Als ich das letzte Mal mit Lu telefonierte, saß ich im Auto und fuhr von Hamburg nach Berlin. Das war vor vier Wochen und wir redeten über das Altern, ein Thema, das mich in jenen Wochen sehr beschäftigte, und immer, wenn ich sprach, lenkte ich das Auto ziemlich fahrig und musste deswegen ständig meine Geschwindigkeit auf 90 oder 80 herunterdrosseln, damit ich mich einigermaßen sicher fühlte. Offenbar übertragen sich meine Emotionen sehr stark auf meinen Körper. Zuhören ging prima, aber sobald ich reden musste, schlingerte ich.
Das muss an der Freisprechanlage gelegen haben. Ich weiß nämlich nicht, wo sich die Mikros befinden, also schrie ich ständig durch den Innenraum des Autos, weil ich das Gefühl hatte, Lu würde mich sonst nicht verstehen. Sie sagte aber immer: Ich verstehe dich prima.
Wenn ich mit meiner Frau im Auto emotionale Gespräche führe, dann habe ich dieses Problem hingegen nicht. Da schreie ich auch nicht, sondern kann das Gespräch mit normalem Geräuschpegel führen.
Weil ich das Telefonat damals aus diesem Grund vorzeitig beenden wollte (sie reagierte sehr verständnisvoll, sie sagte, das sei ein bekanntes Phänomen), waren noch einige Themen übrig geblieben, die wir heute abarbeiten mussten. Zum einen natürlich unsere Arbeitssituationen (zu langweilig zum Verbloggen), über narzisstische Männer und Pluribus. Sie hat Pluribus nämlich geliebt. Sie sagte „geliebt“ auf eine Art, dass ich es eigentlich in Großbuchstaben schreiben müsste. Sie hielt einen längeren Monolog darüber, wie unfassbar gut und smart sie diese Erzählung fand, von der Drohkulisse dieses vereinheitlichten Wesens, das, wie sich dann herausstellt, aber nur nett sein darf, dabei aber eine Agenda hat, die sich einem widerstrebt, man dabei aber auch denkt, denen geht es ja gut usw. usw. Ich hörte ihr gerne zu, wie sie das schilderte.
Als ich vor Wochen über Pluribus schrieb, wurde ich mehrfach darauf angesprochen, warum ich mich so negativ über die Serie äußerte. Offensichtlich muss ich mich damals aber missverständlich ausgedrückt haben. Ich fand die Serie keineswegs schlecht. Im Gegenteil. Ich empfand sie als außerordentlich gut. Jedoch hatte ich ein Ende erwartet, das irgendwas mit mir tut. Die Sache mit der Atombombe, nunja, ist nett, aber doch eher Slapstick. Vermutlich hat die Serie einen riesigen Katalog an Erwartungen geöffnet. Während ich die Serie schaute, hatte ich das Gefühl, dass ich nach der achten Folge sicherlich ein neuer Mensch sein werde. Das war dann überhaupt nicht so. Alles andere an der Serie ist aber gut.
Ich schlug Lu vor, dass wir auch einfach unsere Telefonate verbloggen könnten. Ich schreibe über den Inhalt der Gespräche und sie tut das auch. Radikalrealismus. Interessant wäre es, zu sehen, wie unterschiedlich wir beide die Themen wahrnehmen. Wir müssten aber den ganzen Gossip weglassen. Aber das Gute an den Gesprächen mit ihr ist, dass ich theoretisch das meiste verbloggen könnte, weil ich bei ihr ziemlich gut weiß, was den Weg ins Internet finden darf und was nicht. Weil ich ihre Bloggeridentität zu kennen meine und die ist auf eine ähnliche Art nicht-privat, wie es meine auch ist, weil das ist es ja, oder, wir sind ja auf eine gewisse Weise Exhibitionisten, weil sonst würden wir das hier nicht tun, wobei ich wirklich gar nicht mehr so genau weiß, warum ich es tue, ich glaube, ich kann nicht mehr ohne. Es ist ein Experimentierfeld. Eine grüne Wiese, auf der ich jeden Tag ein neues Häuschen bauen darf. Wenn ich mich mit anderen Menschen treffe, halte ich die Gesprächsinhalte lieber aus dem Blog heraus, weil das oft Personen sind, die entweder sehr privat sind, oder ich schlichtweg keine Lust habe, jedes Mal zu fragen, ob ich über dieses oder jenes Gesprächsthema schreiben darf. Vielleicht sollte ich aber öfter mal nachfragen. Ich mag ja diesen Radikalrealismus, der aus Tagebuchblogs manchmal entsteht. Miranda July sollte bloggen (Jaja, ihre Videos sind auch gut), Knausgard sollte bloggen. Eines der Blogs, die ich liebte, war Going Dutch With German Writers, von der Berliner Übersetzerin Katy Derbyshire, das leider mittlerweile undurchsuchbar in den Tiefen des Tagesspiegelarchivs verschwunden ist. Das Konzept war simpel: Sie ging mit deutschen Autorinnen in die Kneipe, man betrank sich und sie schrieb alles auf. Am Ende teilte man die Rechnung. Wie Interview, nur anders.
Aber was ich noch erwähnen sollte: Es stellte sich heraus, dass die Geschichte über Lus Bekannten, der in die Chemotherapie musste und niemanden hatte, um seinen Goldfisch zu füttern, gar nicht wahr ist. Offenbar hatte ich da etwas missverstanden. Vermutlich hatte sie nur ein lustiges Beispiel erfunden, das ich im Auto (ja, das Auto) nicht richtig verstanden hatte. Die Geschichte ist vielleicht auch zu gut, um wahr zu sein. Dumm ist nur, dass ich diese Geschichte mittlerweile sehr vielen Leuten erzählt habe. Im Weblog kann ich das immerhin berichtigen (hiermit getan), im echten Leben geht das nicht.
Der Krebspatient, der niemanden hatte, um seinen Goldfisch zu füttern. Woah. Klingt schon ziemlich nach Märchen, muss ich zugeben.
