[…]

Ein Scheißtag geht so:

* Am Morgen fuhr ich mit dem Fahrrad über die Rosenthaler Straße zur Arbeit. Ich fuhr auf dem Fahrradstreifen rechts am Stau vorbei, wie jeden Tag, an Autos vorbei, an LKWs vorbei, doch diesmal an einem LKW der (wie ich jetzt weiß) eine Lücke für ein Auto offen hielt, das in eine Hoteleinfahrt einbiegen wollte. Der LKW versperrte mir (man ahnt es) die Sicht auf das einbiegende Auto und er versperrte auch (man ahnt es) dem einbiegenden Auto die Sicht auf mich. Als der Fahrer des abbiegenden Autos und ich einander in die Augen starrten, begann die obligatoriche Zeitlupe, ich zog an den ungewohnt straffen Bremsen meines niegelnagelneuen Fahrrads, das sich quälend langsam überschlug, während ich mit einer akrobatischen Bewegung auf der Motorhaube aufpolterte. Ich blieb einen Augenblick an der Frontscheibe kleben und ich schaute in des Fahrers käsefarben ausgebleichtes Gesicht, wie ich selber aussah, weiß ich nicht. Ich ließ mich von der Motorhaube rutschen, tat irgendwie gekünstelt verärgert und streckte meinen Körper, um eventuelle kaputte Körperteile zu erfühlen, Wirbel und Knochen, wusste auch nicht genau, was ich checken sollte, ich habe keine Checkliste für Körperfunktionen, ich dachte an Oma, die nach dem Sturz vom Heuboden sagte, sie habe ihre Beine nicht mehr gespürt und blieb danach vierzig Jahre im Rollstuhl sitzen, aber ich spürte Zehen und Finger, es musste wohl alles gut sein und dachte dann Scheiße, muss ich jetzt die Crime Scene Investigieren? Oder Fingerabdrücke verwischen? Ich spürte die vielen Blicke der Verkehrsteilnehmer im Stau, erwarteten sie jetzt eine Eskalation? Erwarteten sie Bestandsaufnahme, Anruf der Polizei, Anwaltsdrohnungen? Ich gab dem Autofahrer schließlich zu verstehen, er solle weiterfahren, er nickte erfreut und fuhr los.

* Am Abend verlor dann Hertha gegen Düsseldorf in einem unheimlich düsseligen (ok, sorry) Fussballspiel. Wir saßen im neuen social-room der Firma, und schauten der klasse gespielten ersten Hälfte zu und sahen danach, wie Hertha sich nach dem Gegentor wieder selbst auseinandernahm, in elf kleine Brocken, die der Logik des Balles nicht mehr zu folgen imstande waren. Das, was wir die ganze Saison schon zu sehen bekamen. Ich habe sie aber noch nicht aufgegeben, am Dienstag erst entscheidet es sich, so unkonstant, wie sie dieser Jahr gespielt haben, schaffen sie bestimmt noch ein 7:0. Oder ein 0:7.

* Nach dem Spiel gingen wir auf die Straße, wir waren auf dem Weg nach hause, wir redeten von schlechtem Fussball, ich wollte die Kette von meinem Fahrrad lösen, doch es dauerte lange, bis ich verstand, warum ich so desorientiert in die Gegend schaute. Weil ich mein niegelnagelneues Fahrrad nämlich nicht mehr sah. Das war sehr ärgerlich. Allerdings nicht unironisch, wenn ich bedenke, dass das mein erstes richtig Neues und Gekauftes Fahrrad war.

Aber eigentlich war es gar kein Scheißtag.

7 Comments

  1. Sehen Sie es doch mal so. Das Fahrrad hat seine Aufgabe erfüllt, nämlich Ihnen das Leben zu retten. Ohne nigelnagelneu wäre sicher mehr passiert. Und jetzt ist es weitergezogen um wieder eine andere Aufgabe zu erfüllen.
    Es tritt sozusagen seinen Weg durch die Zeit an. Sie dürfen es nicht aufhalten.
    Aber sich wünschen, dass es den Klauer übelst abwirft, das dürfen Sie schon.

  2. Das Glücksrad mußte sicher weiterdrehen, aber bei jemand anderem. Wie ein Talisman, der nach Gebrauch weitergereicht werden muß. Mann, Mann. Ich hoffe, es ist wirklich alles gut gegangen, auch nachdem das Adrenalin wieder aus dem Körper war.

  3. mek

    Ja, wirklich alles gut. Bis auf die Sache mit Hertha, aber das wird sich auch nicht mehr ändern.

    Ich bedanke mich für die zahlreichen Verwünschungen des Räubers.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *