[Gerinnung]

Und dann die vielen Scherben auf dem Boden, weil man klaren Tisch machen wollte. Früher nannten wir das Tabula Rasa und wir wussten woran wir waren, bei klaren Tisch denkt man ja eher ans Reden, und nicht an die zerschellten Dinge. Gläser, Flaschen, und ja, die Metapher, sie kommt: Träume, Pläne und am Ende gar die Hoffnungen.

Und dann soll man die Scherben nicht vom Boden heben, so hat man es immer eingebläut gekriegt, sondern mit Kehrzeug einsammeln und in festen Behältern entsorgen; in Schachteln beispielsweise, oder einwickeln in diese dicken Rollen Unvermögen.

Und dann scheißt man natürlich auf das Kehrzeug, greift danach, und schneidet sich, nochmal und nochmal, weil man wissen will ob die Scherben das Licht genau so brechen, ob sie genau so leuchten.

Lieber Merlix,

allererstens danke für Deine Mail, sie hat mich sehr gefreut, ist es doch lange her, dass wir voneinander gehört haben. Zudem muß ich wirklich sagen, die letzten drei Monate fühlen sich an, als wäre eine ganze Ewigkeit an mir vorübergezogen. Und da siehst Du mal wie mir die Zeit davonläuft: es waren nicht drei Monate, sondern gleich ganze vier.
Du und die anderen, wie Du sie nennst selection of fine Hamburg Bloggers, standen also an der Alster und fragten sich wie es mir so geht, was ich so tue. Das freut mich natürlich. Damit will ich sagen, es freut mich, dass ihr an mich gedacht hat, nicht, dass ihr mich vermisst, weil vermissen ist schlecht für den Magen, und wenn es nicht gerade notwendig ist, spart man sich das Vermissen besser auf, es kommen noch genug Momente an denen das Vermissen richtig böse wird.
Also will ich Dir ein bisschen erzählen.

Das Einleben in Berlin war bisher ganz OK, einige Berliner kannte ich schließlich schon, meist die Leute aus dem Internet, und mit einigen wenigen verbindet mich sogar eine Art Freundschaft. Mit diesen verabrede ich mich ab und zu, zum Trinken, zum Essen oder gar zum Feiern. Es ist noch alles ein wenig, wie soll ich sagen, lauwarm vielleicht, weil man sich zum Wärmen erstmal ein bisschen reiben muss, und damit meine ich jetzt nicht notwendigerweise Streitereien oder Auseinandersetzungen, sondern das Schunkeln im Bierzelt. Oderso. Aber das ist ja immer so. Das mit dem Wärmen. Ich glaube ich mag das schon, es ist ja wie wenn man morgens in der Kälte das Auto wärmen muss, das hat auch etwas anregendes. Vermutlich ziehe ich deshalb so häufig um. Ich besitze ja kein Auto.

Mit der Wohnung habe ich Glück gehabt. Ein bisschen jedenfalls. Ich wohne etwas abseits. Auf dem Prenzlauer Berg zwar, aber da oben rechts, bei der S-Bahn Prenzlauer Allee, eine schöne und billige Altbauwohnung im Hinterhof, ich kann auf die Gleise schauen und nachts beim Einschlafen höre ich das erotische flirren (?) von Metallrädern auf Metallschienen. Und ich schlafe dabei wie ein Engel. Das klingt jetzt nicht so als sei das wirklich abseits, aber doch, ist es schon, dort wo ich wohne läuft die Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Russland. Und ich wohne auf der russischen Seite. Hier an der Grenze kleiden sich die Menschen schlecht, sitzen morgens mit einem Bier vor dem Asiaimbiss und wenn ich abends nachhause komme, sitzen sie immer
noch da. Und Du weißt wie sehr mir schlechtgekleidete Menschen ein Gräuel sind. Mit dem Bier kann ich sympathisieren, aber diese Joggingshosen den ganzen Tag, ich weiß nicht, das macht doch das ganze Leben irgendwie Gummi.
Ich glaube wir hätten eine wahre Freude daran zusammen Menschen nachzugucken. Um ehrlich zu sein habe ich schon daran gedacht darauf zu warten bis wir beide ein bisschen älter sind, sagen wir 90, und uns dann auf eine Holzbank hier an die Straße zu setzen und den ganzen lieben langen Tag den Menschen nachschauen und von den alten Zeiten reden. Mit einer Flasche Rotwein meinetwegen und dann können wir ein bisschen staunen, wie jung die jungen Frauen doch geblieben sind.
Julietta wohnt ganz nahe. Ihre Wohnung ist etwa vier Minuten von meiner entfernt. Das erleichtert die Dinge. Wenn ich ihr beispielsweise den Bohrer vorbeibringen muss und dann in ihrer Wohnung merke, dass ich den Bohrer vergessen habe, ist der Weg zurück zu mir nur ein kurzer Weg. Wenn ich dann noch genau weiß wo in meiner Wohnung der Bohrer liegt, dann brauche ich genau 8 Minuten dafür. Hin und zurück.

Und wie sehr mich die Arbeit wieder freut. Du kannst Dich vielleicht daran erinnern in welchem Zwiespalt ich mich befand, wie es beruflich mit mir nun weitergehen solle, aber diese Bedenken sind vorbei, in meiner neuen Firma zu arbeiten macht wirklich Spaß. Wir haben dort einen Kicker stehen und ich habe anfangs immer gewonnen. Doch Du ahnst es, nicht umsonst benutze ich das wort anfangs. Aus unerklärlichen Gründen gelingen mir die Tore nicht mehr. Und mein Chef freut sich einen Ast ab. Jetzt gewinnt immer er. Schon acht spiele unbesiegt. Ich glaube das ist gut für das Arbeitsklima.
Mein Zwiespalt beruhte also nicht auf der Materie meiner Arbeit, sondern es lag vermutlich an meiner ehemaligen Fabrik. Kein Kicker dort. Ah ich hätte die eine oder andere Geschichte zu erzählen, aber das mache ich womöglich in meinem Blog, dann kommt da auch mal wieder etwas rein, ich vernachlässige es gerade ein wenig, wie Du sicherlich schon bemerkt hast.
Nicht, dass es nichts zu erzählen gäbe, es ist vielmehr, dass ich gerade all das nicht erzählen will, oder kann. Am liebsten sage ich immer ich hätte keine Zeit, das versteht jeder, Umzug undso, schwere Sache das, aber das sage ich nur weil es schön klingt, weil ich mir selbst dabei ein bisschen gefalle, ich bin ja so dick geworden, ich muss das kompensieren. Schon toll, bei Nachfrage immer erschöpft ausatmen und sich über die Stirn streifend sagen: puh, so wenig Zeit gerade. Und dabei ein bisschen tragisch gucken. In Wirklichkeit sitze ich jeden Abend am Rechner und tippe von zwanzig Uhr bis Mitternacht.
Im November kommt ein Freund aus Wien zu mir, bleibt einen Monat hier wohnen und dann schreiben wir ein Drehbuch. Ein Filmemacher aus Paris will einen südtiroler Heimatfilm drehen und wir sollen die Geschichte und die Dialoge dazu verfassen. Merkwürdig wird das werden, denke ich. Ich weiß nicht wie das gehen soll, nebeneinander am Rechner sitzen und tippen? Ich meine, man muss sich ja auch unterhalten, aber man kann sich doch nicht über etwas unterhalten, eine Geschichte ausspinnen und parallel dazu alles niederschreiben. Das sind ja zwei verschiedene Dimensionen, das Reden und das Schreiben. Drei Dimensionen eigentlich: das Ausspinnen noch dazu. Aber ich freue mich auf jeden Fall, mein Wiener Freund ist ein großartiger Koch, der besitzt sogar eine Küchenmaschine. Aber nicht, dass Du jetzt denkst, wow der Mek, Autoren und Regisseure aus Wien und Paris, fehlt nur noch die Hintertür zum Kulturministerium. Nein, mein Lieber, die beiden Burschen leben zwar in Wien und Paris, aber der eine kommt aus einem Kaff am Ende der Gaulschlucht und der andere ist unterm Haselberg aufgewachsen. Ich weiß, beide Orte sagen Dir nichts, aber das ist halt Südtirol.

Berlin ist übrigens toll. Für mich fühlt es sich so an als würde ich zu einer alten Liebe zurückkehren. Und Wenn Du mich einmal besuchen kommst, dann zeige ich Dir die traurigsten Ecken der Stadt. Ich beende diese Absatz jetzt, weil ich sonst ein bisschen schwärmerisch werde. Deshalb springe ich gleich ungekünstelt zum nächsten Thema und tue so, als sei das ein ganz neuer Absatz:

Dabei fällt mir ein, dass ich mich nach der spektakulären, oder sagen wir: tragischen Geburt Deines Sohnes gar nicht mehr bei Dir gemeldet habe. Was ein
Glück. Die Geburt meine ich damit. Dass letztendlich doch alles gut ausgegangen ist. Ich wurde ein wenig unruhig als nach der Ankündigung der Geburt erstmal lange keine Neuigkeiten kamen. In jenen Tagen hatte ich Isa hier in Berlin getroffen, und Isa klang sehr besorgt, aber Du weißt ja wie Isa ist, die sorgt sich immer um alles. Deshalb habe ich es erstmal nicht als tragisch angesehen, ich muss ja meine Nerven schonen, da laß ich mich nicht von so einer Übersetzerin die Nerven aufrauhen. Auch wenn es die liebste Übersetzerin der Welt ist. Als dann jedoch die Neuigkeiten immer noch ausblieben, wurde ich schon unruhig, aber dann wollte ich Dich auch nicht mit meinen Sorgen nerven, weil ich bei Nachfragemails immer das Gefühl habe ich würde eine Antwort einfordern, wobei ich glaube, dass man (Du eben) in solchen Momenten am allerwenigsten daran denkt sich an den Rechner zu setzen und lauter Antworten zu tippen. Und Telefon! In solchen Momenten ist das Telefonieren noch schlimmer als jede liebste Übersetzerin der Welt. Das wollte ich erst recht nicht.

Letztens hatte ich übrigens Heimweh nach Hamburg. Julietta hatte eine CD von Studio Braun aufgelegt. Du kennst die vielleicht, das sind die Jungs aus dem Radio die immer so Anrufe tun. Ich höre mir das gerne an, weil ich mir dann immer denke, dass die Welt eigentlich schon OK ist. Aber einer dieser Anrufe hat mich mit Heimweh versorgt. Das war der Anruf bei dem sie bekiffte (jetzt hatte ich befikkte geschrieben) Hamburger Jungs nachgespielt haben und es war dieser eine Satz, als sie am Telefon erklärten was sie gerade machten, der so Hamburg war. Als sie sagten, sie säßen gerade an der Elbe, büschn Schiffe kukken. Das war schön. Das war Heimweh.

Aber jetzt habe ich schon viel geschrieben, habe mich ein bisschen verheddert, in vielen belanglose Kleinigkeiten. Dabei will ich ja wissen wie es Dir so geht, wie es Hamburg so geht. Vieles erfahre ich ja aus dem Blog, praktisch ist das.
Ich weiß noch nicht genau wann ich nach Hamburg komme, bestimmt noch dieses Jahr, ich werde mich melden, wir könnten einen Flammkuchen essen und Bier aus Flensburg trinken und uns zu den neuesten Büchern austauschen.

So, mein Lieber. Ich schließe jetzt ab. Grüß mir auch Deine Frau, die ich übrigens auch wiedermal sehen möchte, auch um mein Erinnerungsbild von ihr zu korrigieren. Ich habe sie immer noch mit diesem großen, kugelrunden Bauch im Gedächtnis, das dürfte sich jetzt ja verändert haben.
Grüß mir auch den Paulsen, den Großblogbaumeister, den Alexander und wenn Du sie siehst, die Lyssa. Die anderen, die mir jetzt gerade einfallen werde ich vermutlich selbst irgendwann zu Gesicht bekommen.

Sei gegrüßt,
allerherzlichstlich,

Dein Mek

mit halben Sinnen

I

ch laufe wackeligen Schrittes durch den finsteren Hinterhof. Es gab Flensburger Pils und Flens macht merkwürdige Dinge mit meinen Beinen. Ich merke, dass sich noch jemand im Hof befindet. Es ist das Geräusch einer Fahrradkette wodurch ich darauf aufmerksam werde und einen Augenblick lang meine ich, die Umrisse eines Mannes erkannt zu haben. Ich stöhne gespielt und grummle etwas von Finsternis und Scheiße während ich umständlich mein Feuerzeug aus der Hosentasche puhle um mir den Weg zu leuchten. Ich ignoriere den Mann absichtlich, er soll sich unbemerkt wähnen, das verschafft mir den Vorteil auf einen Überfall gefaßt zu sein während er sich sicher glaubt und mögliche Fehler begeht. Später werde ich mir an den Kopf fassen und denken, Menschmek, der Rambo in Dir .
Doch wider Erwartung spricht er mich an. Er klingt friedlich, auch wenn ich das Gesagte nicht verstehe. Er sagt etwas von Finsternis und Scheiße, das macht vertraut. Langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit und ich kann den Umriss seines Kopfes sehen. Er hat sehr kurze Haare, sein Kopf ist rund. Er sagt ich solle auf seiner Seite gehen, da stecken die Pflastersteine nicht so hervor, im Dunkeln könne man hier ganz schön stolpern. Ich folge ihm zur Tür. Er sperrt sie auf und schaltet das Licht an. Die Lampe im Hauseingang knallt und geht aus. Doch habe ich ihn in diesem kurzen Augenblick sehen können und er mich auch. Er trägt eine schwarze Bomberjacke und hat ein unglückliches Gesicht. Ich frage mich ob man Unglück wirklich erkennen kann, ist ja immer so eine komische Sache, die Sache mit dem Glück, man soll es nicht mit Müdigkeit verwechseln, es ist ja mitten in der Nacht und die paar Worte die er gesprochen hat, zeugen davon, dass er womöglich ein wenig getrunken hat, was ich daraus schließe, dass ich ihn schlecht verstanden habe. Ich mag diesen Schluß, ich mag es wenn ich mir zu später Stunde die Welt einfach erkläre.
Er sagt: Scheiße. Das kaputte Licht. Doch dringt ein wenig Licht von den Lampen aus dem restlichen Treppenhaus nach unten zu uns. Ich sage auch: Scheiße.
Er sagt es werde alles immer schlimmer hier, die Miete würden sie wohl auch bald erhöhen. Wir steigen nebeneinander die Treppen hoch und ich frage ihn ein wenig verwundert ob dem wirklich so wäre, ich hätte den Eindruck die Hausverwaltung erledige meine Anliegen eigentlich immer recht zügig.
Aber ich sei ja auch neu, schiebe ich hinterher. Vielleicht habe sich die Hausverwaltung ja gute Vorsätze gemacht, neue Mieter, neues Leben sozusagen.
Er bleibt kurz stehen und ich meine zu erkennen, dass er sich zu mir umdreht und Augenkontakt sucht. Auch ich bleibe stehen. Ich gebe zu, dass ich das selbst nicht glaube. Er lacht.
Er fragt mich ob ich der Neue sei, der aus dem dritten Stock. Ich nicke. Doch als ich merke, dass es vermutlich zu dunkel ist um mein Nicken zu erkennen, sage ich: ja.
Martha, so sagt er, habe schon von mir erzählt. Ich sei ja ganz OK.
Ja wenn Martha das sagt, erwidere ich, dann müsse es wohl so sein. Martha sei ja auch ganz OK. Er nickt. Oh, er nickt, denke ich, dann ist es gar nicht so dunkel wie ich dachte. Ich hebe meinen Arm und sage, dass auch die Lampe im ersten Stock kaputt sei.
Issjanding, sagt er, wie die alten Leute. Stirbt einer, schluckt der andere gleich ne Schachtel Pillen.
Ja, sage ich, es sei schon schön.
Ich gehe weiter. Er folgt mir.
Ich bin wackelig auf den Beinen. Und meine Beine sind wie Blei. Auch er. Wackelig jedenfalls. Er hält sich am Treppengeländer fest. Wäre Licht, dann wären wir ein altes Ehepaar, das sich die Treppen hochkämpft.
Wer er denn sei, frage ich ihn. Sven aus dem vierten Oh-Geh, bekomme ich zurück. Je höher wir kommen desto heller wird es. Aus dem zweiten Stock erreicht uns das Licht.
Er sei ja der einzige hier der ein ANTIFA-Poster an der Türe hängen habe. Er sagt das als gehöre das zum Wohnen in diesem Haus dazu. Soso, sage ich. Antifa also. Es laufe ja auch viel von dem rechten Grölgesindel rum hier.
Jaja, erwidert er, hier umme Ecke fange gleich Braundeutschland an, ganz übel. Bei der Kneipe an der Ecke fange es an.
Das sei schade, sage ich, ich habe nämlich vorgehabt dort zu fragen ob sie auch Paulispiele zeigen würden. Die haben ja Premiere und Pauli sei jetzt schließlich wieder zweite Liga, also richtiges Fernsehfußball.
Paulispiele! ruft er und lacht. Sollte ich in jener Kneipe je St.Pauli erwähnen dann dampfe da braune Kacke.
Komischer Ausdruck, das mit der Farbe, sage ich.
Jaja, sagt er, schon wahr.
Wir erreichen den zweiten Stock und es ist hell. Hell hier, sage ich. Ja, antwortet er, so soll es auch sein. Hausverwaltung Scheiße, sage ich. Er nickt. Er fragt mich wo ich denn herkäme, ich sage Südtirol und er sagt, aha. Und dann sagt er Österreich sei gar nicht so übel. Ich sage: nee, Südtirol ist nicht Österreich. Und er sagt, dochdoch, er sei schonmal in Tirol zum Schifahren gewesen und das war eindeutig Ösiland gewesen.
Tirol, sage ich und will irgendwo ansetzen, doch ich finde den Ansatz nicht und seufze. Dann füge ich hinzu, dass das sei schon OK sei, ein Antifaschist müsse solche Dinge nicht wissen. Ich wisse viele Dinge auch noch nicht lange.
Welche Dinge, will er wissen.
Nunja, erwidere ich, wie das mit Preußen so war.
Komische Sache das mit Preussen, sagt er. Ich nicke. Doch weil er mich nicht ansieht, gebe ich ein zustimmendes mhm von mir, das aber eher wie ein müdes mmm klingt, und hoffe dabei, er möge das versteckte h gehört haben. Zustimmung täte ihm durchaus gut, denke ich mir so.
Wir haben inzwischen den dritten Stock erreicht und ich frage ihn woher er käme. Leipzig sagt er. Ich antworte, dass ich Leipzig möge, dass es dann aber kein Wunder sei. Ich bin stehengeblieben da ich im dritten Stock wohne. Er hat schon zum Weitergehen angesetzt, doch als ich stehenbleibe scheint ihm einzufallen, dass mein Weg hier zu Ende sei. Auch er hält inne.
Wunder? fragt er mich.
Ja, Wunder. Die Sache mit Österreich und Preußen.
Ahso, antwortet er und scheint nachzudenken. Dann macht er eine Geste mit dem Kopf, mit dem Kinn eher, und weisst auf die drei Wohnungstüren hinter mir. In welcher ich wohnen würde. Mitte, sage ich.
Ahso, sagte er. Er wohne links. Er sei leise. Aber das Pärchen über mir sei auch OK. Sie würden nur manchmal laut ficken, aber das ginge schon. Lautes Kochen, also Pfannenscheppern, sei schlimmer.
Lautes Pfannenscheppern? frage ich. So mitten in der Nacht?
Weiß ich nicht, antwortet er.
Das Licht im Treppenhaus geht aus. Es ist wieder Finster. Ich schaue hinter mich um das kleine rote Lämpchen des Lichtschalters zu finden. Doch ich sehe es nicht. Er sagt, da, bei meiner Wohnungstür, da müsse der Lichtschalter sein, das sei oben bei ihm jedenfalls so. Ich grummle. Ich taste mich in der Finsternis voran, sehe aber immer noch kein rotes Lämpchen. Ich stoße meine ausgestreckten Finger an der Tür der Nachbarin. Dann geht das Licht an. Der Nachbar hat den Schalter bei der Treppe gefunden.
Er fragt mich ob och sein Poster sehen wolle. Ja klar, sage ich. Und das freut mich wirklich. Auch noch zu später Stunde. Ich sehe mir immer gerne fremde Wohnungen an. Die Rückzugsorte, Nester, wo die Leute die immer anwesende Anpassung abwerfen.
Wir gehen hoch ins vierte OG, vor der linken Tür machen wir halt. Er zeigt auf das Poster. Das Poster ist sehr dunkel und es steht viel darauf geschrieben. In rot das Großgedruckte, in weiß das Kleingedruckte. Ich lese was darauf steht und vergesse es sofort wieder. Ich seufze, dass das schon ein Elend sei mit der Ostdeutschen Jugend. Ich sage Sozialneid sei eine komische Sache. Er nickt und schaut dabei bitterernst. Ich referiere über Sozialneid, ich bin aber zu müde um wirklich tiefschürfende Formulierungen zu finden. Oder nein, es sind nicht so sehr die Formulierungen die mir fehlen, sondern die klugen Gedanken. Er nickt aber. Das freut mich.
Sozialneid ist komisch, sagt er.
Dann nicke ich.
Er müsse nun schlafengehen. Man sehe sich bestimmt mal wieder. Ich bin ein wenig verwirrt. Das Poster wollte er mir also zeigen, nicht die Wohnung.
Stimmt, hatte er ja auch gesagt.
Stimmt, sage ich, ich auch.

als die Welt ein bisschen anders war

Heute war die Welt ein bisschen anders als sonst.

Ich speise jeden Tag zu Mittag in Michelinas kleinem Restaurant. Üblicherweise betrete ich Michelinas kleines Restaurant und höre Michelina schon lange bevor ich sie sehe. Michelina kommt aus Sizilien und sie ist so laut wie Palermo im Feierabendstau. Ich höre sie rufen, dass Tisch drei noch drei Espressi haben will, oder dass die Spaghetti gut scharf sein sollen, und wenn sie mich sieht, dann ruft sie mir die Tagesempfehlung über vier Tische hinweg zu, und wenn sie Risotto mit Meeresfrüchten hat, dann brüllt sie, Mek, ich habe heute Deinen Lieblingsrisotto. Und wenn sie mal nicht weiß was sie hat, dann brüllt sie ebenso laut, ich solle zum Koch gehen, zu Franco, und fragen was er-für-mich-so-habe. Manchmal brüllt sie Franco auch quer durch das Lokal hindurch zu, er solle mir diesen Steinpilzrisotto machen. Michelina kennt mich eben, Michelina weiß was ich mag. Und deshalb fügt sie noch hinzu: eine große Portion.
Michelina reicht mir bis zum Nabel. Ungefähr. Überdies vermute ich, dass sie keine Leber hat. Und keine Eingeweide. Ich glaube nämlich, dass Michelina nur ein großes Herz hat und der Rest ist Klangkörper. Klangkörper mit integrierten, reißfesten Stimmbändern. Ein Klangkörper mit Ärmchen und Beinchen dran.
Wenn ich bei Franco über den Tresen zur Küche bestelle, dann fragt mich Franco freundlich, ob er mir einen Risotto machen solle, und ich sage jaah, mit einem langen aa und Dehnungs-Ha. Auch fragt er immer ob ich großen Hunger habe, aber auf die Antwort wartet er nicht. Man kennt mich eben bei Michelina, man weiß was ich mag.
Man kennt auch meine kleinen Unpäßlichkeiten. Wenn ich beispielweise Spaghetti alla Bolognese bestelle, dann ruft Sara in die Küche: einmal Bolognese für den Mek, aber mach sie mit kurzen Nudeln. Weil sie weiß, wie ich mich immer bekleckere.
Sara kommt aus Marokko, aber Michelina sagt Sara käme aus Sizilien, das sei eh da um die Ecke, und so wie Sara Carbonara koche, muß Sizilien in ihren Adern fließen.
Es ist immer laut bei Michelina, es ist immer geschäftig. Teller scheppern, Gläser klirren, die Kaffeemaschine mahlt ununterbrochen, Michelina delegiert, Franco klingelt die Kellnerinnen herbei und die Gäste versuchen sich über den sizilianischen Feierabendverkehr hinweg zu unterhalten. Man gewöhnt sich daran, beim Anblick der Pasta Amatriciana nur das Rauschen des Meeres im napoletanischen Archipel zu hören. Manchmal höre ich schöne Nixen singen und ich stelle mir vor wie sie, auf einem Stein sitzend ihr langes Haar kämmen, und mich ansehen und singen: Mek, mein ganzes Leben habe ich auf Dich gewartet.
Bis mir Michelina einen Klaps gibt. Ich solle essen, nicht träumen. Sonst werde nichts aus mir.
Michelina ist manchmal besorgt, dann setzt sie sich zu mir an den Tisch, und fragt mich auf italienisch lauter geheime Sachen. Neulich wollte sie wissen was ich von dem Mann im Anzug an Tisch vier fände, ob der was für Sara wäre, oder eher für Martina. Ich sagte für Martina sei er zu gepflegt und für Sara zu nett. Und sie stimmte mir zu und seufzte, dass sie doch so kompliziert seien, ihre Frauen. Dabei suchte der schon seit zwei Jahren eine Frau. Michelina kennt eben ihre Gäste.

Ich wage es nicht zu beurteilen ob das Essen dort gut ist, ich weiß nur, dass es fantastisch ist. Wenn ich zu Michelina gehe, dann ist das ein bisschen wie nach hause zu kommen. Und Mutters Essen gehört eben immer mein Herz. Wenn ich meinen Teller beiseite schiebe und Michelina danach greift, fragt sie jeden Tag, ob es geschmeckt habe. Und jeden Tag nicke ich und sage: Si, fantastico!

Aber heute war die Welt ein bisschen anders als sonst. Heute gab es in der Firma Pizza, und als es Ein Uhr schlug und ich die Zeitung unter den Arm klemmte um zu Michelina zu gehen, merkte ich, dass ich schon gegessen hatte. Die Welt war nicht nur anders, sie schien für einen Moment stillzustehen. Ich mußte einsehen, dass es keinen Sinn hatte zu Michelina zu gehen. Nach langem zögern und Umplanen meines ganzen Lebens, beschloß ich einfach in ihr Restaurant zu gehen und einen Kaffee zu trinken. Das was viele andere sonst auch tun.
Als ich ihr kleines Restaurant betrat hatte sie natürlich meinen Lieblingsrisotto auf der Tageskarte, und als sie dazu ansetzte zu Franco in die Küche zu rufen, hielt ich sie entsetzt fest: No!
Ich merkte, dass Michelina mich ungläubig ansah. Wiewas no?, fragte sie, und schien dabei empört. Ich erklärte die Sachlage. Sie zeigte Verständnis. Ohne Hunger zu essen, das sei nichts, fand auch sie.
So saß ich am Tisch, las meine Zeitung und vor mir — eine Tasse Kaffee. Alles war wie nie zuvor.
Es beruhigte mich sehr, dass auch Michelina nicht mit dieser neuen Situation umgehen zu können schien. Als sie die leere Kaffeeschale wegräumte, tat sie das, was sie jeden Tag zu tun pflegt: Hat es geschmeckt? Und ich nickte, und sagte, wie jeden Tag: Si, fantastico!

[von den Ängsten ein unstetes Leben zu führen]

es ist ein schöner Weg

Ich treffe Amanda in der Juliusstrasse und wir setzen uns ins Berliner Betrüger auf einen Kaffee, was dann ein Bier wird, ein Zweites, sie sagt sie ginge nachher auf Theos Geburtstagsparty, ich könne mitkommen, aber mir ist nicht so nach Samstag zumute. Wir reden über französische Literatur und Völkerball. Ich erzähle ihr, dass ich gerade mit den Organisatoren der Völkerkball-WM in Kontakt getreten sei, dass wir uns gerade mailen. Danach kommt ihre Freundin, wir reden über das Planetarium, ich schwärme von den Sitzen, sie schwärmt von der Aussicht in den oberen Etagen. Zwei Biere später sehe ich mich in Richtung Geburtstagsparty laufen, nach vier Bieren ist der Weg in den Indra Club, wo die Party gefeiert wird, ist ein schöner Weg, ich bin leicht zu begeistern.

In der Wohlwillstraße ruft jemand »Südtirol!«, das verwirrt mich, natürlich fühle ich mich angesprochen, die Stimme kommt von einer winkenden jungen Frau beim HASPA Automaten, es ist sie, ich laufe hinüber und bin erfreut, auch wenn ich mir Gedanken mache was ich für ein Mensch bin, dass ›Südtirol‹ das das Wort ist womit ich Leuten in Erinnerung bleibe. Ich nenne ihren Namen, sage, dass ich mich sogar noch an das ungewöhnliche ›J‹ in ihrem Namen besinne, wobei sie leicht beschämt fragt wie ich doch nochmal hiesse, und dann ›ahja wie konnte ich es vergessen‹. Wir tauschen Handynummern aus, und wie konnte man sich bloss aus den Augen verlieren, das war doch so schön vor zwei Jahren, als sie in meinen Freund verliebt war.

Dann muss ich weiter, mit Amanda und ihrer Freundin in den Indra Club, wir laufen erst daran vorbei, scheinbar ist niemand von uns je da gewesen. Dafür aber die Beatles, und in einem merkwürdigen Moment der Erleuchtung, kommt es mir vor als sei das eine gültige Ausrede. Später weiß ich nicht mehr warum. Der Indra Club ist voll, 400 geladene Gäste, ich staune, so viele Freunde hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht. Ich bekomme ein rotes Armand, die Lizenz zum Saufen ohne die Brieftasche zücken zu müssen, ich staune, soviel Geld hatte ich für Freunde mein ganzes Leben noch nie.
Amanda stellt mich Diego vor. Diego schüttelt meine Hand »Mäck was?«, ich sage »Mek Mek«, er so »Mäck Mäck?«, ich so »Em Eh Kah!«, er so: »Mek Wito!«, und ich so »Diego Völkerball!«. Wir lachen und sind unmittelbar alte Freunde. Amanda wirkt amüsiert aber verstört und ich erinnere sie an die Sache mit der Völkerball-WM. Sie beschließt, dass die Welt sehr klein ist, worauf Diego und ich auf Hamburg unser kleines Kaff anstoßen. Und nochmal. Und später nochmal.

Später schäme ich mich dafür, so schamlos auf Kosten des Gastgebers zu trinken, wobei ich letztens noch schlecht über ihn gesprochen hatte. Amanda sagt das sei OK, ich habe ihn vielleicht bloß an einem falschen Moment kennengelernt, er sei manchmal ganz nett. Dass er manchmal ganz nett ist beruhigt mich ungemein und ich gehe Bier holen.

Nachher rede ich mit Amandas Freundin über Waschmaschinen. Ich bin erstaunt wie vielfältig und breit sich dieses Thema bereden lässt. Eine Viertelstunde später fällt mir auf, dass Waschmaschinen an einem verschwommenen Samstagabend kein gutes Thema seien. Sie stimmt mir zu. Ich schlage das Thema Liebe vor, weil sich auch die Liebe vielfältig und breit diskutieren lässt. Sie mag den Vorschlag. Doch die Flasche in meiner Hand ist leer und über die Liebe soll man schließlich nicht nur reden, sondern auf die Liebe soll man auch trinken. Mit zwei kühlen Bieren reden wir dann über die Liebe. Ich erzähle ihr meine Liebesgeschichte und zwei Minuten später kippt sie zu Boden. Ich erschrecke, so schlimm war das doch gar nicht. Sie ist noch bei Bewusstsein, ich ziehe sie gegen die Wand und mache sie dort sitzen. Ich schlage ein Glas Wasser vor, auch ein Vorschlag den sie für gut befindet. Als dann Wasser nicht hilft, schleppe ich sie zum Notausgang an die frische Luft. Als die frische Luft dann auch nicht hilft, laufe ich innerlich meine Checkliste der ersten Hilfe bei Alkoholleichen ab und bevor ich die Sache mit dem Eimer Wasser ausprobieren möchte, fällt mir, für meine rustikale Fachkenntnis, etwas ziemlich modernes ein: Kreislauf!

Ich sage zu Amanda, dass ihrer Freundin Kreislauf auf Trab gebracht werden müssen, hole Jacken und wir verlassen zu zweit den Indra Club. Wir laufen die Große Freiheit hoch und ich bestimme ein etwas zügiges Tempo. Sie ist noch ein bisschen wacklig auf den Beinen, die Farbe scheint aber ins Gesicht zurückzukommen. Sie redet von Blutzuckerspiegel, was sie aber merkwürdig fände, die letzte Schokolade sei noch gar nicht lange her. Wir biegen in die Reeperbahn ein und ich befördere sie zu Hessburger um einen Hessburger zu essen. Den Vorschlag findet sie ausgezeichnet. Sie verdrückt einen Hessburger und danach noch einen grossen Hessburger mit Hähnchen. Ich bezahle. Ich glaube es ist gut, Patienten das Gefühl zu geben sie bräuchten sich um nichts zu kümmern. Nach den zwei Burgern ist ihr im Magen ein bisschen übel, aber die Gesichtsfarbe ist zurückgekommen und das ist gut.
Doch der Kreislauf muss noch ein wenig angekurbelt werden. Wir vefolgen unseren Trabweg die Reeperbahn hoch, biegen in die Talstrasse ein, ich zeige ihr den Naziladen, zeige ihr die Schwulenkinos, dann schlagen wir rechts um die Ecke in die Schmuckstrasse ein, laufen über den Transsexuellenstrich und ich zeige ihr die katholische Kirche von St.Pauli.
Bei der Simon-von-Utrecht Strasse will sie über rot gehen. Ich weise sie darauf hin, ein schlechtes Vorbild für andere Menschen zu sein. Mit dieser Meinung stehe ich ziemlich alleine da. Daraufhin wechsle ich meine Meinung.
Zurück im Indra Club bestelle ich mir einen doppelten Whiskey. Ich treffe den Gastgeber und wünsche ihm alles Gute zum Geburstag und sage, dass ich beeindruckt sei von seinen vielen Freunden. Zwei Minuten später bestelle ich noch einen Whiskey an der Bar und drücke der Kellnerin 30 Euro in die Hand. Sie sagt ich bräuche nicht zu bezahlen, ich sage, dass ich das aber gerne möchte, sie sagt, ich trüge ja so ein rotes Armband. Ich reiße mir das Armband ab und sie nimmt mein Geld.
Zwei Whiskey später ist Schluss mit mir und ich verabschiede mich. Ich latsche diesen schönen Weg nach hause, singe Lieder von den Pet Shop Boys und denke mir, Mekmek, Du singst Petshopboys, worauf ich mir sage, Ja, Du bist ganz schön blau. Dann stehe ich plötzlich in der Seidlerstrasse und weiss nicht mehr wo ich bin und denke »Seidlerstrasse, Seidlerstrasse, die Strasse kennst du doch, du musst doch wissen wo du bist«, aber alles was ich in jenem Moment weiss, ist, dass ich vermutlich in Hamburg bin.

I

ch mag meine Putzfrauen in der Firma gerne. Im Besonderen die kugelrunde Russin, einssechzig hoch, einssechzig breit, die mir beim Spaziergang ins Raucherzimmer meistens im Weg steht, die wie ein überdimensionierter Medizinball im Flur den Boden saugt, und ich mich immer ein wenig davor fürchte sie aus versehen anzurempeln, wonach sie unaufhaltsam rollend, einen Pfad der Zerstörung quer den Gang hinunter, hinterlassen würde. Sie ist stets gut gekleidet, trägt Schmuck aus Gold wo immer man Schmuck tragen kann, ihr Haar sorgfältig blondiert, die Lippen rot, ein dicker Schatten über den Lidern und spricht zu mir, heiter und in breitem Vodkadeutsch »Nix Deutsche Frau für Sie. Sie Itaalianer, sie brauchen italiaanische Frau. Frau andere Land nix gut für Heeerz« und ahmt dabei das Herausreissen ihres Herzens nach.
Ich mag sie wirklich gerne. Alle meine Putzfrauen.

Und manchmal kommt eine Neue hinzu. Manchmal ist es eine hübsche junge Frau. Die jungen Hübschen bleiben nie lange. Einen Tag, zwei Tage, ich meine mich zu erinnern, dass Eine einmal eine ganze Arbeitswoche geblieben ist.
Ich war fast ein wenig schockiert, als die neue hübsche Putzfrau aus Kirgisien, heute wieder ins Büro kam. Den sechsten Tag. Sie ist freundlich, wirkt überaus intelligent, hält den Staubwedel elegant, aber fest in der Hand als wäre es ein Degen. Sie hat eine sehr feine Art die Bürotische zu wischen, sie wischt eher so, als würde sie der Tischplatte Leben einschäumen wollen, sie leert meinen Abfalleimer so, als wäre sie in mein Leben gekommen um meinen ganzen Ballast, meine Sorgen, und zerplatzten Träume in ihren Beutel zu kippen. Sie kommt zu meinem chronisch unaufgeräumten Schreibtisch, zeigt auf den aufgetürmten Papierberg und macht lachend eine ausufernde Handbewegung mit der sie andeuten will, dass das alles besser auf den Müllhaufen gekippt gehöre. Und sie sagt mit einem strahlenden Lächeln: »Tabula Rasa!«. Du meine Güte. Eine Putzfrau die so Sachen sagt wie Tabula Rasa.

Und wie man sich dann dabei ertappt in die Prinzenrolle schlüpfen zu wollen, Aschenputtel zu befreien, wie man aufstehen will und sagen ›Es ist der verdammte sechste Tag. Du hast doch was besseres verdient.‹ Und ich mit diesem ›Du‹, nicht der kirgisischen Putzfee helfe, sondern in Wirklichkeit die kugelige Russin degradiere. Wie ich merke, dass ich den Job der Putzfrauen immer noch als niedrigere Arbeitsklasse, niedrigere Gesellschaft empfinde. Auch wenn mich die Russin amüsiert, so lache ich letztendlich doch immer nur von oben herab. Und das nicht nur weil sie einssechzig ist.

südtiroler Tagebuchnotizen

Ich will einen Rosengarten.

In Lana die Großmutter eines Freundes besucht. Sie ist schon alt, ich weiß es nicht in Jahreszahlen, aber sie bewegt sich trotz reichlichem Altersspeck an Hüften und überall, wie eine junge Frau durch die Räume ihres hunderte von Jahren alten Bauernhauses. Sie setzt uns in der Küche ab und fragt uns ob wir einen Kaffee trinken. Wir nicken. Während sie in einem unaufhaltsamen Redeschwall davon berichtet welch ein Pech sie in letzter Zeit immer mit dem Mürbeteig habe, hantiert sie kontrolliert und geplant mit Kannen, Pfannen auf dem Holzherd herum, sagt, dass sie das nicht verstünde, sie verwende immer noch das selbe Rezept wie früher, wie schon immer halt, aber seit ein paar Wochen - als wäre der Teufel darin. Vielleicht läge es am Wetter, sie weist mit der Hand aus dem Fenster über die Apfelwiesen hinaus und sagt, auch die Nachbarin da drüben, der ginge es genau so. Es habe seit drei Monaten nicht mehr geregnet, es sei kein Wunder, sowas geht auf den Teig. Als sie den Satz zuende gesprochen hat, stehen vier Tassen auf dem Tisch, der heisse Kaffee raucht aus der Kanne, zwei weitere Kannen, eine mit warmer, die andere mit kalter Milch, ein Pot Zucker und eine Schale Weihnachtskekse. Production effectiveness, denke ich, und schäme mich ein wenig dafür.
Unnötig zu erwähnen, dass sie sich für die misslungenen Kekse entschuldigt. Der Teig halt. Ich esse beinahe ein Dutzend davon, einige lasse ich ich langsam auf dem Löffel im Kaffee versinken und lutsche sie dann auf. Sie ist erfreut.

Es nützt einem die ganze Aufmachung nichts wenn man mit blauer Tasse am Glühweinstand in der UniBozen steht. Man bestellt hier Glühwein in einer weissen Tasse oder Glühwein in einer blauen Tasse. Weiß für den Ausbau des Ausbau des Bozner Flughafens, blau dagegen. Natürlich bin ich dagegen. Für solche Entscheidungen brauche ich keine pro/contra Argumente serviert bekommen. Wenn man Barrikaden angezündet hat, dann ist man auch gegen einen Flughafenausbau. Egal wo, egal warum & vor allem egal wie. Im Notfall auch mit einer blauen Glühweintasse.
Es nützt mir mein ganzer neuer Anzug nichts, dass ich mir wie ein altmodischer Bombenleger vorkomme während ich an einem der Stehtische beim Glühweinstand stehe und diese Zeilen in mein Notizheft schreibe, während ich von lauter jungen und gutaussehenden Studenten umgeben bin, die allesamt aus weißen Tassen trinken.

Den Flieger vor der Haustür wollen sie alle. Ich möchte ihnen gerne sagen, dass ich, obwohl ich in einer ziemlich großen Stadt mit einem internationalen Flughafen wohne, genau so lange mit S- und U-Bahn zum Flughafen brauche, wie sie von Bozen zum Flughafen in Verona. Mit dem Auto sind sie sogar noch schneller.
Ich überlege kurz aus welchem Grund ich ihnen dies sagen möchte. Damit sie vielleicht ein realistischeres Bild der geographischen Abstände bekommen, oder will ich ihnen sagen, dass sie sich einfach damit abfinden sollten in der Scheißprovinz leben und nicht jede Scheißprovinzstadt einen Scheißriesenflughafen braucht?
Ich merke jedoch, dass beides das selbe ist, zudem furchtbar überheblich. Ich schließe besser gleich mein Notizheft und saufe contra. Diskussionen sind so achtziger.

Bozner Stationen ablaufen.

Der Stammbriefträger Gianni sieht trauriger aus als sonst, als ich ihn zur Mittagszeit, der besten Postzeit, ins Wirtshaus schlendern sehe. Gianni ist der Briefträger des Dorfes seit ich weiß was ein Briefträger ist, das heißt, Gianni ist für mich der Inbegriff des Briefträgers überhaupt. Und Gianni sah immer ein bisschen traurig aus. Er sitzt gerne vormittags im Wirtshaus, mit traurigem Gesicht beim Glasl Roten. Dort bleibt er sitzen und schweigt, bis er die Post ausführen muss. Er kommt aus dem Unterland, ist Italiener, er kann zwar kein Deutsch, spricht aber fließend Südtirolertaitsch, sofern er überhaupt etwas sagt und nicht wie üblich nachdenklich in den Rotwein starrt. Gianni ist ledig geblieben, hat ein freundliches, aufgeschwemmtes Gesicht, eine rote Nase, rote Augen und wenn die Postzeit naht, wankelt er ein bisschen unsicher, aber immer sehr zielstrebig zu seinen Dreiradler, ein dunkelblauer Ape, weil er keinen Führerschein hat, womöglich keinen haben darf, fährt zur Post neben der Kirche und füllt das Kistchen auf der Ladefläche mit Briefen und manchmal ist auch das ein oder andere Paket dabei. Die Briefe kommen manchmal ein bisschen spät an, das Gasthaus kreuzt oftmals seinen Weg, aber verschwinden tut niemals was. Wegen Gianni kommen auch solche Brife an die damals schlichtweg “An den Mek” adressiert waren. Weil Gianni wusste wo dieser wohnte.
Aber Gianni sieht jetzt trauriger aus als sonst und ich weiß spätestens warum, als ich kurze Zeit später einen grauen Fiat Panda mit dem Schriftzug Poste Italiane über den Dorfplatz jagen sehe.

“Hic patriae fines siste signa. Hinc ceteros excoluimus lingua legibus artibus”

Diese großartige Erkenntnis, an einem einzigen Tag des Herumschlenderns in Bozen die halbe südtiroler Prominenz gesichtet zu haben, mit Eva Klotz am Tisch gesessen, den Chefredakteur der FF gegrüßt, Zeitung gelesen, aufgeschaut und drei Tische weiter dasselbe Gesicht sehen wie das im Bild des eben gelesenen Artikels. Abends auf einer art Studentenparty in einer weitläufigen Bozner Altbau-WG läuft ein freundlicher, älterer Herr mit einer Dose Forstbier an mir vorbei, verabschiedet sich links und rechts und verlässt das Haus. Man sagt mir das sei der neue Bozner Bürgermeister gewesen.
Diese südtiroler Mikrowelt, diese Mikrowelthauptstadt. Ich habe sie immer schon geliebt.

Die Frau im einzigen Tabakladen meines Dorfes kenne ich schon lange. Sie ist eine sehr verschwiegene Frau. Meistens hat sie nichts zu tun. Sie sitzt den ganzen lieben Tag in ihrem dunklen Miniladen, strickt oder häkelt, wirkt jedesmal überrascht wenn Kundschaft ihren Laden betritt, ein bisschen blass ist sie geworden in ihrem Laden, aber fröhlich war so ohnehin noch nie, besonders freundlich eigentlich auch nie, einfach nur gleichgültig freundlich, es wurde lediglich gegrüßt, der Wunsch genannt und abgerechnet, schon früher als ich immer zwei Schachteln MS für meinen Vater kaufen musste, und auch später noch, als ich Marlboro für mich selbst kaufte. Die einzige Gefühlsregung die sie je von sich gab, war vielleicht als ich das erste mal Tabak wollte, holländischen Samson, als sie kurz innehielt, mich verstört ansah als hätte ich einen unglaublich eigenwilligen Wunsch gehabt, suchte dann aber wortlos ihr dunkles Regal ab und zog die gewünschte Packung hervor.
Dieses mal bestelle ich wieder Samson, sie nennt den Preis, ich zahle und beim Verlasen ihres Ladens sagt sie noch “Pfiati” und lässt sich daraufhin zu einem Ausbruch ungekannter Emotionalität aus, indem sie meinen Namen an der Abschiedsfloskel hängt. “Pfiati Mek”.
Ich bin gerührt, halte kurz inne - und wünsche ihr eine frohe Weihnacht.

In Völs alte Zeiten heraufbeschworen. Sabine lädt ein zum Punkkonzert in Jugendzentrum, mit der selben Band wie früher, den selben Freunden wie früher und vorab eine ordentliche Portion Speckknödel.
Wir haben Pogo getanzt und Bier in die Menge gekippt. Ein junges Punkmädel kommt zu Sabine und sagt wie schön es sei, dass wir alte Leute auch einmal auftauchen und dermaßen die Sau raus lassen.
Georg und ich gehen hinaus eine Zigarette rauchen, man darf sich in Italien sonst nirgendwo mehr Zigaretten anzünden. Wir lehnen an einer Mauer, etwas abseits von den Irokesenkämmen und finster gekleideten jungen Leuten und ich sage, wie sehr es mich freut, dass unsere Tradition des Punkrock immer noch so lebhaft weitergelebt wird. Er nickt und hin und wieder weht ein süßlicher Rauch zu uns herüber.
Je länger wir dastehen und unsere Nachfolger betrachten, desto unruhiger werden die Blicke der jungen Leute. Georg sieht an uns herunter und sagt, wir sähen aus wie von der D.I.G.O.S (Politische Abteilung der Polizei) oder von der Anti-Droga. Er hat recht. Wir verwirren unser Haar, lehnen uns noch eine Spur lässiger und abgerockter an der Mauer an, doch als wir uns wieder durch die rauchende Menge nach drinnen schieben wollen, macht man uns erschreckt den Weg frei.

Diese Vorsicht die mich in der Heimat stets begleitet, den jungen Leuten begegnen die immer noch an der selben Fleischtheke stehen, bloß wenig vom eigenen scheinbaren Erfolg erzählen, ihnen nicht das Gefühl geben, sie hätten etwas verpasst im Leben, wenn ich meine ausländischen Stationen aufzähle, schon fast ein wenig verschämt zu sagen, jetzt in Hamburg zu leben, und nicht mehr in Madrid wie letztes mal. Das Hamburg dahingeworfen, als sei es ein schlichtes Kaff und mein Leben gleich ihrem an der Fleischtheke nur in anderer Kulisse.

Meine zuckerkranke, übergewichtige und vom Bluthochdruck geplagten Tante in Mölten beim atemlosen hecheln über den Friedhof begleitet. Ich liess mir die Geschichten der Verstorbenen erzählen, was dem und dem widerfahren sei, warum diese vier Kinder das gleiche Sterbedatum haben und warum so viele Kinder überhaupt.
Erzählungen von Geisteskrankheiten, Muttermord, Erbkrankheiten, Selbstmord, Leberkrebs.
Ich mag meine Tante mit dem ledernen Gesicht sehr. Ihr Händedruck ist etwas schwach geworden in den letzten Jahren, wobei sie früher ganze Wiesen von Hand mit der Sense mähte. Auf dem Weg zum Friedhof muss sie einige male innehalten, auf Atem komme, alles pocht so sehr in ihr drin. Reden ist für sie schon lange schwierig, nicht nur inhaltlich, der kurze Atem, der kurze Atem.
Meine Schwester weist auf die leere Ecke des Grabsteines ihres Familiengrabes hin. Meine Tante hechelt, lächelt und träufelt ein wenig Weihwasser auf das Grab ihrer Familie.

Kaminwurzen

Viel zu viele Dinge und viel zu viele Menschen verpasst.

am Schwanenwik, gestern abend

Es ist ein schönes Haus, das Hamburger Literaturhaus. Man gerät unmittelbar ins Schweigen wenn man die kleine Eingangstreppe erklimmt und in diese antiquierten Räume eintritt. Es hängen grosse Bilder von bärtigen Männern in den Gängen, aber auch Judith Hermann hängt dazwischen, was als einziges Farbfoto neben den Bärten und den prunkvollen Kronleuchtern ein wenig seltsam aussieht.

Isa hat einen der drei Förderpreise für literarische Übersetzungen gewonnen. Ich bin inofizielles Mitglied des inofiziellen Fanclubs und zum Jubeln da. Und es gibt kostenlose Würstchen und Astra Rotlicht, auch umsonst. Isa sitzt abgeschieden im Kreise der Preisträger, freude kommt auf, ihr auch?, sie trägt eine tolle Kette aus grossen, schwarzen Kettengliedern. Im Saal, ihr Mann ist da, Paulsen ist da, Sven Heine ist da, Lady Grey ist da, und Merlix mit seiner Herzdame. Wir setzen uns an den Tisch der Freunde, trinken Astra Rotlicht, der Saal ist voll, man unterhält sich angeregt, und die Veranstaltung beginnt.

Am Nebentisch sitzen die Leute des Machtclub. Einer aus ihrer Mitte, Dierk Hagedorn, hat einen Preis gewonnen. Sie wirken ein wenig wie Terroristen, ein bisschen altmodisch, ich mag das, wie eine verschwörte Gruppe aus den achtzigern, tuscheln lässig untereinander, lächeln müde beim Auftritt der Kultursenatorin, unterbrechen die Rede des Vorsitzenden der Kulturbehörde mit einem klugen Witz worüber der ganze Saal ins Lachen gerät. Trotzdem sie Underdogs sein wollen, oder sind, wirken sie elitär, als könne niemand ihnen in Sachen Literaturverständnis das Wasser reichen, schon gar nicht das Literaturhaus, weil das Literaturhaus elitär ist.
Während beim Auftritt aller Anderen einfach nur laut geklatscht wird, wird bei Dierk Hagedorn gebrüllt. Und sobald dieser die Bühne verlässt, verlassen einige an jenem Tisch den Saal und vertreiben sich den Rest der Zeit an der Astra Rotlicht-Bar.
So geht das mit der Rebellion, und das ist in Ordnung. Solange es nur jemand tut.

Isa ist gut. Isa steigt ans Rednerpult, redet einleitend souverän über ihr Buch, sagt kluge und begeisternde Dinge über die Tätigkeit der Übersetzer und liest fünf Minuten aus dem Buch vor.
Überhaupt, Übersetzer.
Wie sehr mich Übersetzer immer überhaupt nicht interessiert haben. Durchsichtige Gestalten, gleich Ghostwriter, die wie von Geisterhand Texte aus anderen Sprachen in andere Sprachen bringen. Wie Legoklötze umzunormen von Zentimeter auf Inches meinetwegen. Aber Kunst? Seit ich Isa kenne und ihr Blog lese, weiss ich es besser.

Lars Dahms. Einer der sechs Preisträger für den Förderpreis der Autoren. Absolut verdient. Mit seinem grossartig, mit unaufgeregtem Witz erzählten Text über diesen afrikanischen Fluss, wessen Name ich jetzt vergessen habe. Dahms notiert.

Ungewöhnlich, jedoch sehr erfreulich, so sagt es Kultursenatorin Karin von Welck, sei, dass der Förderpreis für literarische Übersetzungen nicht vom Übersetzer, sondern vom übersetzten Autor in Empfang genommen werde. Und so betritt Hamid Skif das Podium. Er hält eine kurze Rede auf französisch über seinen Übersetzer Andreas Münzner, macht ein paar lockere Witze über seinen neuen Anzug, wessen Rechnung er an den mit ihm befreundeten Preisträger schicken wird, erwähnt dann seine nordafrikanische Herkunft, weitet das Thema geschichtlich auf den Sklavenhandel aus und endet, höchst überraschend mit einem rhetorisch blendend platzierten Hieb auf Kultursenatorin Karin von Welck, wie es denn sein könnte, dass sie das umstrittende Denkmal für den Sklavenhändler, trotz lauter und vieler Proteste durchgedrückt habe.
Ich strecke meinen Hals und suche das Gesicht der Kultursenatorin, die sich mittlerweile wieder ins Publikum gesetzt hat. Gleich mir, strecken auch alle anderen die Hälse, und so weiss letztendlich niemand wie sie den Hieb eingesteckt hat.

Ein weiteres Glanzlicht, die oh so junge Autorin Friederike Trudzinski. Ich mag das, wenn Texte komplexe soziale Zusammenhänge mit dramatischem Witz auseinandernehmen zu wissen. Dem (leider zu kurzen) Auzug aus ihrem Text den sie vorliest nach zu schliessen, ist es ihr dermassen gut gelungen diesem, ich nenne es jetzt mal, Genre, eines obendraufzugeben, dass ich hungrig werde und beim Blättern auf Amazon auf ihr Buch stosse. An die Wunschliste hinzugefügt.

Den Hunger muss ich anschliessend in Astra Rotlicht ertränken.

Mit Daniel Beskos vom Mairisch Verlags gesprochen. Ich bin von der Arbeit der Verleger, und vom Mairisch Verlag im Besonderen, schwer beeindruckt. Weil die so viel Ordnung und Plan haben, wie sie an Fäden ziehen, Kontos führen, Kontakte knüpfen, Kartons für Bücher zurechtschneiden. Ameisen von der kreativen Sorte. Ich weiss jetzt auch, dass sich Ameisentum und Kunst sehr wohl in einem Kopf vereinigen lassen. Am Beispiel der kleinen Verleger.

Und wenn man mich lassen würde, dann wäre ich ja Fan von Sigrid Behrens. Die, die dieses Jahr auch beim Bachmannpreis in Klagenfurt gelesen hat, deren Text zu meinem Bedauern jedoch, von der Jury in viele kleine Stücke zerrissen wurde. Ich traf sie auf dem Weg ins Klo, das Astra Rotlicht hatte schon weite Teile meines Kopfes abgedunkelt, sie läuft in einem vielfarbigen Kleid an mir vorbei, ich rufe “Ah, Sigrid Behrens”. Sie ist sehr nett, greift sich mit beiden Händen an den Kopf und entschuldigt sich dafür mich nicht zu kennen, ich erwähne die Baderanstalt, Bachmannpreis, dass dieses Kennen sehr einseitig sei, wir lediglich teilen, dass wir auf der selben Bühne gelesen haben. Als der Gesprächsstoff nach dieser kurzen Erklärung erschöpft ist, weil mir die wohlformulierten Worte fehlen die Bachmannjury zu beschimpfen, weil ich ihr meinen Ärger schildern will, wie dieses Jahr in Klagenfurt Geschichten über die Liebe verachtet wurden, und will das sagen, ohne ihren Beitrag als Geschichte über die Liebe herabzusetzen.
Ich sage stattdessen: “Ich muss dringend Pissen!” und weise mit gequälter Mimik auf meine Blase.

Das Astra Rotlicht geht zur Neige und damit auch das Publikum.
Gerne wieder. Nur die Würstchen waren ein bisschen zäh.

Satan weiche von mir!

Der wahre Grund, warum ich auf Second Life übergestiegen bin, ist gar nicht der, dass ich mir eine friedlichere Welt wünsche in der wir alle knutschen und fröhlich nebeneinanderher Häuser bauen und Gärten pflegen, nein der wahre Grund ist der, dass ich eigentlich ein rasender Zocker bin, der aufgebracht und und tötungswillig den Monitor demoliert wenn er den verhassten Gegner aus dem feindlichen Lager nicht richtig im Kopf getroffen hat, also so richtig getroffen, dass eine Hirnhälfte blutschleudernd gegen die Wand klatscht - und dem eben gerne vorbeugen möchte.

Ich habe drei mal Doom gespielt und dabei gemerkt, wie das Spiel mich höchst erfolgreich, langsam aber zielstrebig, zur Killermaschine verwandelte. Ich, freundlicher, katholischer Engelsbub, wurde zum Mörder. Alle Register der dunklen Abgründe meiner Seele wurden gezogen. Als ich im Dorf für Mamma Brot holen sollte, und die alte Frau vor mir bei der Bäckerin eeeewig in ihrer Geldbörse nach diesem verdammten fehlenden fünfhundert Lire Stück suchte, und ich anfing zu hyperventilieren, wusste ich es schon, dass der einzige Ausweg, nicht völlig durchzuknallen, der gewesen wäre, wie ich es in Doom immer machte, in Doom, meiner sakralen Welt, wo ich sein darf wie ich will, wo ich mich als Mann des Bösen zurückziehen kann wenn mich niemand mehr mag, und zwar, mein grosses Gewehr, das mit den grossen Patronen, zu ziehen und eine Gehirnhälfte der Frau durch die ganze Bäckerei zu jagen.
Die alte Frau konnte froh sein, dass ich damals erst dreimal in der unheimlichen Welt von Doom um mein Leben gekämpft hatte. Wäre ich ein richtiger Zocker gewesen, wie die jungen Männer in Deutschland, die dermassen von den Spielen vergiftet sind, dass sie nicht mehr zwischen Spiel und Realität zu unterscheiden vermögen, dann wäre es womöglich anders mit ihr ausgegangen. Und mit ihrem Hirn.
Seit ich Second Life spiele bin ich ein anderer Mensch geworden. Ich bin geheilt. Der Teufel ausgetrieben. Und das gerade jetzt, wo ich vielleicht wissen würde wo ich mir eine Waffe besorgen könnte, wenn ich nur lange genug danach suchte. Die Welt ist ungerecht.

Und da auch der Killerzockermörder in Emsdetten, gleich wie schon drei andere Killerzockermörder vor ihm, ausschliesslich schwarze Kleider trugen, weiss ich jetzt auch, warum ich dieses ungute Gefühl habe, immer noch eine dunkle Seite in mir schlummern zu spüren. Ich werde meine schwarzen Kleider verbrennen. Satan weiche von mir.

(und ich werde auch kid37 und mark793 nicht mehr lesen)

alles für ein “dt”

(Ich habe es mir überlegt, und die Sache mit Herrn Immerhardt von der Klowand dahin zurückgeschickt wo sie hingehört, an den Stammtisch nämlich, dort wo sie die Beteiligten nicht verletzt. Ich bin ja einer von den Guten.)

laudamus

I cannot grow
I have no shadow to run away from
I only play
I only play

(Ziffer 8 - Vivace, aus Benjamin Brittens “Hymn to St.Cecilia”. Text; W.H.Auden)

Moderne Klassik, heute in der Chorprobe. Melodie dazu klingt wie Schmetterlinge in der Sonne. In einer Schleife.
Der Text hat mich fertiggemacht. Ich habe mich auch nicht davon erholt, als ich las, dass damit kein Mensch gemeint ist, sondern das Wesen der Musik.

Pralinen

Wenn ihr eurem persönlichen Computerfritzen, oder den blassen, käsigen Typen von der IT-Abteilung bei euch auf der Arbeit einmal eine richtige Freude machen wollt, dann vergesst dieses Jahr mal den 29.7. nicht. Der internationale Sysadminday. Es mag alles nicht so wichtig sein wie ein Muttertag, oder meinetwegen auch ein Vatertag, aber lasst die nerdigen Kauze einfach mal wissen, dass ihr es sehr zu schätzen wisst, welch eine ungeheuerliche Arbeit die in deren stillen und verrauchten Kämmerlein für euch, tagein tagaus verrichten, damit ihr unbekümmert eure Mails lesen könnt als wären die immer schon da gewesen, oder eure Dokumente abspeichert, als wäre das Laufwerk Y: oder eure Homedirectory etwas, das einfach da ist, wie der Tisch da drüben auf dem die Vase steht.
Eure Fritzen leisten wahre Meisterwerke für die ihr das ganze Jahr lang kein Auge habt, da ihr es nicht versteht, oder nicht verstehen wollt, und auch nicht die Wichtigkeit darin seht. Was ist schon, wenn der doofe Laptop schon wieder spinnt, dann muss halt der Fritze her, der soll sich den Scheiss mal angucken, dass ihr seine Arbeit als Scheiss bezeichnet, ist nun mal so, und steht nicht weiter zur Debatte, sie akzeptieren euren Frust. Sie sind alle bescheiden, verbringen still ihre Wunder, während ihr da draussen auf deren Arbeit eure grossen Reden schwingt.
Ihr müsst es ja nicht gleich übertreiben und eine köstliche Speise kochen, wie es man es bei mir zuhause zu tun pflegt, es reicht schon eine Schachtel Süssigkeiten, gepaart mit einem Kuss auf der Wange, oder selbst ein Strauss Blumen, auch wenn man letzteres vielleicht gar nicht denken würde, beim Sysadminday zählt jede Kleinigkeit, da dieser Tag jedes Jahr aufs neue vergessen wird, und ihr werdet sehr verdutzte Blicke ernten, weil es schon so weit ist, dass die Computerfritzen den Tag nur mehr untereinander feiern.
Und verbreitet das Wort.

verirrte Gedanken zur Lage der Nation

Dass ich je einer linken Partei, wie dieses neue Linksbündnis, skeptisch gegenüberstehen würde, hätte ich wohl nie zu träumen gewagt. Ich war zwar niemals Mitglied einer Partei oder auch sonst niemals in irgendeiner Weise einer Partei besonders nahe, jedoch habe ich in meiner Heimat immer “Rifondazione Communista” gewählt, ganz einfach, weil die am ehesten für die Werte aufkamen, die mir immer wichtig waren und auch heute noch wichtig sind. Der ganze soziale Krams eben, der Einsatz gegen den gierigen Kapitalismus und letztendlich setzten sich die Kommunisten immer gegen den Räumungen der Häuser ein in denen ich lebte. Und natürlich noch vieles andere.
Jedoch muss ich nun erschreckend feststellen, dass ich nicht verstehe, wie man in der momentanen Zeit, von sich anhäufenden Staatsschulden und kurz bevorstehender Wirtschaftskrise, in die wir uns nämlich geradewegs hineinmanövrieren, nur traut man sich das nicht dem Volk zu sagen, sich für die Erhöhung des Arbeitslosengeldes einsetzen kann.
Machen die das bloss um Seelchen für deren Ding zu gewinnen oder meinen die das wirklich Ernst?
Leider sind die Parteien, die die Wirtschaft noch am ehesten erretten können, die falschen Parteien, aber vielleicht ist es auch gut, wenn die CDU und die Liberalen wiedermal die grosse Politik machen, dann können wir endlich wieder alle auf die Strasse gehen und uns aufregen. Gegen die Politik der SPD und der Grünen zu demonstrieren war schliesslich immer etwas merkwürdig. Alsob man sichselbst verrät. Auch wenn es nicht meine Parteien sind, so sind sie doch irgendwo die Guten, oder eben die nichtganzsoschlechten.
Nein, ich weiss nicht, wie man die Welt, oder dieses Land, zu einem besseren Ort machen kann, Wahrscheinlich brauchen wir eine Revolution, alles umkrempeln und anzünden, dann fressen wir mal ein paar Jahre lang Steckrüben und fangen ganz von vorne an. Vielleicht erst noch ein bisschen Wirtschaftskrise, in der wir uns alle in Pianobars elendig betrinken, statt fernzusehen das Kabaret besuchen, wo wir dann billigen Wein aus hohen und schlanken Gläsern trinken und fremde Frauen in den Armen halten, am nächsten Tag arbeitslos und mit gebrochenem Herzen, in der unbeheizten, kahlen Wohnung Gedichte schreiben.
Aber die Löhne da drüben, im fernen Osten, werden wohl nicht ewig so niedrig bleiben, dann kommen die Firmen ja wieder zurück, weil die Lohnkosten im Entwicklungsland Deutschland so niedrig sind. Und in der Zwischenzeit haben wir wieder ein bisschen Zwanzigerjahre gespielt und Steine geschmissen, während sie drüben ein wenig gucken konnten, wie das mit dem Wohlstand so ist. Win-Win sozusagen. Ist eigentlich ja gar nicht so schlecht.

du Penner du

Mek, kauf dir mal neue Hosen, das hast du nun davon, dass genau heute der Hosenknopf reisst, genau heute beim Fototermin für die Mitarbeiterzeitung, da kannst du auch noch so gut versuchen, die Hände vor dem Hosenschlitz zu halten, beim Gehen wird es dir jeder anmerken, oder sich wenigstens darüber wundern, dass du so gekrümmt läufst, weil du heute auch noch das kurze Tshirt angezogen hast, das Tshirt das du sonst nie anziehst weil es eben zu kurz ist und deinen Bauch, den du besser verstecken solltest, immer sichtbar wird, aber das hilft natürlich nicht, wenn du zu spät gemerkt hast, dass du die ganze Woche zu faul zum Wäschewschen gewesen bist, und keine sauberen Klamotten mehr hast, dass du dich halt in dieses jämmerliche Tshirt und in diese auseinanderbrechende Hose stecken musst. Das Bügeln der anderen, und einzig verbliebenen Hose, verschiebst du nun auch schon seit Wochen, darum bist du ganz einfach selber Schuld.
Und jetzt wo der Reissverschluss auch nicht mehr richtig halten will bleibst du eben den ganzen Tag bis Feierabend, der heute auch noch spät ausfällt, sitzen und die Zigarettenpausen kannst du zuhause nachholen.
Und gib jetzt nicht deinem Bauch die Schuld an dem kaputten Hosenknopf, und wenn, dann bist du sogar daran selbst Schuld, du verfressener Kerl, und komme mir auch nicht so launisch daher indem du dich über deine Kollegen beschwerst, dass niemand Sicherheitsnadeln hat, wie schlecht das doch sei, kein Punkgeist mehr in the house, nein, jetzt bleibst du verdammtnochmal sitzen und arbeitest weiter bis neun.
Und auf dem Foto werden sie dich alle auslachen.

Die Sorgen eines Mannes

Ich bin nicht dick. Nicht wirklich. Ein gestandener Mann halt. Etwas abgestanden vielleicht, aber mein stetig und entschlossen heranwachsender Körperumfang, vor allem in den letzten Jahren, macht mir etwas zu schaffen. Dabei habe ich nichts gegen dicke Menschen, schon gar nicht bei Frauen. Lieber etwas mehr auf den Hüften als zu wenig. Das ist schliesslich ein Zeichen von Reife, und überreif ist auch gut, letztendlich ergeben überreife Äpfel auch den besten Schnaps.

Aber ich bin halt ein Mann. Letztendlich ein Jäger. Ich muss stark sein und mein Revier verteidigen. Ich pinkle zwar schon seit tausenden von Jahren nicht mehr in die Ecken um heranpirschende Männer vor meiner Anwesenheit zu warnen, aber wir Männer sind nunmal umgeben von gefährlichen Feinden. Ob es nun der ältere Herr an der Supermarktkasse ist, der sich versucht vorzudrängeln, oder bloss der Nachbar im Kino mit dem man sich zwei Stunden lang, wortlos aber entschlossen, einen erbitterten Krieg über den Anteil der Armlehne auskämpft. Wir Männer sind tagein tagaus vom Schwund unserer Dominanz bedroht, und damit die absolut nötige Verbreitung unserer Gene. Ja unsere ganze Existenz steht auf dem Spiel, während wir unsere Damen widerwillig ins Kino begleiten. Die haben es leicht, die gucken irgendeiner Liebesgeschichte zu, lassen Tränen in Strömen fliessen, die wir einhändig zu trocknen vermögen, oder sie drücken uns bei spannenden Szenen, bis zur Bläue hin, die Pulsadern des rechten Armes zu, während wir mit dem linken Arm, auf der Armlehne, eine blutige Schlacht um den Erhalt unserer Gene auf dem Weltmarkt austragen.
Natürlich erzählen wir ihnen nichts von unseren tragischen Kämpfen, weil wir gestandene Männer bescheiden sind, die Ehre im Herzen tragen, und still und nachdenklich am Feuer sitzen, wenn wir uns erholen von unserer täglichen Odysee ins Büro.

Aber ich merke, dass ich als Mann, mit zunehmendem Gewicht meine Chancen verspiele. Das erkennt man an Kleinigkeiten. Wenn zB. die Dame mich darum bittet, das Fahrrad in die Wohnung hochzuschleppen, dann mache ich das natürlich sofort und ohne Widerrede, weil wenn ich schon keine Wildschweine und Bären mehr erlegen darf, dann muss ich halt meinen Wirkungsradius in die urbanen Gefilde verschieben und mich den hiesigen Jägeraufgaben widmen. Es ist jedoch enttäuschend festzustellen, dass man, mit dem schweren Damenfahrrad Stahlross, oben angekommen ist und erstmal eine Minute vor der Wohnungstür schweigend, jedoch laut um Atmeluft ringend, ausharrt, bevor man stolz, das Fahrrad lässig an der Schulter baumelnd, die Wohnung betritt.
Das ginge ja noch, schliesslich kann man sich im Geheimen etwas erholen, schmerzhaft für die eigene Männlichkeit wird es jedoch erst so richtig, wenn man nach dem Betreten der Wohnung merkt, dass man immer noch völlig ermüdet ist, und somit nicht fähig wäre, eine Frau, die sich dann uns starken Männern, voller Stolz an den Hals schmeissen würde, zu begatten, weil irgendwann muss man ja auch dazu kommen die Gene zu verstreuen.
Traurigerweise, oder in meinem Fall muss ich sagen glücklicherweise, sagt die Dame dann immer bloss ein dahingeworfenes Dankeschön, und denkt nicht die Bohne daran, befruchtet zu werden.

Aber der Gedanke, dass ich körperlich nicht mal imstande wäre, in jenem Moment der männlichen Stärke, meine Nachkommenschaft zu sichern, reisst tiefe Löcher in mein Bild von einer guten und heldhaften, zukünftigen Welt. Auch reisst es tiefe und blutige Wunden in meine letztendlich warme und liebende Seele, aber das ist Nebensache, es geht um das Ganze, das Grosse.

Bewegung muss her. Viel Bewegung. Weil Diäten sind für Memmen. Schliesslich glaube ich mittlerweile den Grund für meinen Körperumfang zu kennen. Ich esse nämlich mehr als ich mich bewege. Eine äusserst interessante Entdeckung.
Ich bin nun aber kein träger Kerl, der abends bloss am Fernseher sitzt, sich statt Wildschwein eine Tüte Chips in den Rachen drückt, mit einer Hand die Abstandsbedienung hält und mit der Anderen das Bier wärmt, sondern ich bin eher der Typ, der nachts noch aus dem Bett springt, weil ihm eingefallen ist, dass der Müll noch raus auf die Strasse muss. Zum Glück denke ich nie an den Müll wenn ich im Bett liege und komme daher auch nie in diese Situation, aber ich will ja nur ein Bild der Möglichkeiten skizzieren.
Ich fahre auch immer Fahrrad zu meinen Verabredungen, schnell und geschwind durch den Wind, und wenn nur irgendwie möglich, laufe ich.
Höchstens verbringe ich manchmal zu viel Zeit am Computer, und das auch nach meinem Burojob, bei dem ich auch bloss sitze und mich nur erhebe, wenn ich in die Kantine spaziere, oder mir Butter aus dem Kühlschrank hole.

Aber, ich esse halt gerne. Und das nicht wenig. Natürlich aus dem Gefühl heraus, dass ich mich stärken muss, es kann ja nicht sein, dass mir die Haut an den Rippen anliegt, was wäre das denn für ein Bild von einem stattlichen Ernährer. Die Wildschweine würden mich auslachen, wenn es sie noch gäbe. Es ist schliesslich unter anderem eine Sache des Gewichtes, wenn man den Platz an der Supermarktkasse behaupten will.

Deshalb ersann ich mir vor drei Tagen eine Strategie, wodurch ich den angesammelten Winter-, Fruhlings-, Sommer- und Herbstspeck abtrainieren könne. Fahrradfahren, also so richtiges sportliches Fahrradfahren, ist nicht besonders wirksam, finde ich, und überdies kann es nichts gutes bedeuten, wenn man stundenlang mit der Prostata, die ja schliesslich die Röhre ist, die mein wertvolles Erbgut vom Hoden hinaus in die weite Welt transportieren soll, auf einem mickrigen Sattel sitzt, der sich einen dauernd in den Darm schiebt.
Die andere Option wäre ein Fitnesscenter. Sicherlich, sehr wirksam, eine Institution, die nur dazu dient, das Fett vom Körper zu schwitzen. Trotz wiederholter Empfehlungen hege ich jedoch einen tiefe Abneigung gegen solche Einrichtungen. Der Fitnesstrainer, mit den weissen Zähnen und dem knappen Höschen das seine muskulösen Arschbacken bedeckt, könnte morgen ja schon neben mir an der Schlange vor dem Bankomaten stehen. Ich würde mir die Zähne zerbeissen, wenn er mit hervorgehobener Brust andeutet, als nächster an der Reihe zu sein. In solcher Situation bliebe nichts übrig von der männlichen Würde, und wozu kastrierte Ochsen imstande sind, wenn sie merken, keine baumelnden Hoden mehr zwischen den Beinen zu haben, will ich gar nicht schildern.
Und dann sind in einem Fitnessstudio ja auch noch die anderen, schwitzenden Männer, die einem, sichtlich beschämt, nicht in die Augen schauen können. Man kann auch noch so oft sagen, dass ein Fitnessstudio neutrales Gebiet ist, wo keine Territorien verteidigt werden. Es werden aber auch keine Friedensverträge geschlossen, und da haben wir schon das Problem. Fitnessstudios sind Orte der Erniedrigung, der Selbstbestrafung, der gnadenlosen Ausmerzung jeglicher Aussicht auf strahlenden Erfolg. Leidende Männer unter sich. Die Geburtsstätte der Metrosexuellen. Nach der kollektiven Demut sitzen sie beim Bier, in ihren verweichlichten Klamotten nebeneinander, und reden leise und verständnisvoll von den Tücken des Lebens.

Und darum nahm ich gestern eine Bohrmaschine in die Linke, einen kleinen Vorschlaghammer in die rechte Hand, zog mich bis auf die Unterhose aus, betrat fern jeglicher fremder Augen das Schlafzimmer und fing an zu Joggen.
Ob man nun weiterkommt oder nicht ist ja egal. Es geht um die Bewegung. Ich hob auch die Beine extra an, damit ich so richtig viele Kalorien verbrennen würde, und dazu auch noch rythmische Bewegungen mit meinen Armen, in denen ich die schweren Werkzeuge hielt. Eine Stunde lang, nahm ich mir vor. Schon gleich in der dritten Minute stiess ich die Spitze, der Bohrmaschine, bei der ich unglücklicherweise nicht die Notsache gesehen hatte, den Steinbohrer zu entfernen (eine Borschmaschine ohne Bohrer ist ja nur so ein halbes Ding), in mein linkes Knie.
Für einen richtigen Mann ist eine Wunde jedoch nur ein zusätzlicher Antrieb, der uns befiehlt weiter zu machen, den Schmerz verdrängen, (nun, vielleicht nicht ganz verdrängen, aber eben noch so ein kleines bisschen dalassen, damit man nicht vergisst wie mutig man ist) und tief durchatmen.
Der Vorschlaghammer streifte mein Knie allerdings ein paarmal derart knapp, dass ich es vorzog, das Werkzeug wegzustecken und dafür zwei Mineralwasserflaschen zu nehmen. Bei einem kaputtgeschlagenen Knie würde ich vermutlich einknicken und vor allem fiele mir keine vernünftige Ausrede ein, mit der ich den Unfall erklären könnte.

Das mit den Wasserflaschen ging besser, nur bei den Kniebeugen hatte ich das Gefühl ich verbrenne so wenig Kalorien, das doofe Auf und Ab des Oberkörpers kam mir so uneffizient vor, dass ich derart wild mit den Armen herumwedelte, dass mir eine der Mineralwasserflaschen entglitt und wie ein Überwassertorpedo quer durchs Schlafzimmer raste und nur zehn Zentimeter neben dem Glasfenster des Kleiderschrankes aufschlug. Ich sah schon den ganzen Schrank in tausende Holzsplitter zerfetzen, aber stattdessen geschah gar nichts. Sogar das Glas überlebte. Vielleicht bloss männliche Überschätzung, wer weiss.

Die Stunde habe ich dann nicht vollgekriegt. Nichtmal ansatzweise. Nach einer Viertelstunde Joggen, Kniebeugen, Situps, Liegestützen, gingen mir plötzlich die sportlichen Disziplinen aus. Neben diesen vier kenne ich nämlich nur noch Schwimmen, Skifahren, Langlaufen, Fussball und Sackhüpfen. Aber die restlichen fünf konnte ich in diesem kleinen Schlafzimmer unmöglich ausführen. Eigentlich war ich sehr froh darüber, weil ich, während ich über weitere Disziplinen nachdachte, keuchend auf dem Bett lag, da mir die Liegestützen den Garaus gemacht hatten.

Als die Dame nach Hause kam und durstig zur Mineralwasserflasche griff, die nach dem Öffnen fast explodierte und ein Viertel des gesamten Inhalts sich über ihr Oberteil entleerte, guckte sie erst verblüfft auf die Flasche und warf mir dann einen äusserst argwöhnischen Blick zu. Ich wusste natürlich von nichts.

immer die gleichen Trottel

Es ist immer das gleiche. Dabei sind meine Wünsche doch sehr bescheiden. Was heisst Wünsche, ich möchte bloss meine Ruhe haben wenn ich nach der Arbeit in der U-Bahn sitze. Ich möchte mir entspannt die Landschaft angucken, weil die U3 immer so eine schöne, überirdische Route fährt die mich auch beim fünfhundertsten Male nicht langweilt, oder mich in Ruhe in die Zeitung vertiefen, sogar ein Gespräch empfinde ich als beruhigend, ob es nun mit einem Wildfremden in der Bahn ist, oder mit einem netten Kollegen, der den gleichen Nachhauseweg fährt, meinetwegen auch einen ganzen Ubahnwagen voller schreiender Kinder, ich finde das auch nicht so schlimm, hat ja schliesslich etwas abentuerliches.
Aber dass ich mir den Weg von der Arbeit nach Hause, und übrigens auch auf dem Weg zur Arbeit hin, immer mit den paar Trotteln von meiner Firma teilen muss, die in einem unaufhörlichen Buchstabenschwall zu anderen Leuten reden, ohne sich unterbrechen zu lassen, sondern nur eine Belanglosigkeit nach der anderen erzählen und keine Lücke zur Gegensprache erlauben, die es einfach nicht merken, dass ich sie ignoriere, Trottel, die mich, sogar wenn ich mich am Bahngleis geschickt verstecke, oder meinen Blick ganz tief in die Zeitung bohre, trotzdem noch entdecken und mir aus der Ferne schon fröhlich zurufen und dann in grossen Sätzen herantreten, um mir meine wohlverdiente, ruhige Bahnfahrt komplett versauen, dann finde ich das ungerecht.

Noch einen Monat Woche Tag lang will ich das aushalten, dann schiesse rede ich zurück. Aber so richtig.

Wenn der Blog- zum Tisch-

Wenn virtuelle Welt und die Reale da draussen, sich auf eine witzige Art treffen, dann ist das, wenn der Nachbar da drüben bei Antville, plötzlich auch zum Tischnachbarn wird, man sich kurz, überrascht und schüchtern begrüsst, weil Hilfe, so spontan kriege ich dann auch kein gescheites Wort mehr heraus, und jeder sich dann seiner Begleitung und der Pizza widmet, man selbst dann beim gehen “Tschüss, Herr Paulsen” sagt, aber gleich realisiert, ach nee, der heisst ja gar nicht so, sondern Stevan, oder Paul, wie war das nochmal, der andere aber auch nur “Tschüss Herr Mequito” sagt, und dann weiss man wieder wie witzig das heutzutage alles ist, mit diesen neuen Medien.

Das nächste Mal nehme ich aber auch die Pizza die er hatte. Sah irgendwie leckerer aus.

I came along,

and I wrote this song for you,
about all the things that you do,
And it was called “Yellow”.

Ich bin zwar kein grosser Fan von Coldplay und eigentlich hab ich wenig emotionalen Zugang zu britischer Popmusik, ausser vielleicht, dass die Musik ganz nett in den Ohren liegt, und manchmal zum Mitsingen anregt, oder eine entspannte Athomspäre verbreitet, was jedoch nicht gerade das ist, was ich in der Musik suche, aber dieses eine Lied fand ich immer sehr schön. Vor allem dieser Anfangsvers, der eine wunderbare, romantische Melancholie vermittelt. Romantisch vielleicht, weil kein Arsch weiss was Yellow sein soll. Vielleicht mag ich das so sehr, weil ich oft das Bedürfnis habe die Liebe unergründet zu lassen, nicht zuviel darüber nachzudenken, die Liebe einfach ihren Lauf nehmen lassen. Vielleicht weil ich mir selbst viel zu viele Gedanken darüber mache.

Und heute gehe ich zu Coldplay im Volkspark. Weil ich mich überreden habe lassen. Für saftige 52 Euro. Vielleicht weil ich das Bedürfnis habe nicht zuviel über Geld nachzudenken, das Geld einfach auszugeben wie es kommt. Vielleicht weil ich mir selbst viel zu wenig Gedanken darüber mache.

And all you do is Yellow, weiss eh kein Arsch was ich soll. Obwohl Geldsparen dringend nötig wäre.

Hausmannsfreuden

Weil ich ja gerne tue alsob ich ein hartgesottener Bursche bin, der weder Feuer noch Flammen fürchtet und als siebenjähriges Kind schon einen Dreitausender bestiegen hat, erschrecke ich immer wieder, wenn ich an einem freien Tag wie heute aufstehe, die Wäsche in die Waschmaschine stopfe, die Getrocknete vom Kleiderständer nehme und sorgfältig gefaltet in den Schrank lege. Eigentlich geht das ja noch, aber sobald ich gleich darauf zu Musik von Milva das Geschirr abwasche und nachher beim zweiten Abspielen der CD, fröhlich mitsingend die Wohnung aufräume, dann kommt mir langsam ein mulmiges Gefühl herauf.
Die nächsten paar Stunden machte ich mir dann mal keine weiteren Gedanken, weil ich gerade freudig beschlossen hatte, einen grösseren Topf zu kaufen, da mich der Alte, beim Kochen von Unmengen Eintopf, immer so einschränkt. Das ist immer ein furchtbares Gekleckere und Gestopfe und Herumgespritze und das macht mich fuchsteufelswild. So lief ich leichten Herzens los und malte mir einen herrlichen Eintopf aus, während ich einen 7-Litertopf fand, für sage und schreibe, nur achtzehn Euro.
Erschrocken war ich aber erst wirklich, als ich, wieder zuhause angekommen, nach dem erneuten Auflegen der Milva CD, meiner arbeitenden Schnitte eine Mail schrieb in der ich ihr in 25 euphorischen Zeilen von meinem neuen Topf vorschwärmte.

Ma quando brucia il sole della passione, io vedo te (Milva - Mediterraneo)

mi piace pizza pazza in piazza a roma

(und jetzt alle)