Auch die Kneipen sind nicht mehr das wofür sie früher mal da waren, so kann man sich nicht mehr einfach an den Tresen lehnen und den Unmut im Schnaps ertränken, miesgelaunt trübsälige Rauchkringel blasen, der Kellnerin traurige Lieder singen, nein alles nur noch Zielgruppe hier, das Volk der guten Laune.

Höchstens noch um halb drei Uhr nachts in einer siffigen Spelunke in einer der Reeperbahns finsteren Seitenstraßen, zwischen den gebrochenen Gläsern der zerbrochenen Herzen, aber den Liebesschmerz habe ich manchmal eben schon um 5. PEE-EMM. Her mit dem Schnaps.

südtiroler Tagebuchnotizen

Ich will einen Rosengarten.

In Lana die Großmutter eines Freundes besucht. Sie ist schon alt, ich weiß es nicht in Jahreszahlen, aber sie bewegt sich trotz reichlichem Altersspeck an Hüften und überall, wie eine junge Frau durch die Räume ihres hunderte von Jahren alten Bauernhauses. Sie setzt uns in der Küche ab und fragt uns ob wir einen Kaffee trinken. Wir nicken. Während sie in einem unaufhaltsamen Redeschwall davon berichtet welch ein Pech sie in letzter Zeit immer mit dem Mürbeteig habe, hantiert sie kontrolliert und geplant mit Kannen, Pfannen auf dem Holzherd herum, sagt, dass sie das nicht verstünde, sie verwende immer noch das selbe Rezept wie früher, wie schon immer halt, aber seit ein paar Wochen – als wäre der Teufel darin. Vielleicht läge es am Wetter, sie weist mit der Hand aus dem Fenster über die Apfelwiesen hinaus und sagt, auch die Nachbarin da drüben, der ginge es genau so. Es habe seit drei Monaten nicht mehr geregnet, es sei kein Wunder, sowas geht auf den Teig. Als sie den Satz zuende gesprochen hat, stehen vier Tassen auf dem Tisch, der heisse Kaffee raucht aus der Kanne, zwei weitere Kannen, eine mit warmer, die andere mit kalter Milch, ein Pot Zucker und eine Schale Weihnachtskekse. Production effectiveness, denke ich, und schäme mich ein wenig dafür.
Unnötig zu erwähnen, dass sie sich für die misslungenen Kekse entschuldigt. Der Teig halt. Ich esse beinahe ein Dutzend davon, einige lasse ich ich langsam auf dem Löffel im Kaffee versinken und lutsche sie dann auf. Sie ist erfreut.

Es nützt einem die ganze Aufmachung nichts wenn man mit blauer Tasse am Glühweinstand in der UniBozen steht. Man bestellt hier Glühwein in einer weissen Tasse oder Glühwein in einer blauen Tasse. Weiß für den Ausbau des Ausbau des Bozner Flughafens, blau dagegen. Natürlich bin ich dagegen. Für solche Entscheidungen brauche ich keine pro/contra Argumente serviert bekommen. Wenn man Barrikaden angezündet hat, dann ist man auch gegen einen Flughafenausbau. Egal wo, egal warum & vor allem egal wie. Im Notfall auch mit einer blauen Glühweintasse.
Es nützt mir mein ganzer neuer Anzug nichts, dass ich mir wie ein altmodischer Bombenleger vorkomme während ich an einem der Stehtische beim Glühweinstand stehe und diese Zeilen in mein Notizheft schreibe, während ich von lauter jungen und gutaussehenden Studenten umgeben bin, die allesamt aus weißen Tassen trinken.

Den Flieger vor der Haustür wollen sie alle. Ich möchte ihnen gerne sagen, dass ich, obwohl ich in einer ziemlich großen Stadt mit einem internationalen Flughafen wohne, genau so lange mit S- und U-Bahn zum Flughafen brauche, wie sie von Bozen zum Flughafen in Verona. Mit dem Auto sind sie sogar noch schneller.
Ich überlege kurz aus welchem Grund ich ihnen dies sagen möchte. Damit sie vielleicht ein realistischeres Bild der geographischen Abstände bekommen, oder will ich ihnen sagen, dass sie sich einfach damit abfinden sollten in der Scheißprovinz leben und nicht jede Scheißprovinzstadt einen Scheißriesenflughafen braucht?
Ich merke jedoch, dass beides das selbe ist, zudem furchtbar überheblich. Ich schließe besser gleich mein Notizheft und saufe contra. Diskussionen sind so achtziger.

Bozner Stationen ablaufen.

Der Stammbriefträger Gianni sieht trauriger aus als sonst, als ich ihn zur Mittagszeit, der besten Postzeit, ins Wirtshaus schlendern sehe. Gianni ist der Briefträger des Dorfes seit ich weiß was ein Briefträger ist, das heißt, Gianni ist für mich der Inbegriff des Briefträgers überhaupt. Und Gianni sah immer ein bisschen traurig aus. Er sitzt gerne vormittags im Wirtshaus, mit traurigem Gesicht beim Glasl Roten. Dort bleibt er sitzen und schweigt, bis er die Post ausführen muss. Er kommt aus dem Unterland, ist Italiener, er kann zwar kein Deutsch, spricht aber fließend Südtirolertaitsch, sofern er überhaupt etwas sagt und nicht wie üblich nachdenklich in den Rotwein starrt. Gianni ist ledig geblieben, hat ein freundliches, aufgeschwemmtes Gesicht, eine rote Nase, rote Augen und wenn die Postzeit naht, wankelt er ein bisschen unsicher, aber immer sehr zielstrebig zu seinen Dreiradler, ein dunkelblauer Ape, weil er keinen Führerschein hat, womöglich keinen haben darf, fährt zur Post neben der Kirche und füllt das Kistchen auf der Ladefläche mit Briefen und manchmal ist auch das ein oder andere Paket dabei. Die Briefe kommen manchmal ein bisschen spät an, das Gasthaus kreuzt oftmals seinen Weg, aber verschwinden tut niemals was. Wegen Gianni kommen auch solche Brife an die damals schlichtweg “An den Mek” adressiert waren. Weil Gianni wusste wo dieser wohnte.
Aber Gianni sieht jetzt trauriger aus als sonst und ich weiß spätestens warum, als ich kurze Zeit später einen grauen Fiat Panda mit dem Schriftzug Poste Italiane über den Dorfplatz jagen sehe.

“Hic patriae fines siste signa. Hinc ceteros excoluimus lingua legibus artibus”

Diese großartige Erkenntnis, an einem einzigen Tag des Herumschlenderns in Bozen die halbe südtiroler Prominenz gesichtet zu haben, mit Eva Klotz am Tisch gesessen, den Chefredakteur der FF gegrüßt, Zeitung gelesen, aufgeschaut und drei Tische weiter dasselbe Gesicht sehen wie das im Bild des eben gelesenen Artikels. Abends auf einer art Studentenparty in einer weitläufigen Bozner Altbau-WG läuft ein freundlicher, älterer Herr mit einer Dose Forstbier an mir vorbei, verabschiedet sich links und rechts und verlässt das Haus. Man sagt mir das sei der neue Bozner Bürgermeister gewesen.
Diese südtiroler Mikrowelt, diese Mikrowelthauptstadt. Ich habe sie immer schon geliebt.

Die Frau im einzigen Tabakladen meines Dorfes kenne ich schon lange. Sie ist eine sehr verschwiegene Frau. Meistens hat sie nichts zu tun. Sie sitzt den ganzen lieben Tag in ihrem dunklen Miniladen, strickt oder häkelt, wirkt jedesmal überrascht wenn Kundschaft ihren Laden betritt, ein bisschen blass ist sie geworden in ihrem Laden, aber fröhlich war so ohnehin noch nie, besonders freundlich eigentlich auch nie, einfach nur gleichgültig freundlich, es wurde lediglich gegrüßt, der Wunsch genannt und abgerechnet, schon früher als ich immer zwei Schachteln MS für meinen Vater kaufen musste, und auch später noch, als ich Marlboro für mich selbst kaufte. Die einzige Gefühlsregung die sie je von sich gab, war vielleicht als ich das erste mal Tabak wollte, holländischen Samson, als sie kurz innehielt, mich verstört ansah als hätte ich einen unglaublich eigenwilligen Wunsch gehabt, suchte dann aber wortlos ihr dunkles Regal ab und zog die gewünschte Packung hervor.
Dieses mal bestelle ich wieder Samson, sie nennt den Preis, ich zahle und beim Verlasen ihres Ladens sagt sie noch “Pfiati” und lässt sich daraufhin zu einem Ausbruch ungekannter Emotionalität aus, indem sie meinen Namen an der Abschiedsfloskel hängt. “Pfiati Mek”.
Ich bin gerührt, halte kurz inne – und wünsche ihr eine frohe Weihnacht.

In Völs alte Zeiten heraufbeschworen. Sabine lädt ein zum Punkkonzert in Jugendzentrum, mit der selben Band wie früher, den selben Freunden wie früher und vorab eine ordentliche Portion Speckknödel.
Wir haben Pogo getanzt und Bier in die Menge gekippt. Ein junges Punkmädel kommt zu Sabine und sagt wie schön es sei, dass wir alte Leute auch einmal auftauchen und dermaßen die Sau raus lassen.
Georg und ich gehen hinaus eine Zigarette rauchen, man darf sich in Italien sonst nirgendwo mehr Zigaretten anzünden. Wir lehnen an einer Mauer, etwas abseits von den Irokesenkämmen und finster gekleideten jungen Leuten und ich sage, wie sehr es mich freut, dass unsere Tradition des Punkrock immer noch so lebhaft weitergelebt wird. Er nickt und hin und wieder weht ein süßlicher Rauch zu uns herüber.
Je länger wir dastehen und unsere Nachfolger betrachten, desto unruhiger werden die Blicke der jungen Leute. Georg sieht an uns herunter und sagt, wir sähen aus wie von der D.I.G.O.S (Politische Abteilung der Polizei) oder von der Anti-Droga. Er hat recht. Wir verwirren unser Haar, lehnen uns noch eine Spur lässiger und abgerockter an der Mauer an, doch als wir uns wieder durch die rauchende Menge nach drinnen schieben wollen, macht man uns erschreckt den Weg frei.

Diese Vorsicht die mich in der Heimat stets begleitet, den jungen Leuten begegnen die immer noch an der selben Fleischtheke stehen, bloß wenig vom eigenen scheinbaren Erfolg erzählen, ihnen nicht das Gefühl geben, sie hätten etwas verpasst im Leben, wenn ich meine ausländischen Stationen aufzähle, schon fast ein wenig verschämt zu sagen, jetzt in Hamburg zu leben, und nicht mehr in Madrid wie letztes mal. Das Hamburg dahingeworfen, als sei es ein schlichtes Kaff und mein Leben gleich ihrem an der Fleischtheke nur in anderer Kulisse.

Meine zuckerkranke, übergewichtige und vom Bluthochdruck geplagten Tante in Mölten beim atemlosen hecheln über den Friedhof begleitet. Ich liess mir die Geschichten der Verstorbenen erzählen, was dem und dem widerfahren sei, warum diese vier Kinder das gleiche Sterbedatum haben und warum so viele Kinder überhaupt.
Erzählungen von Geisteskrankheiten, Muttermord, Erbkrankheiten, Selbstmord, Leberkrebs.
Ich mag meine Tante mit dem ledernen Gesicht sehr. Ihr Händedruck ist etwas schwach geworden in den letzten Jahren, wobei sie früher ganze Wiesen von Hand mit der Sense mähte. Auf dem Weg zum Friedhof muss sie einige male innehalten, auf Atem komme, alles pocht so sehr in ihr drin. Reden ist für sie schon lange schwierig, nicht nur inhaltlich, der kurze Atem, der kurze Atem.
Meine Schwester weist auf die leere Ecke des Grabsteines ihres Familiengrabes hin. Meine Tante hechelt, lächelt und träufelt ein wenig Weihwasser auf das Grab ihrer Familie.

Kaminwurzen

Viel zu viele Dinge und viel zu viele Menschen verpasst.

auch ich Neujahr undso

Ah, ich habe gerade beschlossen mein Blog ein wenig am Weltgeschehen teilnehmen zu lassen und auch meinen Käse der Silvester/Neujahrsthematik zu widmen. Ich hoffe, ihr erwartet keinen Rückblick auf das auslaufende Jahr von mir, schließlich ist eh alles besser und schlechter geworden, wie jedes andere Jahr halt auch. Viel interessanter finde ich an dieser Stelle meine Vorsatzliste vom Anfang dieses Jahres. Ich sollte mich gründlich schämen, abgrundtief schämen, weil ich die Vorsatzliste absichtlich ins Blog gestellt habe, damit ich vor euch, werten Lesern, Rechenschaft ablegen muss, und somit das ganze Jahr lang unter Druck stehe, diese Vorsätze auch wirklich zu erfüllen, damit ich am 31.12. nicht plötzlich mit tiefpurpurner Schamesröte im Gesicht dastehe und mich zum labilen Vorsatzbrecher bekennen muss.
Stattdessen geschieht jetzt gar nichts. Keine Scham, gar nichts.
Das mag vielleicht daran liegen, dass ich noch etwa vier Stunden habe meinen Führerschein zu machen, noch vier Stunden Zeit abzunehmen, noch vier Stunden Zeit Tango zu lernen, noch vier Stunden Zeit mit dem Rauchen aufzuhören UND noch genau so viel Zeit nach Lithauen zu fahren.

Nach Lithauen zu fliegen würde ich vielleicht noch schaffen, aber da ich nicht äußerst ungerne fliege, schaffe ich das bestimmt nicht mehr. Damit kann ich aber leben. Überdies ist es heute im Baltikum ohnehin eisig kalt.

Das Rauchen… jaja, das Rauchen. Ich könnte natürlich in vier Stunden aufhören, und eine Stunde später wieder damit anfangen, aber nur zu dem Zwecke, die Ehre zu bewahren, finde ich irgendwie, nunja, doof. Es hat diesen magischen Zeitpunkt halt noch nicht gegeben. Diesen magischen, na ihr wisst schon, magischen jetztraucheichniemalswieder-Moment. Ganze 365 Tage lang nicht. Ich dachte immer bis zum 31.12. einen Haufen Zeit zu haben. Irgendwann ist es leider zu spät. Heute beispielsweise.

Über Tango habe ich mir ganz oft Gedanken gemacht. Echt jetzt. Geht ein Swing-Abend als Ersatz für einen Tangokurs durch? Ein bisschen? Ansatzweise? So halb? OK, danke. Im nächsten Jahr aber echt.

Und abgenommen habe ich sicherlich. Allerdings auch wieder zugenommen. Das kann ich nicht gelten lassen.

Aber immerhin bin ich einem Vornehmen nachgekommen, und zwar ausgebreitet: zu Weihnachten in meiner Heimat gewesen bei Mutter, Vater und meinen Schwestern. Das war richtig schön und allerlängstiglich überfällig.
Der Bericht kommt noch. So als guter Vorsatz für das neue Jahr.

Jetzt sollte ich vielleicht die zweite Flasche Südtiroler Lagreiner öffnen und mich schleunigst betäuben, bevor in wenigen Stunden alles wieder besser und schlechter wird.

Euch auch.

te huur

weiss jemand ein günstiges Zimmer in Amsterdam, das fuer 3 monate (mitte Januar bis mitte April etwa) gemietet werden kann? Sehr dringend.

Weet iemand een goedkoop kamer in Amsterdam, te huur voor drie maanden (half januari tot ongeveer halverwege april)? Heel dringend.

Schrijf me alsjeblieft.

ach Last

Immer diese merkwürdige Wehmut die aus der Ferne ruft, schon Tage vorher, seit ich die Zugkarte mit Endbestimmung Bozen in der Hand halte, seit ich an die Dinge denke die ich mitnehmen will, die Schuhe, die Bücher, die Hemden und dann das Foto meiner kleinen Schwester das schon seit Monaten an meinem Schreibtisch hängt und ich ihr schenken wollte, weil es wahrscheinlich das einzige ist, auf dem nur wir beide abgelichtet sind, ohne Familie, ohne den Anderen die sich ins Bild stellen um Grimassen zu schneiden, ohne diesem immer anwesenden Hintergrundrauschen, nur wir beide, als wäre ich nie weggezogen, als hätte ich sie nie als siebenjährige ohne den großen Bruder gelassen, den sie sich womöglich gewünscht hat, wie es sich wahrscheinlich jedes siebenjährige Mädchen wünscht, und erst so langsam, nach all den Jahren in denen ich sie nicht habe aufwachsen sehen, in denen ich ihre ersten Schritte hinaus ins Leben verpasst habe, sie nicht einmal Warnungen von mir in den Wind hätte schlagen können, weil ich schlichtweg nicht da war, und am Telefon immer nur Mama, oder Papa, oder die größere Schwester, die Kleine will Dich auch noch sprechen, und oftmals nicht wissen was einem Mädchen in der Pubertät so widerfährt, ungeschickt danach fragen wie es ihr denn so ginge, während es im Hintergrund weiterrauscht, und die Ruhe nicht da ist.

Jetzt elf Jahre später werde ich ihr ein Foto schenken. Ein Foto auf dem gar nichts rauscht, höchstens die Bäume ganz hinten, die aber eher zu lauschen scheinen, während man uns ertappt, an einem der wenigen Momente an denen wir wirklich Schwester und Bruder waren.

Und dann lächerlicherweise zu viel Zeit damit verbringen ob man es auf A3 oder 4 vergrößern soll, ob A3 die Schwere nicht zu viel hervorhebt, die Schwere die man gerade wegvergrößern will, indem man die Dinge klein haltet, indem es nur diesen kleinen Moment wiedergeben soll, der vielleicht schon viel zu groß ist, gemessen an den vielen kleinen Dingen die man sich nie gesagt hat.

Vorhin die Dame in den Zug nach Amsterdam gesetzt, wie schwer die Abschiede wieder wiegen, wie viele kleine Tricks ich gelernt zu haben glaubte, die Abschiede lediglich als diese neue Phase des aufeinander Freuens zu sehen, die Zeit als diesen Fluß zu sehen, der halt vor sich hinfließt, so wie man auch die Elbe liebt wenn sie unter schwerem Nebel unter den baumelnden Beinen am Hafen vorbeizieht, und beim Ruf mich an gleich wieder daran zu scheitern, jeden Zaubertrick vergessen, weil dieser davonfahrende Zug keine vernebelte Elbe ist, sondern eine eiserne Raupe die davonkriecht und alles mitnimmt, weil es sich letztendlich doch immer wieder meldet, das Herz.

Und in zwei Stunden bringe ich mich selbst in den Zug, und mit dem Foto in der Hand werde ich wohl auch mitkommen.

Vergesst nicht die Kerzen wieder auszupusten wenn ihr ins Bett geht. Weihnachtsbäume zischen ganz laut wenn sie brennen.

Alles Gute. Demnächst wieder.

und Hamburg lächelte

Immer von der allerschönsten Hinterseite, zeigt sich Hamburg, wenn Wiener Besuch in der Stadt ist. Und schon wieder hiess es “Ach, wie freundlich, diese Hamburger, alle so nett und zuvorkommend“. Als wir den Bürgersteig blockierten und ich in Schneckentempo vom Charme der Wiener Unfreundlichkeit referierte, die Passantin freundlich fragte, ob sie mal vorbei dürfe, und im Vorbeigehen, sich umdrehte, lächelte und ein gehauchtes “Dankeschön” von ihren Lippen kam. Die Besucher aus Wien waren zutiefst gerührt.

Die Fahrradfrau sang es regelrecht, ihr “Darf ich mal“, die Autofahrer, hielten lächelnd (wir blockierten ziemlich oft und ziemlich viele Wege) und niemand hupte, sogar die Kassiererin im Lidl, mit ihrem Schild an der Brust (Es bedient sie freundlich…) hatte zur Abwechslung strahlende Augen. Schließlich war Besuch aus Wien in der Stadt. Selbst die Sonne lachte ein paar mal zwischen finsteren und wasserschleudernden Wolken hervor. Aber man sei nicht enttäuscht über die Pfützen die sich vom Himmel entleerten, so versicherte man mir, es passe schließlich zu dieser Stadt und sie seien ja alle so freundlich hier.

Als wir allerdings im Hatari sassen, wurden die Wiener etwas argwöhnisch. Nicht weil wir nicht sofort einen Tisch bekamen, sondern eher, weil der Kellner sichtlich betroffen davon war, uns nun keinen Platz anbieten zu können. Obwohl es keinerlei Grund gab uns bevorzugt zu behandeln, da wir weder reserviert hatten, noch sonstwie mit einer Limousine vorgefahren waren. Er brachte zum Trost eine Runde Obstler aufs Haus, und als wir zwei Sekunden später, hastig den Obstler in die Kehle kippend zu einen Tisch geführt wurden, die andere Kellnerin uns gleich noch eine Runde Obstler brachte. Und als sie schließlich fünfzehn Minuten später wieder vorbeikam, sich im allerfreundlichsten Ton entschuldigte, dass es etwas länger dauere, da der Teig zur Neige gegangen sei, wir dafür aber frischeren als frischen Flammkuchen bekämen, sagte sie abschließend: “Eine Runde Obstler?“.
Der Obstler brodelte, im Bauch und im Kopf.
Nach dem Essen, das soundsovielte Bier noch voll, stand die Kellnerin wieder am Tisch und fragte, freundlich, ob wir noch einen Wunsch hätten. Nein, versicherten wir ihr, alles Bestens, sie nickte, machte im Weggehen jedoch halt und drehte sich um: “Obstler?“. Eifriges Nicken kam als Antwort.
Der Obstler gährte, im Bauch und im Kopf.
Nachher kam die einfachso Runde Obstler aufs Haus, und Runden machte der Obstler jetzt auch im Bauch, und vor allem im Kopf.
Und als wieder eine Runde Obstler kam, die kam, weil ich aus Spass, oder weil ich nicht mehr wusste was ich der Kellnerin sonst so sagen sollte, der einfachheit wegen einfach Obstler sagte, worauf sie lächelnd antwortete “OK, geht aufs Haus“, war der Punkt erreicht, an dem die Wiener ihrem Argwohn Luft machen mussten:
Gib es zu, Du hast die Hamburger zu freundlichkeit bestochen“.
Ich wusste es in jenem Moment auch nicht mehr, meinte mich aber zu erinnern, dass dem nicht so war.
Und wir stiessen auf die Freundlichkeit der Hamburger an.