[Do, 3.4.2025 – Casa Aspromonte, Eschersheim, Dark matter]

Gestern brachte ich meine Frau zum Ostkreuz. Sie muss für ein paar Tage nach Mailand. Als ich wieder zurück zu Hause war, schaute ich mir Mailand auf Google Maps an. Mit 17 und 18 Jahren war ich sehr oft in Mailand und kannte mich dort richtig gut aus. Als ich jetzt auf die Karte schaute, verstand ich die Struktur der Stadt aber nicht mehr. Das Leoncavallo befand sich in meiner Erinnerung 5 Minuten entfernt von dem kleinen besetzten Haus an der Piazza Aspromonte, wo ich immer schlief. Die beiden Häuser sind aber fast zwei Kilometer voneinander entfernt. Ich begann Strassen auf Streetview nachzulaufen und erkannte nichts wieder. Ins Haus an der Piazza Aspromonte kam ich wegen Carmello. Carmello bot mir und meinem Freund einen Schlafplatz an, nachdem wir mehrere Leute im Leoncavallo nach einer Schlafmöglichkeit gefragt hatten. Die Bewohner nannten uns die Ragazzi della Campagna. Die Jungs vom Lande. Weil wir eigentlich noch Kindern waren und ich bin mir sicher, dass wir auch rote Backen hatten.

In dem Haus lernte ich den ersten afrikanischen Mann kennen. Männer mit schwarzer Hautfarbe kannte ich sonst nur von den Adriastränden, das waren die Leute, die gemeinhin „Marocchini“ oder „Vucomprá“ genannt wurden. „Vucomprá“, weil sie mit ihren Bauchläden Feuerzeuge oder Uhren verkauften und ständig so etwas sagten, das das Volk abschätzig als „Vucomprá“ bezeichnete. Vergleichbar, als würde man auf deutsch „Willsekaufe“ sagen. Manchmal kamen diese „Marocchini“, die natürlich nicht aus Marocco stammten, auch in die Dolomitendörfer. Dort gingen sie von Haus zu Haus und verkauften Teppiche. Beliebt waren diese Männer nie. Dorfbewohner sperrten lieber ihre Häuser zu. Man weiss ja nie.

In der Casa Aspromonte traf ich also den ersten schwarzen Mann in meinem Leben, mit dem ich, öhm, redete. Besser noch: Er war mein Gastgeber. Und er hatte Bücher in seinem Zimmer. Er war Carmellos bester Freund, sie wohnten zusammen im gleichen Zimmer. In der ersten Nacht erzählte mir Carmello, dass er HIV Positiv sei. Ich wusste damals wenig über HIV. Ich wusste nur, dass man es vom Ficken bekam und man deswegen Kondome verwenden musste. HIV war der Horror. Damals war es ein Todesurteil und man starb einen grausamen Tod. Ich fragte mich, ob es in Ordnung war, ihm die Hand zu schütteln. Andererseits, wenn man es nur vom Sex kriegt, durfte Handschütteln ja harmlos sein. Solche Gedanken hatte ich. Ich fragte aber nicht nach. In dieser ersten Nacht hatte ich komische Gefühle. Wir schliefen im Zimmer mit zwei sehr freundlichen Männern, der eine war Marocchino und der andere hatte HIV.

Im Herbst besuchten wir Carmello wieder. Sein Freund wohnte nicht mehr da. Er wollte nicht darüber reden. Im Nachhinein verstand ich erst, dass das vielleicht sein Partner gewesen ist. Ich kam noch ein paar Mal nach Mailand. In der Zwischenzeit wurde das Leoncavallo mit einem nahezu militärischen Aufwand geräumt. Mit Zwanzig Jahren kam ich nach einer längeren Pause wieder nach Mailand, ich ging ins Aspromonte. Aber Carmello wohnte nicht mehr da. Man sagte mir, er sei vor langer Zeit ins Krankenhaus gekommen. Mehr wusste man aber auch nicht. Man liess mich im Haus übernachten. In Carmellos Zimmer wohnte jetzt aber jemand anders.

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Mein Herthafreund und Lieblingsbarde „Moritz von Eschersheim“ schrieb mir neulich auf Insta, dass er gerne mein Buch bestellen möchte, und wollte wissen, wie er das am besten täte. Ich wollte ihm den Link zur Bestellseite schicken, stattdessen schrieb ich ihm: Wenn du das Buch auf Insta in die Kamera hältst, dann kriegst du es umsonst. Das kam dabei heraus.

Er ist erleichtert, dass es ihm gut gefallen hat. So musste er immerhin keinen Scheiss anpreisen 🙂

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Heute traf ich mich mit Frau Fragmente, die gerade ein paar Tage in Berlin verbringt. Wir gingen in dieses Lichtmuseum namens „Dark Matter“ in Oberschöneweide. Ein Museum, in dem alles schwarz und dunkel ist. Die gesamte Corporate Identity des Museums ist schwarz. Schwarze Stühle, schwarze Wände, schwarzer Merch. Die Tshirts schwarz mit schwarzer Schrift. Wenn man das Passwort „Black is Beautiful“ sagte, bekam man schwarze Lakritze oder einen schwarzen Lollipop. Ich nahm den schwarzen Lollipop. Frau Fragmente und ich trugen schwarz. Unbeabsichtigt. Die weisse Sohlen meiner Schuhe leuchteten auffällig deplatziert. In den Ausstellungsräumen sind Lichtexponate ausgestellt. Bewegende LED Installationen. Manchmal fand ich es künstlerisch etwas unterkomplex, aber einige waren richtig gut, vor allem der grosse Saal, auf dem (schwarzen) Kissen ausgelegt waren, auf die man sich niederlegen sollte, um unter einem grossflächigen Raster von grossen LED-Dreiecken zu liegen, die sich zu elektronischer Musik bewegen. Das klingt banal, es entfaltet aber eine ungemein starke Wirkung. Nach dem Ende der Vorstellung wollte ich klatschen. Zum Glück konnte ich mich aber beherrschen, man hätte denken kommen, ich komme vom Lande.

Nachher gingen wir ins Michelsberger, wo ich einen Tisch für uns reserviert hatte. Wir assen das „Blind Menu“, also das Überraschungsmenü. Frau Fragmente wollte nur sichergehen, dass es keine gekochte Sellerieknollen gäbe, sonst ässe sie eigentlich alles. Muss ich mir merken, falls ich mal für sie koche. Sellerieknollen haben wir nämlich immer im Kühlschrank. Wir nennen das Knollerie.

Nachher fuhren wir in meinen Kiez und holten die Hündin, die fünf Stunde alleine zu Hause geblieben war, dann spazierten wir eine kleine Runde zur Frankfurter Allee und setzten uns draussen vor eine Cocktailbar. Es war wie ein wunderbarer, früher Sommerabend.

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