in passaggio

So, jetzt erstmal für zwei Wochen dorthin wo der Pfeffer wächst.
Passt für die Zeit bitte selbst auf euch auf.
See you dann in Wien.

Lesung in Wien

In der Stadt in der immer Herbst ist, mit meinem Glaubensbruder, der immer Wien ist, und der Madame deren Geschichten nach Novemberregen riechen, und die grossartige Frau Engl, und die fabulöse Lyssa, die beide bestimmt auch irgendwas herbstliches an sich haben, wenn wir lange danach suchen.

Ach, wie freue ich mich darauf, mich in Wien endlich mal nützlich zu machen, und den Wienern Geschichten vorzulesen. In der, oha, Herbststrasse. 37. Elfsechszig Wien.

Gibt es Wiener die hier mitlesen?

Update fr. 15.09.: Das ganze ist eine Kooperation zwischen Modeste Entertainment und Twoday.net.

Wiener Herbstlesung

Ahoi polloi

Ahoi Polloi
(Gott, gibt es den schon lange? Bin ja erst beim Mai, und kein Ende in Sicht)

via

als die Entwicklungsabteilung zum Dönerladen lief

“So sehen Bugs aus, bevor man sie auf den Rechner loslässt”

der Aufstand der Pilze (I)

Leo war Hobbybotaniker und kam sich meistens ziemlich bescheuert vor. Aber dies war weiters nie besonders schlimm, da er im Allgemeinen eine grandiose Persönlichkeit war. Ich muss allerdings hinzufügen, dass die allerwenigsten Menschen seine Persönlichkeit zu schätzen wussten, um genau zu sein, kannte ich niemanden ausser mir, der diese Meinung teilte, vor allem jene Menschen nicht, die gezwungenermassen mit ihm zu tun hatten, seine Mutter beispielsweise, oder sein Vater, auch wenn Letzterer es erfolgreich geschafft hatte ihn zu ignorieren, oder seine Sorgen wenigstens ausschliesslich auf die Pflege seines Vorgartens zu lenken. Er war es, der Leo einige Jahre bevor wir uns kennenlernten aus dem elterlichen Haus geworfen hatte und nun Leos Miete bezahlte. Eine weitere Rechnung halt, neben Strom, Gas, Zeitung. Aber wohl allemal besser als tagtäglich seiner missratenem Hinterlassenschaft in die Augen sehen zu müssen.
Leo hatte zweifellos seine Schwächen, hauptsächlich sozialer Natur, er war halt ein wenig, wie soll ich sagen, eigenbrötlerisch. Zu stören schien ihn sein mangelndes soziales Leben jedoch nie, genauso wenig kümmerte ihn sein nicht vorhandenes Geld. Er lebte wie eine Sparflamme, wenn er ass, dann lustlos, wenn er trank, dann nur weil sein Körper alle möglichen Alarmglocken schlug, und reden, ach, das war immer ein bisschen schwierig. Und meist sowieso übeflüssig. Was nicht heisst, dass er nicht sprach, nein ganz im Gegenteil, wenn ihn die Materie interessierte, dann sprach pausenlos, aber es fiel ihm schwer sich für etwas anderes zu begeistern als seine grosse Leidenschaft: die etwas merkwürdige, aber meinetwegen wunderbare Welt der Pilze.
Pilze waren sein ganzes Leben, er konnte stundelang pelzigen Schimmelstrukturen auf Äpfeln beim Wachsen zusehen, als würde er jede einzelne Spore beim Namen kennen, im Laden steckte er verschimmelte Erdbeeren einfach in die Hosentasche und lief weiter, er hatte sogar ein kleines Beet zuhause in der Wohnung, in dem er Champignons züchtete.
Wären damals Computer schon so verbreitet gewesen wie sie es heute sind, dann wäre er ein gewöhnlicher Nerd gewesen, aber der Draht zum Silizium blieb ihm, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, schlichtweg verwehrt. Eine verpasste Chance. Und so nahm das Schicksal meines Freundes seinen dramatischen Lauf.

Er erzählte mir, dass alles mit einem Kombuchapilz angefangen hatte. Kombucha sind die Dinger die aus Thee mit Zucker gesunden Apfelessig ausscheiden. Er nannten ihn Peter, ein mittlerweile mehrere Zentimeter dicker, ledergleicher Lappen, der in süssem Theewasser ab und zu fröhlich vor sich hin blubberte. Mit den Kindern die Peter abwarf, experimentierte er, versuchte es mit grünem Thee, mit Salz, mit Cola, Bier, Schnaps. Die allermeisten starben, aber es gelang ihm, ziemlich genau die Schmerzgrenzen des Pilzes zu erkunden. Später war ihm alles egal, er liess den Pilz mit schädlichen Schimmeln befallen, wagte bizarre Kreuzungen mit Holzpilzsporen, oder schnitt ihn in Stücke. Jedenfalls schien es mir als sei es ihm egal. Später stellte sich allerdings heraus, dass alles zu einem grösseren Plan zu gehören schien, an dem er schon seit Langem arbeitete.

Seine Mutter bekam irgendwann Wind von meiner Freundschaft zu Leo und hatte mich ausfindig gemacht. Ohne Ankündigung stand sie plötzlich an meiner Wohnungstür und wollte mit mir reden. Über ihren Sohn. Ich sei ja sein erster Freund, ob mir nicht etwas einfallen könne, wie aus Leo doch noch etwas werden würde, ob ich nicht vielleicht jemanden kenne, der ihn einstellen würde, sei es auch nur in einer Fabrik, zum Käseschneiden, vielleicht würde er dadurch aufblühen, den Sinn für ein geregeltes Leben entwickeln, Verantwortung lernen und zu schätzen wissen, ach er sei ja so schwierig und sträube sich gegen alles, vielleicht würde er ja auf mich hören, wäre das nicht was? Ich weiss noch, dass ich lange einfach so dasass und tat, als würde ich angestrengt über Leos Lebenslplanung nachdenken, aber ich wusste, dass das unmöglich war, ich kannte ihn damals schon lange und gut genug, überdies lag halb unter dem Sofa, neben ihrem rechten Schuh, ein gebrauchtes Kondom, das mich völlig nervös machte. Leo sei ja so intelligent, sagte sie, und ganz drin in seinem Herzen auch noch ein wirklich guter Junge. Sie habe ihn ja geboren, sie müssen das ja wissen.

“Pilze sind revolutionäre Gewächse” sagte Leo hingegen immer, wenn man seine Leidenschaft erwähnte. Egal ob man nun abfällig über den Geruch aus seinem Kühlschrank klagte oder den neuen Grünstich seines Joghurtschimmels bestaunte. Pilze waren jederzeit revolutionär. Und kein Anlass war ihm zu schade, dies zu erwähnen. Wenn er über seine Pilze sprach, blühte er richtig auf. Seine Augen bekamen einen hellen, fröhlichen Glanz, wobei immer ein leichter Schimmer Wahnsinn aufflackerte.
Der geneigte Leser wird sich natürlich fragen, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass zwischen Leo und mir eine Freundschaft entstanden war, oder noch verwunderlicher mag gar sein, wie es dazu kam, mit Leo ins Gespräch zu kommen. Nichts war leichter als das, wenn man das richtige Thema als Anlass hat.
Ich hatte giftige Pilze zu mir genommen. Nicht die giftigen von denen man Atem- oder Herzstillstand bekommt, sondern die Pilze die im Kopf ungeahnte Pforten zu Paradiesen und finsteren Kellerverliesen öffnen. In meinen jungen Jahren dachte immer, mich reichlich damit auszukennen, dass ich immer die mit dem breitesten Farbenspektrum erwischte, doch auch bei mir kam es vor, dass ich ab und zu einfach Mist pflückte. Und so geschah es, dass ich an jenem Abend, statt fröhlich vor mich hin zu virbrieren mit einem grausigen und hämmernden Schädel auf einer PKK Solidaritätsparty, mit Schnaps, den Presslufthammer in meinem Kopf zum Schweigen zu bringen versuchte. Wie ich auf jene Party gelangen war, weiss ich nicht mehr, aber Leo hatte diffuse revolutionäre Neigungen, und bei einem seiner seltenen Rundgänge ausserhalb seiner Wohnung, hatte ihn das Interesse für einen gewissen Vortrag über die PKK, der vor der Party stattgefunden hatte, dorthin gezogen. Er stand an der Bar, mit seinem typischen, verwirrten Blick und sah mich an, während ich ausser Atem, mit verdrehten Augen mich an den Tresen schmiss und meinen Focus auf den Schnapsbestand richtete. Die Dame hinter der Bar beachtete mich erst nicht und so sprach ich Leo an, er solle mir verdammtnochmal ein Mittel gegen Pilzkater empfehlen.
Das Stichwort “Pilze” war gefallen – und wir wurden Freunde.

Die Freundschaft beruhte anfänglich natürlich nur darauf, dass er in mir einen Kenner gefunden zu haben glaubte, jemand der ihm Psilocybinpilze besorgen konnte. Narrische Schwammerln, nannte er sie. Doch alsbald entwickelte sich eine Art Zuneigung zwischen uns, die lediglich darauf beruhte, dass wir uns über Pilze unterhielten. Das Thema gibt ja durchaus was her, und für mich war das alles neu. Dass Psilos mit Obstschimmel verwandt waren, konnte mich wirklich begeistern. Er entwickelte sogar eine gewisse Empathie, die sich dadurch äusserte, dass er immer zwei oder drei Flaschen Bier für mich im Kühlschrank stehen hatte. Alkohol trank er nie. Diese Aufmerksamkeit war auch die Einzige, aber es rührte mich, vor allem in der späteren Phase unserer Freundschaft, als ich merkte, dass diese kleine Aufmerksamkeit wirklich ungewöhnlich für ihn war.

Seine Wohnung war ein feuchter und ungesunder Ort. Dreissig morsche Quadratmeter in einem schattigen Hinterhof. Er züchtete dort hauptsächlich Speiseschimmel, da er mit diesen die schnellsten Resultate erzielte. Das läge jedoch hauptsächlich am sich leicht zersetzenden Nährboden, nicht am Schimmel selbst, klärte er mich auf. Schimmel auf Speisen sei auch die unwählerischste Sorte. So habe er in relativ kurzer Zeit fertiggebracht, gemeinen Brotschimmel mit Lacto-Schimmel, der Milchprodukte bevorzugt, zu kreuzen. Er sei verwundert gewesen, wie einfach der Brotschimmel sich an die neue Umgebung angepasst hatte, durch schlichtes Kreieren eines konstant temperiertes Miniatur-Biotopes – im Joghurtbecher! Er unterstrich die Wichtigkeit dieses Versuches mit der Begründung, dass beide Schimmelsorten vollkommen unterschiedliche klimatische Vorzüge besässen. Mit anderen, langsamer wachsenden Pilzsorten wäre ihm das freilich nicht so einfach geglückt, da die Generationen der Sporen sich nicht schnell genug an die Nahrungsbedingungen anpassen wollten, aber er arbeitete zur Zeit unseres Kennenlernens an einer Methode diese sogenannte Bestäubung zu beschleunigen. Erst später entwickelte er die eigentlich simplere Methode, die Nährböden erst zu mischen, und nach und nach den Einen der beiden Komponenten verringern.

Das war alles gut und recht, und auch sehr interessant. Das Besondere, oder gar revolutionäre an Pilzen wollte mir nie so recht einleuchten. Zumal die Zuchtmethoden mir nicht sonderlich raffiniert vorkamen, sondern eher der ganz gewöhnlichen Zucht von Früchten glich, wenn auch unter anderen Umständen. Immer wenn ich meine Bedenken, oder nennen wir es besser mein Unverständnis, dazu äusserte, hüllte er sich in geheimnisvolles Schweigen. Meistens nahm er dabei einen seiner kleinen Zuchtbehälter zur Hand, schaute vertieft in die sich darin befindende Flora (Leo hätte sich an dieser Stelle geärgert, und gesagt, dass Pilze keine Pflanzen seien, sondern den Tieren viel näher stünden), und brummte mantraartig Sätze wie: “Mein Freund, mein Freund, Grosses steht uns noch bevor, mein Freund.”

Hätte ich damals gewusst, was uns, oder ihm, bevorstand, dann hätte ich ihn womöglich am Kragen gepackt und ihn mit dem Kopf ins Wasser gesteckt, aber was sollte das bisschen Pilz da schon bedeuten, gab es bei mir zuhause ja auch, und doch, hatte er zu jener Zeit schon das Ziel klar vor Augen, es war lediglich eine Frage der Zeit, bis er die erforderliche Technik dazu entwickelt hatte. Aber ich greife vor.

Leo besass durchaus eine künstlerische Ader, der er jedoch weiter keine Achtung schenkte. Talent will ich es nicht nennen, aber durchaus Verständnis, für die Kunst. Einmal traf ich ihn bei eifrigem Gepinsel in seinem Badezimmer vor. Für den Schimmel in seiner Dusche hatte er einen optimierten Nährboden entwickelt, mit dem er jetzt sozusagen Wege von der verschimmelten Ecke, in geschwungenen Bögen über die rechte Badezimmerwand malte. Dieser Nährboden war lediglich eine etwas klebrige, durchsichtige Flüssigkeit, sie liess mich an Kleisterwasser denken, und roch ein wenig nach faulen Äpfeln. Die Zutaten interessierten mich nicht, ich war eher begeistert von der hingerissenen Art, in der er mit durchsichtiger Matsche die Wand verzierte. Das war ein Moment, bei dem ich an seine Mutter denken musste, wie gerne hätte sie vielleicht gesehen, wie ihr Sohn sich musisch betätigte, vielleicht war er bloss ein verkanntes Genie, ein Wunderkind dem man früher den Pinsel aus der Hand genommen habe.
Ich überlegte an jenem Abend ihn über seine Mutter anzusprechen, ihrem Wunsch etwas aus ihrem Sohn zu machen. Beschloss dann aber ein Bier zu öffnen und den neuen Grünton in einem Joghurtbecher zu bewundern.
Zwei Tage später, als ich ihm eine neue Ladung Narrische Schwammerln brachte, erschrak ich während dem Pinkeln zu tode, als mich Che Guevara von der rechten Badezimmerwand anstarrte. Kein Wunder also, dass ich ihm kein künstlerisches Talent sondern lediglich künstlerisches Verständnis zudichtete. Prangte jetzt doch tatsächlich dieser schimmelige Kommunist aus Bolivien an der Wand und schaute mir beim urinieren zu.

Mich zu sorgen, fing ich erst an, als ich dahinterkam, dass er den Badezimmerschimmel bis in sein Schlafzimmer hatte weiterwuchern machen. In sein winziges Schlafgemach kam ich eigentlich nie, irgendwie widerte mich Leo in Zusammenhang mit Körperlichkeit und Intimsphäre, an. Er war kein besonders gepflegter Mensch. Anders hätte er sich wohl kaum mit dieser Fülle an Schimmeln umgeben können.
Ich entdeckte erst eine grauschwarze Spur, in der selben Farbe des kubanischen Revolutionärs im Badezimmer, die vom Badezimmer aus über die Decke des Flurs in der geschlossenen Schlafzimmertür endete. Leo war im Wohnzimmer mit Pilzen beschäftigt und so öffnete ich vorsichtig und leise die Tür, die jedoch verschlossen war.
Zurück im Wohnzimmer sprach ich ihn sofort darauf an, wobei er ausweichend zugab, eine Schlafzimmerwand vom Schimmel befallen zu lassen wollen. Er wolle andere klimatische Bedingungen prüfen, sagte er erst, wurde dann aber, als ich ihn verägert über die gesundheitlichen Risiken hinwies, richtig böse, und verbot mir zu versuchen in sein Schlafzimmer einzudringen.
Er verschwieg mir etwas.
Es hätte mir damals sofort einleuchten müssen, dass ich es mit einem kranken, jungen Mann zu tun hatte.

Doch meine Zweifel, wurden eine Woche später sogleich über den Haufen geworfen, als er einen spektakulären Erfolg zu verbuchen hatte. Er rief mich hellauf begeistert an, ich müsse un-be-dingt vorbeikommen, er sei der erste Mensch dem es je gelungen sei, einen Steinpilz zu züchten. Eine Untertreibung. Als ich seine Wohnung betrat war ein neues, kleines quadratmeter Beet übersät mit dutzenden, achwas, hunderten kleinen Steinpilzen. Einfach so hochgeschossen, sagte er, er sei gerade dabei gewesen eine Symbiose aus gutartigen Edelschimmeln mit bösartigen Lederpilzen herzustellen, als er es aus der Ecke des Beetes seltsam habe rascheln hören.
Das war eine wirkliche Sensation, dessen Bekanntmachung einen gewöhnlichen Wissenschaftler zu Reichtum und Ruhm bis am Ende seiner Tage hätte verhelfen können.
Doch nicht für Leo. Er hatte Anderes vor.

Er fing dann an immer merkwürdigere Fragen zu stellen. Während er früher, berauschende Pilze verlangte, die er zwar nie schluckte, sondern erst die Haut des Hutes abschälte und den Rest in Säuren legte, war das für mich immer irgendwie nachvollziehbar, sei es auch nur deshalb, weil es sich um Drogen handelte, doch wollte er in der späteren Phase beispielsweise von mir wissen wie das eigentlich mit Fusspilz sei, ob ich das schonmal gehabt, und wo ich mir das eingeholt hätte. Ich sagte ihm, dass 12% aller westlichen Grossstadtmenschen von Fusspilz befallen sind, dass es daher wohl kaum schwierig sei, sich den einzufangen. Leo war begeistert von dieser meiner halbwissenschaftlichen Aussage (er nannte es überraschendes Mykologisches Fachwissen), und fragte mich ob ich mit ihm ins Schwimmbad gehen würde, da er von Schwimmbädern und deren für Fusspilz günstigen Voraussetzungen wusste.
So stand ich wenig später mit diesem käsebleichen, verwirrt dreinschauenden Kerl im Schwimmbad. Ich im Wasser um Atem ringend, er behutsam seine Kreise um das Becken ziehend. Es war mir nach kopfschütteln zumute, aber das tat ich in Bezug auf Leo schon lange nicht mehr.

Es ging dann plötzlich abwärts mit ihm. Er bekam einen vorerst leichten Husten, der bis zu meinem letzten Besuch bei ihm, immer lauter und von einem Röcheln begleitet aus den tiefsten Winkeln seiner Lunge hervorzukommen schien. Er klagte über Allergien, tat diese aber als lästige, jedoch unvermeidliche Nebenwirkungen seines Hobbies ab.
Eines Tages klingelte ich bei ihm und er tat nicht auf. Was mich sehr wunderte, weil das noch nie vorgekommen war. Ich fing an, mir Sorgen zu machen und hämmerte mit der Faust an die Tür, als er leichtbekleidet aufsperrte und mich bat zu einem späteren Zeitpunkt zurückzukommen. Er habe weiblichen Besuch, und müsse sich darum kümmern. Früher hätte ich mich wahrscheinlich darüber gefreut, an jenem Tag beunruhigte mich dieser Umstand jedoch. Er wirkte müde, ein wenig krank, noch blässer als sonst.
Er schwieg eine Woche lang. Doch dann rückte er mit der Sprache raus und erzählte mir von der Frau. Eine junge, hilfesuchende Frau, die er über eine Zeitungsannonce kennengelernt hatte. Als er das Wort “hilfesuchend” erwähnte, ahnte ich es schon, dass die junge Frau ein Pilzproblem haben musste. “Eine äusserst seltene Vaginalmykose” sagte er. Er sagte das, wie man jemandem sagt, dass man verliebt ist.
Aus der Liebe ist nichts geworden. Aus dem Pilz schon. Ich wollte nicht wissen was er damit vorhatte. Auch er schwieg.

Die Wohnung wurde von Woche zu Woche ungesünder. Mittlerweile waren so gut wie alle Wände vom Schimmel befallen, die Schimmelbehälter im Kühlschrank, auf dem Schrank, auf dem Herd, auf dem Esstisch, auf dem Wohnzimmertisch, quillten über, waren mit einer dicken, pelzigen Schicht überwuchert. Die Champignons und die Steinpilze befallen, alles was man anfasste schien mit Sporen bedeckt zu sein. Sein Bier rührte ich schon lange nicht mehr an.
Wir sassen nebeneinander auf dem Sofa, ich sagte, er sei ein Schmutzfink, dass er irgendwann daran sterben würde, dass ich nicht mehr kommen würde, wenn er nicht etwas gegen diesen Schimmelwucher unternähme. Dann entdeckte ich einen dunkelblauen oder dunkelgrauen, so genau weiss ich es nicht mehr, Fleck unter seinem Hemdärmel. Ich zog den Ärmel hoch und erschrak. Er reagierte nicht darauf, schaute zur Seite und fragte mich nach einer Zigarette. Die Erste, seit ich ihn kannte.
Er müsse mir etwas gestehen, sagte er. Er würde sein Experiment nicht zu Ende bringen können. Er würde wahrscheinlich bald sterben.
“Sie sind sehr aggresiv” wiederholte er mehrere Male, das habe er nicht erwartet, und lachte nachdenklich, fast ein wenig stolz, aber mit einer gewissen Wehmut. Er habe einen Plan, er könne mir noch nicht verraten worum es nun genau ging, aber es sei die Revolution, die Welt würde sich verändern. Er würde mir einen Brief schreiben, mir alles mitteilen, ich sei sein Erbe, ich müsse alles zu Ende bringen. Und ich solle nun besser gehen und nicht mehr wiederkommen.

Dem leistete ich Folge. Es schien mir ernst.

Es dauerte nur wenige Wochen, als die Zeitungen und das Fernsehen von diesem grässlichen Tod berichteten. Von dieser von Pilzen und Schimmeln überwucherten Wohnung, und von dieser zwei Meter langen bewachsenen Erhebung, in der man eine Leiche fand. Leopold K.

FC St.Pauli ist ja nicht richtiger Fussball. Wagt euch also ruhig mal den Fernseher einzuschalten wenn Pauli schonmal im Fernseher auftaucht.

heute:
ZDF 20:15 – FC St.Pauli gegen Bayern München um den DFB Pokal
ja genau, jetzt gleich. Am Millerntor.

Und natürlich gewinnen die, öm, Besseren. Wir also.

{Stilverordnung}

Dann die junge Frau, die ihr ganz eigenes Herrengedeck bestellt, Bionade und einen Schnaps, weil sie Bier nicht mag, aber bei vertieften Gesprächen auch so gerne mit schwerer Zunge spricht.

Ah, da habe ich ja hier rechts im Menü diese neue Funktion eingebaut. Die Texte oder die anderen wichtigen Beiträge zu Weltfrieden, Haushalt und Sittsamkeit, denen ich während des Streunens in fremden Gefilden so begegne. Tägliche Delikatessen habe ich sie genannt. Geschenke des Himmels kam mir so übertrieben vor.

Und dann merken wie man immer alles auseinandernehmen will, zerkleinern, ausziehen, wie ich viel besser darin bin, Verzierungen zu entfernen, zu minimalisieren, wie das Design dieses Blogs, das eigentlich dieses oh so slicky Kubrick-Theme war, aus dem ich liebevoll den ganzen Ballast rausge-ctrl-x-ed habe, weg in den Speicher, alles zurückbringen auf die relevanten Sachen, den Text, keine Ablenkungen, keine Bilder, wie mir die Energie fehlt etwas schön zu gestalten, weil ich immer nur entfernen will, wegschmeissen, nur die Essenz sehen, riechen, wie ich die Frauen in Primärfarben kleiden würde, rot, blau, oder signalfarben Schwarz, am Grund, am Boden, als wären es Urmütter, wie ich in den besetzten Häusern lieber den Putz heraushaute, bis auf den kahlen Stein, fast besessen, als die beschädigten Wände glatt zu streichen, als trüge ich dort sonst nur Ballast auf, bedrückenden Müll, wie ich eigentlich nie wirklich aufräume, sondern nur wegschmeisse, keine Orte finden kann, keine Kategorien für die Dinge an denen mir so wenig liegt, wie wenig ich mich mit Dingen umgebe, wie ich auf Flohmärkte nur Bücher kaufe, die ich nach dem Auslesen in der Ubahn liegenlasse, wie schwer es mir fällt Farben zu tragen, wie sehr ich mich dabei wie ein Christbaum fühle.

Das dachte ich heute so. Ich kann nicht viel, aber ich kann Sachen ausziehen. Alles muss klar sein.