[tagebuchbloggen: 29.11.]

So oft auf dem Flohmarkt am Mauerpark gewesen wie in letzter Zeit, bin ich schon lange nicht mehr gewesen. Aber meine Schwester geht da gerne hin, zudem sucht sie eine Jacke. Das Resultat des Flohmarktgehens ist aber immer, dass sie sich nichts kauft, dafür aber ich. Gestern: eine kurze Lederjacke und Stephen Kings “Es”, ja genau Stephen King, da mich Stephen King neulich schon so ungeniert beschäftigt hat, habe ich mir gleich einen tausendseitigen Klotz von ihm gekauft. Zweieurozehn.
Stephen King werden wir dann vorlesen, zu zweit oder zu dritt, ich lese solches Gruselzeug nicht alleine.

Am Nachmittag lange vor mir hergeschobene Sachen erledigt. Handwerkkrams: Türschwelle geschliffen, Bedetuchstange montiert und die Schlafzimmertür vom Quietschen befreit. Das war dann wieder so ein Tag wie der Samstag, dass plötzlich der Abend da ist und man nicht weiß wo die Zeit geblieben ist.
Dann haben wir uns Pizza bestellt und 21 grams mit Sean Penn und Naomi Watts geschaut.

Undso.

[tagebuchbloggen: 28.11.]

Gestern Abend Frau Gagas Link gefolgt, und zur Vernissage von Jan Sobottka in die Schwedenstraße im Wedding gegangen, und wie immer, wenn ich im Wedding bin, habe ich mir gedacht, was für tolle Häuser da herumstehen, und überhaupt, dass die berliner Frauen die schöneren Schuhe tragen als die in Hamburg, auch wenn das nichts mit dem Wedding zu tun hat und nichts mit Jan und mit Gaga, doch, mit Gaga vielleicht, aber irgendwo muss ich das ja erwähnt haben.

In den Räumen neben Jan gab es noch weitere Vernissagen: eine Malerin, die sehr viel mit schwarz macht, die Bilder waren vage düster, schwarz, verschwommen in dunkelgrau, und anfangs stieß das ein wenig gothicmäßig auf, viel zu explizit, zu ausgedrückt, und schwarz ist ja schon so eine gewollte Sache, bei aller vagen Düsternis will ich nicht Vampirzähne sehen, bei einem anderen Bild störte mich auch eine Körperform, die zu sehr eine Mumie in einem schwarzen Raum sein sollte, auch wenn alles nur angedeutet war, stilisiert, so war es doch zu sehr eine Körperform, die einen Mumie in einem schwarzen Raum sein sollte. Aber beim gelangweilten Schlendern entlang der Bilder gelangten K und ich in einen hinteren Raum, in dem ein paar gute Sachen hingen. Das zentrale Bild war ein schwarzes Bild mit einer schwarzen Figur, die an eine Schachfigur (ein Bauer) erinnerte, aber merkwürdig sakral wirkte, als würde sie beten oder segnen, jedoch nicht verkitscht, oder romantisiert, sondern ungreifbar, zwei Meter groß, schwarz in schwarz, und das eine schwarz leuchtete anders als das andere schwarz.
Meine Schwester machte sich später schlau und wusste zu berichten, dass das eine schwarz Ölfarben war und das andere schwarz Acrylfarben. Die unterschiedliche Lichtreflektion, der unterschiedlichen Farbkörper wegen, ah, klasse, das.

In einem Raum daneben hatte ein Künstler Europakarten gemacht, ich konnte mich nicht dafür begeistern, ich bin ein großer Landkartenfreund (an dieser Stelle muss ich auch endlich mal das Landkartenblog verlinken) und betrachte Landkarten reflexartig mit einem wissenschaftlichem Hintergrund. Dass der Künstler die Karten wahlweise, mit willkürlichen Farben, oder willkürlichen Linien versehen hatte, konnte ich wenig abgewinnen. Und wieder einmal hatte sich meine Schwester informiert, die mir das später alles erklärte. Zumindest die Karten mit den Linien, wurde ihr erklärt, die Linien stellten alle je definierten Grenzverläufe auf dem europäischen Kontinent dar. Ich wäre danach gerne zu den Karten zurückgegangen, aber dann erblickte ich auch schon Gaga und dann war ich sozusagen verkauft.

Nach ein paar Drinks sind wir dann gegangen, in Richtung Ubahn Pankstraße und ich fing wieder an, von den Häusern zu schwärmen, dann wollten die beiden Frauen Schawarma essen und so sind wir in einen Schawarmaladen eingekehrt. Auf dem Nachhauseweg haben wir nochmal eine Pause gemacht, diesmal für einen Drink im Akikaurismäki. Ich trank ein Bier, K trank einen Prosecco und meine Schwester ein Wasser. Komische Mischung und auch irrelevant, weiß jetzt auch nicht warum ich das erwähne, machnmal ist es die Chronistenpflicht die ruft.


Heute: Heute ist ja schon gestern. Heute lange geschlafen. Meine Schwester hat die Wohnung schon ziemlich früh verlassen. Als ich aufgewacht bin, habe ich Kaffee gemacht, dann auch einen Tee für K und habe sie dann geweckt, ich würde jetzt in der Küche sitzen, die Zeit lesen, die sie bei einem fliegenden Aboverkäufer zum Probelesen gratisabonniert hatte, Probelesen Probelesen, als müsse man die Zeit noch probelesen. Dass die sich auf schusselige Menschen einstellen die den Gratisausgaben erlegen sind, und dann die Abokündigung verschlafen, ist so klar wie die Spree. Aber sowas macht man nicht mit K, denn K verschläft sowas nicht. Ich hingegen habe sogar das FAS-Abo einmal verschlafen.
Ich habe mich jedenfalls in die Küche gesetzt, Kaffee geschlürft und die Zeitung gelesen, und zu K gesagt, ich säße in der Küche und würde die Zeit lesen, also ist auch K in die Küche gekommen, hat Tee geschlürft und einen anderen Teil der Zeit gelesen, K hat sich aber auch ein Brötchen geschmiert ich hingegen dachte mir, Mensch Du bist auf Diät, streiche einfach mal das Frühstück, und dann habe ich das Frühstück gestrichen, was total Ausnahmezustand ist, weil Frühstück so eine Art Symbol der Freude für mich ist, so ganz vulgär: ich setze mich ans Frühstück und mein Tag ist super. Was natürlich nur Blendung ist, sobald sich der Tag super anfühlt, ist es auch schonwieder vorbei damit. Spätestens wenn das Frühstück verspeist ist, ist diese Erkenntnis dann auch bei mir angelangt, aber ach, in der Zeit stand jedenfalls dieser Artikel über die Unselds und Suhrkamp, und die Witwe Ulla, Ulla Unseld-Berkéwicz die mich ja unheimlich in ihren Bann gezogen hat, weil es sie irgendwo ja ziemlich sympathisch macht, wie sie, möglicherweise ahnungslos und gegen ihren Willen, diese ganze Altherrenriege von selbstverliebten Schriftstellern a la Walser verscheucht hat, also nicht, dass ich im Besonderen etwas gegen Walser hätte, aber irgendwie wirken diese Herren auf mich immer wie kleine Kinder, die immer ein kümmerndes Mütterchen um sich herum haben müssen, weil sie in der gefühlten Unendlichkeit ihres Geistes, umöglich an ihre Hauspantoffeln denken können, und dann übernimmt Ulla Berkéwicz den Laden, die alles andere ist als ein kümmerndes Mütterchen und überall gehen auf einmal die Wunden auf. Aber hey, ich male mir das ja nur so aus, ich kenne den Betrieb da nicht, und die Menschen nicht, aber sehr soapy ist das allemal.

Bis K und ich jedenfalls einigermaßen bereit waren den Tag anzugehen, war es mittlerweile 14Uhr geworden. Um 14Uhr sind wir ins Bauhaus am Hermannplatz gegangen: Kabel kaufen, Werkzeug kaufen und überraschenderweise: Lampen. Zwei richtig tolle Lampen die man von der Decke hängen lassen kann, Lampen aus dem Baumarkt, das darf man ja niemandem sagen, ohne gleich die Lizenz zum Kulturschaffen (Bloggen) entzogen zu bekommen. Dafür habe ich noch ein paar Tuben Cobaltblau, Elfenbeinschwarz und Echtrot Dunkel gekauft um weitermalen zu können, und dann gleich noch zwei große vorbespannte Leinwände dazu, ich habs gerade ja eh mehr mit dem Malen, kommt mir so vor, alles sehr visuell gerade, wie ich mir die Sachen vorstelle, weniger Rythmik drin, so, wenn man versteht was ich zu verstehen meine.
Wir haben dann, im Baumarkt noch, meine Schwester getroffen, die in Neukölln gerade auf einer Wohnungsbesichtigung war, sie half uns mit den schweren Dingen aus dem Baumarkt, und sie hielt K Gesellschaft als ich zu Reichelt oder Rewe oder Kaisers oder Netto oder Plus musste um Basilikum zu kaufen, weil sich K sich wieder Pesto zum Abendessen gewünscht hatte, also warteten sie in diesem Vorraum beim Bäcker zum Supermarkt und tranken übelsten Filterkaffee. Danach kam ich vom Einkauf zurück und setzte mich dazu.
Es war aber alles so schwer. Wir winkten uns ein Taxi herbei, das, wie gerufen (!), ein Lastentaxi war, in dem wir all unser schweres Geschütz und Künstlerbedarf, einfach in den Kofferraum schmeißen konnten.
Als wir dann zuhause ankamen, war es sieben Uhr oder halb acht, und niemand wusste wo die ganze Zeit geblieben war.

So und jetzt habe ich für heute genug. Wird ja nie fertig sonst.

[tagebuchbloggen: 26.11.]

Weil ich am Mittagstisch von 2012 redete, glitten unsere Gespräche ab und landeten bei Freddy Kruger aus den Nightmarefilmen und Jason aus den anderen Filmen, und ich weiß jetzt gar nicht warum ich das erwähne, inhaltlich lässt sich das gar nicht vertiefen, außer ich bin jetzt ganz angestrengt, aber der Flow: wie wir Jungs am Tisch, von den Filmen aus den Jugendjahren sprachen, da will man gar nichts vertiefen, da will man nur buddeln, nur sich erinnern: diese eigenartige Stimmung beim Friedhof der Kuscheltiere, den wir eh alle als Buch viel besser fanden, was dann wieder komisch war: wieviele Menschen Friedhof der Kuscheltiere gelesen haben, fast als wäre es Kings beste Geschichte, aber war das nicht eher Er, sie, es oder Tommyknockers?, ich kenne mich ja nicht so aus, zudem habe ich nur die Kuscheltiere richtig wahrgenommen und natürlich Sie, verfilmt mit der einen soweit ich mich erinnern kann, tollen Schauspielerin, die ich jetzt googeln müsste, wie sie dem Protagonisten mit dem Vorschlaghammer die Füße zerschlagen hat, das war so ein Bild, das geblieben ist, neben diesem unsäglichen Gefühl, ganz langsam in eine Falle getappt zu sein, eine Falle, die man von Anfang an erahnte, aber sich dann schlimmer als alle Vorstellungen herausstellte, aber quatsch, nicht das war das schlimme Gefühl, sondern das Gefühl ausgeliefert zu sein, das war das schlimme Gefühl, das andere ist ein nebenseitiger Effekt, der am Anfang die gute Stimmung, ahnungslos zerbröckeln ließ, aber ich verliere mich in Details, und klinge schon, als würde ich jetzt Stephen King Bücher besprechen wollen, neinnein, aber dochnochschnell: vielleicht sollte ich wirklich mal Sie lesen, von King sagt man ja, der würde ganz eigene, unheimliche Stimmungen herstellen, und wenn die Stimmung gemeint ist, die ich bei den Kuscheltieren gefühlt (eh? sagt man, dass man Stimmungen fühlt? Stimmungen hört man ja eher, aber ach: Musik fühlt man ja auch, egal) habe, dann willichwillich (oha!) wissen wie unheimlich sich die Stimmung in jenem Haus im Schnee in den amerikanischen Bergen sich anhört, -fühlt.
Ah und dann fällt mir the Shining ein, das war ja auch King, nagut, wir kennen ja nur die Verfilmung von Kubrik mit Jack Nicholson, weil, wer hat Shining schon gelesen, wir haben ja alle nur die Kuscheltiere gelesen, und nicht die anderen.

#
Abends war niemand zuhause. K war aus essen, meine Schwester war tanzen und ich habe die Gelegenheit genutzt, Papierkram zu erledigen. Der liegengebliebene Papierkram ist abendfüllendes Programm.
Dabei ist dieser vorige Satz als letzter Satz, dermaßen unmöglich, dass ich diesen Satz anfügen muss, und schon drücke ich mich vor dem Punktmachen, weil dieser angefügte Satz so oberlehrerhaft ist, aber immerhin angenehmer im Abgang als der vorige Satz der den Tonfall einer Pointe hat, aber den Inhalt einer Krokette – so.

[tagebuchbloggen: 25.11.]

Was ich gestern noch vergessen hatte zu erwähnen, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, die paar Drinks mit Frank in einen Satz zu quetschen, war die Sache mit der geräumten Brunnenstraße 183, an der ich gestern abend noch vorbei lief. Nicht, dass ich um diese Uhrzeit noch etwas vernünftiges dazu zu sagen hätte, Himmelnein, ich kann nicht Politik, ich habe nur beobachtet wie die Bauarbeiter unter Polizeischutz spätnachts noch das Haus unbewohnbar schlugen, Fensterrahmen aus der Mauerverankerung rissen, Treppen demontierten, so banal das alles.

Heute dann mit meiner Schwester ins Kino gegangen am Potsdamer Platz. Ich kam direkt aus dem Büro, und war eine Stunde zu früh, wollte noch eine Kleinigkeit essen, und ein bisschen lesen. Ich setzte mich in eine dieser Touristenfallen im SonyCenter, dieser australische Laden, an dessen Name ich mich nie erinnern kann, er hat jedenfalls zwei rr’s wie Canberra, heisst aber ganz anders, doch haben sie ein Käguru im Logo, unverwechselbar, und jeder versteht wenn ich sage: treffen wir uns in dem australischen Laden im SonyCenter.
Klappt immer.

Nach dem Essen dann Katastrophenfilm: 2012.
Sehr flach, sehr vorhersehbar, sehr laut, sehr aufgeblasen. Wir wussten das alles vorher, doch scheint mir, als näme ich mir gerne vor, solchen Schund zum letzten mal zu sehen.

Auf dem Nachhauseweg auf der Bernauer überall Polizeiwagen und Wasserwerfer die gerade in den Feierabend zu fahren schienen.

Ach, ich weiß auch nicht.

[tagebuchbloggen: 24.11.]

Den Tag in Meetings verbracht. Am Abend mit Frank verabredet gewesen und über so eine Sache geredet, über die ich hier irgendwann berichten werde, wenn es einmal Zeit wird.
Und jetzt frage ich mich, ob ich diesen Tagebucheintrag nicht in einen einzigen Satz unterbringen hätte können.

[tagebuchbloggen: 23.11.]

Hamburg liegt immer noch wie eine wohlige Decke um mich gewickelt, viel weicher als man denkt.
So wohlig eingewickelt saß ich im Büro und ging den Dingen nach, die ich zwischen Montag und Freitag immer mache, und ha, jetzt eben Freutag geschrieben gehabt, was ich mir sofort explitiziert vor Augen geführt habe und ungefähr so aussah: *!FREUTAG!* mit hüpfenden Smileys, die dem Beat der Wochenendeparties folgen.

Auf dem Nachhauseweg fiel mir ein, Essen zu kaufen, weil ich heute alleine essen würde, und da es niemand merken wird, stimmte ich mich auf Faulheit ein und kaufte mir Tütensalat und Schinken, leerte zuhause die Tüten lieblos in die Salatschale, schnitt ein bisschen Schinken in Streifen, goß Öl und Essig dazu und aß.
Danach las ich die Blogs nach, las die Nachrichten und las von Le Corbusier und seiner Nähe zu den Nazis und Faschisten. Und danach einen sehr gewagten Artikel, der Le Corbusier des Totalitarimuses bezichtigt.
Ich las den zweiten Artikel auf dem Sofa, lehnte mich in Schräglage, und pennte ein. In meiner wohligen Hamburger Kuscheldecke.

[tagebuchbloggen: 20./21./22. 11.]

Da wir am Nachmittag schon in Hamburg sein wollten, hatte ich mir den Freitag frei genommen. Am Vormittag bin ich mit meiner Schwester im Weltempfänger am Arkonaplatz frühstücken gewesen. Am großen Fenster an der Platzseite gesessen und hinausgeschaut wie Berlin so den Freitagvormittag verbringt. Das kam mir so eigenartig fremd vor. Und schön.

Und dann war es plötzlich viertelvoreins. Um viertelnacheins sollte der Zug fahren. Es war also viertelvoreins und alles ging drunter und drüber. Um zehn nach eins saß ich im Taxi in der Invalidenstraße im Stau. K rief mich an und sagte, sie stünde auf Gleis 8 am Abschnitt B und fragte an welchem Abschnitt ich denn stünde, ich sagte, ich säße im Taxi. Und das war nicht so toll.
Ich schaffte es dann aber doch noch. Und ich musste K versprechen, mir diese Art von Verspätung abzugewöhnen.

Und dann kam Hamburg.
K und ich fuhren mit der SBahn weiter zur Sternschanze, stiegen aus, ich zeigte ihr die Susannenstraße, zeigte ihr das Schulterblatt, erklärte die Dinge, erklärte die Stadt, wegen des Kontextes der immer erklärt werden will um urbane Zusammenhänge zu verstehen, ich erklärte den Platz mit der Flora, den Galaostrich, erklärte wie die Flora die ganze Schanze vor der Versnobbung rettet, weil sie in ästhetischer Hinsicht am Platz alles dominiert, weil die Flora, in ihrer ganzen Unruhe die sie verkörpert, sowas wie Balance herstellt.

Danach gingen wir ins Hotel, legten unsere Dinge ab, schauten aus dem Fenster, liefen noch ein bisschen herum.
Und dann die Lesung.

* ich
* Isa
(Pause)
* Maximilian
* Henrike

Wunderbare Stimmung wiedermal, wunderbare Leute, wunderbare Texte und wunderbare Moderation. Ich las ein bisschen hastig, der Text ist so lang. Hier die gesamte Lesung inklusive der Kidschen Moderation, in der er mich u.a. des öffentlichen Proseccotrinkens bezichtigte.
Ein großer Dank geht an Lars und Axel für diese Aufnahme.
Und dem Hamburgerjung für die Fotos.

Der Rest des Abends war ein sehr netter Abend mit sehr guten Gesprächen, diese Abende die so erschreckend kuschelig sind, dass es fast schon anfängt zu jucken.
Auf dem Nachhauseweg schaukelte Hamburg um mir herum, K gefiel die Stadt sehr, und dann holten wir uns noch den besten Döner der Welt, im Big Food am Schulterblatt.

#
Samstag:
Am frühen Nachmittag das Bett verlassen. Wir hatten einen Riesenhunger und beschlossen, im neuen Hatari an der Schanzenstraße zu frühstücken. K bestellte Käsespätzle und ich bestellte ein Riesenschnitzel mit einer schweren, braunen Soße und einen halben Kilo Pommes.
Nach dem Frühstück spazierten wir über den Flohmarkt am Schlachthof hinüber ins Karolinenviertel, durch die Marktstraße, schauten Läden an, wir gingen gezielt ins Garment, fanden ein wunderschönes rotes Kostüm für K, fanden siebenhundert Euro allerdings eine Nummer zu klein.
Nachher setzten wir uns in ein sehr tüddeliges Kaffeundkuchen-Cafe in der Markstraße, kein Tante-Emma-Kaffee-und-Kuchen, sondern eines dieser neuen Szenelokale die so auf Omaschick machen, wie sie derzeit auch in Berlin wie Kaninchen aus dem, öhm, Boden schießen. Das Lokal musste ziemlich neu sein, vor zwei Jahren existierte es jedenfalls nicht.
Wir setzten uns an die Bar und bestellten: Kaffeundkuchen.

Nach dem Kuchen gingen wir raus auf die Feldstraße, ich wollte K den Dom zeigen, wir liefen einmal quer hindurch, schauten den Lichtern zu, den schnelle Gefährten, den Karusellen, den Nieten auf dem Boden, ich setze mich nie in eines der Geräte, ich begehe auch keine Geisterhäuser, höchstens werfe ich ab und zu nach Dosen, aber immer daneben, und gestern wollte ich mich auch nicht blamieren, und so gelangten wir auf die Reeperbahn, natürlich, nicht nur Pflichtprogramm, aber Pflicht. In der Boutique Bizarre meine Kreditkarte gezückt, mir auch gedacht, dass das eigentlich Supermarche Bizarre heiße müsste, und weniger Boutique, aber Erkenntnis war das keine, dafür Angeberei auf ganz platt möndänisch, was ich natürlich gleich tagebuchbloggen muss und mir denke: herrje.
Auf einmal war dann sehr schnell Abend geworden. Wir waren mit Isa, ihrem Mann, Kid37, Maximilian, the Realstief und der Frau mit dem Namen Monalisaseyes verabredet, im Westwind in St.Georg, gleich hinterm Hotel Atlantic. Dabei haben wir vom Taxifahrer erfahren, dass das Atlantic alle seine Sterne verloren hat, wegen ausgebliebenen Sanierungsarbeiten, und wir fanden das irgendwie total tragisch, so wegen der Grande Dame, die in ihrer Überheblichkeit mal nicht aufgepasst hat und dann übelst abgerutscht ist. Roter Wein, Cognac, Armagnac, all der Kacque, ihr wisst schon. Udo Lindenberg wohnt dort aber noch, dem sind die Sterne schnuppe.

Danach mit den Freunden Hirschgulasch gegessen und von so vielen Sachen geredet.

Es wurde wieder spät und Hamburg schaukelte wieder um mich herum. K und ich liefen an der nächtlich beleuchteten Binnenalster entlang, hinunter zum Jungfernstieg, liefen da weiter unter den Kollonaden, bogen rechts ab und überquerten die Fleete, standen auf einmal schon am Axelspringerhaus und dann fiel mir ein, dass wir ganz nah am Gängerviertel standen. Auf gut Glück schrieb ich Frau Stella, mit der mich zu treffen, ich eigentlich schon abgeschrieben hatte, eine SMS, ich schrieb: Hey, sind beim Gängerviertel, Dunochda?
Und eine halbe Minute später kam ein Anruf. Ja sie sei noch da.
Sie zeigte uns das ganze besetzte Gelände, alle Gebäude, die Höfe, erklärte uns was sie wie und wo machten, wie gut das alles lief, und sie zeigte uns das Hauptgebäude das sie leider aufgeben mussten. Daraufhin stiegen wir eine Treppe hinab in einen engen, verrauchten Keller, die Bässe brummten, wir holten uns ein Bier und setzten uns in eine dunkle Ecke neben den Boxen.
Das Gängeviertel ist super. Befreit von dem ganzen dogmatischen SchwarzeBlock-Scheiß einerseits und der AllesfürdieKunst Tacheles-Esoterik ist es so wunderbar subversiv, und gleichzeitig so aktuell politisch, ohne die ganze linksradikale Attitüde auszuhängen, dass einem fast die Tränen kommen.
Ich muss das vielleicht noch einmal besser erklären. Für mich zum Verständnis.

Doch war die Nacht spät geworden, bald brachen wir auf, in Richtung Hotel, wir liefen über die Feldstraße und beim Anblick des türkischen Restaurants an der Ecke zum Pferdemarkt wurden wir von einer Hungerattacke heimgesucht. Der wir nicht wiederstehen wollten.

Später beim Einschlafen fiel mir die Checkout-Zeit ein, Checkout-Zeit, immer Checkout-Zeit, was mich an Hotels immer nervt, ist die Checkout-Zeit, und schlimmer noch als Checkout-Zeit ist, wenn man nicht genau weiß wann Checkout-Zeit ist.

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Sonntag: Am frühen Vormittag aus dem Bett gekrochen, geduscht und mich an der Rezeption nach der Checkout-Zeit erkundigt. Zwölf Uhr, ahso.
Nachher gingen wir wieder ins Hatari zum Frühstücken, K bestellte wieder Käsespätzle und ich diesmal das Pfälzer Kombinat. Saumagen, Bratwurst und Leberknödel auf Sauerkraut. Ich bat die Kellnerin, den Leberknödel durch eine Bratwurst zu ersetzen. Das war dann schon alles ein bisschen viel. Vor allem, weil ich K noch mit ihren Käsespätzles geholfen habe.
Während wir auf das Essen warteten gingen uns die Themen aus und spielten deshalb “Werbinnich”. K war erst KingKong und nachher Humphrey Bogart. Ich war hingegen erst Kid37 und danach ein Saumagen. Wir haben uns alle nicht erraten.

Aber ein Hamburgbesuch ohne an der Elbe gewesen zu sein, ist wie ein Berlinbesuch ohne, ohne, ohne. Deshalb sind wir mit der U3 zu den Landungsbrücken gefahren und das ist dann schon ziemlich toll, wenn sich dem nichts ahnenden Fahrgast plötzlich der Berg öffnet und er über das Wasser, die Kupferdächer und die Kräne schaut.
Dann war also erstmal Elbe.
Und nach der Elbe war Hauptbahnhof, ICE, und dann Berlin.
Wir haben uns als erstes in dieses Segafredo im Hauptbahnhof gesetzt und öffentlich einen Prosecco getrunken.

[tagebuchbloggen: 18.11.]

In den letzten Tagen Dinge erledigt. Rechnungen ausgemistet, an Texten gearbeitet, einen lektorierten Text zurückbekommen und (wie immer) über meine vielen fehlenden Kommas gestaunt. Immer wenn es mir einfällt, Nebensätze deutlicher einzugrenzen und sie mit Kommas zu versehen, kommt es mir vor als hacke ich den Satz in viele unlesbare Stücke: laberlaber pause laberlaber pause laberlaber pause. Ich lese mir meine Texte beim Schreiben immer innerlich vor. Viellecht ist meine innere Pause mehr eine Punktpause statt einer Kommapause.

Ha, und die fehlenden Kommas hier oben habe ich eben erkannt. Jetzt lasse ich sie aber stehen.

Gestern mit meiner Schwester von Neukölln aus, den ganzen Landwehrkanal entlangspaziert. Am nächtlichen Wasser. Bis zur Möckernbrücke, dann umgedreht, zum Halleschen Tor zurück und über den Mehringsplatz die Friedrichsstrase hochgelaufen bis zum SBahnhof. Dort dann erschöpft in die SBahn geplumst.

[tagebuchbloggen: 15.11.]

Samstag: Aufgestanden, gefrühstückt, einkaufen gegangen, und danach ganz furchtbar schlecht gelaunt gewesen. Warum sage ich nicht. Später mit meiner Schwester zum Open Mike gegangen und zugehört, auf dem Rückweg Basilikum gekauft und zuhause Pesto gekocht, für meine Schwester, K und ihre Mutter, und danach beim Aufräumen haben wir uns zu viert in die enge Küche gequetscht, Bier getrunken und von so Sachen geredet, bis wir uns alle furchtbar gut gelaunt ins Bett verabschiedet haben.

Sonntag: zu Mittag sind M und J aus Altlandsberg zum Brunchen zu uns gekommen.
Wir haben aufgetischt:
-einen Zucchinikuchen
-verschiedene Käses
-verschiedene Schinkens
-einen unwiderstehlichen Brotaufstrich (von mir kreiert: getrockenete Tomaten geschlagen mit fettem Joghurt, Ziegenkäse und Knoblauch)
-einen ebenso unwiderstelichen Brotaufstrich (von meiner Schwester kreiert: fetter Joghurt mit Knoblauch, trockener Minze und etwas Zitrone)
-Und so anderes Zeug
Nachher über den Mauerpark spaziert.

Später um sechs sind K, ihre Mutter und ich zum Potsdamer Platz gefahren ein schwedisches, in Berlin lebendes, sehr exzentrisches Ehepaar zu treffen. Alte Familienfreunde. Sie, eine einstmals, sehr gutaussehende Frau, man nannte sie Vamp, trägt große Ringe an den Fingern, raucht Kette, erzählt in Zeitlupe mit Grabesstimme während sie am Weißwein nippt. Er, ein immer noch gutaussehender Mann, schneeweißes Haar, ein Seidentuch um den Hals gebunden, trinkt Bier und flirtet. Wir trinken, wir essen. Der Mann schleicht sich davon und bezahlt alles.
Wir sind, wann-auch-immer, zum Essen eingeladen in ihrer Charlottenburger Wohnung. Der Ball läge jetzt bei uns.

[17. Open Mike]

17. Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin. In der Wabe an der Danziger Straße. Erster Tag, zweiter und dritter Block.

* Anne Krüger. Sie trägt große rote Ohrringe, in Ringform. Die Haare nach hinten gekämmt und mit einem Haarreifen fixiert. Hose: Jeans. Schuhe: Turnschuhe. Ihre Brille hat einen dicken Rand. Ihr Pullover ist rot, zinnoberrot (wir sind Jollyverseucht), hat vorne einen Reißverschluß, der nach oben hin geöffnet ist und so einen breiten Kragen auf beiden Seiten über ihre Schultern schlägt. Der Pullover hat auch weiße Linien über Schultern, Nacken und da wo die Nieren sind.

* Onrej Cikan. Schwarzer, einknöpfiger Blazer. Roter (zinnoberrot) Rollkragen, dunkle Jeans, schwere Lederschuhe.

* Vea Kaiser. Kurzes, graues Stoffkleid, lange Beine, grüne Pumps, 7cm Absatz, schwarze, verspielt gemusterte, schwarze Strümpfe, ich vergesse mich kurz und denke an eine Wiese mit Blumen. Sie stakst über die Bühne, trägt ihre brünetten Locken locker am Gesicht.

* Lutz Woellert. Schwarzes Hemd. Dunkle Jeans. Weiße Turnschuhe. Kurze Haare. Macht den Eindruck einer ehrlichen Haut auf mich. Er erinnert an Norman Bates.

* Claudine Muller. Roter Rollkragen (kein zinnoberrot, eher Karminrot), schwarze Hose mit Bügelfalte, streng zurückgekämmtes und gebändigtes Haar. Schuhe sehe ich nicht. Nach der Pause habe ich mich umgesetzt, die Sicht ist versperrt. Ich schätze: absatzlose Lederschuhe. Dezent braun, vielleicht schwarz.

* Jan Sprenger. Kurze Haare, antrazitfarbenes Hemd, darunter ein schwarzes Tshirt das aus dem Kragen hervorlugt. Schlank. Im Ansatz graumelierters Haar. Jeans. Schuhe sehe ich immer noch nicht, ich schätze: lederne Halbschuhe, ein etwas schwereres Modell.

* Andreas Lehmann. Weißes Hemd mit leichten dunklen Längsstreifen, Jeans, Brille, blonde, kurze Haare. Ein Ansatz von Koteletten an den Backen. Schuhe sehe ich nicht, ich vermute: dunkle Turnschuhe (braun?), eventuell sogar einen militärischen Schuh, schwere Sorte vielleicht, nicht Stiefel, sondern bis zum Knöchel.

[tagebuchbloggen: 13.11.]

Fehlplanungen. Im Stadtbad Wedding läuft gerade diese Save Berlin-Veranstaltung, ein Wochenende im Zeichen der Urbanistik, organisiert von Expats, absichtlich und in englisch gehalten, weil man der Überzeugung ist, dass die Berliner und ihr Senat, die Stadt kaputtmachen, kaputtmachen lassen, weil sie schon zu lange hier leben und oft gar nicht wissen was ihre Stadt da draußen in der Welt so faszinierend macht. Das ist natürlich ein witziger Ansatz, und relativ harmlos, wenn man weiß, dass die Veranstalter aus einem eher subversiven Milieu (Milliö) entstammen, also harmlos im Sinne, dass man bei diesem Thema sofort an westeuropäische Yuppies und Investoren denkt, die in Hippness zu investieren gedenken und beim Anblick der Großen Grauen immer nur phantasieren, wie sie Brandmauern und Baulücken zubetonieren können um darin eine eigenartig cleane Ästhetik zu zelebrieren, die mit diesem Berlin, das immer ein bisschen verraucht und schaurig war, so gar nichts mehr zu tun hat.
Ich bin dann nicht mehr hingegangen, weil meine Schwester und ich noch zu Kaisers gegangen sind, Obst zu kaufen, Kaisers, das ist so irre, man stelle sich vor, wir müssten die Welt vorantreiben und dann gehen wir alle zu Kaisers und kaufen Obst. Immerhin gibt es Bio da, aber mittlerweile macht sich ja eh die halbe Welt in einem eigenartigen Zynismus lustig darüber, dass die andere Hälfte der Welt nur noch Bio kauft, dabei fällt mir gerade auf, dass diese Biosache gar nichts mit dieser cleanen Ästhetik gemein hat, sondern in Wirklichkeit ja eine Grauswurzelsache ist, die fronten verhärten sich also, oder sie addieren sich. Darüber muss ich jetzt nachdenken.

Ks Mutter ist jedenfalls in Berlin zu Besuch und wir bewohnen jetzt diese kleine 63 Quadratmeterwohnung zu viert und wenn ich nachts auf dem Sofa liege und gegen die Decke starre, dann denke ich mir, dass man zur Kaiserzeit hier in diesen Arbeiterlöchern ja zu zehnt oder zwanzigt wohnte und dann gefällt es mir plötzlich, wenn ich mich nicht umdrehen kann ohne irgendwas hinunterzuschmeißen oder jemanden in den Hintern zu dingsen, und alles fühlt sich plötzlich weniger gentrifiziert an, also als wäre ich weniger ein Teil dieser jungen, urbanen Leute die gerne in den jungen urbanen Vierteln wohnen und eigentlich alles kaputt machen was es kaputt zu machen gibt, weil frühen haben wir ja nur das kaputt gemacht was uns kaputt macht, aber jetzt machen wir ja uns selber kaputt und bevor ich jetzt den Satz kaputtrede und im Schwung gar nicht mehr den richtigen Schluß finden kann, mache ich einfach einen Punkt.
Ahso. Jedenfalls ist Ks Mutter zu Besuch und nach dem kaiserlichen Obstkauf sind wir dann ins Lemongrass in der Anklamer Strasse gegangen, ein neuer Vietnamese der uns empfohlen wurde, und dort haben wir alle tolle Sachen gegessen für einen tollen Preis. Nachher sind wir dann in diese neue, etwas versteckte Weinerei in der Griebenowstrasse gegangen und haben uns dort noch durch das Weinangebot getrunken. Ks Mutter und ich tranken uns an einem spanischen Crianza fest, K trank Weißwein und meine Schwester hatte Pech (Kork).
So.

[tagebuchbloggen: 12.11.]

oh!

(Highlights:
-auf eine Lesung gehen wollen
-lange (sehr lange) im Büro gewesen
-Probleme mit meiner neuen, teuren Hardware
-langer Spaziergang)

[tagebuchbloggen: 10.11.]

Diese Tagebuchblogeinträge die ich immer mit “heute” oder “gestern” beginne.
Heute jedenfalls einen Meilenstein in Lebensmeisterung erreicht. Mit dem Kauf eines neuen WLAN-Routers und eines neuen DVBT-Empfängers, nachdem ich mich gestern darüber geärgert habe, dass mein billiger WLAN-Router immer nur halb funktionierte, mein billiger DVBT-Empfänger immer nur halb funktionierte, und eigentlich alles was ich immer billig gekauft habe, immer nur so halb funktioniert, so bin ich voller Elan in die Läden gegangen und habe jeweils das gekauft was doppelt so teuer war wie das billigste, und das war gut und jetzt werde ich das nur noch so machen, wie ich ja auch schon mit dem Essen mache, keinen billigen Scheiß mehr, keine kranken Tiere, keine preiserdrückte (oha!) Schnellware mehr, sondern gutes Zeug, gesund, erprobt und langlebig. Ein fulminanteres Ende hätte ich mir gewünscht, aber langlebig ist auch Okee.

Wir haben heute diese Büchner-Vermilfmung (Lenz) auf 3Sat ruckelfrei schauen können, und das ist sowas wie wie wie, nunja, wie: ziemlich gut.

[tagebuchbloggen: 9.11.]

Zum Frühstück Mick Harveys Gainsbourg-Interpretationen gehört, und mich dann im wunderbaren Manon verfangen, das ich dann den ganzen Tag vor mir her gesungen habe. How much I hate you. Gedankenlos.


Wir wollten die Friedrichsstraße runterspazieren, bisschen sehen, am Rande stehen und aufnehmen wie sich diese Euphorie der Menschenmengen manifestiert. Sie ist faszinierend, wenn auch ein bisschen zu explizit, diese Freude. Eine Band sang von der Freiheit, als würde sie von Sahnetorte singen. Auch Bongiovi hatte seinen Auftritt im Regen. Das Brandenburger Tor im Hintergrund, festlich beleuchtet, muss immer sein Gesicht herhalten.

Wir haben es aber sein lassen. Die u8 war heute schon so voll, dass ich gar nicht wissen wollte wie es unter den Linden aussieht. Wir haben das ZDF eingeschaltet.


Seit einigen Tagen kann man in GoogleEarth 5 über das zerbombte Berlin fliegen. Unter Ansicht -> Historisches Bildmaterial anklicken. Und dann in die Stadt einzoomen. Das ist wirklich toll.

[tagebuchblog: 8.11.]

Meine nette Schwester sucht übrigens ein nettes Zimmer in einer netten WG. Wenn jemand etwas weiß: rechts oben gibt es diesen Schreibmir-Knopf. Wir würden uns sehr freuen.


Gestern sind meine Schwester und ich in den Wedding spaziert. Die Brunnenstraße hoch, im Wedding bei einem Bäcker einen Lattemacchiato getrunken, draußen in der Sonne gesessen und getan als wären wir im Prenzlauerberg. Das war gar nicht so ungewöhnlich. Wir waren auch nicht die einzigen. Links von uns ein dänisches Paar und rechts vor uns spanisches Paar, offensichtlich Touristen. Die Spanier studierten einen spanischen Berlinführer mit Akzent auf dem i bei Berlin. Rechts daneben saß ein älterer Mann in Trainingshose und einem Bier vor sich auf dem Tisch. Seine Krücken hatte er an den Tisch gelehnt.
Wohnungsbesichtigungen. Wir liefen über die beiden Bunkertürme im Humboldthain hinunter zu diesem versteckten Weddinger Teil zwischen Ring, Humboldthain und Chauseestraße. Es erstaunt mich immer wieder, wie schön der Wedding eigentlich ist. Man hat ja diese Bilder vom Wedding, die durchaus ihre Berechtigung haben, aber man vergisst dabei, dass der Wedding als städtisches Gebilde, oder wie soll man sagen: als Stadtkörper, als urbaner Raum, sehr ansehnlich ist. In weiten Teilen jedenfalls. Dieser Teil des Weddings ist in gewisser Hinsicht sogar romantisch. Ich gerate ins Schwärmen. Und bevor mich jetzt jemand bezichtigt, Gentrifizierungstendenzen anzustoßen, höre ich lieber auf.
Meine Schwester hat sich ein paar Wohnungen angesehen, ein paar nette waren dabei, aber das mit den Zusagen ist ja immer so eine Sache die auf sich warten lässt.
Am Nachmittag wollten wir K vom Bahnhof abholen, die aus Bad Meinhof zurückkommen sollte, doch hatten wir uns im Wedding verheddert und kamen so nicht rechtzeitig zum HBF.

Vor dem Abend mussten wir uns von den Eindrücken aus dem Wedding erholen, vor allem die Beine, der vorangegangene Freitagabend war schon ein halber Weltspaziergang gewesen, der Samstag war ungefähr doppelt so lang. K war später mit C verabredet, weil C gerade aus London wieder in Berlin ist. Danach rief Modeste an, ob ich auf einen Drink gehen wollte, das wollte ich, aber meine Schwester und ich hatten uns gerade auf den Weg ins Kino gemacht. Also verabredeten wir uns für später.
Meine Schwester und ich sahen uns Mein halbes Leben an. Eine ganz wunderbare und lustige Doku eines dreißigjährigen Wieners, der sich eine Kamera umgehängt hat und sein sinnloses Leben in Berlin zu ergründen versucht, indem er in seine Heimat fährt um zu sehen was aus seinen alten Freunden geworden ist. Er filmt dabei unentwegt und konfrontiert den Kinogänger mit seinen Eltern, seiner Ex-Freundin, seinen besten Kumpels, man müsste sagen auf gnadenlose Art, wie man beispielsweise ungefiltert in den Vater-Sohn-Konflikt mit reingezogen wird, Gremien von Familienfreunden die ihm vor laufender Kamera empfehlen wie er sein Leben zu bessern habe, seine Exfreundin die ihm vom Trennungsschmerz erzählt, die Doku ist eine Art Real-Life-Groteske, das macht ihn vielleicht so besonders.
Und die Parallelen zu meinem eigenen Leben haben mich manchmal erschreckt.
Den Film haben wir übrigens im Downstairs in der Schliemannstraße gesehen. Das ist ein etwa 25qm großer Raum im Keller eines Cafes mit der Bezeichnung Filmcafe. Der Saal hat ungefähr ein Dutzend Stühle, man wird vom Filmvorführer persöhnlich begrüßt und kurz in den Film eingewiesen. Er wünscht einen angenehmen Abend und zieht den Vorhang zu. Dann fängt der Film an.

Nach dem Film spazierten wir die Kastanienallee hinunter zum Dave Lombardo (Lambado) am Zionskirchplatz. Modeste und J waren schon da. Meine Schwester ging gleich nach hause; die vielen Wohnungen und die vielen Eindrücke erschlagen, ich kenne das.
Modeste, J und ich haben noch lange geredet, und so einiges getrunken.
Als wir um zwei Uhr das Lokal verließen, rief K an, und fragte wo ich denn sei, und ich wurde augenblicklich von einem schlechten Gewissen heimgesucht. Wieso wusste ich auch nicht, aber ja, tatsächlich, zwei Uhr, ich leicht bedingst, und nicht zuhause bei der Frau. Irgendwie musste das falsch sein. Das Problem war nur, dass K selbst gerade nachhause gekommen war, noch viel bedingster als ich, und fürchterlich gut gelaunt.
Wir haben nachher im Bett gelegen und katholische Kirchenlieder gesungen. Das Maria Hilf, das Ave Maria und Cumbaja my lord (oder wie man das schreibt). Auch versucht das Gegrüßet seist Du Maria aufzusagen, aber irgendwie hat das nicht geklappt. Dabei wollten wir uns gar nicht lustig über das alles machen, sondern bloß versucht den Dingen auf die Schliche zu kommen.


Sonntag. Sonntag dann. Mich wie ein Felsbrocken im Bett vorgefunden.
Um zwölf Uhr waren wir mit C und mit F und mit A und mit R und mit N und mit A am Helmholtzplatz zum brunchen verabredet. Ich kann nicht mehr so viel essen wie früher. Seit ich mich auf Diät gesetzt habe und mich fast auschließlich nur noch von Salat und fadem Gemüse ernähre, muss auch mein Magen geschrumpft sein. Man kennt die Sache mit dem schrumpfenden Magen ja aus Filmundfernsehen. Und jetzt am eigenen Leib. Nach der zweiten Portion war ich heute erledigt. Dabei hatte lange nicht auf meinen Körper gehört und in meiner Arglosigkeit den zweiten Teller genau so aufgestockt wie den ersten. Danach war mir schlecht.
Später sind wir alle dann zum Verdauen spazieren gegangen. Über die Gaudystraße in den Mauerpark. Und haben da diese berühmte Karaoke-show gesehen. Die Show von dem Engländer der in Berlin hängengeblieben ist und jetzt in dieser amphiteaterartigen Ausbuchtung im Mauerpark, Sonntag für Sonntag, mit einem Laptop die Menschen Karaokesingen macht. Das ist Volksvergnügung der ganz eigenen Art.
Danach nach Hause gegangen. C ist noch mitgekommen und hat sich die Wohnung angesehen. Während die Mädls bei Tee geredet haben, habe ich die japanische Lampe an die Decke montiert und zum leuchten gebracht.
Sieht irgendwie nicht besonders gut aus, aber es ist OK.

Plötzlich war Abend, wir haben uns etwas zu Essen gemacht und haben danach einen Liebesfilm geguckt. Und jetzt will niemand mehr reden.

[tagebuchblog: 6.11.]

Gestern sehr lange geschlafen, um elf bin ich erst im Büro gelandet und es blieb eine unglaubliche Schwere die mich den ganzen Tag über begleitet hat, eine dieser Schweren die in den Knochen sitzt und auf die Gelenke drückt und so die Bewegungen erschwert, als liefe man ungeölt durch die Landschaft.
Um achtzehn Uhr sollte mich meine Schwester von der Arbeit abholen, und wie der Satz jetzt anfängt suggeriert er, dass sie das nicht getan hat, doch muss ich an dieser Stelle in den Text eingreifen und sagen: nein, sie hat es getan!
K war gestern und heute in Bad Meinhof. Bad Meinhof heisst natürlich anders, aber die Ähnlichkeit des Namens ist so verführerisch, dass ich mich nicht einhalten mag.


Korrekterweise müsste ich übrigens den vorgestrigen Tag nachtagebuchbloggen, doch lasse ich das jetzt sein, ohne besonderen Grund, nicht, dass nichts geschehen wäre, aber oh, alles mühsal, gerade wenn man von den Tagen erzählt, dann neigt man dazu nach vorne zu sehen. Man man man, ich meine natürlich: ich ich ich.


Liebes Tagebuchblog, habe ich schon gesagt, dass meine Schwester nicht einfach so nach Berlin gekommen ist, sondern dass sie nach Berlin gezogen ist? Also mit dem Gewicht auf zogen? Nein, habe ich nicht, aber das sollte ich vielleicht erwähnt haben. Wenigstens der Chronistenpflicht wegen, ohne es weiter auszulegen.


Wir sind gestern Abend dann über die Karl-Marx-Allee nach Friedrichshain spaziert, haben etwas gegessen, von den Dingen geredet, weiterspaziert zum Boxhagener Platz, von der Vergangenheit geredet, zum RAW-Gelände, von der Sache zwischen Schwester und Bruder geredet, dann über die Warschauer Brücke, über alles geredet, an der EastSide-Gallery zurück, den ganzen Weg zum Alexanderplatz, durch das Scheunenviertel zum Hackeschen Markt gelaufen und dort so unmögliche Sachen gemacht wie ein Bier im Cafe Cinema zu trinken, und dann noch ein Zweites und ich meine sogar ein Drittes, und wir uns unheimlich cool vorgekommen sind, dass wir dem Barmann auf deutsch geantwortet haben. Und dann sind wir über den Rosenthaler Platz nachhause gepilgert.


So.

[tagebuchblog:4.11.]

Nachdem ich gesternfrüh todmüde und geschafft aus dem Büro nachhause gekommen war und mich auf das Schlafen vorbereitet hatte – Zähne geputzt, Kleider vom Leib geschält – setzte ich mich auf das Sofa und war unfähig zu schlafen, unfähig mich zu beruhigen, das Nervenkleid vom Leib zu schälen, ich wippte mit dem Bein und schaute abwechselnd zwischen der Landschaft vor dem Fenster und den Dingen in meiner Wohnung, hin und her, eben noch so viele Gedanken gehabt, so viele Gespräche, der nervöse Beat der noch in den Beinen nachwippte.
Später legte ich mich versuchsweise ins Bett, zählte bis anderthalb, und fand mich um 5 Uhr nachmittags wieder.

Drei Stunden später mich noch auf ein paar Drinks mit Kollegen ins Basil am Hackeschen Markt gesetzt. Auch etwas gegessen dort. Auch da, der eigenartige Loungecharakter, der sich immer als Untergang von Berlin entlarvt.

[3.11.]

Es ist ja nur so, dass ich soeben nachhause gekommen bin, und mich gleich ins Bett legen werde, ich bin schließlich ein bisschen durch den Wind, nach dieser langen Nacht im Büro, ich konnte vorhin Berlin nicht mehr von Hamburg unterscheiden, für manche mag das Blasphemisch sein, für manche hingegen einerlei und für meinen mittlerweile wieder in die Firma gekommene Chef, war das der Grund um mich nachhause zu schicken, nicht weil er etwas gegen Hamburg hätte, beigott nein, aber egal, mich hat gestern ja eher dieses hinüberpilgern zu Antville gewissermaßen betrübt, fängt dieser elitäre Scheiß wieder an, ich bin stolze Bürgerin von antville.org oder die Keimzelle der deutschsprachigen Blogs, (usw), rechtes Gefasel einer religiösen Gemeinschaft, unbedingt der coolen Gemeinschaft anhängen wollen und sich den Namen an die Blogadresse tackern, es überrascht mich gar nicht, den ZiWo dort wieder zu sehen. Seit Jahren das erste mal wieder. War der nicht tot?

[2.11.]

Unendlich deprimierendes Wetter.
Unendliches, deprimierendes Wetter.
Unendliches Depri-Wetter.

Heute wollten meine Schwester, K und ich ins Kino gehen, Dust of Time schauen, aber es war absehbar, dass ich in der Rufbereitschaft von der Arbeit angerufen werden würde. Wir haben da gerade so Schwierigkeiten.
Deshalb haben wir uns zuhause getroffen und einen riesigen Kohlsalat zubereitet. Meine Schwester hat Camembert in Sonnenblumenkernen gebraten. Statt des Kinos haben wir dann David Lynch’s Lost Highway gesehen.