[tagebuchbloggend: 28.12.]

Den achtundzwanzigsten vor allem nerdend am Computer verbracht. Den Drucker wieder zum Laufen gebracht, aber damit nicht genug, den PC als Druckerserver für alle Computer im Hause eingerichtet, und eine fünfhundertgigabyte USB-Platte als Haushaltsdaten-Share eingerichtet und natürlich für alle Computer in der Wohnung (6, bei zwei Personen) übers Netz zur Verfügung gestellt, und Skripte geschrieben um täglich die aktualisierten Dateien mit dem Server im Netz zu Syncen, und. Nach dem Aufstehen sind K und ich allerdings erst aus dem Haus gegangen, weil der gestrige Tag schon so ein Tag des künstlichen Lichts war, ich hatte nämlich gar nicht erwähnt, dass wir Avatar am Nachmittag geschaut hatten, also während der paar hellen Stunden dieser kurzen Dezembertage, haben wir diese paar hellen Stunden in einem verdunkelten Keller im SonyCenter am Potsdamer Platz verbracht, und sowieso, wenn ich morgens nicht aus dem Bett muss, dann verschiebt sich mein Biorythmus ganz schnell nach hinten, momentan bin ich bei 4:50Uhr Schlafenszeit angekommen, und irgendwann nach Mittag komme ich aus dem Bett, und tja, der Tag fängt dann schon an zu dämmern, und mich ärgert das, also sind wir heute gegen halb zwei aus dem Haus gegangen, die Brunnenstraße hinunterspaziert, sind in zweidrei Schuhläden reingegangen, haben dann in der Rosenthaler Straße einen Burrito gefrühstückt, und sind dann über den Hackeschen Markt, auf die andere Seite der S-Bahntrasse gegangen, um dieses neue, noch im Rohbau befindliche, sogenannte Hackesche Quartier auszuchecken, Quartierquartier, diese Vermarktungssprache, die Angst vor dem Unschicken, jedenfalls befürchte ich ja, dass die da wieder unsägliche Langeweile hinbauen, oder mindestens diese geleckte Ästhetik, der sich in Avantgarde befindend glaubenden Architektonischen Riege, die, wie so oft, Zurückhaltung predigt, Klarheit, Form follows Function — von der Function erwarte ich, dass sie praktisch ist, die Fernbedienung soll (verdammtnochmal) übersichtlich sein, aber von der Form erwarte ich, dass ich (verdammtnochmal) nicht durch eine Stadt von Fernbedienungen laufen muss. Dabei rede ich nicht einmal ausschließlich von Ästhetik. Aber möglicherweise bin ich ein bisschen ungerecht, ich habe mich über die neuen Häuser hinter der SBahn sehr gefreut, die Intensität des Stadtkörpers, die dort wieder hergestellt wird, aah – und ich klinge wie ein Esoteriker wenn ich vom Städtebau rede.

[tagebuchbloggen 27.12.]

Hm, K sagt, ich wäre schon zu betrunken für diesen Tagebuchblogscheiß um diese Uhrzeit. Ich hingegen bin mir noch nicht ganz sicher. Dabei liebe ich es ja gerade so sehr, diese Zwischenzeit, ha und jetzt erwähne ich es wieder, ich weiss nicht genau warum mir dieser Term in diesen Tagen so oft in die Quere kommt, die Zwischenzeit gibt es ja jedes Jahr, mehr oder weniger jedenfalls, vielleicht weil ich mich darauf eingestellt habe. Und dabei weiss ich nicht was das jetzt wiedermal zu bedeuten hat. Vielleicht wäre wiedermal Kulturkritik angebracht, heute sind wir nämlich in Avatar gewesen, der Film, der die Kinogeschichte umschreiben soll, [...] Ploink. Doch nur der 3D-Technik erlegen, eigentlich. Obwohl man immer nur fokussieren kann, man tut sich so schwer das gesamte Bild zu erfassen, man muss immer Details scharfstellen. Wenn man den Überblick behalten will, sich zurückziehen aus dem Geschehen und auch die Ecken erfassen, dann wird alles unscharf, die Augen folgen dem Geschehen nicht mehr. Aber die 3D-Brillen haben ich natürlich behalten. Und das zerstreuende an diesen platten, emotionalen Geschichten ist immer, dass man weiß, wie sehr die Bösen am Ende auf den Deckel kriegen werden. Opium für das Volk, ich meine, man lehrt eine Art von Moral vielleicht, vielleicht; vielleicht ist das auch OK so. Möglicherweise bin ich aber tatsächlich gerade zu betrunken.

[tagebuchbloggen 26.11.]

Wir machen ja oft Spaziergänge Unter den Linden.

#
Am Abend endlich wieder an diesem langen Text gearbeitet, ich habe ihn seit etwa drei Monaten nicht mehr angefasst und überhaupt war ja diese freie Weihnachtswoche dafür da, aufzustehen und ein bisschen dazwischen zu hängen, zwischen den Tagen, zwischen den unterschiedlichen Wahrnehmungen, zwischen den Zeiten auch, wenn man so will, aufstehen und mich an den Text zu setzen, in dieser undefinierte Leere, nicht nur des entvölkerten Berlins, weil Berlin ja gar nicht so entvölkert ist, wie ich immer glaubte, es spielt sich nur alles in den Häusern ab, das Introvertierte an der Weihnacht, daran musste ich an diesem Heiligabend denken, als wir im Treppenhaus einer chinesischen Familie begegnet sind, sie waren auf dem Weg nach oben in die Ferienwohnung, das vermultich einzig gute daran, eine Ferienwohnung im Haus zu haben, dass man chinesische Familien im Treppenhaus trifft und sich wundert; es waren offensichtlich Touristen, zu Besuch im weihnachtlichen Europa, die Geburtsstätte dieses eigenartig bilderstarken Volksfestes, einer Ästhetik die wirklich so etwas wie Sehnsüchte zu erwecken vermag, ich meine, die Weihnacht strotzt ja nur so von Sehnsuchtsbildern, wenn auch nicht meine: der Schnee, die Glocken, die sanften Lichter, der nächtliche Himmel, die roten Wangen, die roten Gewänder, die roten Tischdecken, die bunten Geschenke, der Schnee, der Schnee, der Schnee, das sind ja die Bilder die hinaus in die Welt gebracht werden, und dann frage ich mich wie man als chinesische Familie die Weihnacht in Europa überhaupt erlebt, erleben kann, ich meine: wir Europäer gehen nach Japan um die Sache mit den Kirschblüten zu feiern und alles ist irgendwie Kirschblüte, dann gehen wir nach Rio um den Fasching zu feiern und alles ist irgendwie Fasching, aber dann kommt eine chinesische Familie nach Europa um Weihnachten zu feiern und findet am Tag an dem alles geschehen soll, an dem Abend an dem diese ganze aufgestaute Adventsspannung, alle Weihnachtsmärkte, alle Glühweinstände, alle Kerzen, alle rotweiß kostumierten Bartträger, und alles, alles irgendwie in tausende Lichter zerplatzen müsste, an diesem Abend findet die chinesische Familie eine tote Stadt vor.
Dieses Introvertierte der Weihnacht. Ich finde das ja ganz gut, eigentlich.

[tagebuchbloggen: 25.12.]

Inzwischen ja total befriedet mit der Weihnacht.
Am Vierungdzwanzigsten lange mit K im Bett geblieben, und dann mit dem Frühstück wieder zurück zwischen die Laken. Und danach wollte ich Bescherung, ich sagte, ich sei jetzt alt genug um wieder Spaß daran zu haben, ich wollte ein Ritual, ich meine, wenn wir am Abend schon so etwas wie ein Weihnachtsessen machen, dann wäre dieser ganze Weihnachtskram ja ohnehin schon initialisiert, und Geschenke hatte auch jeder schon gekauft, dann kann auch alles gleich Weihnacht sein. Wir zogen etwas vernünftiges an, um nicht in Unterkleidung Geschenke zu vergeben: ich sagte: hier: das und das und das, und ich bekam: das und das und das. Und danach haben wir eine zeitlang über die Geschenke geredet.
Nachher sind wir zusammen zu Kaisers geschlendert um die letzten Zutaten für den Abend zu kaufen, aber es war schon lange nach zwei Uhr, also alles schon zu und dunkel, deswegen mussten wir bei den Spätkaufs die Sachen ein bisschen zusammengekaufen.
Um fünf Uhr kam meine Schwester. Wir öffneten eine Flasche gekühlten Sekt und fingen mit dem Kochen an. Terlaner Weißweinsuppe und Südtiroler Semmelknödel mit einer schweren Sauce auf Salat. Auch meine Schwester hatte Geschenke für uns, und wir hatten auch ein Geschenk für sie, und danach haben wir Whiskys gekostet, ein paar der Flaschen auf den Tisch gestellt und uns durch die Whiskyregionen getrunken, ein bisschen vorsichtig aber, mehr gekostet als getrunken, und danach wieder zurück zum Wein und zum Bier und geredet, und weitergeredet, bis es schließlich drei Uhr war; waren wir nicht schon im Sofa versunken?

#
Heute am Fünfundzwanzigsten, wieder lange im Bett geblieben, aber das Frühstück am Tisch gegessen, danach geduscht, und plötzlich war es schon wieder Abend, und überhaupt, diese ganzen Und-Sätze, ich könnte nur noch Und-Sätze schreiben, Aneinanderreihungen von Ereignissen, die, was auch immer passiert ist, wie langweilig auch immer, zu einer Perlenschnur werden, mit den UNDen als GLieder, so musikmäßig tamtam UND tamtam UND tamtam UND, und K hat Köttbullar gemacht, mit Kartoffelpüre, glasigen Zwiebeln, einer braunen Sauce und Preiselbeermarmelade, und ich war total hinundweg deswegen, habe dreimal nachgeschöpft und dachte mir: K, können wir das nicht immer machen?, so in den Tag hineinschlafen, essen und tamtamtam UND tamtamtam,

[tagebuchbloggen: 22.12.]

Dieser seitliche Kopschmerz, dieser seitliche Kopschmerz, dieser seitliche Kopschmerz. Von der linken Stirnkante bis zum linken Wangenknochen und nach hinten bis zum Ohr, zuweilen wird es da auch fiebrig warm. Er treibt mir sporadisch Tränen ins linke Auge. Und er macht komische Sachen mit der Haut auf meiner Nase, große Pickel, die ziemlich schnell zerplatzen. Auf beiden Flügeln.
Vermutlich die Kälte vom Samstag, die mir bis in die Knochen gekrochen ist und dort ein paar Tage ausgeharrt hat, auf die Gelegenheit wartend, mir bei den Ohren wieder herauskriechen zu können.

Sonst aber alles OK. Heute sowieso besser.
Nur gestern meine Verabredung mit Modeste absagen müssen.

Heute noch die letzten Erledigungen im Büro getan: Abschied genommen, Froheweihnacht gewünscht, und den guten Rutsch, zwischen den Tagen haben wir alle frei bekommen, und alle sagen, wie blöd das zu sagen: zwischen den Tagen. Ich hingegen mag das, den Ausdruck meine ich, natürlich auch die freien Tage, aber im Ausdruck ist es dieses Undefinierte dieser Tage, das Dazwischen, so eine _Dazwischenzeit_ ist das, alles bleibt ein bisschen stillstehen und eine warme Decke wird über alles drübergelegt und jetzt glaube ich, dass das alles ziemlich dämlich ist, das so zu beschreiben.

[tagebuchbloggen 21.12.]

Die längste Nacht im Jahr. Und so spät.

K war nicht zuhause. Meine Schwester und ich hatten uns verabredet Von Triers Dancer in the dark zu schauen. Wir wollten uns vorher noch Ks Eintopf von gestern aufwärmen, das hat dann aber ewig gedauert, inzwischen war auch K wieder zuhause und dann hieß es Dancerinthedark dauere fast drei Stunden und da ich weiß, wie von Trier mich immer bis tief in die Träume beschäftigt hält, entschied ich mich dagegen, und dann haben wir ungefähr eine Stunde lang durch unsere DVD-Mappe geblättert und uns für Jim Jarmusch entschieden, einer seiner ersten langen Filme, Stranger than paradise, der machte das damals schon, dieses lange Draufhalten der Kamera, dieses Einfangen der Szenen, die Andere streichen würden, und dann alles noch ein wenig unverfeinert, oder unverfälscht wenn man so mag, rohe Melancholie vielleicht.

[tagebuchbloggen 20.12.]

Freitagabend war übrigens der erste Tag an dem K und ich wieder einmal Zeit hatten, also Zeit für einander. Darüber waren wir dermaßen aufgeregt, dass wir uns eine Riesenpasta gemacht haben und uns einen Film gegeben, einen Krimi auf Arte, und daraufhin sind wir so müde geworden, dass wir ins Bett gegangen sind. Das mit Stephen King ist ja nicht mehr so am Laufen, nach dem dritten Kapitel wurde irgendwie alles egal. Deshalb sind wir jetzt auf Maxim Biller umgestiegen. Kurze Geschichten, manchmal lese ich sie alleine, manchmal lese ich sie vor, das ist das Praktische an kurzen Geschichten, das Kurze, es nimmt keine Epochen des eigenen Lebens ein, sondern einige Minuten, manchmal wenige Stunden, man muss also nicht das ganze Leben danach einrichten, ausrichten, das sind kurze Momente der Kunst, die man aufnimmt und in Rauch aufgehen lässt, Sex. Andererseits bleibt meist wenig davon hängen, bei den Romanen hingegen beginnt man schon regelrecht Beziehungen und Freundschaften mit den Charakteren aufzubauen, als Romanleser ist man Teil einer Parallelgesellschaft, während Kurzgeschichtenleser Buschauffeure sind.
Wir lagen jedenfalls im Bett und ich las Maxim Biller vor, und K fragte mich, ob ich eigentlich Fischstäbchen mochte und ich sagte, ich würde Fischstäbchen sehr gerne mögen, und sie sagte, sie auch, das sei eine gemeinsame geheime Leidenschaft und ich sagte, ich hätte Fischstäbchen manchmal pur und aus der Pfanne und ohne gar nichts gegessen, und sie sagte, wir sollten zwischen den Tagen mal Fischstäbchen machen und ich sagte ja. Mit diesem wohligen Gedanken schliefen wir kurz danach ein.

Am Samstagnachmittag mit meiner Schwester, ein wenig zu leicht bekleidet, hinaus in die Kälte gegangen, Schuhe für sie zu kaufen, ich als modischer Berater, wir liefen lange und viel, als ich dann nachhause kam, fühlte ich mich irgendwie konserviert, die Haut war eigenartig flaumig und rot, die Nieren schienen zu Rosinen geschrumpft zu sein. Für den Abend waren K und ich beim Nachbarn zu seiner Party eingeladen. Ich entschied mich dagegen. K kochte eine wunderbare Pasta mit Thunfisch, Sellerie, Tomaten und Sahne. Und Knoblauch.

Zudem ärgere ich mich wieder über all die Menschen mit den albernen Mützen.

[tagebuchbloggen: 17.12.]

Zu Anja Plaschg alias Soap&Skin ins Berghain gegangen, und diesem eigenartigen Mythos erlegen, den das Berghain in diesen Tagen so ausstrahlt, mit den mythisierenden Bildern die die Zeitung darüber so schaffen, wirkte es wie eine Erscheinung, dieses etwas verfallen wirkenden neoklassizistischen Heizkraftwerks in der Nacht, inmitten der Brachen am Ostbahnhof; das hat schon was. Das ist ein bisschen wie in einem Batmanfilm zu sein. Aber ohne Batman vielleicht.

Wir hatten gestern keine Karten und in der elendig langen Schlange vor dem Berghain hörten wir, dass es ausverkauft sei, und auch an der Abendkasse jede Mühe umsonst, und so verließen wir die Schlange und standen erst ein bisschen hilflos zwischen den umliegenden Brachen herum, in der Hoffnung jemand würde uns zwei Karten verkaufen, aber es war gestern ja die kälteste Nacht bisher und so sind wir einfach losgegangen, zur S-Bahn, ins Kino meinetwegen, aber dann holte uns jemand ein und fragte ob wir Karten bräuchten und wir nickten: hey, das issja super. Er hatte allerdings keine Karten bei sich, sondern zwei virtuelle Karten bei Radio Eins gewonnen, die er nicht einlösen wollte, aber für 25€ das Stück verkaufen, wir müssten nur an den Türstehern vorbei zur Kasse, dort ein Passwort nennen und alles wäre gut.
Das klang alles sehr unstet. Er meinte aber wir müssten erst nachher bezahlen, wir könnten also erst reingehen uns einen Drink holen um die Argwohn der Türsteher nicht zu wecken und zehn Minuten später erst rauskommen, ihm das Geld zu geben.
Das haben wir also getan. An der Kasse riefen meine Schwester und ich pistoleschießend Wien; und schon waren wir drin.

Ich hatte mich ja schon sehr auf eine gothic Veranstaltung eingestellt. Das Publikum würde toupierte Haare haben, Zwangsjacken aus Leder tragen, in die Länge geschminkte Augen, alles schöne Dinge natürlich, die ich allerdings mit Anfang zwanzig mehr zu schätzen wusste als ich sie heute zu explizit finde, doch war die einzige, die irgendwie gothicmäßig angezogen war, Anja Plaschg selber. Und mit ihren 18 Jahren auch die Jüngste.
Das Publikum war dann eher so, wie soll ich sagen: Lesebühnenpublikum zwischen dreißig und fünfzig. Das war eine lustige Erkenntnis. Und auch peinlich, mich genau darin wiederzufinden.

Sie spielte alle Lieder, sie spielte das wunderbare CryWolf. Doch weiß ich nie recht echt ist an ihr. Sie brach einmal in Tränen aus, wischte das aber mit einem gekonnten, routinierten Bemerkung wieder weg, einmal lief sie schreiend über die Bühne, wie ein wildgewordenes Kind das um Aufmerksamkeit buhlt. Sie ist sich ihrer Rolle sehr bewusst, sie schauspielert, die Art wie sie am Mikrophon verstummt, sie weiß um den Effekt ihrer nur zur Hälfte ausgesprochenen Worte, die Haltung, wie sie im Weggehen noch entscheidet ein Wort zu sagen, dann vor dem Mikro doch nichts sagt. Sie weiß wie sie wirkt, und sie weiß zu wirken, und das macht ihr Spaß, das macht ihre Erscheinung zwar nicht minder aufregend, aber ich kann mich des Gefühles nicht entziehen, dass das alles sehr aufgesetzt ist, sehr erlernt. Die Tränen: eine tragische Geste. Das Schreien: eine tragische Geste. Das ätherische Gucken: eine Geste. Ich kaufe ihr das Leiden nicht so ab.
Und trotzdem habe ich jeden Moment aufgesaugt.

Soap&Skin

[tagebuchbloggen: 16.12.]

Die ahnenden Blicke der Anderen nach der Firmenfeier, die man immer als wissende Blicke interpretiert.

#
Am Abend mit U und mit C im FrauMittenmag gewesen. Das haben wir früher öfter gemacht, hat sich aber ein bisschen gelegt, ich weiß auch nicht warum, man geht so den Dingen nach, und diese beiläufigen schönen Abende, die so völlig projektlos sind, die keine Meetings sind, weil sonst ja alles immer gleich Projekt und relevant und wichtig sein will; diese beiläufigen und schönen Abende, die werden dann immer seltener.

[tagebuchbloggen 15.12.]

Wir saßen überm Marlene-Dietrich-Platz, nippten am ersten Bier der Weihnachtsfeier, schauten hinunter auf die Spielbank und mein Chef sagte, komm, lass uns in die Spielbank gehen und ich sagte, ohnein, sowas ist nichts für mich, und er sagte, ah doch, das ist cool, kann man 10 Euro in den Automaten stecken und als Millionär nachhause gehen, und ich sagte, ohnein, sowas ist nichts für mich, und er sagte, doch das ist cool, haben wir früher auch gemacht, und ich sagte, ohnein, sowas ist nichts für mich, und er sagte, komm, ich glaube ich gewinne heute die Million, und ich sagte, stimmt, ich habe auch ein gutes Gefühl, und der andere Kollege sagte, er käme mit, und so gingen wir hinunter zur Spielbank, und ich fragte dauernd was ich jetzt tun muss, und mein Chef zeigte mir die Knöpfe. Er verlor fünfzehn Euro, danach verlor ich zehn Euro, aber immerhin hatte ich einmal 2,50 gewonnen, die ich beim nächsten Einsatz sofort wieder verlor, und mein anderer Kollege verlor erst einen Zehner, gewann dann 38 Euro, und, schlau wie der Fuchs, wollte er es sich auszahlen lassen, drückte auf Auszahlen – danach tat sich aber nichts mehr. Erst später sahen wir, dass man die Auszahlung, ganz oben rechts auf einem eigenen Drücker bestätigen musste. Das war später. Vorher hat er die 38 Euro natürlich wieder verspielt.

#
Beat It. Just beat it. Beim tanzen zu Beat It ist dann immer alles so klar, die Coolness der Achtziger, die so Jackomäßig aufgedreht war, die wir heute so unmöglich finden, so grell. Beim Tanzen zu Beat It verstehe ich immer worum es ging, es liegt in den Bewegungen, die der Song hervorruft, sie sind so achtziger, so jackomäßig aufgedreht. Ich glaube es hatte mit, öhm, Hoffnung zu tun.

#
Wir waren die Letzten. Ein Haufen betrunkener Nerds, der mit den Garderobemarken vollkommen überfordert war. Nachher, es war vier Uhr, kehrten wir noch im MacDonalds ein, Himmel, ist das wirklich so gewesen, und als die anderen ins Taxi stiegen bin ich noch den ganzen Weg vom Potsdamer Platz bis zum Hackeschen Markt gelaufen. Irgendwann spürte ich meine Beine nicht mehr und bin für den letzten Kilometer in ein Taxi gestiegen.
Ich weiß übrigens, warum ich mir heute freigenommen habe.

[tagebuchbloggen: 14.12.]

Gestern wieder lange im Büro gesessen, Sachen reparieren. Keine Herzen. OK, der war albern. Generell bin ich derzeit ein bisschen albern. Gerne bin ich derzeit ein bisschen albern.
Nachher waren K und ich in der neuen Wohnung meiner Schwester eingeladen. Es gab einen sehr gehaltvollen Eintopf; Eintopf, das klingt jetzt sehr nach Unherzlichkeit, das war aber Absicht, wegen meiner gedämpften Nahrungsaufnahme, woran ich mich nicht leicht erinnere, wenn ich an meine Nahrungseinflößungen der letzten Wochen denke. Mekstopfleben. Aber meine Schwester weiss das, und auch K, nur ich scheine mich dem ein bisschen zu entziehen, dem Wissen meine ich, und dann denke ich an so Sachen wie: Wissensentzug, und denke sofort an Bildungsentfernung, und dann bin ich schon ganz woanders. So leicht ist das.

[tagebuchblog: 13.12.]

Am Freitag essen gewesen. Und das ging so:
H aus Wien ist eigentlich H aus Südtirol, das heißt, wir haben eine gemeinsame Vergangenheit, gemeinsame Abneigungen, gemeinsame Freunde, und dazu gehört auch Hannes. Als gemeinsamer Freund. Hannes hat Südtirol irgendwann in den neunzigern mit Berlin getauscht. Wir hatten nie ein besonders inniges Verhältnis zueinander, aber man kennt sich in Südtirol, wenn man sich die Haare grün färbt und gegen den Wind stinkt, aber ich weiß nicht, ganz warm war das nie zwischen uns, zudem sagte H, ich hätte dem Hannes damals seine Freundin ausgespannt, was er mir nie verziehen habe, aber ich meine mich zu erinnern, dass ich Trostpflaster für seine Exfreundin gewesen bin, eine undankbare Aufgabe, ich war meine ganze Jugend lang immer nur Trostpflaster, ich habe immer verletzte Gefühle reparieren müssen, oder Schultern zum Ausheulen hergeben müssen, küssen wollten die mich nie, aber hey, das ist jetzt wirklich sehr lange her, wir waren fast noch Babies, und die Gefühle von damals, waren so schwierig händelbar wie wie wie, ach das ist mir jetzt zu albern, nach blöden Gleichungen zu suchen.
Nun war H also in Berlin zu Besuch und er sagte, Hannes wäre jetzt Besitzer eines Restaurants in Kreuzberg und da wir allesamt ziemlich gerne essen, beschlossen wir, am Freitag den Hannes in seinem Lokal zu überraschen. Ich würde am Freitagnachmittag anrufen und einen Tisch für vier bestellen, aber als Wito anzurufen war natürlich blöd, das war dann ja keine Überraschung, also entschied ich mich für den Namen Durnwalder, denn Durnwalder ist der Name unseres Landeshauptmannes, also des südtiroler Landeshauptmannes, und Durnwalder sieht so aus, und bei dem Gedanken, mich nach so vielen Jahren beim Hannes als Durnwalder zu melden, musste ich unheimlich lachen, und so bat ich meinen Kollegen, unter der 030/34711008 anzurufen und als Durnwalder einen Tisch für vier Personen zu bestellen, also griff mein Kollege zum Telefon, stellte den Lautsprecher auf laut und wählte die Nummer, hallo hier Durnwalder, ich möchte einen Tisch für heute Abend reservieren, für wieviele?, für vier, welche Uhrzeit?, für acht, wie war nochmal ihr Name?, Durnwalder, wie bitte?, Durnwalder, d-u-r-n-w-a-l-d-e-r, ha das ist ja witzig, was ist denn bitte witzig?, oh entschuldigung, so heißt unser Landeshauptmann, ihr _was_ bitte?, unser Landeshauptmann, Landeshauptmann?, ja, das ist ein wichtiger Politiker, ahso und warum jetzt _ihrer_, ja wegen Südtirol, das ist der südtiroler Landeshauptman, achso, kann ich ja nichts dafür, ja das stimmt, ja so ein Zufall, ja tatsächlich, issjanding.
Das war schon ein sehr witziger Moment.

Am Freitagabend fuhren also K, H, und ich nach Kreuzberg. Meine Schwester kam aus Neuköln, und war schon lange vor uns da, sie und Hannes kannten einander nicht, meine Schwester ist viel jünger, aber sie kam ins Lokal, sagte, sie habe einen Tisch reserviert, auf den Namen Durnwalder und der Hannes sagt: hey Du bist ja die Schwester vom Mek, und sie sagte, ja, öhm, wusste dann aber auch nicht weiter, Hannes meinte aber meine andere Schwester, die beiden werden dauernd verwechselt, was ich nie nachvollziehen kann, weil sie ja so unterschiedlich aussehen, aber egal, um der Sache die Spannung rauszunehmen: Hannes ahnte auf einmal, was sich hinter Durnwalder verbarg, und war dann entsprechend gelassen, als wir gutgelaunt und grinsend das Lokal betraten.

Wir haben dann tolle Sachen gegessen, ich einen Hirschrücken mit Blaukraut und Speckknödeln in wunderbarer Weinsoße, die Mädels hatten ein üppiges Knödeltris in geschmolzener Butter mit Parmesankäse und Salat. H aß die Gans. K und ich nahmen uns als Nachtisch einen Kaiserschmarrn.
Nachher setzte sich Hannes zu uns und öffnete eine Anderthalbliterflasche Obstler. Schenkte ein. Und blieb dann einschenken. Und machte mit dem Einschenken weiter. Bis es ungefähr zwei Uhr war. Auch noch an der Bar beim Zahlen. Auch noch als ersichtlich wurde, dass wir nicht mehr wirklich zur Ubahn laufen konnten. Laufen wollten. Als wir das Lokal verließen hörte er aber auf.
OK, nur H und ich hatten uns verführen lassen. K und meine Schwester waren früher zur Vernunft gekommen.

Am nächsten Tag: lange geschlafen. Und dann zum Kollwitzmarkt spaziert. H wollte am Abend für uns kochen und brauchte frische Zutaten. Ziemlich spät am Nachmittag sind wir dann mit zwei kleinen Tüten Kräuter wieder nachhause zurückgekehrt, haben einen Kaffee getrunken, und da hatten wir diese grandiose Idee ins Alexa zu fahren, Lebensmittelgroßeinkauf, H war nämlich mit dem Auto in Berlin, und K und ich müssen sonst ja immer schleppen, das klang so wunderbar: mit dem Auto Großeinkauf machen, hinfahren, einpacken, zurückfahren – also sind wir am späten Samstagnachmittag, zusammen mit ganz Ostberlin, nein: zusammen mit ganz Ostberlin und ganz Brandenburg und ganz Westberlin, ins Alexa gefahren und dort noch richtig shoppen gegangen: Hosen, Hemden, Unterwäsche, Konzerttickets, Schuhe, haben uns durch alle Etagen gedrängt und uns die ganze Zeit gewundert, was für einen unheimlichen Blödsinn wir da gerade machen. Lebensmittel haben wir dann auch gekauft.
Und danach gekocht.

Und dann wurde Sonntag. Viel Zeit in der Küche verbracht. Bei Kaffee und Tee, bis in den Nachmittag hinein, dann haben wir H zum Auto gebracht und uns verabschiedet. Danach war plötzlich Abend und jetzt geh ich ins Bett.

[tagebuchbloggen: 10.12.]

Also nicht, dass es nichts zu berichten gäbe, auch fehlt mir nicht der Ton, doch war es in diesen Tagen eher die Zeit. Also Stichpunktartig (rap-artig, oder wrap-artig, haha, auch wenn Stichpunkte ja nicht umwickelt sind, sondern ausgepackt und ausgelegt, der Rap sollte den Takt geben und das Wrap sollte alles nackig machen, aber ich schweife ab) nachgeholt:

-Mittwoch waren K und ich bei A und N zum Essen eingeladen. Pärchenabend, sehr toll, und das meine ich nicht ironisch.
-Donnerstag ist H aus Wien gekommen und bleibt ein paar Tage. Gestern waren wir also noch weg, K, H und ich, ins Toca Rouge an der Torstrasse essen und nachher noch im Bergstüb’l (das schreibt man wirklich so) an der Brunnenstraße (nicht das in der Invalidenstraße) dreivier Biere getrunken und über Blogs geredet, und über Ästhetik, komische Mischung, war aber richtig.

Überhaupt das Bergstüb’l, eigenartige Bar, man würde sie ja eher im alten Berlin der neunziger sehen, oder wenigstens im hintersten Friedrichshain, oder heute in Neuköln, keine Ahnung was da früher drin war, möglicherweise ein Massagesalon, der hinterste Raum ist weiss gefließt, der mittlere Raum und der vordere haben Holz an den Wänden, und irgendwie ist alles kaputt und verbraucht, dann steht die Bar ein wenig verloren im oberen Teil der südlichen Brunnenstraße, der Teil der nicht so recht weiß was aus ihm werden wird, aber: super Bar, super Musik, super Räumlichkeiten, und super Leute. Nur sind immer so wenig Leute da, dass das Super total im Überfluss ist.
Ich werde da jetzt öfter hingehen, den Rockandroll am Leben zu halten, bevor alles loungemäßig geradegeschaltet wird.

[tagebuchbloggen: 8.12.]

Nach der Arbeit stieg ich auf das Fahrrad und im Schritt riss mir die Hose. Eine Hose die ich mir vor mehreren Monaten gekauft habe, als ich mir vorgenommen hatte, viel Gewicht zu verlieren, doch war ich ziemlich schnell ziemlich euphorisch über meinen schnellen Erfolg gewesen, dass ich die Hose ziemlich früh ziemlich oft angezogen habe. Auch wenn sie noch ein bisschen eng saß. Und heute ist mir das zum Verhängnis geworden. Verhängnis, weil ich nach der Arbeit mit meinen Kollegen zum Bowlen verabredet gewesen bin. Die anderen fuhren mit den AUtos oder mit der Bahn, ich hingegen fuhr mit dem Fahrrad, erst ritsch-ratsch und unterwegs dachte ich mir, irgendetwas unternehmen zu müssen, dann fiel mir ein, dass ich auf dem Weg zur Bowlingbahn ja bei diesem Arkadenteil an der Landsberger Allee vorbeikomme, und Arkaden sind in Berlin ja das Synonym für Geschäfteanhäufung in einem gläsernen und stählernen Bau. Ich kam dann bei den Arkaden an, musste aber feststellen, dass die beste Zeit für die Landsberger Allee Arkaden längst schon gewesen ist, fand dann aber doch noch ein KiK Textildiscount im Untergeschoß, und da gab es Polyesterhosen für 7€ und dann fiel mir dieser Flyer ein, den meine Schwester neulich ins Haus gebracht hat, auf dem draufstand, dass Kik genauso schlimm ist wie Lidl und Aldi, und weil ich bei Lidl und Aldi ja auch einkaufe, habe ich bei Kik auch, nunja, die Sache sein lassen und bin mit gerissener Hose ins Bowlingzentrum geradelt.
Einen Strike habe ich geworfen und zweimal einen Spare. Sonst war ich so ziemlich der Schlechteste.

[...]

Zudem frage ich mich woher diese Empörung von allen Seiten rührt, wenn sich Rockstars daneben benehmen. Galt es früher nicht als guter Stil, das Hotelzimmer zu verwüsten? Galt es nicht als normal, sich die Birne zu betäuben, um das Ganze und noch vielmehr zu ertragen?
Pete Doherty hat gestern in Kreuzberg im Suff randaliert und alle sind empört. Aber vielleicht habe ich früher einfach andere Medien gelesen.

#
Die Dinge die am Wochenende passiert sind liegen jetzt zu weit zurück um noch darüber tagebuchzubloggen. Und heute war alles fad.

[tagebuchbloggen: 4.12.]

Ohja. Vorgestern noch »Es« weitergelesen, also vorgelesen, das zweite Kapitel handelt von einem Lynchmord an ein schwules Paar, die Homophoben sollen es gewesen sein, aber in Wirklichkeit war es natürlich der CLown mit den Haifischzähnen, nur glaubt das wiedermal niemand.

Was vorher geschah: meine Schwester und ich hatten uns nach dem Literarischen Nachtclub an der u8 am Alex verabschiedet, weil sie vorgestern die erste Nacht in ihrer neuen Bleibe verbracht hat, sie fuhr also gen Süden und ich gen Norden, das war so das erste mal Abschied nehmen in der selben Stadt, hey schlafgut, sehen wir uns morgen? Das war fast schon normal, so schön auch, das war sehr OK. Eine eigenartige Unaufgeregtheit, die symbolisiert, dass alles gut ist, dass alles so ist wie es sein soll.
Wir hatten uns neulich überlegt Tshirts zu kaufen mit dem Aufdruck u8, wegen des Bekenntnisses zur eigenen Ubahn, denn, sich mit Stadtteilen zu identifizieren ist ja gleich wieder so nazimäßig, sosehr Nation auf Mikroebene, weil man sich mit dem größeren Kontext nicht identifizieren mag. Diese Shirts gibts es im Mauerpark(is-our-park) zu kaufen, zudem ist der Ruf der u8 ja eh schon so schlecht, dass man durchaus eine Art Kultur schaffen sollte um der u8 eine gewisse Liebe entgegenzubringen, zu hypen vielleicht, zu gentrifizieren auf ubahnisch, bis wir alle nur noch in der u8 Prosecco trinkend rumschnöseln. OK das war jetzt albern.
Im Ubahnhof am Alex haben wir dann noch K und ihre Freundin S getroffen, die gerade von einem Abend an der Oper auf die u8 warteten, und das ist so krank, dieses anonyme Großstadtleben, wenn man nachts im Ubahnhof steht, in der Masse der Geischter, plötzlich ein bekanntes Muster erkennt. Warum das jetzt krank sein soll erschließt sich mir nicht ganz, aber das klang eben so gut, dass ich mir den Term nicht entgehen lassen will, den Satz jedoch nicht umbauen will, ist ja alles mühsal.
Zuhause lag B jedenfalls schon im Bett, weil, oh, das hatte ich noch gar nicht erwähnt, wir haben seit vorgestern B aus Wien zu Besuch, B kommt eigentlich aus meinem Dolomitendorf, ist aber eine Studienkollegin von K, sie haben zusammen in Wien studiert, und B hat mich mal beim Autostoppen mitgenommen, ich war damals vielleicht siebzehn, oder achtzehn, immer zu spät für den letzten Bus hinauf auf den Berg (19:20), weswegen ich mich so oft mitten in der Nacht auf die Straße stellen und den Finger rausstrecken musste. B hatte mich damals mitgenommen, ohne zu ahnen, dass sie jemals in Wien studieren würde, und mit einer Studienkollegin befreundet zu sein, die später einmal diesen Typen flachlegen wird, den sie da gerade von der Straße aufgelesen hat.
Das kann man natürlich witzig finden. Ist es auch. Aber mittlerweile ist das ganz normal.

Aber egal. Gestern saß ich dann wieder in der u8 nach Neuköln. Die Wohnung meiner Schwester besichtigen. Sie hatte mir eine wunderbare Suppe gekocht, und dann haben wir ein bisschen geredet, und danach zog sie ihre Kohlestifte und ihre Ölstifte hervor, und legte zwei große Kartonstücke auf den Tisch und wir fingen an zu malen. Nebenher lief ein Feature im Deutschlandradio, die Leute redeten von den Indios in Peru, vom Aufbegehren der einheimischen Minderheit und wie sie zu einer autoritären, patriarchalen Gesellschaftsform verfallen.
Danach machten wir uns auf, um noch eine Runde zu spazieren, ihren Kiez zu erkunden. Als wir das Haus verlassen wollten, klingelte es an der Tür. Es war I, eine alte Bekannte meiner Schwester, Italienerin, Berlinerin, sie hatte Ramazotti und Gin in den Händen, und ihr Mitbewohner, der auch dabei war, hatte eine Familienpackung Vanilleeis bei sich. Sie wollten nur Hallosagen, und fragen wie es geht. Das war sehr nett. Sie begleiteten uns noch ein Stück auf dem Kiezrundgang, wollten dann aber nachhause um die Sachen abzulegen, vielleicht kämen sie noch nach, wir sagten nämlich wir gingen ins Ä an der Weserstraße, das ist so ein bisschen mein Anhaltspunkt in Neuköln, nur weil ich da einmal gelesen habe, und die Location eigentlich ziemlich gut war.

So und jetzt muss ich einkaufen gehen und will nicht mehr weitererzählen.

[tagebuchbloggen: 3.12.]

Ah und dann diese neue Lesebühne im WMF, an der Klosterstraße, der Hardcover-Club, weniger Lesebühne, sondern: literarischer Nachtclub. Frank hat mich neulich darauf hingewiesen, gestern war Eröffnung und dann bin ich mit meiner Schwester hingegangen. Wir setzten uns auf die Seite des Saales – ein großer Raum aus kahlem Beton mit unverputzen Säulen – auf eine schicke Matratze, also nicht, dass das so nach Matratzenlager aussah, die Matratzen machten eher den Eindruck barocker Sofas, aber ohne Beine und Armlehnen, es lag sich vortrefflich darauf, die Beine gestreckt, die geknäuelte Jacke im Nacken, das Bier in der Linken, und so folgten wir den Texten einiger Autoren (Alexander Schimmelbusch und Leif Randt) und hörten einem Duo aus Gesang und Piano zu, wie sie Lieder von Leonard Cohen interpretierten.
Dieses Beiläufige; die nächtliche Stimmung in dem Literatur vorgetragen wurde, die Möglichkeit an die Bar zu gehen und mich rausnehmen, wenn mir ein Text gerade nicht gefiel, wenn ich nicht mehr sitzen wolte. Das gefiel mir alles sehr. Nur die Bar, es war sehr laut, an der Bar sammelten sich die Labergarde, was prinzipiell sehr gut ist, aber die Menschen nah an der Bar konnten den Texten kaum zuhören und so SSSSSSSSSSCHHHHHHHHHH-te es und PSSSSSSSSSSSSS-te es, und ich konnte mich nicht konzentrieren. Den Veranstaltern ging das auch gehörig auf den, öhm, Kübel, aber das wird sich einpendeln, man wird sich etwas überlegen, denn das Reden ist wichtig, das Quatschen, ich meine das Zurückgeben an die Literatur. Oder: das Zelebrieren. So stelle ich mir das vor.

[tagebuchbloggen: 2.12.]

Die Handschuhe sind super, das Fahrradfahren ist wieder angenehm, morgen muss ich früh raus, meine Schwester hat heute Nacht zwei Stunden geschlafen, zum Schlafen eignen sich diese neuartigen Pennstätten in den Hörsälen also doch nicht, sie liegt jetzt nebenan und schläft, K hat gerade Pasta gegessen und ich einen Salat, ich habe heute seit längerem wieder einmal Texte hervorgeholt, nur ein bisschen drübergeschaut, ab nächster Woche werde ich wieder mehr Zeit dafür haben, und gleich gehe ich ins Bett, nehme K mit und lese dann doch »Es« vor, so zum Schlafengehen und um ein paar böse Bilder mit in den Schlaf zu nehmen, natoll, warum mach ich das eigentlich.

[tagebuchbloggen: 1.12.]

Wie sehr mich diese Minarettdiskussion an Penislängen denken lässt. Es darf nur einen geben; der Schwanzvergleich über der Solothurner Skyline. Die Gastgeber sind Gastgeber, glauben immer den Kürzeren zu ziehen und sagen daher wos lang geht (einpacken den Schniedel!) und die Gastnehmer sind nicht Gastnehmer und rufen: Menschenrechte.
Andererseits wurde früher gnadenlos (!) durchgesetzt, dass in protestantischen Gegenden, die kathoholishen Kirchen keine Türme haben durften, ganz neu ist die Angst vor Penisschwund wohl nicht, der Unterschied ist nur wie man heute über diese damalige Sitte staunt und sogar ein bisschen lächelt, und sich des historischen Kontextes nicht bewusst macht. Ganz einszueins lässt sich das natürlich nicht übertragen.

Jedenfalls.

Nach den Bürostunden war ich mit K verabredet, Handschuhe kaufen, ich brauche Handschuhe, es wird wieder kalt und ich fahre Fahrrad, und meine Handschuhe sind- ich weiß nicht, ich glaube, sie waren einmal von Motten befallen gewesen, von innen, das Futter, ich glaube mich an eine Mottenbrutstätte zu erinnern, andererseits bin ich mir da gar nicht so sicher, vielleicht liegen sie bei den Wintersachen und je mehr ich jetzt so schreibend darüber nachdenke, je mehr denke ich mir, wie wenig ich mir über den Verbleib der alten Handschuhe Gedanken gemacht habe, und denke mir: mir doch egal, die sahen ziemlich Scheiße aus.
Handschuhe jedenfalls gefunden. Sehen ziemlich gut aus. Schwarz, Leder, bisschen enganliegend und sie haben so genähte Längsstreifen an der Oberseite, damit das Leder ein bisschen auf Taille macht.

Zuhause haben wir etwas gegessen, dann kam meine Schwester, wir quatschten ein wenig über dies und über das, danach habe ich Stephen King vorgelesen, das erste Kapitel aus »Es« das war so lala: ein kleines Kind läuft einem Papierboot hinterher, trifft im Gulli einen freundlichen Clown (das Kind ist über dem Gulli, der Clown im Gulli drin) der ihn in Stücke reißt.
Wir waren uns nicht sicher ob wir das die ganzen tausend Seiten weiterlesen wollten, und liefen unseren Bücherschrank ab. Der nächste Vorschlag, von meiner Schwester, ging leicht in eine andere Richtung: Infinite Jest, DFW.
Ich las zwei Seiten Probe. Es gefiel. Wir besprachen das Buch, und wir waren uns bald einig: wir wollten eine richtige Geschichte. Die Tage werden kurz, wir fanden, dass das mit dem Vorlesen eine Art Kaminfeuersache werden sollte, und eine Kaminfeuersache hat eine klare Handlung, das steht so geschrieben, also standen wir wieder vor dem Bücherschrank verwarfen viele Dinge, einigten uns auf etwas Kürzeres, suchten weiter, und blieben schließlich bei Bohumil Hrabal hängen. Ich habe den englischen König bedient. Für Hrabal sprach vieles.

Meine Schwester ist vorhin (23Uhr) nach Dahlem zur FU gefahren. Im besetzten Hörsaal schlafen. So fängt man das Leben in Berlin gut an.

[30.11.]

Ich sitze hier und warte auf Mitternacht, weil ich dann gleich ein paar Dinge erledigen werde. Und die dazwischenliegende Zeit kann man effizienterweise tagebuchverbloggen.
Heute nicht viel gemacht, außer mich mit Sachen auf der Arbeit herumgemüht, die sich nicht so umsetzen lassen wie ich sie gerne haben möchte.

Andernseits auch Erfolgserlebnisse gehabt: meine neue Lederjacke. Das heißt, gar nicht so sehr die Jacke, sondern mein Hüftumfang, weil jetzt: Jacke passt um den Hüftumfang herum. Was beim hereinbrechenden Winter durchaus von Vorteil sein kann. Zehn Kilo abgenommen in den letzten zwei Monaten. Vier dieser Wochen habe ich gehungert, mir den Spaß genommen, und danach habe ich einfach anders weitergegessen als früher. Einige Sachen dabei gelernt: mit Essen erschlägt man oft nur einen kurzen Reiz der dem Ziehen an der Zigarette ziemlich ähnlich ist, oder: Wasser ist super! Und mein Körper nimmt immer noch ab, fast als wäre er dankbar und könne sich nun der ganzen Überflüssigkeiten entledigen, die er so lange schon widerwillig mit sich mitschleppt, aber dankbar ist er natürlich nicht, ich weiß schon, dass das Alarmzustand für ihn ist, ein Körper will ja nicht abnehmen, weil er dann denkt, es wäre eine Hungersnot ausgebrochen, oder es gäbe Missernte, weil der Körper ja noch glaubt, er wäre der Körper eines Steinzeitmenschen und nicht eines sitzenden Büroangestellten der zu viel isst und sich zu wenig bewegt und eigentlich immer essen hat, von Alarmzustand kann also keine Rede sein, und von Missernte schon gar nicht, weil Kaisers hat nie niemals keine Missernte, zumindest solange sie bei Kaisers Geld machen wollen, oder solange die Banken frisches Geld nachreichen können, aber wie auch immer, ich lese ja auch viel Schund und ich sagte neulich zu K, vielleicht hätte ich ja Krebs, weil ich mal gelesen habe, dass man bei Krebs auch abnähme, Geiwchtsverlust sei sozusagen ein Indikator für Krebs, weil Krebs: schlauet Ding, nimmt dem Körper das Gewicht und die Gesundheit gleich mit. Aber K beruhigte mich, sie sagte, so ein Zufall wäre zuviel des Zufalls, aber große Worte waren das nicht, und ich fühlte mich ziemlich der Koketterie entlarvt, wobei Entlarvung jetzt voraussetzt, dass das wirklich Koketterie ist, aber mir ist es ernst, und ich wusste nicht wie ich es anders formulieren soll, entlarvung hat so etwas kriminalistisches, das wollte ich immer schon einmal sagen: entlarvung, man fühlt sich so seriös wenn man das sagt, entlarvung entlarvung, irgednwie journalistisch. aber ach.

Noch eine weitere positive Meldung: meine Schwester hat jetzt eine Wohnung gefunden, in einer kleinen Neukölner WG.