Zugegebenermaßen hatte ich Vorurteile darüber, wie die Einbürgerung ablaufen würde. In Bayern hätte man mich sicherlich die Nationalhymne singen und ein Trikot des FC Bayern anziehen machen, und ziemlich das Gegenteil davon hatte ich mir in Berlin vorgestellt. Ich erwartete einen lieblosen Termin in einem grauen, heruntergekommenen Betonbau der Sechzigerjahre irgendwo im Wedding mit einem grauen Beamten, der eine lange Fresse von Spree Athen bis jwd zieht. So tief ist die Erwartungshaltung an meine Lieblingsstadt mittlerweile gesunken.
Es war dann aber doch ganz nett. Zuerst ist das Gebäude der Einwanderungsbehörde ein wirklich schön renovierter Industriebau aus der vorigen Jahrhundertwende. Das Umfeld ist halt die, naja, Schering-Pharma-City, aber dafür kann die Behörde wenig. Im Gebäude angekommen, wurde ich sofort von drei älteren und gut gelaunten Securitymännern angesprochen, die mir freundlicherweise den Weg zeigten und das Prozedere erklärten. Ich durfte an einem Tisch mit Deutschlandfahne Platz nehmen. Neben der Deutschlandfahne standen auch ein Wimpel mit dem europäischen Sternenkreis und ein Wimpel mit dem Berliner Bären. Schon nach einer Minute rief mich ein junger Mann mit levantinischem Aussehen zu sich. Er beglückwünschte mich sehr freundlich zur Staatsbürgerschaft und schüttelte mir dabei jovial die Hand. Ich musste Fragen beantworten und Unterschriften setzen. Wir scherzten ein wenig. Beim Rausgehen gingen wir an drei großen Fahnen vorbei. Die Europafahne, die Deutschlandfahne und die Flagge Berlins. Wie vorher auf dem Tisch im Wartebereich. Nur in Groß. Er zeigte auf die drei Fahnen und fragte, ob ich ein Foto machen wolle. Für die Erinnerung oder für Social Media. Ich sagte: „Ich will!“. Und so hielt ich, umgeben von Fahnen, meine Urkunde in die Kamera.
So war das.
Gleich danach ging ich spontan direkt ins mobile Bürgeramt nebenan, wo man unkompliziert und ohne Termin Pass und Perso beantragen kann. Dort saßen zwei gut gelaunte Frauen mit eng gezurrtem Kopftuch und gratulierten mir fröhlich zur Staatsbürgerschaft. Bei den beiden Damen konnte ich auch ein Foto von mir schießen lassen und nach ein paar Unterschriften war alles erledigt.
Ich erwähne das mit dem Aussehen und dem Kopftuch deswegen, weil die einzige Person, die mich etwas schlecht gelaunt von der Seite anschnauzte, eine offensichtlich biodeutsche Frau in meinem Alter war, weil ich mit der Kamera etwas falsch verstanden hatte.
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Am Abend beschloss ich, noch nicht heute nach Hamburg zu fahren, sondern morgen früh. Dafür würde ich um vier Uhr aufstehen müssen, aber das ist mir egal, mir war danach, noch einen Abend in Berlin zu verbringen. Ich wollte noch meine Staatsbürgerschaft irgendwie zelebrieren und nicht meinen ersten Abend als Deutscher in einem Auto verbringen. Wobei. Das wäre gar nicht untypisch. Mein Auto ist allerdings französisch. Jedenfalls kochten wir uns ein Pastagericht und schauten etwas Deutsches im Fernsehen. Wir entschieden uns für die Serie „Miss Sophie“, das ist das deutschsprachige Prequel zu „Dinner for one“. Ich schrieb zu Silvester darüber, dass es mich sehr interessiert, was man aus dem Stoff gemacht hat. Nach 15 Minuten schalteten wir aber ab. Es war ausgesprochen langweilig.
