Ein Blogpost über das Haus in Schweden. Wie in der Themenliste gewünscht.
Bei dem Haus handelt es sich um ein sogenanntes Soldattorp. Das sind Kleinstbauernhöfe, die Soldaten während ihrer Dienstzeit als Wohnstätte und zur Selbstversorgung nutzen konnten. Der Großvater meiner Frau erwarb das Häuschen Ende der Vierzigerjahre und nutzte es für sich und seine junge Familie als Wochenend- und Sommerhaus. Über die Zeit vor dem Erwerb haben wir nicht so viel herausbekommen, aber vermutlich gehörte es der Bauerngemeinschaft, die das Soldattorp dem König bzw. seinen Soldaten zur Verfügung stellte. Als dieses System in 1901 abgeschafft wurde, durften die Soldaten bis zu ihrem Ruhestand in ihren Torps wohnen bleiben. Wir vermuten, dass das die Nutzung bis dahin gewesen ist.
Der Großvater kaufte noch ein weiteres, kleineres, aber wesentlich älteres Soldattorp, etwa einen Kilometer flussaufwärts. Dort, wo jetzt der Cousin mit seiner Frau fast ganzjährig lebt. In unserem Haus baute der Großvater das Dachgeschoss aus und einen Seitenanbau dazu und den Kornspeicher ließ er zu einem Gästehaus umbauen. Die Scheune diente als Lagerraum. Im Haupthaus befinden sich drei Schlafzimmer, wovon zwei Doppelzimmer sind und eines das sogenannte Mädchenzimmer, im Erdgeschoss ist ein großes Wohnzimmer und im Anbau die Küche. Im Gästehaus gibt es noch zwei weitere, kleine Schlafzimmer mit je zwei Betten. Wenn mein Schwager da ist, verwendet er das Gästehaus meist für sich alleine, da er mehrere Wochen lang von dort aus arbeiten kann. Langfristig möchte ich im Gästehaus ein Arbeitszimmer einrichten. Dabei würde ich ein Fenster in die lange Wand aussägen wollen, damit man vom Schreibtisch aus auf den Fluss hinunter schauen kann. Im Obergeschoss des Gästehauses könnten dabei immer noch zwei Menschen schlafen.
Das Land erstreckt sich über 5 Hektar. Es ist ein langgezogenes Stück Land, das sich etwa einen Kilometer an einem Fluss entlangzieht. Die drei Gebäude stehen allerdings auf einer Anhöhe. Was gut ist, weil der Fluss im Winter meist über die Ufer tritt und die Flussauen überschwemmt. Die Flussauen bestehen im Wesentlichen aus zwei Wiesen, die an den Bauern Hakan verpachtet sind, der etwa 3 Kilometer südlich von uns einen Bauernhof betreibt. Früher hielt er Milchkühe, seit die Brücke baufällig geworden ist und man mit den Milchcontainern einen riesigen Umweg über schlechte Waldwege fahren muss, hält er nur noch Stiere. Für die Pacht zahlte er früher einen niedrigen dreistelligen Eurobetrag. Wir haben eine neue Übereinkunft geschlossen: Wir wollen das Geld nicht, aber wir möchten, dass er den langen Weg unten auf den Wiesen befahrbar hält. Dass er also den Weg mäht und Bäume entfernt, wenn sie den Weg versperren. Er verfügt über große Maschinen, mit denen er das einfach erledigen kann.
Ob das Haus viel genutzt wurde? Ich würde behaupten, dass es für meine Frau der einzige Ort ist, der ihr je als Heimat gedient hat. Da ihre Familie für lange Zeit nicht sehr ansässig gewesen ist, diente dieser Ort für sie jahrzehntelang als eine Art Anker, ein Ort, an dem sie sich auch in späteren Jahren immer wieder getroffen haben. Vor allem meine Frau und ihre Mutter. Jedes Jahr, jeden Sommer. Und auch der eine Schwager, der uns immer in Berlin besuchen kommt. Die anderen beiden Brüder haben etwas weniger Bezug dazu.
Als dann in den letzten Jahren über die Zukunft des Hauses gesprochen wurde und ein möglicher Verkauf im Raum stand, war es für meine Frau selbstverständlich, dass sie diesen Ort nicht verlieren will, und ich fand den Gedanken, ein Haus in Skandinavien zu besitzen, wirklich großartig, und so erwarben wir das Haus. Nun klingen 5 Hektar plus Häuser in Schweden nach einem Millionenpreis, aber es handelt sich hier um eine dünnbesiedelte und touristisch wenig erschlossene Gegend hundert Kilometer östlich von Göteborg. Wir haben keine Dusche und kein richtiges WC, sondern eine Außentoilette mit einem Kompostierprinzip. Allerdings haben wir Strom und Glasfaser-Internet sowie fließendes Wasser, das aus einem Brunnen kommt. Da sind die Preise vom Mond sehr weit entfernt.
Ob wir Pläne haben? Nichts Konkretes. Wir werden dort Zeit zu zweit verbringen, wir werden Freunde empfangen, Freunde werden es in unserer Abwesenheit auch nutzen können, mein Schwager wird auch dort sein. Wir werden es in den nächsten Jahren auch etwas renovieren. Nicht alle Teile des Hauses sind gut isoliert. Wir wollen auch das Wohnzimmer umgestalten und ich habe noch viele Do-it-yourself-Bauprojekte. Ich möchte an der Nordwestseite des Hauses eine Veranda bauen. Ich stelle es mir schön vor, bei Sommerregen draußen auf einer Veranda zu sitzen. Und wenn es nicht regnet, sieht man von dort aus diese ewig langen skandinavischen Sonnenuntergänge. Wir werden dort unsere Sommer verbringen. Es mag langweilig klingen. Aber Reisen finde ich nicht mehr so notsächlich wie früher. Zwar möchte ich noch nach Japan und nach Neuseeland. Und definitiv wieder bald nach Spitzbergen und auch wieder nach Grönland. Sowie auf die Azoren, Shetlands und die Färöer, die ganz oben auf der Liste stehen. Aber was mich wirklich nicht mehr interessiert, sind irgendwelche europäischen Städte. Habe ich gefühlt alle gesehen. Auch habe ich in den vergangenen Jahren eine andere Einstellung zu Reisen bekommen, der Erkenntnisgewinn einer Reise schwindet zusehends. Vermutlich bin ich zu viel verreist, es hat sich etwas abgenutzt. Ich werde dieses Thema ein andermal vertiefen, es hat mehrere Facetten.
Lose Ideen, die aber etwas aufwändiger sind, etwa eine Sauna, den Umbau der Scheune, aber auch ein Tiny House bzw. ein sogenanntes A-Frame Gebäude am Waldhang westlich des Hauses. Ich sitze gerne an einem Schreibtisch. Das ist wirklich ein Happy Place. Meist schreibe ich, manchmal mache ich andere Dinge. Ein schöner Arbeitsplatz mit einem großen Fenster mit Blick auf Wasser, das ist schon etwas, das mich glücklich machen würde. Ich denke ständig an schöne Arbeitsplätze. Wenn es das A-Frame nicht wird, dann wird es das kleine Zimmer im Gästehaus. Letzten Sommer entdeckte ich den Hohlraum über dem Holzraum in der Scheune. Es ist ein Dachboden. Wenn ich dort ein Fenster einsetze und den Dachboden von innen verkleide und isoliere, hätte ich wahrscheinlich eine zusätzliche Option. Allerdings sind wir uns über den Zustand der Scheune nicht ganz sicher. Das Gerüst ist noch stabil, das Innenleben aber nicht mehr unbedingt und das Dach besteht aus Eternitplatten. Man müsste einen größeren Geldbetrag in die Hand nehmen.
Jedenfalls werden wir jeden Sommer drei oder vier Wochen dort verbringen. Auch im Mai meistens eine Woche. Zukünftig möchte ich von dort aus ein paar Wochen Arbeit an den Urlaub dranhängen und in späteren Jahren mehrere Monate dort verbringen. Der Sommer ist dort natürlich sehr schön. Aber ich mag das Frühjahr noch lieber. Ende April, Anfang Mai. Die Zeit, bevor alles zu grünen beginnt. Wenn die Bäume noch kein Laub tragen. Es liegt eine seltsame Magie über dem Land. Unbekleidet, ursprünglich. Der Herbst muss auch wirklich wunderbar sein. Ich war da aber noch nie im Herbst, ich kenne nur die Fotos. Es reicht mir aber zu wissen, dass ich es lieben werde. Der Herbst ist in Berlin aber auch schön. Berlin ist eine richtige Herbststadt. Es ist die beste Jahreszeit in Berlin. Gleich danach kommt der Winter. Zumindest der Winter bis Januar. Danach dauert er zu lang. Nach dem Winter kommt der Berliner Frühling und das ist die furchtbarste Zeit des Jahres. Matschig, undefiniert und unentschlossen. Der Sommer ist ein wenig besser. Aber meistens zu heiß und zu trocken. Die Nächte sind aber gut, wenn man abends draußen sitzt. Ich sage das alles, weil ich mir natürlich Gedanken darüber mache, wie ich in Zukunft leben will. Berlin ist mittlerweile meine Heimat geworden. Es ist unwahrscheinlich, dass ich Berlin für immer verlasse. Auch wenn Berlin gerade keine Energie mehr hat, ausgelaugt wirkt, keine Verheißung mehr ist. Der Gedanke daran, wenn ich einmal nicht mehr in klassischer Lohnarbeit sitzen werde – viel Zeit im schwedischen Wald zu verbringen, wo mich Freunde besuchen, wenn wir abends auf der Veranda sitzen, und mit einem Aperitif in der Hand in Richtung Nordwesten der Sonne hinterherschauen, wie sie am Horizont entlangstreift, während ich tagsüber mit meiner Hündin und der neuen Motorsäge unten im Wald Bäume zerkleinere, das ist schon ein sehr schöner Gedanke. Sicherlich auch etwas romantisiert. Aber nach einer Weile sehne ich mich auch wieder nach Berlin.
Ich glaube, damit habe ich alles zu dem Haus geschildert.
