[Fr, 7.3.2025 – Camel, Slutshaming, saubere Wohnung]

Auf der Hundewiese stellte sich heute früh eine junge Frau in Leggings und einem Cameltoe zu mir und meinem Freund. Mein Hundewiesenfreund kannte die junge Frau, sie war einmal Lehrerin seiner Tochter. Er wusste nicht, was ein Cameltoe ist. Weil ich sagte, es sei wichtig, so etwas zu wissen, bat ich ihn doch bitte danach googlen. Er klickte natürlich auf die Bilder und fand mich danach etwas pervers. Ich weiss nicht, was daran pervers ist, vermutlich dachte er, dass ich mich daran aufgeile, also sagte ich, dass ich zu erwachsen sei, um mich in der Öffentlichkeit an Frauen aufzugeilen. Mit Männern über das Thema zu reden, ist immer schwierig, entweder man redet gar nicht, oder es wird blöd gewitzelt.
Mich interessiert Sex auf der theoretischen Ebene total. Der Cameltoe wollte nicht zu dieser Frau passen. Sexualität ist für Frauen im gesellschaftlichen Kontext furchtbar anstrengend. Ständig achtet man darauf, nicht in den Verdacht zu geraten, eine Schlampe zu sein, ständig muss dieses Muttergen nach aussen getragen werden und ja nicht dem falschen Mann zeigen, welche abgedunkelten Landschaften sich unter der Oberfläche befinden. Kleidet man sich als Frau aber wie ein Kartoffelsack, wird man nicht mehr angesehen. Vereinfacht gesagt.

Slutshaming. In meiner Firma mit den schwulen Männern war das ganz anders. Dort gab es mindestens drei die ganz offen und stolz von sich sagten: I am a slut. Schlampe zu sein war etwas positives. Das waren die begehrenswerten Männer.

Ich weiss aber nicht, wer die Frauen da schämt. Sind es die Männer oder sind es die Frauen. Eine Freundin von mir wurde an der Kita und der Schule schon oft wegen ihrer Kleidung zurechtgewiesen. Immer von Frauen. Weil ihre Strumpfhose nicht richtig im Schritt sitzt, weil ihr Kleid verrutscht ist, oder ihr Rock zu kurz. Immer mit einem zurechtweisenden Ton. Nie hilfsbereit. Männer machen sowas eher nicht. Aber möglicherweise geilen sie sich daran auf, oder machen sich beim Bierchen darüber lustig. Kriegt man als Frau ja auch mit, oder?

Die Sluts in meiner Firma wurden aber nie geschämt, sie wurden auch nicht gestalkt oder zu sexuellen Handlungen genötigt, denen sie nicht zustimmten. In der Regel zumindest. Natürlich gibt es Ausnahmen. Zwischen Frauen und Männern sieht das ja ganz anders aus.

Die Frau mit dem Cameltoe hatte aber ein nach aussen gekehrtes Muttergen, das Cameltoe wollte nicht ganz ins Bild passen. Mein Hundewiesenfreund fand einen Artikel auf Reddit, wo sich Menschen über dieses Thema austauschten. Dort schrieben Frauen, dass sich Cameltoes manchmal einfach nicht vermeiden liessen.

So. Sind wir jetzt auch ein Stück schlauer.

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Weil ich gestern den Post zur Vorbestellung der Novelle veröffentlichte, schielte ich natürlich den ganzen Tag auf mein Telefon. Wie viele Vorbestellungen kamen, wie viele Reposts und Likes auf SocialMedia es gab undsoweiter.

Dazwischen musste ich aber auch noch die Wohnung putzen. Um 16 Uhr sollte ich zum Flughafen fahren, meine Schwiegereltern abzuholen. Und weil morgen ein Feiertag ist, musste ich für ein ganzes Wochenende einkaufen. Für vier Leute. Dummerweise ist meine Frau gerade krank und damit nicht sehr belastbar, aber sie kam dennoch mit in den Supermarkt. Wenn ich Feiertage überbrücken muss, dann kaufe ich alles immer in doppelter Ausführung, ich komme mir dabei vor wie ein Prepper, der das ganze Wochenende in seinem Bunker verbringen muss. Als ich mich für die Fahrt zum FLughafen vorbereiten wollte, kam eine Nachricht des Schwiegervaters, dass sich der Flug verspäte. Eine halbe Stunde später eine Nachricht mit einem ähnlichen Inhalt. Zwei Stunden später wurde der Flug schliesslich abgesagt.

Nun sitzen wir in einer frisch geputzten Wohnung. Ich weiss gar nicht, was ich damit anfangen soll.

Weil ich nicht weiss, wie dieses Blog gelesen wird, also ob ihr jeden Tag liest, oder nur alle paar Tage alle Einträge nachholt, poste ich den Link zu den Vorbestellungen jetzt mal jeden Tag. Bis Mittwoch.

Also: die Novelle „Springweg brennt“ kann ab sofort mit persönlicher Widmung vorbestellt werden. Alle Details dazu hier.

[Vorbestellung Novelle, mit persönlicher Widmung]

Der Druck der Novelle wird am kommenden Mittwoch beauftragt. Etwa 2 Wochen später kann man sie dann über Thalia oder Amazon bestellen.

Für euch, die ihr mich schon so lange begleitet, gibt es ab heute die Möglichkeit, das Buch mit einer persönlichen Widmung von mir vorzubestellen. Ihr bekommt das Buch dann etwa eine Woche früher (Exklusiv und Yay!), bevor man es über Thalia oder Amazon bestellen kann. Die Novelle kostet 14€ und ich werde sie als Grossbrief für 1,80€ versenden.

Vorbestellungen können bis kommenden Mittwoch über dieses Formular bei mir eingetütet werden und das Kleingeld kann man über paypal hier einwerfen. Falls jemand kein Paypal hat, dann lass mich übers Formular wissen und wir finden einen anderen Weg.

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Titel: Springweg brennt
Autor: Markus Pfeifer
bei Edition Schelf
Taschenbuch
142 Seiten

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Inhalt:

Es war ein eisiger Januartag 1996, als wir dieses alte Spukhaus in Utrecht zum ersten Mal besetz-ten. In dem Haus passierten seltsame Dinge. Aber wir glaubten nicht an Gespenster.

Und wir hatten genug zu tun mit der Polizei, mit den Nachbarn, mit diesen Bränden, die immer wieder ausbrachen. Ständig mussten wir raus aus dem Springweg 23. Aber wir kamen auch immer wieder.

Klaus Ungerer, Autor und Lektor:

SPRINGWEG BRENNT – Die wirklich wundervolle Novelle von Lesebühnen-Veteran Markus Pfeifer […] Ich kann dieses Buch nur rückhaltlos empfehlen, warm, fein und humorvoll erzählt Markus von der Besetzung eines alten Spukhauses in Utrecht, back in the 90s, von seltsamen Geräuschen und beunruhigten Hunden, von seltsam freundlicher Polizei und freier Liebe, vom Geräumtwerden und doch Immerwiederkommen… Von mir kriegt er fünf rote Sterne. Mindestens.

[Mi, 5.3.2025 – Terminator, Männer und Aussehen]

Als ich vor 22 Jahren nach Deutschland zog, veröffentlichte der Spiegel eine DVD Kollektion mit den Lieblingsfilmen der Mitglieder der Redaktion. Darin enthalten war neben den üblichen Klassikern von Hitchcock und Orson Welles oder mit Audrey Hepburn auch „Terminator 2“ aus dem Jahr 1992. Ich, der als Teenager mit dem ikonischen ersten Teil von Terminator aufgewachsen ist und jeden seiner 12 Sätze auswendig aussagen konnte, wusste mit dem zweiten Teil nie viel anzufangen. Der zweite Teil war halt ein Actionfilm. Ein Actionfilm mit einem fiesen und schnellen Terminator, der sich verflüssigen konnte. Der erste Teil war hingegen ein düsteres Cyberpunk Märchen. Und diese düstere Welt wurde mit Action Elementen versehen. Jede Szene und jeder Dialog hat monumentalen Charakter.

Im Laufe der späteren Jahre traf ich immer wieder Menschen, die den zweiten Teil besser fanden. Neulich gab es sogar ein lustiges Meme, in dem Filme und ihre Sequels grafisch nach Beliebtheit dargestellt wurden. Da schnitt der zweite Teil wesentlich besser ab als der erste. Ich will nicht sagen, dass ich niemals Fans des ersten Teiles begegnet bin, aber mir kommt vor, dass der zweite Teil eine ungerechtfertigt höhere Beliebtheit erfährt.

Desto mehr freute es mich heute, dass Tricia Tuttle, die neue Chefin der Berlinale, The Terminator zu den zehn besten Filmen der Kinogeschichte zählt. Ich wusste unbewusst immer, dass ich in dieser Angelegenheit Ahnung hatte.

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Am Nachmittag traf ich meinen Pizzaboten im Kiez. Wir kennen uns eigentlich nur aus dem Treppenhaus, aber heute erkannten wir uns auf der Strasse. Er freute sich und sagte „Hey, how are you?“ Ich sagte, es ginge mir fine. Er wollte wissen, warum ich schon so lange keine Pizza mehr bestellt habe. Ich sagte, ich sei auf Diät. Er sagte, oh, das sieht man, du siehst gut aus. Ich sagte thankyou.

Über das Aussehen reden die meisten Männer sehr selten. Ein positiver Kommentar über das Aussehen eines anderen Mannes kommt noch seltener vor. Dass ein Mann diesen Kommentar auch noch dem betreffenden Mann ins Gesicht sagt, passiert in Berlin statistisch alle 51 Jahre. Es war ein guter Tag.

[Di, 4.3.2025 – Sitzen, ausgegraut, Welpen, R’Dorf]

Obwohl ich viel Zeit auf Bürostühlen verbringe, achte ich verhältnismässig wenig auf die Qualität meines eigenen Stuhls. Ja, der Bürostuhl war hier im Laufe der Jahrzehnte (!) schon mehrmals ein Thema, auch unlängst noch vor vielleicht zwei oder drei Jahren, richtig zufrieden war ich mit den getätigten Käufen aber nie. Ich liess mich immer sehr von der Optik der Stühle leiten. Den letzten Stuhl kaufte ich sogar im Netz. Dieser senfgelbe Stuhl sieht natürlich fantastisch aus, aber er sitzt sich nicht gut und irgendwie schlucke ich meine Fehlentscheidungen immer runter, bis mir der Nacken und der Rücken schmerzt.

Jetzt bin ich wieder so weit, dass mich der fehlende Sitzkomfort dieses Stuhles nervt. Deswegen fuhr ich zuerst zu Ikea und danach zu Möbel Höffner um Bürostühle probezusitzen. Die Moral der Geschicht: Ich fand sie alle zu hässlich und zog wieder von dannen.

Am Abend traf ich mich mit einigen Exkollegen. Wir gingen ins Schnitzelrestaurant „Austria“ an der Bergmannstrasse. Nicht zu verwechseln mit dem Schnitzelrestaurant „Felix Austria“ ein paar Häuser weiter. Ich sass schon einmal im falschen Austria und wartete vergeblich. Das war eine merkwürdige Erfahrung. So ging es mir auch einmal im „Kuchi“, wo ich im „Next to Kuchi“ vergeblich wartete. Wer denkt sich sowas eigentlich aus? Zumindest ahne ich, dass es bei den beiden Austria’s schon eine Vorgeschichte gab, weil das „Austria“, also das ohne dem „Felix“, überall betont, das Original zu sein. Auf den Schildern, bei Google und auf der Webseite. Überall steht „das Original“.

Wir hatten einen unterhaltsamen Abend, wo wir natürlich hauptsächlich über die Firma tratschten. Auf dem Heimweg fuhr ich mit dem Fahrrad eine bemerkenswerte
Route über die Baerwald-, Prinzen- und Heinrich-Heine-Strasse, eine mehr als drei Kilometer lange, schnurgerade Strecke durch ein seltsam ausgegrautes Berlin. Die Strecke liegt mitten in der Stadt zwischen Kreuzberg und Mitte und führt durch eine Mischung aus Gewerbegebieten, Sechzigerjahre Westplatten, Siebzigerjahre Ostplatten, Flachbauten, Parkplätzen und etwas uninspiriert daliegenden Grünflächen. Man hat nie das Gefühl, man befände sich in der Mitte der Hauptstadt der grössten Industrienation Europas (um jetzt mal ein monumentales Bild heranzuziehen). Höchstens am Moritzplatz sprenkeln ein paar Farben vom Aufbauhaus und am Kitkat verdichtet sich die Stadt ganz kurz zu einem düster-romantisierten Strassenraum aus der Pariser Jahrhundertwende.

Heute traf ich meine Fussballfreundin. Sie hat jetzt einen Welpen. Eine unglaublich süsse Golden Retrieverin. Unsere Hündinnen sollten sich heute kennenlernen, während wir um den Schäfersee in Reinickendorf spazierten. Meine Hündin mag keine aufgeregten Hunde und erst recht nicht, wenn sie dauernd ihr Hinterteil beschnuppern. Welpen tun eigentlich nichts anderes, als aufgeregt sein und schnuppern. Meine Hündin wird dann zu einer grummeligen, alten Lady. Die kleine Babyhündin tat mir irgendwann leid, weil sie ständig weggeknurrt wurde. Meine Freundin fand das gut für die Erziehung. Ich finde aber, dass sich meine Hündin ruhig ein bisschen netter verhalten könnte. So habe ich sie schliesslich nicht erzogen. Eltern von Kindern haben sicherlich ständig solche Gedanken. So habe ich sie nicht erzogen.

Wir sassen eine ganze Zeit lang in diesem Café am See. Eine zauberhafte Märzsonne schien über die Terrasse des Cafés herein. Die Hündinnen lagen unterm Tisch und wärmten sich darin. Um den See herum werden neue und höherpreisige Häuser gebaut. Wenn man die Residenzstrasse hinauf läuft, fällt einem sofort die Armut der Leute auf. Menschen mit Gehhilfen, alte Leute, die an der Strasse herumhängen, junge, pornös gekleidete Frauen. In dieser Dichte sieht man das in den Ostbezirken nie. Auch nicht in Hellersdorf oder Marzahn. Nur noch im südlichen Spandau, aber das ist ja Berlin West. Wenn ich hier so herumlaufe, dann empfinde ich die Wahl der AfD in den Ostbezirken als ziemlich elitär und schnöselig.

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Reinickendorf ist Herthaland. Keine ollen, rotweissen Sticker.

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Gestern der Berliner Abendhimmel. Ganz Insta war voll davon:

[So, 2.3.2025 – Kohl, Pinkel, Korn, Innenteil]

Zu Mittag war ich auf den Geburtstagsumtrunk eines alten Freundes eingeladen. Offiziell war es eine Einladung zum gemeinschaftlichen Essen von Grünkohl. Bereits im Treppenhaus wehte mir eine kräftige märkische Brise Altbau-Odeur mit niedersächsischer Kohlessenz entgegen. Ich mag das ja. Vor 17 Jahren wohnte ich an der Prenzlauer Allee über einer alten Frau, die sonntags immer Kohlrouladen zubereitete. Das ganze Haus wurde sonntags von einer Kohlwolke heimgesucht. Das betörte meine Sinne. Seitdem hege ich zu Kohlgeruch positive Gefühle. Glaube ich zumindest. Vielleicht mochte ich Kohl aber auch schon vorher. Ist nur weniger dramatisch.

Zum Grünkohl gab es Kasselerbraten und Pinkel-Wurst. Ich kannte Pinkel bisher nicht, fand es allerdings eine herausragend gute Wurst. Auf Wikipedia las ich später die Liste an Zutaten, die den Weg in den Pinkel finden. Das muss man alles nicht vorher wissen, aber man sollte generell nicht wissen wollen, was sich in Wurst befindet. Ausser man hat sich vorgenommen, vegan zu leben.

Weiss auch nicht, warum ich heute so seltsam witzle.

Eigentlich hatte ich vor, die Feier nach zwei Stunden wieder zu verlassen, so würde ich zu Hause noch die zweite Halbzeit von Hertha gegen Elversberg schauen können. Ich bin ja gespannt, wie der neue Trainer die Mannschaft gegen diesen Provinzclub aus dem Saarland ausrichten wird. Vielleicht beginnt jetzt ja die Aufholjagd.
Bevor ich anfing, mich zu verabschieden, schaute ich zuerst auf den Halbzeitstand der Partie. Mein Telefon verriet mir, dass wir 0:4 hinten lagen. Zur Halbzeit. So beschloss ich spontan, mir ein weiteres Bier zu öffnen und auf der Feier zu bleiben. Ich trank auch etwas von dem niedersächsischen Korn. Ein Edelkorn, um genau zu sein. Wir unterhielten uns darüber, was ein Edelkorn genau von einem normalen Korn unterscheidet. Eigentlich ist Destillat einfach Destillat. Die Veredelung kommt meines Wissens ja erst durch die Lagerung, aber gelagert sah der Korn nicht aus. War auch nicht so wichtig. Immerhin fing Hertha sich in der zweiten Halbzeit keine weiteren Tore.

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Bezüglich der Novelle. Nach dem Probedruck gab es noch vereinzelte Korrekturen. Diese sind nun eingearbeitet und der Innenteil ist jetzt zum Druck bereit. Wir arbeiten allerdings noch am Umschlag. Es soll eine andere Schrift verwendet werden und eventuell eine andere Grundfarbe, wir werden das demnächst klären.

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Ice, Ice.

[Sa, 1.3.2025 – nackte Dosen]

Mit dem Video von Selenskyj im Weissen Haus aufgestanden. Eigentlich hatte ich mir nach der Trump-Wahl vorgenommen, vor dem ersten Kaffee und nach 22 Uhr keine Nachrichten zu lesen. Manchmal lese ich sie trotzdem. Vorsichtshalber mit nur einem Auge, das ich zur Sicherheit noch ein bisschen kneife.

Das Dreiergespräch sollte ganz offensichtlich zur Provokation führen. Im Video, das oft durch die Medien geht, kommt das nicht deutlich hervor, es beginnt meistens mit dem aufsässigen Selenskyj und man denkt sich: warum ist der so frech und fällt den beiden ständig ins Wort? Das Video sieht absichtlich so geschnitten aus.

Vielleicht hat dieses neue, disruptive Amerika für uns ja auch etwas Gutes. Vielleicht machen wir Europa jetzt zu einem besseren Ort. Wir werden geradezu gezwungen zusammenzuhalten und uns in unseren gemütlichen, eingeschlafenen Demokratien aufzuraffen. Diese Eingeschlafenheit, diese Trägheit ist schliesslich auch mit ein Grund, warum die Faschisten wieder stärker werden. Das ist der einzige positive Ausblick, der mir derzeit bleibt.

Am Nachmittag kam mein Schwager. Er brachte mir zwei Dosen Bier aus Kopenhagen mit. Er hatte in einer Bierbar namens ÅBEN gesessen. Sie brauen dort ihr eigenes Bier. Mein Schwager fand das Bier so gut, dass er zwei Dosen für mich kaufte. Sie hatten allerdings keine verkaufsfertigen Dosen vorrätig, sondern nur ein paar unbedruckte Exemplare. Das fand er unwichtig und er wusste wohl, dass ich das auch nicht wichtig finde. Im Gegenteil. Jetzt habe ich zwei nackte Bierdosen im Kühlschrank liegen. Wie sie da so neckisch nackt im Kühlschrank liegen. Das finde ich so schön, dass ich sie gar nicht austrinken will.

[Fr, 28.2.2025 – doppeltes Abendessen, Titel]

Mittlerweile ist auch meine Frau aus Neuseeland zurückgekehrt. Sich auf eine andere Uhrzeit einzupendeln dauert immer einige Zeit. Man sagt, dass man pro Stunde Zeitverschiebung einen Tag braucht. Neuseeland ist 12 Stunden entfernt, das wird daher noch etwas andauern. Ich finde Reisen in den Westen durchaus angenehm. Vor allem Chicago oder New York sind eine ideale Verschiebung der Zeit. Man startet mit europäischen Mittagessen, landet beim amerikanischen Mittagessen, das für einen selbst bereits das Abendessen ist, es kommt dann aber noch ein amerikanisches Abendessen hintendran, mit dem man direkt todmüde ins Bett fällt.
Doppeltes Abendessen finde ich spitzenmässig.

Die Rückreise nach Osten finde ich allerdings sehr anstrengend, da weiss ich nie, bei welchen Mahlzeiten ich mich befinde.

Heute musste ich mich auf den Titel der Novelle festlegen. Nun bin ich bei etwa zwanzig Titeln bzw. Varianten angelangt. Ich schickte die Titelvorschläge an eine Handvoll vertrauter Menschen, um mir eine Meinung einzuholen. Es gab aber keinen richtigen Konsens, mit dem ich hätte weiterarbeiten können. Am Ende des Tages entschied ich mich also für den Titel, den der Lektor vorschlug. Schliesslich fand den niemand wirklich schlimm. Mir ist er allerdings etwas zu hausbesetzerig. Ich will eigentlich nicht, dass es eine Hausbesetzergeschichte ist. Natürlich ist es eine Hausbesetzergeschichte, aber ich möchte nicht, dass der Titel eine Kampfschrift suggeriert oder einen moralischen Text. Es ist eine mehr oder weniger autobiografische Geschichte, die in der niederländischen Hausbesetzerszene angesiedelt ist. Nicht mehr und nicht weniger. Ein bisschen coming-of-age vielleicht und sie ist mit einigen Horror-Elementen bespickt. Aber es ist definitiv kein moralischer Text. Andere von mir erdachten Titel suggerierten eine Gespenstergeschichte. Aber auch das ist es definitiv nicht.
Es ist schwierig. Ich ahnte nicht, dass ich mich so lange am Titel aufhängen würde.

Aber jetzt machen wir das so. Ich gab mein Go und damit habe ich nun meinen Frieden. Vermutlich.

Für den nächsten Roman habe ich erst etwa dreissig Seiten verfasst, er hatte aber schon einen Titel, bevor ich überhaupt die erste Zeile schrieb.

[Do, 26.2.2025 – in der Gegenwart sitzen]

Nun ist meine Mutter wieder weg. Es waren ein paar schöne Tage. Aufgrund ihrer zunehmend starken Vergesslichkeit hätten wir diesen Besuch auch nicht mehr lange aufschieben können. In ihr Kurzzeitgedächtnis passt wirklich nicht mehr viel hinein. Manche Dinge fragt sie dreissig oder fünfzig Mal am Tag. Wie lange die Fahrt nach zum Flughafen dauert, wie lange ich schon in Berlin lebe. Dummerweise war sie immer die Checkerin in der Familie. Sie kümmerte sich um alles, hatte immer den Plan. Sie will immer noch alles wissen, wann wir das und das machen, was wie und wo. Sie stellt die Fragen immer noch unentwegt, weil das ihr Wesen ist, sie kann sich aber nichts mehr davon merken.

Ich ahnte, dass mich die Fragerei schnell reizen kann, deshalb griff ich dem vor und beschloss, geduldig zu bleiben. Manchmal gab ich aus Spass variierende Antworten. Der Flughafen war mal 30 Minuten entfernt, manchmal 3 Stunden. Drei Stunden fand sie allerdings schon viel.

Sie erinnerte sich nie daran, was wir am Vorabend gegessen hatten. Es war fast immer indisch. Dafür freute sie sich jedes Mal aufs Neue, wenn ich wieder indisch bestellte. Das könne sie immer essen, sagte sie, und es sei schade, dass es das in Südtirol nicht gäbe.
Sie erinnerte sich am Abend schon nicht mehr daran, was wir tagsüber machten. Ich spornte sie an, sich daran zu erinnern. Ich sage: Komm, lass uns üben. Ein bisschen wie ein Spiel. Ich sagte: Das kann man trainieren. Aber sie konnte nicht wirklich nicht sagen, ob wir tagsüber im Wald waren oder in einem Einkaufszentrum. Erst nach dem dritten Tag merkte ich, dass meine Fragerei sie betrübt.

Vermutlich wird sie in ein paar Wochen auch ihren Besuch vergessen haben. Vielleicht aber auch nicht.

Aber wir können eine schöne Gegenwart haben. Sie geniesst die schönen Momente, wenn die Sonne scheint, wenn wir ein bisschen plaudern, wenn wir einkaufen gehen oder im Café der Mall sitzen und uns eine Torte teilen. Heute hat sie den ersten Döner ihres Lebens gegessen. Dabei fotografierte ich sie und es gibt jetzt ein lustiges Foto, auf dem sie beim genussvollen Kauen die Augen schliesst. Ich postete die Bilder im Familienchat. Die Neffen lurken dort nur, sie schreiben nie etwas, aber beim Foto, auf dem die Oma ihren Döner geniesst, hoben sie Daumen und freuten sich.

Wenn sie die Wahlplakate sieht, fragt sie immer nach der Wahl. Von wem ich denke, wer die Wahl gewinnen wird. Sie fragt das ein paar Dutzende Male am Tag. Jedes Mal, wenn wir an Wahlplakaten vorbeigehen. Anfangs sagte ich ständig: Mama, wir hatten doch am Sonntag die Wahl. Wir hatten sogar die Wahlsendung zusammen geschaut. Sie weiss, wie vergesslich sie ist. Sie schämt sich dafür, schüttelt den Kopf, achja, verbirgt es ein bisschen. Im November sagte sie mir, dass sie in Gesellschaft schon nicht mehr gerne rede. Weil sie da immer diese Blicke der Leute bekomme. Da weiss sie, dass sie wieder etwas vergessen hat. Manchmal schauen die Leute einander an. Das sei schon nicht angenehm.
Mittlerweile sage ich immer: Ich glaube, der Merz wird es. Sie sagt: Ja, das könne schon sei. Und ich weiss genau, dass sie danach ihren kurzen Monolog über Scholz halten wird. Sie lacht dann jedes Mal und sagt, dass der immer ein bisschen wie ein kleines Robotermännchen herumlaufe.
Wir lachen dann beide über das kleine Robotermännchen Scholz.

Wir können es nicht mehr ändern. Ich kann ihr nur eine schöne Gegenwart geben. Für sie schöne Momente, für mich eine schöne Erinnerung. Es wird immer weniger davon bleiben.

[Mo, 24.2.2025 – weit weg]

Meine Mutter ist gerade zu Besuch und da fehlt es mir an ruhigen Momenten, in denen ich die Dinge aufschreiben kann.
Die Tage sind immer lang und intensiv. Abends lege ich mich wie ein Felsen ins Bett und versinke darin bis zum Morgen, an dem ich dann mit schmerzenden Gelenken erwache.
Es ist erstaunlich, wie körperlich fit meine Mutter noch ist. Sie ist eine geübte Bergwanderin. Die Ebenen Berlins unterfordern sie eher. Das Tempelhofer Feld fand sie dennoch super. Die langen Rollfelder, diese seltsam irreale Weite mitten in der Stadt. Gestern liefen wir durch Mitte, Museumsinsel, Hackescher Markt, Rosenthaler Platz bis zurück nach Friedrichshain. Sogar der Hündin wurde es zu viel. Am Abend bestellten wir Thai und schauten den Wahlergebnissen im ZDF zu. Heute schauten wir hingegen Inga Lindström. Das schaut sie zuhause auch immer. Aber hier haben wir die ZDF Mediathek. 104 (!) Inga Lindström Filme. Ich bemühte mich, die Filme unterhaltsam zu finden. Wenn man aber die simplen Geschichten und das hölzerne Schauspiel beiseitelässt, ist es aber okay, es sind einfach nette Leute, die nette Sachen machen. Fand ich nach der Wahlsendung von gestern jetzt gar nicht schlecht.

Meine Mutter bleibt bis Donnerstag. Vorhin trat meine Frau in Neuseeland die Rückreise an. Sie wird aber erst übermorgen, also am Mittwoch in Berlin landen. Es ist weit weg.

[Fr, 21.2.2025 – Pfützen, Heimspiel]

Am Vormittag traf ich mich mit dem Lektor zwecks Übergabe der Probedrucke. Wir tranken einen Kaffee und besprachen die kommenden Schritte. Wenn alles gut läuft, kann man die Novelle in 3 Wochen kaufen. Langsam werde ich hibbelig.
Später brachte ich die Hündin zur Hundesitterin. Ich würde nach dem Spiel heute erst spät nach Hause kommen, ich will sie nicht acht Stunden alleine lassen.

Gegen halb fünf fuhr ich ins Olympiastadion. Es stand das Spiel gegen Nürnberg an. Ich trug heute meine alten Nike Sneakers. Der linke Schuh hat unten ein grosses Loch und an der Seite einen Riss. Als ich das Olympiagelände betrat, stieg ich sofort in eine Pfütze. Danach sapschte mein linker Schuh. Kurz darauf unterhielt ich mich mit zwei Freunden vorm Stadion. Der Boden hatte den ganzen Tag lang getaut. Das Gelände vor dem Stadion war eine Matschfläche. Ich spürte neue Flüssigkeit in meinem linken Schuh. Beim Gehen flatschte es mittlerweile. Im Stadion war es immerhin trocken, aber mein linker Fuss fühlte sich kühler an als der rechte.

Wir sind sehr heimschwach und in den vergangenen Spielen haben wir die letzte Hoffnung auf den Aufstieg verloren. Einige Freunde haben angekündigt, für den Rest der Saison nicht mehr ins Stadion zu gehen. Andererseits haben wir seit dieser Woche einen neuen Trainer, der macht vielleicht alles anders und plötzlich könnte es auch mit den Toren wieder klappen. Wenn wir jedes einzelne der verbleibenden elf Spiele gewinnen, haben wir noch eine Chance. Elf Spiele am Stück gewinnen. Das wäre doch mal was. Leider schossen wir heute kein Tor. Immerhin schoss auch Nürnberg kein Tor, so blieb es wenigstens bei einem Unentschieden. Es könnte aber ein Anfang sein.

Nach dem Spiel wollte ich mit den anderen die Banner abnehmen, ausserdem musste ich dringend aufs Klo. Auf den Treppen hielt mich Natalie an und sagte unfassbar schöne Sachen über mich und mein Blog. Das war so schön, dass ich tatsächlich kurzzeitig meinen Auftrag vergass und noch ewig bei Natalie stehen wollte. Aber meine Blase drückte sehr. Als ich dann in Block 2.1 ankam, wurden die Banner bereits gefaltet.

Bevor ich mich mit den anderen am Rondell treffen würde, ging ich noch zu Hakiki. Der Döner soll ja kultig sein. Dort stand ich wieder mit dem linken Fuss in einer Pfütze. Der Döner war OK, aber wegen meiner neuen Angewohnheit Einliterbecher Bier zu trinken, anstatt der Halbliterbecher, waren meine Fähigkeiten zur Einschätzung von Nahrungsmittel etwas dumpf. Ich muss wieder auf die kleinen Becher umschwenken.

Am Rondell trank ich dann auch nichts mehr. Glaube ich zumindest. Dort traf ich auch A, die ich seit sehr langer Zeit nicht mehr gesehen hatte. A war früher ein Mann. Sie begann mit ihrer Transition vor noch nicht einmal zwei Jahren. Ich kann mich noch erinnern, als sie zum ersten Mal geschminkt ins Stadion kam. Das sah komisch aus, sage ich jetzt mal so. Vor einigen Wochen unterzog sie sich einer geschlechtsangleichenden Operation. Sie strahlte den ganzen Abend lang. Auf dem Nachhauseweg in der S-Bahn sass sie mir gegenüber. Sie wirkte ausgeglichener als früher, freundlicher, positiver. Früher hätte sie sich ständig über etwas aufgeregt.

Zuhause zog ich endlich die Schuhe aus. Meine linke Socke hatte eine Kruste aus Schlamm. Ich weiss jetzt nicht, was ich mit den Schuhen machen soll. Für trockene Tage auf der Hundewiese sind sie eigentlich noch gut zu gebrauchen, im Stadion auch. Obwohl neuerdings auch ständig kleine Steinchen durch das Loch eindringen. Vielleicht muss ich doch irgendwann Abschied nehmen.

Das Schöne an Freitagsspielen in der zweiten Liga sind ja die frühen Anstosszeiten. Die Freitagsspiele enden so früh, dass man fast noch die Tagesschau sehen könnte. Danach hat man noch den ganzen Abend vor sich. Ich war aber trotzdem schon um 23 Uhr zu Hause.

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