[krkr]

Wann hat das eigentlich mit den Krähen in Berlin angefangen? Wie sie sich in Schwärmen über die Karl-Marx-Allee hermachen. Wenn die Wolken über der Stadt hängen, sieht es stellenweise aus wie in einer Kulisse von Game of Thrones. Es sind besonders große Exemplare von Nebelkrähen. Sie sind schon fast so groß wie Kolkraben. Abends krähen sie. Gestern beobachtete ich zwei solcher Vögel, wie sie sich um eine Packung mit Essensresten stritten. Großer geöffneter Schnäbel, bedrohlich aufgespannte Flügel. Breitbeiniger Gang wie Cowboys auf dem Platz vor der Ranch. Neulich am Alex zerfleischte ein halbes Dutzend Nebelkrähen eine liegengebliebene Abfalltüte. Menschen standen ziemlich erfurchtsvoll daneben.

Lovin’ it.

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[hypno]

Um mich in den Zustand der Hypnose zu versetzen ließ sie mich bei unserer ersten Sitzung gedanklich über eine Treppe hinunterlaufen. Ich saß in diesem weichen Ledersessel, hatte die Beine hochgelegt und ausgestreckt. Mit geschlossenen Aufgen lief ich eine Treppe hinunter. Sie forderte mich auf, mir die Treppe detailiert vorzustellen, die Höhe der Brüstung, das Material der Stufen und so gelangte ich gedanklich ziemlich schnell in die Treppe des katholischen Internats, das ich in meiner frühen Pubertät besuchte. Das war eine sehr sehr breite Treppe aus glattem Stein. Die Stufen waren längst abgerundet vom jahrhundertelangen Verschleiß. Das Gebäude ähnelte im Inneren eher einem Kloster. Das Treppenhaus erstreckte sich über sechs Geschosse, im Zwischengeschoß gab es jeweils Tore durch die man in das Kirchenschiff gelangte. Die meisten dieser Tore waren für uns Kinder aber geschlossen. Um von unseren Schlafgemächern im sechsten Stock bis ins Kellergeschoss für die Speisesäle zu kommen, lief man ewig über diese steinernen Treppen. Die Stufen waren so abgerundet, dass man mit glatten, weichen Pantoffeln regelrecht wellenreitend hinuntergleiten konnte. Ich verstand, dass mich die Hypnotiseurin durch dieses Treppenhaus in mein Unterbewusstsein hinunterschicken wollte, das fand ich gut, ein nettes Hilfsmittel, eine Treppe, so genial. So stieg ich diese Treppe hinunter. Nach dem dritten Stock hörte ich auf die Stockwerke mitzuzählen, während sie mit mir redete und mich hinwies auf gewisse Dinge zu achten, ob es Zwischengeschosse gibt, ob es ein Geländer gibt, ich sollte mir auch die Wände ansehen, das ging bestimmt mehrere dutzend Stockwerke so. Während ich immer weiter nach unten gelangte, wurde es zusehend dunkler im Treppenhaus. Ich weiß nicht mehr, ob Tageslicht ins Treppenhaus gelangte und ich weiß auch nicht wie hell es war als ich ganz oben auf der Treppe gestanden hatte, aber nach den dutzenden Stockwerken war mir aufgefallen, dass es dunkler geworden war. Vielleicht waren einfach die Lampen weniger stark, mittlerweile gab es auch vereinzelte Kerzen in den Einbuchtungen der Wände.
Die Frau die zu mir sprach, sagte es gäbe jetzt noch fünf Treppen vor mir. Ich sollte sie langsam laufen, ich schaute zu meinen Füßen, oh, nur noch fünf Stufen, damit hatte ich nicht gerechnet. Sie zählte für mich. Fünf, vier, drei, zwei, eins.
Unten angekommen.

Ich bin unten angekommen. Ich schaue immer noch zu meinen Füßen, ich stehe auf einem harten Boden aus festgetreteter Erde. Ich schaue mich um. Es ist ein dunkler Raum, es sieht aus wie ein Keller, ich kann aber keine Wände erkennen. Auch keine Gegenstände. In einiger Entfernung gibt es so etwas wie einen Nebel. Ein schwarz, violetter Nebel. Der Nebel ist überall. Er hält mich davon ab, die Enden des Raumes zu erkennen. Das ist also mein Unterbewusstsein. Ein finsterer Keller. Hätte ich mir nicht ausdenken können.

Ich erkenne sofort das Potential hier unten herumzulaufen. Natürlich weiß ich, dass ich nur mit einer Taschenlampe herumzuleuchten brauche um auf hunderte spannende Sachen zu stoßen. Wahrscheinlich schaffe ich es ohne Lampe, ich würde einfach über die Dinge stolpern, vergessene Ängste, vergessene Begierden, Streckbänke, vermutlich gibt es da Schaufeln, mit denen ich die Leichen ausgraben muss. Nix gegen ein bisschen Schweiß.

Aber die Stimme der Frau lenkt mich davon ab, sie weist mich auf eine Tür hin, die sich ein Stück weiter vorne befinden soll. Ich schaue hin, da steht tatsächlich eine Tür. Ich gehe hin. Die Frau sagt, ich solle die Kiste neben der Tür öffnen. Neben der Tür steht plötzlich eine große Kiste auf dem Boden. Es ist eher eine Truhe als eine Kiste, eine Schatztruhe mit eisernen Beschlägen. Ich öffne sie. Sie ist leer. Die Frau fordert mich auf, alles in die Kiste zu tun, das mich davon abhält, mich hier jetzt mit ihrer Stimme unten in meinem Unterbewusstsein zu befinden. Ich soll alle Ablenkungen ablegen bevor ich durch diese Tür schreite. Das verstehe ich. Ich lege meine Nackenschmerzen in die Kiste, ich lege ein paar Befindlichkeiten in die Kiste und noch ein paar andere Dinge.
Wenn ich also durch die Tür schreite, dann betrete ich also noch eine tiefere Ebene, das ist so spannend, ich frage mich ob ich nicht auf die Aufregung besser in diese Schatztruhe hätte legen sollen, es scheint mir etwas dämlich, da unten aufgeregt zu sein. Während ich vor der Tür stehe und tief durchatme, merke ich, dass ich tatsächlich meinen Nackenschmerz nicht mehr fühle, dabei weiß ich noch, dass er während meines Abgangs in der Treppe noch da war. Ich schaue zur Schatzkiste, mir ist, als würde ich den Nackenschmerz in der Truhe fühlen, aber nicht mehr in meinem Nacken, und wenn ich den Schmerz nicht haben will, dann ist er einfach nicht da. Auch nicht in der Truhe. Irre.
Dann trete ich durch die Tür. Eigentlich hatte ich erwartet, es würde eine weitere Treppe folgen. So etwas wie eine schmale Freitreppe in ein schwarzes Loch hinunter. Aber da ist nur ein weiterer Kellerraum. Ich gehe hinein und schließe die Tür. Es läuft ein Film. Es flackert, der Film wird projiziert, wie in einem kleinen privaten Kino. Es laufen die achtziger Jahre ab, ich bin ein kleiner Junge. Ich bewege mich in diesem Film, ich laufe eine Wiese hinab. Auch ich flackere ein bisschen.

 

[…]

[38,3]

Der Hitze getrotzt und drinnen geblieben. Alle Rollos runter-, die Kleider ausgezogen. Fenster geschlossen, Lampen vermieden, Maschinen ausgeschaltet, mich im Halbdunkel durch den Tag getastet. Musik gehört. Hörbuch gehört. Salat gegessen. Wasser in mich hineingegossen. Wasser über mich gegossen.

[…]

Letzte Woche in einem Luxushotel in Düsseldorf gewesen. Eine russische Familie wollte sich unsere Dienstleistungen erklären lassen. Zuerst ließ man uns eine halbe Stunde im Foyer warten. Große, schlanke Frauen mit streng gebundenen, blonden Pferdeschwänzen und 12cm Highheels liefen ein und aus. Als sich die Tür zum großen Saal öffnete, bat man uns herein. Man hatte drei Stühle für uns bereitgestellt. In dem großen Saal saßen ein gutes dutzend Männer an Tischen die zu einer U-Form zusammengeschoben waren. Dahinter standen bullige Männer mit Sonnenbrillen mit verschränkten Armen. Ich vermute, dass die Rangordnung in der Mitte des U’s begann. Dort saß ein einfach gekleideter Mann, der fast eine Stunde lang nichts sagte, aber immer ein zufriedenes Lächeln im Gesicht trug. Rechts von ihm saß ein Mann im Anzug, der uns ständig mit Fragen löcherte. Fragen zu Zahlen. Zahlen hier, Zahlen da. Er holte immer sein Tablet dazu und zeigte demonstrativ auf seine eigenen Zahlen. Links von dem Chef saß ein junger, smart gekleideter Mann. Dieser saß immer etwas lässig zurückgelehnt. Warf ab und zu den einen oder anderen Satz ein, der weder kritisch noch zustimmend war. Ganz am Anfang brauchten wir ein HDMI-Kabel. Er hob nur den Finger und blitzbefahl einem der bulligen Männern: “HDMI!” Der bullige Mann zuckte zusammen und marschierte los.

Wir waren uns nachher einig, dass unser Auftritt nicht sehr überzeugend gewesen sein muss. Es beruhigte uns einigermaßen, den Auftrag nicht zu bekommen.

[nachtigall]

Es lebt wieder eine verliebte Nachtigall in unserem Innenhof. Letztes Jahr war auch schon eine da. Und auch im Jahr davor. Dieses Jahr fing das mit der Verliebtheit schon Ende März an. Meist beginnt die Nachtigall gegen Mitternacht mit ihren dopamingetränkten Triolen. Danach geht es die ganze Nacht lang. Die ganze Nacht lang.

Ich versuche immer vor Mitternacht eingeschlafen zu sein. Oft gelingt es mir aber nicht rechtzeitig. Manchmal werde ich von ihr geweckt. Ich kann dann nur schwer wieder einschlafen. Insbesondere seit ich weiß, dass Nachtigallen einen komplexen Gesang haben, seitdem liege ich nur noch mit offenen Augen da und denke mir: komplexer Gesang, komplexer Gesang, komplexer Gesang. Ich weiß auch schon was die diesjährige Nachtigall von der Letztjährigen unterscheidet. Die Neue hängt nach jedem zweiten Vers eine etwas exzentrische Moll-Kadenz hintendran. Das machte die andere nicht, die trällerte aber hinter jedem Satz ein hohes Schleifchen, wie wenn man ein “W” zeichnet und hintenraus ein kapriziös verziert.

Letztes Jahr habe ich die Nachtigall einmal aufgenommen. Mitten in der Nacht stellte ich ein Nierenmikrophon ins Fenster und schnitt etwa zwei Minuten lang mit. Danach stellte ich die Boxen ins Fenster und spielte es ihr vor.
Ich weiß nicht, was ich mir von der Aktion genau erwartet hatte, vielleicht, dass es sie verwirrt und einen Konkurrenten um den Nestbau wittert, der sie mit den eigenen künstlerischen Fähigkeiten zu übertrumpfen versucht, eine plagiierende Nachtigall sozusagen, die es aufzustöbern und aus dem Werttbewerb zu kicken gilt. Ja, vielleicht erhoffte ich mir einfach, dass sie etwas anderes macht als ihre Verliebtheit in den Innenhof herumzuträllern. Ich wollte schließĺich schlafen.

Sie zwitscherte aber einfach weiter. Unbeirrt. Das hatte mich schon etwas ratlos gemacht. Dass sie so überhaupt nicht darauf reagierte. So viel Aufwand betrieben um komplett ignoriert zu werden, das war ich nicht gewohnt.

In unserem Haus haben wir einen Emailverteiler. Ich weiß nicht ob es vernünftig ist, die Nachbarn wegen der Nachtigall anzuschreiben. Das kann auch nach hinten losgehen. Eine Nachtigall zu verschmähen ist vermutlich eine ähnliche Kategorie Kinderfresser zu sein.
Immerhin habe ich nie “Ruhe” in den Hof hineingeschrien, wie andere Leute das machen, wenn Menschen im Sommer zu laut, achtung, vögeln. Insofern bin ich auf meine seltsame Aktion mit den Lautsprechern im Nachhinein schon ein bisschen stolz.

Wenn ich nach zwei Stunden immer noch nicht schlafen kann, dann ziehe ich mein Schlaflager auf die Straßenseite der Wohnung um. Von der Nachbarin auf der anderen Seite weiß ich, dass in deren Innenhof Krähen leben. Sie beneidet mich um die Nachtigall, ich beneide sie um die Krähen. Immerhin gibt es in Berlin kaum noch gurrende Tauben, das ist eine gute Sache, darin sind wir uns einig.

[meine Lieblingsfarbe ist blau]

Meine Lieblingsfarbe ist blau. Oder auch rot. Und schwarz. Aber schwarz ist ja keine Farbe. Ich habe keine Affinität zu Autos. Mit 39 habe ich den Führerschein gemacht und mir ein kleines Auto gekauft. Ich fahre gerne damit. Affinität dazu habe ich aber immer noch nicht. Ich bin auch schon große und dicke Autos gefahren. Mit diesem Gefühl einen fetten Motor unter mit zu haben, konnte ich nicht viel anfangen. Ich liebe Fußball und gehe gerne ins Stadion. Ich liebe Bier. Ich liebe Bier wirklich. Und ich trainiere meine Muskeln weil ich es sehr mag wenn ich meine Oberarme im Spiegel sehe. Außerdem bin ich gerne stark. Ich kann über meine Gefühle reden. Ich habe mehr Freundinnen als Freunde. Ich kann nicht gut bohren, mache es aber sehr gerne, auch weil meine Frau es nicht so gerne macht. Sie kann es aber besser. Überhaupt mache ich gerne grobe Dinge, Bretter anschrauben, Gegenstände befestigen. Es sieht nur nie gut aus. Mich langweilen Actionszenen in Filmen, ich sitze gerne irgendwo um einfach mit jemandem zu reden, ich lächle gerne und bin gerne freundlich. Ich liebe doggystyle. Ich bin zu dick. Manchmal finde ich mich zu dick, manchmal ist es mir egal, manchmal finde ich mich aber auch sehr heiß. Wobei. Ich finde mich öfter heiß als zu dick. Manchmal erschrecke ich dann wenn ich mich im Schaufenster sehe. Apropos Schaufenster, ich gehe gerne shoppen. Kleidung und Technik. Aber auch andere Dinge. Vasen und Geschirr nicht so. Aber Küchen, ich liebe alles was mit Küchen zu tun hat. Ich flirte gerne. Ich kann Männern Komplimente machen. Ich bin gut darin andere Leute zu organisieren. Ich mag Menschen. Ich mag Nähe. Neige aber auch zu Einsiedelei. Mir ist es bewusst wie sehr es mir im Leben geholfen hat ein Mann zu sein. Ich mache Platz wenn ich jemandem im Weg stehe, finde es aber dämlich einer Frau meinen Sitzplatz anzubieten nur weil sie eine Frau ist. Ich liebe Frauen die derbe Witze machen. Ist aber kein Muss. Ich sauge Staub und wische die Böden. Ich koche meistens, ich kümmere mich meistens um den Einkauf.
Ich mache Sachen. Nicht weil ich ein Mann bin.
(Dank an Isa)
(Ich finde Weltfrauentag aber eine super Sache)

[am Halleschen Tor]

Letzte Woche gab ich dem Obdachlosen fünzig Euro. Ich lief schon einige Wochen an ihm vorbei. Er sitzt nur vormittags da, in dem Durchgang zwischen der U1 und der U6 am Halleschen Tor. Er ist ein älterer Mann, er sitzt mit Decke und einem Pappschild auf dem Boden, auf dem Pappschild steht: ich bin Obdachlos und habe Krebs.
Mittlerweile bin ich ja ziemlich abgestumpft. Wenn mich Leute anbetteln sage ich meistens nein. Oder ich mache mir Gedanken dazu. Warum ich ausgerechnet ihm oder ihr die eine oder andere Münze geben sollte. Dabei habe ich gemerkt, dass ich im Laufe der Zeit sehr nach Sympathie oder Bauchgefühl vorgegangen bin. Aus dem Bauchgefühl heraus habe ich immer jene Leute belohnt, die nett geschnorrt haben oder diejenigen die tolle Musik gespielt haben, also Leute die etwas in mir auslösen oder Leute die trotz Armut etwas bewegen oder etwas können.
Aber das ist natürlich falsch. Obdachlos wird man in der Regel weil man gar nichts kann, weil man unsympathisch ist oder weil man nichts auf die Reihe kriegt, nicht mal ein nettes Lächeln, ich bin der Meinung, dass man denjenigen Geld geben muss, die nichts können, die schlecht drauf sind, und auch Trinkern, Holgi sprach in einer seiner WRINT-Sendungen mal darüber, dass man auch Trinkern einfach Geld geben soll, auch wenn man weiß, dass sie es eh versaufen werden. Um sie von diesem Stress zu erlösen den Obdachlosigkeit mit sich bringt, damit sie einfach trinken können, damit es ihnen kurzfristig besser geht, Obdachlosen Geld zu geben ist schließlich keine Investition, sondern man gibt einem Obdachlosen Geld um ihn für eine kurze Zeit vom Stress seines unheimlich anstrengenden Lebens zu lösen. Das klingt so sinnvoll: es ist keine Investition.

Der Obdachlose mit dem Krebsschild hat mich in Gedanken bis nach Hause verfolgt. Mehrere Wochen lang. Krebs zu haben in diesem Scheißleben zwischen zugigen Ubahndurchgängen und was weiß ich wie verkackten Schlafstätten, mit einer Decke und einem Pappschild. Boah. Ich stand unter der Dusche und dachte daran, wie schnell und ohne mit der Wimper zu zucken ich manchmal fünfzig Euro ausgebe wenn ich aus essen gehe oder wenn ich in Mediamarkt herumlungere. Kant hat einmal gesagt, dass man beim Geben von Almosen ja eigentlich nicht dem Bettler etwas Gutes tun will sondern es für sich selbst tut, entweder um sich ein gutes Gewissen herzustellen oder auch einfach nur um dankbare Blicke zu ernten. So ähnlich sagte Kant das jedenfalls, vermutlich klang es bei ihm etwas klüger.
Am nächsten Tag gab ich dem Obdachlosen mit Krebs fünzig Euro. Im Vorbeigehen steckte ich den Schein in den Joghurtbecher und sagte etwas wie “Hab nen schönen Tag” und ging gleich weiter. Ich schaute mich nicht um, es wäre mir wirklich zu blöd gewesen einen gerührten oder übermäßig dankbaren Blick zu bekommen, denn ich war der andere Typ den Kant meinte, ich war mir sicher: ich würde den Rest des Tages ein gutes Gefühl, ein gutes Gewissen haben.
Aber das gute Gefühl stellte sich den ganzen Tag nicht ein. Abends stand ich wieder unter dem warmen Wasserstrahl der Dusche und dachte an dieses Scheißleben in den zugigen Ubahndurchgängen. Keine Ahnung wie Kant das meinte.

[…]

Ich werde ab sofort immer die weibliche Form verwenden. Wenn ich von Polizistinnen rede, dann meine ich das, was wir üblicherweise unter Polizisten verstehen. Das selbe gilt für Koleginnen, Autofahrerinnen, etc. Das mache ich jetzt einen Monat lang so. Vielleicht auch länger. Hintergrund ist, weil wir neulich (wiederholt) über die Macht der Sprache diskutierten und ich den Effekt des Satzes mit den zwei Fussballern umdrehen möchte. Ihr kennt den Satz? Er geht so:

Zwei Fussballer sitzen in der Kabine und reden über ihre Regelschmerzen.

Ich will wissen wie sich das liest wenn man den Geschlechterstandard umdreht, was das mit dem Bild macht, das man innerlich beim Lesen von Texten aufzieht und zwar wenn man es konsequent über einen längeren Zeitraum hinweg so händelt. Die üblichen Arten zu gendern haben sich für mich nie richtig angefühlt, das Binnen-I in FußballerInnen ist mir zu angestrengt und das doppelte Aufführen der Geschlechter, also von Fußballerinnen und Fußballern zu reden, finde ich so ungelenk und dröge wie irgendwas. Es ist vermutlich nicht die richtige Art zu gendern, aber ich will wissen, was es mit mir macht.

[woran ich mich erinnern will. November/Dezember]

In den letzten beiden Monaten sind sehr viele Sachen geschehen an die ich mich erinnern werde, vielleicht werde ich mich nicht immer daran erinnern wollen, aber andernseits lässt sich viel daraus lernen, insofern ist die Erinnerung daran sicherlich gut. Es sind berufliche Themen und über meinen Beruf schreibe ich hier nicht im Blog. Aber damit möchte ich auch meine Abwesenheit hier erklären. Ich sehe mich ja zu einer Erklärung gerufen, das meine ich wirklich.

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Und dann war ich wieder in Tschechien. Meine Firma hat dort einen Standort und die dort ansässige IT Abteilung gehörte zu meinem Verantwortungsbereich. Da sich die Zusammenarbeit grundlegend ändern wird, habe ich die Kollegen dort zum letzten Mal besucht. Es war ein seltsamer Besuch, viele mussten die Firma bereits verlassen, dieses halbleere Büro, die ungewisse Perspektive, die halbe Motivation, die etwas wehmütigen Gespräche die man mit den Leuten in der Kantine führt, dieses kollektive Herunterfahren. Immerhin gibt es keine dramatischen Schicksale, in jener Gegend gibt es offenbar Arbeit genug.

Andernseits: die guten Dinge. Plzen! Üblicherweise schlief ich immer in einem Hotel in Marienbad, einem etwas aus der Zeit gefallenen Kurort in böhmisch-österreichischem Jahrhundertwende-Stil. Dieses mal entschieden wir uns dafür, in Pilsen zu nächtigen. Abends waren wir mit der tschechischen Personalchefin essen und trinken. In Pilsen ein Pils trinken. Das ist so druckreif, man müsste es auf die Liste der Things done in my life setzen. Hätte ich so eine Liste, wäre dieser Punkt jetzt abgehakt. Dafür habe ich es auf Instagram gepostet, das streut etwas mehr Glitzer über mein Leben. Noch druckreifer wäre gewesen: >Pils mit einer Pilsnerin in Pilsen< Und da ich ja Brauer werden will wenn ich groß bin, mein erstes Pils würde ich >Pilsnerin< nennen.

Sonst habe ich von der Stadt leider nicht viel sehen können. Einmal sind wir über den Marktplatz mit der imposanten Kathedrale gelaufen. Wir sollten auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein trinken, als wir ankamen, schlossen aber gerade die Stände. Was mir an Pilsen positiv auffiel: die Leute wohnen da noch wirklich in der Innenstadt. Unsere Kollegen zum Beispiel. Das habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Innenstädte sind sonst überall museal geworden, das Leben hat sich in die umliegenden Viertel verlagert. Seit wann ist das so? Seit zehn Jahren? Fünfzehn? Schon länger eigentlich.

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Außerdem will ich neue Tätowierungen. Das ist mein ernst. Ich bin wieder alt genug dafür. Meine Tätowierungen habe ich mir alle zwischen 16 und 18 Jahren gemacht. Alle selbst. Sie sind noch gut in Schuss, wie ich finde, ich habe die Nadeln damals etwas tief in die Haut gestochen, das erhöhe die Haltbarkeit, dachte ich damals, da kann was dran sein, ich müsste mal googlen ob das auch stimmt. Damals gab es ja kein Google und heute will ich nicht immer alles googlen, obwohl, bevor ich mir schwarze Tusche mit Sicherheitsnadeln in die Haut steche, sollte ich vielleicht doch vorher googlen. Aber diesmal werde ich zu den Profis gehen, mit 43 Jahren bin ich nicht nur alt genug, mich wieder tätowieren zu lassen, sondern alt genug, andere Leute für mich googlen zu lassen.

Ich habe drei Motive die ich mir stechen lassen will, eines der Motive ist eine grobe Idee, daher brauche ich jemanden, der es für mich entwirft und so machte ich mich auf die Suche nach Stilen, nach Stilen von Tattoo Artists, die im Netz ihre Entwürfe und Stiche herzeigen. Das Witzige dabei ist, wenn mir ein Stil gefällt, schaue ich mir den Tätowierer an und es sind fast immer Frauen. Fast ausnahmslos lande ich bei Frauen. Und wenn ich die Profile der entsprechenden Frauen durchstöbere, sind es in Mehrheit lesbische Frauen. Das ist wirklich lustig. Wäre ich Psychologe würde ich es psychologisieren wollen, aber ich kann nur googlen. Und das lass ich lieber sein.

Im Dezember habe ich mich dann mit einer Tattookünstlerin getroffen. Wir haben lange über das Motiv gesprochen, wie es aussehen könnte, welche Formensprache man anwenden könnte. Das war mir sehr wichtig, das wusste ich vorher nicht.

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Und Isa war in Berlin auf einer Wohnzimmerlesung im Prenzlauer Berg. Eine Wohnzimmerlesung bedeutet, dass jemand sein Wohnzimmer für geladene Gäste öffnet und etwas vorgelesen wird. Die Gastgeberin war meine Freundin A und die Vorleserin war Isa, die uns aus ihrem lustigen Pfauenroman vorlas. Isa und ich haben uns schon seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Irre. Damals war ihr Roman gerade erschienen und jetzt rockt sie die Bestsellerlisten. Das war ein wunderbarer Abend. Isa saß auf dem Sofa und las uns aus ihrem Buch vor. Wir anderen betranken uns. Danach betrank auch Isa. Erst weit nach Mitternacht fanden wir den Weg aus der Wohnung heraus.

Überhaupt: Wohnzimmerlesungen. Könnte ich immer machen. So müssen das früher auch alle Picassos und Hemingways und de Beauvoirs gemacht haben. In den Wohnungen zusammensitzen und sich betrinken. Herrlich.

[woran ich mich erinnern will. Oktober.]

Diesen Monat hat es nicht geklappt wöchentlich zurückzublicken und Dinge aussuchen, an die ich mich erinnern will. Beruflich überschlagen sich gerade die Ereignisse und wenn man die Erinnerungen auf den Monat reduziert, fallen mir nur noch wenige Erinnerungen ein, weil schon wieder alles in Geschichte abzudriften scheint.

Ich will mich jedenfalls an den schönen Abend mit Frau Casino und zwei gemeinsamer Freunde erinnern. Die beiden Freunde haben ein Haus in Mahlsdorf und wir wurden eingeladen, die eine oder andere Flasche Whisky zu probieren. Ich brachte selber zwei Flaschen mit und wir redeten den ganzen Abend über, nunja, Whisky natürlich, aber auch über nördliche Länder, da der Gastgeber seit zwei Tagen aus Norwegen zurück und ich eine Woche aus Schottland zurückgekommen war. Unter dem Eindruck der Landschaften und der mystisch heraufbeschworenene Erinnerungen schenkten wir ein, steckten unsere Nasen in die Gläser und gurgelten wir Whisky.

Dann auf der #unteilbar Demo gewesen. Wir liefen eher vorne mit, blieben dann bei einem Wagen stehen der 4nonblondes spielte. Auf einer Anhöhe in der Leipziger blieben wir stehen und ließen die Menschen an uns vorbeiziehen. Wir blieben dort lange stehen. Vierzigtausend sollten teilnehmen. Ich weiß wie eine Menge von vierzigtausend aussieht, ich bin oft bei Hertha im Stadion, das waren viel mehr als vierzigtausend. Nach einer Stunde liefen wir die Demo in die entgegengesetzte Richtung, vom Mühlendamm aus konnte man die ganze Grunerstraße hinaufsehen bis zum Alex und da kamen immer noch die Menschenmengen nach. Am Ende war es eine Viertelmillion. Fickt euch, rechte Spalter.

Außerdem war ich beruflich in Hannover. Ich war zum ersten Mal in Hannover. Ich weiß nicht viel über Hannover. Niedersachsen ist für mich diese große, grüne Fläche westlich von Brandenburg, Niedersachsen erstreckt sich bis ans Meer und irgendwo mitten drin liegt Hannover. Wobei, ich war schon einmal in Hannover, vor sehr, sehr vielen Jahren, genaugenommen war ich nur im Hauptbahnhof, etwa zwei Stunden lang, ich hatte Liebeskummer und musste umsteigen. Keine schöne Erinnerung.
Diesmal war ich wieder da. Also wirklich da. Ich fands dann ganz OK.

Heute sind wir aus Ostfriesland zurückgekehrt, aus Norderney. Wir pflegen diese liebgewonnene Tradition mit einem befreundeten Paar auf deutsche Inseln zu fahren, immer in kälteren Jahreszeiten, immer in Wollschale gewickelt und in dicken Jacken gehüllt, immer auf endlosen Spaziergängen durch Dünenlandschaften und verwehten Stränden. Auf Norderney nehmen wir den Bus bis zur letzten Haltestelle auf der Mitte der Insel, dahinter kommt der große, leere Teil den keine Deiche schützen, es gibt keine Häuser mehr, keine Bauten überhaupt, keine befestigten Wege, nur diese großen, gefärbten Holzpflöcke, die eine grobe Richtung anzeigen um den Weg zum Ostende der Insel zu weisen, nur diese endlose Dünenlandschaft. Die Insel ist auf dieser Seite dem Meer ausgeliefert, Flut, Ebbe und Sturmflut sortieren die Oberfläche ständig neu, schlagen neue Gräben, neue Wasserwege. Es sind sechs Kilometer, wir folgen lange dem Lauf eines Priels, mäandern mit ihm quer über die Insel, müssen ihn mehrmals an untiefen Stellen überqueren, verlaufen uns aber wieder weil wir uns viel zu erzählen haben, mehrmals stehen wir vor einem breiten Wassergraben, zu hoch um ihn zu überspringen, zu tief um hineinzusteigen, während die Wegmarkierung fröhlich den Weg durch diesen weist.

Abends setzen wir uns ins Norderneyer Brauhaus. Haben rote Wangen. Peace.