Gubitzstraße
Eine kleine, junge Frau Ende zwanzig öffnet mir die Tür und begrüßt mich. Aus der Wohnung riecht es nach abgestandener Luft. Ich grüße freundlich zurück und betrete den Flur. Sie sagt mit einer heiteren Frustration, dass ich heute schon der Sechste sei: schon anstrengend, diese Besichtigungen, man käme ja zu gar nichts mehr. Sie redet zu laut und hat einen getrockneten Joghurtfleck im linken Mundwinkel. Ihre Bluse ist um einen Knopf zu weit geöffnet und hat dabei doch die Grenze von dezent verführerisch zu ordinär überschritten, als wären es ganze drei Knöpfe an der Zahl. Vielleicht liegt es auch am dicken Busen, der allzu lüstern aus dem Ausschnitt quillt. Überhaupt ist alles üppig an ihr. Ein wenig stelle ich mir jene Frauen so vor, die den ganzen Tag faul auf dem Bett liegen und sich füttern lassen. Und dabei laut lachen, während ihnen die Fleischsoße aus den Mundwinkeln rinnt. Ich weiß nicht, ob es solche Frauen gibt, vermutlich nicht. Oder vielleicht ist es der Geruch in der Wohnung, der sie ordinär erscheinen lässt. Ich weiß es nicht, beschließe aber, nicht den Ausschnitt zu mustern, sondern sie um eine Führung zu bitten. Sie sagt ein geschäftiges „Aber ja!“, und watschelt den Flur hoch zur ersten Tür links.
Die Küche ist ein dreckiges Loch. Auf dem Boden schimmern mehrere Flecken im Sonnenlicht. Die Flecken waren vor dem Austrocknen einmal Rinnsale. Das erkenne ich an der länglichen, geschwungenen Form. Staub hat sich darin gefangen, es muss daher wohl süß sein. O-Saft, denke ich. Ohne Fruchtfleisch, das würde man nämlich sehen. Sie trägt einen knielangen Sommerrock und läuft barfuß auf dem getrockneten O-Saft herum. Es scheint sie nicht zu stören. Ich sehe ein, dass es durchaus anregend sein kann, wenn es unter den Fußsohlen klebt.
Immerhin kocht sie. Fünfzig Prozent des Mülls auf dem Boden, auf der Ablage, der Arbeitsfläche, der Waschmaschine und in den Zwischenräumen auf dem Gasherd bestehen aus biologisch abbaubarem Abfall. Menschen, die kochen, kriegen von mir immer ein paar Punkte.
Sie zählt die Dinge auf, die sie mitnehmen will, und die Dinge, die sie auf Wunsch stehen lassen würde. Die Waschmaschine würde sie zum Beispiel dalassen. Ich frage mich, ob sie damit auch den Müll meint, der die Waschmaschine von vorne und von oben bedeckt und mit ihr in einer harmonischen Vereinigung eingegangen zu sein scheint.
Ich stehe am Kücheneingang, lasse meinen Blick durch die Küche wandern und sage, dass sie es schön habe hier. Sie strahlt irgendwie, sagt, sie könne sich das aber nicht mehr leisten, das mit dem Arbeiten, das würde nichts mehr, jetzt versuche sie zu sparen, mal schauen, ob das helfe.
„Und nun das Wohnzimmer“, fährt sie fort und watschelt an mir vorbei, weiter den Flur hoch zur nächsten Tür. Im Gehen wedelt sie mit der rechten Hand in die Luft und erklärt, dass sie das Wohnzimmer nie benutzt habe.
Sie lügt. Das Wohnzimmer nutzt sie sehr wohl – als Rumpelkammer. Es hat ein Fenster.
Vor dem Betreten des Schlafzimmers warnt sie mich lachend, dass es nicht aufgeräumt sei. Ich müsse einfach meine Augen schließen. Eine charmante Auslegung des Wortes Besichtigung.
Prenzlauer Allee
Schöne Wohnung, hell, und ich kann die S-Bahn hören. Nehm ich. Vertrag unterschrieben.
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