Gestern lief ich mit meiner Hündin durch den Kiez und rechts von mir tauchte mein Schatten auf. „Hey!“, sagte ich, „lange nicht gesehen.“ Mein Schatten hob die Hand und war sichtlich erfreut, mich zu sehen. Wir spazierten eine Weile nebeneinander her, wie wir es von früher gewohnt waren, denn auch mein Schatten hatte immer noch seinen Hund. Ich erzählte von Hamburg, dass es dort vier Monate lang keine Sonne gegeben hatte und dass ich meinen Job dort gekündigt hatte. Er staunte nicht über das Wetter in Hamburg, er sagte aber auch, dass Berlin und der Rest des Landes nicht viel anders gewesen seien, zumindest erzählten ihm alle ständig davon. Er war aber nicht da, er könne also nichts darüber sagen. Was war da aber mit dem Job los? Ich sagte: ach, kompliziert, ich hätte NDAs unterzeichnet, in denen ich mich verpflichte, nicht darüber zu reden, aber ich kann so viel dazu sagen, dass ich bereits in der ersten Woche wusste, dass dies nur ein temporäres Projekt für mich werden würde. Das hatte ich dem Auftraggeber ungefähr jede Woche so mitgeteilt. Weil er sich etwas vorstellte, wofür er mich in Wahrheit gar nicht brauchte. Daher bot ich ihm an, das ganze Projekt ans Laufen zu kriegen, und zum Frühling bin ich dann wieder raus.
„Interessant“, sagte er, „das hatte ich gar nicht mitbekommen.“
„Du warst ja auch nicht da.“
„Stimmt.“
„Er hat meine Kündigung aber insgesamt nicht gut aufgenommen.“
„Obwohl er es wusste?“
„Jo.“
Ich sagte: „Ich glaube, dass Milliardäre Zurückweisungen nicht so gut verkraften.“
Er sagte: „Das ist ein schönes psychopoetisches Bild.“
„Psychopoetik?“
„Ja.“
„Das Wort hast du gerade erfunden.“
„Ja, aber ich kann mir darunter etwas vorstellen.“
Ich googelte nach dem Wort. „Gibt es tatsächlich“, sagte ich.
„Und was bedeutet es?“
„Das wird in einem ganz anderen Kontext verwendet. Es ist eine Methode, um kreatives Schreiben therapeutisch anzuwenden.“
„Ah okay. Langweilig.“
„Sei nicht immer so oberflächlich.“
„Und hast du einen neuen Job?“
„Jo. Sonst hätte ich vermutlich nicht so leichtfertig gekündigt. Ich fange Mitte März an.“
„Cool.“
„Ja. Cool.“
„Und sonst so?“
„Ich baue gerade Schränke aus Ikea auf. Im gesamten Badezimmerflur. Außerdem bauen wir gerade. Meine Frau hat tausend Ideen zur Verbesserung der Wohnungsqualität und dann schauen wir im Internet nach, wie man es baut.“
„Cool.“
„Ja. Cool.“
„Ich habe das von den Bildern mit den Vögeln gelesen.“
„Ach, du liest das Blog?“
„Claro.“
„Aber das war nur ein kleiner Teil. Wir haben den großen Schuhschrank im Flur komplett umgestaltet. Mit Sägen, Kleben und Bohren. Ich kann gar nicht beschreiben, was wir da alles gemacht haben.“
„Cool.“
„Ja. Cool. Und ab dem Wochenende werde ich völlig ausgefallene Schrankaufbauten im Schlafzimmer meiner Frau bauen. Eine komplett eigene Lösung.“
„Cool.“
„Ja. Cool.“
„Was macht der Sport und das Gewicht?“
„Ich bin jetzt mehr als 20 Kilo runter. Und schau mal meine Oberarme.“ Ich zog meinen rechten Arm aus dem Ärmel des Blousons und spannte die Muskeln an. „Hier, fass mal an.“
Er fasste an und nickte anerkennend.
„Sieht definiert aus.“
„Ja, ne? Vor allem oben an den Schultern. Wenn der Sommer kommt, trage ich nur noch Muskelshirts.“
„Musst du dir aber erst die Rückenhaare rasieren. Sieht sonst scheiße aus.“
„Ach, das ist doch wieder modern.“
„Morgen werden wir 18 Grad haben.“
„Krass.“
„Ja. Krass.“
„Und Sonne.“
„Aber schau, da vorne ist eine Wolke.“
[…]
