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Posted on Juni 8, 2007August 25, 2025

Gubitzstraße
Eine kleine, junge Frau Ende zwanzig öffnet mir die Tür und begrüßt mich. Aus der Wohnung riecht es nach abgestandener Luft. Ich grüße freundlich zurück und betrete den Flur. Sie sagt mit einer heiteren Frustration, dass ich heute schon der Sechste sei: schon anstrengend, diese Besichtigungen, man käme ja zu gar nichts mehr. Sie redet zu laut und hat einen getrockneten Joghurtfleck im linken Mundwinkel. Ihre Bluse ist um einen Knopf zu weit geöffnet und hat dabei doch die Grenze von dezent verführerisch zu ordinär überschritten, als wären es ganze drei Knöpfe an der Zahl. Vielleicht liegt es auch am dicken Busen, der allzu lüstern aus dem Ausschnitt quillt. Überhaupt ist alles üppig an ihr. Ein wenig stelle ich mir jene Frauen so vor, die den ganzen Tag faul auf dem Bett liegen und sich füttern lassen. Und dabei laut lachen, während ihnen die Fleischsoße aus den Mundwinkeln rinnt. Ich weiß nicht, ob es solche Frauen gibt, vermutlich nicht. Oder vielleicht ist es der Geruch in der Wohnung, der sie ordinär erscheinen lässt. Ich weiß es nicht, beschließe aber, nicht den Ausschnitt zu mustern, sondern sie um eine Führung zu bitten. Sie sagt ein geschäftiges „Aber ja!“, und watschelt den Flur hoch zur ersten Tür links.
Die Küche ist ein dreckiges Loch. Auf dem Boden schimmern mehrere Flecken im Sonnenlicht. Die Flecken waren vor dem Austrocknen einmal Rinnsale. Das erkenne ich an der länglichen, geschwungenen Form. Staub hat sich darin gefangen, es muss daher wohl süß sein. O-Saft, denke ich. Ohne Fruchtfleisch, das würde man nämlich sehen. Sie trägt einen knielangen Sommerrock und läuft barfuß auf dem getrockneten O-Saft herum. Es scheint sie nicht zu stören. Ich sehe ein, dass es durchaus anregend sein kann, wenn es unter den Fußsohlen klebt.
Immerhin kocht sie. Fünfzig Prozent des Mülls auf dem Boden, auf der Ablage, der Arbeitsfläche, der Waschmaschine und in den Zwischenräumen auf dem Gasherd bestehen aus biologisch abbaubarem Abfall. Menschen, die kochen, kriegen von mir immer ein paar Punkte.
Sie zählt die Dinge auf, die sie mitnehmen will, und die Dinge, die sie auf Wunsch stehen lassen würde. Die Waschmaschine würde sie zum Beispiel dalassen. Ich frage mich, ob sie damit auch den Müll meint, der die Waschmaschine von vorne und von oben bedeckt und mit ihr in einer harmonischen Vereinigung eingegangen zu sein scheint.
Ich stehe am Kücheneingang, lasse meinen Blick durch die Küche wandern und sage, dass sie es schön habe hier. Sie strahlt irgendwie, sagt, sie könne sich das aber nicht mehr leisten, das mit dem Arbeiten, das würde nichts mehr, jetzt versuche sie zu sparen, mal schauen, ob das helfe.
„Und nun das Wohnzimmer“, fährt sie fort und watschelt an mir vorbei, weiter den Flur hoch zur nächsten Tür. Im Gehen wedelt sie mit der rechten Hand in die Luft und erklärt, dass sie das Wohnzimmer nie benutzt habe.
Sie lügt. Das Wohnzimmer nutzt sie sehr wohl – als Rumpelkammer. Es hat ein Fenster.
Vor dem Betreten des Schlafzimmers warnt sie mich lachend, dass es nicht aufgeräumt sei. Ich müsse einfach meine Augen schließen. Eine charmante Auslegung des Wortes Besichtigung.

Prenzlauer Allee
Schöne Wohnung, hell, und ich kann die S-Bahn hören. Nehm ich. Vertrag unterschrieben.

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Comments (11)

  1. blue sky sagt:
    Juni 8, 2007 um 12:38 Uhr

    S-Bahn hören würde mir auch gefallen. Aber nur die Berliner Bahn mit ihrem Rattern und Singen. (Glückwunsch zum Wohnungsfund!)

  2. bov sagt:
    Juni 8, 2007 um 16:33 Uhr

    willkommen!

  3. Liz sagt:
    Juni 8, 2007 um 19:05 Uhr

    Fast wären wir Nachbarn geworden. Jetzt wohn ich wieder im Friedrichshain.

  4. schampar sagt:
    Juni 8, 2007 um 23:41 Uhr

    Es fällt mir etwas schwer Ihnen meine Wahrheit zu sagen. Ich liebe Ihre Geschichten.
    Wenn Sie keinen eigentlichen Grund haben die Schrift so sehr klein zu halten, bitte einen halben Punkt grösser? Mein Lesespass wäre um 300% grösser. Sorry, habe ich bitte geschrieben? ;o)

  5. mek sagt:
    Juni 9, 2007 um 09:35 Uhr

    Jah, schon schön da.

    schampar, ich guck heute Nachmittag mal was ich tun kann.

  6. kerstin13 sagt:
    Juni 9, 2007 um 15:29 Uhr

    Glückwunsch! Sie sind ja mit einem Bein bereits in Berlin:)

  7. FrauvonWelt sagt:
    Juni 9, 2007 um 17:00 Uhr

    Da wart ich nun seit Wochen in Paris, werter Mek, und Sie besuchen kleine, junge Frauen in Berliner Wohnungen. Aber sagen Sie anschließend nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.
    Ein Tipp an schampar: Probieren Sie mal STRG ++

  8. mek sagt:
    Juni 9, 2007 um 18:35 Uhr

    Oh! Ich muß in den falschen (billigeren) Zug gestiegen sein. Tut mir leid, ich hoffe die charmanten Französchen, haben Sie gut behandelt.

    kerstin, meine Zunge hat soeben „Juti“ gesagt.

  9. FrauvonWelt sagt:
    Juni 9, 2007 um 19:12 Uhr

    Billige Züge, mein lieber Mek, gibt es doch gar nicht. Die Französchen hingegen können durchaus charmant sein, von „Behandlung“ war aber keine Spur.
    Und bleiben Sie ruhig in Berlin, uneinsehbare Wohnzimmerfenster gibt es in Paris auch nicht.

  10. schampar sagt:
    Juni 9, 2007 um 19:40 Uhr

    @ FrauvonWelt
    Supertipp, funktioniert. Vielen Dank.

  11. Modeste sagt:
    Juni 11, 2007 um 22:49 Uhr

    Willkommen. Ich freue mich.

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