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nach Hambuich für Kultur

Posted on Oktober 30, 2006

Dieses Wochenende zwei neue Helden entdeckt. Erstens den mir bisher eher unbekannten Rationalstürmer, der mich am Samstag mit zwei sehr feinsinnig und vielschichtig erzählten Geschichten auf der von Frl.Fuchs organisierten Bloglesung am Schulterblatt überrascht hat, und in der anschliessenden Restnacht eine beeindruckende Trinkfestigkeit zu Tage legte. Und mein zweiter Held ist Bov Bjerg, der gestern seinen Auftritt bei Kaffee.Satz.Lesen eine Geschichte zum Besten gab, die ich zwar schon kannte, mich diesmal jedoch mit Bov’s Vortragekunst unheimlich beeindruckte. Der Mann scheint sein Publikum vollständig kontrollieren zu können wenn er liest, wie er mit gezielten Kunstpausen, die auf die Hundertstelsekunde genau abgestimmt sind, und theatralischen Wiederholungen, mit todernster Miene sein Publikum zielsicher in den Zwerchfelltod (das ist wenn das Zwerchfell reisst und die Eingeweide aus dem Körper flutschen) treibt, hat mich staunen lassen. Sofern mich Atemnot und Gesichtsmuskulatur den Vortrag analysieren liessen.

Die witzigsten Gesellen dieses Wochenendes waren allerdings die vier Damen des Kulturvereins Hannover, gestern bei der Lesung in der Baderanstalt. Vier adrette Damen gehobenen Alters, die sich für ihren Hamburgbesuch extra aufgehübscht hatten, die goldenen Klunker aus der Schmuckschatulle genommen, die Ohrringe, die sie sonst nur für die Oper anziehen, und Frisuren von denen ich dachte, dass nur Königin Beatrix sie trägt.
Eine der angenehmen Dinge an den Lesungen in der Baderanstalt, ist die Mischung aller Altersklassen. Steinalt gesellt sich neben Blutjung, und man hört begeistert den Geschichten zu. Einfach so. Diese Damen wollten aber nicht jungen, talentierten Autoren zuhören, sondern sie waren ins ferne und grosse Hamburg gefahren um Kultur zu erleben.
Ich hätte gerne die Gesichter gesehen, als die vier aufgeregten Tanten das industriell und provisorisch anmutende Gebäude der Baderanstalt betraten und im feinen Zwirn im quietschenden Lastenaufzug standen und sich fragten „Wo sind wir hier gelandet? Man sagte uns, das sei eine Kultuveranstaltung!“. Sicherlich haben sie aufgeatmet, als sie in der ersten Reihe die vier Stühle erblickten, die mit dem Zettel „Reserviert für den Kultuverein Hannover“ erblickten. Die Laune besserte sich, sie ähnelten einer deutschen Reisegruppe, machten mit einfachen Urlaubsknipsen Fotos von sich selbst, in Pose, lächelnd, ach, wir vier bei einer Kulturveranstaltung im grossen Hamburg. In der ersten Reihe, damit das zuhause ja jeder zu sehen bekommt. Zum Andenken.

Aber – die Baderanstalt wurde voll. Sehr voll. 160 Besucher stapelten und türmten sich im Lesesaal, sassen aufeinander, auf dem Schoss. Als wir beschlossen einen Sitzplatz zu ergattern, blieben uns nur noch Hocker, die wir vor die erste Reihe stellten. Mit uns zehn weitere Leute.
Und damit war die Exklusivität der vier Damen angetastet.
Ich bemerkte, dass sich meine Sitznachbarin in einem etwas erhitzten Gespräch mit den Damen hinter uns befand. Es ginge doch nicht an, dass wir uns einfach so („einfach so!) vor die erste Reihe setzen würden, was sind das für Manieren? Verstörte Blicke von der Reihe null in die erste Reihe. Man äh, ähntschuldigte sich, aber es seien sonst keine freien Plätze mehr übrig, man wolle doch einfach nur sitzen. Eine der Damen pochte auf ihr erste Reihe-Ding und machte uns wiederholt auf unsere Unverschwämtheit aufmerksam. Ich schaltete mich ein, setzte eine freundliche Miene auf und versuchte zu erklären, dass das hier nunmal alles ein wenig lockerer sei, wenn wir zu viele sind, rücken wir eben ein bisschen zusammen, damit wir alle was sehen können. Der Weg nach Hause sei schliesslich ein trauriger Weg.
„Warum steht ihr dann nicht? Ihr könnt euch doch nicht einfach vor die erste Reihe setzen!“. Dieser Vorschlag wurde von den verbleibenden drei Damen mit einem eindringlichen und bitterbösen Blick nachgedrückt. Ich blickte mich nach Stehplätzen um, sah keine Möglichkeit und jemand schlug dann vor, einfach aufzustehen. Vor der ersten Reihe natürlich.

Diese Drohung liess die Damen untereinander aufgeregt tuscheln – und schlussendlich verstummen.

Danach las Merlix.

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Comments (7)

  1. Alexander sagt:
    Oktober 30, 2006 um 11:54 Uhr

    Ist schon richtig, dass sich bei Kaffee.Satz.Lesen das Publikum aufs angenehmste vermengt. Aber die vier Grazien in der zweiten Reihe waren wirklich so herausstechend, dass sie mir von der ganz anderen Ecke des Raums aus aufgefallen sind.

  2. Herr Paulsen sagt:
    Oktober 30, 2006 um 13:28 Uhr

    Tut mir sehr leid. ich werde wohl mit meiner Tante und ihren reizenden Begleiterinnen nächstes Mal einen kleinen Benimmkurs machen müssen. Denn für die Weihnachtsshow ist ein erneuter Besuch angedroht!

  3. mek sagt:
    Oktober 30, 2006 um 13:51 Uhr

    Achnee, es war ja sehr amüsant. Kulturelle Verständigungsschwierigkeiten.
    Aber „Grazien“ ist ein schönes Wort 😉

  4. fabe sagt:
    Oktober 30, 2006 um 14:58 Uhr

    ach, der kulturverein. solche veranstaltungen gibt’s hier doch auch, müssen die extra nach hamburg fahren um unangenehm aufzufallen?

  5. burnster sagt:
    Oktober 30, 2006 um 16:40 Uhr

    Dabei wurde ich nie müde, auf diesen Mann (Ratiost.) hinzuweisen. Seeing is believing, offensichtlich.

  6. mek sagt:
    Oktober 30, 2006 um 21:28 Uhr

    Empfehlungen von Dir, lieber Burnster, folge ich nicht mehr seit dem Bon Scott Video. Den Rationalstürmer zu verpassen lag allerdings vor jener Zeit und ist natürlich unverzeihlich.

    Ah und beim Herrn Paulsen gibt es natürlich auch eine Nachlese.

  7. Pingback: Merlix - Herzdamengeschichten und anderes » Blog Archive » Kleiner Nachtrag zur Lesung

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