[...]

Im Zug nach Kopenhagen, hinter mir sitzen acht Punks an zwei Vierertischen. Vorher brummte eine nervöse Fliege im Abteil herum und schien es nur auf mich abgesehen zu haben. Seit die Punks eingestiegen sind, lässt mich die Fliege in Ruhe.
Das ist kein Scheiß.

Übrigens, und das kam später erst, dachte ich, es seien Dänen, bis ich einige Sprachfetzen verstand und realisierte, dass es Schweizer sind. Welchen Sprachfetzen ich erkannt habe? Als die eine den anderen interessiert fragte: “Hasch gfurzt?”.
Auch das ist kein Scheiß.

[weil mein Schatz ein Jägerjäger ist]

Neulich bei der Friseurin gesessen, sie hatte lilane Haare, dunkel umrandete Augen, Ringe in der Lippe und in der Nase. Ich schaute ihr verträumt beim Schneiden meiner Haare zu. Das war so verliebt verspielt, wie sie mit den Fingern durch meine Haare fuhr, die Länge schätzte, und in kurzen Schnippen, die Frisur stutzte. Sie hatte an einer Seite langes, gezwirbeltes Haar, bis zur Hüfte. Hätte ich als kleiner Junge kinkigere Träume gehabt, wäre sie wohl mein Rapunzel gewesen.

#
Als ich selber noch grüne Haare trug, dann hatte ich ja so oft das stolze Gefühl, mit diesen Haaren nie einen Job zu kriegen, oder gar, in ein vernünftiges Leben zu rutschen. Ob man in ein vernünftiges Leben überhaupt hineinrutschen kann, ist eine andere Frage, aber jedenfalls fühlte ich mich mit zunehmendem Alter etwas unpassend damit, auch als das grüne Haar längst schon weg war, innerlich blieb so vieles grün, immer dieses soziale Statement das man doch immer abgibt. Je älter ich wurde und je professioneller mein Arbeitsverhältnis wurde, desto privater fühlte sich mein innerliches grün an.

Meine Friseurin trägt ihr lilanes Haar aber als Teil ihrer professionellen Identität.
Mein Haar war damals immer Statement, ob ich durch das Dorf lief, ob ich bei den Schwiegereltern vorgeführt wurde, ob ich in die Bar ging. Ich frage mich, wie sie das macht, ob das Statement ist, natürlich, ja, aber sie wirkt so viel professioneller dabei, als wäre es Ausdruck ihres Erfolges, wobei es bei mir immer Ausdruck meines Scheiterns war. Auch wenn das bewusst herbeigeführt war. Aber vermutlich ist der wesentliche Unterschied der, dass sie gut riecht.

Ich stehe am Bahnhof jannowitzbrücke mit meinem Android und der datenflat, lässig am BVG Automaten und Blogge. Also bin ich.

[tagebuchbloggend 15.4.]

#
Der Rosenthaler Platz wird sterilisiert. Mittlerweile ist er ja zum Zentrum meines Berlins geworden. Immer ein bisschen zu schäbig, immer ein bisschen zu laut, zu viel Verkehr. Vor zehn Jahren war er grau und laut, dann wurde er bunt und laut, jetzt malen sie das zweite Circus weiß an, und der Hotelnebau am Eck, wo man früher gegen eine Backstein-Brandmauer schaute, wird ein weißer Bau. Bald it es da so steril, dass man die Lautstärke nicht mehr hört. Dabei war es doch gerade die Lautstärke, die den Rosenthaler Platz immer ausmachte.
Wenn ich an den Potsdamer Platz der zwanziger Jahre denke, habe ich immer den Rosenthaler Platz der Nullerjahre vor Augen.

#
Ich sitze am Rosenthaler Platz im mein Haus am See. Ich schaue im Vorbeigehen immer wieder kurz rein, um zu sehen ob es schon von den Touristenströmen eingetreten wurde. Es ist der beste Ort, um an einem Nachmittag zu sitzen und die Zeitung zu lesen oder ein paar Sachen niederzutippen, es wäre schade drum, wird sich aber wohl nicht vermeiden lassen. Es wundert mich ohnehin, wie sehr man es bisher ausgespart hat. Sie haben dort WLAN, gute Musik, es ist hell, groß, und angenehm kahl. Kahl, unverputzte Betonwände, abgerissene Tapete, unästhetische Sofamöbel, die vermutlich aus den siebzigern stammen, die aber so abstoßend sind, dass man sie nicht einmal als Retro bezeichnen kann. Weil Retro ja eine gewisse Romantik impliziert. Aber natürlich alles gewollt so. Der intelektuelle Gegenentwurf zur Loungeästhetik.
Dass die Loungeästhetik der Tod dieser Stadt ist, habe ich ja schonmal gesagt, habe ich?

#
Beim Betrachten des Betonfußbodens ein bisschen verliebt werden, mit dem Android ein Foto schießen und als Hintergrundbild einstellen.

#
Ahh, Weißweinschorle. Das Frühlingsgefühl. Warum habe ich das nicht schon im Februar getrunken.

Ich sitze in der Ubahn mit meinem Android und mache auf webzwonull. Test Test Test 123 dies ist ein Test. Undso.

[...]

Meckpomm. Mein Kollege hat mich zu sich eingeladen, in seinen Bungalow im Norden, Resturlaub abbummeln, mal raus, ich wollte eh weg, bisschen schreiben, ich dachte an Templin, aber dann hat er mir seinen Bungalow angeboten, unter Männern, wir sitzen in der Frühlingssone, Abends, morgens, mittags, trinken Kaffee, trinken Bier, Abends schauen wir Fussball, reden von den Frauen, gehen mit dem Hund in den Wald, gehen runter zum Fluss, schauen ins Wasser, tote Fische treiben darin, die Vögel zwitschern.

[tagebuchbloggen: 2.12.]

Die Handschuhe sind super, das Fahrradfahren ist wieder angenehm, morgen muss ich früh raus, meine Schwester hat heute Nacht zwei Stunden geschlafen, zum Schlafen eignen sich diese neuartigen Pennstätten in den Hörsälen also doch nicht, sie liegt jetzt nebenan und schläft, K hat gerade Pasta gegessen und ich einen Salat, ich habe heute seit längerem wieder einmal Texte hervorgeholt, nur ein bisschen drübergeschaut, ab nächster Woche werde ich wieder mehr Zeit dafür haben, und gleich gehe ich ins Bett, nehme K mit und lese dann doch »Es« vor, so zum Schlafengehen und um ein paar böse Bilder mit in den Schlaf zu nehmen, natoll, warum mach ich das eigentlich.

der Aufstand der Pilze (I)

Leo war Hobbybotaniker und kam sich meistens ziemlich bescheuert vor. Aber dies war weiters nie besonders schlimm, da er im Allgemeinen eine grandiose Persönlichkeit war. Ich muss allerdings hinzufügen, dass die allerwenigsten Menschen seine Persönlichkeit zu schätzen wussten, um genau zu sein, kannte ich niemanden ausser mir, der diese Meinung teilte, vor allem jene Menschen nicht, die gezwungenermassen mit ihm zu tun hatten, seine Mutter beispielsweise, oder sein Vater, auch wenn Letzterer es erfolgreich geschafft hatte ihn zu ignorieren, oder seine Sorgen wenigstens ausschliesslich auf die Pflege seines Vorgartens zu lenken. Er war es, der Leo einige Jahre bevor wir uns kennenlernten aus dem elterlichen Haus geworfen hatte und nun Leos Miete bezahlte. Eine weitere Rechnung halt, neben Strom, Gas, Zeitung. Aber wohl allemal besser als tagtäglich seiner missratenem Hinterlassenschaft in die Augen sehen zu müssen.
Leo hatte zweifellos seine Schwächen, hauptsächlich sozialer Natur, er war halt ein wenig, wie soll ich sagen, eigenbrötlerisch. Zu stören schien ihn sein mangelndes soziales Leben jedoch nie, genauso wenig kümmerte ihn sein nicht vorhandenes Geld. Er lebte wie eine Sparflamme, wenn er ass, dann lustlos, wenn er trank, dann nur weil sein Körper alle möglichen Alarmglocken schlug, und reden, ach, das war immer ein bisschen schwierig. Und meist sowieso übeflüssig. Was nicht heisst, dass er nicht sprach, nein ganz im Gegenteil, wenn ihn die Materie interessierte, dann sprach pausenlos, aber es fiel ihm schwer sich für etwas anderes zu begeistern als seine grosse Leidenschaft: die etwas merkwürdige, aber meinetwegen wunderbare Welt der Pilze.
Pilze waren sein ganzes Leben, er konnte stundelang pelzigen Schimmelstrukturen auf Äpfeln beim Wachsen zusehen, als würde er jede einzelne Spore beim Namen kennen, im Laden steckte er verschimmelte Erdbeeren einfach in die Hosentasche und lief weiter, er hatte sogar ein kleines Beet zuhause in der Wohnung, in dem er Champignons züchtete.
Wären damals Computer schon so verbreitet gewesen wie sie es heute sind, dann wäre er ein gewöhnlicher Nerd gewesen, aber der Draht zum Silizium blieb ihm, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, schlichtweg verwehrt. Eine verpasste Chance. Und so nahm das Schicksal meines Freundes seinen dramatischen Lauf.

Er erzählte mir, dass alles mit einem Kombuchapilz angefangen hatte. Kombucha sind die Dinger die aus Thee mit Zucker gesunden Apfelessig ausscheiden. Er nannten ihn Peter, ein mittlerweile mehrere Zentimeter dicker, ledergleicher Lappen, der in süssem Theewasser ab und zu fröhlich vor sich hin blubberte. Mit den Kindern die Peter abwarf, experimentierte er, versuchte es mit grünem Thee, mit Salz, mit Cola, Bier, Schnaps. Die allermeisten starben, aber es gelang ihm, ziemlich genau die Schmerzgrenzen des Pilzes zu erkunden. Später war ihm alles egal, er liess den Pilz mit schädlichen Schimmeln befallen, wagte bizarre Kreuzungen mit Holzpilzsporen, oder schnitt ihn in Stücke. Jedenfalls schien es mir als sei es ihm egal. Später stellte sich allerdings heraus, dass alles zu einem grösseren Plan zu gehören schien, an dem er schon seit Langem arbeitete.

Seine Mutter bekam irgendwann Wind von meiner Freundschaft zu Leo und hatte mich ausfindig gemacht. Ohne Ankündigung stand sie plötzlich an meiner Wohnungstür und wollte mit mir reden. Über ihren Sohn. Ich sei ja sein erster Freund, ob mir nicht etwas einfallen könne, wie aus Leo doch noch etwas werden würde, ob ich nicht vielleicht jemanden kenne, der ihn einstellen würde, sei es auch nur in einer Fabrik, zum Käseschneiden, vielleicht würde er dadurch aufblühen, den Sinn für ein geregeltes Leben entwickeln, Verantwortung lernen und zu schätzen wissen, ach er sei ja so schwierig und sträube sich gegen alles, vielleicht würde er ja auf mich hören, wäre das nicht was? Ich weiss noch, dass ich lange einfach so dasass und tat, als würde ich angestrengt über Leos Lebenslplanung nachdenken, aber ich wusste, dass das unmöglich war, ich kannte ihn damals schon lange und gut genug, überdies lag halb unter dem Sofa, neben ihrem rechten Schuh, ein gebrauchtes Kondom, das mich völlig nervös machte. Leo sei ja so intelligent, sagte sie, und ganz drin in seinem Herzen auch noch ein wirklich guter Junge. Sie habe ihn ja geboren, sie müssen das ja wissen.

“Pilze sind revolutionäre Gewächse” sagte Leo hingegen immer, wenn man seine Leidenschaft erwähnte. Egal ob man nun abfällig über den Geruch aus seinem Kühlschrank klagte oder den neuen Grünstich seines Joghurtschimmels bestaunte. Pilze waren jederzeit revolutionär. Und kein Anlass war ihm zu schade, dies zu erwähnen. Wenn er über seine Pilze sprach, blühte er richtig auf. Seine Augen bekamen einen hellen, fröhlichen Glanz, wobei immer ein leichter Schimmer Wahnsinn aufflackerte.
Der geneigte Leser wird sich natürlich fragen, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass zwischen Leo und mir eine Freundschaft entstanden war, oder noch verwunderlicher mag gar sein, wie es dazu kam, mit Leo ins Gespräch zu kommen. Nichts war leichter als das, wenn man das richtige Thema als Anlass hat.
Ich hatte giftige Pilze zu mir genommen. Nicht die giftigen von denen man Atem- oder Herzstillstand bekommt, sondern die Pilze die im Kopf ungeahnte Pforten zu Paradiesen und finsteren Kellerverliesen öffnen. In meinen jungen Jahren dachte immer, mich reichlich damit auszukennen, dass ich immer die mit dem breitesten Farbenspektrum erwischte, doch auch bei mir kam es vor, dass ich ab und zu einfach Mist pflückte. Und so geschah es, dass ich an jenem Abend, statt fröhlich vor mich hin zu virbrieren mit einem grausigen und hämmernden Schädel auf einer PKK Solidaritätsparty, mit Schnaps, den Presslufthammer in meinem Kopf zum Schweigen zu bringen versuchte. Wie ich auf jene Party gelangen war, weiss ich nicht mehr, aber Leo hatte diffuse revolutionäre Neigungen, und bei einem seiner seltenen Rundgänge ausserhalb seiner Wohnung, hatte ihn das Interesse für einen gewissen Vortrag über die PKK, der vor der Party stattgefunden hatte, dorthin gezogen. Er stand an der Bar, mit seinem typischen, verwirrten Blick und sah mich an, während ich ausser Atem, mit verdrehten Augen mich an den Tresen schmiss und meinen Focus auf den Schnapsbestand richtete. Die Dame hinter der Bar beachtete mich erst nicht und so sprach ich Leo an, er solle mir verdammtnochmal ein Mittel gegen Pilzkater empfehlen.
Das Stichwort “Pilze” war gefallen – und wir wurden Freunde.

Die Freundschaft beruhte anfänglich natürlich nur darauf, dass er in mir einen Kenner gefunden zu haben glaubte, jemand der ihm Psilocybinpilze besorgen konnte. Narrische Schwammerln, nannte er sie. Doch alsbald entwickelte sich eine Art Zuneigung zwischen uns, die lediglich darauf beruhte, dass wir uns über Pilze unterhielten. Das Thema gibt ja durchaus was her, und für mich war das alles neu. Dass Psilos mit Obstschimmel verwandt waren, konnte mich wirklich begeistern. Er entwickelte sogar eine gewisse Empathie, die sich dadurch äusserte, dass er immer zwei oder drei Flaschen Bier für mich im Kühlschrank stehen hatte. Alkohol trank er nie. Diese Aufmerksamkeit war auch die Einzige, aber es rührte mich, vor allem in der späteren Phase unserer Freundschaft, als ich merkte, dass diese kleine Aufmerksamkeit wirklich ungewöhnlich für ihn war.

Seine Wohnung war ein feuchter und ungesunder Ort. Dreissig morsche Quadratmeter in einem schattigen Hinterhof. Er züchtete dort hauptsächlich Speiseschimmel, da er mit diesen die schnellsten Resultate erzielte. Das läge jedoch hauptsächlich am sich leicht zersetzenden Nährboden, nicht am Schimmel selbst, klärte er mich auf. Schimmel auf Speisen sei auch die unwählerischste Sorte. So habe er in relativ kurzer Zeit fertiggebracht, gemeinen Brotschimmel mit Lacto-Schimmel, der Milchprodukte bevorzugt, zu kreuzen. Er sei verwundert gewesen, wie einfach der Brotschimmel sich an die neue Umgebung angepasst hatte, durch schlichtes Kreieren eines konstant temperiertes Miniatur-Biotopes – im Joghurtbecher! Er unterstrich die Wichtigkeit dieses Versuches mit der Begründung, dass beide Schimmelsorten vollkommen unterschiedliche klimatische Vorzüge besässen. Mit anderen, langsamer wachsenden Pilzsorten wäre ihm das freilich nicht so einfach geglückt, da die Generationen der Sporen sich nicht schnell genug an die Nahrungsbedingungen anpassen wollten, aber er arbeitete zur Zeit unseres Kennenlernens an einer Methode diese sogenannte Bestäubung zu beschleunigen. Erst später entwickelte er die eigentlich simplere Methode, die Nährböden erst zu mischen, und nach und nach den Einen der beiden Komponenten verringern.

Das war alles gut und recht, und auch sehr interessant. Das Besondere, oder gar revolutionäre an Pilzen wollte mir nie so recht einleuchten. Zumal die Zuchtmethoden mir nicht sonderlich raffiniert vorkamen, sondern eher der ganz gewöhnlichen Zucht von Früchten glich, wenn auch unter anderen Umständen. Immer wenn ich meine Bedenken, oder nennen wir es besser mein Unverständnis, dazu äusserte, hüllte er sich in geheimnisvolles Schweigen. Meistens nahm er dabei einen seiner kleinen Zuchtbehälter zur Hand, schaute vertieft in die sich darin befindende Flora (Leo hätte sich an dieser Stelle geärgert, und gesagt, dass Pilze keine Pflanzen seien, sondern den Tieren viel näher stünden), und brummte mantraartig Sätze wie: “Mein Freund, mein Freund, Grosses steht uns noch bevor, mein Freund.”

Hätte ich damals gewusst, was uns, oder ihm, bevorstand, dann hätte ich ihn womöglich am Kragen gepackt und ihn mit dem Kopf ins Wasser gesteckt, aber was sollte das bisschen Pilz da schon bedeuten, gab es bei mir zuhause ja auch, und doch, hatte er zu jener Zeit schon das Ziel klar vor Augen, es war lediglich eine Frage der Zeit, bis er die erforderliche Technik dazu entwickelt hatte. Aber ich greife vor.

Leo besass durchaus eine künstlerische Ader, der er jedoch weiter keine Achtung schenkte. Talent will ich es nicht nennen, aber durchaus Verständnis, für die Kunst. Einmal traf ich ihn bei eifrigem Gepinsel in seinem Badezimmer vor. Für den Schimmel in seiner Dusche hatte er einen optimierten Nährboden entwickelt, mit dem er jetzt sozusagen Wege von der verschimmelten Ecke, in geschwungenen Bögen über die rechte Badezimmerwand malte. Dieser Nährboden war lediglich eine etwas klebrige, durchsichtige Flüssigkeit, sie liess mich an Kleisterwasser denken, und roch ein wenig nach faulen Äpfeln. Die Zutaten interessierten mich nicht, ich war eher begeistert von der hingerissenen Art, in der er mit durchsichtiger Matsche die Wand verzierte. Das war ein Moment, bei dem ich an seine Mutter denken musste, wie gerne hätte sie vielleicht gesehen, wie ihr Sohn sich musisch betätigte, vielleicht war er bloss ein verkanntes Genie, ein Wunderkind dem man früher den Pinsel aus der Hand genommen habe.
Ich überlegte an jenem Abend ihn über seine Mutter anzusprechen, ihrem Wunsch etwas aus ihrem Sohn zu machen. Beschloss dann aber ein Bier zu öffnen und den neuen Grünton in einem Joghurtbecher zu bewundern.
Zwei Tage später, als ich ihm eine neue Ladung Narrische Schwammerln brachte, erschrak ich während dem Pinkeln zu tode, als mich Che Guevara von der rechten Badezimmerwand anstarrte. Kein Wunder also, dass ich ihm kein künstlerisches Talent sondern lediglich künstlerisches Verständnis zudichtete. Prangte jetzt doch tatsächlich dieser schimmelige Kommunist aus Bolivien an der Wand und schaute mir beim urinieren zu.

Mich zu sorgen, fing ich erst an, als ich dahinterkam, dass er den Badezimmerschimmel bis in sein Schlafzimmer hatte weiterwuchern machen. In sein winziges Schlafgemach kam ich eigentlich nie, irgendwie widerte mich Leo in Zusammenhang mit Körperlichkeit und Intimsphäre, an. Er war kein besonders gepflegter Mensch. Anders hätte er sich wohl kaum mit dieser Fülle an Schimmeln umgeben können.
Ich entdeckte erst eine grauschwarze Spur, in der selben Farbe des kubanischen Revolutionärs im Badezimmer, die vom Badezimmer aus über die Decke des Flurs in der geschlossenen Schlafzimmertür endete. Leo war im Wohnzimmer mit Pilzen beschäftigt und so öffnete ich vorsichtig und leise die Tür, die jedoch verschlossen war.
Zurück im Wohnzimmer sprach ich ihn sofort darauf an, wobei er ausweichend zugab, eine Schlafzimmerwand vom Schimmel befallen zu lassen wollen. Er wolle andere klimatische Bedingungen prüfen, sagte er erst, wurde dann aber, als ich ihn verägert über die gesundheitlichen Risiken hinwies, richtig böse, und verbot mir zu versuchen in sein Schlafzimmer einzudringen.
Er verschwieg mir etwas.
Es hätte mir damals sofort einleuchten müssen, dass ich es mit einem kranken, jungen Mann zu tun hatte.

Doch meine Zweifel, wurden eine Woche später sogleich über den Haufen geworfen, als er einen spektakulären Erfolg zu verbuchen hatte. Er rief mich hellauf begeistert an, ich müsse un-be-dingt vorbeikommen, er sei der erste Mensch dem es je gelungen sei, einen Steinpilz zu züchten. Eine Untertreibung. Als ich seine Wohnung betrat war ein neues, kleines quadratmeter Beet übersät mit dutzenden, achwas, hunderten kleinen Steinpilzen. Einfach so hochgeschossen, sagte er, er sei gerade dabei gewesen eine Symbiose aus gutartigen Edelschimmeln mit bösartigen Lederpilzen herzustellen, als er es aus der Ecke des Beetes seltsam habe rascheln hören.
Das war eine wirkliche Sensation, dessen Bekanntmachung einen gewöhnlichen Wissenschaftler zu Reichtum und Ruhm bis am Ende seiner Tage hätte verhelfen können.
Doch nicht für Leo. Er hatte Anderes vor.

Er fing dann an immer merkwürdigere Fragen zu stellen. Während er früher, berauschende Pilze verlangte, die er zwar nie schluckte, sondern erst die Haut des Hutes abschälte und den Rest in Säuren legte, war das für mich immer irgendwie nachvollziehbar, sei es auch nur deshalb, weil es sich um Drogen handelte, doch wollte er in der späteren Phase beispielsweise von mir wissen wie das eigentlich mit Fusspilz sei, ob ich das schonmal gehabt, und wo ich mir das eingeholt hätte. Ich sagte ihm, dass 12% aller westlichen Grossstadtmenschen von Fusspilz befallen sind, dass es daher wohl kaum schwierig sei, sich den einzufangen. Leo war begeistert von dieser meiner halbwissenschaftlichen Aussage (er nannte es überraschendes Mykologisches Fachwissen), und fragte mich ob ich mit ihm ins Schwimmbad gehen würde, da er von Schwimmbädern und deren für Fusspilz günstigen Voraussetzungen wusste.
So stand ich wenig später mit diesem käsebleichen, verwirrt dreinschauenden Kerl im Schwimmbad. Ich im Wasser um Atem ringend, er behutsam seine Kreise um das Becken ziehend. Es war mir nach kopfschütteln zumute, aber das tat ich in Bezug auf Leo schon lange nicht mehr.

Es ging dann plötzlich abwärts mit ihm. Er bekam einen vorerst leichten Husten, der bis zu meinem letzten Besuch bei ihm, immer lauter und von einem Röcheln begleitet aus den tiefsten Winkeln seiner Lunge hervorzukommen schien. Er klagte über Allergien, tat diese aber als lästige, jedoch unvermeidliche Nebenwirkungen seines Hobbies ab.
Eines Tages klingelte ich bei ihm und er tat nicht auf. Was mich sehr wunderte, weil das noch nie vorgekommen war. Ich fing an, mir Sorgen zu machen und hämmerte mit der Faust an die Tür, als er leichtbekleidet aufsperrte und mich bat zu einem späteren Zeitpunkt zurückzukommen. Er habe weiblichen Besuch, und müsse sich darum kümmern. Früher hätte ich mich wahrscheinlich darüber gefreut, an jenem Tag beunruhigte mich dieser Umstand jedoch. Er wirkte müde, ein wenig krank, noch blässer als sonst.
Er schwieg eine Woche lang. Doch dann rückte er mit der Sprache raus und erzählte mir von der Frau. Eine junge, hilfesuchende Frau, die er über eine Zeitungsannonce kennengelernt hatte. Als er das Wort “hilfesuchend” erwähnte, ahnte ich es schon, dass die junge Frau ein Pilzproblem haben musste. “Eine äusserst seltene Vaginalmykose” sagte er. Er sagte das, wie man jemandem sagt, dass man verliebt ist.
Aus der Liebe ist nichts geworden. Aus dem Pilz schon. Ich wollte nicht wissen was er damit vorhatte. Auch er schwieg.

Die Wohnung wurde von Woche zu Woche ungesünder. Mittlerweile waren so gut wie alle Wände vom Schimmel befallen, die Schimmelbehälter im Kühlschrank, auf dem Schrank, auf dem Herd, auf dem Esstisch, auf dem Wohnzimmertisch, quillten über, waren mit einer dicken, pelzigen Schicht überwuchert. Die Champignons und die Steinpilze befallen, alles was man anfasste schien mit Sporen bedeckt zu sein. Sein Bier rührte ich schon lange nicht mehr an.
Wir sassen nebeneinander auf dem Sofa, ich sagte, er sei ein Schmutzfink, dass er irgendwann daran sterben würde, dass ich nicht mehr kommen würde, wenn er nicht etwas gegen diesen Schimmelwucher unternähme. Dann entdeckte ich einen dunkelblauen oder dunkelgrauen, so genau weiss ich es nicht mehr, Fleck unter seinem Hemdärmel. Ich zog den Ärmel hoch und erschrak. Er reagierte nicht darauf, schaute zur Seite und fragte mich nach einer Zigarette. Die Erste, seit ich ihn kannte.
Er müsse mir etwas gestehen, sagte er. Er würde sein Experiment nicht zu Ende bringen können. Er würde wahrscheinlich bald sterben.
“Sie sind sehr aggresiv” wiederholte er mehrere Male, das habe er nicht erwartet, und lachte nachdenklich, fast ein wenig stolz, aber mit einer gewissen Wehmut. Er habe einen Plan, er könne mir noch nicht verraten worum es nun genau ging, aber es sei die Revolution, die Welt würde sich verändern. Er würde mir einen Brief schreiben, mir alles mitteilen, ich sei sein Erbe, ich müsse alles zu Ende bringen. Und ich solle nun besser gehen und nicht mehr wiederkommen.

Dem leistete ich Folge. Es schien mir ernst.

Es dauerte nur wenige Wochen, als die Zeitungen und das Fernsehen von diesem grässlichen Tod berichteten. Von dieser von Pilzen und Schimmeln überwucherten Wohnung, und von dieser zwei Meter langen bewachsenen Erhebung, in der man eine Leiche fand. Leopold K.

Ingeborg

Schnell diesen Jahrhundertroman schreiben, mich nächstes Jahr für den Bachmannpreis bewerben, gewinnen, fünfundzwanzigtausend, beim Buffet nachher, den Verleger aufwarten der mir ein Glas Rotwein entegenreicht und beiläufig nach einem eventuellen Jahrhundertroman fragt, ich ganz zufällig mein Jahrhundertmanuskript aus der Jackeninnentasche ziehe. Ein Jahr später einen grossen Garten kaufen, eine Milchkuh, eine grössere Wohnung, ein Sommerhaus für den Herbst am Alpensüdrand, neue Schuhe, eine alte Fabrik in einer Grossstadt, dort baue ich Lesebühnen, lerne endlich Schweissen und kaufe mir einen Opel.

Soeben hellauf geklatscht für Kathrin Passig für den ersten Preis, mit ihrem Text beim Bachmannpreis.

proportionen

Vorhin, als ich dabei war das Büro zu verlassen, ich vor der automatischen Schiebetür plötzlich innehielt und es mich grauste, gleich von dieser Hitzewand erfasst zu werden, wie mir die Sonne gleich alle blossgestellten Teile der Haut verbrennt, da kamen mir alte Erinnerungen hoch, aus diesem furchtbaren Sommer ’03, nachdem ich mich vier Tage lang durch ein vierziggradiges Paris gequält hatte, ich am Vorabend von meiner Rückkehr nach Madrid in diesem stickigen Restaurant im 3ème Arrondissement mit der gebratenen truite um die Wette schwitzte und dieses dänische Ehepaar noch mehr jammerte als ich es tat, und mir schliesslich erzählte, Paris sei noch gar nicht schlimm, verglichen mit Madrid, wo es gerade 52 Grad Celsius mass, und mir dabei übel wurde, meine Armhaare sich aufstellten.
Als ich dann am nächsten Mittag in Madrid bepackt, beladen an der Oberfläche auftauchte, lag diese ausgestorbene Stadt vor mir, sie tänzelte regelrecht vor meinen Augen, die aufsteigende Hitze verbog die Häuser, alle Läden, Cafes, Fenster versperrt, dahinter mussten sich Leichenhäuser verbergen, verzweifelt kühl gehalten, als würde man sich fürchten. Meine Wohnung, dieses finstere Loch im Dachgeschoss, worin man die Hitze des scheinbar schmelzenden Dachteeres von oben, wirklich fühlen konnte, kühlte selbst in den Nächten den ganzen Sommer über nie aus, niemals unter fünfunddreissig Grad, meist mehr, als ich nackt auf dem Bett lag, Hände und Beine von mir gestreckt, ein Proportionsschema in pummelig, damit keine Falte Haut die andere berühre, der Körper aus jeder einzelnen Pore atmen könne, Wärmeeinheiten verdampfen liesse, alle Fenster offen, sperrangelweit, die Luft aber erstarrt war, dickflüssig geworden auf meiner Brust klebte, drückte, während draussen die Madrileños um die Wette hupten, Autos und rotgestreifte Seats, die ganze Nacht lang, als hälfe nur noch das offene Fenster des Autos, ein bisschen Frischwind ins Haar zu kriegen, und ich in nervösem, traumlosen Wachschlaf blökende Schafe riss, nur um beim Weckerklingeln wieder lauwarme Kleider über meine heisse Haut zu streifen und in den kochenden UBahnschacht zu steigen, Höhlen die direkt in des Teufels Kessel führen mussten, in diese alten, klapprigen Wagen der immer überfüllten Linie Nummer 1, die Hellblaue, der Metromadrid zu steigen, um acht Uhr von Tribunal bis Plaza Castilla, zwanzig Minuten lang, mich am Schweiss der anderen Sardinen reibend, um einen Platz für meine Hand an den Haltestangen kämpfen.

Die letzten 5000 Kilometer zum Büro, den rettenden Pol, nur noch die Buchstaben zu KLIMAANLAGE zählen, in verschiedenen Sprachen, vorwärts und Rückwärts und quer durch. Nach Ankunft, acht Stunden lang gebraucht mich abzukühlen, nach getaner Arbeit, und dazwischendurch, unter den Schreibtisch gekrochen und die Augen geschlossen. Alle Schafe laufen lassen, mich um Keines gekümmert.

Daran dachte ich vorhin, als ich kurz innehielt, bevor ich durch die automatischen Schiebetüren, hinaus in den Sommer schritt. Dieser Gedanke hat mir Mut gemacht. Und Spass.

Ahnengalerie mütterlicherseits (eine chronoligische Aufzählung)

(Weil die Kaltmamsell wieder Familiengeschichte erzählt, fiel mir ein, dass ja noch immer die Fortsetzung meiner Ahnengalerie aussteht. Der zweite Teil soll etwas Licht in die grosse Finsternis meiner Familie mütterlicherseits werfen. Keine Erzählung, sondern eine einfache Aufzählung des Werdegangs der Familie.)

Der Unterkapiller Hof ist ein altes Bauernhaus in den Bergen nördlich von Bozen, auf einem steilen Hang bei dem man wirklich aufpassen muss nicht ins Stolpern zu geraten, weil man sonst leicht einige Kilometer weiter südlich, unten im Dorf erst zum Stillstand kommen könnte. Das Dorf, achthundert Seelen auf 1100 Metern Höhe, unterhält erst seit der in 1955 erbauten Seilbahn eine richtige Verbindung zur Aussenwelt. Es gab zwar immer schon einen sehr steilen Fussweg nach unten ins Etschtal, aber zum Transport von Lasten und anderen Gütern diente bis vor zwanzig Jahren ganz allein die Seilbahn. Der Fussweg wurde mit dem Aufkommen von Autos verbreitet, bekam Ende der siebziger Jahre eine Lage Asphalt, jedoch war das immer eine äusserst abenteuerliche Unternehmung diese steile, enge Strasse mit dem roten Fiat 127 meines Vaters zu erklimmen. Bis zwischen 1985 und 1990 die sogenannte Panorama-Strasse gebaut wurde (eine ganz gewöhnliche Strasse halt, mit richtigen Kurven, statt der vorigen sich steil nach oben schlängelnden Asphaltlage), bediente sich das gewöhnliche Volk nach wie vor der Seilbahn.

Mein Grossvater war der Unterkapiller Bauer. Ein schwarzhaariger Kerl mit ernsten, tiefgelegenen schwarzen Augen. Ich kannte ihn eigentlich nur noch als alten, kranken und immer schlechtegelaunten Mann der seinen Mund nur öffnete wenn man etwas für ihn erledigen sollte. Wenn er nicht anwesend war und man irgendwas angestellt hatte, dann wurde immer aufgeregt getuschelt “Ja bist du denn verrückt, wenn das der Opa sieht!” oder “Lass das ja den Opa nicht wissen”. Ein bitterer Mann vor dem sich alle fürchteten.
Er war der zweitälteste Sprössling seiner Familie. Die älteste war seine Schwester Mathilde. Der Unterkapiller Hof wurde von seinem Vater erbaut. Es ist heute ein bisschen schwierig nachzuvollziehen wie es genau um die Erbschaft des Hofes bestellt war. Normalerweise muss die älteste Tochter wegheiraten und bekommt der älteste Sohn den Hof. Aus irgendeinem Grund, der sich leider nicht mehr recherchieren lässt, sollte Mathilde den Bauernhof erben und der Alois, wie auch die anderen Söhne, sich mit kleineren Anteilen der Ländereien abfinden. Es kam dann zu einem bitteren Streit woraus Mathilde als Verliererin hervorging und von einem Tag auf den anderen nach Schenna bei Meran zog, wo sie eine Stelle als Kindermädchen anging. Dies geschah irgendwann in den zwanziger Jahren. Seitdem hat Mathilde nie wieder einen Fuss ins Dorf gesetzt. Erst ihre Töchter suchten in den achtziger Jahren (als diese selbst schon ältere Frauen waren) Kontakt zur alten Familie in den Bergen.

Der Unterkapiller Alois heiratete meine Grossmutter Maria, die selbst zwei geerbte Wiesen mit in die Familie brachte. Sie gebar ihm nicht viele Kinder. Lediglich vier. Alles Mädchen. Eine bittere Enttäuschung für einen Patriarchen. Maria war eine pragmatische Frau mit einem sehr grossen Herzen und diente vor allem als beruhigender Gegenpol gegenüber dem Vater. Es gab im Hause Unterkapill niemals offenen Streit zwischen Vater und Mutter. Auch wenn die Mutter kein einziges böses Wort fallen liess wenn der Vater ausrastete, so hatte der Mann grossen Respekt vor dieser Frau. Wenn sich die Töchter nämlich im Schutze der Mutter aufhielten, da waren sie auch sicher vor ihm. Dieser Schutz galt wenigstens innerhalb der Küche.

Mein Grossvater war kein gerngesehener Mann. Zwar verweilte er gerne im Wirtshaus, hatte sogar ein überraschendes Talent die Zieharmonika zu bespielen, jedoch war er von Natur aus einer der gerne polarisierte und grobe Mittel anwendete um an seine Ländereien zu kommen. Von meinem Grossvater sagt man er habe nur einen einzigen Freund gehabt und selbst diesen habe er abgrundtief gehasst. Dieser Freund war ein anderer Bauer dem ein ähnlichen Ruf vorauseilte wie ihm selber.

Die beiden ältesten Schwestern Liesl und Rosl waren Zwillinge. Ein ungleiches Paar. Liesl war stark, klug und von gutmütiger Natur. Rosl hingegen war immer etwas kränklich, nicht besonders hell im Kopf und ein ziemlich launischer und jähzorniger Charakter. Liesl und Rosl wurden Leibeigene meines Grossvaters und zur harten Arbeit auf dem Hof verbannt. Beide sind sie bis ins Alter ledig geblieben. Meine Mutter erzählte zwar, dass sie mehrmals kleinere Geschichten mit Männern hatten, die jedoch vom Grossvater sabotiert wurden. Später machte im Dorf das Wort die Runde man solle sich von den Unterkapiller Mädchen fern halten, weil man sich da nur Scherereien einbrockte.

Auf dem Hof wohnte auch Tota, eine jüngere Schwester meines Grossvaters. Inwiefern sie sich mit meinem Grossvater verstand ist mir nicht ganz klar, da ich sie als sehr liebenswürdige Frau in Erinnerung habe. Auch Tota blieb ledig, was vielleicht erklärt warum sie auf dem Hof mit dem Alois wohnen blieb.
Auf unbekannte Weise hatte sich einmal eine junge Magd aus dem Pustertal ins Dorf verirrt. Diese tat einige Jahre lang ihren Dienst gegen Kost und Behausung auf verschiedenen Bauernhöfen und im Wirtshaus und landete schliesslich auch auf dem Unterkapiller Hof. In der Zeit auf Unterkapill wurde sie schwanger. Man weiss nicht von wem, oder jedenfalls will das niemand wissen. Diese junge, ledige und mittellose Frau war völlig überfordert mit dieser Geburt. Schon in den ersten Tagen wollte sie dieses Kind vom Balkon in die Tiefe schmeissen. Man begann das Kind vor ihrer Mutter in Schutz zu nehmen, bis Tota sich dazu entschloss, das Kleinkind aufzuziehen.
Das Kleinkind hiess Vrona und wuchs zusammen mit meinen Tanten auf Unterkapill auf.

Danach kam Marianne zur Welt. Erst eine grossen Enttäuschung für meinen Grossvater, weil es wieder ein Mädchen war, aber auf irgendeiner Weise schaffte es Marianne sich ins das ohnehin schon kleine Herz ihres Vaters einzuschleichen. Platz war da nicht viel und Marianne war dazu auch noch ein grosses Weib das sich gerne breit machte. Wenn mein Grossvater schon ein Herz von der Grösse einer getrockneter Knoblauchzehe hatte, so trug Marianne ein grosses schwarzes Loch in ihrer Brust das das Blut durch ihren Körper pumpte. Marianne war das Mädchen das von der Arbeit verschont blieb und in die Stadt geschickt wurde. Sie sollte Kindermädchen werden. Wenn Marianne von der Stadt nach Hause kam, war sie die grosse Lady, die sich bedienen liess, die ihre ganze Wäsche mitbrachte, die dann Liesl und Rosl händisch waschen durften und wenn sich eine davon dagegen auflehnte, bekam diese es mit Vater zu tun, der nicht davor zurückscheute Stöcke und Geisseln einzusetzen wenn es darum ging seinen Willen durchzusetzen. In den allermeisten Fällen reichte verständlicherweise ein zurechtweisendes Wort.
Ich kann mich als Kind an ganz viele Szenen erinnern in denen in der Küche Streit um Rosl ausbrach. Weil Rosl irgendwas verbockt hatte, weil sie halt ein wenig dumm war, wobei Marianne und ihr Bozner Ehemann Toni (Bäckergeselle, Lederjacke, Schlägertyp) mit Fäusten auf Rosl einschlugen. Gebrochene Nase, Prellungen, Veilchenaugen.
Marianne brauchte Platz da oben auf Unterkapill. Ihr Leben als Putzfrau in Bozen, in Ehe mit einem faulen und etwas dumpfbäckigen Bäckergesellen war nicht gerade ein Leben nach ihren Vorstellungen. Später werden wir erfahren, dass es ihr hauptsächlich darum ging als Alleinerbin des Bauernhofes dazustehen.

Als letzte wurde meine Mutter geboren. Wieder ein Mädchen. Laut Überlieferung meiner Tanten sei mein Grossvater darüber derart böse geworden, dass er auf einige der Anwesenden eingeprügelt habe und das weibliche Geschlecht mit allen erdenklichen Flüchen belegt habe.
Meine Mutter war als Kind lange und viel krank, war ein Nesthäkchen, musste viel umsorgt werden und war immer der Mutter und Liesls kleiner Liebling. Es gab diese beiden Pole: Grossmutter, Liesl und meine Mutter, und auf der anderen Seite Grossvater, Rosl und Marianne. Tota und Vrona zogen in den siebziger Jahren in eine geerbte Mühle unten am Dorfeingang.

Mitte der sechziger Jahre geschah ein kleiner Zwischenfall der das Leben meiner Grossmutter für immer verändern sollte. Während alle draussen auf der Wiese arbeiteten, war sie als einzige im Heustadel damit beschäftigt, Platz zu schaffen für das Heu das am Abend nachkommen sollte. So stopfte sie Unmengen getrockneten Grases durch eine breite Luke nach unten. Durch eine kleine Unachtsamkeit fiel sie in diese Luke, ein kleiner Fall nur, jedoch lag sie dann da unten und konnte nicht mehr aufstehen. Dort blieb sie mehrere Stunden liegen und schrie immer wieder laut um Hilfe. Hilfe kam aber erst als die anderen vom Feld nach Hause kamen. Die Männer die beim Heueinzug halfen, hievten meine Oma erstmal auf eine Bank und versuchten sie zum Sitzen zu bringen. Kurz vor ihrem Tod hat sie mir mal gesagt, dass sie bei diesem ersten Sitzversuch einen Knacks im Rücken spürte und dass das wohl der fatale Moment gewesen sei, der sie für den Rest des Leben an den Rollstuhl fesselte.
Es dauerte ganze zwei Tage bis die Rettungssanitäter aus der Stadt mit der Seilbahn nach oben kamen um sich ein Bild des Zustandes meiner Grossmutter machen zu können. Sie fühlte ihre Beine nicht und in dem Moment war wohl klar, dass sie ins Krankenhaus musste.
Damit war auch ihre Fähigkeit, meinem Grossvater einen Sohn zu zeugen, verschwunden.

Liesl und Rosl waren für mich immer zwei Riesinnen. Grosse und starke Frauen mit den Pranken eines Bären. Als Grossvater krank wurde und die schwere Arbeit auf den Wisen nicht mehr erledigen konnte, arbeiteten Liesl und Rosl alleine. Und zwar mit den Händen. Grossvater war ein Mann der alten Schule. Als Automobile und Traktoren in den Bergen ihren Einzug hielten, wehrte er sich mit allen Mitteln dagegen. Selbst als er der körperlichen Arbeit nicht mehr gewachsen war und die beiden Zwillinge die Anschaffung eines Traktors überlegten, wurde dies kurzerhand verboten. Die Wiesen mussten weiterhin mit der Hand gemäht und die Heuballen mit den Pferden in den Stadel transportiert werden.

Liesl war eine grosse, starke und kluge Frau. Liesl las gerne Bücherund zeichnete. Ausserdem unterhielt lange Jahre eine Brieffreundschaft mit ihrer ehemaligen Deutschlehrerin, die ins ferne Innsbruck gezogen war. Sie war es auch, die meiner Mutter das Lesen schmackhaft zubereitete. Jedoch war ihr das Leben einer geistig gebildeten Frau nicht gegönnt. Erstens fehlte ihr jegliche Bildung, und zweitens ruhte auf ihr die gesamte Last des Unterkapiller Baurnhofes, nachdem der Vater die schwere Arbeit nicht mehr erledigen konnte. Sie wurde dann die eigentliche Unterkapiller Bäuerin.
Die Männer machten ihr schon lange nicht mehr den Hof. Früher stellte sich bei ihr der Vater dazwischen, und mit voranschreitender Zeit war sie den Männern geistig ohnehin meilenweit überlegen. Die Männer hatten eher Angst oder Respekt vor ihr alsdass sie sie als mögliche Heiratskandidatin gesehen hätten. Und andere Männer gab es nicht. Und wenn sie ihre seltenen Besuche in die Stadt unternahm, war sie mit ihren grossen Pranken, ihrem sonnengegerbten Gesicht das aussah wie Leder und ihrem äusserst grobknöchigen Gang wohl alles eher als eine begehrenswerte Frau.
Liesl war die einzige die es fertig brachte Marianne zum Schweigen zu bringen. Grossmutter hatte das nie geschafft. Grossvater wollte das erst nie, und als er viele Jahre später irgendwann merkte, dass Marianne dringend eine richtige Tracht Prügel verdiente, hatte er seine Autorität ihr gegenüber längst verloren.
Liesl griff ein wenn Rosl verprügelt wurde, Liesl sprach Machtworte und gab Marianne mehrmals zu verstehen augenblicklich vom Hof zu verschwinden. Liesl bekam irgenwann auch den vollen Respekt des Grossvaters, allerdings erst als dieser nicht mehr viel mehr machen konnte als gekrümmt durch das Haus zu laufen und die Hühner zu füttern.
Eines Tages, mitte der achtziger Jahre bekam Liesl hohes Fieber. Das Fieber ging nicht mehr weg. Als sie dann aufhörte zu essen und dramatisch abmagerte schickte man sie ins Krankenhaus. Milzkrebs. Zwei Monate später war sie tot.

Der Bauernhof wurde unrentabel und wurde deshalb geschlossen. Geschlossen im jenem Sinne, dass der Hof kein wirtschaftlicher Betrieb mehr war, sondern lediglich ein selbstversorgender Bauernhof. Steuerrechtliche Gründe. Man beschränkte den Betrieb auf zwei Kühe für die Milch, ein oder zwei Schweine für den halbjährlichen Speck und Hennen für Eier und gelegentliche Hühnersuppe.
Rosl, die sich ohnehin schon nur mehr der Pflege der Eltern widmete, konnte nach Liesls Tod den Hof nicht mehr alleine bearbeiten.

Ab jenem Tag hatte Marianne zwei freie Hände. Oder Ellbogen, oder Fäuste. Aus dieser Zeit stammen die meisten Momente bei denen wir Kinder aus dem Haus auf die Wiesen zum Spielen geschickt wurden, weil es wildes Geschrei und lautes Gepolter in der Küche gab. Schon nach wenigen Jahren fingen auch Mariannes Söhne an (beide etwas jünger als ich), sich beim Bearbeiten von Rosl zu beteiligen. Weil darum ging es immer. Rosl würde spinnen, gehöre ins Irrenhaus, hätte dies und jenes zu verschulden und würde sich dauernd gegen Marianne auflehnen. Mein Vater, meine Mutter und Grossmutter nahmen Rosl in Schutz, oder versuchten wenigsten das allerschlimmste zu verhindern. Gegen Marianne, Toni und die beiden Söhne kam man nicht so einfach an. Grossvater sass in der Ecke und schwieg. Mich erschraken diese Gewaltkonflikte immer sehr und fühlte mich bei solchen Szenen viel zu unmündig um einzugreifen. Stattdessen beruhigte ich meine beiden kleinen Schwestern, während wir draussen beim Bach herumstanden und ins Wasser starrten.

Grossvater wurde immer kränker. Einmal sagte er beim Essen in die Runde, Marianne würde uns noch einmal alle erschlagen wenn sie ihren Willen nicht bekäme. Ein Jahr später, 1995, starb er. Der Bauernhof gehörte nun Grossmutter.

Es folgten dann drei oder vier ruhige Jahre. Marianne liess sich oben auf dem Berg kaum noch blicken. Grossmutter kam öfter ins Krankenhaus und immer wieder hiess es sie würde es nicht mehr lange schaffen. Sie hatte groben Gedächtnisverlust, und war recht oft nicht mehr bei Sinnen.
Wenige Monate vor Grossmutters Tod, tauchte Marianne wieder auf und machte sich wieder auf dem Unterkapiller Hof breit. Rosl lebte wegen Grossmutters langen Krankenhausaufenthalten meist alleine auf dem Hof.
Mindestens einmal pro Woche die selbe Szenerie: Marianne erschien auf Unterkapill in Begleitung ihrer Söhne oder ihres Mannes, provozierte Rosl, dann klingelte bei meiner Mutter das Telefon, heulende Rosl am Apparat und meine Mutter musste einschreiten. Einschreiten hiess eine ganze Stunde Berg hinunter- und Berg hinauffahren.
Irgendwann schaffte es Marianne Rosl zu provozieren und die Carabinieri herbei zurufen wonach Rosl in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen wurde. Sie galt als gemeingefährlich, aggressiv und musste mit Pillen vollgestopft werden.
Kurz darauf wurde von Marianne ein Testament von Grossvater vorgelegt in dem stand, dass er ihr den gesamten Unterkapiller Hof vermacht hatte.
Meine Mutter konnte noch rechtzeitig meine Grossmutter davon überzeugen, sie solle ihre gesamten Ersparnisse auf Rosls Konto überweisen. Einige Tage später starb sie.

Epilog:
Marianne übernahm daraufhin den Unterkapiller Hof. Meine Mutter kaufte mit Grossmutters Geld eine kleine Wohnung für Rosl unten im Dorf. Als sie aus der Psychiatrie entlassen wurde durfte sie Unterkapill nicht mehr betreten.

(Photos in den Kommentaren)

Springweg 23 – Teil IV – Der Funkenregen

Eine leicht gruselige Erzählung mit coolen Untertiteln

(Teil eins, Teil zwei, Teil drei)

Noch angetrieben von den Ausläufern der feuerlichen Räumung, der Unterstützung der Nachbarschaft und des positiven Echos in den Medien, war die dritte Besetzung von Springweg 23 ein perfekter, militanter Schlag. Anstatt uns im Schutz der Stille und Dunkelheit der ganz frühen Morgenstunden auf dem Weg zum Haus aufzumachen, war es etwa Mittag, als die fünfzigköpfigen Gruppe sich in der Lange Nieuwstraat 37 versammelte. Wir hatten im Parterre einen riesigen Raum zur Verfügung, den wir zu einem kleinen Cafe ausgebaut hatten in dem wir manchmal Lesungen organisierten und jeden Mittwoch Tonnenweise Bier zu aufgedrehter Punkmusik verkauften. Ein idealer Treffpunkt für grössere Gruppen. Auf dem Weg in den Sprinweg trugen wir mehrere Brecheisen und Hammer demonstrativ in der Hand, von zwei Leuten wurde eine lange Leiter getragen, mehrere Matratzen wurden mitgeschleppt und anstatt uns auf dem üblichen Weg durch die engen, mittelaterlichen Stege, die sich durch die ganze Utrechter Altstadt ziehen, zu schlängeln, wählten wir die grossen Strassen. Wir waren eben zu fünfzig und die Besetzung würde aus gesetzlicher Sicht sowieso nicht akzeptiert werden. Jetzt machte man Politik. Jetzt wollten wir laut sein.
Als wir in den Sprinweg einbogen, war es fast wie nachhause zu kommen. Einige älteren Herren die sich unterhielten riefen uns irgendwas witziges zu und ein vorbeifahrender Fahrradfahrer fragte scherzend ob wir von der Polizei seien und begleitete uns bis vor den Haustüren der Nummer 23.
Dann nahm die Gruppe ihre Posten ein. Obwohl Einbahnstrasse, wurde die Strasse auf zwei Seiten von einer Menschenkette abgeriegelt. Jurij und Alex stellten die Leiter auf, klommen zum Dachgeschossfenster hoch und stiegen in das Haus ein. Fünf weitere Menschen erklommen das Dach, machten schonmal ein paar Dachziegel lose und hielten Ausschau über den wunden Punkt an der Seite des Geländes des ehemaligen Deutschen Ritterordens. Wir hatten das Gebäude bei der letzten Räumung dermassen verbarrikadiert, dass es klar war, dass wir nicht auf den konventionellen Weg in das Gebäude eindringen konnten.
Vom Mariaplaats her kamen dann auch schon zwei Streifenwagen die bis zum Gebäude vordringen wollten, doch als der Grossteil der Menschen in der Menschenkette dann Schlagstöcke zückte, blieben sie unvermittelt stehen. Einige Minuten später leuchteten die Blaulichter vom Süden her und da wiederholte sich die selbe Szene.
Das technische Problem mit der dritten Besetzung war, dass die Türen zugänglich gemacht werden mussten. Man konnte nicht die ganze Menschenschar über die Leiter in das Gebäude reinfliessen lassen. Eine Treppe vor dem Haus war ein wunder Punkt. Und es war aus psychischem Sichtpunkt nicht möglich, sich mit 50 Besetzern in einem Haus einzusperren. Man musste einfach raus- und schwer hineinkommen. Jurij und Alex sollten von drinnen einen Weg zu den Türen freiräumen. Eine aufwändige Tätigkeit, da metallene Matratzenroste, Fahrräder und Stützpfeiler von Baugerüsten an den schützenden Türen und Brettern des Vorgiebels und Fenster geschraubt und teilweise verschweisst waren. Dazu hatten wir jeden möglichen Hausschrott, vor allem Holz, dazwischen und dahintergeklemmt und -gestemmt und dahingeworfen waren. Es verging eine ganze Stunde des nervenzerreibenden Wartens auf der Strasse. Die Polizei war unentschlossen. Auf der einen Seite häufte sich dauernd das Aufgebot, nach einer Stunde waren sogar die Arrestatiebussen der Mobile Eenheid arriviert, aber es wurde nicht angegriffen. Einmal kamen zwei Sociocops heran, die mit uns reden wollten. Die wurden dann mit erhobenen Brechstangen kurzerhand verjagd. Die Nachbarn applaudierten von den Fenstern herab. Wir schäumten vor Selbstbewusstsein. Als eine Stunde um war, erschien Jurij im Dachfenster und stieg herab. Er sagte es ginge nicht. Alles war verschweisst und fest verschraubt. Man müsse mit einer Schleifmaschine zu Werke gehen, aber von Innen sei das zu gefährlich wegen dem ganzen Holz, das würde in Kürze in Flammen aufgehen. Wir mussten uns von aussen Zutritt verschaffen. Am besten die rechte Tür, damit man sofort Zugang zur Hinterseite hatte. Einige Nachbarn, worunter auch Berta beteiligten sich interessiert an der technischen Diskussion. Berta forderte ihren Nachbran schliesslich auf, seinen Flex zu holen. Der tat dies. Inzwischen machten wir uns daran, die rechte Tür zu zertrümmern, bis nur noch das dahinterliegende, metallene Gerippe stand. Wir brauchten zwei Verlängerungsschnuren quer über die Strasse um direkt am Haus schleifen zu können. Ich liebe das Arbeiten mit dem Flex. Es ist dieses elektrisierende Geräusch von sich blitzschnell abschabendem Metall, das jegliches andere Geräusch in meinem Umfeld verdrängt und dann der schier unkontrollierbare feurige Schweif von glühenden Metallpartikeln, der sich mal zwischen den Beinen auslässt, und dann wieder in weiter Ferne zerstreut und langsamere Funken auf den Boden tröpfelt. Neben Saucen kochen wäre meine Lieblingsbeschäftigung zu schleifen. Wenn es halt nicht so laut wäre. Das hält man nicht lange durch. Jurij und ich wechselten und deshalb auch ab. Er fünf Minuten und ich fünf Minuten. Nach fünf Minuten kann man einen Flex nicht mehr in der Hand halten, weil die Fingerknochen anfangen zu vibrieren. An der Hinterseite der freigeräumten Tür stand Alex, der aufpasste, dass kleine verirrte Funken im Haus drinnen keine Flammen schlügen.
Es kam dann auch die Feuerwehr, ohne Zweifel von der Polizei gerufen, ein alter Trick, wodurch sich die Polizei oftmals den Weg freiräumen liess. Die Feuerwehr greift man eigentlich grundsätzlich nicht an, weil es in erster Instanz Helfer sind, die von der Polizei lediglich oft missbraucht werden und eigentlich nichts dafür können. Die beiden Löschwagen wurden von uns zum Stillstand gebracht und den Helfern deutlich gemacht, dass es nicht brennen würde, sondern, dass man einfach nur mit dem Flex arbeite. Der Einsatzleiter schien die Situation zu verstehen und wahrscheinlich merkte er auch, dass er wiedermal missbraucht wurde, jedoch wollten sie nicht abziehen, sondern Einsatzbereit in der Strasse bleiben, falls etwas schiefgehen sollte. Es sei ja ihre Pflicht. Deren Einsatz sollte jedoch nicht lange dauern, denn bald war die Tür freigeschliffen und der Flex hörte auf zu Funken.
Die ganze Aktion war aber immer noch nicht zu Ende, weil jetzt ja ein grosses Loch in der Fassade prangte. Da aber im Haus reichlich Holz vorhanden war, beschloss man alle Menschen auf der Strasse, in das Haus zu lotsen und erstmal einen Tisch an die Innenseite der Türpfosten zu verschrauben. Im Laufen der nächsten Stunde, als das Haus also schon besetzt war, bauten wir Scharniere und mehrere Schlösser in die verschraubte Tischplatte ein. In den nächsten Tagen wurde sie noch mit Eisenhaken und langen Stahlschienen verstärkt. Ein kleines, technisches Hochständchen der Hausbesetzerkunst war das. Schade, dass es heute jene Tür nicht mehr gibt.
Aber ach, ich verliere die eigentliche Geschichte ganz aus dem Blickfeld.

Dass man ab diesem Tag nicht daran denken konnte, im Springweg 23 ruhig wohnen zu können, das war jedem sofort klar. Aber manchmal geht es gar nicht um das Wohnen selbst. Manchmal entscheidet man sich zur politischen Konfrontation und weil es um das eigene Haus geht, in dem man auch noch den ganzen Tag Reparaturen vornimmt und baut, wird der ganze Alltag politisiert.
Die paarse Stadtregierung (Paars=Violett. Rot wegen der Sozialdemokraten und Blau die Liberalen, ergibt: ja genau) war WÜ-TEND. Jedoch auch gespalten. Der damalige Räumungsgrund (der “Mietvertrag für eine Ruine”, wie die Medien immerwieder Schlagzeilten) war wirklich lächerlich gewesen, das sahen die Sozialdemokraten ja ein, die Liberalen hingegen sahen die militante Art der damaligen Räumung und nun auch ebensolche Widerbesetzung als Kriegserklärung. Dass die Nachbarschaft so koopeartiv war, störte die Sozialdemokraten hingegen wieder. Der ganze Akt der Besetzung war widerrechtlich gewesen, weil das Haus nach dem Prozess wieder ein ganzes Jahr lang leer stehen musste, und überdies war der Akt der Besetzung ja auch von der Polizei beobachtet worden. Zum Prozess würde es also gar nicht kommen. Eigentlich warteten wir bloss auf den richterlichen Räumungsbefehl. Da eine Räumung des Springweg wieder äusserst unangenehm verlaufen würde, musste sich die Stadtregierung entscheiden ob sie sich einmischen würde. Es passierte schon hin und wieder einmal, dass die Stadt ein schwer umkämpftes Gebäude vom Besitzer aufkaufte und den Besetzern eine Art Nutzungsvertrag anbot, bloss um möglichen Randalen auszuweichen. Auch erzwang die Stadt manchmal Mietverträge vom Besitzer. Aber Springweg 23 war ein etwas schwierigerer Fall. Erstens war es ein sehr kleines Haus, in dem man vielleicht sieben Bewohner unterbringen konnte. Bei den vorigen Legalisierungen handelte es sich immer um grosse Häuser an der Gracht oder etwas ausserhalb, alsob die Stadtregierung jene Häuser bloss legalisiert habe um soviel wie möglich Unruhestifter gleichzeitig zu verarzten. War es den ganzen Aufwand für sieben Hanseln dann wert? Und mit einem Mietvertrag wären wir natürlich nie einverstanden gewesen, immerhin hätten wir das Haus erst reparieren müssen und zu einem Mietvertrag gehören auch die ganzen Brandschutzbestimmungen dazu, die wir doch niemals hätten einhalten können, ohne fünfzigtausend Gulden oder mehr in das Gebäude zu stecken. Wir wollten eigentlich bloss in Ruhe gelassen werden. Vonder Stadt, vom Besitzer und von der Polizei. Wie die sich das aufteilten war uns egal. Und wenn sie uns raushaben wollten, dann würden die Strassen eben wieder brennen.

Wir gewannen sehr viel Zeit weil die Polizei nie vorbeigekommen war um Leerstand zu konstatieren und die Agenten deshalb vergessen hatten die Staatsanwaltschaft zu informieren. Natürlich wusste die ganze Stadt, dass Springweg 23 wieder besetzt war, aber die richterlichen Mühlen zermalmen kein Mehl wenn man ihnen kein Korn bringt. Als im Rathaus nach drei Wochen des Herumstreitens, schon mehrere Köpfe in Rauch aufgegangen waren, kam man erst drauf, dass es noch gar keinen Räumungsbefehl gab. Sogar der Besitzer hatte sich nicht gemeldet, da dieser nicht erreichbar war. Ob er in jenen Wochen verreist war, oder sich sonstwie verdünnt hatte, bekamen wir nie raus. Er war einfch nicht da.

Ich zog der angespannten Stimmung wegen, meine Matratze in den Springweg um und bezog zusammen mit Maleentje, die auch wieder zurückgekehrt war, und einem belgischen Jungen namens Eelco, ein Zimmer. Ich überliess Roos mein Zimmer in der Lange Nieuwstraat, bis ich irgendwann wieder zurückkehren würde. Die Leute aus meinem Haus würden sich schon um Clumsy kümmern, wenn Roos mal in die Kneipe wollte. Und ach, Clumsy kam schon immer alleine zurecht, die wusste schon was sie machte. Es war keine Seltenheit, Clumsy plötzlich irgendwo alleine in der Stadt herumlaufen zu sehen. Die brauchte eigentlich niemanden. Gleich wie Roos.
In jenen spannungsgeladenen Wochen wohnten wir bestimmt zu zwanzig in Springweg 23. Ums Wohnen ging es natürlich nicht. Es ging darum, kreative Barrikaden zu errichten, abends bei Bier beisammenzusitzen und sich nachts irgendwann samt Kleider und allem auf der Matratze breit zu machen.
Und, obwohl jeder vom seltsamen Verhalten der Hunde im Springweg 23 wusste, zogen dort beinahe ebensoviele Hunde ein wie Menschen. Ich hätte sie am liebsten alle verbannt, weil es natürlich weiterhin diese merkwürdigen Begebenheiten gab. Neben dem üblichen Anbellen der Wände jagten die Hunde manchmal im Rudel durch das Haus um an einer bestimmten Stelle -meistens vor dem kleinen Tor des Hinterhauses- halt zu machen und dort dann eine ganz lange Zeit im Chor ins Leere zu bellen. Im Rudel waren sie nicht zu bremsen. Keiner der Herrchen vermochte sie zum Schweigen zu bringen, wenn sie im Rudel in Fahrt gekommen waren und Geister jagten. Den anwesenden Augenzeugen lief anfangs immer der Schauer über den Rücken hinunter, aber mit der Zeit verdrängte man es und tat es als “kleine Verrücktheit” der Köter ab. Wenn es beispielsweise jene gruseligen Momente gab, in denen man gesellig beisammen sass und die Hunde völlig ausser sich einen gespenstisch langsam sich bewegenden Punkt anbellten, dann drehte man einfach das Radio ein wenig lauter und schrie über die heulenden Gitarren und Hunde hinweg.

Als Maleentje und ich einmal abends beim Bier in unserem Zimmer sassen und auf das finstere Hinterhaus guckten, sagte sie mir, dass sie ursprünglich eigentlich nicht mehr hier wohnen wollte, seitdem sie damals diese Gestalt da hinten gesehen hatte. Wir starrten weiter. Dann sprach sie unheimliches Zeug, dass sie das Gefühl habe dieses Wesen wolle uns etwas mitteilen, etwas wie ein Hilfeschrei. Sie wisse, dass dieses Etwas vom Wesen her gutartig sei, nur eben verzweifelt. Damals war sie von der Angst erfasst worden und musste flüchten, aber jetzt sei sie wieder hier, weil sie etwas abschliessen müsse. Ich wollte eigentlich gar nicht darüber sprechen. Ich war einerseits froh darüber, dass jemand ausser mir tatsächlich der Überzeugung war, dass es geisterte, aber auf der anderen Seite so richtig darüber zu reden, war mir irgendwie ungeheuerlich. Aufstehende Nackenhaare undso. Fünf Minuten später vögelten wir. Das war einfacher.

Am nächsten Tag begegnete ich Berta in der Strasse, die gleich meinen Namen aus der Ferne rief. Ich mochte das nicht. In Richtung Mariaplaats stand seit der letzten Besetzung immer, und zwar wirklich immer, ein Streifenwagen und ich war mir auch sicher, dass die merkwürdigen Zeitungslesenden Menschen in der Strasse vorher nie da waren. In den Filmen erkennt man die ja auch immer. Auch wenn sie keine Löcher in der Zeitung haben. Nunja, eigentlich nannte sie mich “Mekmek” aber Frauen verballhornern ja immer meinen Namen auf diese Weise. Ich erklärte mir das damals so, dass Frauen oft melodischer veranlagt sind. Gleich wie ihre Vorliebe zu Blumen oderso. Ganz erklären konnte ich es mir trotzdem nie. Als sie mich fast über den Haufen rannte war sie ziemlich ausser Atem. Das beunruhigte mich ein bisschen. Ich fragte was denn los sei. Sie habe den Adam gesehen. Heute in der Nähe der Stadshuisbrug. “Adam, wer?” “Na Adam, der Alte!”. Ich verstand immer noch nicht wen sie meinte.
“Der Alte Metzger, der seine Frau geschlachtet hat.”
Ich war überrascht. An die Existenz des Metzgers hatte ich ja gar nicht mehr gedacht. Dreiundzwanzig Jahre Knast müssen das gewesen sein. Würde er etwa wieder frei herumlaufen?
“Ich weiss es nicht” sagte Berta, immer noch ausser Atem “aber ich habe ihn sofort wiedererkannt. So einen fiesen Kerl vergisst man nicht schnell. Auch wenn er jetzt hundert Jahre älter aussieht.”
Ich fragte, ob sie sich wirklich sicher sei. “Ja natürlich.” sagte sie. Sie hatte sogar laut seinen Namen gerufen, dann sei er davongerannt. Ich glaubte Berta sofort. Die hatte schliesslich ihr ganzes Leben im Springweg verbracht, und wahrscheinlich immer bei ihm Fleisch eingekauft. Überdies vergessen Elefanten niemals. Und Berta war eine Art Elefant. Da bin ich mir ganz sicher.
Ich erzählte das Maleentje und Jurij, die beide grosse Augen machten. Jurij kümmerte es aber gleich nicht mehr, weil eigentlich war diese Info irrelevant. Der Alte war nicht mehr der Besitzer und wahrscheinlich lebte der jetzt in einer offenen Resozialisierungseinrichtung oder ähnlichem und hatte genaugenommen mit der ganzen Sache gar nichts mehr zu tun. Da hatte er recht. Aber es blieb ein merkwürdiges Gefühl.

Castro war der einzige der ganzen Hundemeute, der immer ruhig blieb. Castro schien die ganze Meute auch zu verachten. Castro war gross, dunkel und ernsthaft. Zwar horchte er immer auf, wenn die Hunde wieder ein Gespenst witterten, jedoch beteiligte er sich nicht an die Hetzjagten durch das Haus. Er war wie sein Herrchen eben: ein harter Brocken. Wenn auch mit sentimentalen Neigungen. Umso angsterregender war es, als Castro plötzlich vor mir stand, während ich auf dem Flur kniete und ein brüchiges Brett durch ein stärkeres ersetzte und mich anknurrte. Als ich in ansah, merkte ich jedoch, dass er nicht mich anknurrte, sondern etwas unmittelbar hinter mir. Alsob jemand genau hinter mir stehen würde. Ich drehte mich sofort um. Und sah niemanden. Castros Maul war etwa dreissig Zentimeter von meinem Gesicht entfernt und knurrte weiter. Sein böser Blick verriet mir, dass es ihm durchaus ernst war. Sein Blick schweifte ganz langsam nach rechts, verfolgte etwas für mich Unsichtbares, und dann plötzlich war er wieder ruhig und sah mich an. Es war wieder weg. Ich streichelte den Hund und ging mir ein Bier holen.
Später sagte ich zu Jurij scherzend, dass man von seinem Hund Angst bekäme, weil wenn der mal Gespenster sähe. Denn dann sei es wirklich ernst. “Ja” antortete Jurij nachdenklich und öffnete sich ein Bier. “Scheissgespenster hier drin”. Und dann ging er weg.

Vier Wochen nach der Besetzung klopften Polizisten an die Tür und überreichten uns den Räumungsbefehl. Wir hätten noch drei Wochen, dann müsse das Haus geräumt sein. Wortlos nahmen wir den Brief entgegen und schlossen die Tür. Es gab keinen Bedarf für Erklärung oder Aussagen, es war beiden Parteien klar, was uns allen in drei Wochen anstehen würde.

Drei Tage später bekam die ganze Geschichte jedoch eine unangenehme Wende. Das Haus war schon ein wenig leerer geworden, da das Räumungsdatum jetzt bekanntgegeben war. Es war Nacht und ich lag wieder in Jurijs Zimmer und war von einem Poltern wach geworden. Ich erkannte sofort die Situation. Das Poltern musste von oben gekommen sein, vom ehemaligen Zimmer der Tochter, das mittlerweile wieder leer geworden war. Und gleich darauf noch ein Poltern. Ich hasste das. Warum wurde ich immer wach bei sowas. Castro war nicht im Zimmer und Jurij schnarchte tief und fest. Ich zündete eine Kerze an, da wir immer noch keinen Strom hatten, nahm eine herumliegende Holzstange zur Hand, weil halt immer überall Stangen herumlagen und tat das gleiche wie letztes Mal auch: ich lief durch das Treppenhaus nach oben. So entschlossen ich bis zur Treppe gelaufen war, sosehr machte ich mir im Treppenhaus in die Hose. Die Kerze flackerte alle möglichen Gestalten an die Wand und die Treppe quietschte natürlich. Genau wie man es in solchen Momenten vorstellt. Im Treppenhaus hörte ich es wieder Poltern und diesmal bestand auch kein Zweifel. Das Poltern kam aus jenem Zimmer. Ich wollte eigentlich nicht mehr weiterlaufen, aber ich setzte immer wieder einen neuen Schritt auf die nächste Stufe und wand mich so durch das gebogene Treppenhaus nach oben. Die Tür zum Zimmer stand halb offen. Das Treppenhaus flackerte im hellen Licht der Kerze und dahinter sah ich das schwarze Dunkel des Zimmers. Dann hielt ich die Stange vor mir und ich stiess die Tür auf. Und dann erstarrte ich. Sieben oder mehr Augenpaare starrten mich aus dem Zimmer her an. In dem gelähmten Zustand erkannte ich dann plötzlich Umrisse. Die Augenpaare gehörten mehreren kleineren, länglichen Gestalten. Es waren die Hunde! Ich wartete auf Erleichterung, es waren bloss die Hunde, haha, die Hunde. Doch die Erleichterung kam nicht.
Die Hunde ignorierten mich wieder und drehten alle gemeinsam ihre Kopfe auf einen Punkt. Was taten die da? Es waren acht Hunde, auch Castro war dabei, die sich um die Mitte des Zimmers versammelt hatten und nach oben starrten. Ich zitterte. Dann fiel mir die Kerze aus der Hand, fiel auf den Boden und erlosch sofort.
Das reichte mir. Hals über Kopf rannte ich die Treppe hinunter, stiess mir dabei ganz fürchterlich das Knie und weckte Jurij, Alex, Maleentje, Eelco, Greetje und die Leute die im Erdgeschoss auf dem Sofa schliefen. Ich schrie lose Wörter zusammen, wie: “Gespenster, Hunde, Hexenkreis.” Ich hatte ein wenig die Nerven verloren. Man brachte mich wieder in Jurijs Zimmer zurück und Maleentje und Eelco wollten hören was ich zu erzählen hatte. Jurij seufzte und öffnete sich ein Bier.

Ich beruhigte mich dann, Eelco und Jurij scherzten ein wenig und die Hunde kehrten wieder zurück, als sei alles normal gewesen. Castro lag neben mir und machte irgendwas mit seiner Zunge an seinem Leib, Alex hatte sich wieder in sein Zimmer begeben und sich schlafen gelegt und Jurij glättete sich seinen Schlafplatz zurecht. Ich dachte noch daran Maleentje in ihr Zimmer zu folgen, aber ich war müde und hatte es gerade wieder ein bisschen warm und kuschelig bekommen auf der Matratze auf der ich lag, und langsam nickte ich auch wieder ein. Es war vier Uhr morgens.
Als ich etwas später von lautem Bellen wieder wach wurde, war es draussen noch dunkel, aber das Morgengrauen hatte schon eingesetzt. Über den Dächern der Häuser zeichnete sich eine helle Silouette ab. Castro war wieder nicht im Zimmer. Das Bellen kam von draussen, deshalb lehnte ich mich, in einer Decke gehüllt, als erstes gleich aus dem Fenster. Unten auf der Strasse stand Clumsy. Und bellte. Was für eine verrückte Hündin, dachte ich mir und schüttelte den Kopf, steht sie doch glatt in allerherrgottsfrühe alleine auf der Strasse und bellt. Ganz automatisch wollte ich runter gehen und ihr die Türe öffnen. Dass sie das Haus eh nicht betreten würde, kam mir nicht in den Sinn. Aber schon während ich mir die Jacke überstreifte stieg mir ein verdächtiger Geruch in die Nase. Rauch.
In dem Moment fing ich zum zweiten Male an zu brüllen, in jener Nacht: FEUER! JURIJ! FEUER! Ich schlug ihn mit Fäusten aus den Träumen heraus. Jurij war augenblicklich wach und stand zwei Sekunden später auf seinen Beinen. Ich wusste nicht wo es brannte, jedoch war es nicht das erste Mal, dass ich mich in einem brennenden Haus befand und ich wusste, dass es immer verdammt schnell ging und es keine einzige Sekunde gab, die man verschwenden konnte. Ich stürmte ins Treppenhaus, wo mir schon dicke Rauchschwaden entgegenkamen und schrie: VUUR! HET BRANDT! Jurij folgte mir durch den Rauch die Treppe hinab und ich merkte wie der Rauch sich gleich etwas lichtete. Es musste also wieder oben im Dachgeschoss brennen. Es war zwecklos, nein lebensgefährlich, jenes Zimmer nach Menschen zu überprüfen. Dort oben mussten die Flammen schon den ganzen Raum ausgefüllt haben. Als Jurij noch einmal hochlaufen wollte, hielt ich ihn fest, da schlief bestimmt niemand, das Zimmer war leer gewesen, als ich nachts oben gewesen war… bis auf die Hunde. Ohje, die Hunde, wo war Castro? Ich zog ihn weiter die Treppe hinunter und von unten kamen uns schon Menschen entgegen, die wir wieder nach unten schoben. Oben war niemand mehr, man müsse schnellstens die Hinterseite überprüfen. Unten im grossen Parterrezimmer war schon ein ganzer Haufen Leute zusammengekommen und die ersten rannten in Panik aus dem Haus. Ich sah Maleentje und ich sah Greetje und auch Alex. Und auch weitere Gesichter. Doch ich war nicht imstande sie zu zählen, oder mir gar Gedanken darüber zu machen wer fehlte und wieviele Leute im Haus geschlafen hatten. Und dann kam von der hinteren Treppe die ganze Meute Hunde heruntergetrampelt, inklusive Castro. Dann schlug es über unseren Köpfen laut auf. Ein brennender Balken musste in Jurijs Zimmer von der Decke gebrochen sein. Gleich hinter den Hunden kam Eelco, der schrie: “Raus, raus, hinten ist niemand mehr!”.
Diese frohe Meldung nahmen wir als Anlass keine merkwürdigen Heldentaten zu erledigen, sondern unser Leben zu retten.
Dicker, schwarzer Rauch qualmte aus Jurijs Zimmer und dazwischen sah man immer wieder kurze orangefarbene Blitze aufleuchten. Das Fenster zum Dachzimmer sah von unten aus wie das Heizloch eines Ofens. Dahinter verbarg sich ein laut und tief knisterndes Flammenmeer. Das Dach fing dann an zu glühen, das heisst, man sah das Feuer durch die Dachziegel hindurch. Man konnte auch erkennen, dass die Hinterseite schon brannte. Das Feuer musste sich durch die Dachbalken durchgefressen haben.
Clumsy stand auf der anderen Strassenseite ein Stück weiter nördlich Richtung Mariaplaats und beobachtete nervös das Feuer. Ich ging zu ihr hin und streichelte ihr hängendes Gesicht. Berta kam in ihrem Schlafanzug und einer dicken Winterjacke darüber, mit Jurij aus ihrem Haus. Sie hatte die Feuerwehr angerufen. Das Feuer tobte diesmal richtig. Die Feuerwehr würde wohl nur mehr verhindern können, dass die Flammen nicht auf die umstehenden Häuser überschwappten. Eine grosse Menschenschar, teilweise in Pijamas und Pantoffeln, versammelte sich auf der Strasse und alle Blicke waren auf das brennende Haus gerichtet. Dann hörte man ein langsames und träges Ächzen, das eher klang wie ein klagendes Stöhnen, und das Dach brach ins sich zusammen. Ein wilder Staub von Milionen Funken sprudelte in grotesken Formen aus der oberen Hälfte des Hauses heraus und aus den drei Fenstern von Jurijs Zimmer stiessen drei dicke Rauchwolken hervor.
Das Haus schien schon dreimal abgebrannt zu sein als ich die Sirenen der Feuerwehr hörte. Es war alles zu spät, es würde nur noch ein Gerippe übrigbleiben.

Die Spezialisten der Versicherung werden später Benzinspuren am Feuerherd feststellen. Ein eindeutiges Zeichen von Brandstiftung. Schonwieder. Ich konnte es mir nicht erklären und fand die Begründung höchst zweifelhaft. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass tatsächlich jemand von uns ein Feuer gelegt hatte. Seit Karel weg war, und das war ja nun schon wirklich lange her, gab es eigentlich keine vagen Leute mehr, die im Hause ein und aus gingen. Und ich war zwei Stunden vor dem Brand noch in jenem Dachzimmer gewesen und hatte keinerlei Anzeichen einer Vorbereitung eines Brandes gesehen. Nur die Hunde waren da… wenn auch in einer merkwürdigen Szene. Hatten sie vielleicht etwas gewittert? Und woher war Clumsy plötzlich gekommen? Roos hatte sie mit ins Cafe Belgie genommen und Clumsy war dann wohl ein wenig spazieren gegangen.

Jurij zögerte nicht lange. Nach einem ausgebreiteten Frühstück für die neuen Dachlosen in der Lange Nieuwstraat packte er Castro an seinem Halsband und sagte er würde zurückkehren. Die Runde Menschen schwieg erstmal, schien kollektiv nachzudenken und ungefähr gleichzeitig standen alle Anwesenden auf und kehrten in den Springweg zurück. Die Türen und der zugenagelte Vorgiebel standen witzigerweise noch. Auch die Scheune, aber sonst waren eigentlich nur noch die Mauern und Reste der Treppen übriggeblieben. Die Polizei hatte die Türen versiegelt und einige Schaulustige standen herum. Wir traten die rechte Tür auf und stiegen in den Trümmerhaufen ein. Man spürte noch regelrecht die Wärme der verkohlten Balken. Irgendjemand lachte und sagte: “Hier gibt es noch viel zu tun”. Darauf lachten wir alle. Und fingen an, erstmal die Balken, die kaum noch etwas wogen, zu verschieben. Über uns strahlte der freie Himmel.

Das Wohnen in vier Wänden unter freiem Himmel wurde zu einem melancholischen Unterfangen. Zwei schwarze Balken, die noch an in der Luft hingen, brachen wir mit Äxten herab. Es war zu gefährlich sie noch hängen zu lassen. Einige Nachbarn brachten ab und zu Kaffee vorbei, stemmten dann aber nur die Arme in die Hüften und sahen sich den Trümmerhaufen an oder schüttelten mehrmals den Kopf. Es sei ja äusserst mutig von uns, sagte einer der Nachbarn einmal, aber es würde doch so wenig Sinn machen dieses Haus noch instande zu setzen. Wir hatten auch keinen Plan, aber irgendwie war das Haus uns wichtig geworden. Wir wollten erstmal Balken anbringen. Wie, wussten wir natürlich nicht und woher wir Balken bekommen würden erst recht nicht. Es entstanden ein paar Ideen, eine Art von Baugerüst im Inneren des Hauses aufzustellen und auf diese Weise Zimmer zu bauen, aber so richtiger Enthusiasmus wollte bei dieser Idee nicht wirklich aufkeimen. Maleentje hatte das Haus schon aufgegeben, jedoch fand sie keine Ruhe bezüglich des alten Metzgers. Sie hatte rausgefunden, dass er vor vier Jahren schon aus der Haft entlassen worden war. Also zu der Zeit als seine Tochter noch lebte. Nur musste sie noch herausfinden wo er sich jetzt befand.

Als es am dritten Tag anfing zu regnen, stellten wir Zelte auf. Es plätscherte die ganze Nacht lang. Es plätscherte eine ganze Woche lang. Eine Woche später waren wir nur noch zu dritt. Jurij, Alex und ich. Und ich muss zugeben, dass auch ich nicht mehr sonderlich anwesend war. Tagsüber bewegte ich mich mehrmals zwischen Springweg und Lange Nieuwstraat hin und her, wusste im Springweg im Regen nicht so recht wo ich anfangen sollte zu arbeiten, kehrte abends nach Hause zurück um eine Dusche zu nehmen und legte mich dann in das Zelt im Springweg zum Schlafen. Es war dann Maleentje die uns drei traurigen Gestalten einredete das Haus einfach Haus lassen zu sein. Wenn wir nicht bald gingen, würde wir in wenigen Tagen von der Polizei abgeholt werden und das Haus sei es einfach nicht mehr wert, die Hunde mochten es nicht, die ganzen komischen Sachen die immer passierten, wir sollten es einfach sein lassen. Ich stand auf und brach mein Zelt ab. Die anderen beiden folgten.

Eine Woche später betrat Maleentje nachdenklich mein Zimmer. Sie, Roos und ich teilten uns in aller Keuschheit mein grosses Bett. Sie zog ein Papier zum Vorschein und sagte sie habe den Wohnort des Metzgers ausfindig machen können. Er habe erst drei Jahre in einer geschlossenen Anstalt verbracht und folgte seit wenigen Monaten ein Resozialisierungsprojekt. Er war jedoch vor kurzem Verstorben. Er habe zwei Tage im Krankenhaus gelegen und sein Herz hatte plötzlich aufgehört zu schlagen. Sie hielt kurz inne und sagte dann: “Genau in jener Nacht als Springweg abgebrannt ist”.
Ich öffnete ein Bier.

Springweg 23 – Teil III

-Die Rache des Feuerteufels-
Eine Trilogie in vier Teilen mit coolen Untertiteln.

(Zu Teil1 und zu Teil2)

Frühmorgens als die Dämmerung hereinbrach weckte ich Jurij kurz, um zu sagen, dass ich das Haus verliesse, es sei alles glimpflich abgelaufen, ich hatte die ganze Nacht Wache geschoben und wollte nun nach Hause ein wenig zu schlafen.
Als ich in der Lange Nieuwstraat die Tür öffnete und Clumsy mir von Innen her entgegenkam, fiel mir erst auf, dass ich Roos den ganzen gestrigen Tag seit der Besetzung und die darauffolgende Nacht nicht gesehen hatte. Clumsy musste sich wohl äusserst hardneckig gegeben haben, bis sie sie einfach bei uns eingesperrt hatte. Roos hatte unseren Hausschlüssel. Roos hatte immer und überall Hausschlüssel von allen Häusern. Roos war mit allen befreundet. Auch wir beide waren gut befreundet. Nicht auf die sexuelle Art, sondern lediglich gut befreundet. Zwar hatte sie einen grossartigen Hintern, und ich mochte ihr Gesicht, aber irgendwie war da nie wirklich was, sie war immer zu kumpelhaft, was bei mir immer jegliche Romantik zunichte macht. Ich mochte immer eher die ernsthaften Frauen.
Das will ich nur vorweg sagen, weil ich beim Betreten meines Zimmers ihre Beine aus meinem Bett stecken sah. Sie schlief. Nein, sie pennte. Angezogen und mit ihren Springerstiefeln an, lag sie in in meine Bettdecke eingewickelt und schnarchte. Ich war totmüde und legte mich daneben.
Als ich einige Stunden später aufwachte, hatte ich eine Latte. Mein Schoss war gegen ihren Hintern gepresst und mein linker Arm auf ihrem Oberschenkel unter dem Rock, den ich irgendwie hochgezogen haben musste. Naja, ein richtiger Rock war es nicht, sondern so ein breiter Fetzen Leder, den die Punkfrauen damals immer über ihren drei Lagen zerrissener Nylonstrümpfe trugen. Es war mir peinlich und ich zog erschrocken meine Hand zurück. Daraufhin drehte sie sich um und lachte mich an. Dann merkte ich erst, dass sie die ganze Zeit schon ihren hübschen Arsch gegen meinen Schoss reibte. “Dir macht man aber leicht eine Latte” sagte sie und lachte weiter. Ich drehte mich um und liess mir meine Verlegenheit nicht anmerken, sondern fragte sie mit einer verschlafenen
Stimme, wo sie denn gestern gewesen sei. Sie sagte sie sei erstmal Clumsy fast eine ganze Stunde lang nachgelaufen, und als sie sich nach einem nervigen Katz-und-Maus-Spiel endlich an der Leine nehmen liess, hatte sie es nicht geschafft Clumsy in die Nähe des Hauses am Springweg zu bekommen. Das Problem mit Clumsy war nunmal ihre Grösse und ihre Stärke, was sich normalerweise zwar nie als Problem dargestellt hatte, da sie ein träger und gutmütiger Riese war, aber so sieht man halt mal, dass das doch schon ab und zu relevant sein kann. Clumsy hat irgendwie ein Problem mit diesem Haus. Vielleicht knüpfte sie traumatische Erinnerungen an jenes Haus, obwohl Roos das ausschliessen wollte, da sie ja kein Utrechter Hund war, oder vielleicht hätte da irgendein unsympathischer Rüde sein Territorium markiert, Clumsy war schliesslich ja nicht die paarungswilligste aller Hündinnen.
“Und warum drehst du dich jetzt weg von mir?” wollte sie anschliessend wissen “ich fand das sehr angenehm, komm, dreh dich wieder um”. Also drehte ich mich wieder um und drückte meine Latte gegen ihren Hintern.
So konnte ich unmöglich weiterschlafen. Ich musste das Thema wechseln.
“Du Roos, im Springweg da spukt es”, sagte ich und drehte meinen Mund ein wenig zur Seite, da ich sie nicht mit meinen morgendlichen Mundgasen ausräuchern wollte. Sie tat es als Quatsch ab doch ich wies sie auf Clumsy hin, dass Hunde doch diesen ausgeprägteren sechsten Sinn haben, und, dass es bei diesen drei tragischen Toden im Springweg durchaus Sinn machte. Dann erzählte ich ihr vom vorigen Tag, die Szene mit den bellenden Hunden und die Geräusche nachts im Zimmer der Selbstmörderin.
Sie drehte sich zu mir um, hob ihr rechtes Bein über meine Hüfte und drückte ihren Schoss gegen meinen Hüftknochen. Sie umarmte mich und vergrub ihr Gesicht in meiner Brust. Ich hielt sie etwas steif und manierlich fest. Dann fragte sie: “Warum willst du denn nicht mit mir vögeln?”
Ich sagte, dass ich das nicht gesagt hatte, worauf sie sagte: “Also willst du doch”. Darauf sagte ich erschrocken, dass ich das wiederum auch nicht gesagt hatte. Deswegen sagte sie ich solle mich einfach dazu entscheiden ob ich sie vögeln wolle oder nicht. Ich erklärte ihr, dass sie ja einen hübschen Hintern hatte, aber… “Na dann nimm mich einfach von hinten”.
Ich will nicht abstreiten, dass mich dieses Gespräch durchaus anregte, ihr Hintern auch, aber ich wollte ihr die Sache mit der Liebe und der Romantik erklären, womit ich jedoch nicht weit kam, weil sie ihren Pullover auszog und sagte: “Komm Geisterjäger!”.
Bei Jäger und Tiger und Hengst, da werde ich schwach.
Dann vögelten wir.

Die Früchte, die diese vormittägliche Romanze abwarf, waren, dass Clumsy sehr oft bei mir übernachtete und Roos sich in Cafe Belgie oder im ACU die Birne zersoff. Aber das habe ich schonmal erwähnt. Roos kam dann meistens mitten in der Nacht sturzbetrunken nach hause, pennte ein, und wollte nach dem Aufwachen eine Runde Sex. Dies nur um ein wenig Sex in die Geschichte zu bringen. Tagsüber reparierte ich zusammen mit Jurij und Alex das Dach und den Boden im Seitenflügel vom Springweg. Alex war von der Nikolaasstraat in den Springweg gezogen, obwohl der Nikolaasstraat keine Räumung bevor stand.
Er mochte die Stimmung im Springweg die damals herrschte, dieses alte und schäbige Spukhaus wieder in Schuss zu bringen. Da hatte er eine Mission. Spukhaus war natürlich bloss scherzend gemeint weil die Hunde dauernd die Wände anbellten. Gespenster gab es nämlich nicht. In den ersten Wochen blieb es sonst auch relativ ruhig. Vielleicht aber auch nur weil die vorläufigen drei Bewohner, Jurij, Maleentje und Alex niemals nüchtern ins Bett gingen und wahrscheinlich in tiefem Steinschlaf durchpennten bis die Sonne wieder aufging. Und tagsüber war man immer zu beschäftigt mit dem Bohren und Hämmern, alsdass man etwas Ungewöhnliches -ich nenne es jetzt mal Schwingungen- hätte mitbekommen können. Aber da war ja noch dieser Karel. Karel arbeitete immer schweigsam mit. Niemals in einer Gruppe, sondern immer ganz alleine, redete kaum mit jemandem und guckte eigentlich immer nur irre vor sich hin. Er bewohnte als einziger die Hinterseite des Hauses, hatte sich das unter dem ausgebrannten Zimmer befindliche Zimmer zur Wohnstätte gemacht, hegte jedoch Pläne irgendwas mit dem Ausgebrannten zu schaffen. Er reparierte oft den Schaden in diesem seit 22 Jahren verwahrlosten Zimmer, legte neue Bretter auf den Boden, bestrich die verkohlten Balken mit mehreren dicken Lagen Farbe und verputzte später die Wände neu. Das Zimmer wurde letztendlich sehr ansehnlich und schliesslich zog er auch dort ein. Karel war komisch. Als im Springweg eine neue Mitbewohnerin einzog, Greetje hiess sie, die sich im Seitenflügel niederliess, erzählte sie oft von Karels unheimlichen Ritualen, wie er fast jeden Abend am Fenster eine Kerze anzündete und die Flamme mit Handbewegungen zu beschwören schien. Oft erfasste ihn eine merkwürdige Wut, dann fing er an laut zu fluchen. In dieser Wut fing er auch öfter an mit einer Steinschleuder kleine Geschosse auf das Hinterhaus zu schiessen.
Einfach in die Dunkelheit der verlassenen Scheune hinein.
Er war der einzige der sich mit diesem Hinterhaus zu beschäftigen schien. Vorne bekam es niemand mit, nur Greetje bemerkte das, weil sie sozusagen direkten Blick in sein Zimmer und auf den Hinterhof hatte.
Einmal war Karel nachts in die Scheune gerannt und hatte laut geschrien. Ohne Licht und Plan kletterte er über das ganze Sperrholz und rostigen Metallen und Dreck in jenes Gebäude hinein. Nach fünf Minuten rief sie seinen Namen, weil sie anfing sich Sorgen zu machen, aber er antwortete nicht. Sie traute sich nicht ihn zu suchen, weil sie sich mittlerweile vor ihm fürchtete. Und erst recht war ihr unwohl dabei nachts zu Karel in das finstere, hintere Haus zu gehen. Sie verliess das Haus und ging ins ACU auf ein paar Biere.
Am nächsten Tag traf sie Karel im Flur mit verbundenen Händen, der sich jedoch um eine Erklärung zu seinen Verbänden drückte.

Die Geschichte mit Karel bekam eine merkwürdige Schleife, die uns alle ein wenig überforderte. Als einmal eine Bekannte von Greetje zu Besuch kam und während den Arbeiten Karel zu Gesicht bekam, schrie sie laut auf und fing an ihn anzupöbeln. Karel hatte einmal versucht eine Freundin von ihr zu vergewaltigen und sowieso sei er ein irrer Junkie, der seit diesem Vorfall Hausverbot im besetzten Haus am Vismarkt auferlegt bekommen hatte. Vismarkt 4/5 war ein grosses Haus voller Hippies, mit dem wir -wir, von der etwas militanteren und steineschmeissenderen Sorte- immer Probleme hatten.
Eigentlich war es bloss Neid, weil das Haus selbst ein Traum war. Riesig gross, in der schönsten und fast teuersten Strasse der Stadt, direkt an der Gracht, neben dem Rathaus. Die Hippies hatten dort eine Kneipe, die überdies noch gut besucht war. Und natürlich gingen wir dort immer gerne hin, auch wenn wir mehr die Typen vom ACU waren, aber die Stimmung war dort besser. Weniger Licht, bessere Musik und sogar billigeres Bier. Wir sassen dort gerne um uns über die ganzen Batiktücher aufzuregen, weil Hippies eben immer und überall Tücher aufhingen und wir regten uns über den Leute auf die in den Ecken kifften, aber trotzdem hingen wir dort oft herum.
Was jedoch intern in der Vismarktszene abging wussten wir nicht. Das war eine eigene Szene. Deshalb überraschte uns auch die Sache mit Karel.
Bei uns als hauptberuflichen Hausbesetzern stand das Wohnrecht über das Menschenrecht. Weil wir alle unsere Taten, so kriminell sie auch waren, mit dem Recht auf Wohnung legitimierten. Aber da unsere Szene eigentlich
sehr homogen war, kam man mit Verrückten eigentlich nie in Kontakt. Die Szene war nicht absichtlich homogen, nein, man wollte schliesslich offen sein für alles, aber richtig aktives Häuserbesetzen fordert eben einiges an Tatkraft ab. Häuser zu besetzen ist etwas anderes als in ein leerstehendes Haus einzubrechen um einen Schlafplatz zu haben. Deshalb fiel ein Grossteil der Menschen schonmal ab. Als im ACU in den Siebzigern die Besetzersprechstunde gegründet wurde, führte man schonmal Auftragsbesetzungen durch. Für Gastarbeiterfamilien oder später für Flüchtlingen, aber diese Zeiten waren mitte der neunziger schon vorbei. Da war es nur noch eine Szene die mit Feuer und Bier die Wohnungspolitik mitgestaltete.
Richtig gefährliche Menschen, oder Menschen die für ihre psychischen Probleme professionelle Hilfe brauchten, gab es damals nicht bei uns. Im Vismarkt vielleicht, aber das ist wieder eine andere Sache. Und Karel war sowohl gefährlich als auch von schweren psychischen Problemen geplagt. Überdies hatte er einen Hang zum Heroin.
Weil es aus ethischen Gründen für uns unvorstellbar war, einen Bewohner aus dem Haus zu schmeissen, verlief die Diskussion erst im Sande und mit der Zeit wurde einfach nicht mehr darüber gesprochen. Völlig verantwortungslos gegenüber Greetje natürlich, die die Wahl hatte mit einem potentiellen Vergewaltiger zusammenzuleben oder auszuziehen. Doch sie blieb. Vor allem weil sie nicht der Typ Frau war, der sich nicht wehren konnte. Glaube ich. Jedoch kam es zum Glück niemals zu Zwischenfällen.
Karel fing dann an mit dem Feuer zu spielen. Erst jonglierte er mit brennenden Bällen im Hinterhof, doch schlimmer wurde es als er anfing mit langen Ketten auf dem platten Dach des Seitenflügels zu stehen, an denen er brennende Kugeln festmachte, die er dann in einem weiten Bogen herumschwang. Stundenlang. So begannen einige kleinere Probleme mit den Nachbarn, die Angst bekamen und die Polizei riefen. Polizei kam nicht ins Haus, das war klar, aber niemand unternahm auch wirklich etwas gegen Karel.

Als es im Springweg 23 am einem Novembertag am frühen Morgen heftig brannte, war Karel eigentlich schon seit einigen Tagen nicht mehr gesichtet worden, deshalb kam man auch nie auf den Gedanken ihm dafür die Schuld zuzuweisen, obwohl die Versicherung des Gebäudes später nachweisen konnte, dass es sich tatsächlich um Brandstiftung gehandelt hatte.
Als ich, nachdem ich alarmiert geworden war im Springweg ankam, stand Jurij draussen mit viele Nachbarn und anderen Schaulustigen herum. Es hatte im Dachzimmer gebrannt. Im Zimmer mit dem umgefallenen Stuhl. Ich fragte Jurij wie das geschehen konnte, aber es sagte er wisse von nichts, er habe geschlafen und dann sei er plötzlich von Catsros Bellen aufgewacht. Normalerweise kriege er ihn ja immer zum Schweigen -ich wisse ja, dass er im Springweg immer völlig grundlos drauflosbellt- aber diesesmal wollte er nicht aufhören. Dann habe er den
Rauch gerochen und sei aus dem Haus geflüchtet. Das ganze Treppenhaus war schon vollgequalmt gewesen. Dann habe er Berta aus dem Bett geklingelt und die habe dann die Feuerwehr gerufen.
Ein ausgebranntes Haus kann einem die Stimmung gehörig vermiesen. Nachdem es gebrannt hat, riecht ein Haus sehr unsympathisch und wenn es regnet, tröpfelt es zusätzlich noch ins Haus herein. Zumindest wenn das Dach beschädigt war. Und das war hier der Fall. Und von den Kosten um das alles zu reparieren will ich gar nicht sprechen. Zudem war das ganze Haus von den Löscharbeiten nass geworden.
Natürlich war mein erster Verdacht Karel, aber Jurij winkte ab, der habe den Schlüssel zum Vorderhaus nicht gehabt, der könne das nicht gewesen sein.
Wenn ich jetzt mal ganz fest nachdenke, dann habe ich seitdem nie mehr etwas von Karel gehört noch gesehen oder sonstwie vernommen. Er war aufgetaucht und wieder von der Bildfläche verschwunden. Nein, ich will jetzt keine grusligen Spekulationen anstellen und mir ausdenken, dass er vielleicht in den Flammen umgekommen ist, sozusagen als Erbe des verbrannten Sohnes, weil er ja in gewissem Masse, obsessiv sein Zimmer bewohnte, aber doch stimmt mich das nachdenklich.

Es war erstmal tragisch, jedoch fasste man schnell neuen Mut, alle Bewohner zogen vorläufig an die Hinterseite und in den Seitenflügel, und danach schaffte man es das Haus ziemlich schnell wieder zu reparieren.
Nur das Dach blieb provisorisch. Aus der Vogelperspektive sah es mittlerweile bestimmt aus wie ein Fleckenteppich aus, gut die Hälfte bestand schliesslich aus verschiedenfarbigen Planen. Wirklich wasserdicht wurde es nie mehr, die Planen waren ja auch nur als Provisorium gedacht. Dauernd lagen Stellen frei, oder regnete es an den Schnittstellen untendurch, aber der Aufwand das Dach wieder ordnungsgemäss zu reparieren war zu gross. Und zu teuer.
Jedoch war es ein guter Grund das Zimmer der Selbstmörderin endlich zu übertünchen. Neue Bretter an den Boden (Boden ist ein grossherziges Wort, eigentlich waren es nur verkohlte Balken die einem freie Sicht ins untere Zimmer gewährten), Lackfarbe an den Dachbalken und irgendwann später wurden auch die Wände geschliffen und gestrichen. Der umgefallene Stuhl war weg. Und das war gut. Die ganzen verkohlten Stellen an der Aussenmauer liessen wir stehen, das verlieh dem ganzen einen dramatischen Eindruck.

Als die Vorderseite wieder bewohnbar war, zogen Jurij und Alex in ihre Zimmer zurück und Maleentje blieb an der Hinterseite, im ursprünglichen Zimmer von Karel, nachdem dieser in das ausgebrannte Zimmer hochgezogen war.
Maleentje war es die dann eines Nachts eine Frau im oberen Geschoss der hinteres Hauses stehen sah, die zu ihr herüberschaute. Eine etwa dreissigjährige Frau mit langen Haaren.
Maleentje war nicht die Sorte Frau die an Gespenster glaubte, eigentlich war ich der einzige der davon sprach, aber beim Anblick dieser Frau wurde ihr anders zumute und rief das ganze Haus beieinander. Niemand sah danach auch nur die kleinste Andeutung einer Frau in der Scheune. Und man lächelte. Eine Spiegelung war auszuschliessen. Erstens hatte Maleentje kein langes Haar und zweitens hatte die Scheune keine Fenster in der sich eventuell ihr Abbild hätte widergegeben werden. Sie war aufgescheucht, doch im Laufe des Tages, als ich sie dann traf, war sie wieder entspanner. Solche gruselige Vorfälle sehen tagsüber immer wieder ganz anders, rationaler aus. Vielleicht war es schlaftrunkenheit, oder eine optische Täuschung, da es sehr gut sein konnte, dass sie erst in eine Lampe geguckt hatte und sich dann ein Bild auf der Netzhaut eingebrannt hatte. Wer weiss, tagsüber sieht die Welt wieder anders aus.
Als sie dann in der nächsten Nacht jedoch vier tanzende Lichter hinter den finsteren Fenstern der Scheune sah, reichte es ihr, weil die Lichter auch bei näherem Hinsehen noch da waren und auch nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sie nicht schlaftrunken war oder kurz vorher in eine Lampe geguckt hatte. Sie zog in jener Nacht noch aus und kam zu uns in die Lange Nieuwstraat.
Diese unheimlichen Dinge geschahen immer in Schüben. In den nächsten Tagen waren auch die Hunde wieder unruhig.

Obwohl eigentlich nur Castro wirklich dort wohnte, gab es im Springweg immer Besuch. Und auch Besuch mit Hunden natürlich. Über mehrere Tage hinweg bellten die Hunde beim Hereinkommen erstmal die Wände ab und beruhigten sich erst nach zehn Minuten wieder. Wenn man dann in einer geselligen Runde beim Bier oder beim Kaffee sass, dann sprangen sie öfter mal auf, knurrten ins Leere, oder bellten und sassen sich nach ein paar Minuten wieder hin. Danach war zwei oder drei Wochen lang Ruhe.

Im Januar oder Februar flog ein Brief des Anwalts des Besitzers durch den Briefenschlitz. Anklage gegen die Bewohner des Gebäudes Springweg 23. Man habe vor Gericht zu erscheinen. Ich will mich jetzt nicht in Details
über den Prozess und den Anwaltsbesuchen verlieren, weil ich daran nicht teilgenommen habe, es sei nur kurz gesagt, dass der Besitzer einen Mietvertrag vorzuweisen hatte und deshalb das Gebäude geräumt werden müsse. Beim Gedanken, dass er bei diesem Zustand des Hauses einen Mieter gefunden hatte, war schnell deutlich, dass das ein Bluff war. Der Prozess wurde verloren, obwohl ich glaube, wenn man einen vernünftigen Anwalt genommen hätte, wäre die Sache vielleicht zu gewinnen gewesen. Aber das ist nicht mein Gebiet, deshalb will ich mich dazu auch nicht weiter äussern. Ende Februar musste das Haus geräumt sein, sonst würde es am 1. März von der ME (mobile eenheid) geräumt werden.

In der ersten Nacht nach dem Prozess brannte des Besitzers Porsche, der Anwaltskanzlei wurden alle Fenster eingeschlagen (besonders heulten sie sich in der Zeitung über den teuren massiv-hölzernen Tisch aus, der von den Farbbeuteln völlig verschandelt wurde) und das Rathaus bekam Parolen an die Fassade geschmiert. “Springweg 23 blijft” stand in den Folgetagen an jedem zehnten Haus, an Schaufensterscheiben und auf Transparenten die aus befreundeten Häusern hingen. Es war vor allem der Räumungsgrund, mit dem wir alle Trümpfe in der Hand hielten. Ein Mietvertrag für eine Ruine. Die Nachricht verbreitete sich erst in den einschlägigen Medien von Amsterdam bis nach Den Bosch, und erreichte am Vortag der Räumung sogar die nationale Presse.
All diese Nachrichten fachten die Stimmung an. Sowohl innerhalb der Szene wollte man das Haus behalten, als auch in den Medien wurde Utrecht auf eine Eskalation vorbereitet.
Springweg 23 wurde bis in die erste Etage mit Bettrosten und alten Fahrrädern zugeschweisst. Dahinter wurden Unmengen an Sperrmüll aus der Nachbarschaft und den befreundeten Häusern einfach dazugeworfen, bis wir in der letzten Nacht die 5 Menschen die im Haus verblieben waren, mittels einem Eimer am Seil ernährt werden mussten. Das Haus war dicht wie ein Bunker. Höchstens mit einem Kran hätte man in den oberen Etagen in das Gebäude einsteigen können, aber die randalierende Menge auf der Strasse würde schon dafür sorgen, dass kein Fahrzeug auch nur in die Nähe des Hauses kommen würde.

Der ganzen Spannungen im Vorfeld wegen, versuchte die Polizei erst eine deeskalierende Politik, indem erst die sogenannten Sociocops kamen und mit den Leuten die im Haus verbarrikadiert waren, reden wollten. Doch wenn man zum Mariaplaats hochlief oder in der Lange Smeestraat um die Ecke guckte, dann sah man schon die Wasserwerfer und Arrestatiebussen aneinandergereiht stehen wie Sardinen.
Zum Erstaunen aller Anwesenden Besetzer -vor dem Haus hatten sich etwa hundert vermummte und weniger vermummte Menschen versammelt und mit Sofas, auf denen sie sassen, die Strasse verriegelt- kam plötzlich die alte Berta, mit einem ganzen Schlagerchor auf die Strasse, stellten sich vor Polizisten und den Fernsehteams und fingen an – zu singen! Die Nachbarn jubelten von den Fenstern, viele kamen auf die Strasse und klatschten und es kam eine plötzliche Feierstimmung auf. Berta gab daraufhin Interviews, dass das Haus doch sowieso nur leer zu stehen käme, weil der Besitzer nie und nimmer einen echten Vermieter für diese Ruinen bekommen würde, das sei alles bloss eine grosse Lüge und sie wollen hier keine Junkies mehr in dem Haus haben, sondern ordentliche Leute, wie die Hausbesetzer eben. Das ganze dauerte bestimmt über einer halben Stunde, alle Journalisten bekamen Interviews der Nachbarn, die dann auch wieder mit Krakelingen daherkamen, doch die Sociocops bekamen meist nur ein knappes “Wir bleiben”. Die beredeten Polizisten wollten nicht im klassischen Sinne verhandeln, sondern uns bloss zur Vernunft bringen das Gebäude in Frieden zu verlassen. Politik wurde also keine mehr geschrieben, deshalb wurde plötzlich der Hausrat auf der Strasse gestapelt und ging gleich darauf in Flammen auf. Die Polizisten verzogen sich und dann sah man schon oben am Mariaplaats sich Formationen der ME bilden. Von der Lange Smeestraat kam eine Wand behelmter Schutzschilder im Gleichschritt daher. Auch an der Seite der Langen Smeestraat brannte daraufhin der Hausrat. Einer von den Leuten im Haus selber rief auf die Strasse, dass ein ganzes Peloton der ME vom Gelände des Deutschen Ritterordens her das Haus angriffen. Damit hatte man jetzt nicht gerechnet, da gab es keine Verteidigung. Als einige der Leute auf der Strasse die ganze Runde liefen um auf das Gelände des Deutschen Ritterordens zu kommen, war es schon zu spät. Eine ganze Horde behelmter Spezialisten waren auf das Dach geklettert und machten sich schon daran mit einer Motorsäge die Barrikaden vom Dach des Seitenflügels in die Hinterseite des Hauses aufzusägen. Spätestens dann war schon deutlich, dass man sich nicht mehr wehren konnte. Das wussten aber nur die wenigsten.
Vorne auf der Strasse wurde den Nachbarn nahegelegt ins Haus zu gehen und die Fenster zu schliessen, worauf sie Folge leisteten. Nur Berta protestierte: “Ben je gek?” Ob wir verrückt seien, das bisschen Feuer und Rauch täten ihr nichts. Was wir denn wohl glauben würden, früher stand sie ja auch immer auf den Barrikaden. Die Scheissbullen kämen ihr nicht in die Quere.
Sie stellte sich mit verschränkten Armen vor die Tür 23 bis und bewegte sich keinen Zentimeter mehr von dort weg.
Es war etwas befremdlich. Mit dieser alten Frau wollte man keine richtige Konfrontation angehen, es konnte schliesslich gefährlich für sie werden, aber es hatte eine durchaus interessante Wirkung. Man koordiniert auf Besetzerseite kaum je etwas, (was heisst hier “kaum”, nein, eher “nie”), jedoch liess man die ME näher kommen und obwohl die meisten Leute Steine in den Händen hielten fing niemand an zu schmeissen. Als die erste Reihe gepanzerter Polizisten die Barrikaden überwunden hatten, was das späteste Zeichen dafür war, endlich einen Steinehagel loszulassen, wichen wir zurück. Liessen die Steine fallen und folgten Bertas Beispiel. Wir stellten uns mit verschränkten Armen vor das Haus. Die Sofas wurden vor die Türen gestellt und man setzte sich drauf.

Letztendlich verlief alles unspektakulär. Die ME war nach einer Stunde des Sägens undBohrens in das Haus gelangt, hatte die Anwesenden drinnen festgenommen und über die Hinterseite abgeführt.
Vorne an der Strasse wurde niemand festgenommen, die ME blieb auch die ganze Zeit über auf Abstand. Die Bilder von Berta, Arm in Arm mit den Besetzern gingen jedoch durch die Fernsehstationen und Zeitungen des ganzen Landes.

Den Nutzen dieser friedlichen Aktion lernten wir erst in den nächsten Tagen zu schätzen. Weil wir gleich darauf beschlossen Springweg 23 ein drittes mal zu besetzen. Und zwar ohne lange zu warten. Jurij hatte einen Plan.

(Spätestens an dieser Stelle würde ich mich als Leser furchtbar aufregen und nie wieder dieses Weblog anklicken. Weil ich Serien hasse. Weil ich bei Serien immer bis zur nächsten Folge in Aufregung bin. Am schlimmsten fände ich es jedoch, wenn der Autor die letzte Folge ankündigt, und bei der letzten Folge dann doch wieder nicht hält was er verspricht. Vor allem wenn eine Trilogie dann aus vier Teilen zu bestehen scheint. Also ich, würde jetzt gehen. Für diejenigen die bleiben, gibt es jedoch demnächst die vierte Folge.)

Neu: die vierte Folge.

Springweg 23

Eine gruselige Trilogie mit coolen Untertiteln

Als wir das erste Mal das Haus am Springweg 23 besetzten war tiefster Winter, Januar 1996, der kälteste Winter seit Dekaden. So kalt, dass die Grachten zugefroren waren, und in der asbestverseuchten Schule in der ich zu dem Zeitpunkt wohnte, stellten wir schon die Bierflaschen in den Kühlschrank um sie vor dem Erfrieren zu bewahren. Jedoch war der Winter auch überaus amüsant, wenn ich jetzt daran zurückdenke, wie wir uns alte Schlittschuhe besorgten und von Ufer zu Ufer schlittschten, weil dort an der Gracht an der Kaimauer die Kneipen waren. Ein Bier hier, ein Bier dort, schlitsch, mit dem Arsch wieder aufs Eis, die Knie auch gleich dazu, am anderen Ufer an die Mauer gelehnt und das nächste Bier bestellt und irgendwann war man so besoffen, dass man vierbeinig über das Eis kroch und mit ein wenig Glück irgendwann nachhause kam.
In jenem Winter war meine Sorge das Wohnen, da ich gerade in den Niederlanden gelandet war und ich in jener Schule nur vorübergehend das Gästezimmer bewohnte. Ziemlich bald hatte ich mich aber schon auf das alte Pferdeschlachthaus am Springweg fixiert. Ich mochte dieses heruntergekommene Haus in dieser etwas düsteren Strasse mitten in der Alstadt. Parallel zur Oude Gracht, gleich dahinter sozusagen, ein wenig verschlafen und nachts sehr dunkel.
Wenn ich nachts dort durch die Strasse lief, um an der Nummer 23 mögliche Einstiegsmöglichkeiten zu suchen, kam ich mir immer wie im tiefsten Mittelalter vor. Es gab nur vereinzelte Lanternen, die Strasse war sehr grob gepflastert, die Häuser standen nahe aneinander, sowieso war die Strasse eng und alle Häuser waren uralt.
Springweg 23 war eines dieser typischen Utrechter Häuser aus der Zeit um 1850, drei Fenster schmal, drei Stockwerke hoch, spitzes Dach, kleiner Innenhof und ein etwas niedrigeres zweistöckiges Hinterhaus. An der linken Seite war ein kleiner, vergitterter Steg durch den man das Dach des Hinterhauses erblicken konnte und rechts davon zog sich eine sehr alte Steinmauer davon, hinter der sich das Gelände des ehemaligen deutschen Ritterordens befand. Die kleine Gruppe Leute mit denen ich dort wohnen wolte, sechs Menschen, war genau richtig. Keine grossen Häuser mehr, kein unkontrollierbarer Haufen von fünfzig oder mehr vergammelter Künstler oder hundehaltender Dosenbierpunks, sondern eine kleine Familie halt, trautes Heim, ein Holzofen und eine grosse Küche in der wir abends beinander sitzen wollten und uns Geschichten erzählen. Ja, das wollte ich.

Springweg spricht man ßprinngwech aus, sp wie Spacecake, nicht wie Spiegeleier oder Springerverlag. Und mit einem kurzen e, wie Becks. Und so brachen wir an einem eiskalten Januartag, in allerherrgottsfrühe zum Springweg auf um an der Hausnummer 23 die Türen aufzubrechen. Unser etwa fünfzehn Leute. Wir stellten unsere Fahrräder auf sicherem Abstand ab, ich steckte Vorschlaghammer und Brechstange unter die Jacke und stapfte auf die Tür zu. Es waren eigentlich zwei Türen, eine für das Vorderhaus, die Nummer 23, und eine für die Hinterseite des Vorderhauses und den Hof samt Hinterhaus, die Nummer 23 bis. Die Türen gingen auf wie ein Pizzakarton. Nichtmal der Rede wert.
Ich war überrascht von diesen Holländern, wie gut organisiert sie zur Tat schritten. Nachdem ich die Türen aufgebrochen hatte, montierte mein Kumpane Alex, mit dem ich zusammen die bescheidene Brechtruppe bildete, sofort ein dickes Schiebeschloss auf die Innenseite der Tür und der Rest der Truppe, der an allen Ecken, mit Thermoskannen und Decken gerüstet Schmiere standen, auf Alex’ Pfeifen hin alle gleichzeitig losspurteten und ins Haus stürmten. Der Riegel ging zu: Gekraakt! Besetzt eben. Sehr sauber wie das alles ablief, da in diesem Holland.
Und dann die Formalitäten. Die Polizei anrufen, das machen die Hausbesetzer in Holland selber. Gleich morgens schon, als erstes nachdem das Haus in Beschlag genommen war. Einer der Besetzer der Schmiere steht, betritt nicht das Haus, sondern läuft zur nächsten Telefonzelle. Es gab in ’96 noch keine Mobilfunke. Die Polizei kommt dann in der Regel eine Stunde später, man lässt sie rein, sie überprüfen ob das Haus auch wirklich leer steht und gehen anschliessend zum Staatsanwalt, der daraufhin ein Urteil fällt ob die Besetzung widerrechtlich ist oder ob sie toleriert wird. Reine Routine.
Man darf sich bloss nicht beim Brechen der Türen erwischen lassen, weil dann geht es ab in den Knast. Das ist illegal.
Weil wir äusserst routiniert zu Werke gingen, geschah es schonmal, dass die ganze Aktion derart daneben ging, dass es für die doofesten Hausbesetzer des Königreiches Preise geben sollte. So geschah es einmal, dass mein fester Telefonierer, das heisst, derjenige der nach der frischen Besetzung die Polizei anrufen sollte, keine Zeit für die Besetzung hatte, weil er unbedingt irgendwas wichtiges erledigen musste. Da fragt man sich natürlich erstmal ob es denn überhaupt etwas wichtigeres gibt als ein Haus zu besetzen, aber manche Leute setzen komische Prioritäten. Jedenfalls gefiel nicht jedem die Arbeit des Telefonisten. Den meisten war es gar ein Gräuel sich mit der Staatsmacht abzugeben. Man sagte man hasse das, aber wahrscheinlich bekamen die meistens Revolutionäre bloss wildes Herzklopfen, oder kamen ins Stottern, wenn sie einen Polizisten am Hörer hatten. Ich war immer der mit der Brechstange, für die richtige Arbeit sozusagen, ich konnte daher nicht anrufen. Weil ich immer denselben Telefonisten hatte, und mich dieser unstete Umstand sehr durcheinander brachte, sagte ich ihm er solle sich nicht so anstellen. Nach kurzem überlegen schlug er vor, die Polizei einfach von einer Telefonzelle in der Uni aus anzurufen. Wir brachen um acht zum Brechen auf und er würde um zwanzig nach acht zum Hörer greifen. So geschah es dann, dass diese verdammte Tür in der Annastraat nicht aufgehen wollte. Das Brecheisen ging ohne Hilfe des Hammers sofort in den Türspalt, doch sie war wie Gummi, sie gab zwar nach, war aber sehr zäh, kein brüchiges Holz. Ein Kumpane steckte kleine Metallkeile in die öffnung die ich aufgemacht hatte, damit ich von dort aus mit dem Brecheisen noch einmal ansetzen konnte, aber das Schloss brach nicht durch. Wir liessen uns Zeit. Die Strasse war sehr ruhig, weil sie hauptsächlich aus Hinterseiten von Läden bestand. In der Annastraat waren wir nur eine kleine Gruppe junger Männer. Niemand stand Schmiere sondern jeder kümmerte sich nur um diese hartnäckige Tür. Wir testeten Techniken aus diskutierten über fehlendes Werkzeug, weil wir halt Männaer waren. Eine Viertelstunde später, stieg ein ungeduldiger Mitkämpfer die Fassade hoch um im ersten Stock das Fenster einzuschlagen und dann die Tür von Innen zu öffnen. Als er jedoch halberwege an der Regenrinne baumelte, bog ein Streifenwagen westlich in die Annastraat ein, wodurch uns die Sache mit dem Telefon wieder einfiel. Die beiden Polizisten im Wagen schienen wohl auch ein wenig überrascht davon zu sein, dass wir uns gar nicht im Hause selbst befanden sondern noch mit Brechstangen uns an der Türe zu scshaffen machten, denn der Wagen bremste kurz, dann ging erst das Blaulicht und die Sirene an, und daraufhin fuhren sie eilig in unsere Richtung. Weil niemand von uns Lust auf Knastessen hatte und auch die Gefängnisbibel schon hundertmal durchgelesen war, rannten wir um unser Leben. Nicht nur darum. Aber das klingt eben besser.

Bei der ersten Besetzung des Springweg 23 verlief jedoch alles sauber. Fast alles. Lediglich Roos’ Hund Clumsy überfiel an der Eingangstür plötzlich eine Panikattacke und lief anschliessend wie verrückt in Richtung Mariaplaats hoch. Sofern man von hoch und runter sprechen kann in Holland. Sie lief jedenfalls Richtung Norden, und Norden ist immer oben.
Ich will ja nicht schlecht von den Toten sprechen, weil Clumsy vor einigen Jahren gestorben ist, aber Clumsy war halt, naja, wie soll ich sagen ohne schlecht über sie zu reden, aber sie war halt (Komm Mek, jetzt stell dich nicht an) ein sehr dummer Hund. Sie war gross und stark und wenn ich mich nicht täusche, floss sogar edles Blut durch ihre Venen. Aber sie war halt elend dumm. Was vielleicht den Namen erklärt. Sie war jedoch gutmütig und absolut liebenswürdig, deshalb tuhe ich mich auch so schwer, schlecht über sie zu sprechen. Aber zusätzlich war sie auch noch unheimlich träge und auch dauernd deprimiert, und so sah sie auch aus, weil zwei riesige Augenringe von ihren treuen Hundeglotzern herabsackten, parallel zu den hängenden Backen. überdies runzelte sie auch noch die Stirnfalten, sodass man in ihrer Gesellschaft nichts anderes mehr als Nick Cave oder die BadSeeds aufzulegen vermochte. Ich schwöre es, wenn ich alleine zuhause sass und alte Briefe las während sie vor mir kniete und mich beim Ship Song so anguckte wie sie halt immer tat, dann war ich den Tränen dauernd nahe und musste sie, um michselbst zu schuetzen, heulend umarmen. Ein liebenswürdiger Hund war sie, das schon.
Deshalb war es etwas merkwürdig Clumsy plötzlich so aufgeweckt zu sehen. Als sie vor der Tür stand, die ich für die restlichen Mitrevolutionäre aufhielt, fing sie auf einmal an zu bellen und machte einige entschlossene Schritte rückwärts. Ich guckte Roos an, die von Clumsies aufmüpfigem Verhalten ebenso verwirrt zu sein schien. Roos zog an Clumsies Leine, jedoch war der Hund keinen Meter zu bewegen. Ich wollte mich nicht einmischen, nicht mein Hund, und viel zu gross. überdies kannte ich Clumsy damals noch nicht so gut, damals war ich noch nicht ihr ständiger Babysitter während Roos sich in den Kneipen die Birne zersoff. Darum wartete ich ab. Roos redete ihr gut zu, zog an der Leine, ging auf sie zu, doch jedesmal entfernte sich Clumsy noch weiter von der Tür. Als Roos dann böse wurde und Clumsy anbrüllte, nahm sie reissaus und lief die Strasse hinauf. Nach Norden also. Roos rannte daher ihrem Hund nach. Aber sonst war jeder innerhalb einer Minute im Haus.

Von innen war das Gebäude alt und zum grossen Teil sehr verlottert, vor allem die hintere Seite, aber vorne war es noch halbwegs bewohnbar. Für die Hinterseite hätte man teilweise den Boden rausreissen müssen und neue Bretter in den Flur und in den Zimmern legen. Eines der Zimmer an der Hinterseite war zum fast vollständig verkohlt. Die Balken und Fensterrahmen. Und die Wände waren schwarz vor Russ. Auch neue Fenster mussten fast überall eingesetzt werden, oder halt Glas auf die Löcher geklebt. Das schlimmste aber waren wohl die ganzen Blätter, eine richtige dicke Lage und menschliche, sowie tierliche Fäkalien, die den ganzen hinteren und grösseren Teil des Wohnhauses bedeckten. Ich war in jener Zeit schon an einiges gewohnt, aber Menschenscheisse war mir immer zuwider. Ein Zeichen einer völlig verkümmerter Existenz das mich immer sehr berührte, irgendwo zwischen Herz und Magen. Jedenfalls ging ich davon aus, dass sich in einigen Wochen die grösseren Schäden bestimmt beseitigen liessen. Nur das hintere Haus entpuptte sich als unbewohnar. Für Menschen jedenfalls. Das Hinterhaus war eher eine Art Stall, das Gebäude in dem früher wahrscheinlich die Pferde geschlachtet wurden. Seitdem der Fleischer die Hütte verlassen hatte, wurde in jenem Gebäude wahrscheinlich keinem Gewerbe mehr nachgegangen. Und gemessen an der Anzahl Tauben und Vögel die dort lebten, musste das schon sehr lange her gewesen sein. Sowieso war dort kein Durchkommen. Alles stand vollgebaut mit Maschinen und altem Holz an dem dicke Spinnweben und faulende Blätter hingen und klebten. Das Hinterhaus wurde stillschweigend zum ausgeschlossenen Gebiet erklärt. Auch bei den späteren Besetzungen hat man sich nie um das Hinterhaus gekümmert.

Die alte Frau von schräg gegenüber hiess Berta. Eine alte Kommunistin. Berta war weit über sechzig, klein, dick und laut. Und wenn sie lachte, fühlte man den Boden unter den Füssen zittern. Berta war aber ausgesprochen freundlich und schien in der Strasse so eine Art übermutter zu sein. Sie brachte uns frischen Kaffee und Krakelinge. Ich liebte Krakelinge, die kleinen, süssen Kekse in der Form von Brezen, nur kleiner. Krakelinge, weil wir Krakers waren, Besetzer halt und den Kaffee gab sie uns weil wir starke Nerven brauchten. Ins Haus hinein wollte sie nicht kommen, aber liebend gerne unterhielt sie sich mit uns vor dem Haus, erzählte von der Strasse, wie es früher hier war, dass damals hier nur Kommunisten wohnten und man bei ihr in der Küche revolutionäre Versammlungen hielt. Ich glaube es lag an Berta, dass sich dann in kurzer Zeit mehrere Nachbarn zu uns gesellten, alsob ihre Anwesenheit eine Art Signal für die Nachbarschaft gewesen wäre, als Zeichen, dass alles in Ordnung sei. Man hatte ja die Polizei gesehen und es gingen plötzlich viele schräge Leute in der Nummer 23 ein und aus. Besetzer hatte man im Springweg schon lange keine mehr gesehen, das letzte mal war schon 8 Jahre her gewesen, als die Nummer 90 besetzt wurde. Aber das war nur von kurzer Dauer, weil der Besitzer am ersten Tag schon mit der Pistole das Schloss kaputtknallte und mit zwei grossen Burschen das Haus erstürmte. Die handvoll Besetzer die sich an jenem Tag in dem Haus aufhielten, fanden, dass das deren Erwartungen von Wohngenuss bei weitem verfehlte, liessen ihre Siebensachen liegen und schafften es gerade rechtzeitig das Gebäude über die Hinterseite zu verlassen.

Eine der Nachbarinnen, eine ältere Dame, auch schon über sechzig, fragte ob sie eine kleine Runde durch das Haus machen könne. Sie wohne nun ja schon beinahe vierzig Jahre im Haus nebenan und wollte jetzt mal wissen wie es hier drinnen so aussah. Ich bot mich als Führer an, weil der lange Flur an der Hinterseite teilweise morsch war und die obere Treppe einige wackelige Stufen hatte. Auf dem Weg durch das Haus erzählte sie mir von der einsamen Frau die hier bis vor etwa einem Jahr gelebt hatte. Sie war die Tochter des Fleischers gewesen. Eine etwas geheimnisvolle Frau die keinen Kontakt mit den Nachbarn pflegte. Man sagt sie sei verrückt gewesen, aber das wusste man nicht so genau, sie habe ja niemanden an sich heran gelassen. Aber wundern würde es sie nicht, ist ja nicht so schön was damals passiert sei, obwohl sie vorher ein durchaus liebenswertes Mädchen gewesen ist. Das klang nach einer spannenden Geschichte und ich konnte mich nicht zurückhalten, daher fragte ich sie was es mit der Sache auf sich hatte. “Ihre Mutter wurde geschlachtet. Hinten im Stall. In kleine Stücke.” Polizei sei überall im Haus gewesen, tagelang. Es war der Vater gewesen, der Fleischer. Sein Sohn hatte eine Vermutung oder wusste es gar sicher, und hat daraufhin seinen Vater angezeigt. Der kam natürlich gleich ins Gefängnis, der Schurke. Eine kaputte Familie sei das immer gewesen, aber die Tochter war doch immer irgendwie wie eine kleine Sonne, ein zonnetje in huis.
Der Sohn hatte dann angefangen zu trinken und verbrannte in seinem Bett bei lebendigem Leibe. Das war nicht viel später, höchstens ein Jahr. Wahrscheinlich hatte er im Bett geraucht. Ihr eigener Mann machte das ja auch immer, aber der trank zum Glück nie. Er hat es sich auch stillschweigend abgewöhnt seit der Nachbarjunge im Bett verbrannt war. Sie hatte dazu nie was gesagt, aber es sei schon gut, dass er so vernünftig sei, ihr Remco. Naja, und die Tochter blieb in dem Haus noch zweiundzwanzig Jahre wohnen, ganz alleine an der Vorderseite, und war seitdem nicht mehr die alte gewesen. Man müsse doch nur sehen wie sie das Haus verkümmern lassen habe. Bis sie dann letztes Jahr verstarb. Ich zeigte ihr das verkohlte Zimmer und stellte die überflüssige Frage ob das das Zimmer des Sohnes gewesen sei. Sie nickte und fügte hinzu, dass sie es jedoch nicht ganz sicher wisse, es habe halt an dieser Seite des Hauses gebrannt und daher wird es wohl so gewesen sein. Gottogott, zweiundzwanyig Jahre her ist das schon, wiederholte sie mehrmals.
Ins Hinterhaus wollte sie nicht, also brachte ich sie wieder zur Tür. Draussen stand eine Schar alter Weiber um Berta und einigen Revolutionären herum und waren in aufgeregten Gesprächen vertieft.
Aus diesen Gesprächen erfuhr ich, dass die letzte Bewohnerin, die Tochter, sich erhängt hatte. Oben im Dachgeschoss. Da hatte sie wochenlang gehangen bis Verwandte sie entdeckt hatten. Ach es sei doch so viel Elend geschehen in diesem Haus, hoffentlich sei es nun endlich vorbei.
Das hoffte ich auch, und langsam reichten mir diese Geschichten. Ich musste da schliesslich auch noch wohnen.

Bald darauf kam Roos mit Clumsy vom Mariaplaats heruntergelaufen. Sie hatte Clumsy erst hinter der Brücke zur Bemuurde Weerd zu fassen gekriegt. Berta bot ihr Krakelinge und Kaffee an und Roos strahlte. Nur Clumsy war sofort wieder unruhig, bellte in Richtung Tür und zog an der Leine. Diesmal zum Glück ohne wieder reissaus zu nehmen.
“Schau der Hund mag das Haus nicht” sagte eine der Weiber, und fügte hinzu, dass es sie überhaupt nicht wundere. Das Haus sei verflucht.
Und dann kamen die Geistergeschichten. Eine sah des öfteren Licht im obersten Zimmer, eine andere behauptete sie höre Geräusche von umfallenden Stühlen, eine andere hatte sogar eine singende Mädchenstimme aus dem Haus gehört. Berta regte sich auf, sie solle uns jungen Leuten doch keine Angst machen, und Geister gäbe es nunmal nicht, aber sie liessen sich nicht davon abbringen, weil auch der Hans von gegenüber seit dem Tod der Tochter komische Schleier hinter den Fenstern gesehen hatte, und wir sollten mal die Leute von dem spanischen Lokal fragen, die hatten erst unheimliche Geschichten davon zu erzählen.
Ich war es satt und verliess die Runde.

Ungefähr gleichzeitig kamen zwei Polizisten und fragten nach jemandem der ihnen das Haus zeige, weil sie Leerstand konstatieren mussten. Reine Routine. Ich führte sie durch das Haus. Erst hinten, dann vorne und die Polizisten scherzten, dass da ja Tauben wohnen würden, also nichts mit Leerstand, haha. Im Dachzimmer fiel mir der umgefallene Stuhl zum ersten Mal auf. Wie er dort genau unter dem Balken lag. Man hatte bis auf den Stuhl alles leergeräumt. Bestimmt Verwandte die vom Todeshergang gewusst haben mussten.
Die Polizisten stellten fest, dass das Haus also wirklich leer stand, nahmen unseren formellen Besetzerbrief entgegen und machten sich auf den Weg zur Staatsanwaltschaft.
Danach fingen wir erstmal an zu räumen und zu schaufeln, einige Stunden lang, tranken Kaffee und unterhielten uns mit der Nachbarschaft vor dem Haus, die die Besetzung zum willkommenen sozialen Tratschtag deklariert zu haben schienen.

Am frühen Abend kehrten die Polizisten zurück und teilten uns mit, dass das Haus vor fünf Monaten von einem Unternehmer der es renovieren wollte, gekauft worden sei. Die Besetzung war von gesetzlicher Sicht aus also illegal, weil es unter dem neuen Besitzer noch kein Jahr leer gestanden hat. Für uns gab es schliesslich die Wahl das Haus zu verlassen oder einfach zu bleiben. Zu bleiben hiesse jede Menge Theater. Dem Theater waren wir grundsätzlich nicht abgeneigt, aber in solchem eindeutigen Fall brachte man nur die Presse und das Volk gegen sich auf. Das war nutzlos. Nach einer zweiminütigen Diskussion beschlossen wir das Haus zu verlassen. Die alten Frauchen fanden das natürlich schade, wir seien doch eigentlich ganz nett, und wenn das Haus in sieben Monaten immer noch leer stünde, dann sollten wir doch einfach wiederkommen. Sie würden auch wieder Kaffee kochen und Krakelinge bringen. Das war äusserst reizend und wir versprachen wiederzukommen.

Zwei Wochen später stemmte ich mein Brecheisen in den Türpfosten des Hauses in der Lange Nieuwstraat 37, welches wirklich leer stand und überraschenderweise in einem sehr guten Zustand verkehrte. Dort blieben wir dann wohnen und vergassen das Haus am Springweg.

Bis etwa sechs Monate später die fünf Häuser in der Boorstraat geräumt wurden. Fünf baufällige, kleine Häuser die der Ausbreitung der Eisenbahnschienen weichen mussten. Ein schneller Prozess, schnelle Räumung und die Bewohner verliessen widerstandslos ihre Hütten.
Jurij aus der Boorstraat, mit seinem Hund Castro, zog vorübergehend in unsere Besenkammer. Solange er nichts neues gefunden hatte. Eines nachts als wir trunken aus Cafe Belgie kamen, forderte ich ihn auf, einen kleinen Umweg zu laufen und deshalb führte ihn ich durch den Springweg. Beim Anblick dieses alten, finsteren Hauses bekam er wässrige Augen. Es schien ihm genau so gut zu gefallen wie mir damals. Ich warnte ihn vor den alten, geschwatzigen Nachbarinnen, und sonst sei es ein wenig verkommen, vor allem an der Hinterseite und das Hinterhaus sei vollkommen unbrauchbar. Das störte ihn jedoch wenig. Jedes Haus bekommt man halbwegs vernünftig hin.
“Es sieht aus alsob es hier geistert”, sagte er noch und lachte. Ich nickte – sagte aber nichts.

(ich habe beim Abwaschen vorhin beschlossen hier aufzuhören, weil ich aus dieser Geschichte eine Trilogie mache. Weil ich immer schon einmal eine Trilogie schreiben wollte. Eine richtige Trilogie, mit coolen Titeln wie “die Rückkehr” und “die Rache von irgendwas” oderso. Diese Geschichte wird also eine Trilogie. Der zweite Teil kommt morgen. Oder übermorgen. Oderso.)

(Aktualisiert: der zweite Teil)

wie das unter Freunden so war

Obwohl er nun schon zehn Jahre tot ist, habe ich ihn eigentlich noch nicht begraben, meinen Freund, den ich eigentlich nie als einen Freund angesehen hatte, wobei die anderen Leute um uns herum immer sagten wir seien beste Freunde, weil, wasweissich, wir beide vielleicht immer so viel tranken, oder wenigstens so taten, als sei das die einzige Erfüllung in unserem Leben, dieses andauernde Betrunkensein, dieses stets sich wiederholende “lass uns was zum Trinken besorgen”, am Nachmittag, auf Reisen, bei nächtlichem Rumsitzen in den dunklen und ausgestorbenen Gassen in Bozen, bei Häuserräumungen, und zuhause bei Freunden, immer dieser Pegel, der uns die ganzen Jahre begleitete, um alles um uns herum erträglicher zu machen, weil der Wein wie eine Geräuschkulisse wirkte, wie in einem Cafe, weil man sich dann auch viel besser unterhält, wenn um einen herum die Welt dieses entfernte Blabla von sich gibt und man dadurch in den eigenen Gesprächen schaukelt wie in einer Wiege. Nicht, dass wir viel miteinander sprachen, dafür waren wir viel zu kurzatmig, ständig musste was geschehen, immer dieses Gefühl man würde was verpassen, etwas verpassen das eh nie da war und wenn es einmal da war, das Glück, auf einer grossen Feier, in einer wunderbaren Runde Menschen, dann war man immer noch nicht glücklich genug, weil “lass uns was zum Trinken besorgen”, die Geräuschkulisse erhöhen, denn ganz nah dran am Glück war man erst wenn der Leib dann nicht mehr mitspielte, der Film unterbrochen war und man am nächsten Tag in einer Bierlache erwachte. Da war man nah dran am Glück und die ganzen Bekanntschaften die man kennengelallt hatte, womöglich geknutscht, oder sonstwie die ganze Freude daran abgelassen hatte, blieben übrig wie dicke Nebel, von denen nur hängenblieb was man noch aufbewahren wollte für die schönen Gedanken, die man mitnimmt, auf der Suche nach diesem Glück.

Als ich ihn kennenlernte, mochte ich ihn nicht, wie er daherkam, laut und dumm. Er war etwas jünger als ich, trug einen säuberlich gestylten und gefärbten Irokesenkamm, während mich damals schon die Sehnsucht plagte, der ich mit verwaschenem grünen Haar in Hauseingängen schlief und dabei Samuel Becket las, da wartete ich nicht auf so einen, statt Godot kam er daher, mit seinem OiOi und Exploited Punk, das nervte mich, blosse Mode, Muttersöhnchen, ich hob meine Nase, er stank nichtmal, und doch blieben wir irgendwie aneinander hängen, erst am Wein, dann am Weltschmerz, für ihn die Welt, für mich der Schmerz, und an anderen Tagen anders herum, oderso.

Als wir uns kennenlernten war er sozusagen direkt aus einer Entziehungskur in die Kneipe gekommen, in der wir uns das erste Mal trafen. Er hatte ein wenig zu viel Gefallen am Heroin gefunden und mit dem Zeug ganz fürchterlich übertrieben, sodass er sich in kürzester Zeit schon in eine kriminelle Laufbahn hineinmanövriert hatte. In Bozen, das damals dieses graue Loch voller ethnischer Konflikte zwischen verkappten Burschenschaftlern und italienischen Fascisti war, gab es damals nicht viel anderes zu tun als sich zu besaufen, oder sich im Bahnhofspark die Nadel zu geben. Manchmal schien mir das die einzige Wahl, wenn man wenigstens ansatzweise ein soziales Umfeld zu haben wünschte, ohne sich mit rechtem Gesindel herumzutreiben und Stellung zu beziehen zu müssen, ob nun die deutschen oder die italienischen Ortsnamen zuerst auf den Ortsschildern geschrieben werden sollten. Einige versuchten es mit der Kunst, oder mit der Literatur, die zogen alle nach Bologna oder nach Wien und kamen meistens nicht mehr wieder. Jürgen versuchte es halt mit Opiaten. Weil er damals noch minderjährig war, und selbst wohl auch einsah, dass sein Ausflug mit seiner Heldin völlig schief gegangen war, hatten ihn seine Eltern kurzerhand in eine Klinik gesteckt, in der er dann auch freiwillig verblieben war.

In den Kreisen in denen ich mich bewegte, war Heroin verpönt, das war die Droge der Nicht-Denker, der opportunistischen Gestalten die im Bahnhofspark herumhingen, die dich heute als Freund umarmten und morgen um Geld betrogen, kleine Sklaven von sichselbst, ein winziger kapitalistischer Mikrokosmos, den man so sehr verabscheute. In meinen Kreisen wollte man die Welt verbessern, da rief man Parolen, da kämpfte man gegen die Faschisten, da wollte man was tun. Hauptsächlich tat man jedoch lediglich saufen. Meist von morgens bis abends. Was wohl Jürgens Rettung war. So sagte er jedenfalls später.

Ich hatte damals jemanden gefunden, der gleich mir, immer weg wollte, immer weg aus den Bergen, zu den besetzten Häusern nach Mailand, zum Trinken an die ligurische Steilküste, immer geradeaus, immer weiter, auch wo es nicht mehr weiter ging, wir gingen zu zweit, weil das wesentlich einfacher war, weil wir einen derartig miesen Eindruck gemacht haben mussten, dass uns die Schaffner oft gar nicht nach einer Fahrkarte zu fragen wagten und uns deshalb meistens weiterschlafen liessen oder hin und wieder mal in den Bahnhöfen mit zwei Carabinieris auftauchten, die dann die Drecksarbeit erledigten und uns aus dem Zug warfen, weil Fahrkarten zu kaufen uns irgendwie zu blöde war, es war ohnehin schon schwierig genug an Geld zu kommen, so dass wir alles lieber gleich in fünfliter Pullen Wein steckten, anstatt es der Italienischen Eisenbahn zu geben. Und Arbeitslosengeld gab es in Italien nie, überdies wäre uns das noch viel blöder gewesen, erst den Staat zu verachten, dann auch noch Unterhalt zu verlangen.

Mit der Zeit fing ich an ihn zu mögen, mit der Zeit fing seine Gradlinigkeit an mich zu amüsieren, seine Art rein gar nichts zu reflektieren, aber immer diese Aufbruchstimmung ohne irgendwas zu wollen, “komm lass uns für ein paar Wochen nach Rom fahren ein bisschen saufen und kiffen” um dann in Firenze hängenzubleiben und an allen Sehenswürdigkeiten vorbeizulaufen ohne sie zu bemerken, womöglich gar dran zu pinkeln, weil es da nunmal immer so viele dunkle Ecken gab, und auf der anderen Seite immer diese Unzufriedenheit, dieses Rumgenöle und Gefluche, dioccane hier und dioccane da, wenn ihn etwas nervte, und es nervte ihn dauernd was.

Man traute es ihm nicht zu, aber ab und zu hatte er durchaus seine romantischen Momente, vor allem bei Sonnenuntergängen, da erfasste ihn manchmal ein verblüfftes Staunen, wie geil das doch dioccane sei, “da oben, diese ganzen roten Wattehaufen, mamma, mamma, wie auf Trip”, starrte in Richtung Horizont und fing gelegentlich an, von einigen wenigen Frauen zu schwärmen, dass er sie vielleicht doch einmal wieder besuchen sollte, vor allem die Deutsche, die mochte er eigentlich richtig gerne.
Manchmal liess er sich ohne zu protestieren seine Pickel ausdrücken, meistens musste ich ihn jedoch auf den Rücken schmeissen und mich auf seine Brust knien, weil er sich sträubte, konnte ich ja verstehen, äusserst zimperlich ging ich nie mit ihm um, obwohl es mir leid tut, dass ich ihn einmal mit einem Faustschlag fast die Nase gebrochen habe. Heute tut es mir erst leid, nicht damals. Damals hatte er es verdient, weil wir am Brenner auf den nächsten Zug warteten und die Kippen alle waren. Er hatte als einziger noch etwas Geld, nur zweitausend Lire zwar, aber das war genug für eine Schachtel Kippen. Jedoch nölte er herum, er wolle nun ein Eis, keine Kippen und ich drohte ihm ihn zu erwürgen wenn er sich so ein dämliches Eis kaufen würde, was er sich natürlich nicht zweimal sagen liess und fünf Minuten später grinsend und eisschleckend zu mir zurückkam. Die Nase blutete dann sehr stark, was man erst gar nicht sah, weil sein halbes Gesicht mit Eis verschmiert war. Vanille, und das Rote muss wohl Erdbeer gewesen sein, oder Himbeer, etwas anderes Rotes gibt es glaub ich nicht. Die Nase schwoll auch etwas an, ich hatte ihn bloss nicht richtig getroffen, aber wenigstens war das Eis auf den Boden gefallen und somit hatten wir beide nichts mehr, er kein Eis und ich keine Kippen. Nur schmerzte ihm dioccane die Nase. Ja, heute tut es mir leid. Auch wenn er es damals verdient hatte.

Wenn wir so weitermachen wie bisher, so sagte ich ihm einmal, dann seien wir beide in einigen Jahren tot. Kalt und steif unter der Erde, dort, wo uns die Maden zerfressen. “Hö hö” lachte er und “Hö hö” lachte ich. Er zog dann ein nachdenkliches Gesicht und sagte, dass das aber schon Scheisse sei, das mit den Maden, er möchte nicht, dass seine Tattoos eines Tages verlorengingen, er wünschte sogar, dass ich ihm seine Tattoos rausschneiden solle, falls er sterben sollte, worauf ich wissen wollte, was die Nachwelt mit seinen doofen Posertattoos dann anstellen sollte. Drauf zu pinkeln schien mir das einzig Vernünftige zu tun.
Was damit zu tun sei wusste er auch nicht, pinkeln jedenfalls nicht, es sei halt schade sie verfaulen zu lassen. Es war ein nachdenklicher Moment. Sein Tattoo der Band “Exploited”, der Totenkopf mit Irokesenkamm, war ihm heilig.

Was dann noch bleibt, sind die Fragmente der Erinnerungen, ich kann die Tage noch förmlich riechen, wie staubig sich unsere Tage immer anfühlten, stundenlang im Nirgendwo auf der Autobahn auf anhaltende Autos warten, wie wir uns nachts beim Schlafen umarmten wenn es kalt war, und das Ufo das er gesehen hatte, beim Pinkeln in den Dünen, wie er zurückkam und mich weckte und von der grossen, roten Scheibe erzählte, die über ihn hinweggeflogen war und dahinten irgendwo niedergegangen sein musste. Das war das zweite Mal, dass ich ihm die Nase hätte brechen wollen, vor allem weil er wollte, dass ich aufstand und mit ihm mitginge das Wrack aus dem Weltall zu suchen. Oder wie wir uns gegenseitig auf den Treppen der Bozner Herz-Jesu-Kirche tätowierten, mit Tinte und Nadel Wörter und Zeichen auf unsere Arme stachen, weil wir immer dafür stehen wollten, für das, was wir taten, und uns auch dementsprechend brandmarken. Oder als wir mitten in der Nacht auf der Staatsstrasse von Meran nach Bozen standen und in Hoffnung auf eine Mitfahrgelegenheit versuchten Autos anzuhalten, was bei unserem Anblick ein aussichtsloses Unternehmen war, hielten nur die Carabinieri, und Schweine wie die eben immer sind, zerschlugen sie damals unsere halbvolle Whiskeyflasche, einfach so, weil es eben Schweine sind und unsere Visage denen nicht passte und sie wohl frustriert waren, weil sie uns sonst nichts anhaben konnten, nachdem sie uns bis auf die Unterhosen auf andere berauschende Mittel durchsucht hatten. Und da lagen sie dann, die Scherben, in einer Lache Whiskey, der in alle Richtungen floss, das Gesöff das uns als einziges noch am Leben halten konnte, in jener langen Nacht auf der Staatsstrasse von Meran nach Bozen. Wie er damals fluchte, so viele Wörter in so vielen verschiedenen Tonarten und Lautstärken, länger als eine Viertelstunde, an einem Stück durch, eine Litanei an Beschimpfungen, dass ich erst genervt wurde und hoffte ihm mögen endlich mal die Worte ausgehen, so viele gab es doch gar nicht, und ich dann irgendwann einfach nur noch darüber lachen konnte, über ihn, über uns, über die verdammte ganze Welt.

Wären wir irgendwo auf unseren Reisen geblieben, in irgendeiner der Städte zu denen es uns immer hinzog, wäre vielleicht alles anders ausgegangen, vielleicht wären wir dort in eine WG, in eine der riesigen italienischen Stadtwohnungen eingezogen, hätten uns verliebt und wären irgendwann abgekühlt und alles wäre gut geworden, man glaubt ja gerne daran, dass der Verlauf der Zeit ein blosser Irrtum gewesen ist. Stattdessen verschwand einfach die Lust am Herumstreunen, dieses ewige Herumirren als gäbe es wirklich nie einen Plan oder ein Ziel, weil jedes grossartige Erlebnis musste einem in den Schoss fallen, nichts sei vorauszusehen, was ja auch so war, aber ich war der ganzen Leute, die wir trafen, müde, ein Gesicht nach dem anderen, die ganze Aufregung und all die Abenteuer wurden vorhersehbar, wiederholten sich, letztendlich war man immer bloss betrunken, oder wieder verliebt in irgendjemanden in weiter Ferne, das ganze wilde Leben war spiessig geworden, weil wir in Muster verfielen, und letztendlich einer Routine hinterherliefen.
Wir zerstritten uns in Rovereto, nachdem wir zwei oder drei Tage mit ein paar Mailänder Gesinnungsgenossen am Gardasee, na was schon, getrunken hatten, und auf Pilzen einander zugeredet hatten, von Abenteuern erzählten und ich war schon des Erzählens müde, schonwieder diese gleiche Geschichte, ich wollte nicht mehr, mich nicht fühlen wie ein Abenteurer der sichselbst wiederkäut, weil alles, was er macht, darin besteht, das selbe Abenteuer Tag für Tag wieder zu erleben. Wir konnten noch einige Jahre in diesem Zweivierteltakt weiterhin Pillen schlucken und diesen Hunger, der uns trieb, mit Traubenschnaps ertränken, wir würden dann irgendwo im Viervierteltakt verenden, ohne jemals etwas dazugelernt zu haben. So sagte ich ihm das und er schien mich nicht ganz zu verstehen. Was denn los sei mit mir, ob ich nun abgehoben werde. Ach was Streit, das war es gar nicht, es war eher völliges Unverständnis füreinander, alsob sich plötzlich ein riesiger Graben auftut, nach all den Jahren der Selbstverständlichkeit, nach all den Jahren des Gefühles, immer alles richtig gemacht zu haben, weil wir eben taten, was wir wollten ohne uns um irgendwelche Konsequenzen zu kümmern oder an die Zukunft zu denken, weil das Leben eben geradeaus ging.

So fuhr ich wieder nach Bozen und er fuhr in den Appennin.

Erst drei Monate später trafen wir einander wieder und mir kam es vor als wären es Jahre gewesen, viele Jahre, wir standen voreinander wie Fremde, ich sagte ihm, ich würde erstmal nach Wien ziehen und dann weitersehen, ich sei das Nichtstun satt, ich wolle Theaterstücke schreiben, oder meinetwegen zum Zirkus und Feuer spucken. Es lag diese Erkenntnis zwischen uns, dass sich unsere Wege ab nun trennen würden, dass wir plötzlich realisierten, dass dieser Schritt vorauszusehen gewesen ist und unweigerlich irgendwann passieren musste, nur, dass wir es nie gemerkt hatten, alle Worte, die wir tauschten, klangen nach Abschied, eine hingenommene Trennung, und dann die dauernden Fragen “wirst du…?” und “glaubst du…?”, als gäbe es noch diese Hoffnung, sich irgendwann wiedermal zu treffen. Als Freunde.
Dann verschwand er für einige Wochen, und als er zurückkam, ergatterte er eine Stelle in einem Obstmagazin – zum Schleppen. Das erste Mal, dass ich ihn arbeiten sah. “Ein bisschen Geld verdienen und im Sommer für ein paar Wochen weg”. Abends sass er in der Kneipe, mit Freunden und trank. Dann zog ich nach Wien.

Er war schon seit etwa zwei Wochen tot, als ich ein halbes Jahr später von der Nachricht erfuhr. Ich war in Brüssel und telefonierte mit einem Freund, der sich aufregte, dass man mich nie erreichen könne, und er hatte mich vorher gewarnt, er habe eine schlechte Nachricht, ich solle mich hinsetzen, oder mich wenigstens darauf gefasst machen, dass ich nachher noch ein Bier trinken müsse um das Ganze besser schlucken zu können. Jürgen sei gestorben, vor zwei Wochen, auf dem Parkplatz des Ex-Monopolio, man habe ihn da mitten auf dem Weg gefunden, er habe im Todeskampf wohl gemerkt, dass es ihm nicht gut ging und noch versucht raus auf die Strasse zu kriechen, da im Licht, wo man ihn eventuell sehen konnte um einen Krankenwagen zu rufen. Als man ihn fand, war er jedoch schon tot gewesen.
Ich wusste erstmal gar nicht was ich sagen sollte, wiederholte mehrere Male ein mmh, und sagte, dass das grosse Scheisse sei, auch dass ich nun ein Bier bräuchte, oder nein, besser einen Whiskey, oder zwei, drei. Auf meine Nachfrage hin, woran er denn überhaupt gestorben sei, sagte der Freund “Überdosis”, was mich sehr wunderte, weil er, das letzte Mal als ich ihn gesehen hatte, nicht den Eindruck machte, dass er wieder mit Junkies rumhängen würde. Aber dem war anscheinend auch nicht so, es schien sein erster Schuss gewesen zu sein, seit damals, und ich müsse ja wissen, seine Leber seit der Hepatitis… die hatte es wohl nicht mehr ausgehalten, ein anderer würde bestimmt überlebt haben, aber er halt nicht. War er schon begraben? Ja klar, draussen Überetsch, das Begräbnis war natürlich die Reinste Heulerei gewesen, die ganze Meute versammelt, auch F., mit der er gerade was angefangen hatte. Was die F.? Ja genau. Wie gehts ihr? Dreckig. Ja, klar, du ich muss jetzt unbedingt was trinken, ich ruf dich in ein paar Tagen wieder an. Ja, ciao.
Ich konnte nicht trauern. Es schien mir fast, als sei das für ihn noch der einzige stilvolle Ausweg gewesen, mit der Alternative in Aussicht, in der Obstfabrik plötzlich auf Sparflamme getaktet, Stück für Stück zu verkümmern.
Vielleicht sagte ich mir das aber auch bloss, um nicht trauern zu müssen, oder einzusehen, dass die Freundschaft zwischen uns vollkommen am Ende gewesen ist, oder gar weil mich manchmal das Gefühl nicht loslässt, dass ich ihn wenigstens nach Wien hätte holen sollen und dann alles anders abgelaufen wäre.

Wahrscheinlich würde er jetzt aber ohnehin nur sagen “dioccane so Scheisse, dass die Tattoos jetzt verfaulen” – und sich über diesen pathetischen Text furchtbar aufregen.

mein Freund der Priester

Vor drei Monaten in Rom, habe ich neben singen und trinken, einen Priester kennengelernt, der trinken konnte wie ein Walfisch in süffiger Laune und fluchen wie ein sizilianischer Mafioso, bei dem jegliche Hoffnung auf ein Weiterleben im Himmel verschwunden war. Nun mag man sagen, dass wir Katholen ohnehin nicht vor Fluchwörtern zurückschrecken und dabei am liebsten mit Wörtern, die heilige Sakramente und allerheiligste Fäkalien enthalten, um uns schmeissen, aber doch bleibt es fragwürdig in meinen Augen, auch wenn man sich nicht weiter darüber den Kopf zerbrechen soll. Und das mit dem Saufen ist nun mal so, dass Mönche und Priester und andere Kuttenträger eben viel Zeit zwischen ora und labora totzuschlagen haben, dass oft nicht viel anderes übrigbleibt als den Wein und das Bier, das aus dem labora gewonnen wird, zu trinken.
Der Priester den ich kennenlernte war ein Südtiroler, was das ganze vielleicht noch um einige Grade verschlimmert. Er war ein Freund meiner Schwester. Als ich sie am Bahnhof Termini abholte, erzählte sie mir, dass wir von dem Priester in ihrer Bleibe ageholt werden würden. Er ginge mit uns essen, in einer Trattoria im Trastevere, auf der anderen Seite des Tibers.
In ihrer Bleibe, ein Kloster, oder bessergesagt, ein Schwesternhaus, das zum Hotel umgebaut wurde, erwartete er uns schon. Er war jung, etwa um die Dreissig. Die Freude war gross, er begrüsste uns mit einem kräftigen Handdruck und einer herzlichen Umarmung und zeigte uns schliesslich das Zimmer. Während ich meiner Schwester mit dem Auspacken des Gepäckes half ging er nach unten um mit einer der Nonnen weiterzuquatschen.
Danach gingen wir los, ach, es sei nicht weit, nur den Hügel hinunter, an der Tiberinsel vorbei, dann über den Fluss ins Viertel hinein. Er zeigte uns die kleinen Geheimnisse Roms, viele Steinhaufen an bedeutungslosen Ecken die Weltgeschichte zu schreiben schienen, verwildete Katzensiedlungen, er wies uns gute Kneipe an und Trattorie die furchtbaren Wein auftischten. Es musste Stunden gedauert haben, es war schon dunkel geworden, vonwegen den Hügel runter, ganze sieben solcher Hügel müssen wir gelaufen sein, als endlich der rettende Tiber hinter einer dunklen Gasse auftauchte, und tatsächlich, ab dem Tiber war es nicht mehr weit. Wir sassen uns hin, bestellten erstmal grosse Biere um den Schweisspegel wieder auf eine akzeptable Höhe zu bringen, und als wir wieder halbwegs schwitzen konnten, machten wir uns über die Menükarte her.
Dann meldete sich die allerkleinste Schwester auf dem Handy, dass der Zug aus Napoli ungefähr zwei Stunden Verspätung haben würde, es würde sehr spät bis sie in Rom sei, ob wir sie trotzdem abholen können. Ja natürlich Schwesterchen, melde dich eine halbe Stunde vor Rom, dann holen wir dich alle ab.
Der Priester war ein grosser Trinker. Das Wort bodenlose Fass will ich mir hier mal verkneifen. Allerdings war er auch ein weiser Denker. Aus hitzigen Diskussionen, in denen ich meine katholischen Kritikpunkte an einen Verteter der Kirche vor den Boden warf, kamen wir zum Ergebnis, dass wir das gleiche dachten, und je betrunkener ich wurde, desto mehr kam mir in den Sinn, mich zum Priester weihen zu lassen, immerhin ist ein Leben zwischen Weintrinken und dem Nachdenken über Gott und die Welt, gar kein schlechtes Leben, die Kutten sind auch schick, und an das frühe Aufstehen würde ich mich mit der Zeit schon gewöhnen. Nur mit dem Zölibat ist das halt so ne Sache, meinte ich. Achja, sagte er und zuckte mit den Schultern, das ist nicht so schwierig, man vögelt halt nicht. Ah genau, man vögelt halt nicht. Ich guckte in die Menge leichtbekleideter Römerinnen auf der Piazza, seufzte kurz und der Priester und ich hoben gleichzeitig das Bierglas.
Eine Viertelstunde später rief die kleinste Schwester wieder an, sie führe gerade am Bahnhof Termini ein, sie habe da was falsch verstanden mit der Verspätung, ob wir sie nicht abholen können. Nein, können wir nicht, das Essen käme jeden Moment, sie solle ein Taxi nehmen und ich würde es bezahlen. Eine halbe Stunde später hielt ein Taxi mit quietschenden Reifen neben unserem Tisch und meine kleine Schwester fiel mir beim Aussteigen fast in mein Teller hinein. Ein teurer Spass so ein Taxi in Rom, was der eine ganze halbe Stunde lang zwischen Termini und Trastevere gemacht hat und wieviele dutzende Hügel der umfahren hat, wollte ich gar nicht mehr wissen. Die Schwester war angekommen und das war das wichtigste. Wir wollten noch ein wenig weiterziehen nach dem Essen, ein paar Gläser Rotwein trinken in ein paar Cafes, aber das gestaltete sich nun etwas schwierig, da die kleine Schwester eine halbe Pferdekutsche voller Gepäck bei sich hatte. Zurückzukehren in das Schwesternhaus war keine Option, wenn wir da wären, war es schon wieder Zeit ins Bett zu kriechen. Aber der Priester wusste Rat, alles sei kein Problem, wir würden an einer Kneipe vorbeilaufen, bei der wir die Koffer und Rucksäcke liegenlassen können und auf dem Nachhauseweg wieder abholen.
Wir machten uns bald auf den Weg. Die Kneipe befand sich gleich um die Ecke. Eine laute, sehr laute Spelunke, aus der mir The Clash draussen schon die Ohren zudröhnten und mich trotz generellen Rauchverbots in Italien, beim ersten Schritt durch die Tür, eine giftige Haschischwolke einräucherte, bei der ich beim blossen hingucken schon stoned wurde. Der Priester trat in die Kneipe ein, grüsste hier ein paar Leute mit Dreadlocks, da ein paar Leute in Lederkleidung die ihm aus der Ferne zuprosteten und erreichte die Theke, wo er erstmal den Kellner, einen etwas verwegenen Punk, begrüsste und dann mit ihm die Sache mit dem Gepäck besprach. Nach kurzem Wortwechsel winkte der Punk uns heran, stellte vier Biere auf die Theke und nahm das Gepäck meiner Schwester an, das er in einem Hinterzimmer verstaute. Alles geregelt.

Im Laufe der Nacht stiegen wir auf Wein um und stiegen anschliessend in das düsterste Rom ab. Als ich mitten in der Nacht, ganz alleine auf dem Fusse einer Säule sitzend, auf den Nachtbus wartete, da ich in einem anderen Hotel übernachtete, fühlte ich mich wie ein Spiesser, der zwar vögelte, aber sonst nicht viel vom Leben vor dem Tod verstand.
Die restlichen Tage war ich zu sehr beschäftigt, um mich nochmal mit ihm treffen zu können, aber bei meinem nächsten Rombesuch lasse ich mich gerne wieder, und dann am liebsten noch viel ausführlicher, von der katholischen LebensTrinkweise belehren.

Ahnengalerie – väterlicherseits (eine Chronik)

Wenn ich in mein Dolomitenkaff zurückkehre, dann trage ich dort nicht meinen richtigen Namen, sondern den langen Namen “Mek dr Bua vem Tunipeater”.
Man soll sich hier nicht von dem nach Adel riechenden “vem” ablenken lassen, obwohl es dort viele Burgen und edle Weintrinker gibt, denn übersetzt heisst mein Name bloss “Mek, der Sohn vom Tuni-Peter”. Peter ist natürlich der Name meines Vaters, und Tuni ist vom Tuniger Bauernhof abgeleitet, aus dessen Schoss mein Vater entstammt. Mein Grossvater hingegen, und das ist verwunderlich, zumal die maskuline Linie immer den Namen des Hofes tragen sollte, ist der Holzer-Blees. Der Blasius vom Holzerhof. Mein Opa war zwar nicht der älteste Sohn der Sippe, sondern der zweitälteste. Als jedoch sein älterer Bruder, der Sepp, als vierundzwanzigjähriger Bursche beim Holzfällen von einem Baum erschlagen wurde, kam mein Grossvater in den Rang des Nachfolgers vom Holzerhof. Er heiratete als dreiundzwanzigjähriger die Juliane vom Tunigerhof, die zu ihm auf den Holzerhof zog, wo sie ihm dann in den ersten paar Jahren drei Kinder gebar. Der Vater meines Grossvaters erkrankte schliesslich, erstellte ein Testament, in dem er “Unter den allerheiligsten Sakramente des Altars” meinem Grossvater den Hof vermachte. Mein Vater kennt den Text dieser Urkunde heute noch auswendig, weil diese Urkunde später so wertlos wurde wie ein Stück Papier mit dem man die Holzklötze im Ofen zum brennen bringt. Der jüngste Bruder meines Grossvaters, der einige Wiesen und Waldstücke erbte, heiratete eines der Schliffbacher Mädchen. Die Schliffbacher war eine der eher wohlhabenden Bauernfamilien, und er übernahm somit den Hof, den seine Frau nach dem Tode des alten Schliffbachers erben würde.
Die “Alte Schilffbacherin”, wie sie heute noch in meiner Sippe genannt wird, war ein böses Weib, das wurde ihr des öfteren nachgesagt, und wenn Boshaftigkeit und Einflussreichtum zueinander geraten, dann kommt meistens nichts gutes dabei heraus. Bei der Alten Schliffbacherin muss das wohl der Fall gewesen sein.
Der drittälteste Bruder meines Grossvaters war der Luttl. “Einer der nicht heiraten wird”. Nicht ein frommer Mann, der vielleicht für das Kloster in Frage käme, dafür war er zu einfältig, vor allem war er aber nicht sonderlich von unsittlichen Gedanken befreit. Ein schwuler also. Auch wenn man das nicht so sagte, und ich auch heute noch erschreckte Gesichter ernte, wenn ich dieses Wort so direkt auspreche, wenn ich nach der Ahnengeschichte frage. Der Luttl war halt so einer, der es zu nichts brachte. Natürlich bekam er auch einige zum Hof gehörende Wiesen, oder ein Waldstück hier und da,blieb jedoch auf dem Holzerhof, als Knecht meines Grossvaters, der der wahre Holzerbauer war. Den Holzer Luttl traf man aber öfter im Wirtshaus an, als auf den Feldern seines Kostgebers und war auch sonst kein allzu eifriger Geselle.
Im Hintergrund schmiedete die Alte Schliffbacherin jedoch schon dunkle Pläne. Man weiss bis heute nicht genau, inwiefern der jüngste Bruder meines Grossvaters, der nun Schliffbacher war, von diesen Plänen wusste und inwiefern er darin mitgewirkt hat, jedoch tauchte drei Jahre nach dem Tode des alten Holzerbauers ein neues Testament auf. In dem Testament wurde besagt, dass der gesamte Holzerhof, mit Ausnahme einiger Wiesen und Waldstücken, dem Luttl zustünde. Das Testament wurde zur Prüfung ins Gemeindehaus gebracht, dort als wahrhaftig erklärt, und der Besitz kurzerhand umverteilt. Inwiefern mein Grossvater sich dagegen gewehrt hatte weiss heute niemand genau zu sagen, es muss für ihn jedoch schon von vorneherein ein aussichtsloses Unternehmen gewesen sein, sich in die bürokratischen Gefilde des Vetternwirtschaftlichen Gemeindeshauses vorzudringen, da er erstmal, ganz anders als die Schliffbacherin, weit draussen und entfernt vom Dorf, seine Existenz betrieb und nicht über den Einfluss des alten bösen Weibes verfügte.
Er wurde jedoch auch nicht mehr als Knecht seines Bruders geduldet, sondern samt Frau und drei Kindern, kurzerhand vom Holzerhof vertrieben. So wurden sie von der Familie meiner Grossmutter aufgenommen, von den Tunigern. Die Tuniger waren eine grosse Sippe, zwölf Kinder und ziemlich ärmlich, obwohl deren Hof etwa 200 meter tiefer, unterhalb des Dorfes auf einem sonnigen und furchtbaren Fleckchen stand. Der Grund war halt zu klein und die Familie zu gross. Es gab bei den Tunigern ohnehin schon Verteilungsschwierigkeiten, und man ist schon froh darüber gewesen, dass die Juliane keine Ansprüche mehr am Besitz der Tuniger Ländereien erheben würde, da sie ja nun Holzer Bäuerin war, jetzt war sie aber zurückgekommen, samt mittellosen Mann und drei Kindern. Der Tunigerhof bestand jedoch aus zwei Gebäuden plus einem Stall, und so bekamen Blees und Juliane das zweite Geschoss des oberen Gebäudes zugewiesen. Auf Erbschaft musste Juliane verzichten, es wurde ihr aber Wohnrecht bis zum Ende ihres Lebens zugesagt.
Blees und Juliane schafften sich vier Kühe an, die sie, auf der einzigen Wiese die Blees geerbt hatte, die weit weg, oberhalb des Dorfes lag, grasen liessen. Weitere Kinder wurden geboren, und deshalb bekamen sie alle den “Tuni”-Zusatz in deren Namen. Das Geld reichte natürlich nirgendwo, von der Milch der vier Kühen konnte man keine achtköpfige Familie ernähren, und nach dem sechsten Kind hörten sie auch auf, weitere zu zeugen. Bis sechs Jahre später, der Pfarrer höchstpersönlich, beim Blees und der Juliane auf ein paar Scheiben Speck und einem Glas Wein einkehrte. Er tadelte ganz furchtbar, wie es doch sein könne, dass da keine Kinder mehr nachkämen. Er äusserte den Verdacht, dass sie sich lediglich der fleischlichen Lust hingäben, ohne an die Zeugung zu denken, ein Sündenfall also. Laut mundlichen Überlieferungen meiner Tanten, die die Gespräche durch die löchrigen Holzwände heimlich mithörten, weil sie aus der Stube geschickt wurden, versicherten der Bless und die Juliane, dass es bloss ein jämmerlicher Zufall sei, das Geld eben knapp und das Haus viel zu klein, man hätte andere Sorgen als sich der fleischlichen Lust hinzugeben. Ein Jahr darauf kam mein Vater zur Welt. Der Tuni-Peater.
Erst einige Jahre später endete die Misere meiner Familie, als nämlich die Gemeinde beschloss eine Schule zu bauen. Mein Grossvater beteiligte sich am Bau der Schule und blieb dann bis zur Pensionierung Angestellter in der Firma, die eigens für diesen Bau gegründet würde. Diese übernahm auch später alle möglichen Aufgaben, vom Strassenbau bis zum Bau des neuen Gemeindehauses und der Holzer Blees erhielt somit ein ordentliches Gehalt mit dem er endlich vom Tunigerhof wegziehen konnte, weil sie dort, da von den Geschwistern meiner Grossmutter unerwünscht, missgünstigen Streitereien ausgesetzt waren. Und alles nahm ein halbwegs gutes Ende.

Der Holzerhof wurde einige Jahre nachdem man Blees des Hofes verwiesen hatte, vom jüngsten Sohn der alten Schliffbacherin übernommen und der Luttl bekam Wohnrecht auf Lebzeiten. Auch einige Wiesen oder Waldstücke bekam er, die er verpachtete, damit er weiterhin ins Wirtshaus gehen konnte und seine Lebenstage nicht auf den Wiesen abschuften musste.

Berlin

Als ich ‘93 nach Berlin zog, war ich achtzehn und hatte einige Monate vorher im Streit das elterliche Haus verlassen, weil ich nun eben achtzehn war und endlich dieses magische Alter erreicht hatte, das mich auch gesetzlich für mich selbst verantwortlich machte. Gesetzlich für mich selbst verantwortlich, das klang ähnlich wie Freiheit, nur besser. Und so entledigte ich mich aller Unfreiheiten, brach die Lehre ab, brach alles ab, das Band zu den Eltern, und nahm in jenem Sog auch gleich die Freundschaften mit, die schon länger keine Freundschaften mehr waren.
Ich wohnte mit einem Freund in seinem rostigen Ford Fiesta auf einem Parkplatz in Bozen, wo früher mal ein besetztes Haus gestanden hatte, das einzige das Südtirol jemals zu Gesicht bekam, das Ex-Monopolio. In den frühen Achtzigern als Terroristenhochburg verschrien, wobei es eigentlich bloß eine kurzlebige, kreative Aktion eines kulturellen Dachverband ohne Dach war, ein Projekt, das sich selbst innerhalb eines Jahres ausverkauft hätte, wenn es nach zwei Monaten nicht geräumt worden wäre, weil in den Bergen damals, und vielleicht auch heute noch, die Zeit für einen kulturellen Umsturz einfach nicht gegeben war. Aber seit der Räumung und anschließenden unmittelbaren Abriss, klaffte da diese Baulücke seit Jahrzehnten so vor sich hin, während die Landeshauptstädtler ihre Autos dort parkten, weil sonst ja nur Unkraut wuchern würde. Dieser neue Parkplatz war schließlich mitten in der Altstadt. Nur nachts, ließ man das Auto da besser nicht stehen, weil dort die Junkies in den ausgebrannten Wagen schliefen und die Ratten dort hausten, weil es keinen Asphalt gab, sondern nur die Erde, und den plattgefahrenen Schutt des früheren Gebäudes, so dass es immerfort staubte, und wenn es regnete war der Ort eine einzige Pfütze.

Ich ließ mich treiben, meine Lehre hatte ich abgebrochen, weil, was wollte ich schon in der Druckerei, wenn die Revolution da draußen irgendwo lauerte. Nicht in Bozen natürlich, sondern da draußen hinter den Bergen, im fernen Deutschland, wohl in Berlin, da wo die Bilder von den brennenden Barrikaden herkamen. Meine Lehrer hatten meinen Eltern früher immer nahegelegt ich solle doch studieren, erstmal in die Oberschule, die Matura absolvieren, und dann würde mich die Lust am Lernen schon ergreifen. Ich hätte ja viele Fähigkeiten und zeige überaus großes Interesse an Erdkunde, Geschichte und Sprachen. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, mich mit einem großen “Genügend” auf dem Zeugnis von der Pflichtschule zu schicken, mit dem verblümten, schriftlichen Verweis, ich tauge nur für die Arbeitswelt.
Vielleicht hatten sie bloß die Schnauze voll von mir, weil ich ihren Motivationsreden nicht zu folgen gedachte. Mag sein.
Aber auch in der Arbeitswelt wurde ich nicht glücklich. Als sich meine Haare erst weiß, dann grün verfärbten, rief mich schließlich der Geschäftsführer meiner Lehrstelle ins Büro und legte mir nahe, dass er etwas gegen meine Haarfarben unternehmen müsse, dass das so einfach nicht ginge, dass er mich vor den Kunden verstecken müsse, falls mal einer durch die Fabrik lief. Zwei Stunden später reichte ich meine Kündigung ein.
Und so verbrachte ich meine Tage im Ford Fiesta, las Baader-Meinhof-Komplex und Nietzsche, betrank mich abends auf dem Walterplatz, oder wir machten Wohnungsparty mit ein paar Freunden im Ford Fiesta, zu Ton Steine Scherben und Slime.

Bis der Freund und ich beschlossen nach Berlin zu fahren. Er hatte ein Jahr vorher, beim Äpfelpflücken ein paar Berliner kennengelernt und seitdem waren diese Bekannten aus dem hohen Norden immer wieder ein Thema gewesen, als ob man etwas Gutes in Aussicht hätte, woran man sich in schlechten Zeiten festhalten kann. Man hatte Bekannte in Berlin, das war etwas Wertvolles, das war mir mehr Wert als verliebt zu sein.

An einem Mittwochmorgen, oderso, nach dem letzten Tag seines Zivildienstes, drehte er nach dem Aufwachen, anders als sonst den Schlüssel um und wir gingen eine zwölfstündige Autofahrt an. Wir hörten deutschen Punkrock, tranken ausnahmsweise mal keinen Rotwein aus der Flasche, sondern Wasser, oder Cola, weil es sich bei solch großen Abständen nicht empfiehlt betrunken am Steuer zu sitzen, weil man schließlich nicht bloß auf einer Landstraße von einem Berg herunter auf den nächsten hinauf fuhr, sondern auf der Autobahn, auf der Autobahn nach Berlin, und das war eben wie aufregend, wie früher Urlaub ans Meer, oder halt hinüberfahren in eine andere Welt, Aufbruch in eine bessere und schlechtere Welt. Schon ab dem Brenner schien die Welt sich zu verändern, wenn man Berlin in Aussicht hatte. Die Berge wurden immer kleiner. Irgendwann waren wir in Deutschland und bloß noch Hügel um uns herum, bis dann auch das lang ersehnte Flachland kam. Und Rio Reiser sang aus den blechigen Lautsprecherboxen des schwarzen Ford Fiestas.
Mein Freund wollte bloß eine Woche bleiben, deshalb legte ich ihm gleich schon nahe, dass ich nicht daran dachte, mit ihm zurückzufahren, sondern erstmal in Berlin zu bleiben. Weil ich weg musste, weil ich in den Bergen gerade nichts verloren hatte, weil ich mich eingeschränkt fühlte, weil ich andere Ideen darüber hatte wie ich mir die Welt und die Welt um mich herum gestalten wollte. Ich wollte keinen vorhersehbaren Lebenspfad durchlaufen, ich wollte mich auf kreativer Art und Weise durch das Leben schlagen.

Dann tauchte irgendwann, schon spät in der Nacht, diese riesige Stadt auf. Erst viele Autobahnkreuzungen, mit Schildern nach links und nach rechts, nach Berlin-Wannsee, nach Berlin-Neukölln, Berlin-Pankow, Berlin-Moabit, Berlin-Mitte, Berlin-Lichtenberg, dieses Berlin hatte viele Herzen die schlugen, und viele Adern, durch denen wir uns bald treiben liessen, ja schon auf der Autobahn, wo ich nur die Schilder gesehen hatte, trieb ich schon durch einer dieser Adern. Dahinter pulsierte irgendwo dieses Berlin mit seinen vielen Herzen, das mich gerade aufzusaugen schien, weil ich seinem Gravitationsfeld schon ausgeliefert war, und die Lichter der vorbeiziehenden Häuser mich schweigend begleiteten auf den Weg in das immer lauter schlagende Mittelherz. Mein Freund und ich wir schwiegen. Andächtig beobachteten wir wie die Stadt uns aufnahm und uns den Weg zum Ziel wies.

Ich hatte nie das Gefühl, wirklich angekommen zu sein, auch nicht, als wir tatsächlich am Ziel waren, in der Dunckerstraße ausstiegen und mein Freund mir sagte, dass er die Hausnummer gar nicht genau wisse, irgendwas mit siebzig, in einem Hinterhof. Ich wollte gar nicht ankommen sein, ich suchte einfach nach dem richtigen Haus, als ob es der nächste Schritt auf der langen Reise wäre. Ich mochte die spärlich beleuchtete Straße, die verlotterten Häuser, die offenen Tore durch die man in dunkle, verwilderte Hinterhöfe kam, wo dann noch ein weiteres Haus stand, das in der Nacht noch viel verwahrloster aussah, wir liefen durch die schlecht beleuchteten Treppenhäuser, auf der Suche nach einer Klingel mit dem Namen des Bekannten, von Stockwerk zu Stockwerk, jede Tür war anders, die eine beklebt mit hunderten Aufklebern, die andere schwarz angemalt, eine zugenagelt, eine andere Rot, AntiFa-Sticker, Parolen, aufgesprühte Sprüche, dann ein weiterer, noch weiter dahintergelegener Hinterhof, meistens hörte man irgendwo Musik, ohne genau zu wissen woher sie kam, die Stadt war wie ein riesiger und geheimnisvoller Organismus, voller Details und Bilder.
Schließlich fanden wir ein paar Häuser weiter die richtige Tür, wurden herzlos, jedoch freundlich empfangen als ob wir die Nachbarn von nebenan wären, eine Wasserpfeife mit Haschisch wurde uns vor die Nase gestellt und die anwesenden Leute sprachen mit uns und alles ging in Nebel auf.

Und der Nebel blieb, die ganzen nächsten Tage, Wochen, Monate. Wir wurden gleich in den Freundeskreis aufgenommen, ich konnte manchmal gar nicht wirklich sprechen, so sehr war ich immer noch auf Reisen. Und die Menschen kamen mir alle so weise vor und hatten alle so viel erlebt, sprachen eine Sprache die zwar dieselbe war wie meine, die aber so viel schöner und bestimmter floss, als meine Sprache die nach Bergen klang und sich anhörte wie ein verkrampfter Versuch, ebenso eine selbstverständliche Gelassenheit anklingen zu lassen. Ich habe diese warme Arroganz, wie ich sie damals empfand, nie imitieren können, so sehr ich mich auch angestrengt habe. Ich hörte einfach nur zu, auch wenn sie von Kalle und Motze sprachen, die ich alle nicht kannte, und ich dem Erzählten eigentlich gar keine Beachtung schenkte, sondern bloß den Klängen horchte und dem Nebel nachschaute. Das waren keine Hippies, wie sie bei uns in den Bergen waren, die sich herrichteten um so auszusehen wie sie eben aussahen, nein, das waren Leute die schmutzige Kleider hatten, weil sie keine Waschmaschinen besaßen und nur einmal alle heilige Zeiten die ganze dreckige Wäsche packten und zum Waschen brachten. Das Leben klebte ihnen regelrecht an der Haut, und die Wohnungen waren nicht geschmackvoll eingerichtet, sondern hatten sich im Laufe der Zeit von alleine geformt, zu dem was sie geworden waren, eine wilde Ansammlung von ungebrauchten Gebrauchsgegenständen die sich weiterformten mit der Zeit, ohne dass dem jemand wirkliche Aufmerksamkeit schenkte, wie ein Wald meinetwegen, der auch nur eine Symbiose von wachsen und absterben ist.

Mein Freund verließ die Stadt nach einer Woche und ich übernahm die Wohnung eines verwahrlosten Punks in der Marienburgerstrasse, der die Stadt oder das Land verlassen musste, da er irgendwas angestellt hatte, ich weiß nicht mehr was, und wohin er gehen würde, das wusste auch niemand. Ich habe ihn seitdem auch nie mehr gesehen. Einen Schlüssel hatte ich nie bekommen, die Tür hatte gar kein Schloss, weder die Haustür, noch die Wohnungstür. Die Wohnung wurde mir schlichtweg mündlich übergeben. Jeder schien diese Art von verlotterten Wohnungen zu haben. Ein großes Zimmer, eine Küche, und ein Gemeinschaftsklo im Zwischengeschoss. Ich habe nie nachgefragt wem die nun gehörten, oder wieviel man dafür Miete bezahlte. Sie waren einfach da und die Wohnungen boten Platz.

Auch wenn ich nun eine Bleibe hatte, die ich etliche Monate benutzen konnte, hielt ich mich kaum darin auf. Höchstens zum Schlafen, wenn ich Nachts noch genug Kräfte hatte, mich nach Hause zu schleppen, sonst blieb ich einfach dort liegen, wo ich hingefallen war, auf einer Party, bei einem Bekannten, oder sonstwo. Das machte jeder. Die Wohnung war eine regelrechte Müllhalde gewesen als ich sie übernommen hatte. Natürlich kam ich nicht auf die Idee sauberzumachen. Ich dachte einfach das wäre gut so, Chaos war ja überall und, dass der Vormieter einen Eimer voll Fäkalien in der Küche stehen hatte, war bestimmt in Ordnung. Zwar fand ich es etwas ärmlich von ihm, dass er nachts nicht in die geteilte Toilette ins Zwischengeschoss laufen könne um seine Ausscheidungen loszuwerden -das waren schließlich nur ein knappes Dutzend Stufen- aber ich fand es auch nicht schlimm, so war das halt, man ließ jeden tun was er tun wollte, und weil die Küche sowieso ein ekliger Ort war, von faulenden Speisen und generellem Abfall übersäht, mit Insekten und komischen Verfärbungen die sich über Herd, Schrank und Boden hinzogen, deshalb also ließ ich die Küche eben Küche sein. Ich glaube ich habe bloß zweimal die Küche betreten, einmal zur ersten Begutachtung und das zweite Mal, als ich ein Messer suchte um mir ein Brötchen zu schmieren. Was ich jedoch in der Schublade vorfand, verdarb mir jeden Appetit, worauf ich einfach die Tür hinter mir zuzog und mich dem Besuch im Schlafzimmer zuwandte.

Das Brandenburger Tor habe ich nie zu Gesicht bekommen, ich wusste gar nicht was das war. Jetzt im Nachhinein betrachtet, kannte ich es natürlich schon, das steinerne Gebäude mit den vielen Säulen und irgendwas mit Engeln oder anderem Geflügel obendrauf, da wo ein großer Bogen Mauer drumherum gebaut war, was man manchmal auf Fotos oder Postkarten sah. Nur, wo das stand, das hätte ich nicht sagen können. Berlin war für mich die Stadt der Feuer und der angemalten Fassaden, nicht des Brandenburger Tores. Ebensowenig hatte ich eine Ahnung vom Reichstag. Allerdings hatte ich die Gedächtniskirche am Kurfürstendamm zu Gesicht bekommen. Nicht dass ich gewusst hätte was das war, aber sie gefiel mir ganz gut, nachdem mir meine Begleitung im Vorbeigehen erklärte, dass diese Kirche den Krieg gedenken sollte. Ich mochte die Tragik die von der Kirche ausging, wie sie da stand, ganz verrußt und der feinen Schnörkeln entledigt. Aber der Großteil des Westens der Stadt, vor allem um den Kudamm herum, erregte bei mir Widerwillen, und wir liefen dort nur vorbei, weil wir da irgendetwas, das ich schonwieder vergessen habe, zu erledigen hatten.

Bis auf diesen einmaligen Besuch des Kudamm, der umliegenden Gegend, und einige Ausrutscher nach Kreuzberg („Ihr kriegt und hier nicht raus! Das ist unsa Haus!“), habe ich den Osten der Stadt -also Prenzlauer Berg, Mitte und Friedrichshain- gar nie verlassen. Vielleicht weil der Osten der Stadt in den ersten Jahren nach der Wende viel aufregender war, oder jedenfalls kam es mir so vor, ich weiß es nicht sicher, ich habe den Vergleich nicht, aber es gab keinen Grund in den Westen zu verreisen, wenn ich ganze Nächte auf dem Helmholtzplatz in Gesellschaft und mit ein paar Schultheiss verbringen konnte, während oben, im niemals dunkel werdenden Himmel über Berlin, die paar Sterne, die hell genug waren, um die Dunstglocke und Lichter der Stadt zu überstrahlen, vor lauter Hasch und LSD, hin und her tänzelten. Wenn es regnete oder kalt war, dann ging man mit dem tagsüber erlotterten Geld in die Schliemannkneipe in der Schliemannstrasse —die heute, dem Zeitgeist gemäß Schliemanncafe heißt— und kaufte sich einen doppelten Whiskey für 2,50 Mark. Da gab es auch eine Kellnerin, die immer den Eindruck machte, als ob sie sich jedesmal über meinen Besuch freuen würde, und mir oft ungefragt einen Whiskey einschenkte, vor allem wenn ich verdattert dreinguckte. Jedoch, sobald ich mir ein paarmal meine Schüchternheit vom Leibe getrunken, und versucht hatte, ihr in einem Gespräch etwas näher zu kommen, entgegnete sie mir immer mit einer so abweisenden Kälte, dass ich gleich einen Schnaps nachgiessen musste, um sämtliche schockgefrorene Organe in meiner Brust wieder zum Auftauen zu bringen.

Meine zwanzig Mark, die ich bei meiner Ankunft in Berlin bei mir hatte, waren natürlich schnell aufgebraucht, auch wenn das Bier und das Leben billig war. Aber Geld spielte damals keine Rolle. Das war bloß ein Mittel, sich ein Getränk in der Kneipe zu leisten, oder sich was warmes zum Essen zu beschaffen. Das kalte Essen ließen wir im Supermarkt in tiefe Innentaschen der Jacke verschwinden. Ich hatte mir vorgenommen, kreativ zu sein beim Anschaffen von Geld, ich wollte auf dem Alexanderplatz Musik spielen, oder mit ein paar Freunden irgendetwas ausdenken, ein Theaterstück, oder sonst etwas mit Kunst. Aber mein Leben in Berlin ging in einer steilen Linie sehr schnell bergabwärts, und so fand ich mich schon nach wenigen Wochen, nachts auf dem Rosa-Luxemburg-Platz zurück, wir einen einsamen, betrunkenen Naziskinhead, der an der Straßenbahnhaltestelle sitzend auf seine Bahn gewartet hatte, die Brieftasche aus der Bomberjacke prügelten. Mit Schlägen wurde nicht gespart, man wusste genau, dass er das in der umgekehrten Situation auch machen würde. Jedenfalls redete man sich das ein. Dass wir dadurch nur zu noch mehr Hass und Verfeindung ankurbelten war uns egal, falls wir überhaupt daran dachten. Das Glatzenklatschen wurde zum regelrechten Sport. Ich befreundete mich mit einigen Hausbesetzern aus dem Friedrichshain, die gewisse Strassen kannten, wo sich die Nazis sicher wähnten und daher auch vereinzelt bewegten. Dort lauerten wir ihnen auf. So ähnlich muss sich wohl das Jagen auf wilde Tiere anfühlen, wie wir da springgestiefelte Bomberjacken durch Seitenstraßen, Hinterhöfe und Treppenhäuser hetzten. Ich muss heute noch an das Bild dieses einen Naziskins denken, dieses Bild, das mich noch lange verfolgte, wie er zusammengekauert in einer Ecke unter der Treppe saß, seinen Hände zitternd über den Kopf gelegt und wimmerte, dass er kein Nazi sei, sondern bloß ein Fußballfan, wir sollen ihm doch nichts tun. Aber wieso sollten wir ihm auch glauben, wenn wir gar nicht glauben wollten. Überdies begleitete uns zweifellos das Gefühl, etwas Gutes für die Welt zu tun. Vor allem sah ich mich in meinen Taten regelmäßig bestätigt, in einer Nacht beispielsweise, als ich nichtsahnend die Prenzlauer Allee überquerte, auf der anderen Straßenseite eine Gruppe Bomberjacken mit Hunden stehen sah, und ich dann hinter mir, laute, unverständliche Rufe hörte. Ich drehte mich daraufhin um, und sah an der Currywurstbude weitere Bomberjacken in meine Richtung blicken. Die Gruppe auf der anderen Straßenseite kam auf mich zu und die anderen legten ihre Currywurst beiseite und taten dasselbe. Von dem Moment an kann ich mich nur noch erinnern, dass ich lief und lief, und jedesmal wenn ich mich umdrehte, sah ich Hunde und große, glatzköpfige Männer mit schwingenden Knüppeln. Das Patrouillieren solcher Schlägertrupps in voller Ausrüstung war damals keine Seltenheit, aber es geschah nicht oft, dass sie bis zum Prenzlauer Berg vordrangen. Ich hatte Glück, dass es damals eine verlassene Tankstelle an der Ecke Wisbyer Str. / Prenzlauer Promenade gab, die völlig mit Gebüsch und hohem Unkraut zugewachsen war. Ich schmiss ich mich ins Gebüsch und blieb selbst von den Hunden unentdeckt, obwohl ich vor lauter Angst und Dreck am Leib, aus hundert Metern Entfernung gestunken haben musste.

Des Geldes wegen waren Nazis eine schlechte Beute. Höchstens auf deren Bankkarten gab es vielleicht Geld, aber das fanden wir nie heraus, obwohl wir so naiv waren und immer die Karten in den Automaten schoben und anhand von Vermerken auf Notizzetteln in der Brieftasche, glaubten, den Code entschlüsseln zu können. Alles was blieb, war, dass wir sabbernd vor dem Bankomatenbildschirm verschiedene Nummern eingaben, bis nach dem dritten Versuch die Karte gesperrt blieb.
Es war ein Hin und Her von jagen und gejagt werden, bis auf ein einziges Mal, bei dem es nach regelrechter Razzia aussah. Ich betrat ohne böse Vorahnung einen Dönerladen in der Dunckerstraße, und trippte völlig auf LSD vor mir her, setzte mich in eine Ecke und wartete auf das Essen, als ich plötzlich durch eine einfallende Fensterscheibe aus meinen Träumen gerissen wurde. Als ich meine Augen soweit hinbekommen hatte, dass sie halbwegs naturgetreue Farben und Formen widergeben konnten, sah ich, wie fünf Nazis mit langen Baseballkeulen das Lokal erstürmten.
Einer davon drosch gleich auf den Türken ein, der ganz vorne beim Fleischspieß mir mein Essen zubereitete und —obwohl er ein langes Messer in der Hand hielt— sich bloß duckte, und seine Arme, samt Messer zum Schutze über sich hielt. Trotz Drogen begriff ich sofort, was geschah, vielleicht war es eine Art Instinkt, den ich mir mit der Zeit angeeignet hatte und der bei Glatzköpfen sofort auf Automatismus schaltet (später als ich nach Holland zog und dort die Mode des glatzköpfigen Techno-Gabbers aufkam, brauchte ich Jahre, um nicht jedesmal einen Herzstillstand zu bekommen, wenn ich nachts auf Gruppen von denen stieß) mein Herz schien jedenfalls für einen Moment stillgestanden zu haben, ich glaube, ich schlotterte von oben bis unten und nahm schließlich die Beine in die Hand. Wie ich aus dem Laden herauskam — ich weiß es bis heute nicht. Ich lief einfach los, auf den Eingang zu, vor dem sich die glatzköpfigen Schränke aufgebaut hatten, und stand plötzlich unversehrt draußen vor dem Lokal. Ich rannte weiter in eine Kneipe in der Stargarder Straße, die ich manchmal besuchte, weil dort ein oft ein Mann saß, der mich für wenig Geld tätowieren wollte, und wo ich wusste, dass es dort Leute gab, denen die Nachricht von schlägernden Nazis in der Dunckerstraße sehr zu Herzen gehen würde. Viele der Anwesenden eilten daraufhin sofort zu Hilfe. Aber es waren schon weitaus mehr Leute alarmiert gewesen: ich konnte mehrere Gruppen an der Kreuzung mit der Dunckerstraße sehen, die sich in Richtung Süden bewegten. Wahrscheinlich war die Schlägerbande schon seit einiger Zeit unterwegs gewesen. Ich war mit mir selbst völlig überfordert nach diesem Zwischenfall. Das LSD spielte den ganzen Rest der Nacht grausame Spielchen mit mir, Verfolgungswahn, jeder Mensch den ich begegnete schien glatzköpfig zu sein, und selbst zurückgezogen in der Wohnung eines Freundes, bei dem ich angeklopft hatte weil ich mich nicht alleine nach Hause traute, erschien mir jedes Geräusch außerhalb des Hauses in Verbindung mit unmittelbar angreifenden Rechtsradikalen zu stehen.
Ich weiß nicht mehr was mit den Nazis in jener Nacht noch weiter geschehen ist. Ich hatte nie mehr nachgefragt weil es mich eine ganze Zeit lang nicht interessierte. Mein Horrortrip in jener Nacht hallte noch lange nach.
Es war das letzte Mal, dass ich LSD genommen habe.

Tagsüber saßen wir auf dem Brunnen vor dem Kaufhof am Alexanderplatz herum -dort wo ich ursprünglich eigentlich Musik machen wollte, wozu aber inzwischen jegliche Motivation fehlte- und schnorrten die Leute um Geld an. Der Plan, mich kreativ durchs Leben zu schlagen, war schon lange missglückt, bevor ich es überhaupt ahnte, wie das halt so ist, wenn man sich treiben lässt und keinerlei Antrieb hat.
Inzwischen war ich zusammen mit einem Freund, der sich bei mir in der Marienburger Straße einquartiert hatte, in eine andere Wohnung an der Prenzlauer Promenade umgezogen, das Haus neben der rettenden Tankstelle damals, eine Einzimmerwohnung die wieder von einem Bekannten, der für unbestimmte Zeit verreist war, hinterlassen wurde. In kurzer Zeit wohnten wir in jener Wohnung zu siebt oder acht, zusätzlich einiger Hunde. Das waren keine Freunde, sondern bloß irgendwelche Bekannte, die bei uns hängengeblieben waren, weil wir uns wenigstens darum kümmerten, dass wir Trinken, Kippen und Hasch in Hause hatten. Das macht Freunde. Der Eimer am Morgen ließ sie für den Rest des Tages schweigen und deshalb bemerkte ich sie auch nicht weiter, wodurch es mir auch nicht auffiel, dass ich mich daran hätte stören können. Bei mir vernebelte der Eimer am Morgen und der Eimer zu Mittag und alle Joints dazwischen lediglich meinen Tatendrang. Der Tag fing immer später an, und im Herbst wurden die Tage, sodass es plötzlich auch keine Möglichkeit mehr gab, sich beim Supermarkt ein paar Marken zu erschnorren, weil alles schon geschlossen war.

Im Friedrichshain holte ich mir dann die Schleppscheiße. Eine Krankheit von der ich bis heute noch nicht ganz genau weiß woher sie kommt und was sie nun genau verursacht. Es hat irgendwas mit Vitaminmangel zu tun, scheint aber auch ansteckend zu sein. Weil Mädchen mit Schleppscheiße, die küsste man nicht. Dass es auch ohne küssen ging, merkte ich, nachdem ich in einer wüsten Bruchbude die Nacht neben einer jungen Frau verbrachte, die mich zwar nicht weiter interessierte, mich aber vor einer Nacht, auf der mittlerweile kalt gewordenen Straße, verschonte und mich mit ins Bett nahm. Einige Tage darauf bekam ich an meinen Handgelenken Eiterflecken. Ich hatte da sowieso schon kleine Wunden, die ich von Mercedessternen bekam, die wir abbrachen, den inneren Stern herausschlugen und den übriggeblienen Kreis als Armreifen trugen. Meine Haut reagiert allergisch auf Mercedessterne, eine Reaktion auf die ich damals mächtig stolz war. Heute nennt sich das ganz langweilig: Nickelallergie. Und da müssen sich wohl die Schleppscheißviren oder -Bakterien oder welche Monster auch immer, sich eingenistet haben. Die Wunden wurden schnell größer, bald waren auch meine anderen Mitbewohner davon befallen.
Im Friedrichshain gab es damals eine Art religiöses Jugendhaus, in dem man Kickern konnte und wo sie einen auch wegen Schleppscheiße versorgten.
Man behandelte mich und ich nahm dort auch meine erste Berliner Dusche. Und auch die Letzte.

Immerhin gab es in diesem abwärtsführenden Schacht einen kurzen Lichtblick. Das war auf dem Rückweg aus dem Friedrichshain, als ich von einer Hardcoreparty in einem militanten, besetzten Haus in der Kinzigerstraße, die K9, in das ich vielleicht bald einziehen konnte, zurückkehrte, und ich mich mit zwei jungen Punketten und einem verwilderten Kerl von der Party in der S-Bahn vorfand. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, warum wir zusammen in der Bahn saßen. Vielleicht weil ich das eine Mädchen hübsch fand und ich mich in irgendetwas reingeredet hatte. Es geschah dann etwas, mit Polizei oderso, und wenn ich versuche die Geschichte zu rekonstruieren, dann waren es vielleicht auch bloß uniformierte Kontrolleure der BVG. Es entstand jedenfalls verbaler Streit, dann hielt die Bahn überraschend schnell im nächsten Bahnhof, und wir stürmten Hals über Kopf aus der Bahn heraus. Der verwilderte Kerl wurde festgenommen und wie sich in Nachhinein herausstellte, saß er anschließend 48 Stunden in Untersuchungshaft. Außerhalb des Bahnhofes, in Sicherheit, lieferten sich die beiden Punketten eine aufgeregte Diskussion, eine davon schien mit dem Kerl liiert zu sein und machte sich große Sorgen, vor allem weil sie jetzt keinen Schlafplatz hatten, sie kamen ja aus Bayern und Hessen und wussten deshalb nicht wohin. Ich bot ihnen einen Schlafplatz an, aber die Liierte wollte davon nichts wissen. Die andere hingegen, glücklicherweise jene die ich hübsch fand, schien einem Bett sehr zugeneigt zu sein. Die Diskussion der beiden artete bald zum Streit aus und schließlich ging die Hübsche mit mir mit. Das war der Lichtblick. Dass sie die restlichen Wochen noch bei mir blieb, hätte eigentlich auch ein Lichtblick bleiben sollen, wurde aber bloß ein trüber Abschnitt meines abwärtsfließenden Flusses. Sie war faul, saß den ganzen Tag mit den anderen bei mir im Zimmer herum, und langsam assimilierte auch ich mich, rauchte den Eimer um zu schweigen, raffte mich aber wenigstens dazu auf, fast jeden Dienstag und Donnerstag zur Suppenküche für Obdachlose in der Wollankstraße zu fahren, damit ich wenigstens noch was warmes zwischen die Kiefer bekam. Aus welchem Grund auch immer, es war immer noch genügend Bier zuhause, damit man einen betäubenden Rauschpegel aufrecht erhalten konnte, weil das ganze Kiffen nur die Nerven aufrauhte und zu lästigen Streitereien führte, bei denen sich jeder im Recht fühlte, jedoch nie richtig etwas ausgeredet wurde, sondern sich bloß tagelang anknurrte, weil man für tiefere Versöhnungsgespräche einfach zu abgestorben war. Mit der Zeit verschwanden die meisten der einquartierten Leute bei mir, weil sich niemand mehr um das Trinken der anderen kümmerte, sondern alles eine trübe Gesellschaft geworden war.

Irgendwann wurde tiefer Herbst, die Wohnung kalt und mir fiel auf Grund der fehlenden Heizung nichts ein, was ich dagegen unternehmen konnte. Auch konnte ich mich nicht dazu aufraffen, in eine andere Wohnung zu ziehen. Wirkliche soziale Kontakte pflegte ich schon lange keine mehr, die Leute um mir herum kamen mir vor wie Pflanzen mit denen man sich dauernd streitet, weil Streit vielleicht noch das einzige Zeichen war, das einem das Gefühl gab, noch am Leben zu sein. Schließlich, wurde ich nach mehrmaligem Frieren und mangelnder Nahrungsaufnahme derart Krank, dass ich mich ein letztes Mal aufraffte und ohne mich von jemanden zu verabschieden in die S-Bahn stieg, bis Wannsee fuhr, und mich dort an die Autobahn stellte.
Keinen von denen habe ich jemals wiedergesehen und auch sonst ist mir niemand geblieben in jener Stadt.

Mit diesem kurzen Vorwort wollte ich eigentlich nur sagen, dass ich am nächsten Samstag in der früh, nach Berlin fahre, wo ich meine Schwester treffen werde, die extra aus Wien anreist um ein paar Biere zu trinken, wie ich schon vor einigen Wochen berichtete. Und ich werde diesmal das Brandenburger Tor besichtigen. Ich freue mich sehr.

Im sicheren Hafen der Liebe

Sarah und ich, wie liebten einander, und hatten es zu einer Wohnung gebracht die irgendwie ganz legal war. Die Wohnung stand leer und so schleppten wir unsere Matratze, eine Pfanne, einen Aschenbecher und zwei Kaffetassen durch das Treppenhaus, in diese Wohnung hinauf und hängten ein dickes Schloss an die Tür.

Die Wohnung war ein hübsch anzusehendes Loch. Eine kleine Küche, ein fensterloses Badezimmer und ein relativ grosses Wohnschlafarbeitszimmer. Die Löcher in der Wand verhängten wir mit Sarahs Ölfarbkünsten und auf die Gräben im Fussboden nagelten wir Türen. Die Pilze, die an den Wänden wucherten, schlugen wir heraus, und die entstandenen Löcher bedeckten wir mit weiteren Meisterwerken meiner Bettgenossin. Sie hat es in der Zeit, in der wir dort lebten, nie wirklich geschafft, genug Bilder für alle Löcher zu malen, aber wir gewöhnten uns daran, wie man sich eben an alles gewöhnt.

Wir hatten einen Warmwasserboiler gefunden, der nach einigen Seitenhieben und Kinnhaken wieder funktionierte. Ein beeindruckender Zeitzeuge antiker Technik, der mehrere Wochen lang ohne Unterbrechung und äusserst fleissig Wasser erhitzte, bis er eines Tages plötzlich und unangekündigt in den Streik trat. Kein Kinnhaken half, kein Arschtritt, bis er einige Tage später plötzlich wieder funktionierte. Völlig grundlos.
Diese Arbeitsverweigerungen häuften sich und dauerten jedesmal länger.
Ich mochte das nie besonders gerne, da ich unter dem kalten Wasserstrahl der Dusche unaufhörlich schrie.
Fünf mal liess ich mir diese Ausfälle gefallen, aber dann war ich richtig verärgert. Somit hörte ich auf zu duschen.
Sarah wusste mit beruhigenden Worten meinen Ärger zu besänftigen, und sagte, dass das Duschen nicht so wichtig sei, da wir ohnehin nicht stanken, alles sollte der Reihe nach geschehen, zuerst sollten wir etwas für den Kühlschrank besorgen, uns um unser leibliches Wohl kümmern, und weil wir die Einkäufe immer zusammen zu erledigen pflegten, einigten wir uns auf Übermorgen oder Überübermorgen. Der Warmwasserboiler konnte warten.
Überdies hatte sich der die guten Karten bei uns ohnehin verspielt, weil er immer dann aufhörte seine Pflicht zu erledigen, wenn wir dreckiger waren als der verschobene Abwasch in der Küche.

Die Küche betraten wir allerdings selten, und wenn, dann nur, wenn uns gerade der Putzfimmel überkam. Und nach dieser Putzwut kochten wir eben nur so lange, wie der Müll dort zu ertragen war. Der Putzfimmel ist aber die schlechtgelaunteste aller Musen, und will immer nur so richtig küssen, wenn man warmes Putzwasser hat. Also warteten wir auf den Boiler.
Obwohl – das stimmt nicht ganz. Im Laufe der Zeit erfanden wir ein kluges System, den widerspenstigen Warmwasserboiler wieder in Schuss zu bringen:

Überflüssiges Geld legten wir in eine Schuhschachtel, denn sobald einiges Geld zusammengekommen war, wollten wir einem Warmwasserboilerklempner Arbeit geben. Ich war zwar technisch immer schon ein wenig talentiert, aber die Launen unseres Boilers überforderten mich, da musste einer ran, der diese Launen studiert hatte und die nötigen Auszeichnungen und Stempel mit sich herumtrug.
Doch das Geld wollte sich aus unerklärlichen Gründen nur äusserst langsam vermehren, manchmal verringerte sich das Gewicht der Schuhschachtel sogar, sodass unser revolutionärer Versuch, dem arbeitenden Volk die Arbeit, und somit die Macht wieder zurückzugeben, kläglich scheiterte. Aber wir waren ja eh keine Kommunisten und deshalb war das nur halb so schlimm wie es vielleicht klingen mag. Jedenfalls ergab es sich dann meistens so, dass gerade jemand zu Besuch war, der sich mit Klempnerei ein wenig auskannte und ihn kurzerhand reparierte. Das war immer wieder eine Freude. Daraufhin
investierten wir die Klempnerersparnisse in Schnaps.

Wenn der Boiler repariert war, verbrachten wir unsere Zeit erstmal damit, auf den Putzfimmel zu warten. Das dauerte für gewöhnlich nur ein paar Tage, oder Wochen. Doch wenn es dann soweit war, brach die Hölle los, und man konnte davon ausgehen, dass unser Nest, in nur wenigen Wochen, hochglänzend strahlen und nach Flieder riechen würde.
In diesen inspirierten Wochen hatten wir merkwürdigerweise selten Besuch. Wahrscheinlich wollte man uns beim Arbeiten nicht stören. Man kann beim Putzen mit herumlungernden Menschengestalten ohnehin wenig anfangen. Das wussten unsere Besucher wahrscheinlich auch.

Sarah kaufte immer nur Pfandflaschen und das rechnete ich ihr sehr hoch an. Nicht während dem Kauf der Getränke selbst, sondern nach der Putzfimmelperiode. Nach getaner Arbeit konnten wir das Pfand einlösen und uns ein mittelgrosses Arsenal an Feierabendbier zulegen. Was für ein Kapital sich durch unsere systematische, effizienzlose Unordnung aufstapelte! Als hätte man ein wenig vorgesorgt, um sich für die Zukunft einzudecken. Ein Sparstrumpf sozusagen.
Es sprach sich immer schnell herum, dass unsere Wohnung wieder sauber war, und wir am Feiern waren. Die Freunde tauchten rechtzeitig auf, und halfen kräftig mit, uns von der Arbeit zu erholen.

Die Zeit nach dem Säubern war immer die Kreativste. Es war eine helle Freude, die Bruchbude neu zu gestalten. Sarah hatte einmal die Wände der Küche in sattem, kräftigem grün gestrichen. Sie erläuterte dazu, dass die Farbe uns dazu bewegen sollte, die Küche nicht mehr in Dreck und Müll versinken zu lassen. Weil wir ja Linksradikale waren, und doch auch Steine schmissen, wenn die Politiker die Natur verschandelten. Das Bild der grünen Küche sollte bei uns Schrecken hervorrufen, wenn wir Dreck herumliegen liessen, es sollte Bilder von Gasmasken und Atompilzen aufkommen lassen und
uns zur Verantwortung rufen.
Das machte alles viel Sinn. Ich liebte Sarah für solche grosse, weitsichtige Ideen. Und tatsächlich: damit nicht mehr all die Verpackungen und anderer Müll herumlag, hörten wir auf zu kochen.

In einer lauwarmen Vollmondnacht wachte ich aus unruhigen Träumen schweissgebadet auf, und war von einem ähnlichen genialen Geistesblitz befallen. Ich schritt ins Badezimmer und fing an, die Wände anzumalen, mit einem tiefen, weiten Blau. Ultramarin. Der Hintergedanke zur Farbe war der, dass wir ein wenig entspannter mit unserem Problem des verschütteten Wassers im Badezimmer, und die daraus enstandene Feuchtigkeit im Boden umzugehen vermochten. Das Badezimmer hatte halt ein Feuchtigkeitsproblem und wir schafften es nicht, es zu verdrängen.
Der Trick wirkte. Er wirkte zumindest soweit, dass wir das Wasser auch weiterhin nicht aufwischten. Aber darüber hinwegsehen konnten wir trotzdem nicht. Daraufhin verzweifelte ich drei Tage und drei Nächte lang an meiner Genialität. Als es am vierten Tag aus dem fensterlosen Badezimmer blitze und rauchte, und ich mir bei heldenhaften Versuchen den Kurschluss zu finden, mehrmals einen Stromschlag einfing, und ich daraufhin den ausgefallenen Strom ausgefallenen Strom sein liess, benutzten wir im Badezimmer nur noch Kerzen, und die Wasserflecken verschwanden aus unserem Blickfeld. Kerzen – es hätte so einfach sein können.
Einmal, als wir bei Kerzenschein in der Badewanne sassen, sagte Sarah, dass vielleicht bloss meine Wahl der Farbe die Fehlentscheidung war. Feuchtigkeit und Wasserpfützen wären ja nicht Ultramarinblau, sondern schlicht braun oder grau oder schwarzgrün. Wahrscheinlich hatte sie recht. Aber wen kümmerte das schon, wenn man es nicht sah.

Wir bauten uns auch ein riesiges Hochbett. Nicht nur weil wir versuchten dem Müll und den ganzen Haufen an Gegenständen zu entfliehen, sondern auch weil wir einen Ort des Rückzugs brauchten. Wo wir unsere Liebe zelebrieren konnten.
Das Ding wurde wirklich riesig. Ich, als Architekt unserer Liebesburg hatte mit unserer Liebe wohl etwas übertrieben. Der Koloss nahm einen dreiviertel Teil unseres Lebensraumes ein, und uns die Luft zum atmen.
Meine Freunde – deren Freundschaft sich darauf beschränkte, dass sie für Bier auf alles Mögliche einhämmerten, sagten zwar mehrmals zwischen Alkoholdunst und Tabakrauch hindurch, dass das Ding uns erdrücken würde, aber ich ignorierte das, ich wollte eine Liebesburg. Als die Festung dann fertig war, erschrak ich, aber Sarah schien glücklich zu sein, und das war alles was zählte.
Symbolisch strichen wir das Bett rot.

Die Fische im Bad hatte alle Sarah gemalt. Ich wollte ihr helfen und malte schwimmende Aschenbecher an die Wand. Doch sie verstand meinen abstrakten Kunstsinn nicht und schickte mich weg, mit der Begründung, dass Aschenbecher unter Wasser gar nicht atmen können. Ich sah ein, dass sie recht hatte. Verzweifelt über mein verkanntes Genie, fing ich an zu trinken.

in venedig.

Es ist schon lange her. Ich war noch nicht einmal achtzehn glaube ich. Oder ich war es gerade geworden. Schon damals zog es mich jedes Jahr wieder nach Venedig. Zum Fasching. Bloeder haette es natuerlich nicht sein koennen. Alsob ich jedes Jahr nach Muenchen zum Oktoberfest gefahren waere. Aber damals faszinierte mich Venedig zu Fasching immer wieder. Ich war zwei oder drei Jahre vorher zum ersten Mal da gewesen, irgendeine Saufgeschichte, weil ich jemanden aus Venedig kennengelernt hatte, und ich mir die Stadt mal angucken wollte. Man muss ja was von der Welt gesehen haben, um mitreden zu koennen, und von Bozen aus, war das ja nur eine 4 stuendige Zugfahrt. Aus purem Zufall war ich in der Woche vor Fasching da, hing einige Tage herum, das heisst, ich irrte eigentlich mehr, als dass ich hing, und ploetzlich merkte ich, dass die Stadt innerhalb kuerzester Zeit, eine wahre Metamorphose durchgelaufen war. Ich war ja schon immer etwas langsam und merkte daher nur, dass ploetzlich, zwischen einem Augenschlag und dem anderen, aus der ausgestorbenen Lagunenstadt eine richtig ueberfuellte Metropole mit tausenden und tausenden Menschen, aus allen Laendern, geworden war. Und nach dieser Woche besuchte ich Venedig jedes Jahr zu dieser Zeit. Ich blieb meistens drei Wochen, schaute zu wie die Stadt sich fuellte, und sich nachher wieder entleerte. Waehrend ich durch die Stadt irrte.

Ich war in jenem dritten Jahr mit Juergen dort. Fuer unsere rebellierenden Punkerherzen gab es den carnevALtro, den “anderen Fasching”, ein Faschingsfestival in einem kleinen Arbeiterviertel, noerdlich der Piazza San Marco. Wir schnorrten uns durch die Tage, klauten Wein aus dem Supermarkt und tranken eben, weil das zum gluecklichsein dazugehoerte. Die Nacht verbrachten wir meistens in einer verlassenen Druckerei im selbigen Viertel, die uns ein Junkie mal gezeigt hatte. Er meinte, da gaebe es zuviele Chemikalien im Boden, da blieben die Ratten fern. Scheinbar schliefen dort oefters Leute. Es gab Matratzen und Decken. Spaeter wurden wir mehrere Male von einer amerikanischen Austauschstudentin in deren Schlafsaal geschmuggelt. Inmitten einem dutzend anderer jungen Frauen. Ich wundere mich heute noch, dass das alles so ging wie es ging.

Alessandra lernte ich am Rosenmontag kennen. Eigentlich war ich schon viel zu betrunken und weggetreten von allen berauschenden Mitteln, die mir ueber den Weg gelaufen waren, oder mir in den Mund geflogen kamen, um einer Frau die Liebe zu erklaeren, oder wenigstens um einen lieblichen Blick erwidern zu koennen. Und trotzdem gab es einen kleinen, hellen Moment in dieser sumpfigen Nacht. Ich brauchte tausend Lire, fuer einen grossen Becher Rotwein, und lief quer ueber den Platz, da liefen wir uns genau entgegen und blieben voreinander stehen. Um ehrlich zu sein kann ich mich gar nicht mal erinnern wie sie aussah. Ich glaube sie war sehr huebsch. Was mich aber in dem Moment wohl am meisten beruehrte, war dass sie mich bloss anlaechelte und einfach stehenblieb. Sie machte gar keine Anstalten auszuweichen und ihren Weg zu verfolgen, sondern sie blieb einfach stehen. Und laechelte. Ich will von Glueck reden, wenn ich sage dass ich mich auch in betrunkenem Zustand ziemlich gut halten kann, was meine Koerperhaltung und meine schwere Zunge betrifft. Ich machte deshalb wohl einen besseren Eindruck als mir tatsaechlich war. Ueberdies bemuehte ich mich sehr, klar dreinzuschauen. Es vergingen zehn Sekunden waehrend wir da einander so gegenueber standen. Der Dramaturgie wegen haette ich da noch gerne fuenf Minuten draufgelegt, waehrend irgendein seifiger Soundtrack im Hintergrund liefe, aber ich war mir bewusst davon, dass dies kein Film war, und es auch niemanden gab, der uns mit traenenden Augen zusah, sodass ich etwas machen musste, weil sie mir sonst entgleiten wuerde. Ueberdies ist es mir aeusserst zuwider als Apathe angesehen zu werden.
“Rauchst du?” fragte ich, ohne den Schwerpunkt auf Haschisch festzulegen. Sie bejate. So nahm ich sie bei der Hand und fuehrte sie zu meinem Freund Juergen, der ebenso betrunken und weggetreten auf einer Art Brunnen sass und die Umgebung in seinem Inneren betrachtete.
“Juergen, raus mit dem Zeug. Jetzt rauchen wir”. Juergen guckte Alessandra an und erkannte gleich den Ernst der Lage, zog deshalb sein Rauschgift hervor und fing sofort mit der Arbeit an.
Sie hatte lange, gewellte Haare. Ihre Augen strahlten dauernd. Ob das von Drogen kam, oder ob das bloss ihre Froehlichkeit war, weiss ich nicht. Sie verdiente in Venedig etwas Geld, indem sie, zusammen mit ihrer Schwester, uebers Wochenende, Touristen auf dem Markusplatz, deren Geischter bemalte. Zu Fasching wollte jeder angemalt sein. Und vor allem die Leute aus den fernen Laendern. Sie stoerte Juergen beim drehen des Joints, und strich ihm Rot und Gruen und Gelb ins Gesicht. Er liess es ueber sich ergehen.

Ich wuerde noch gerne ueber den Rest des Abends erzaehlen. Wie wir suedtiroler Freunde trafen, durch die Gassen irrten, noch mehr tranken und uns beim Tanzen versuchten vor der eisigen Kaelte zu schuetzen, jedoch muss ich gestehen, dass ich nicht viel mehr darueber zu berichten weiss, als ich hier in dieser Zeile geschrieben habe. Alles liegt in einer nebligen Alkoholwolke irgendwo in meinem Gedaechtnis verborgen. Ich weiss nur noch, dass sie irgendwann abgeholt wurde und gehen musste, zurueck nach Padova, wo sie wohnte. Wir hatten uns nicht gekuesst, nicht einmal zum Abschied, das waere zuviel koerperliche Naehe auf einmal gewesen. Ueberdies glaube ich, waere ich vom Knutschen schwindelig geworden, und haette mich uebergeben muessen. Nein, es war bloss eine liebevolle Umarmung. Und dann ging sie.

Ich hatte noch genuegend Verstand zu wissen, dass ich am naechsten Tag nach Trient, zur Militaermusterung musste. Ein Fernbleiben von der Musterung kam Desertation gleich. Ich war auf dem Platz, bei offenem Feuer, in Gesellschaft meiner Freunde eingeschlafen, wachte nach zwei oderso Stunden Schlaf auf und marschierte voellig automatisiert zum Bahnhof, stieg in den Zug Richtung Brenner, verschanzte mich auf der Toilette, und wachte rechtzeitig in Trient auf. Die Militaermusterung ist eine eigene Geschichte, die ich, wenn ueberhaupt, ein ander Mal erzaehlen sollte, und nicht hier, wo es letztendlich ja um die Liebe geht. Ich brachte den muehsamen Tag auf der Kaserne, mit meiner restlichen Vodkaflasche um. Trotz der Betaeubung und des Schlafentzuges war ich ueber alle Wolken hin verliebt. Ich wusste zwar nur dass sie Alessandra hiess, und so ungefaehr wie sie aussah, aber die paar kurzen Stunden die wir miteinander verbracht hatten, hatten mein Gemuet voellig im Griff. So ging der Tag vorbei, bis uns der Soldat am Ende des Nachmittags verkuendete, dass wir am morgigen Mittwoch nicht kommen braeuchten, da Aschermittwoch ein Feiertag war. Gleich realisierte ich, dass ich den letzten Faschingsabend also wieder in Venedig verbringen konnte. Ich musste Alessandra einfach wieder sehen. Auch wenn es bisher nur eine spontante verliebtheit gewesen ist, eine verliebtheit die dich im Prinzip auf jeder Party ueberfallen kann, so kam es mir doch sehr wichtig vor. Vielleicht nur, weil ich verliebt war, mag sein, da dreht einem der Kopf nur noch um diese eine Person, aber trotzdem sehnte ich mich danach sie schnell wieder zu sehen. Und darin konnte mich niemand aufhalten, Ich lief eine halbe Stunde zum Bahnhof, kehrte unterwegs in einen Supermarkt ein, steckte mir eine Whiskeyflasche in die Innentasche meiner Jacke, und setzte mich im Zug ins Klo.
Mit etwas Verspaetung, weil ich in Verona ohne Fahrkarte erwischt wurde und man mich aus dem Zug schmiss, kam ich am Bahnhof Santa Lucia in Venedig an. Ich lief ziemlich zielsicher (nur zweimal verlaufen) zum campo Santa Maria Formosa, dem Platz wo der carnevALtro vor sich hin tobte. Es tummelten sich da tausende Leute herum, und ich hielt alle Augen und Poren offen. Wir mussten uns irgendwie gerochen haben. Zwei Minuten nach meiner Ankunft, standen Alessandra und ich einander gegenueber. Auch sie hatte mich gesucht.
Die Freude war gross. Sie sprang mir in die Arme, dabei schlug meine versteckte Whikeyflasche ganz ungluecklich gegen meine Rippen. Aber was ist das bisschen Schmerz schon gegen ein unendliches Gluecksgefuehl. Ich war geruehrt. Im Nachhinein finde ich es witzig, mit welcher Selbstverstaendlichkeit wir uns ploetzlich an den Haenden hielten und herumtaenzelten wie zwei kleine Kinder, waehrend wir uns in der vorigen Nacht kaum beruehrt hatten, ja nichtmal zum Abschied einander auf die Lippen gekuesst. Wir tranken den Whiskey, der uns in der eisigen Nacht waermte, liefen zur Buehne und tanzten zur Band. Sie war unbeschwert, sagte eigentlich nicht viel. Sie schien die ganze Zeit bloss gluecklich. Vielleicht wegen mir, vielleicht aber auch bloss in sich drin. Sie zog mich hinter sich her, brachte mich zu ihren Freunden und stellte mich ihnen vor. Ich war voellig ueberfordert mit sovielen Leuten, deren Namen ich mir niemals merken konnte. Nur ihre aeltere Schwester blieb mir im Gedaechtnis verankert, weil die mich ein wenig genervt anguckte und spaeter am Abend, Sachen sagte, wie “Und wegen sowas wie dich hat sie uns alle nach Venedig gebracht”. Irgendwie als Witz ruebergebracht, aber der Ernst des Satzes war mir keineswegs entgangen. Erst spaeter kam ich drauf, dass Alessandra viel zu jung war um die Erlaubnis ihrer Eltern zu bekommen, alleine nach Venedig zu fahren, und deshalb die Schwester mitkommen musste, die wiederum ihren Freund mitnahm, der dann gleich seine ganze Clique hinter sich hergezogen hatte. Die Schwester mochte mich nicht wirklich. Ich war nun auch bestimmt kein Vorzeigeliebhaber. Ungebildet, schmutzig, geldlos, und auch nicht beabsichtigt irgendwer zu werden. Die paar Gespraeche die ich mit der Schwester fuehrte, drehten sich auch nur um diese paar Themen, und wie das so manchmal passiert, gibt man plotzlich ausschliesslich falsche Antworten.
Alessandra kuemmerte das alles nicht. Und mich daher auch nicht. Wir geisterten zugeraucht und zugetrunken durch eine filmreife Kulisse. Durch ausgestorbene Viertel wo niemals ein Tourist hinfinden wuerde, ueber kleine Bruecken und Treppen. In einer dunklen Gasse die im Wasser endete, sassen wir am Bordstein und liessen unsere Fuesse ueber den Kanal baumeln. Ueberall nur leises plaetschern der kleinen Wellen an den Haeuserfassaden. Sterne, die sich ueberraschend klar im dreckigen Lagunenwasser spiegelten und der Mond der sich ab und zu in den engen Gassen blicken liess. Sie erzaehlte von sich, dass sie studieren wollte, die Welt kennenlernen. Frei sein, und all die Dinge von denen man traeumt. Eine Ratte schwamm durch das Wasser und schlug kleine Wellen. Wir froren und deshalb rannten wir weiter. Wir hatten uns verirrt, und das war gut so. Also rannten wir weiter.

Ganz unerwartet fanden wir auch wieder zurueck zu ihren Freunden. Es war schon sehr spaet geworden und dementsprechend genervt war auch ihre Schwester. Sie hatte einen Schlafplatz fuer uns geregelt. Daran hatten wir gar nicht gedacht. Wir fuhren mit einer Faehre zu einer kleineren Insel, die zu entfernt war um mit Bruecken verbunden zu sein. Es war eine kleine Wohnung mit zwei Zimmern. Alessandras Schwester und ihr Freund gingen in das kleine Zimmer und wir beide wurden in ein anderes Zimmer verwiesen, wo ein Mann und eine Frau im Bett lagen, die kurz aufstanden und das Gaestebett auseinander nahmen. Ich war sehr dankbar fuer die Schlafgelegenheit, wir waren bis auf die Zehen durchgefroren, glaube ich. Alessandra hatte sich innerhalb weniger Augenblicke ins Bett verkrochen, waehrend ich wohl fuenf Minuten brauchte, mich aus meinen Kleidern zu schaelen. Wie lange hatte ich wohl nicht mehr meine Socken ausgezogen, wuerde ich heutzutage denken. Komischerweise zaehlte das frueher alles nicht. Ich stieg, ganz pruede, mit Unterhose bekleidet, ins Bett und wurde unmittelbar von ihren Armen umschlungen. Sie hingegen war splitternackt. In meinem Kopf spielte ein wilder Halbtraum. Ich war muede, betrunken, hatte Unmengen Grass geraucht, und war durch und durch in Liebe ertrunken. Mit geschlossenen Augen sah ich sie vor mir, ein Kriegsfilm lief im Hintergrund meines Kopfes ab, wie sie extatisch die Beine um mich klammerte. Ich konnte sie nur noch fuehlen. Es kam mir vor wie eine Unendlichkeit, da auf dem Schlachtfeld, wir beide, im Schutz eines umgefallenen Zeltes. Irgendwann kamen wir beide, inmitten des Kriegsschauplatzes, und starben gemeinsam in einen tiefen, langen Schlaf hinein.
Am naechsten Morgen wurden wir von der Schwester geweckt. Alle anderen hatten schon gefruehstueckt, und ploetzlich herrschte Aufbruchsstimmung. Die Schwester musste nach Padova und Alessandra musste auf alle Faelle mit. Alles ging schnell. Schlaftrunken nahmen wir die Faehre, direkt zum Bahnhof. Ich kam mit. Padova lag auf meinen Weg nach Bozen und meine Zeit in Venedig war jetzt vorueber. Wir redeten nicht viel, sondern sassen uns im Zug gegenueber und waren einfach gluecklich, wie man das halt so ist. Sie sagte, sie wolle mich wiedersehen, und das wollte ich auf jeden Fall auch. Ich hatte bloss keine Adresse die ich ihr geben konnte, deshalb gab sie mir ein Passfoto von sichselbst und schrieb mir auf die Hinterseite ihre Anschrift auf. Padova kam viel zu schnell, und zum Abschied sagte sie noch, dass sie sich auf Briefe freuen wuerde.

Am naechsten Tag sass ich wieder bei der Musterung in Trient. Den ganzen Tag hielt ich ihr Foto in der Hand. Und damit wollte ich mir auch die oeden Stunden in der Kaserne verschoenern. Aber ich fand das Foto ploetzlich nicht wieder.