Neulich berichtete ich davon, dass es eine ganze Reihe von Filmen oder Serien gibt, die ich sehen möchte, die für mich aber aus praktischen Gründen schwierig sind, zu sehen. Das kommt daher, dass ich fast nur in Gesellschaft vor dem Fernseher sitze und meine Frau bei der Selektion von Filmen und Serien äußerst wählerisch ist und wir oft keinen Konsens finden. Deswegen wollte ich eigentlich eine Liste pflegen, in der ich alle Filme eintrage, die ich in Abwesenheit meiner Frau einmal schauen werde. Diese Liste würde den Titel tragen: „Filmkultur, dessen Aneignung mir meine Frau vorenthalten will.“ Jedoch schaffte ich es nie, diese Liste zu erstellen.
Weil meine Frau gerade in England ist, schaute ich heute „Train Dreams“. Der Film fiel mir als erstes ein, weil ich vor einigen Monaten die gleichnamige Novelle von Denis Johnson las. Wenn ich den Film vorschlug, sagte meine Frau immer: „Gerne, aber nicht heute.“ Das sagte sie an mehreren Tagen. Eines Tages sagte sie, der Film deprimiere sie. Ein Holzfäller im Amerika der Dreissigerjahre, der seine Frau und seine Tochter verliert. Na gut. Ich verstehe schon, warum man sich das nicht geben will. Ich hielt dagegen, dass ich das Buch gut fand. Nicht supergut, aber gut.
Zugegebenermaßen war das ein wenig überzeugendes Plädoyer.
Der Film trifft den Sound und meine inneren, bei der Lektüre erzeugten Bilder erstaunlich gut und transportiert das ganze Gefühl beim Lesen auf diese 110 Minuten, als würde ich das Buch noch einmal lesen. Es ist nicht so, dass ich das Buch empfehlen müsste, mich hat vor allem der Autor interessiert, dessen erster Roman „Angels“ von David Foster Wallace mit den Worten „ein total amerikanisches Buch mit großartiger, wirklich großartiger Prosa“ gelobt wurde. Warum ich statt „Angels“ aber „Train Dreams“ kaufte, weiß ich auch nicht mehr.
Obwohl die Geschichte in den USA zur Zeit des Ersten Weltkriegs beginnt, verstehe ich schon, warum man Denis Johnsons Texte zu den wichtigsten der amerikanischen Gegenwartsliteratur zählt. Nicht zuletzt liegt es auch an der Sprache. Einfache, klare, rhythmische Prosa.
Ich merke, wie wählerisch ich gegenüber Sprache geworden bin. Mit gekünstelter oder was man landläufig als gehobene Sprache bezeichnet, kann ich nichts mehr anfangen, es stößt mich regelrecht ab, ich kann das nicht lesen. Umständliche Satzstrukturen, gekünstelter Wortschatz, gehobene Sprache. Es transportiert nur etwas Elitäres, Gebildetes, eine Haltung vielleicht, es transportiert keinen Sound, keine Gegenwart. Ich verstehe, warum man das vor hundert Jahren noch tat, zum einen verfügten nicht alle Menschen über Bildung, oder über den kulturellen Hintergrund, sich überhaupt Belletristik reinzuziehen, dann galt es vielleicht, Sprache zu stilisieren, zu konservieren, oder auf intellektuelle Weise zu entwickeln. Das kommt mir nicht mehr zeitgemäß vor. Meine Erwartung an Kultur ist eher, dass es etwas Großes für die ganze Welt zu sein hat und nicht etwas Großes für einen erlesenen Kreis. Meine Erwartung an Sprache ist es, dass sie den Ton der Gegenwart findet, ein Bindeglied in der Gesellschaft, Authentizität als Stilmittel um jemanden mitzureißen.
Neulich programmierte ich einen Wortschatzzähler und so fand ich heraus, dass Goethe aus einem etwa dreimal so großen Wortschatz schöpfte, wie Kafka. Jetzt weiß ich auch, warum ich Goethe immer einen unlesbaren, elitären Streber fand, während Kafka mich verzauberte.
Ich hänge mich an dem Thema auf, weil ich gerade André Gides „Verliese des Vatikans“ lese und ich genau weiß, dass ich das vor dreißig Jahren gemocht hätte, aber heute muss ich mich sehr anstrengen, weil mich die Sprache abstößt. Aber ich kann doch André Gide nicht nicht-mögen.
Natürlich ist das alles sehr vereinfacht dargestellt. Ich bin kein Kulturwissenschaftler, sicherlich bringe ich nicht alle Perspektiven zusammen.
Ah, jetzt weiß ich auch wieder, warum ich Train Dreams lesen wollte. Weil die Novelle ein ganzes Holzfällerleben in 80 Seiten unterbrachte. Ich wollte schlichtweg wissen, wie sich so etwas liest. Das mit den achtzig Jahren stimmte aber nicht. Die Geschichte beginnt mit dem dreissigirgendwastem Lebensjahr des Protagonisten.
Ein Blogpost über das Haus in Schweden. Wie in der Themenliste gewünscht.
Bei dem Haus handelt es sich um ein sogenanntes Soldattorp. Das sind Kleinstbauernhöfe, die Soldaten während ihrer Dienstzeit als Wohnstätte und zur Selbstversorgung nutzen konnten. Der Großvater meiner Frau erwarb das Häuschen Ende der Vierzigerjahre und nutzte es für sich und seine junge Familie als Wochenend- und Sommerhaus. Über die Zeit vor dem Erwerb haben wir nicht so viel herausbekommen, aber vermutlich gehörte es der Bauerngemeinschaft, die das Soldattorp dem König bzw. seinen Soldaten zur Verfügung stellte. Als dieses System in 1901 abgeschafft wurde, durften die Soldaten bis zu ihrem Ruhestand in ihren Torps wohnen bleiben. Wir vermuten, dass das die Nutzung bis dahin gewesen ist.
Der Großvater kaufte noch ein weiteres, kleineres, aber wesentlich älteres Soldattorp, etwa einen Kilometer flussaufwärts. Dort, wo jetzt der Cousin mit seiner Frau fast ganzjährig lebt. In unserem Haus baute der Großvater das Dachgeschoss aus und einen Seitenanbau dazu und den Kornspeicher ließ er zu einem Gästehaus umbauen. Die Scheune diente als Lagerraum. Im Haupthaus befinden sich drei Schlafzimmer, wovon zwei Doppelzimmer sind und eines das sogenannte Mädchenzimmer, im Erdgeschoss ist ein großes Wohnzimmer und im Anbau die Küche. Im Gästehaus gibt es noch zwei weitere, kleine Schlafzimmer mit je zwei Betten. Wenn mein Schwager da ist, verwendet er das Gästehaus meist für sich alleine, da er mehrere Wochen lang von dort aus arbeiten kann. Langfristig möchte ich im Gästehaus ein Arbeitszimmer einrichten. Dabei würde ich ein Fenster in die lange Wand aussägen wollen, damit man vom Schreibtisch aus auf den Fluss hinunter schauen kann. Im Obergeschoss des Gästehauses könnten dabei immer noch zwei Menschen schlafen.
Das Land erstreckt sich über 5 Hektar. Es ist ein langgezogenes Stück Land, das sich etwa einen Kilometer an einem Fluss entlangzieht. Die drei Gebäude stehen allerdings auf einer Anhöhe. Was gut ist, weil der Fluss im Winter meist über die Ufer tritt und die Flussauen überschwemmt. Die Flussauen bestehen im Wesentlichen aus zwei Wiesen, die an den Bauern Hakan verpachtet sind, der etwa 3 Kilometer südlich von uns einen Bauernhof betreibt. Früher hielt er Milchkühe, seit die Brücke baufällig geworden ist und man mit den Milchcontainern einen riesigen Umweg über schlechte Waldwege fahren muss, hält er nur noch Stiere. Für die Pacht zahlte er früher einen niedrigen dreistelligen Eurobetrag. Wir haben eine neue Übereinkunft geschlossen: Wir wollen das Geld nicht, aber wir möchten, dass er den langen Weg unten auf den Wiesen befahrbar hält. Dass er also den Weg mäht und Bäume entfernt, wenn sie den Weg versperren. Er verfügt über große Maschinen, mit denen er das einfach erledigen kann.
Ob das Haus viel genutzt wurde? Ich würde behaupten, dass es für meine Frau der einzige Ort ist, der ihr je als Heimat gedient hat. Da ihre Familie für lange Zeit nicht sehr ansässig gewesen ist, diente dieser Ort für sie jahrzehntelang als eine Art Anker, ein Ort, an dem sie sich auch in späteren Jahren immer wieder getroffen haben. Vor allem meine Frau und ihre Mutter. Jedes Jahr, jeden Sommer. Und auch der eine Schwager, der uns immer in Berlin besuchen kommt. Die anderen beiden Brüder haben etwas weniger Bezug dazu.
Als dann in den letzten Jahren über die Zukunft des Hauses gesprochen wurde und ein möglicher Verkauf im Raum stand, war es für meine Frau selbstverständlich, dass sie diesen Ort nicht verlieren will, und ich fand den Gedanken, ein Haus in Skandinavien zu besitzen, wirklich großartig, und so erwarben wir das Haus. Nun klingen 5 Hektar plus Häuser in Schweden nach einem Millionenpreis, aber es handelt sich hier um eine dünnbesiedelte und touristisch wenig erschlossene Gegend hundert Kilometer östlich von Göteborg. Wir haben keine Dusche und kein richtiges WC, sondern eine Außentoilette mit einem Kompostierprinzip. Allerdings haben wir Strom und Glasfaser-Internet sowie fließendes Wasser, das aus einem Brunnen kommt. Da sind die Preise vom Mond sehr weit entfernt.
Ob wir Pläne haben? Nichts Konkretes. Wir werden dort Zeit zu zweit verbringen, wir werden Freunde empfangen, Freunde werden es in unserer Abwesenheit auch nutzen können, mein Schwager wird auch dort sein. Wir werden es in den nächsten Jahren auch etwas renovieren. Nicht alle Teile des Hauses sind gut isoliert. Wir wollen auch das Wohnzimmer umgestalten und ich habe noch viele Do-it-yourself-Bauprojekte. Ich möchte an der Nordwestseite des Hauses eine Veranda bauen. Ich stelle es mir schön vor, bei Sommerregen draußen auf einer Veranda zu sitzen. Und wenn es nicht regnet, sieht man von dort aus diese ewig langen skandinavischen Sonnenuntergänge. Wir werden dort unsere Sommer verbringen. Es mag langweilig klingen. Aber Reisen finde ich nicht mehr so notsächlich wie früher. Zwar möchte ich noch nach Japan und nach Neuseeland. Und definitiv wieder bald nach Spitzbergen und auch wieder nach Grönland. Sowie auf die Azoren, Shetlands und die Färöer, die ganz oben auf der Liste stehen. Aber was mich wirklich nicht mehr interessiert, sind irgendwelche europäischen Städte. Habe ich gefühlt alle gesehen. Auch habe ich in den vergangenen Jahren eine andere Einstellung zu Reisen bekommen, der Erkenntnisgewinn einer Reise schwindet zusehends. Vermutlich bin ich zu viel verreist, es hat sich etwas abgenutzt. Ich werde dieses Thema ein andermal vertiefen, es hat mehrere Facetten.
Lose Ideen, die aber etwas aufwändiger sind, etwa eine Sauna, den Umbau der Scheune, aber auch ein Tiny House bzw. ein sogenanntes A-Frame Gebäude am Waldhang westlich des Hauses. Ich sitze gerne an einem Schreibtisch. Das ist wirklich ein Happy Place. Meist schreibe ich, manchmal mache ich andere Dinge. Ein schöner Arbeitsplatz mit einem großen Fenster mit Blick auf Wasser, das ist schon etwas, das mich glücklich machen würde. Ich denke ständig an schöne Arbeitsplätze. Wenn es das A-Frame nicht wird, dann wird es das kleine Zimmer im Gästehaus. Letzten Sommer entdeckte ich den Hohlraum über dem Holzraum in der Scheune. Es ist ein Dachboden. Wenn ich dort ein Fenster einsetze und den Dachboden von innen verkleide und isoliere, hätte ich wahrscheinlich eine zusätzliche Option. Allerdings sind wir uns über den Zustand der Scheune nicht ganz sicher. Das Gerüst ist noch stabil, das Innenleben aber nicht mehr unbedingt und das Dach besteht aus Eternitplatten. Man müsste einen größeren Geldbetrag in die Hand nehmen.
Jedenfalls werden wir jeden Sommer drei oder vier Wochen dort verbringen. Auch im Mai meistens eine Woche. Zukünftig möchte ich von dort aus ein paar Wochen Arbeit an den Urlaub dranhängen und in späteren Jahren mehrere Monate dort verbringen. Der Sommer ist dort natürlich sehr schön. Aber ich mag das Frühjahr noch lieber. Ende April, Anfang Mai. Die Zeit, bevor alles zu grünen beginnt. Wenn die Bäume noch kein Laub tragen. Es liegt eine seltsame Magie über dem Land. Unbekleidet, ursprünglich. Der Herbst muss auch wirklich wunderbar sein. Ich war da aber noch nie im Herbst, ich kenne nur die Fotos. Es reicht mir aber zu wissen, dass ich es lieben werde. Der Herbst ist in Berlin aber auch schön. Berlin ist eine richtige Herbststadt. Es ist die beste Jahreszeit in Berlin. Gleich danach kommt der Winter. Zumindest der Winter bis Januar. Danach dauert er zu lang. Nach dem Winter kommt der Berliner Frühling und das ist die furchtbarste Zeit des Jahres. Matschig, undefiniert und unentschlossen. Der Sommer ist ein wenig besser. Aber meistens zu heiß und zu trocken. Die Nächte sind aber gut, wenn man abends draußen sitzt. Ich sage das alles, weil ich mir natürlich Gedanken darüber mache, wie ich in Zukunft leben will. Berlin ist mittlerweile meine Heimat geworden. Es ist unwahrscheinlich, dass ich Berlin für immer verlasse. Auch wenn Berlin gerade keine Energie mehr hat, ausgelaugt wirkt, keine Verheißung mehr ist. Der Gedanke daran, wenn ich einmal nicht mehr in klassischer Lohnarbeit sitzen werde – viel Zeit im schwedischen Wald zu verbringen, wo mich Freunde besuchen, wenn wir abends auf der Veranda sitzen, und mit einem Aperitif in der Hand in Richtung Nordwesten der Sonne hinterherschauen, wie sie am Horizont entlangstreift, während ich tagsüber mit meiner Hündin und der neuen Motorsäge unten im Wald Bäume zerkleinere, das ist schon ein sehr schöner Gedanke. Sicherlich auch etwas romantisiert. Aber nach einer Weile sehne ich mich auch wieder nach Berlin.
Ich glaube, damit habe ich alles zu dem Haus geschildert.
Nach der Arbeit traf ich mich mit meinem Freund und früheren Nachbarn Jan, der mit Mann und Sohn nach vier Jahren Paris wieder nach Berlin zurückgezogen ist. Passend zum gestrigen Thema redeten wir über das Reisen. Wir haben ähnliche Gefühle dazu. Als ich nach Hause kam, lag eine Anfrage in der Themenliste mit genau dieser Frage.
Es geht die Meinung um, Reisen würde bilden. Das mag in vielen Fällen stimmen. Das war auch immer mein persönlicher Antrieb, mich auf Reisen zu begeben. Auch wenn es mir nie explizit um Bildung ging, ich war schlicht neugierig auf andere Länder, andere Gepflogenheiten, anderes Essen, andere Menschen, Sprachen, Wohnungen, Liebe auch. Ich denke schon, dass ich auf Reisen viel über die Welt gelernt habe, auch habe ich viel über mich selbst gelernt. Es gab viele happy Places, an denen ich mich sehr zuhause fühlen konnte. Ich wollte immer richtig da sein. Und ich wollte immer verstehen. Verstehen, wie die Welt ist. Was besser daran ist, was schlechter. Oder auch nur einfach, um zu verstehen. Um es in meiner inneren Wissensdatenbank abzuspeichern, woraus ich mir ein Weltbild baute.
Sehenswürdigkeiten interessierten mich nie. Das meine ich gar nicht so snobistisch, wie diese Aussage jetzt klingt. Ich werde es gleich erklären. Eine Bekannte, die mich vor Jahren einmal in Berlin besuchte, sagte, sie fände Berlin ja ganz okay, aber die Sehenswürdigkeiten in Wien fände sie besser. An dem Tag baute ich das Wort „Sehenswürdigkeiten“ hunderte Male auseinander und wieder zusammen. Der Begriff war auf einmal völlig plastisch. Sehens-würdig. Es gab optische Dinge an einer Stadt, die es würdig waren, sie zu sehen. Man stellt sie hin, damit Menschen von anderswo herkommen, um sie anzusehen.
Die Italiener nennen es immerhin ganz schamlos: attrazioni turistiche.
Ein neuerer Begriff für Sehenswürdigkeit ist vielleicht: Instagrammable.
Es gibt diese Bekannten in WhatsApp, die im Urlaub ihre Fotorollen im Status entleeren. Eine endlose Aneinanderreihung von Abhakungen. Die Statue des Soundso, das Haus von Der-und-der, Die Kirche und der große Platz, die Hauptstraße, eine Auswahl der drei niedlichsten Häuser, mindestens ein Hochhaus, eine Brücke, das Essen, die Drinks am Abend in der Sonne und das Selfie vor dem Highlight der jeweiligen Stadt. Zugegebenermaßen liebe ich es, mich durch diese Fotostrecken zu stalken, und ich will gar nicht darüber urteilen, aber ich weiß, wie solche Trips ablaufen.
Hat man keine Vita als Reisende vorzuweisen, wird man auch ganz schnell mal als ungebildet abgetan. Ich datete in meinen Mittdreißigern einmal eine Frau, die es gut an mir fand, dass ich so bereist war. Das war für sie ein Kriterium, um einen Mann attraktiv zu finden. Mich machte das ungemein stolz und ich wuchs um mehrere Zentimeter an.
Dabei weiß ich schon lange nicht mehr genau, warum ich überhaupt reise. Der Erkenntnisgewinn ist mittlerweile gering. Die großen Erkenntnisgewinne geschahen in meinen Zwanzigern. Danach nicht mehr so oft. Zwar reiste ich weiterhin, aber ich urlaubte eben, schaute mir Kirchen an, Tempel, und ich ging wandern. Irgendwann hatte ich das Gefühl, das hätte ich mir auch alles auf Wikipedia zusammenlesen können, nur ohne das Gefühl, auch tatsächlich da gewesen zu sein. Und dieses Gefühl, wirklich da gewesen zu sein, wurde irgendwann zu einem ziemlich tauben Gefühl. Das Beste am Urlaub wurde der Drink am Abend, wenn man sich nach den vielen Eindrücken ins Restaurant setzt und cremig wird.
Der Erkenntnisgewinn schwand.
Zumindest im Urlaub. Dienstreisen sind noch einmal etwas anderes, vor allem, wenn man auf diesen Reisen mit lokalen Geschäftsleuten oder Partnern zu tun hat. Dann gewinnt man unmittelbare Einsicht in andere Arbeitskulturen und abends beim Essen Einblicke aus erster Hand. Die intensive Auseinandersetzung mit der lokalen Bevölkerung gibt mir nach wie vor sehr viel. Im Urlaub ist diese Auseinandersetzung aber eine andere, eigentlich kaum vorhanden, auch nicht in angeblich authentischen AirBNBs, man steht mit der lokalen Bevölkerung fast nur in einem Dienstleistungsverhältnis, mit Menschen, die dir aufgrund deiner Anwesenheit eine gute Zeit geben wollen, damit du die Kirchen magst, die Tempel und das Essen, das sie dir servieren. Und damit du den Leuten zu Hause davon erzählst und die Bilder auf Social Media teilst und Lokale likest und bewertest.
Es ist natürlich nicht so schwarz und weiß.
Jeder Mensch aus der Tiefebene sollte übrigens einmal erlebt haben, wie es sich anfühlt, inmitten einer Berglandschaft wie den Dolomiten zu stehen. Diese Überwältigung, die massive Berglandschaften auslösen. Gleich wie Bergmenschen einmal die Weiten der Küstenlandschaften oder in Dünen erleben sollten oder bei Wetter mit einer Fähre auf eine Insel fahren. Oder im Loop von Chicago stehen und von 200+m hohen Hochhäusern umschlossen sein.
Die schönsten Städte sind aber alle tot. Prag, Barcelona, Amsterdam, Paris, London, Dublin, Stockholm, Rom, San Francisco undsoweiter. Dort, wo diese Städte schön sind, also vornehmlich in den Innenstädten und den angrenzenden Vierteln, sind die Städte längst nicht mehr authentisch. Die Innenstadt von Prag ist eine Projektionsfläche. Es ist das Prag, das alle sehen wollen, das wir alle erwarten. Dort läuft aber kein zeitgenössischer Kafka mehr herum, der in sich versunken um die Ecke in den frühen Morgenstunden zum Bäcker geht. In den Kaffeehäusern sitzen keine jungen, wilden Schriftsteller mehr. Es sitzen dort die Menschen, die das in diese Kaffeehäuser hineinprojizieren, während sie versuchen, ihre Kinder zu beruhigen und die Schwiegermütter bei Laune zu halten. In Montmartre malen keine progressiven Künstler mehr ihre Bilder. Die Romantik, die wir damit verbinden, ging immer mit Drogen- und Alkoholkonsum einher. Picasso, Modigliani, Van Gogh, Zola, Rimbaud, man kann die Liste fast unendlich weiterführen, alle heute berühmten Menschen in Montmartre hatten ständig Geldprobleme, psychische Krisen, waren exzessive Trinkerinnen und abhängig vom Morphium und vom Kokain. Die Menschen, die heute ihre Märchenprojektionen mit Louis-Vuitton-Accessoires Selfies auf den Treppen der Sacré-Cœur schießen, hätten sich vor den Künstlern von damals ja eher gefürchtet. Wo die Genies von morgen heute ihre Brutstätten haben, gehen die Massen auf keinen Fall hin.
Nun. Ich will nicht genervt klingen.
Was ich sagen will. Reisen bildet nur wenig. Die meisten Leute nehmen nur sich selbst mit und wollen mal etwas anderes sehen. Eine Nordtirolerin, mit der ich in den Niederlanden eine zeitlang zusammenwohnte, hatte manchmal ihren Vater zu Besuch. Ich kümmerte mich um ihn, weil ich ja Südtiroler bin. Ich zeigte ihm Utrecht und ich fuhr mit ihm auch für einen Tagesausflug zur Küste. Ich mochte diese Unternehmungen mit ihm sehr, weil er ein neugieriger Mann war. Er wiederholte aber ständig diesen einen Satz: Na interessant, aber LEEBEN könnte ich hier nie. Er bezog das sicherlich auch auf seine Tochter. Möglicherweise wollte er auch nur ergründen, warum sie ihre Heimat verlassen hatte. Dabei flüchten wir Bergleute eigentlich nur vor der Enge der Täler. Wir flüchten nicht vor den Bergen, wir flüchten vor den Tälern. Aber das ist eine andere Sache und hat mit dem Reisen nur indirekt zu tun.
Er erinnert mich aber an viele Touristen. Menschen, die vorwiegend sich selbst mitnehmen und nach dem Snapshot in der Ferne dann sagen: Zuhause ist es doch am schönsten. Oder mein ehemaliger Fahrlehrer, der sich jeden Sommer den Kofferraum mit deutschen Lebensmitteln von einem Großeinkauf bei Aldi vollstopft und nach Spanien an die Küste fährt, wo er zusammen mit anderen Schwagern und Cousins in einer Bungalowanlage urlaubt. Oder das Paar in Lignano, das „Zwei Weizenbier und zwei Pizzas mit Salami“ auf Deutsch bestellte und sich gar nicht die Mühe machte, wenigstens „Due Weizenbier“ zu sagen.
Aber sagen: „Wir fahren jedes Jahr nach Italien!“
Und dann die Leute auf Insta mit ihren Bucketlists. Check, Check, Check.
Ich will nicht sagen, dass ich besser reise als andere. Ich halte Reisen nur für überbewertet, wenn man sie als Maßstab für einen erweiterten Horizont verwenden will. AfD-Wählerinnen waren sicherlich auch schon einmal in Rom, oder in Kroatien am Strand oder in Paris oder auf der Krim. Gebracht hat es ja nicht viel.
Warum reise ich dann überhaupt noch? Letzten Herbst war ich in Grönland und auch wieder in Island. Wir werden sicherlich wieder nach Grönland und nach Spitzbergen in die Arktis reisen. Das sind Happy Places. Ich bin da einfach gerne. Das Gefühl, dort zu sein. Ich liebe diese Zivilisationen am Ende der Welt. Und die Natur an der Grenze zur Unwirtlichkeit. Auch wenn ich dort nur Gast bin und mir die lokale Bevölkerung mit einer Dienstleistung begegnet. Ich habe aber auch andere Happy Places. Die Ostkurve im Olympiastadion, unser Haus in Schweden, die Northwestern Highlands in Schottland. Lappland. Und tatsächlich auch: Utrecht. Oder die Innenstadt von Amsterdam. Ich bin oft in den Niederlanden. Privat und beruflich. Zudem spreche ich die Sprache. Wahrscheinlich sehe ich mich deswegen weniger als Tourist. Die Touristenmassen in Amsterdam würden mich sonst nämlich ziemlich abschrecken.
Wir wollen auch noch nach Japan und ich will unbedingt nach Neuseeland. Über Japan weiß ich vieles. Von Bildern, aus der Belletristik, aus dem Netz. Natürlich werde ich in Japan ein totaler Fremdkörper sein. Ich spreche nicht deren Sprache, sie sprechen kaum die Sprachen, die ich spreche. Aber ich will das einmal gesehen haben, ich erwarte mir irgendeine Erkenntnis für das Leben, für die Art, wie wir in Europa zusammenleben, wie wir unsere Städte aussehen lassen, wie wir essen, uns fortbewegen. Hat Tokio eigentlich Sehenswürdigkeiten? Mir fallen der Tokyo-Tower ein und der Fujisan. Ah, und die berühmte Kreuzung, Shibuya. Es beruhigt mich, dass mir spontan keine spektakulären Sehenswürdigkeiten einfallen. Aber mit dem Shinkansen möchte ich fahren und die Rush-Hour miterleben, wie die Menschenmassen transportiert werden. Vielleicht ziehe ich daraus aber auch keine Erkenntnis. Die Erkenntnis kann ich auch auf YouTube gewinnen. Ach, ich weiß nicht. Vielleicht fliege ich doch nicht hin.
Wenn meine Frau und ich jetzt die Zeit, die früher vielleicht in Reisen nach anderswo aufgegangen ist, zunehmend in unserem schwedischen Wald verbringen, dann ist das, weil es ein Happy Place ist. Reisen war neben dem Erkenntnisgewinn vielleicht immer eine Suche nach Happy Places. Ich sage nicht, dass Reisen kacke ist. Ich sage nur, dass Reisen für mich nicht mehr den Wert haben, den sie früher hatten. Ich reise gerne zu meinen paar auserkorenen Happy Places. Und manchmal will ich auch mal etwas Neues. Aber ich werde kein besserer Mensch mehr dadurch.