Nach der Arbeit traf ich mich mit meinem Freund und früheren Nachbarn Jan, der mit Mann und Sohn nach vier Jahren Paris wieder nach Berlin zurückgezogen ist. Passend zum gestrigen Thema redeten wir über das Reisen. Wir haben ähnliche Gefühle dazu. Als ich nach Hause kam, lag eine Anfrage in der Themenliste mit genau dieser Frage.
Es geht die Meinung um, Reisen würde bilden. Das mag in vielen Fällen stimmen. Das war auch immer mein persönlicher Antrieb, mich auf Reisen zu begeben. Auch wenn es mir nie explizit um Bildung ging, ich war schlicht neugierig auf andere Länder, andere Gepflogenheiten, anderes Essen, andere Menschen, Sprachen, Wohnungen, Liebe auch. Ich denke schon, dass ich auf Reisen viel über die Welt gelernt habe, auch habe ich viel über mich selbst gelernt. Es gab viele happy Places, an denen ich mich sehr zuhause fühlen konnte. Ich wollte immer richtig da sein. Und ich wollte immer verstehen. Verstehen, wie die Welt ist. Was besser daran ist, was schlechter. Oder auch nur einfach, um zu verstehen. Um es in meiner inneren Wissensdatenbank abzuspeichern, woraus ich mir ein Weltbild baute.
Sehenswürdigkeiten interessierten mich nie. Das meine ich gar nicht so snobistisch, wie diese Aussage jetzt klingt. Ich werde es gleich erklären. Eine Bekannte, die mich vor Jahren einmal in Berlin besuchte, sagte, sie fände Berlin ja ganz okay, aber die Sehenswürdigkeiten in Wien fände sie besser. An dem Tag baute ich das Wort „Sehenswürdigkeiten“ hunderte Male auseinander und wieder zusammen. Der Begriff war auf einmal völlig plastisch. Sehens-würdig. Es gab optische Dinge an einer Stadt, die es würdig waren, sie zu sehen. Man stellt sie hin, damit Menschen von anderswo herkommen, um sie anzusehen.
Die Italiener nennen es immerhin ganz schamlos: attrazioni turistiche.
Ein neuerer Begriff für Sehenswürdigkeit ist vielleicht: Instagrammable.
Es gibt diese Bekannten in WhatsApp, die im Urlaub ihre Fotorollen im Status entleeren. Eine endlose Aneinanderreihung von Abhakungen. Die Statue des Soundso, das Haus von Der-und-der, Die Kirche und der große Platz, die Hauptstraße, eine Auswahl der drei niedlichsten Häuser, mindestens ein Hochhaus, eine Brücke, das Essen, die Drinks am Abend in der Sonne und das Selfie vor dem Highlight der jeweiligen Stadt. Zugegebenermaßen liebe ich es, mich durch diese Fotostrecken zu stalken, und ich will gar nicht darüber urteilen, aber ich weiß, wie solche Trips ablaufen.
Hat man keine Vita als Reisende vorzuweisen, wird man auch ganz schnell mal als ungebildet abgetan. Ich datete in meinen Mittdreißigern einmal eine Frau, die es gut an mir fand, dass ich so bereist war. Das war für sie ein Kriterium, um einen Mann attraktiv zu finden. Mich machte das ungemein stolz und ich wuchs um mehrere Zentimeter an.
Dabei weiß ich schon lange nicht mehr genau, warum ich überhaupt reise. Der Erkenntnisgewinn ist mittlerweile gering. Die großen Erkenntnisgewinne geschahen in meinen Zwanzigern. Danach nicht mehr so oft. Zwar reiste ich weiterhin, aber ich urlaubte eben, schaute mir Kirchen an, Tempel, und ich ging wandern. Irgendwann hatte ich das Gefühl, das hätte ich mir auch alles auf Wikipedia zusammenlesen können, nur ohne das Gefühl, auch tatsächlich da gewesen zu sein. Und dieses Gefühl, wirklich da gewesen zu sein, wurde irgendwann zu einem ziemlich tauben Gefühl. Das Beste am Urlaub wurde der Drink am Abend, wenn man sich nach den vielen Eindrücken ins Restaurant setzt und cremig wird.
Der Erkenntnisgewinn schwand.
Zumindest im Urlaub. Dienstreisen sind noch einmal etwas anderes, vor allem, wenn man auf diesen Reisen mit lokalen Geschäftsleuten oder Partnern zu tun hat. Dann gewinnt man unmittelbare Einsicht in andere Arbeitskulturen und abends beim Essen Einblicke aus erster Hand. Die intensive Auseinandersetzung mit der lokalen Bevölkerung gibt mir nach wie vor sehr viel. Im Urlaub ist diese Auseinandersetzung aber eine andere, eigentlich kaum vorhanden, auch nicht in angeblich authentischen AirBNBs, man steht mit der lokalen Bevölkerung fast nur in einem Dienstleistungsverhältnis, mit Menschen, die dir aufgrund deiner Anwesenheit eine gute Zeit geben wollen, damit du die Kirchen magst, die Tempel und das Essen, das sie dir servieren. Und damit du den Leuten zu Hause davon erzählst und die Bilder auf Social Media teilst und Lokale likest und bewertest.
Es ist natürlich nicht so schwarz und weiß.
Jeder Mensch aus der Tiefebene sollte übrigens einmal erlebt haben, wie es sich anfühlt, inmitten einer Berglandschaft wie den Dolomiten zu stehen. Diese Überwältigung, die massive Berglandschaften auslösen. Gleich wie Bergmenschen einmal die Weiten der Küstenlandschaften oder in Dünen erleben sollten oder bei Wetter mit einer Fähre auf eine Insel fahren. Oder im Loop von Chicago stehen und von 200+m hohen Hochhäusern umschlossen sein.
Die schönsten Städte sind aber alle tot. Prag, Barcelona, Amsterdam, Paris, London, Dublin, Stockholm, Rom, San Francisco undsoweiter. Dort, wo diese Städte schön sind, also vornehmlich in den Innenstädten und den angrenzenden Vierteln, sind die Städte längst nicht mehr authentisch. Die Innenstadt von Prag ist eine Projektionsfläche. Es ist das Prag, das alle sehen wollen, das wir alle erwarten. Dort läuft aber kein zeitgenössischer Kafka mehr herum, der in sich versunken um die Ecke in den frühen Morgenstunden zum Bäcker geht. In den Kaffeehäusern sitzen keine jungen, wilden Schriftsteller mehr. Es sitzen dort die Menschen, die das in diese Kaffeehäuser hineinprojizieren, während sie versuchen, ihre Kinder zu beruhigen und die Schwiegermütter bei Laune zu halten. In Montmartre malen keine progressiven Künstler mehr ihre Bilder. Die Romantik, die wir damit verbinden, ging immer mit Drogen- und Alkoholkonsum einher. Picasso, Modigliani, Van Gogh, Zola, Rimbaud, man kann die Liste fast unendlich weiterführen, alle heute berühmten Menschen in Montmartre hatten ständig Geldprobleme, psychische Krisen, waren exzessive Trinkerinnen und abhängig vom Morphium und vom Kokain. Die Menschen, die heute ihre Märchenprojektionen mit Louis-Vuitton-Accessoires Selfies auf den Treppen der Sacré-Cœur schießen, hätten sich vor den Künstlern von damals ja eher gefürchtet. Wo die Genies von morgen heute ihre Brutstätten haben, gehen die Massen auf keinen Fall hin.
Nun. Ich will nicht genervt klingen.
Was ich sagen will. Reisen bildet nur wenig. Die meisten Leute nehmen nur sich selbst mit und wollen mal etwas anderes sehen. Eine Nordtirolerin, mit der ich in den Niederlanden eine zeitlang zusammenwohnte, hatte manchmal ihren Vater zu Besuch. Ich kümmerte mich um ihn, weil ich ja Südtiroler bin. Ich zeigte ihm Utrecht und ich fuhr mit ihm auch für einen Tagesausflug zur Küste. Ich mochte diese Unternehmungen mit ihm sehr, weil er ein neugieriger Mann war. Er wiederholte aber ständig diesen einen Satz: Na interessant, aber LEEBEN könnte ich hier nie.
Er bezog das sicherlich auch auf seine Tochter. Möglicherweise wollte er auch nur ergründen, warum sie ihre Heimat verlassen hatte. Dabei flüchten wir Bergleute eigentlich nur vor der Enge der Täler. Wir flüchten nicht vor den Bergen, wir flüchten vor den Tälern. Aber das ist eine andere Sache und hat mit dem Reisen nur indirekt zu tun.
Er erinnert mich aber an viele Touristen. Menschen, die vorwiegend sich selbst mitnehmen und nach dem Snapshot in der Ferne dann sagen: Zuhause ist es doch am schönsten. Oder mein ehemaliger Fahrlehrer, der sich jeden Sommer den Kofferraum mit deutschen Lebensmitteln von einem Großeinkauf bei Aldi vollstopft und nach Spanien an die Küste fährt, wo er zusammen mit anderen Schwagern und Cousins in einer Bungalowanlage urlaubt. Oder das Paar in Lignano, das „Zwei Weizenbier und zwei Pizzas mit Salami“ auf Deutsch bestellte und sich gar nicht die Mühe machte, wenigstens „Due Weizenbier“ zu sagen.
Aber sagen: „Wir fahren jedes Jahr nach Italien!“
Und dann die Leute auf Insta mit ihren Bucketlists. Check, Check, Check.
Ich will nicht sagen, dass ich besser reise als andere. Ich halte Reisen nur für überbewertet, wenn man sie als Maßstab für einen erweiterten Horizont verwenden will. AfD-Wählerinnen waren sicherlich auch schon einmal in Rom, oder in Kroatien am Strand oder in Paris oder auf der Krim. Gebracht hat es ja nicht viel.
Warum reise ich dann überhaupt noch? Letzten Herbst war ich in Grönland und auch wieder in Island. Wir werden sicherlich wieder nach Grönland und nach Spitzbergen in die Arktis reisen. Das sind Happy Places. Ich bin da einfach gerne. Das Gefühl, dort zu sein. Ich liebe diese Zivilisationen am Ende der Welt. Und die Natur an der Grenze zur Unwirtlichkeit. Auch wenn ich dort nur Gast bin und mir die lokale Bevölkerung mit einer Dienstleistung begegnet. Ich habe aber auch andere Happy Places. Die Ostkurve im Olympiastadion, unser Haus in Schweden, die Northwestern Highlands in Schottland. Lappland. Und tatsächlich auch: Utrecht. Oder die Innenstadt von Amsterdam. Ich bin oft in den Niederlanden. Privat und beruflich. Zudem spreche ich die Sprache. Wahrscheinlich sehe ich mich deswegen weniger als Tourist. Die Touristenmassen in Amsterdam würden mich sonst nämlich ziemlich abschrecken.
Wir wollen auch noch nach Japan und ich will unbedingt nach Neuseeland. Über Japan weiß ich vieles. Von Bildern, aus der Belletristik, aus dem Netz. Natürlich werde ich in Japan ein totaler Fremdkörper sein. Ich spreche nicht deren Sprache, sie sprechen kaum die Sprachen, die ich spreche. Aber ich will das einmal gesehen haben, ich erwarte mir irgendeine Erkenntnis für das Leben, für die Art, wie wir in Europa zusammenleben, wie wir unsere Städte aussehen lassen, wie wir essen, uns fortbewegen. Hat Tokio eigentlich Sehenswürdigkeiten? Mir fallen der Tokyo-Tower ein und der Fujisan. Ah, und die berühmte Kreuzung, Shibuya. Es beruhigt mich, dass mir spontan keine spektakulären Sehenswürdigkeiten einfallen. Aber mit dem Shinkansen möchte ich fahren und die Rush-Hour miterleben, wie die Menschenmassen transportiert werden. Vielleicht ziehe ich daraus aber auch keine Erkenntnis. Die Erkenntnis kann ich auch auf YouTube gewinnen. Ach, ich weiß nicht. Vielleicht fliege ich doch nicht hin.
Wenn meine Frau und ich jetzt die Zeit, die früher vielleicht in Reisen nach anderswo aufgegangen ist, zunehmend in unserem schwedischen Wald verbringen, dann ist das, weil es ein Happy Place ist. Reisen war neben dem Erkenntnisgewinn vielleicht immer eine Suche nach Happy Places. Ich sage nicht, dass Reisen kacke ist. Ich sage nur, dass Reisen für mich nicht mehr den Wert haben, den sie früher hatten. Ich reise gerne zu meinen paar auserkorenen Happy Places. Und manchmal will ich auch mal etwas Neues. Aber ich werde kein besserer Mensch mehr dadurch.
Due bierra di Weizen per favore… und ich dachte immer, das sei peinlich, wenn man so eine Bestellung aufgibt, obwohl der Landessprache nicht mächtig. Hätte ich im Land selber nie gelernt. Danke für die Einblicke.
(geht cremig ab)
Reisen mit Kindern finde ich ganz erfrischend. Müssen gar nicht eigene sein. Da kann man so richtig bei Erkenntnisgewinn zuschauen.
Wenn man den Kontinent verlässt kann man doch nochmal das eigene Normal hinterfragen. Gerade im Angesicht vom Klimawandel gibt es ja viele Entwicklungsländer von denen man viele ganz praktische Dinge lernen kann.