Nachdem meine Mieter bereits im November aus unserer alten Wohnung ausgezogen waren, gingen meine Frau und ich heute zum ersten Mal gemeinsam hin. Vor allem, um sie ein bisschen zu putzen und aufzuhübschen, aber auch um Fotos zu machen. Ich werde die Wohnung wohl verkaufen, schließlich war ich nie ein glücklicher Vermieter. Es hat mich immer gestresst, Vermieter zu sein. Als wir aber vor zehn Jahren auszogen, fand ich es wiederum schade, sie zu verkaufen, weil der Kredit ja lief und es keinen wirklichen Grund gab, sie loszuwerden.
Wenn ich Freunden erzähle, dass ich Immobilien besitze, dann finden das die meisten eher seltsam. Kapitalismus und so. Ich komme aus einem linksliberalen Umfeld. Der Grund, warum ich aber Immobilien besitze, ist der, dass ich Mieten immer scheiße fand. Dabei komme ich aus keiner vermögenden Familie, meine Eltern waren beide Bauernkinder, und beruflich sind sie Rettungswagenfahrer gewesen.
Aber Miete zahlen fand ich immer scheiße.
Ich bewohnte etwa 10 Jahre lang besetzte Häuser. Meine erste Mietwohnung bezog ich mit 27. In meinen Hausbesetzerjahren gab es diverse Legalisierungen von besetzten Häusern. In der Novelle erzählte ich von den kleinen Häusern in der Balistraat, die mit der Stadt Utrecht als Bürgschaft zu einem Kredit kamen, und später vom großen ACU, das über eine Stiftung eine Finanzierung durch die Bank erhielt. Was ich verstand: Die Bank leiht dir das Geld, und du zahlst es ihr über einen langen Zeitraum zurück. Was ich noch daraus lernte: Die Rückzahlungsraten kann man so festlegen, dass sie sich anfühlen wie eine normale Miete.
Ein Jahr bevor ich meine erste Mietwohnung bezog, hatte ich gerade einen festen Job in der Computerbranche angetreten und fühlte mich aufgrund der in meinen Augen zunehmend dogmatisch werdenden linken Szene, etwas entfremdet, außerdem verdiente ich plötzlich gutes Geld und den wilden Lebensstil fand ich mittlerweile etwas perspektivlos und auch ziemlich eintönig.
Also bezog ich ein schönes Zimmer in einem Haus in der Utrechter Innenstadt. Die Besitzer waren nett, sie wohnten im Nachbarhaus, wir sahen uns regelmäßig, man konnte immer ein Pläuschchen mit ihnen halten, es waren ganz gewöhnliche Leute. Er arbeitete in der Stadtverwaltung und sie hatte eine Stelle im Marketing bei einer kleinen IT-Firma. Sie erzählten auch ganz gut gelaunt, dass sie früher selbst in dem Haus wohnten, in dem ich jetzt wohnte. Da es zu groß für sie beide war, vermieteten sie zuerst die beiden Zimmer im Untergeschoss und danach auch die Zimmer im Dachgeschoss. Irgendwann hatten sie ausreichend Geld beisammen, um das Nachbarhaus zu kaufen, das sie jetzt selbst bewohnten. Das sei zwar auch zu groß für sie, aber jetzt mache es ihnen nichts mehr aus, so viel Platz zu haben.
Ich will nicht sagen, dass ich es hasste, die beiden jeden Monat mit hunderten Gulden noch vermögender zu machen, aber ich fühlte mich irgendwie verarscht.
Im selben Jahr verliebte ich mich in eine junge deutsche Frau aus Hamburg, die in Utrecht ein Auslandssemester absolvierte. Gleichzeitig beschloss ich auch, die Niederlande verlassen zu wollen, aus keinem besonderen Grund, ich hatte nur das Gefühl, etwas anderes machen zu müssen, meine Zeit fühlte sich nach 8 Jahren abgelaufen an. Ich wollte nach Paris, weil ich dachte, das täte mir aus ästhetischer Sicht gut, mein Arbeitgeber ermöglichte es mir jedoch, nach Madrid zu ziehen, also wurde aus Paris eben Madrid.
In Madrid war die Wohnungssuche schwer, zum einen gab es nur wenige verfügbare Mietwohnungen, und ich wurde bereits vor meinem Umzug darauf hingewiesen, dass man bei den Wohnkosten mit einem Drittel des Einkommens rechnen muss. Ich fand eine kleine und dunkle Dachgeschosswohnung in Malasana, unweit der Glorieta de Bilbao. Damals verdiente ich für meine Verhältnisse viel Geld, das mit dem Drittel an Wohnkosten stimmte aber ziemlich genau. Ich will gar nicht wissen, wie viele Menschen mit einem kleinen Einkommen an Miete abzugeben hatten. Andererseits erfuhr ich auch, dass in Madrid 70 % der Bewohner ihre Wohnung besitzen und deswegen keine Miete bezahlen.
Die Wohnung gehörte einem schönen Mann mit schwarzen Augen, namens Guillermo. Während der Vertragsunterzeichnung baute er für mich ein IKEA-Bett auf und ich saß inzwischen mit der Maklerin am Küchentisch, die sich völlig genervt mit ihrem Laptop herumplagte und dabei ständig die externe Maus mit ihrem danebenliegenden Handy verwechselte und dann immer „cabron“ fluchte, wenn sich deswegen auf dem Bild der Cursor nicht bewegte. Ich bekam die Krise. Ein paar Monate später traf ich Guillermo und die Maklerin, die zwei Monatsmieten Provision eingesteckt hatte, Hand in Hand mit ihren beiden Kindern im Corte Inglés beim Einkaufen.
Das Leben in Madrid gefiel mir aber nicht, also zog ich nach etwas mehr als einem Jahr zu dieser jungen deutschen Frau, in die ich immer noch verliebt war, nach Hamburg. Zumindest temporär. Eigentlich wollte ich nicht in Deutschland wohnen, aber es war in jedem Fall besser, als diese unerträglich heiße Stadt im Zentrum der iberischen Halbinsel. Wir bezogen eine charmante, aber sehr heruntergekommene Wohnung im südlichen Schanzenviertel, und je länger ich in Hamburg wohnte, desto mehr fing ich an, das Leben in Deutschland zu mögen. Es war die Zeit, in der ich ernsthafter darüber nachdachte, eine Wohnung zu kaufen. Zum einen, weil unser Vermieter ein unsympathischer Kerl war, der sich kaum um die Wohnqualität unserer Bruchbude kümmerte und andererseits jedes Jahr eine vertraglich festgelegte dreiste Mieterhöhung verlangte. Den Mieterhöhungen hatten wir im Vertrag zugesagt, weil es Bedingung war und wir als Wohnungssuchende keinen Verhandlungsspielraum hatten. Wir wollten aber beide liebend gerne in der Schanze wohnen und ich hatte ja einen okayen Job, wir konnten es uns schon leisten. Ich hasste es aber, dem Ganzen so ausgeliefert zu sein. Damals schlug ich meiner Freundin vor, uns eine Wohnung zu kaufen. Das ist wie Miete zahlen, nur mit dem Unterschied, dass man die Miete monatlich auf das eigene Konto überweist. Aber sie fand das irgendwie spießig. Wohnung kaufen und Kinderkriegen kam für sie mit Ende zwanzig nicht infrage. Ich sagte, man muss ja nicht gleich Kinder kriegen, wenn man eine Wohnung kauft. Freunde von uns stimmten ihrer ablehnenden Haltung zu und sagten: ABER DIE ZINSEN! Darauf hatte ich nie eine gute Antwort parat, Zinsen waren mir aber immer egal. Mir ging es eher darum, dass ich lieber das Geld in mein eigenes Finanzierungskonto überweise, anstatt in die Taschen eines pöhsen Immobilienbesitzers. Aber alle Menschen in unserem Umfeld fanden das komisch. Alle hatten Bedenken. Was, wenn man umziehen will, dann hängt man ja fest, und was, wenn man Kinder bekommt, dann hat man keinen Platz, und ach, überhaupt, das ist ja so viel Geld und dann hat man Schulden bis ins hohe Alter.
Schuld.
Ich sah das nie als Schuld. Für mich zählte immer nur: Ich will monatlich das Geld auf mein eigenes Finanzierungskonto überweisen, anstatt in die Taschen eines reichen Menschen. Miete zahlen bedeutete für mich hingegen, Geld aus dem Fenster zu werfen. Das Geld kommt bei den wohlhabenden Menschen an, die ohnehin schon viel haben. Den Gedanken daran fand ich furchtbar.
Vier Mieterjahre später zogen wir nach Berlin. Unsere Beziehung wackelte bereits, wir zogen in zwei unterschiedliche Mietwohnungen in Prenzlauer Berg. Immerhin waren die Mieten 2008 unfassbar niedrig. Man wohnte hier in einer 50 % größeren Wohnung zur Hälfte des Hamburger Preises. Meine Vermieterin war eine Frau, die in einer großen Villa in Halensee wohnte. Sie empfing mich dort in einem ungemein schönen und repräsentativen Zimmer in der Belletage, das alleine fast doppelt so groß war, wie unsere gesamte Hamburger Wohnung. Ich gönnte es ihr. Wirklich. Ich bin kein neidischer Mensch. Andererseits hatte ich aber nie Lust darauf, arm zu sein, oder ein Opfer zu sein. Mich nervte es immer, wenn Menschen sich über ihre Vermieter beschwerten, das wirkte immer so hilflos, wie ein unabänderbares Schicksal.
Nach einem halben Jahr trennten wir uns. Eine Weile später lernte ich meine Frau kennen. Schon nach einem knappen Jahr beschlossen wir, zusammenzuziehen, ich sagte aber, dass ich keine Miete zahlen will, sondern eine Wohnung kaufen möchte. Sie fand das okay, sie hatte aber selbst keine Lust, sich daran zu beteiligen. Mir war das egal, ich brauchte lediglich jemanden, der der ganzen Sache positiv zugewandt war, und nicht jemanden, der mich mit Ängsten und Zweifeln herunterzieht. Ich hatte 5000€ angespart und ging damit zur Bank. Diese gab mir einen Kredit für eine Wohnung in Mitte, und fortan konnte ich endlich monatlich Geld auf mein Finanzierungskonto überweisen, anstatt irgendeinem Kapitalisten.
In den Gesprächen mit der Bank lernte ich außerdem, dass mir eine Bank grundsätzlich nichts Böses will. Im Gegenteil: Sie haben ein Interesse daran, dass es mir gut geht und ich immer in der Lage bin, den Kredit zurückzuzahlen. Sie wollen es vermeiden, in Rechtsstreitigkeiten zu geraten oder dass sie die Wohnung zwangsversteigern müssen. Die Botschaft: Rede mit uns. Wenn Sie in finanzielle Schwierigkeiten geraten, oder Ihre Frau schwanger wird, oder irgendwas anderes passiert: Reden Sie mit uns. Dann finden wir eine Lösung. Das fand ich sehr vernünftig.
Freunde von mir fassten sich an den Kopf. Darauf hätten sie keine Lust. Was ist, wenn man umziehen will? Ich sagte, dann würde ich die Wohnung verkaufen und mir mit dem Geld anderswo eine neue kaufen. Und weiterhin einen Kredit abbezahlen. Jeden Monat auf mein eigenes Konto. Nicht auf das Konto von jemand anderem.
Für die 60-m²-Wohnung in Mitte zahlte ich monatlich 600€. Die Mieten in der Straße lagen für eine ähnliche Wohnung in der Umgebung bereits bei 700€ und mehr.
Nach acht Jahren wollten wir jedoch größer wohnen. Die 60 qm waren zwar sehr effizient auf 2,5 Zimmer verteilt, aber der Wäscheständer stand ständig im Wohnzimmer und die Bücher- und Kleiderschränke wuchsen an und fraßen zunehmend den Raum der Zimmer auf. Wenn wir in der Küche aneinander vorbeikommen wollten, musste ich meinen Bauch einziehen. Wir wünschten uns einfach mehr Platz. Also fassten wir den Entschluss, eine größere Wohnung zu kaufen. Diesmal zusammen. Die Preise hatten in Berlin mittlerweile ordentlich angezogen, aber eine simple Rechnung ergab, dass sich die monatliche Tilgung des Kredits immer noch im selben Bereich bewegte, wie die Miete einer vergleichbaren Wohnung. Nun hätte ich die Möglichkeit gehabt, die Wohnung in Mitte zu verkaufen und damit eine größere Wohnung in Friedrichshain zu kaufen. Weil sich durch das Abbezahlen des Kredits und den Wert der Wohnung ein ziemlicher Betrag angehäuft hatte, würden wir die neue Wohnung sehr günstig finanzieren können und nur wenig für die monatliche Tilgung aufbringen müssen.
Aber.
Ich fand das doof. Ich hatte keine Lust darauf, billig zu wohnen.
Ich war 40 Jahre alt, als ich die zweite Wohnung kaufte. Damals stand ich mitten im Arbeitsleben, warum sollte ich gerade jetzt niedrige Wohnkosten haben wollen? Gerade jetzt kann ich es mir leisten, monatlich Geld fürs Wohnen auszugeben. Mit sechzig oder siebzig vielleicht nicht mehr. Alle Menschen in meinem Alter geben jetzt viel Geld für ihre Miete aus, dann gebe ich jetzt dieses Geld eben auch aus, aber ich händle es so, wie ich es immer händeln wollte: Ich zahle monatlich in mein eigenes Finanzierungskonto ein. Wenn ich tilge, als wäre es eine Miete, dann ist das eine Ausgabe, die ich nicht spüre. Wenn ich jetzt einfach weitertilge, dann sammelt sich mehr Geld für später an. Es ist wie Sparen, aber ohne Geld beiseitezulegen. Mein Sparschwein ist sozusagen die monatliche Miete, die ich mir selbst überweise. Ich war nie gut darin, zu sparen. Aber Miete zahlen hätte ich sonst ohnehin gemusst. Das spürt man nicht.
HILFE! ABER DIE ZINSEN!
Zinsen sind mir wurscht. Ich sehe die Tilgung wie eine Miete. Punkt aus. So muss ich denken. Niemals an die Zinsen denken. Sonst ärgert man sich. Die Miete ins eigene Finanzierungskonto überweisen. Das ist der ganze Trick. Und man ist sofort kein Opfer mehr, man hat keine Angst vor Mieterhöhungen, keine Angst vor Eigenbedarfskündigungen, man wird nicht verdrängt. Und im Alter hat man fast keine Wohnkosten mehr.
Ich gab also auch mit der neu gekauften Wohnung monatlich so viel Geld aus, als würde ich Miete bezahlen. Die alte Wohnung in Mitte behielt ich und vermietete sie. Sollen meine künftigen Mieter doch ihre Miete in die Taschen eines pöhsen Immobilienbesitzers einzahlen.
Pöhse war ich natürlich nicht, und da komme ich zu dem Problem, das ich eingangs erwähnte: Ich war nie ein glücklicher Vermieter. Ich war wahrscheinlich ein guter Vermieter für meine Mieter, weil die Miete niedrig war und ich immer ja und Amen sagte und für alle Kosten aufkam, weil ich keine Lust hatte, ein Scheißvermieter zu sein. Berlin und seine Scheißvermieter. Davon wollte ich kein Teil sein. Ich fand nie die richtige Balance, eigennützig zu sein und trotzdem ein gutes Gewissen zu haben. Ich wählte immer das Zweite.
Deswegen verkaufe ich sie jetzt.
Geld.
In meiner linksliberalen Blase reden die meisten Menschen nicht gerne über Geld. Es ist unsexy. Es ist böse. Mich nervte diese Einstellung immer. Es nervte mich zwar weniger, als monatlich eine Miete zu überweisen, aber es nervte mich. Mit dieser Einstellung überlässt man das Geld den Rechten, den Konservativen, man verzwergt sich, man verliert Handlungsspielraum. Ich verstehe schon, dass nicht alle Menschen an Geld kommen werden, es wird immer persönliche Rückschläge geben, Krankheiten, Schicksalsschläge, und man braucht auch eine Portion Glück dazu. Wenn man das Geld aber den Tech-Bros, den sogenannten Immobilienhaien, den AfD‑Unterstützern, den Anti-Woken überlässt, dann geht es den armen Menschen mit den Schicksalsschlägen noch schlechter und am Ende geht es uns allen an den Kragen. Ganz platt gesagt.
Ich wollte nie Opfer sein.
Natürlich ist es nicht mehr effizient, mit 50 einen Kredit zu beginnen. Man wird sich damit keine großen Geldmengen mehr ansparen. Aber es hilft immer noch gegen Verdrängung, vor allem ist das im Alter ein schönes Gefühl. Hätte ich aber Kinder, würde ich denen ein paar Tausender spendieren, damit sie sich einen Kredit bei der Bank holen und nie zu Mietern werden.