[Liebe und so]

Heute zur ersten Frage aus der Themenliste.

„Was hältst Du von Polyamorie und was von Polygamie? Und hat sich Deine Meinung darüber mit der Eheschließung und/oder reiferem Alter verändert?“


Ich habe eine gute Bekannte, die sich als polyamourös bezeichnet. Weil ich das Thema sehr interessant finde, musste sie mir immer alles darüber erzählen. Ich finde erstmal alles spannend, was unsere gesellschaftlich verankerten Denkweisen hinterfragt, weil so vieles einfach nur eine Frage der Erziehung ist bzw. der Sozialisation und sich viele Menschen in Denkkorsetten ihrer jeweiligen Peer-Group bewegen. Was ich gar nicht verurteilen will, die meisten Menschen haben eben andere Prioritäten in ihrem Leben, und das ist eine gute Sache, und solche Korsette geben ja auch einen gewissen Halt.

Ich halte aber wenig von der romantischen Liebe oder zumindest von der romantischen Überhöhung einer ewigen, exklusiven Liebe. Diese Projektion auf die Liebe, mit der wir aufwachsen. Der Partner muss die lustigste Person sein, die beste Köchin, die beste Reisegefährtin, die beste Projektmanagerin, die beste Mama, die beste Liebhaberin, der sexieste Mensch. Dann die Erwartung an die Beziehung, der Nestbau. Ein Immobilienfinanzier sagte mir einmal, dass die meisten Kredite von sich trennenden Paaren aufgelöst werden. Das sind immer hässliche Geschichten von Menschen, die nicht mehr miteinander reden. Immer Geschichten von einem gescheiterten Nestbau, von der Frau, die fremdging, vom Mann, der sich in die Sekretärin verliebt hat und eine neue Familie gründen will etc. Geschichten von geplatzten Träumen. Ich glaube, dass Menschen oft nicht wissen, was Liebe ist, was Treue ist, wo Sex in diesem ganzen Konstrukt einzuordnen ist. Man wächst halt auf mit einer gewissen Vorstellung von Liebe. Partner, Sex, Familie.

Nicht, dass ich jetzt so genau wüsste, was das ist. Ich habe jedoch ziemlich schnell gemerkt, dass der Liebesbrand zwar super ist, aber nach sechs Monaten auch wieder ein bisschen nachlässt und dann irgendwie anders wird. Danach steht man auf einmal vor den Fakten, die diese hormonelle Achterbahnfahrt einem vor die Füße geschmissen hat.

In diesem älteren Text, in dem ich mich an eine Episode mit einer jungen Frau auf einem Sofa in Madrid erinnere, habe ich bereits einmal aufgeschrieben, wie meine Einstellung zu Treue ist. Kurz zusammengefasst: Überschätzt. Mit Nuancen aber. Ich finde, dass die meisten Menschen eine total übertriebene Vorstellung von Betrug haben. Das Wort alleine.

Auch wenn ich mich immer in mehr oder weniger monogamen Beziehungen lebte, finde ich Sex und Liebe erstmal zwei ganz unterschiedliche Dinge. So unterschiedlich wie Sex und Lieblingsköchin oder Sex und die lustigste Person der Welt. Im besten Fall gehen Sex und Liebe zusammen, auch Sex und Lieblingsköchin, aber Sex geht auch ohne Lieblingsköchin. Um ehrlich zu sein, konnten die meisten Frauen in meinem Leben eher mittelmäßig gut kochen. Sex geht aber auch ohne Liebe. Einfach, weil jemand vielleicht fantastische Oberschenkel hat oder horny Sachen sagt. Ich finde es halt blöd, nicht zuzugeben, dass man auch in monogamen Beziehungen Gefühle für eine andere Person empfinden kann oder man Lust auf eine andere Person hat. In meinem Bekanntenkreis hatte eine Frau mal ein Riesendrama gemacht, weil sie ihren Mann erwischt hat, wie er sich auf Pornhub einen runtergewedelt hat. Sie fühlte sich betrogen. Echt jetzt?

Mir war es aber immer wichtig, eine Partnerin auf Augenhöhe zu haben. Ich wurde eher von Frauen angezogen, die ich in erster Linie interessant fand. Fast alle fand ich auch zusätzlich sexy. Mit den sexy Frauen war Sex aber nicht zwangsweise gut. Aber es ging immer mit dem Liebesbrand einher. Am Anfang steht immer der Liebesbrand. Dieser Liebesbrand! Aah! Könnte man natürlich immer haben. Der verschwindet nach sechs Monaten aber wieder. Wenn man also immer den Liebesbrand sucht, dann muss man sich rechnerisch auch alle sechs Monate einen neuen Menschen suchen.
Das kam mir ineffizient vor.

Aber Polyamorie ist ja noch einmal etwas ganz anderes. Das ist eine bewusste Entscheidung. Es ist ein ständiges Verhandeln um Grenzen, Absprachen, es erfordert viel Kommunikation, viel Logistik auch und viel Rücksicht sowie viel Selbstreflexion in allen Situationen mit den Menschen, zu denen man in Beziehung steht.

Aus ideeller Sicht finde ich das eine gute Einstellung. Diese Einstellung zu Sexualität und Liebe könnte diesen kriegerischen Planeten zu einem besseren Ort machen, sage ich jetzt mal ganz hochtrabend. Für mich als Beziehungsmodell wäre Polyamorie allerdings zu, nun ja, anstrengend. Ich glaube, ich habe keine emotionalen Kapazitäten, um mehrere Beziehungen gleichzeitig zu führen.

Die Frage bezog sich außerdem nicht nur auf Polyamorie, sondern auch auf Polygamie. Wenn ich Polygamie richtig verstehe, dann ist das so etwas wie eine Mehr-Ehe. Also eine Person, die mit mehreren Menschen eine Ehe oder Beziehung führt. Wie man sie sich klischeeartig aus religiösen Gegenden oder in Sekten vorstellt. Der Gedanke daran, so etwas wie einen Harem zu unterhalten und pausenlos ständig von sexuell verfügbaren Menschen umgeben zu sein, ist eine nette Vorstellung, aber eher im Alter von 15 Jahren. Ich glaube, wenn zehn Frauen gleichzeitig mit mir verheiratet sein möchten und zur gleichen Zeit keinen anderen Mann haben, dann würde ich sie nicht ganz ernst nehmen und die Lust würde mir deswegen ganz von selbst vergehen.

Dann das Alter. Hat es sich im Alter verändert?

Die Meinung hat sich mit zunehmendem Alter nicht verändert. Sie ist nur konkreter, klarer geworden.

Ist das alles sinnvoll aufgelistet? Ich glaube, die Gedanken sind einigermaßen geordnet.

3 Kommentare zu „[Liebe und so]“

  1. In den thematischen Reigen Polyamorie, Polygamie (des weiteren Polygynie, Polyandrie, Polyfidelity), flexible Treue-Begriffe, passt auch noch das Konstrukt „Offene Beziehung“. Fängt man erst einmal an, sich näher damit zu befassen, kann einem der Kopf schwirren.

    Vermutlich habe ich mich zu wenig mit dem Thema befasst, denn ich dachte ich immer, dass diejenigen, die sich als nicht monogam veranlagt bezeichnen, somit polygam, für sich erkannt hätten, dass sie zeitlich parallel gerne mehrere, wechselnde Sexualpartner haben, ohne dass zwangsläufig romantische Gefühle damit verbunden sein müssen, eher tendenziell sogar nicht, es aber durchaus eine feste, auch romantische Beziehung mit einer Person geben kann, die aber exclusiv besteht und wo die Person aber nicht unbedingt von der gelebten Sexualität mit weiteren Partnern weiß. Dass der Begriff (zumindest ursprünglich) an Ehe(-ähnliche Verhältnisse?) gekoppelt ist, war mich gar nicht bewusst. Man lernt dazu!

    Weiter dachte ich, dass eben im Gegensatz dazu, das neuere Konstrukt von Polyamorie von Personen gelebt wird, die offen nach allen beteiligten Seiten kommunizieren, dass sie parallel mehrere Personen lieben, das auch tun und explizit mit diesen mehreren Personen romantische Beziehungen entwickeln, pflegen, mit denen es auch körperliche Intimität gibt, wobei Sexualität nicht zwingend notwendig ist. Sprich, dass es auch eine Konstellation mit drei Personen (oder mehreren) geben kann, wo z. B. ein Mann und eine Frau verheiratet sind, romantische Liebe pflegen aber keine Sexualität mehr und ein weiterer Mann zu dieser Liebes-Truppe gehört, der mit der Frau sowohl romantische Liebe als auch körperliche Liebe praktiziert.

    Und dann gibt es zig Spielarten dazwischen. Zum Beispiel die „Offene Beziehung“, worunter man offenbar zu verstehen hat, dass es eine eheähnliche Haupt-Beziehung gibt, die Sexualität und romantische Liebe, Austausch auf allen Ebenen ausmacht, die aber gestattet, dass beide Partner sich auch außerehelich sexuell ausleben können, unter der Bedingung, dass keine zweite romantische Beziehung kultiviert wird, die die im Grunde monogame romantische Hauptbeziehung gefährden könnte.

    Das entspricht in etwa dem, was Ingeborg Bachmann und Max Frisch in ihrem (von ihnen selbst) so genannten „Venedig-Vertrag“ vereinbart hatten, dass jeder auch sexuelle Affären haben kann, vorausgesetzt, diese gefährden nicht die romantische Hauptbeziehung, indem mehr daraus wird. Dieser spezielle Vertrag bei den beiden beinhaltete außerdem, dass es keine Verpflichtung gibt, es sogar unerwünscht ist, davon zu erzählen, mit wem man wann wie sexuell aktiv war. Berichterstattungspflicht bestand nur, wenn eine erotische Begegnung romantische Züge annahm.

    Ich kann mich gar nicht so genau positionieren, wo ich da stehe, weiß nur, dass ich energietechnisch keine Kapazitäten habe, hätte, auf mehreren Hochzeiten romantisch und erotisch zu tanzen. Da fehlt mir auch die erforderliche Tagesfreizeit und logistische Kapazität. Ich bündle meine Energie auch gerne in die Tiefe, wegen stärkerer Intensität, lieber als in die Breite. Bin da aber ganz undogmatisch, ist nur das Ergebnis von Selbstbeobachtung.

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    • Letztendlich müssen wir einfach anerkennen, dass es so viele Varianten der Liebe gibt, wie Varianten von der Zubereitung von Nudeln. Den Venedig-Vertrag finde ich übrigens super. Funktionierte das bei den beiden aber auch? Ich habe mich nie näher damit beschäftigt. Kenne nur den Begriff.

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  2. Seitens Max Frischs wurde – soweit bekannt und erforscht – der Venedig-Vertrag strikt eingehalten. Meiner Erinnerung nach hat er nur ein einziges Mal während der Beziehung zu Bachmann (in einem Brief) geäußert, dass er „bei einer anderen Frau war“. Der Duktus im Kontext ließ durchblicken, dass es um sexuellen Kontakt ging, keinen Besuch zwecks Kaffeetrinken. Ich weiß aber nicht, ob dieses Bekenntnis vor oder nach der Vereinbarung war. Jedenfalls war Max Frisch mental und romantisch vollständig auf Bachmann fixiert. Es gibt Anhaltspunkte, dass sie sich zwar ständig nacheinander sehnten, aber es erotisch nicht so zufriedenstellend gewesen zu sein scheint. Mal fühlte er sich (körperlich) zurückgewiesen, mal sie. Frisch litt außerdem unter ihrer starken Abhängigkeit von Narkotika und Psychopharmaka, die sie häufig tagsüber sedierten und apathisch machten. Dem Alkohol sprachen beide sehr zu, aber das konnte man gemeinsam kultivieren.
    Frisch und Bachmann lernten gemeinsam die jüngere Marianne kennen, die auch in Rom weilte und Bachmann verehrte. Man unternahm mit Mariannes damaligen Gefährten gemeinsame Ausflüge, so ergab sich eine Annährung zwischen Max und Marianne, aus dem freundschaftlichen Kontakt wurde eine Romanze. Bachmann war beruflich in München, wo auch Marianne lebte und Max sprach eine Einladung an Marianne aus, ihn zu besuchen. Marianne fragte Bachmann, ob das für sie in Ordnung wäre. Sie stimmte zu. Die Beziehung wurde in Rom ernster, Max bekannte sich gegenüber Bachmann früh dazu. Sie trennten sich, er heiratete Marianne. Bachmann hatte auf Frischs Heiratsantrag, der er mehrfach aussprach, nicht reagiert.

    Inwieweit Bachmann sich während der Beziehung zu Frisch auf andere Männder, meist Kollegen einließ ist soweit bekannt, als es briefliche Zeugnisse gibt. Sie hatte zu Beginn der Verbindung noch eine emotionale Baustelle mit Paul Celan, der eine andere Frau geheiratet hatte und laborierte noch an der Wunde. Sie unternahm während einer längeren Krankheit Frischs eine Italienreise mit dem Kollegen Enzenberger, der verheiratet war, ein Kind hatte und Bachmann scheinbar romantisch verfiel, wenn man den Duktus seiner Briefe richtig deutet. Sie schraubte sich auch gerne emotional in Verbindungen. Widersprüchlich ist, dass Enzensberger abstritt, mit Bachmann erotisch zugange gewesen zu sein, als er lange nach ihrem Tod danach befragt wurde. Bachmann kokettierte in einem Brief damit, ob man heiraten solle. Es bleibt unklar, was da war. Mit einem italienischen Literaturübersetzer begann sie eine Affäre (auch er verheiratet und Vater), die romantische Züge hatte und zu der sie sich Frisch gegenüber in einem Brief bekannte („es gibt da jemanden, den ich sehr lieb habe“), was Frisch schmerzte, er nahm Kontakt zu dem Mann auf und bat ihn, sich zu entscheiden, entweder für seine Familie oder für Bachmann. Er wählte die Familie. Außerdem pflegte Bachmann eine sporadische Affäre mit einem französischen Journalisten, den sie aber selten sah, es sind keine Briefe überliefert.

    Nachdem Marianne in das Leben von Max (bzw. beiden) getreten war, wollte Bachmann eine Verbindung zu dritt forcieren, sie wollte weiterhin teilhaben. Sie dachte, sie wäre die unanfechtbare „Hauptfrau“ und wollte Max Marianne großzügig als eine Art Nebenfrau zugestehen, aber die Gefühle von Max waren nun bei Marianne, er teilte Ingeborg mit: „Ach Inge, man umarmt sich nicht zu dritt.“ Am Zerbrechen dieser Beziehung hat sie den Rest ihres Lebens laboriert. Die Ehe von Marianne und Max währte viele Jahre. Marianne Frisch lebt übrigens noch, in Berlin.

    Der Venedig-Vertrag hieß so, weil er bei einer Venedig-Reise verbal geschlossen wurde und wird in einem der Briefe zwischen Frisch und Bachmann erwähnt.

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