[Tagebuchbloggen. Dienstag, 6.4.2021

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Der Torwarttrainer wurde nach seinen seltsamen Äußerungen über queere und eingewanderte Menschen konsequenterweise entlassen. Hertha hat nicht rumgeeiert, dass er doch fachlich gut sei etc, sondern ganz geradlinig gesagt, dass solche Aussagen nicht zum Verein passen, danke für die geleistete Arbeit, viel Glück.

Selten so viel Liebe für diesen Verein empfunden.

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Draussen schneite es. Und es regnete Eis. Und es schien die Sonne. Das änderte sich alle drei Minuten.
Die Leute, die heute im Büro waren, können nur englisch. Als wir aus dem Fenster schauten, versuchte ich “Der April tut was er will” zu übersetzen. Das ist ohne Reim gar nicht lustig. Wusste ich gar nicht. Und als ich den Spruch dann auf deutsch anschaute, merkte ich: ist mit Reim eigentlich auch nicht lustig.

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Am Abend muss ich Steuerkram nachholen. Die Steuerberaterin hat noch eine Liste mit offenen Fragen. Während ich versuche, mich zu konzentrieren, reagiere ich auf jedes Pling von meinem Telefon. Wenn ich Steuern mache, bin ich sehr leicht abzulenken.

[Tagebuchbloggen. Montag, 5.4.2021]

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Am Morgen rief mich meine Schwester über Video an. Sie, ihre Kinder und die andere Schwester waren gerade bei unserer Mutter zum Osterbrunch.
Es war viel los, sie probierten Liköre, die meine Mutter angesetzt hatten und aßen Kuchen. Dann stellte man mich auf den Tisch, als wäre ich der siebte Gast am Tisch. Man musste mich manchmal drehen, wenn ich zur Nichte, die an meiner Rechten saß, etwas sagte. Schwierig war es nur, als sie alle gleichzeitig etwas fragten, dann wurde das Telefon hinundher gerissen. Da wurde mir etwas schwindlig. Es war sehr unterhaltsam.

Als ich auflegte, fiel mir auf, dass ich ja öfter mal meinen Vater anrufen wollte. Also tat ich das. Er befand sich gerade im Bus auf dem Weg zurück ins Dorf. Er war von meiner Schwester versetzt worden und hatte Geschenke für die Kinder dabei. Er war sehr gekränkt und sauer gleichzeitig. Ich sagte zu ihm, dass das sicherlich ein Missverständnis gewesen sein muss, zum einen, weil ich mir sicher war, dass sich keine böse Absicht dahinter versteckte, meine Schwester war schließlich nicht so und zum anderen konnte ich natürlich kaum sagen, dass sie gerade alle bei Mutter saßen und Spass hatten.
Wir plauderten ein wenig. Er war der einzige Passagier im Bus. Der Bus fährt dort etwa 20 Minuten durch eine Schlucht hinauf. Die Verbindung brach natürlich ständig ab. Das war vor vielen Jahren schon so und das ist immer noch so. Dieser Satz: ich bin im Eggental, die Verbindung wird gleich abbrechen. Drei oder vier mal.

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Ich verbringe mehrere Stunden in der Küche. Meine Frau ist gerade indisponiert. Ich backe Brot, bereite einen Salat für später zu, mache Ofenpaprika, koche eine Haferschleimsuppe mit Gemüse und räume auf.
Perfekt gegen Nackenschmerzen.

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Später am Nachmittag wird ein Interview unseres Torwarttrainers publiziert. Der Torwarttrainer ist Ungar und hat der großen, Orban-nahen Zeitung ein Interview gegeben. Ich meine nicht unseren Cheftrainer Pal, der auch Ungar ist, sondern den Torwarttrainer.
Er schwafelt viel über die Nation und sagt wörtlich “wir, als Vertreter der nationalen Seite” und, dass Europa bei der Einwanderungspolitik moralisch tief abgesunken ist und er äußert Kritik über den ungarischen Nationaltorhüter, der die Fidesz Regierung wegen ihrer queerfendlichen Politik kritisiert. Es ist alles legal und nicht direkt diskriminierend, was er äußert. Seine Worte sind klug gewählt. Dass er ein großer Unterstützer der Orban-Politik ist, wird aber ganz offensichtlich, wobei er sich da auch rausreden könnte, wenn es drauf ankäme.

In allen Faninitiativen, Gruppen und meinem Twitterstream brennt es. Ich verfasse eine Mail an das Präsidium von Hertha BSC. Dass diese Aussagen nicht mit den Werten des Clubs vereinbar sind. Ich erhalte sofort eine Antwort aus dem Präsidium, dass man schon an dem Thema dran sei und man es sehr wichtig nehme. Es ist Ostermontag. Die Geschwindigkeit der Antwort beeindruckt mich. Eine offizielle Stellungnahme dazu soll es morgen geben.

Das Thema beschäftigt mich bis in die späten Abendstunden.

[Tagebuchbloggen. Sonntag, 4.4.2021]

Eigentlich wollten wir einen der Ostertage für den Osterputz reservieren, da es uns aber an Begeisterung fehlte, tasteten wir uns Tag für Tag an den Osterputz heran, hielten uns immer die Option des Putzens offen, aber fanden immer Gründe, es dann doch nicht zu tun. Der Hauptgrund war die Temperatur. Das Schöne an einem Osterputz ist ja das Fensterputzen. Also alle Fenster öffnen und die Wohnung durchpusten und dann Putzmittel an die Scheiben.
Nicht, dass ich je zu Ostern geputzt hätte, aber so kenne ich es noch aus meiner Kindheit. Was ich allerdings immer hasste: wenn meine Mutter den heimelig gewordenen Wintermuff durch nach Flieder riechendem Putzgestank ersetzte.

Bei uns sind es die Fenster. Wir wohnen jetzt 5 Jahre in dieser Wohnung. Wir sollten wirklich mal die Fenster putzen. Andererseits: warum eigentlich?

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Wir gehen spazieren. Die Parks und die Straßen sind leer. Es fühlt sich ein wenig nach Weihnachten an. War das zu Ostern immer schon so oder ist das coronabedingt? Coronabedingt. Auch so ein Wort.

Es ist Derbytag. Im Park sehe ich einen Mann mit seinem Sohn Fussball spielen. Er trägt eine Hertha Jacke. Wir sehen einander aus der Ferne. Nicken wissend.

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Es ist ein langsamer Tag. Um sechs Uhr beginnt das Spiel. Es endet 1:1. In der ersten Halbzeit hat meine Mannschaft eine halbe Stunde lang unsere Geniälität gezeigt um sich danach wieder den Schneid abkaufen zu lassen.
Das 1:1 lässt mich merkwürdig emotionslos zurück.
Nach dem Spiel schauen wir die Doku der Covid Station weiter.

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Danach bin ich noch kurz aus dem Haus, zur Apotheke mit Notdienst. Nix schlimmes.

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Mehr war irgendwie nicht.

[Tagebuchbloggen. Samstag, 3.4.2021]

Zum Frühstück schauten wie diese Doku vom RBB aus der Covid Station der Charite. Drei Folgen nur. Darüber, wie das Pflegepersonal in der Krise lebt. Darüber, wie die Leute wegsterben. Über Angehörige.
Zu Beginn musste ich das Frühstück weglegen. Diese große, junge Frau, die da auf dem Bauch liegt und künstlich beatmet wird. Wie sie da so hilflos liegt. Das war kein Film. Das war Realität und vielleicht 3 Kilometer Luftlinie von meinem Sofa entfernt.

Die Betten werden wieder voll. Es geht immer um Betten, Betten, Betten.

Das Telefonat der Pflegerin. Wenn sie den Angehörigen ankündigt, dass die Patientin heute sterben werde. Ob man sie begleiten möchte. Die Angehörigen die dann abwinken. Wie die beiden Pflegerinnen dann an dem Bett sitzen, die Hand der Patientin halten und die Herzlinie zum erliegen kommt. Boah, Kloss im Hals.

Gleich erging es mir eine Folge später. Bei der kleinen, dicken Frau mit dem Hoodie. Wie sie zuerst über ihre Mutter schimpft und danach Abschied nehmen muss.

Die Mutter ist längst nicht mehr da, sie wird nur noch beatmet. Der Arzt erklärt der Tochter, was passieren wird. Die Temperatur wird heruntergefahren, der Körper werde sich selbst überlassen, aber er versichterte ihr, dass ihre Mutter Mittel bekäme, damit sie nicht leide. Ihre Tochter geht raus, kommt wieder rein, geht raus, kommt wieder rein, fässt noch einmal die kalte, blaue Hand der Mutter an. Geht wieder.
Diese Hilflosigkeit der Gefühle.
Ich habe wieder diesen fetten Kloss im Hals. Ey, ich habe seit Jahren nicht mehr geweint, ich weiss nicht, was los ist.

Danach kommt das Pflegepersonal. Sitzt daneben. Die Kurve auf den Monitoren verflacht wieder. Einer geht zum Fenster und kippt es. Das machen sie offenbar immer. Damit die Seele raus kann. Der andere geht zur Maschine mit den hundert Knöpfen. Er schaltet sie alle einzeln aus. Buchdeckel zu. Das nächste bitte.

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Ja, das Sterben an sich hat nichts mit Corona zu tun. Dennoch: Während es sich bei den einen um Betten Betten Betten dreht, stehen die anderen in Stuttgart herum und brüllen, dass das alles ein Witz ist.

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Meine Frau möchte zum Ostkreuz spazieren. Bevor wir aus dem Haus gehen fragt sie, ob ich die Schlüssel und meine Hertha Sticker dabei habe.
Als sie das sagt, muss ich kurz innehalten. Dieses Bild. Die 47-jährige Professorin erinnert den 46-jährigen Manager an seine Herthasticker, damit er den Kiez vollkleben kann.
<3
Mich überfällt ein spontanes Knutschbedürfnis.

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Wir besuchen wieder den Eisladen. Nachdem ich gestern aufschrieb, dass sie immer das gleiche Eis nimmt und immer sehr glücklich dabei wirkt, während ich mit Experimenten meistens danebengreife, griff ich diesmal zu Altewährtem und Traditionellem: Straciatella und Vanille. Ja, war OK. Glücklich hat es mich aber nicht gemacht. Sie nahm hingegen eine warme, belgische Waffel mit Vanilleeis und Sahne. Das hätte mich auch gereizt, aber das wäre ja ein Experiment gewesen.
Sie wirkte sehr glücklich damit.

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Zuhause legten wir uns ins Bett und ich las Sarah Raich vor. Kurzgeschichten. Ich folge Sarah Raich auf Twitter, nachdem ihre Texte so gut besprochen wurden. Ich las drei Geschichten vor. Die Texte fingen mich aber nicht sonderlich. Zwar mag ich diese seltsame Belanglosigkeit. ZB die Geschichte mit der verlorenen Katze. Also eine Katze verschwindet, die Protagonistin macht sich auf die Suche nach ihr, es passiert dies und das, unter anderem besucht sie eine Nachbarsfrau die ein bisschen seltsam ist, die aber ihre Katze nicht hat, später ist sie dann wieder zuhause und dann kommt diese Nachbarsfrau zu ihr, die jetzt die Katze doch bei sich hat. Die Katze war wohl schon seit einigen Tagen bei ihr. Eigentlich ein gutes Setting für eine Kurzgeschichte. Es gibt ein paar schöne poetische Momente, wie dieser seltsame Moment, an dem die Katze zurückgegeben wird, die Unentschlossenheit der Nachbarsfrau bei diesem doch folgenschweren Entschluss.

Dennoch haben mich die Texte nicht eingefangen. Aber ich übersehe vermutlich etwas. Vielleicht war ich auch zu müde.

Meine Frau schlief nach dem ersten Absatz ein. Das sagt aber nichts über den Text aus. Sie schläft immer ein, wenn ich vorlese.

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Wir machen uns Pizza aus Tortillas. Schmeckt phantastisch.

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Danach schauen wir Harold and Maude. Ich habe tatsächlich noch nie Harold and Maud geschaut. Am Ende stirbt sie. Was ist denn los heute mit diesem Gesterbe? Kloss und Hals und wieder fucking feuchte Augen.

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Morgen ist Derby.

[Tagebuchbloggen. Freitag, 2.4.2021]

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Am Vormittag bei Kaffee und Muesli unterhalte ich mich mit ein paar Freundinnen in unserer Telegramgruppe über das richtige Gendern. Wir sind weitgehend der selben Meinung, diskutieren eher über Details. Dass das generische Maskulinum überholt ist, steht außer Frage. Nun ist die öffentliche Diskussion darüber, wie richtig gegendert werden soll, noch längst nicht abgeschlossen und sie wird sicherlich noch eine Weile andauern. Ich will mich aus der feingranularen Diskussion auch raushalten, als weißer Mann bin ich nicht von der Inklusion betroffen und will daher nicht über die korrekte Form mitreden. Ich kann alle Argumente pro Sternchen und contra Doppelpunkt bzw contra Binnen-I und pro Unterstrich nachvollziehen. Ich finde die Diskussion allerdings auch oft etwas zu verkopft und übervorsichtig. Natürlich ist Inklusion wichtig, aber dennoch will man am Ende die Sprache dahingehend ändern, dass sie praktikabel wird und eine allgemeine Akzeptanz findet.

Ich halte mich an den gefühlten Standard. Zur Zeit ist das der Doppelpunkt. Sollte ich das Gefühl haben, dass eine andere Form besser akzeptiert wird, werde ich meine Gewohnheit entsprechend ändern. Ich glaube, es geht bei Sprache immer um Akzeptanz oder auch um Authentizität. So entsteht Sprache.

Wobei ich bei der Anwendung des Doppelpunktes nicht sehr konsequent bin. Ich bevorzuge in der Regel das weibliche Generikum. Ich weiss, das ist nicht inklusiv genug, aber das weibliche Generikum kommt mit einer Wucht daher, der ich meist nicht widerstehen kann. Das weibliche Generikum sieht man im Textbild nicht kommen, weil es sich versteckt, anders als Sternchen oder Doppelpunkte, und es haut uns raus, es zwingt uns über Geschlechterrollen nachzudenken und sie zu hinterfragen. Das mag ich.

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Auf einem langen Spaziergang kaufen wir uns ein Eis. Sie nimmt Straciatella und Pistazie. Ich bestelle etwas Experimentelles, das mir nicht schmeckt.
Eigentlich ist das immer so bei uns. Sie nimmt immer das Gleiche und ist glücklich damit und ich kaufe immer etwas Unbekanntes und bin 95% der Zeit enttäuscht. Andererseits: wenn ich mal einen Treffer lande. Dann rede ich noch Wochen später darüber.

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Es ist Karfreitag. Ich habe das Bedürfnis Fleisch zu essen und Blasphemie zu sprechen. Vermutlich ist mir das Thema “Letztes Abendmahl” zu Kopf gestiegen und das ganze Thema Christentum breitet sich in mir aus. Wir haben aber so gut wie nie Fleisch im Haus, wir essen eher selten Fleisch. Manchmal hat meine Frau ein bisschen Schinken, aber ich mag Schinken nicht besonders. Warum sollte es am Karfreitag also anders sein, ich hätte mich besser vorbereiten sollen. Eine fette Salami würde heute passen.

Ich habe auch versucht, die Zeitfolge des letzten Abendmahles nachzurechnen. Das kann zeitlich nicht stimmen. Wenn Jesus am Donnerstag das letzte Abendmahl zu sich nahm und am nächsten Morgen verhaftet wurde, dann den Prozess bekam, verurteilt wurde und dann das Kreuz die ganze via Dolorosa zum Kalvariusberg hinaufschleppen musste um dort ans Kreuz gehangen zu werden. Das sind mir ein paar zu viele Ereignisse an einem einzigen Tag. Ja, es kann natürlich auch ein richtiger Kacktag gewesen sein, wir kennen alle diese Kacktage, an denen wirklich alles zusammenkommt, aber Kreuzigungen sind ja bekannt dafür, dass sie dem Tod ein langes Leiden voransetzen und mit langem Leiden sind üblicherweise Tage gemeint und nicht wenige Stunden, auch wenn die Dornenkrone und die Essigwunde den Prozess sicherlich beschleunigt habe könnten. Aber alles an einem Tag? Das finde ich eher unwahrscheinlich.

Ja, ich könnte das alles googlen, ich bin sicherlich nicht der erste, der diese Kacktag-Theorie etwas seltsam findet.

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Am Abend wollen wir einen Film schauen. Es ist Karfreitag, ich schlage vor, einen Jesusfilm zu schauen. Meine Frau verdreht die Augen. Ich google “die 10 besten Jesusfilme”. Es kommen zahlreiche Listen mit den besten Jesusfilmen. Peinlicherweise auch “Osterauswahl – die besten Filme über Jesus”. Ich bin offenbar nicht der erste, der sich zu Ostern Gedanken über Jesus macht. Ich fühle mich sehr durch Vorhersehbarkeit enttarnt.

Deswegen schauen wir den Film über Harriet Tubman, die Frau, die 1849 aus der Sklaverei entfloh und danach über elf Jahre hinweg 70 Menschen aus der Sklaverei befreite. Eine beeindruckende Geschichte.

[Tagebuchbloggen. Donnerstag, 1.4.2021]

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Ich kann mich noch an eine Newsmeldung erinnern, das war in den Nullerjahren, dass eine Softwaregruppe, eine neue Technologie entwickelt hatte, mit der man Dateien, egal in welcher Größe, auf nahezu 0 Kilobyte herunterkomprimieren könne. Das nannte sich LZIP, Lossy ZIP.

Ich muss gestehen, dass ich Aprilscherze mag. Und Menschen, die sich über Aprilscherze aufregen, finde ich ja immer etwas elitär cool oder humorlos. Meistens beides.

Dieses Wow-Gefühl mit dem ich damals in den Artikel einstieg und dieses WTF-Gefühl mit dem ich über die Erkenntnisse las, wie man festgestellt habe, dass man die meisten Inhalte in jeglichen Dateien zu Metadaten zusammenfassen könne. Die ersten multiplen Fragezeichen kamen in mir erst auf, als der Artikel beschrieb, dass meistens sogar Metadaten irrelevant seien und man viele Inhalte schlichtweg ignorieren könne.
Es sagt ja immer einiges über die Leute aus, die auf einen Scherz hereinfallen.

Im Kollektiv auf etwas hereinfallen, bzw das Kollektiv dabei beobachten, das funktioniert ja nur, wenn der Scherz als solcher institutionalisiert ist. Ob diese Institution nun Postillon heisst oder dieser auf ein Datum festgelegt ist, ist dann egal.

Natürlich kann ich nachvollziehen, dass Nachrichtenseiten, aufgrund der seltsamen Zeiten von salonfähigen Verschwörungstheorien und dem Phänomen der Fakenews, lieber davon absehen. Schade finde ich es dennoch. Auch wenn die meisten Witze schlecht sind.

Dieses Jahr war das erste Jahr, in dem ich keinem Aprilscherz begegnet bin.

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Mein Arbeitsalltag besteht zur Zeit aus 95% Meetings. In 80% dieser Meetings bin ich stiller, aber erforderlicher Zuhörer. Das ist keine gute Entwicklung.

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Heute breche ich das Fasten. Ich werde also zu Abend essen. Einfach so. Weil ein langes Wochenende ansteht und wieder einige Zeit vergangen ist und meine Gewichtsabnahme etwas stagniert und ich gerade Lust drauf habe etwas zu essen und zu trinken. Wir haben uns auf Pasta mit Bier geeinigt. Während ich diese Zeilen aufschreibe fällt mir ein, dass Ostern ja das offizielle Fastenbrechen markiert, also im christlich-kulturellen Kosmos. Das ist natürlich ein lustiger Zufall.

[…]

Gerade gegoogelt. Der Gründonnerstag (also heute) wird im Christentum traditionell als Speisetag zelebriert, dessen Ursprung mit dem Fastenbrechen einhergeht. Wenn Jesus morgen stirbt, dann müsste heute auch das Datum des letzten Abendmahles sein. Aber ein schnelles Googlen liefert dazu keine Antwort, scheint also nicht wichtig zu sein. Mir auch wieder egal.

Als Kind fand ich das letzte Abendmahl total faszinierend. Ich malte ja. Mit Buntstiften und Wasserfarben. Als Kind verehrte ich u.a. Leonardo da Vinci. Ich zeichnete seine Skizzen nach, vor allem die Studien, Arme, Hände, Bewegungen, aber auch die Flugstudien, das wirkte auf mich alles so einfach und gleichzeitig gescheit. Und das letzte Abendmahl. In einer Doku hatte ich gelernt, dass die Apostel in Dreiergruppen postiert waren. Dass ein Maler auf die Idee kam, zwölf Apostel in Dreiergruppen zu bündeln, das fand ich als Kind unheimlich intellektuell. Ich zeichnete tatsächlich oft das letzte Abendmahl. Und Judas mit dem Geldbeutel. Diese Symbolik. Immer wenn ich irgendwo ein Gemälde eines Abendmahles sah (wovon es in den unendlich vielen Kapellen und Kirchen meiner Kindheit zahlreiche gab), lag meine Augenmerk immer auf den Geldbeutel des Judas.
Die unbekannten und namenlosen Maler der meisten Abendmahle postierten die Apostel natürlich nie in Dreiergruppen, deshalb verachtete ich sie auch ein wenig. Aber Judas und sein Geldbeutel, der kam überall vor. Immer anders. Mal mit einem größeren Beutel, mal kleiner, mal mit einem teuflischen Grinsen, mal nicht. Vermutlich gibt es über Judas und seinem Geldbeutel tausende geokulturelle Studien.

Was ich aber eigentlich sagen wollte; heute ist Fastbrechtag und nicht mein letztes Abendmahl.
Ich bereite Bärlauchpesto zu und öffne uns gutes Bier von Berliner Berg. Nach dem ersten Bier werde ich schon cremig. Ich bin den Alkohol nicht mehr gewohnt. Wir sitzen in der Küche und albern herum.

[Tagebuchbloggen. Mittwoch, 31.3.2021]

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Huch, ich wusste gar nicht, dass es einen 31. März gibt. Es sieht falsch aus.

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Es ist Derbywoche. Meine Frau hat versprochen, bis Sonntag nicht mehr ihre rote Mütze zu tragen. Vermutlich auch darüber hinaus. Das Wetter kommt ihr da sehr entgegen.

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Ich wurde darauf hingewiesen, dass die Audioaufnahmen zu den Blogeinträgen seit drei Tagen hallig klingen. Kurzer Qualitätscheck meinerseits ergab, dass das stimmt. Ich weiss nicht, woran das liegt, ich vermute aber, dass ich den Abstand zwischen meinem Mund und dem Mikrophon etwas verkleinern muss. Zwar kann ich mir nicht vorstellen, dass das Mikrophon sich so dynamisch verhält, dass es beim Abstand mehr Umgebungsgeräusche aufnimmt, aber man weiss ja nie, Technik hat mich schon oft überrascht.

[…]

Eine Probeaufnahme hatte wieder Hall. Es wäre bei der Aufnahme dieses Beitrages also wieder schiefgegangen. Ich zog mehrere Kabel und schaltete Geräte an und aus. Eine Analyse des Problems verfolgte ich nicht. Eigentlich will ich immer alles verstehen. Aber diesmal fehlte mir der Nerv. Danach ergab die Probeaufnahme, dass es wieder funktioniert. Eine mögliche Schuldige ist die externe Webcam, die über ein eingebautes Mikrophon von niedriger Qualität verfügt. Möglicherweise wurde die durch ein Reset eines Gerätes zum Standardgerät hochgestuft und nahm nun den Audioinput entgegen.
Ich werde ab jetzt darauf achten. Der hallige Klang ist wirklich nicht angenehm zu hören.

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Am Abend verabredeten wir uns wieder an unserem Erkerfenster und schauten auf die Strasse. Ich habe Angst, dass mir das im hohen Alter gut gefallen würde. Aus dem Fenster lehnen und mit einem Glas Bier das Straßenleben zu kommentieren.

[Tagebuchbloggen. Dienstag, 30.3.2021]

Es ist jetzt schon Ende März. Ich merke, dass ich dieses Tagebuchbloggen nun länger durchgezogen habe, als ich gedacht hatte. Der erste Tagebuchblogeintrag ist vom 8. Februar, es sind also fast zwei Monate vergangen, ich muss sehen, wie ich das weiterführe, irgendwann werde ich die Entscheidung fällen müssen: so jetzt höre ich auf, das muss aber mit einem Patzbumm passieren, sonst traue ich mich nicht, einfach mal einen Tag auszulassen. Dieses konsequente, tägliche Aufschreiben ist nämlich dieser eigenartige Sog des Tagebuchbloggens, sich tagsüber die Notizen machen, manchmal schon ganze Fragmente aufschreiben, und am Abend dann alle Notizen, Fragmente, Erinnerungen und Höhepunkte des Tages auf ein kleines Podest stellen und sie anmalen.

Es muss auch an Tagen geschehen, an denen nichts passiert ist, es muss jeden Tag passieren, sonst funktioniert es nicht. Mittlerweile bin ich schon in eine Routine gekommen, die Routine und ich als eingespieltes Team. Am frühen Abend bringe ich die ersten Fragmente in Form, im Laufe des Abends kommen weitere dazu, bis zum Schlafengehen ist alles feingeschliffen. Dann gehe ich schlafen. Über Nacht lasse ich den Text gären. Am Morgen beim Kaffee lese ich alles nochmal durch, korrigiere es, ändere manchmal größere Passagen und spreche es dann in das Mikro. Genau. So klinge ich immer am Morgen. Meist scheint die Sonne noch nicht, ich habe ja Schlafprobleme.

Nur die Rechtschreibfehler. Und überhaupt Fehler. Die bekomme ich nicht raus. Ich bin blind für meine eigenen Fehler, ich strenge mich wirklich an, aber ich sehe sie meist schlichtweg nicht. Weil der Text immer ein Text ist, der aus meinem Bewusstsein herunterkopiert wurde, ich hatte ihn daher innerlich schon vor Augen, natürlich formuliere ich in meinem Bewusstsein fehlerfrei vor und denke immer alle Kommas mit. Wenn der Text dann vor mir liegt, bin ich blind für Schreibfehler.
Das mit den Kommafehlern ist immerhin etwas besser geworden, es ist nicht behoben, aber immerhin besser geworden.

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Ich bin nach einer Woche wieder ins Büro gefahren. Nach anfänglicher Paranoia um Aerosole entspannte ich mich bald wieder. Weil das Büro so leer ist sitze ich so gut wie immer in einem eigenen Raum. Natürlich weiss ich, dass nur einmal die falsche Person hereinkommen braucht und ein Aerosol zu viel ausstoßen. Aber dennoch. Ich habe wieder meinen bequemen Stuhl und meinen Arbeitsweg. Wie sehr ich diesen Arbeitsweg vermisst habe. Diese 25 Minuten Fahrradfahren, bisschen abschwitzen, auf Temperatur kommen, raus aus meinem Privatleben, das tut mir ungemein gut.

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Zwei Menschen, die ich kenne, hätten heute geimpft werden sollen. Beide sind weiblich und unter sechzig und beiden wurde wegen der Thrombosengefahr der Impftermin gestrichen.

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Zu spät merke ich, dass draussen die Sonne scheint und es 22 Grad hat. Ich hätte früher aufhören sollen zu arbeiten. Zuhause lehnen meine Frau und ich uns aus dem Erkerfenster und plaudern. Bestimmt eine Stunde lang, so rausgelehnt aus dem Fenster, schauen hinunter auf die Strasse, und im Westen der untergehenden Sonne nach. Sie füllt sich das Weinglas nach.

[Tagebuchbloggen. Montag 29.3.2021]

Es gibt nicht viel über diesen Montag zu berichten. Es war Tag 6 im Homeoffice und ich habe mich langsam daran gewöhnt. Ich hasse es zwar immer noch, aber ich habe mich eben langsam daran gewöhnt. Allerdings merke ich, dass es mir wieder schwer fällt Wochentage von den Wochenenden zu unterscheiden. Die Tage werden wieder zu Brei. Ich bin mir sicher, dass man dafür eine Routine entwickeln kann, wie man ja gegen jede Form von Eintönigkeit eine Routine entwickeln kann.
Aber morgen gehe ich wieder ins Büro.

Was habe ich heute rückblickend also getan? Ich war wieder bei einem Test. Dann hatte ich viele Calls und danach Nackenschmerzen. Zu Feierabend habe ich dann einen anderen Browser genommen und bin da sitzen geblieben. Dann habe ich die Küche aufgeräumt und die Oberflächen geputzt. Ich liebe es, wenn die Oberflächen der Küche geputzt sind. Das Putzen mag ich nicht so. Aber danach: echt super.

Damit es im Homeoffice nicht so aussieht, als wohnte ich in einer leblosen Wohnung, hing ich das Arktisposter in meinem Hintergrund auf. Ich wollte die Karte der Artkis ursprünglich ja 2×2 Meter groß oder sogar noch größer haben. Sie ist aber nur ein Quadratmeter groß geworden. Aus technischen Gründen. Das sieht jetzt in der Webcam total schlecht aus. Ein blasses, grauhellblauweisses-Quadrat.

[Tagebuchbloggen. Sonntag, 28.3.2021]

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Am Morgen ass ich dann Svens Fastlagsbullar und als ich das letzte Stück schmatzend verschlungen hatte, googelte ich, was es jetzt mit dem Namen auf sich hat. Wie erwartet, aber erfolgreich verdrängt, ist es natürlich keine Fastenspeise, sondern eine richtige Bombe, keine Ballaststoff-und-Wasser-Bombe, sondern ein richtiges Fett-und-Zucker-Explosiv.

Der Name kommt laut Wikipedia aus der Faschingstradition, die ja den Beginn der Fastenzeit markiert, Fastlag ist etwas ähnliches wie Fastnacht, Fastlagsbullar müsste daher in die europäische Tradition der Faschingskrapfen oder Oliebollen fallen, bzw Berliner Pfannkuchen und Bomboloni. Auch wenn die skandinavische Variante mit Sahne und Mandelmus bzw Marzipan zubereitet wird. Sie werden aber auch zum Fastenbrechen konsumiert. Und sicherlich auch zwischendurch. Und zwischen Ostern und Fasching. Fasching. Wusste gar nicht, dass das ein Ding sei in Schweden.

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Ich bekam einige Zuschriften, mit der Frage, was es mit dieser Diät auf sich hat, was ich genau machen würde um 16 Kilo in nunmehr 5 Monaten abzunehmen. Ich antwortete, dass ich das demnächst mal aufschreiben werde. Als Tagebucheintrag. Als ich damit begann, merkte ich ziemlich schnell, dass mir beim Aufschreiben dieses Themas, die Ideen ziemlich aus den Fingern prasselten. Meist ist das der Anfang eines längeren, guten Textes. Diese Idee, von der man noch nichts wusste, die man in sich trug. Wenn der Ideeenregen plötzlich losprasselt.

Da der Text anwuchs, beschloss ich, mir etwas Zeit zu geben und daraus einen eigenen Blogbeitrag zu verfassen, für einen Tagebucheintrag würde es dann doch zu umfassend und gewichtig werden. Während ich den Blogeintrag schrieb, merkte ich aber auch, dass ich mich ständig kurz fassen musste und ich eigentlich noch weiter ausholen wollte, jetzt denke ich, hey, vielleicht sollte ich einen lustigen Lebensratgeber schreiben, übers Abnehmen, lustige Sachbücher wollen heutzutage doch alle, die dominieren die Bestsellerlisten, ich könnte damit reich werden und mir ein Häuschen in der Arktis kaufen.

Später verwerfe ich den Gedanken wieder. Ich bin lieber cool als reich.

Neulich im Herthabase Podcast lobte man meine Stimme und verortete meine Sprachaufnahme bereits im ASMR-Bereich. Das liegt mir eher. Reich werden indem ich Menschen errege.

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Am Abend spricht dann die Bundeskanzlerin im Fernsehen, bei Anne Will. Ich sehe eine seltsam unentschlossene Politikerin. Auch wenn ich ihre Ausgeglichenheit in diesem Puppentheater von narzisstischen Alphacharakteren immer sehr geschätzt habe, merke ich, dass sie auch viele Facetten verkörpert, die ich an diesem Land seit nunmehr zehn Jahren nicht mehr ausstehen kann. Diese seltsame Starre, diese Verharrtheit im Erreichten, diese Angst vor Veränderung, diese Visionslosigkeit, diese fehlende Lust etwas zu tun, dieses zwischen den Stühlen sitzen und es allen recht machen zu wollen.

Ich muss den Bildschirm verlassen. Ich halte es nicht aus.