In der „Blauen Lagune“ auf Island waren wir vor fast neun Jahren an einem kühlen und verregneten Tag Ende September. Ich hatte zuvor noch nie davon gehört. In unserem Hotel lag ein Prospekt aus, das ein Thermalbad unter freiem Himmel zeigte, aus dem aus milchigweissem Wasser Dämpfe aufstiegen, während die Leute darin badeten. Das sah unfassbar schön aus, deswegen stiegen wir wenige Tage später in einen Bus, der eine Stunde lang über diese vulkanisch aktive Halbinsel fuhr und uns zu diesem Bad brachte. Ich bin ja überhaupt kein Spa-Typ. Ich habe nie Bedürfnis nach Sauna oder Massagen oder überhaupt etwas für meinen Körper zu tun. Mein körperliches Befinden ist eigentlich immer gut. Aber in diesem warmen, milchigen Wasser zu liegen, zwischen Dämpfen und schwarzen Lavafelsen und über uns der kalte, subarktische Himmel. Das war schon magisch. Meine Frau verlor dann eine Kontaktlinse. Üblicherweise findet man eine Linse unter diesen Umständen nie wieder, aber wie es an solchen magischen Tagen eben ist: Ich stocherte kurz mit meinen Zehen im weissen Schlicksand unter Wasser und spürte die Linse zwischen meinen Zehen.
Seit 2023 ist diese ganze Halbinsel von Erdbeben, Lavaströmen und Spalteneruptionen heimgesucht. Die Blue Lagoon wurde gestern geschlossen und evakuiert. Spalteneruptionen. Dieses Wort. Ich stelle mir vor, wie sich die Erde öffnet und alles in sich einschmilzt, das sich darauf befand. Nach dem Besuch der Blue Lagoon fuhr uns der Busfahrer über eine abwegige Route zurück nach Reykjavík. Das ist das Gebiet, in dem es seit zwei Jahren brodelt. Wir waren auch in Grindavík, eine Stadt, die mittlerweile nicht mehr bewohnbar ist. Danach zeigte er uns schwarze Lavastrände und rauchende Erde. Ausserdem erzählte er uns todernst vom Tempel der Elfen, einem kleinen Park neben einem Bach, wo man Elfen sehen und hören könne, wenn man sich eine Weile dort ins Gras lege und die Augen schliesse. Da es aber regnete, empfahl er uns, ein andermal zurückzukehren. Bei rauchenden Erden stiegen wir jedoch einmal aus. Es roch nach Schwefel. Kleine Quellen blubberten, drumherum färbte es sich gelb.
Hätte meine Frau die andere Linse verloren, hätte ich auch diese wieder gefunden.
Wenn ich mir das auf Googlemaps ansehe, glaube ich, dass das heute aber alles von Lava überschüttet ist.
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Am Abend traf ich den Lektor und den Autor Daniel Klaus auf ein Bier im Tomsky in der Winsstrasse. Tomsky. Solche Namen gab man den Kneipen nur in den Neunzigern. Tomsky oder auch Zosch und Prassnik. Ein bisschen sentimental wurde ich schon. Wir redeten über Bücher, über den Prozess des Schreibens. Daniel wird demnächst eine Lesereihe in Weissensee beginnen. Ich finde Lesereihen super und deswegen freute mich das sehr. Ich finde ja, dass es bei Literatur zu wenig Brutkastenkultur gibt. Mit Brutkasten meine ich die etwas romantisierte Vorstellung der Leute im Paris der Jahrhundertwende oder im Berlin der Zwanzigerjahre. Menschen, die zusammenkommen, feiern, Kunst machen, sich verlieben, mit all dem Drama und all dem Scheitern. Ein bisschen gab es das vielleicht in den frühen Blog-Jahren, in den Nullerjahren, bis Facebook und Twitter kamen, als wir das Gefühl hatten, es entstünde etwas Neues. Texte kamen ins Internet, roh, unverarbeitet, wir lasen vor Publikum, die Texte wurden besser, wir betranken uns, verliebten uns, einige machten Kinder, einige wurde berühmte Autorinnen, einige wurden Profis in irgendwas.
Ich beschwerte mich, dass es davon zu wenig gibt. Zumindest kriege ich zu wenig davon mit. Das mag auch daran liegen, dass ich jetzt fünfzig bin und nicht mehr mit Zwanzigjährigen in der Kneipe hänge. Das Drama hat sich vermutlich in die Clubkultur verlegt und auf den Schauen der Tiktokstars. Literatur und auch Kunst wird vielleicht nur noch von einer gebildeten weissen Schicht gemacht.
Ich war aber auch ein bisschen bierselig und dramatisierte über. Über Lesereihen freue ich mich jedoch immer. Auch aus diesem Grund.
Da habe ich neulich erst eine tolle Doku gesehen: https://www.youtube.com/watch?v=-OCKbM-nXoQ
Grüße
Super, Danke.