Wir hatten Bettwanzen in der Firma. Ein Mitarbeiter wurde am Hals gestochen. Er tötete das Tier und brachte es mir zum Beweis an meinen Platz. Ich ging umgehend mit ihm in den Hinterhof zu seinem Schreibtisch. Der ganze Raum ist aber sehr sauber und ziemlich karg. Ich weiß nicht viel über lästige Insekten, aber ich weiß, dass sie Textilien mögen, oder eben dunkle Orte, an denen sie sich verstecken können. Deswegen drehte ich den Stuhl um und öffnete das Futter von unten. Dort sahen wir gleich ein weiteres Krabbeltier tiefer zwischen der Polsterung verschwinden.
Also stellte ich den Bürostuhl auf den Hinterhof, schickte den Mitarbeiter nach Hause, versperrte das Büro und rief den Kammerjäger. Den Insektenleichnam verwahrte ich in einem Stück Küchenrolle auf, um ihn dem Insektenspezialisten zu zeigen.
Der Spezi kam erst am nächsten Tag. Er blickte kurz auf das zerquetschte Insekt und nickte. Ich begleitete den Kammerjäger zum Ort des Verbrechens, erzählte vom Ablauf, vom Biss, vom Bürostuhl. Ein paar mittelkluge Gedanken über den Ursprung hatte ich auch. Aber dann übernahm er das Ruder. Er ging herum, schob Gegenstände beiseite und fing an zu reden. Er redete wirklich viel. Unfassbar interessantes Zeug. Auch über seinen persönlichen Werdegang, wie er zu seinem Beruf gekommen ist und er erzählte auch von krassen Beispielen aus seinem Arbeitsalltag.
Ich konnte meine kindliche Begeisterung für seinen Beruf nicht ganz verbergen und tat sehr aufgeregt, dabei stellte ich Fragen, wie ein Schüler. Kammerjäger. Das wäre auch einer meiner Plan-B’s. Ich wäre gerne Spezialist für Spezialaufgaben, ich wäre auch gerne ein Mann fürs Grobe, in meinen kühnen Gedanken jedenfalls. Männer wie Mike Ehrmanntraut in Breaking Bad haben immer meine besondere Sympathie. Oder Rattenfänger. Tatortreiniger weniger. Putzen liegt mir nicht so.
Je länger er redete, desto mehr fing ich an, mich zu kratzen. Es juckte plötzlich überall. Irgendwann fiel ihm mein Gekratze auf. Dann sagte er: „Keine Sorge, das ist normal, wenn man mit mir redet. Ist nur Psyche.“ Dabei tippte er sich auf die Stirn. Während er redete, haute er einen Spruch nach dem anderen raus. Gemerkt habe ich mir nur zwei: Als er von einem Einsatz im Hotel Adlon berichtete, sagte er: „Vor Gott und Bettwanzen sind alle gleich, weeste.“ und später sagte er, dass er seiner Frau versprochen habe, die Arbeit nicht mit nach Hause zu bringen. Fand ich lustig.
Nach getaner Inspektion verließen wir den Schauplatz unverrichteter Dinge. Er sagte, er könne einen Befall ausschließen. Der ganze Raum biete Bettwanzen keine Möglichkeit, sich einzunisten. Hätte er alles gecheckt. Aber den Stuhl rauszubringen, war eine gute Idee. Ich fand es gut, dass wir keine Bettwanzen hatten, aber das mit dem Gift hätte ich schon gerne gesehen.
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Am Abend mit Sabine beim Cabaret Chaotik im Zirkusmond gewesen. Das Zirkuszelt steht auf dieser Gewerbebrache westlich des S-Bahnhofs Greifswalder Straße, hinter Baucontainern, Gerüsten und zusammengezimmerten Bretterbuden. Wie früher, dachten wir. Es regnete. Ich trug diese schöne Regenjacke von „Rains“. Der Boden war vermatscht. Wir holten uns draußen noch ein Bier, weil es regnete und man nicht wirklich unterstehen konnte, gingen wir gleich ins Zelt, was eine gute Idee war, weil das Zelt sich schnell füllte und es nur wenige Stühle gab. Die Show fand ich ein wenig lahm, wenn ich ehrlich bin, vor allem im direkten Vergleich zu „Cabaret Kalashnikov“ im letzten März, das war eine Crew, die richtig viel Energie auf die Bühne brachte. Die Schwertschluckerin von damals war aber auch in diesem Ensemble dabei. Das ist eine total krasse Frau. Anfangs betrat sie auf 16‑cm-High-Heels und mit einer Peitsche die Manege, zerstörte damit Blumen, wobei die Menschen in den vordersten Reihen wegduckten, aus Angst, ein paar Striemen von ihr abzubekommen, und danach schlug sie sich mit einem Hammer einen langen Nagel durch ihr eigenes Nasenloch. Dass sie danach mit dem Po Bierflaschen öffnete, war immerhin belustigend. In der zweiten Runde steckte sie lange Schwerter in ihren Schlund. Wie schon im März konnte ich dabei nicht wirklich hinsehen. Erst recht nicht, als sie dabei auch noch diese Hula-Hoop-Reifen mit einem Bein und zwei Armen jonglierte, während sie ein langes Stück Metall in ihren Magen eingeführt hatte. Auch den Trick mit dem leuchtenden LED-Schwert führte sie wieder auf. Wenn man aber die Hand vor Augen hält, die Finger dabei spreizt und das Gesicht um dreißig Grad wegdreht, dann erträgt man den Anblick.
Sabine gab am Ende der Show 5 € Trinkgeld obendrauf.
Das Gelände wird demnächst geräumt. Immerhin werden Wohnungen gebaut. Das Zirkuszelt kommt dann an einem anderen Ort zentraler hin. Sie sagten aber nicht, wohin. Nur, dass die Miete teurer wird. Ein paar Shows gibt es diesen Monat noch. Aber ein anderes Ensemble, wenn ich es richtig verstanden habe.

