ein Club, der zu Mauerzeiten aber immer der Proletenclub aus dem Wedding gewesen ist. In der zweiten Liga schien Hertha irgendwie zu sich selbst gefunden zu haben, ich folgte fast jedem Spiel und fieberte gegen Ende der Saison dem Aufstieg entgegen. Zurück in der ersten Liga kam ich dann nicht mehr davon los. Was in dieser Saison bei Hertha aber alles daneben gegangen ist, will ich hier gar nicht mehr kommentieren.
Letztlich ist die Wahl eines Fußballclubs eine Frage der Sozialisierung, und der Frage, ob man die Trikotfarbe mag, es ist eine Frage wie: wo ziehe ich hin, nach Kreuzberg, nach Mitte, in den Wedding, nach Moabit auf den Prenzlauer Berg?
Ich bin dann mal für Hertha.

2) 2) Was ist deine verhaßteste Schweinephrase?
Da der Hertha in meinem sozialen Umfeld nicht viele Sympathien zugetragen werden, musste ich mir oft anhören, dass ich Hertha nur wegen des Sieger-Fußballs möge. Erste Liga und so. Das hat sich bei der Häufung von Niederlagen allerdings wieder gelegt. Mittlerweile gibt es so etwas wie Mitleid, da mich die vielen Niederlagen sehr mitnehmen.

3) 3) Was war dein bisher unangenehmster “Feindkontakt”?
In der berliner U-Bahn. Eine Freundin aus Hamburg war zu Besuch. Sie ist St.Pauli-Fan. Der Wagen war voll mit betrunkenen Fußballfans. Sie sangen: Deutsche! Wehrt euch! Geht nicht zu St.Pauli!
Das brachte sie in Rage und sie fing an, ein paar dutzend Männer anzubrüllen, sie seien rechtsradikale Ärsche, sie sollen sich gefälligst schämen. Ich stand ihr beiseite, schaute in dreißig finstere Gesichter und wurde käsebleich. Ich hatte Angst um mein Leben. Sie war nicht zu bremsen, sie schimpfte aber dermaßen konsequent und atemlos, dass die Jungs weich wurden und bald sogar begannen, sich zu entschuldigen, das sei ja gar nicht so gemeint, sie seien ja keine Rechtsradikale, bloß Fußballfans etc. Es dauerte lange, bis die Farbe in mein Gesicht zurückkam.

4) Lustigste Fußballanekdote
Lustig ist es nicht, aber im Millerntor fallen tatsächlich immer Tore für die gegnerische Mannschaft, wenn ich Bier hole. Deshalb durfte ich nie mehr Bier holen.

5) Was ist für dich die Faszination am Fußball?
Mich fasziniert ziemlich vieles. Pferde, Lesen, Freunde, Hobbies, Hobbits. Jedem seinen Teilbereich meiner Bedürfnisse. Fußball befriedigt mein Bedürfnis, ein Team von elf Leuten beim Erfüllen von Erwartungen zuzusehen. Über einen längeren Zeitraum hinweg die Entwicklung von einzelnen Charakteren zu verfolgen. Es ist nicht viel anders als eine Serie zu schauen, nur ist der Plot ein wenig unkontrollierter, entfesselter. Zudem mag ich die eigenartig lustlose Körperhaltung von Raffael, wenn er über einen längeren Zeitraum keinen Ball bekommt.

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Das Stöckchen möchte ich an Stefan weiterreichen, der sich gerade mit dem FC aus Köln plagt, jener Club, der ab jetzt verlieren müsste, damit Hertha sich vor dem Abstieg retten kann.

[spandov]

Als wir letzten Montag spontan einen Ausflug machen wollten, fanden wir uns wenig später in Spandau an der Zitadelle wieder. K wollte da immer schon mal hin und ich auch, dieses Spandau, das ist dieser Ort am Ende der S-Bahn, hinter der Havel, es hat eine eigene Alstadt und die Zitadelle, es lag immer auf meinem Bildschirm der Orte, zu denen man einmal hin muss, entweder wenn man nichts besseres vor hat, oder wenn die Tage trübe sind. Wir stiegen am Bahnhof Zitadelle aus und liefen den Menschen nach, sie schienen uns ein sicheres Indiz für diese Burg, da es sonst am Bahnhof nichts viel gab neben Verkaufshäuser für Autos und Möbel. Wir erreichten die Zugbrücke, sahen verkleidete Ritter, Prinzessinnen, Knechte, Musikanten, viele Kinder, es fand ein Fest im Inneren statt, vor dem Eingang staute sich eine Schlange beim Kartenverkauf. Wir standen eine Weile auf der Brücke, schauten den Menschen zu, wogen ab, ob wir nicht besser ein andermal zurückkämen, wenn nicht so viel Trubel herrsche (seit wann weichen wir dem Trubel aus?), schlenderten dann einfach weiter nach Spandau hinein, man sieht das, was sich als Spandau ankündigt ja schon von weitem, wenn man diesen Damm hinunterläuft und über die Havel schaut, es hat etwas von einer kleinen Festungsstadt, immer noch, auch wenn es jetzt praktisch Berlin geworden ist. Hinter der Brücke über die Havel folgten wir den Schildern “Stadtmauer” und “Kolk”, gelangten dabei in eine bruchstückhaft romantische Gasse mit Fachwerkhäusern, die wir unmittelbar mit Hexenhäusern assoziierten. Dann überquerten wir wieder den Damm um in den größeren Teil der Altstadt zu kommen, spazierten durch die Gassen und setzten uns in ein Restaurant mit dem Namen “satt und selig” in dem wir eine Cola (ich) und einen Weißwein (K) tranken. Danach entschieden wir uns, ins Olympiastadion zu fahren, ich sagte, das sei ein ziemlich tolles Gebäude, man könne das richtig besichtigen wie ein Museum. Es kostete sieben Euro pro Person, die ich zuerst nicht zahlen wollte, das kam mir so blöd vor, ich wollte eigentlich nur K zeigen, was für eine beeindruckende Sogwirkung das Stadion hat, wenn man es von der Ostseite betritt und sich dieser rieseige ovale Raum unter einem öffnet. Dafür sieben Euro zu zahlen fand ich übertrieben, vor fünf Jahren war das umsonst. K überredete mich, es doch zu tun, danach blieben wir fast drei Stunden, liefen durch die leeren Ränge, spazierten über das Maifeld, schauten uns die Ausstellung an, sahen einen Dokumentarfilm und fuhren am Ende sogar mit dem Aufzug in den Glockenturm hoch und blickten über ganz Berlin hinaus. Wir überlegten, Karten für das Herthaspiel am Tag darauf zu kaufen, wir setzten uns zur Probe in die Stühle, es war dann aber doch zu kalt und Hertha würde ohnehin verlieren, so kollektiv mit zehntausenden Leuten zu verlieren, ich weiß nicht, ob ich das gut finden soll, ich verliere lieber alleine vorm Bildschirm. Sage ich jetzt so.

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Bei Ikea in Tempelhof lief ich beinahe Raffael, dem Mittelfeldstar von Hertha BSC in die Arme. Ich kam von der Warenabholung zurück und wollte zu K sagen, alles sei geklärt, dann sah ich Raffael neben ihr stehen, er hatte ein Billy-Regal auf seinem Einkaufswagen und telefonierte, schaute zu Boden, schaute zu mir her und wie ich so auf ihn zuging, wollte ich meine Arme heben und ihm Mut zusprechen, so wie ich es eigentlich immer mache, wenn ich ihn auf dem Rasen sehe, ich wollte rufen: ich glaube noch an euch. Da ich mich im Griff habe, unterließ ich es, schüttelte meine euphorische Blüte ab und wandte mich K zu, der ich flüsterte, psst, da hinter mir, das ist Raffael, worauf sie sagte, achso, sie hätten einander gerade ein bisschen gelangweilt angeschaut. Ich war entsetzt, Mensch, Du kannst Raffael doch nicht einfach gelangweilt ansehen und sie sagte: er hat angefangen.