Der Segen der Moderne

Beim Besuch meiner Heimat in den Bergen, vor einigen Wochen, wurde ich gleich zu allen aufgestauten Computerproblemen herangezogen, die schon seit meinem letzten Besuch vor zwei Jahren auf mich warteten. Es hilft nichts wenn ich der Tante sage, dass ich keinerlei Ahnung von Windows habe. Darauf bekomme ich dann höchstens zu hören, dass sie jemanden kenne, der einen Mäckintosch habe, der sich auch merkwürdig verhalte, dann könne ich mir ja den mal angucken. Dass ich von solchen Macintoshen noch viel weniger Ahnung habe, kümmert sie reichlich wenig. Computer ist halt Computer und ich habe mich damit auszukennen. Schliesslich sei das mein Fach.
Ich sollte mir hauptsächlich Computer angucken, die angeblich nicht mehr funktionieren würden. Als ich mich dann dransetzte und erstmal überall den Staub davon abwischte, weil er schon seit über einem Jahr nicht mehr angefasst wurde, drückte ich auf den Powerknopf, der Rechner startete und lief auch sonst einwandfrei.
“Na wie komisch” hörte ich dann “also letztes Jahr wollte der einfach nicht mehr.”
Ich musste wohl Wunderhände haben.

Auch mein Vater hat sich jetzt einen Computer gekauft. Ein Rechner ist für ihn eigentlich Geldverschwendung, da er absolut nicht weiss was er damit anfangen soll. Jedoch hatte er das Gefühl einen kaufen zu müssen, weil heutzutage einfach jeder einen Rechner samt Monitor, zuhause rumstehen hat und man von allen Seiten zu hören bekommt, dass man sich mit diesen neuen Technologien eben anfreunden muss, weil man sonst den Anschluss verpasse und nicht mehr mitreden kann. Er hat es vor einigen Jahren immerhin einmal geschafft mir eine Email zu schicken. Vom Account seines Kollegen aus, der einen PC auf der Arbeit hatte. Alles in Grossbuchstaben geschrieben natürlich, weil es auch deutlich rüberkommen musste, ist ja schliesslich wichtig, was er mir schrieb, dass das Wetter trübe sei und er bald Schluss machen müsse, und sich auf eine Antwort freue. Da er meine Email nicht beantwortete, sagte ich ihm am Telefon einmal, dass er sich auf der Arbeit doch einen Rechner und eine Emailadresse zulegen solle, er sei doch schliesslich Abteilungsleiter, worauf er antwortete, dass man ihm das schonmal angeboten habe, er aber nicht so recht wusste, was er damit anstellen solle, sodass er das lieber gleich habe sein lassen. Und die jungen Zivis, die alle mit den Rechnern umgehen konnten, schauten sich eh nur nackige Frauen an, vielmehr gebe das Internet nicht her, das habe er alles schon gesehen. Wenn er mal eine Email schicken müsse, dann könne er auch seinen Kollegen fragen, der kenne sich damit ja aus.
Aber Papa, leg dir wenigstens ein eigenes Postfach an, das ist wie mit der Post, nur dass es halt schneller geht, sagte ich ihm.
“Aha?” war seine Antwort, und dann redeten wir über das Wetter.

Die Zeiten haben sich im Laufe der Zeit aber verändert, jetzt ist er in Rente gegangen und hat sich nun einen gebrauchten PC mit Windows98 ergattert. Über Beziehungen, wie er mir geheimnisvoll und mit leiser, verschwörerischer Stimme, mitteilt. Eine alte Kiste, aber für ihn eigentlich mehr als genug. Wenigstens hat er sich nicht von Fachmännern beraten lassen, sonst hätte er wahrscheinlich das Vierfache ausgegeben.
Ich sollte ihm helfen, er kam damit nicht weiter. Ich bekam erstmal Pasta mit selbstgemachtem Ragu, und nach dem zweiten Glas Wein führte er mich zu seinen Computer. Dieser stand im Wohnzimmer, genau hinter der Tür, in Öffnungsrichtung, in der Ecke zwischen Mauer und dem riesigen Wandschrank, die hinterste und unzugänglichste Ecke. Der Rechner befand sich auf einem Stuhl. Der Monitor auf dem Rechner und die Tastatur in einem Holhlraum zwischen der Hardware und der Stuhllehne reingeschoben.
Ich sass mich davor, zog die Tastatur heraus und fragte erstmal was nun genau nicht ginge. Er gab mir nur die vage Antwort, dass er halt nicht wisse wie es ging.
“Wie es geht also.” sagte ich, und nickte ihm zu. Ich drückte auf den Powerknopf. Aber nichts geschah. Ich stand auf guckte auf die Hinterseite des Rechners und sah, dass der Strom nicht angeschlossen war. Ich steckte also den Strom ein, drückte auf den Powerknopf, der Rechner piepte und das Startlogo kam auf den Bildschirm.
“Wo hast du da gedrückt?” fragte er mich ganz aufgeregt.
“Auf den Powerknopf. Der da mit dem selben Zeichen wie deine Stereoanlage auch hat”.
Er staunte und so betrachteten wir das Starten des Betriebsystems. Es schien ewig zu dauern und nebenher erzählte er was von seiner Stereoanlage die ich mir auch mal angucken sollte, ach ich sei docg so geschickt mit der Technik, die Anlage habe so bewegende Lichter wenn er sie anschaltete, das wolle er nicht haben. Zumindest nicht die ganze Zeit. Das ganze Gezappele dieser Lichter sei nichts Gescheites, und mache ihn verrückt. Er meinte den Equalizer.
Als der Rechner dann endlich hochgefahren war und der Desktop vor uns stand, fragte ich ihn, was er nun genau machen wollte, oder was nun genau nicht ginge.
Er fuchtelte mit der Hand in Richtung Rechner und sagte: “Nun wie das geht halt”.
“Wie das geht?”
“Ja wie das geht halt”
Er meinte was er nun tun müsse. Der Rechner lief und jetzt wollte er etwas damit machen. Ich begriff, und fragte was er nun genau, also genau im Sinne von exact, tun wolle. Nach einer kurzen Denkpause sagte er, er wolle wissen wie man einen Brief schreibt. Ich will an dieser Stelle erwähnen, dass mein Vater noch niemals einen Brief geschrieben hat, und ich ihn eigentlich überhaupt nie etwas schreiben habe sehen, ausser vielleicht beim Kartenspielen die Punktezahlen, oder wenn er meine Fünfer aus der Schule unterschreiben musste. Bei uns war die Mutter diejenige die schrieb und las. Zwar las sie nur Konsalik und Simmel, aber immerhin mit Freude. (Ich frage mich oft wie aus diesem Nest, meine zwei überaus feinsinnigen und intelligenten Schwestern hervorkommen konnten, aber den Gedanken will ich hier mal zur Seite schieben).

Ohne ihn auf seine Briefevergangenheit hinzuweisen, ging ich schliesslich, ganz diplomatisch, auf seinen Wunsch ein, ihm das Briefeschreiben zu erklären. Ich klickte auf Word, das kleine, blaue W, erklärte, dass das das Programm sei womit er Briefe schreiben konnte. Als es geöffnet war, schrieb hinein, hallo Papa, das ist ein Brief, das Wetter ist trübe, ich muss aber gleich Schluss machen, freue mich auf eine Antwort, dein Sohn.
Ihm schien das zu gefallen, er legte die Arme übereinander und fragte “So, und was jetzt?”
Ich verstand nicht genau was er meinte, da ich aber schon wusste, dass er auf meine Frage, was er damit meine, bloss seine Frage wiederholen würde, zeigte ich ihm, wie er den Brief speichern könne. Immer schön auf die Diskette klicken. Beim ersten Mal öffnet sich dann ein Fenster und will dass man dem Brief einen Namen gibt (Einen Namen? Wie, ich muss das benennen? Ja wie nenne ich das jetzt? - Komm Papa, ich nenne es einfach mal “Papa lernt briefeschreiben.doc” - Punkt Dok? - Jaja, egal, auch ohne Punkt Dok, auch ohne Papa meinetwegen) dann zeigte ich ihm dass man bei dem Kreuz rechts oben, dieses Word wieder schliessen kann (Oh jetzt ist der Brief weg!) und zeigte ihm daraufhin wie er den gespeicherten Brief wieder öffnen kann (Warum in Dokumente? Das ist doch ein Brief.)
“Und wie kann ich den Brief ausdrucken?” wollte er wissen.
“Ja klar, wo ist der Drucker? Dann schliess ich ihn dir an.”
Er hatte natürlich keinen Drucker.
“Aha” sagte er als ich ihm erklärte, dass er dafür einen Drucker bräuchte.
Kurz darauf kam er noch mit dem, in meinen Augen brillianten, weil selbstgedachten, Gedanken, dass er doch den Brief ins Internet schicken könne. Ich war begeistert davon, nicht nur weil er doch tatsächlich etwas über die Funktionsweise des Computerzeitalters gelernt zu haben schien, sondern auch, weil ich durch das Internet, nach tagelanger Abstinenz, wiedermal meine Emails lesen konnte. Der Gedanke wurde aber gleich verworfen, da erstens der Rechner kein Modem hatte und zweitens fiel mir auch ein, dass dort oben auf den Bergen, kaum einer noch einen Telefonanschluss hatte. Von DSL oder Kabel ganz zu schweigen. Man hat in den Bergen zwar kein Telefon, aber jeder Bauer rennt in seinem blauen Schurz mit einem Handy am Ohr herum. Selbst im Wirtshaus werden die schlafenden Weintrinker von deren polyphonen Klingeltönen aus dem Schlaf gerissen. Dass immer nur die erzürnte Ehefrau am anderen Ende der Leitung schreit, hat aus dem Segen der Moderne wohl nur einen Fluch gemacht. Da hilft auch nichts, dass man theoretisch, den Kumpel immer erreichen kann, dass er doch zum Kartenspielen vorbeikommen solle. Weil der Kumpel schnarcht ja sowieso immer am Tisch nebenan, beim halbvollen Weinglas.

Ich liess die Sache mit dem Computer sein, sagte ihm, das wäre jetzt alles was er wissen müsse, den Rest würde er schon während dem Briefeschreiben erlernen, es sei ja bloss wie Fahrradfahren, je mehr man es mache, desto besser würde man es beherrschen, und forderte ihn auf, eine Runde Karten zu spielen.
Er gewann. Wie immer.

Kommentare (8) zu “Der Segen der Moderne”

  1. Mein Schwiegervater schrieb seine Briefe schon seit geraumer Zeit auf dem Computer, fand das auch alles ganz toll, aber irgendwann meinte er dann, er finde es doch ein bisschen unpraktisch, dass man, wenn man am Ende des Briefes feststellt, dass man ganz oben am Anfang einen Fehler gemacht hat, ALLES mit der Rückwärtstaste wieder löschen und den ganzen Brief nochmal neu schreiben muss. Dann, so sprach er, würde er sich immer erst den Bief mit Fehler drin einmal ausdrucken, damit er den Rest einfach wieder abtippen kann und nicht nochmal neu nachdenken und formulieren muss.

  2. Ich bin hin und weg! Das ist ja richtig liebenswürdig. Welch ein Aufwand und mit welcher Präzision er diese Briefe dann wohl verfasst haben muss.
    Sie haben es ihm dann schonend beigebracht, hoffe ich.

  3. Wunderbar! Ganz wie mein Vater! Immerhin hat er auch einen Drucker und schon den einen oder anderen Brief ausgedruckt. Und in dieses Internet geht er nur, wenn mein Bruder oder ich gerade auch da sind, weil wir es ihm jedesmal wieder neu zeigen müssen.

    Ach ja, mein Vater, der sich z. B. schon von Geldautomaten unverschämt behandelt fühlt, wenn da schroff “Geheimzahl eingeben” steht, der auch immer meinte, er brauche keinen Computer, er wäre doch kein Informatiker und würde ja doch nicht verstehen, wie das ginge, er hat sich den Rechner tatsächlich am Ende nur deswegen angeschafft, weil es in den einschlägigen Geschäften rundherum keine Schreibmaschinenfarbbänder mehr zu kaufen gab…

  4. Dass es in der Firma hier noch genug Leute gibt, die in Word-Dokumenten am Ende jeder Zeile den Wagenrücklauf drücken (Return), ist nach all Ihren schönen Geschichten da oben ja eher langweilig.

  5. Seien Sie froh. Insbesondere meine Mutter ist mit den Jahren außerordentlich internetkompetent geworden, und mir graut vor dem Tag, an dem sie mein Blog zufällig ergooglet, sich ans Telephon hängt, und mir den Marsch bläst, ich möge auf der Stelle aufhören zu jammern und endlich Karriere machen.

  6. Über das Anonymisieren dieses Weblogs hab ich auch schonmal nachgedacht. Aber google speichert das ja alles ab.
    Eine politische-, oder sonstwie feine Karriere ist mir jedoch sowieso nicht in die Wiege gelegt.
    Seien Sie aber vorsichtig wenn Sie über Ihre Mutter schreiben. Über meine schreibe ich auch etwas vorsichtiger :)

  7. Meinem Vater hab ich nach Jahrelangen Versuchen letztendlich überreden können, sich einen Computer anzuschaffen und sich unter anderem auch mal meine Homepage anzusehen. Als ich das letzte mal bei ihm war, hat er mir dann ganz stolz einen Ordner gezeigt, in den er fein säuberlich alles ausgedruckt und abgelegt hat.
    Meine Mutter liest mein Weblog schon lange. Deshalb gibts bei mir auch keine Muttergeschichten.

  8. Was für Ängste vor einer Entdeckung durch die Eltern, die, wenn man es genau bedenkt, doch nur dadurch geschehen kann, das man den bisher unwissenden die Nutzung des Computers, des Internets, der eigenen Website inklusive Kommentarbenutzung erklärt. Und warum macht man das? Weil man zumindest von den eigenen Eltern entdeckt werden will. Wovor also die Angst?
    Ich muss mit bedauern feststelen, das ich solche Geschichten von meinen Eltern nicht mehr erzählen kann, da sie inzwischen tot sind. Mein Vater wäre ein heisser Kandidat für ähnliche Geschichten. Schade, das ich mich nie mit ihm über Computer unterhalten habe.

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