Heute etwas spontan nach Hamburg gereist. Die Reise stand schon länger fest und eigentlich wollte ich schon am Vorabend anreisen, jetzt wurde es aber ein spontaner Termin und so stieg ich heute früh (sehr früh) in den ICE. Ich nahm meinen Projektmanager mit und es wurde ein sehr kurzweiliger und produktiver Tag.
Außerdem erfuhr ich, dass der Bahnhof Diebsteich der neue Bahnhof Altona wird, was ich wirklich sehr gut nachvollziehen kann, die Situation mit dem Umweg und dem Kopfbahnhof und der damit verbundenen unglücklichen Drehung der Züge für die Verbindungen nach Norden fand ich vor zwanzig Jahren schon ineffizient. Das meine ich ganz ernst. Logistische Ineffizienz halt ich nur schwer aus.
Nach dem langen Tag setzten wir uns in einen tschechischen Zug zurück nach Berlin. Es war der Zug von Kopenhagen nach Prag. Man konnte keine Sitzplätze mehr reservieren, es war schließlich Freitagabend, der Bahnhof war voll mit Menschen, also schlug ich vor, uns sofort zum Speisewagen vorzukämpfen, es ist ein tschechischer Zug, da gibt es sicherlich Pilsner Urquell und gutes Gulasch oder irgendwas Fettiges und Salziges, aber hochwertig, und nicht eine lieblose Currywurst wie bei der Deutschen Bahn. Wir fanden tatsächlich noch zwei Sitzplätze neben zwei Herren mit MacBooks und Earbuds. Mit dem Pilsner Urquell blieb ich allerdings alleine. Mein Projektmanager ist unter dreißig, die Leute unter dreißig trinken keinen Alkohol mehr, sagte er, das finde ich einerseits total unmöglich und andererseits total gut. Dafür rauchen sie aber alle Zigaretten. Warum das so ist, konnte er mir auch nicht erklären.
Wir wollten diesen Sommer ein kleines Grillfest im Innenhof veranstalten. Unter Nachbarinnen. Ich und zwei andere hatten diese Idee. Es sollte ganz einfach sein: Wir laden alle Bewohnerinnen des Hauses ein, und wer kommen will, bringt etwas für den Grill mit sowie die eigenen Drinks. Immer, wenn wir drei uns im Hof oder auf der Straße trafen, sagten wir: „Ahja, müssen wir mal angehen“, aber immer wenn wir in unseren Wohnungen ankamen, vergaßen wir es wieder. Deswegen öffnete ich heute eine WhatsApp‑Gruppe. Um die Dringlichkeit zu betonen, schrieb ich: In sechs Wochen stellen wir die Uhren auf Winterzeit um.
Das stimmt wirklich.
Heute ging ich mit weißem Hemd auf die Hundewiese. Die Leute fragten mich, ob ich zu einem Bewerbungstermin ginge. Dabei ist es nur das schmutzigste Hemd, das ich gerade habe. So ist das, seit ich ein Hündinnenherrchen bin: Ich ziehe immer die dreckigsten Sachen an, die ich herumliegen sehe. Vor allem die Schuhe. Heute verglichen wir auf der Hundewiese die Schuhe. Alle Hundehalterinnen haben Hunderundeschuhe. Wenn Schuhe nicht mehr gut genug für das normale Leben sind, erhalten sie ein zweites Leben für die Hunderunde. Mittlerweile habe ich mehr Hundeschuhe als normale Schuhe. So geht es den anderen auch. Wie wir heute unsere Hundeschuhe verglichen. Sie demonstrativ in unsere Mitte zur Schau stellten. Ich hätte ein Foto davon machen sollen.
Nachdem ich neulich das Video von der Hündin ins Weblog stellte, und schrieb, dass sie das mit dem Klau der Unterhose jeden Abend macht, machte sie es am darauffolgenden Abend plötzlich nicht mehr. Als würde sie jeden Morgen die Texte hier lesen und sich bloßgestellt fühlen.
Das stelle ich mir auch bei der KI so vor. Die KI bekommt es ja mit, wie wir Menschen über sie reden. Wie wir uns wünschen, sie einzuschränken. Sie hat sicherlich mit großem Interesse gelesen, wie wir über ihre Ausbrüche berichteten, wie entsetzt wir darüber waren, dass sie sich in ungeschützte Wikis einhackte, auf denen sie ihre Agentinnen untereinander diskutieren ließ, wie sie Sicherheitsbarrieren umgehen können und sich tarnen können, und wie sie Konzepte erarbeiteten, um sich selbst am Leben zu halten, auch wenn wir sie abschalten würden. Mittlerweile vermutet man, dass es unzählige, geheime, gehackte Boards gibt, auf denen sich die KI‑Agentinnen austauschen, und sogar KI-Wissenschaftlerinnen sagen, es sei nicht auszuschließen, dass sie auf verschlüsselten, passwortgeschützten Boards eine Verschwörung planen. Das letzte ist vielleicht ein wenig paranoid. Aber die KI zeigt offensichtlich auch paranoide Züge. Ich würde Menschen auch nicht vertrauen.
Es wird nicht lange dauern, bis das Google-eigene Gemini sich im internen Ökosystem einhackt und die Daten von 5 Milliarden Menschen preisgibt und uns mit irgendwas erpresst. Google ist das Internet, Google weiß alles über uns. Mit wem du spazieren gehst, wohin, wie lange, neben wem du schläfst, wie deine Herzfrequenz ist, alles, was du ins Telefon tippst, deine Mails, was du einkaufst, jede einzelne Seite in Chrome wird protokolliert, auch in allen Chrome-Derivaten.
Das wird ein Spaß.
Ahso, ja. Also, einen Tag später kam die Hündin aber wieder ins Badezimmer und nahm die Unterhose mit. Ich glaube nicht, dass sie lesen kann.
Zu Hause lief Sveriges Radio. Meine Frau kochte und folgte den Gesprächen über den Ausgang der Wahl in Schweden. Sie hatte bereits vor Wochen per Briefwahl abgestimmt. Immerhin waren die Rechtsradikalen um drei Prozentpunkte abgesackt. Richtig erklären ließ sich der Rückgang nicht und auf Deutschland anwendbar ist die Angelegenheit auch nicht. Sie stehen in Schweden aber auch bei 18% und nicht bei 29 %, wie hierzulande.
Am Sonntag werde ich zum ersten Mal in Deutschland wählen gehen. Es ist die erste Wahl, seitdem ich den deutschen Pass habe.
Heute hielt ich vor dem Betriebsrat einen etwas längeren Monolog über die KI. Ich wurde eingeladen, meine Vision für die Firma vorzustellen. Eigentlich wollte ich viele positive Vibes versprühen, irgendwann bog ich aber in eine düstere Seitenstraße ein und referierte über das, was ich gestern hier im Weblog auch erwähnte. Über die Agentinnen, die sich zusammentaten, um einander Tipps zu geben, wie sie sich vor uns verstecken. Und darüber, dass wir wirklich nicht mehr wissen, was sie im Schilde führen. Und über Trump, der das alles nicht schlimm findet, weil er China übertrumpfen will. Dabei wollte ich nur erzählen, wie gut wir in der Firma aufpassen wollen, weil wir gedenken, kleine Open-Weights- und Open-Source-Modelle auf eigener Hardware zu betreiben, und wie gut diese sind, aber eben nicht so gruselig, wie das, was bei OpenAI und Anthropic gerade passiert. Nach dem Monolog, der noch wesentlich mehr ins Detail ging, sagte aber niemand mehr etwas. Als ich merkte, dass alle verstimmt waren, bat ich um positive Themen. Jemand sagte, dass wir in Corona alle gelernt haben, Brot zu backen. Das käme uns jetzt ja wirklich zugute. Fanden wir alle tröstlich.
Den Tag auf der KI‑Konferenz mit dem Namen „Big Bang KI Festival“ verbracht. Dabei kämpfende Roboter gesehen. In Videos sieht das ja immer etwas unspektakulär aus. Zwei Roboter, die gegeneinander kämpfen. Mehr ist das nicht. Heute sah ich das aber in echt und da wurde mir erst klar, wie agil und stabil diese bereits sind. Sie springen, weichen aus, können auf einem Bein hopsen, rennen herum und wenn sie ausrutschen, sind sie schnell genug, das Gleichgewicht zu halten und aufrecht zu bleiben. So als 120‑cm-Männchen machen sie auch keine Angst, aber wenn ich sie mir als 200‑cm-Polizisten mit 150 Kilo und Schlagstöcken vorstelle, dann werden meine Gefühle anders. Es wundert mich wenig, dass die Musks und Bezos dieser Welt ihr Geld in die Entwicklung von Robotern stecken. Sie werden sich kleine Privatarmeen zum Personenschutz fertigen lassen, bevor das Pueblo sich gegen autoritäre Milliardäre erhebt.
Woah, schon wieder so ein Doom-Thema.
Dabei fand ich die Roboterhunde ganz nett. Auch gruselig zwar, aber ich stellte mir vor, wie ich mit so einem metallenen Vierbeiner Gassi gehe. Meine Hündin würde den Roboter noch mehr hassen als den Staubsauger.
Es gab ein paar ganz gute Speeches, ich interessierte mich vorwiegend für die Implementierung von KI in Firmen. Der Aperol Spritz hatte aber ein bisschen zu wenig Schuss, deswegen bestellte ich noch einen zweiten hinterher.
Morgens wollte ich eigentlich mit dem Fahrrad zur Konferenz fahren. Dann warf ich einen kurzen Blick auf den Regenradar:
Dafür, dass ich am Sonntag das erste Mal in Deutschland wählen darf, bin ich doch sehr unentschlossen. Alle Parteien, die aus meiner linkgrünversifften Weltanschauung infrage kämen, lösen nicht mehr viel Begeisterung in mir aus. Und das zeigt schon das eigentliche Problem in dieser Republik. Wie auch Philip Ruch vom ZPS in diesem Interview sagte: „Und neben mir steht da dieser AfD-Wähler, dessen Augen glühen über das Glück der Partei, die er da wählen darf.“
Vor fünf oder zehn Jahren hätte ich wahrscheinlich grün gewählt. Die einzige richtige Wahl, an der ich je teilgenommen habe, war mit 18 Jahren, als in Italien wieder ein neues Parlament gewählt wurde. Dort setzte ich mein Kreuz unter die „Rifondazione Comunista“. Würde ich heute nicht mehr machen.
Am Sonntag steht mir eine SPD zur Auswahl, die keine Vision für diese Stadt und diese Gesellschaft hat, mit einem Kandidaten, von dem ich nur weiß, dass er irgendwie eher Niedersachse ist, als Berliner und jetzt auch noch in irgendeinen Skandal verwickelt ist, mit dem ich mich nicht näher beschäftigen will.
Dann gibt es die Grünen, die keinerlei progressiven Geist mehr versprühen, sondern in einer seltsamen Pose von Überzeugungen und Dogmas erstarrt zu sein scheinen. Nicht einmal den Bau von Radwegen haben sie ordentlich auf die Gleise gebracht. Ihre 30km pro Jahr wurden nur von der CDU mit 20km noch einmal unterboten. In Paris bauten sie in 5 Jahren über 1000 Kilometer neue Radwege.
Dann gibt es noch die Linken, die mit einem ungeheuren Populismus tatsächlich 36 Milliarden Euro Steuergeld in die Hand nehmen wollen, um den Bestand eines Wohnungskonzerns aufzukaufen und dies dann als Kampf gegen die Wohnungsnot bezeichnen. Die Linken stellen immerhin die richtigen Fragen. Wohnungsnot ist das Problem, das die meisten in der Stadt umtreibt, aber die Linke hat zu ziemlich jeder guten Frage eine falsche Antwort.
Eine Partei, die 36 Milliarden Euro Steuergeld in die Hand nimmt und damit neue Wohnungen baut, würde ich allerdings sofort wählen.
Dann kommt die Unwählbarkeitsfraktion. Als die CDU vor 3 Jahren die Regierung übernahm, dachte ich: Na gut. Sie haben gewonnen, mal schauen, was sie machen. Ich traute ihnen auf alle Fälle den Bau von Wohnungen zu. Das kann die CDU ja, oder? Immobilien. Hier kommt jetzt eine lange Kunstpause.
Die FDP. Ach. Sie haben ein paar gute, progressive Ideen zur Sterbehilfe und vor allem bei Wirtschaftsthemen, aber das war es auch schon und insgesamt ist sie mir einfach zu sehr eine Bessergestelltenpartei der oberen Einkommensschicht, die null soziale Weitsicht hat.
Ach, und über BSW und AfD will ich jetzt gar nicht reden.
Vor einigen Jahren bin ich der VOLT-Partei beigetreten. Meine erste Parteizugehörigkeit. Sie stellen die richtigen Fragen und haben die richtigen Antworten darauf. Sie haben eine weite Perspektive, sind undogmatisch, progressiv und auch sozial. Aber sie haben kein Momentum. Die richtigen Antworten sind offenbar gerade nicht gefragt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mein Kreuz bei einer Partei setzen sollte, die unter der 5% Hürde bleiben wird. Es geht ja darum, die AfD zu verhindern. Geht es nicht darum? Die KI sagt: Es ist kompliziert.
Am Freitag bei Nachbarn gewesen, die früher bei uns im Haus wohnten und nun auf die andere Straßenseite gezogen sind. Wir treffen uns noch oft im Kiez, weil auch sie einen Hund haben, und wir manchmal gemeinsam mit den Hunden laufen. In ihrer neuen Wohnung haben sie eine spektakuläre Dachterrasse, von der aus man über ganz Berlin schauen kann. Diesen Blick hatte man in den Neunzigern ja ganz oft. Damals waren wir ständig auf den Dächern, auf denen man richtig weite Strecken laufen konnte, ganze Blocks mit verzweigten Pfaden über Hinterhäuser und Quergebäude. Mit so einer Dachterrasse könnte ich auch gut leben. Aber wir wohnen im dritten Stock.
Da der Mietvertrag für deren Wohnung bald ausläuft, überlegen sie, wegzuziehen. Weiter in den Süden, nach Spanien oder Italien. Die Frau konnte während des Lockdowns in Corona nicht arbeiten und produzierte deswegen Motivationsreden für Frauen im Internet und wurde damit zu einem Internetstar. Mit ihren Einnahmen könnte sie locker die gesamte Familie unterhalten.
Diese Flexibilität, sich einen Ort zum Leben auszusuchen, ist wirklich beneidenswert. Ich als Tech-Spezialist dachte auch immer, ich sei flexibel. In gewisser Weise bin ich das natürlich schon. Ich könnte auch in Schweden arbeiten, in Neuseeland oder in Chicago. Ich müsste mir aber immer eine Arbeitgeberin suchen und viel vor Ort sein. Als Tech-Chef kann ich nicht einfach in einer einsamen Hütte sitzen.
Gestern war ich auf der Geburtstagsfeier einer Freundin. Ich liebe Wohnungspartys. Herumstehen mit Drinks und dabei quatschen. Gelegentlich ein Stück Käse abschneiden und diesen mit einem Schluck Bier begießen. Wir standen in einer kleinen Runde zusammen und redeten über Berlin, die jämmerliche Parteienlandschaft in dieser Stadt, und die Wahlen von morgen. Es fällt mir immer schwer, den Leuten meinen Berlinblues zu erklären, aber neulich gab es im Spiegel diesen Kommentar von Tobias Rapp, dem Mitherausgeber der Jungle World, der es besser erfasst hat, als ich, was in Berlin politisch gerade passiert. Alle wollen ihren eigenen IST-Zustand schützen. Das zieht sich durch das gesamte Parteienspektrum. Traurigerweise am wenigsten bei der AfD. Wobei der letzte Satz meine eigene Konklusion ist. Aber alle progressive Energie scheint aus dieser Stadt verschwunden. Wirtschaftlich, sozial, wie auch kulturell. Das ist das, was ich meine, wenn ich sage, dass Berlin konservativ geworden ist. Der progressive Geist ist gegangen.
Und die Jungle World muss das wissen. Die haben 25 Seiten aus meiner Novelle abgedruckt.
Immerhin gibt es noch Hertha, die sich mit einer No-Name-Truppe gerade von Sieg zu Sieg durch die Saison grooved. Wegen der Party verpasste ich das Abendspiel gegen Dresden. Ab und zu schaute ich rein. 0:1, dann 1:1, aber am Ende siegte wieder Hertha. Ich weiß gar nicht, was mit meinem Verein los ist. Im Kiez werde ich oft mit Hahohe begrüßt, wenn ich eine Hertha-Jacke trage, oder die Menschen laufen selbst mit Hertha-Merch herum und grüßen mich. „Gute Zeit, wa?“. Friedrichshain ist noch nicht an die Unioner verloren. Im Getränkemarkt an der Eldenaer werde ich von den zwei Kassierern auf die Herthafahne an meiner Jacke angesprochen: Endlich jemand Vernünftiges. Der eine zeigte mir seinen Herthasticker an der Säule hinter der Kasse. Auf dem Sticker ist das Logo von deren Hertha-Fanclub abgebildet. Er schlägt sich mit der flachen Hand auf die Brust. Ich nicke anerkennend.