[Sonntag, 18.4.2021]

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Den ganzen Tag nicht dazu gekommen, den Tagebuchtext von gestern online zu bringen. Zum Einen, weil er nicht fertig geschrieben war und zum anderen war ich sehr abgelenkt und es fehlte mir der Elan, die Dinge aufzuschreiben und anzupinseln. Bis auf die Sache mit dem Squeezer, die ich heute noch spät online gebracht habe.

Dafür habe ich heute Blumenkohlreis gemacht. Blumenkohlreis werde ich in mein kulinarisches Portfolio aufnehmen. Es geht dabei im Kern nur darum, dass man Blumenkohl mit einer groben Käsereibe zu Reis reibt und diesen dann etwa 8 Minuten in einer Pfanne mit etwas Salz anbrät bzw trockenbrät.

Danach kann man ihn weiterverarbeiten. Wir haben ihn ihn als Reisbeilage zu einem mexikanischen Schwarze-Bohnen-Gericht mit Guacamole genommen. Das passt ausgezeichnet. Ich finde das phantastisch.

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Gestern hatte jemand im Fanclub die Idee, Genesungskarten an die Mannschaft zu schreiben. Zumindest an die kranken Spielerinnen und Trainerinnen. Rune Jarstein lag beispielsweise wegen seiner Coronainfektion in der Charite. Er wurde allerdings heute wieder entlassen. Meine Karte schrieb ich an Jarstein. Ich mag seine Frisur und ich finde den einen guten Typen.
Ich mag die Aktion. In diesem Organismus Fussball fehlt es grundsätzlich immer ein bisschen an Liebe. Kann nie schaden.

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Wir haben zwei Horrorfilme gesehen, wovon einer richtig gut war. The Ritual. Eigentlich schaue ich keine Filme mehr, in denen keine Frauen in tragenden Rollen vorkommen, aber ein Horrorfilm, der im schwedischen Wald stattfindet hatte dann doch einen gewissen Reiz. Um ordentlich Brennstoff für meine Alpträume zu sammeln, wenn wir nächsten Sommer wieder unser Häuschen im schwedischen Wald besuchen.

Der Plot geht so: fünf englische Kumpels sitzen im Pub und wollen wieder einmal einen Männerurlaub machen. Neben Ibiza, Berlin und Amsterdam schlägt der eine eine Hikingtour durch den schwedischen Wald vor. Alle anderen eher so: mwah… das ist anstrengend.
Fünf Minuten später gehen er und einer der anderen in einen Späti um Vodka zu holen, dort werden sie überfallen und der eine, der die Hikingtour machen wollte, stirbt.
Der andere Freund, der mit ihm im Laden war, konnte sich verstecken und überlebte den Überfall unbeschadet. Seitdem plagt ihn ein latentes Gefühl der Schuld. Wenn wir ganz ehrlich sind, er hätte da nicht viel machen können, die Mörder waren zu dritt oder zu viert und sie waren bewaffnet. Aber wer weiss. Dieses “wer weiss” schleppt er halt mit sich herum.

Sechs Monate später sieht man die verbliebenen vier Kumpels im schwedischen Wald (der eigentlich in Rumänien gefilmt ist), um so etwas wie einen letzten Wunsch ihres Freundes zu erfüllen. Wie man es erwartet, geht das nicht gut. Sie kommen vom Weg ab, verlaufen sich, verletzen sich und begegnen dort schließlich einer sehr düsteren Macht.

Was ich an vielen Horrorfilmen immer doof finde, sind die Monster. Wenn sie zu explizit mordend und offensichtlich hässlich dargestellt werden. Hier ist das anders. Diese düstere Macht ist lange Zeit nur etwas, das bei den Menschen zu Visionen führt. Der eine Kumpel, der sich in seinen Visionen immer wieder in diesem Späti mit dem sterbenden Freund wiederfindet. Dies Monster lässt Leute gruselige Dinge tun, es ist etwas, das nur angedeutet wird, etwas, von dem man weiss, dass es durch Fremde angebetet wird, die ganzen Ritusstätten, die eingeritzten Symbole in den Bäumen.

Leider wird es am Ende dann doch noch gezeigt. Es wurde ein bisschen zu viel aufgedeckt. Das Monster lässt sich sogar in der nordischen Mythologie einordnen. Das hätte nicht sein müssen.

[Tagebuchbloggen. Freitag, 26.3.2021]

Wieder ganz fürchterlich geschlafen. Ein Freund hat seine Schlafprobleme mit CBD Öl in den Griff bekommen. Vielleicht sollte ich das mal probieren. Auch wenn meine Frau Wissenschaftlerin ist und solche kommerziellen und pseudowissenschaftlichen Moden, ohne jegliche fundierte Evidenz, sehr verachtet.

Ich weiss aber auch, dass die Schlafprobleme wieder vorbeigehen werden, es sind immer Phasen. Vielleicht muss ich es einfach aushalten und mein Blog volljammern, bis es vorbei ist.

Lustigerweise schlief ich sehr gut, als ich mit dem Intervallfasten begann. Dass ich abends nichts ass, hat mein Körper offenbar dankend angenommen, aus biologischer Sicht hat der Körper nichts zu verdauen und das bekommt ihm wohl gut. So gut wie ich da geschlafen habe, ich konnte es richtig spüren, wie mein Körper nichts zu verdauen hatte. Manchmal legte ich mich ins Bett und dachte, das ist so schön, dass man Körper jetzt nichts zu verdauen hat und sofort rutschte ich weg, in einen tiefen Schlaf.
Es hielt aber nur drei Monate an. Vielleicht vier. Seit einigen Wochen meldet sich der schlechte Biorhythmus wieder und fühlt sich von mir ausgetrickst.

Dabei kann ich super einschlafen. Ich konnte immer schon gut einschlafen. Ich lege mich ins Bett und schließe meine Augen. Dann bin ich meist weg. Aber wehe ich wach um 5 auf.

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Auf Arbeit ist heute LFOTM. Last friday of the month. Vor der Pandemie traf man sich am letzten Freitag des Monats ab vier Uhr immer zum Trinken, Essen, Musikhören und auch zum Spiele spielen. Da fast alle zuhause im Homeoffice sitzen, trifft man sich heutzutage manchmal auf Googlemeet und spielt Onlinespiele. Wörter raten, Sätze schreiben und diese mit der Maus nachzeichnen, oder wer-bin-ich-artige Spiele. Auch das macht irgendwie Spass. Ich verliere drei mal. Muss man auch können, dieses Verlieren.

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Ich bin mir etwas unschlüssig über die beiden mechanischen Tastaturen, die ich mir neulich angeschafft habe. Sie haben beide große Vorteile aber die eine hat jeweils einen Vorteil gegenüber der anderen. Die neuere, flachere hat einen für mich nicht ganz unentscheidenen Nachteil, dass sie sich zwar gut tippen lässt und auch eine sehr gute Schreibhaptik hat, sie sich aber nicht so geil schwer anfühlt wie die andere. Sie verliert aufgrund ihrer flachen Tasten ein bisschen von dieser Besonderheit einer mechanischen Tastatur und fühlt sich deshalb ein bisschen nach Plastik an. Die andere hingegen hat sehr hohe und schwere Tasten und sie hat diese körperliche Haptik wie ein klassisches Piano. Schwere Tasten, mit einem butterweichen Anschlag. Der Nachteil der Schweren ist, dass ihre Tasten etwas scharfkantig und breit sind und ich sie dadurch nicht so gerne streichle. Ja genau, streichle. Gut, es hat auch einen anderen Nachteil und zwar, dass durch die breiten Tasten, der Anti-Ghosting Effekt nicht so gut ist. In anderen Worten. Ich vertippe mich immer noch erstaunlich oft. Das ist mit der Flachen nicht so sehr der Fall.

Jetzt habe ich gerlernt, dass man bei allen mechanischen Tastaturen die Tasten austauschen kann und dass es eine richtige Tastenszene gibt, mit kleinen Produktionsfirmen, die sehr besondere Tasten herstellen mit unterschiedlichen Profilen, Materialien, Farben und Drucken. Ich lerne, dass meine schwere Tastatur ein OEM-Profil, und meine flache Tastatur ein Cherry-Profil hat. Für Menschen, die sich gerne vertippen, sind die Cherry-Profile geeigneter, aber noch besser sind die alten IBM-Style Profile wie das DSA oder das noch klassischere DS Profil. Diese wirken optisch wie aus einem SciFi Film der Fünfzigerjahre.

Ich überlege daher für meine schwere Tastatur Tasten im DS oder DSA Profil zu kaufen und sie zu ersetzen. Nur die Buchstaben. Enter, Zahlen und alle anderen Tasten können ja auch so bleiben. Umlaute und deutsches Tasten sind in dieser internationalen-Tastaturszene eher schwer zu finden, und wenn, dann sind sie vergleichsweise teuer, der Preis geht dann gerne auf die 100€ zu. Deswegen beschränke ich mich auf Buchstaben und auf den mitgelieferten Blankotasten male ich dann die Umlaute rauf. Irgendwie mag ich den Gedanken daran, nur Buchstaben zu ersetzen. Das sind die Tasten auf denen ich immer herumhacke. Diese Konzentration des Schreibgefühls auf die Buchstaben. Beim Enter und der Leertaste vertippt man sich ja eher selten. Und andere Tasten brauche ich eigentlich nicht.
Das ist so die Reduzierung auf das Wesentliche. Das mag ich. Und wenn ich ein bisschen Glämmer brauche, dann schalte ich die Untertastenbeleuchtung an.

[tagebuchbloggen. Mittwoch, 17.2.2021]

Ich sitze im Büro und mein Telefon macht bzzzt. Amazon sagt mir, dass meine neue Tastatur zuhause angekommen ist. Ich kann ab dem Moment nicht mehr normal arbeiten.

Ich mache früher Feierabend, weil mein Kopf ganz furchtbar drückt. Es ist der Nacken, ich müsste Nackenübungen machen, dieser Nackenschmerz macht mich fertig, der sitzt da oben und strahlt in alle Richtungen aus.
Zu allem Überfluss hat mein Fahrrad einen Spontanplatten. Ich verstehe nicht, woher der auf einmal kommt. Also Googlemäpse ich nach Fahrradläden in meiner Nähe, aber ich bin am Potsdamer Platz und Potsdamer Platz so Fahrradladenfrei wie ein [irgendein dummer Vergleich hier].
Ich muss dann bis zum Spittelmarkt laufen. Mit Kopfweh und dem Wissen, dass zuhause meine neue
Tastatur auf mich wartet.

Im Fahrradladen geht es dann ganz schnell. Ready while you wait.

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Ich erfahre von der Aktion #ihrkoenntaufunszaehlen eine durch der 11Freunde-Redaktion initiierte Kampagne für die Unterstützung von Homosexuellen Fussballern (hier ist das Maskulin explizit). Bekannte Fußballer zieren die Covers des Magazins und halten ein Schild mit dem erwähnten Hashtag in die Linse. Als Fanclub machen wir da natürlich mit. Das ist eines unserer Themen. Mit Kopfweh und ohne die neue Tastatur ausgepackt zu haben, male ich ein Schild und ziehe mir mein Fussballhoodie an.

Küss doch wen du magst.

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Danach stecke ich die Tastatur ein.

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Danach bestellen ich Pizza. Ich brauche Trostessen. Ich habe seit November 13 Kilo abgenommen. Heute brauche ich aber einfach eine Pizza, ich finde, das ist OK. Ich habe nur zu Weihnachten gecheated und zum Geburtstag Ende Januar. Ich mache Intervallfasten und nehme dabei einen Kilo pro Woche ab. Darüber schreibe ich vielleicht ein andermal etwas genauer.

[tagebuchbloggen, Freitag 12. Feb 2021]

Den ganzen Tag an einer Präsentation gearbeitet. Ich hasse es Präsentationen zu gestalten.
Am Ende ist es aber meine erste gelungene Präsentation geworden. Ich bin selber etwas erstaunt. Dabei fabriziere ich keine Zauberei. Einfach: Titel, Stichpunkte und ein albernes Foto von irgendwas. Weisser Text auf schwarzem Hintergrund. Und dann reden. Eigentlich ist es ein bisschen wie eine Geschichte zu erzählen und diese mit Anschauungsmaterial zu unterlegen. Ich ahne, dass es da viel Potential gibt. Ich erinnere mich an die Meraner Literaturtage wo dieser Wiener, öhm, was war er, Künstler, Wissenschaftler oder Autor, der das Publikum mit einer Powerpoint Präsentation über den Untergang der Welt unterhielt. Das war mega. Ästhetisch schön, sehr pointiert, sehr politisch und mit einer spannenden Dramaturgie.

Merkwürdig an dieser pandemiebedingten Art Präsentationen zu halten ist die abwesende Wahrnehmung des Publikums. Es sitzen etwa 60 Menschen vor ihren Webcams auf meinem Bildschirm. Alle stummgeschaltet. Und wenn ich die Präsentation beginne, verschwindet das Publikum auch vor meinen Augen.
Die Witze gehen hinaus in diesen dunklen, luftleeren Raum. Ich bin der Astronaut, ich erzähle lustige Sachen. Ich weiss nicht ob der Witz ankommt. Und wann. In 8 Minuten. In 8 Stunden.

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Abends treffe ich mich mit meiner Frau am Strausberger Platz. Dann spazieren wir nach Hause.

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Kurz bevor ich die Firma verließ, zeigte mir ein Mitarbeiter seine neue Tastatur. Es ist eine sehr nerdige Tatstatur mit hohen, mechanischen Tasten und farbiger Untergrundbeleuchtung. Was er nicht wusste: ich will mir schon seit langem eine neue Tastatur anschaffen. Meine jetztige Tastatur ist nicht für langes Tippen geeignet, sie hat einen schlechten Druckpunkt und gibt wenig haptischen Feedback. Ich habe mich selten so häufig vertippt wie in den letzten Jahren auf dieser Tastatur.

Ich weiss schon länger, dass ich eine mechanische Tastatur will und ich kenne die unterschiedlichen Switche, also welche Switche welche Druckpunkte und Haptik, sowie Lautstärke haben.
Vieltipper lieben mechanische Tatstaturen mit den blauen Switches. Die braunen Switches haben sich für Vieltipper berwährt, die einen guten Druckpunkt brauchen aber die nicht so laut sind. Ich wollte mir eine mit braunem Switch anschaffen. Allerdings sehe ich, dass sich technologisch in den letzten Jahren einiges getan hat, es gibt mittlerweile weitere Switches: clear, silver, black undsoweiter, ich muss mich einlesen. Es gibt unzählige Modelle und Marken ausserdem mag ich es mittlerweile auch extravaganter, ich finde die Farbigen gut, und mehrfarbige Untergrundbeleuchtung kommt mir auch ins Haus.

Zwei Stunden später habe ich zwölftausenddreihundertsiebenundsechzig Browsertabs offen und bin sehr gereizt.

Ich schlage meiner Frau vor, die zehnte Folge der Horrorserie des Vortages zu schauen. Das soll ja die beste Folge sein. Wir lesen die Zusammenfassung. Es handelt von einer technischen Parallelwelt. Darauf haben wir beide keine Lust. Also suchen wir die Folge heraus, die die zweitbeste Bewertung erhalten hat. Es ist die Folge Nummer habichvergessen, sie handelt von amerikanischen Pilgern die zu Thanksgiving den Haushalt einer Familie übernehmen. Am Ende sind sie alle tot. Oder so ähnlich.
Die Folge war totaler Käse. Wir werden der Serie keine Chance mehr geben.

[Tagebuch, Weihnachten, Silvester und viel etc]

Unser Weihnachten war eigentlich wie immer, wir ziehen uns an, als würden wir einen Preis für die Newcomer des Jahres in der Kategorie “Music Experimental Modern Victorian” in Empfang nehmen, dann kochen wir und betrinken uns. Danach landen wir im Sofa und schauen einen Film. Dazwischen schenken wir uns manchmal etwas. Dieses Jahr haben wir Lichterketten gekauft. Mehrere. Und damit Möbelstücke eingewickelt. Wir hatten uns das sehr einfach vorgestellt, man fängt irgendwo an und wickelt einfach weiter bis die Lichterkette verwickelt ist. Das war dann nicht so einfach. Jede von uns beiden dachte, sie sei klüger als die andere und hatte bereits ein System im Kopf, wie die Lichterkette anzubringen sei. Beide Ideen waren doof. Aber weil wir beide immer denken, die Klügere zu sein, gerieten wir in Streit.
Später erkannten wir, dass wir beide scheiterten, wir stellten uns beide total dämlich an und fabrizierten leuchtenden Kabelsalat. Als wir das erkannten, waren wir versöhnt.

Wir hatten einen ziemlich durchgetakteten Essensplan. Keine aufwändigen Dinge, aber da wir beide dem alltäglichen Kochen am Abend nicht so zugeneigt sind, hat sich im Laufe der Zeit eine ganze Liste an Speisen, die man-immer-mal-kochen-wollte, angesammelt. In der Vorweihnachtszeit haben wir die alle mal aufgeschrieben und als weihnachtlichen Essensplan priorisiert.
Ganz oben auf meiner Wunschliste stand Chicago-Style Deep Dish Pizza. Das wollte ich eigentlich schon seit dem Chicago Besuch von vor 5 Jahren kochen. Die Deep Dish Pizza ist weniger eine klassische Pizza sondern eher so etwas wie ein Pizzakuchen, oder ein Pizza-Quiche. Mit sehr viel Käse und einem fluffigen, buttrigen Teig.
Als wir damals in Chicago das erste Mal in einem Deep Dish Pizza Restaurant waren, wollten wir gleich zwei bestellen, weil die auf den Nachbartischen so klein aussahen, aber der Kellner, der sich uns mit dem Namen Bob vorstellte und uns versicherte, dass er heute Abend unser Host sein würde, riet uns freundlich davon ab, er versprach uns, dass es vollkommen ausreichend sei, wenn wir uns eine teilen würden. Ich nahm solche Aussagen natürlich nicht ernst, Bob konnte ja nicht wissen, dass ich in Vollmondnächten ein halbes Kalb verschlingen kann.
Aber er sollte natürlich Recht behalten, ungefähr zur Hälfte der Deep Dish Pizza musste ich aufgeben.
Zurück in Berlin erfuhr ich, dass es in der ganzen Stadt keine Deep Dish Pizza gibt. In ganz Deutschland nicht. Vermutlich auch in ganz Europa nicht. In Europa denken Menschen ja gerne, dass gute Pizze nur von Europäern bzw italienischen Europäern gebacken werden kann und überhaupt: ein Reimport von italienischem Kulturgut aus Amerika, das geht ja wohl gar nicht. Aber gut, das ist wieder eine ganz andere Geschichte, ich liebe ja Amerikaner, wenn sie beim Essen auf Traditionen scheissen.
Es kann aber auch einfach sein, dass es die Chicago Style Deep Dish Pizza nur in Chicago gibt.

Wir haben dann die Chicagopizza gebacken und sie ist echt gut geworden. Eigentlich müsste man ein kleines Restaurant aufmachen und nur Deep Dish Pizza backen. Drei oder vier Sorten. Mehr werden auch in Chicago nicht angeboten. Sich ganz auf diese drei Sorten fokussieren und vorne auf das Lokal draufschreiben: the only Chicago Style Deep Dish Pizza in Berlin and Europe and everywhere else except for Chicago maybe.
Ich würde sowas ja gerne machen. Vier Wochen lang. Danach fände ich es vermutlich langweilig.

Auf unserer Liste standen auch Köttbullar, Trüffelpasta und Lasagne. Und Fishpie. Und Gulasch.
Hat mehr oder weniger alles geschmeckt.

Zu Silvester haben wir uns auf den Balkon gesetzt. In dicken Wollsocken und Winterjacken. Lustigerweise hatten alle Nachbarn die gleiche Idee. Wie wir um Mitternacht alle so auf den Balkonen standen und einander über die Strasse hinweg zuprosteten. Dieser Coronawinter wird mir immerhin mit einer gewissen Romantik in Erinnerung bleiben.

Das mit dem Balkon behielten wir bei. Immer wenn es kalt war, fiel jemandem von uns ein: komm lass uns Arktis spielen. Wir öffeneten uns einen Drink, zogen dicke Jacken an und setzen und auf den Balkon.

Ende Januar hatte ich dann Geburtstag. Eine ganz besondere Eigenheit, die uns Endejanuar Geborenen den Winter ganz besonders schmackhaft macht, ist der Geburtstag Ende Januar. Für Menschen, die nicht Ende Januar Geburtstag haben, gibt es nach Weihnachten keine Highlights mehr, vermutlich bis die ersten Maiglöckchen sprießen. Zumindest für Menschen, die dem Winter nichts abgewinnen können. Für die gibt es Weihnachten und danach beginnt ein großes, finsteres und kaltes Loch bis Ende März.
Endejanuargeborene haben Ende Januar Geburstag. Das ist so ein Überbrückungsglied. Andererseits: ich bin ein Winterboy. Für mich ist der ganze Winter ein Überbrückungsglied.

[wintersonne]

Heute zu Mittag spazieren gewesen. Wie wir der niedrigen Wintersonne entgegenliefen. Das Licht, das die niedrige Wintersonne wirft. In den engen Straßen erreicht sie meist nur die oberen Etagen. Wenn man ihr entgegenläuft, stellt sie sich in die Sicht, diese Wärme bei geschlossenen Augen. Das ist die schönste Wärme, die es gibt.

Überhaupt, Wintersonnenwende. Wenn ich für sowas wie religiöse Gefühle empfänglich sein würde, dann am ehesten für dieses Gefühl am kürzesten Tag der Wintersonne mittags zuzusehen. Wie sie den tiefstmöglichen Zenit erreicht. Am Horizont auf Blickhöhe. Ich wäre heute gerne am Polarkreis. Zum Glück mache ich sowas nicht. Täte ich es, glaubte ich, ich trüge einen spitzen Hut auf dem Kopf und Mistelzweige unterm Arm.

Ich mag ja Winter. Ich mag ja die kurzen Tage, die langen Nächte. Ich mag es, wenn sich schon am späten Nachmittag dieser dunkle Schleier legt. Um mein Gemüt, um meine Sicht. Ich liebe es, in der Kälte Fahrrad zu fahren. Die Kälte an den Oberschenkeln und unter der Haut diese Körperwärme.
Und wenn ich dann nach Hause komme oder in die Kneipe gehe und mir Schal, Mütze, Handschuhe und alles ausziehe, wie mich dann die warme Raumluft auftaut: das Beste.

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In Longyearbyen ist jetzt Nacht. Seit Anfang November schon. Ende Januar wird es die erste Dämmerung geben. Die Sonne kommt dann Ende Februar nach.

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Vor einigen Jahren lernte ich einen jungen Syrer kennen. Es war ein eisiger Dezembertag, eine gemeinsame Freundin feierte ihren Geburtstag. Wir feierten in einer liebevoll zurechtgemüllten Neuköllner Kneipe. Er und ich, wir verstanden uns auf Anhieb. Er sagte: I love Winter. Das sei alles so schön, mit diesen kuscheligen Wohnungen, diesen warmen Kneipen, wie wir alle zusammensäßen und Kerzen anzünden. Das kannte er alles nicht. Ja, stimmt. Die Wohnungen. Die Innenräume. Es wird so viel Aufwand damit betrieben.
Es hat schon seinen Grund, warum wir uns gerade bei den Skandinaviern abgucken wie man sich die Wohnungen einrichtet. Wenn man unweit des Nordpols eingeschneit in seiner Hütte sitzt, hat man viel Zeit, Homeimprovement zu betreiben.

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Winterland

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Vor einigen Monaten habe ich mir dieses Spiel auf Steam gekauft. The long dark. Es handelt von den arktischen Wäldern Kanadas. Vom Schnee. Und von den Wölfen. The long dark. Ich könnte diesen Titel ewig vor mich hinsagen. The long dark. Das ist wie ein Zustand.

[woran ich mich erinnern will – November und auch ein bisschen Oktober]

Ständig irgendwelche Leute, die in Quarantäne müssen oder die sich testen lassen. Erstkontakte, Zweitkontakte, mittlerweile hat es auch Bekannte erwischt. Ein Freund und eine Freundin sind an Covid erkrankt. Eine liebe Freundin hat schwerere Symptome.
Ich bin weit davon entfernt hypochondrisch zu sein, aber wenn ich an die letzten beiden Monate zurückdenke, dann ist das vorherrschende Gefühl: seltsames Kratzen im Rachen. Hm, ist das schon Corona? Rieche ich noch richtig?
Ständig die Nase in den Achseln.

Daher habe ich vermutlich diesen Blogeintrag so lange vor mir her geschoben. Es gibt nicht wirklich Vieles, woran ich mich erinnern muss.
Seltsamer Monat. Dabei komme ich mit dem Lockdown wirklich gut zurecht. Ich stelle mich halt darauf ein, dass das alles nur temporär ist. Außerdem kann ich jeden Tag ins Büro, da dort ohnehin kaum jemand ist. Die meisten Leute arbeiten ja lieber von zuhause aus, das finde ich ganz furchtbar. Aber ich kann natürlich nur ins Büro weil fast niemand da ist, so sitze ich fast alleine in meinem aerosolfreien Grossraumbüro.

Und immer noch: Es ist temporär. Es ist temporär. Es ist temporär.
Ich würde die Zeit ja gerne nutzen einen richtig guten, langen Text zu schreiben oder an den anderen Texten weiterzuschreiben, aber ich sitze halt nur da, eine Hand in der Hosentasche, die andere Hand an der Maus. Bis meine Frau kommt und fragt ob wir Zähne putzen.

Immerhin nehme ich gerade ab. Ich habe seit 4 Wochen das Abendessen gestrichen. Wenn ich schon nicht rausgehen kann und meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen (mit Menschen reden und währenddessen essen und trinken), dann kann ich genau so gut mit Essen und Trinken aufhören. Ich weiss, dass das bei mir immer gut funktioniert. Diäten kann ich nicht. Ich kann nicht einfach weniger essen, ich kann nicht einfach kleinere Portionen nehmen oder nach dem Essen aufhören herumzunaschen. Aber was ich gut kann: komplett aufhören zu essen. Über viele Monate hinweg.
Der abendliche Hunger dauert nur drei Tage lang. Nach den ersten drei Tagen ist es einfach. Mein Körper weiss: ah, jetzt spinnt der Kerl wieder und isst nix. Dann hört mein Körper auf, Nahrungsaufnahme zu erwarten. In meinem Beruf nennt man das Expectationmanagement.

Das mache ich jetzt bis Weihnachten so. Zu Weihnachten haue ich dann wieder voll rein. Und wenn danach immer noch Corona ist, dann faste ich danach wieder.

So ist das nämlich.

Aaah. Und dann Cecilia aus Longyearbyen. Die habe ich auch im November entdeckt. Es war Sonntagnachmittag, wir wollten während des Frühstücks etwas schauen, etwas kurzes nur, etwas, das zum Frühstück passt und danach noch ein bisschen weiter geht. Ein Film, oder eine Doku. Aber stimmungsmäßig wollte nichts zum Frühstück passen an dem Tag, also ging ich auf die Youtube-App des Fernsehers und tippte wieder mal ein: Longyearbyen. Meine Frau verdrehte die Augen. Youtube spuckte ein paar neue Treffer aus, sie trugen den Titel “My life in the Arctic“. Diese Clips kannte ich noch gar nicht. Es waren ein Dutzend zehn bis fünfzehnminütige Clips einer jungen Schwedin die etwas außerhalb von Longyearbyen lebt und einfach filmt wie sie mit dem Hund spazieren geht, oder wie sie an den Wochenenden mit ihrem Freund eine Hütte im arktischen Niemandsland besucht, oder wie sie Motorschlitten fährt undsoweiter. Währenddessen erzählt sie von den Dingen. Wie das mit dem Sonnenstand in der Arktis ist, wie sie in der Polarnacht lebt, und sie zeigt, wie sie ihre Wohnung eingerichtet hat, ihren gruseligen Weihnachtsschmuck, oder auch ihre gemachten Fingernägel und welche Lagen Kleider sie sich bei Minus 30 Grad anzieht, oder wie sie shoppen geht undsoweiter, immer mit einem seltsam verstrahlten Optimismus, und einer kurz an der Schmerzgrenze befindlichen Tussigkeit.

An dem Tag schauten wir etwa 2 oder 3 Stunden lang ihre Clips. Wir saßen auf dem Sofa, hatten eine dicke Decke über uns gelegt, die Heizung an und schauten in dieses Leben in der Arktis hinein.

Mittlerweile habe ich sie auf Insta abonniert und schaue zum Einschlafen immer ihre Stories. Wenn es neue Youtubeclips gibt, sparen wir sie für das Wochenende auf. Dann machen wir Frühstück, holen eine dicke Decke und schauen uns das Alltagsleben in der Arktis an.

Am 22. November sind wir mit der Webseite des besten Fanclubs der Welt live gegangen. Das Blog und der Shop. Ein Herzensprojekt. Es hat viel Zeit gekostet, das alles aufzusetzen, umso happier bin ich jetzt. Wir werden da unsere Zeit mit Hertha begleiten.

[woran ich mich erinnern will. September 2020]

Neulich gab es bei Spiegel Online diesen Artikel über Herrendüfte und Kulturgeschichte. Ich kann mit Gerüchen tatsächlich viel angfangen und wenn jemand sagt, dass im Mainstream die Gerüche alle ihre Kanten verloren haben, dann will ich wissen wie diese Kanten riechen. Das hat mich auch beim Bier beschäftigt. Und auch bei der Musik. Und erst recht bei den Menschen. Ich will immer die Kanten kennen.

Weiter im Text wird ein Parfum namens “Carnicure, von Marlou” erwähnt, der Geruch wird folgendermaßen beschrieben: “Das ist zart-süß und animalisch-geil. Tropfen für Tropfen pure Lüsternheit, mit Schweiß-, Urin- und Darkroom-Assoziationen. Ein Parfüm, das polarisiert.”

Ich schlug sofort die Marlou Seite auf und bestellte ein Probefläschchen.

Eine Woche später kam das kleine Paket an. Und jetzt traue ich mich nicht dran zu riechen. Ich habe immer das Bedürfnis, mich angemessen zu fühlen und angemessen gekleidet zu sein um daran zu riechen.

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Weil Herthas Online Shop Schwierigkeiten hatte, meine Mitgliedsnummer zu verarbeiten, musste ich die Herthahotline anrufen.
Am anderen Ende nahm ein Mann das Telefon ab und redete in einem starken Nordttioler Akzent zu mir.

Um den Nordtiroler Akzent zu erkennen muss man eigentlich nur eine Sache wissen: er enthält ein “K” mit dem man im Rachen Schleim akkumulieren kann. Er klingt ungefähr wie “Kchr”.
Wenn Nordtiroler beispielsweise Kakadu aussprechen, können sie zwei Einheiten Rachenschleim produzieren. Bei Kuckuck sind es drei, usw. Auch habe ich keine Ahnung wer auf die Idee gekommen ist, die nordtiroler Hauptstadt Innsbruck zu nennen. Bei Kufstein ist das K auch noch am Anfang. Wobei ich glaube, dass man im Kufsteiner Alltag schon ein weicheres K verwendet.

Es gibt ja diesen Witz:

  • Wie nennt man in Nordtirol eine Banane?
  • Banane-kchr.

Ich fand es jedenfalls schön, einen Nordtiroler an der Hertha Hotline zu haben. Ich outete mich sofort als Südtiroler und driftete in einen, für Norddeutsche Ohren, abgedunkelten Sprachabgrund hinab.
Wir plauderten ein bisschen, unterhielten uns über Berlin und über die letzte Hertha-Saison. Ich äußerte mich über die Zuversicht die ich für die kommende Saison hatte. Auch er war zuversichtlich, und währenddessen löst er mein Problem mit dem Shop.
Das war ein schönes Erlebnis.

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Neulich fuhr ich am Märkischen Ufer mit dem Fahrrad. Rechts auf dem Bürgersteig lief ein junger Mann mit zwei schweren Tüten an mir vorbei. Er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift “Kein Fussball den Faschisten”.
Ich hatte einen Podcast im Ohr und außerdem schwitzte ich und ich wollte nach Hause, weil es Gutes zu Essen gab. Ich fuhr ein ganzes Stück weiter an der chinesischen Botschaft vorbei. Das Tshirt ließ mir keine Ruhe. Ich hatte schon die Hauptstraße überquert, auf der Zwischeninsel der Hauptstraße beschloss ich aber umzudrehen. Also fuhr ich wieder zurück. Ein paar hundert Meter weiter hatte ich ihn eingeholt. Er lief immer noch mit den schweren Tüten. Ich sagte, sorrysorry, kannst du mir verraten wo du das Tshirt her hast? Er erklärte mir, dass das von Fans des SV Babelsberg gemacht worden sei.
Ich sagte: cool, Danke. Bist du Babelsbergfan?
Er sagte: nein, ich bin bin Fan von Schalke.
Aha, sagte ich. Ist ja gerade nicht so schön.
Er schaute etwas leer.
Ich fühle aus der Nähe ja immer mit. Wenn die Leute so wehrlos sind. In ihrer Ergebenheit vor einer als unabänderlich hingenommener Macht.
Die seltsamen Formen von Liebe.

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Ich aus Friedrichshain, traf mich nach der Arbeit in Mitte mit einem Freund aus Schöneberg vor einer Bar in Neukölln.
Vier Risikogebiete auf einen Streich.

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Er trug seine Maske akkurat und bedeckte auch vorbildlich seine Nase. Dabei stand auf der Straße, hatte seine Hose offen, pinkelte auf den Mittelstreifen und rief Schlachtrufe während er eine Faust in die Luft streckte.

Ich überlegte, ob ich ihn darauf hinweisen soll, dass man im Freien keine Masken tragen braucht. Das hat Drosten ja so gesagt. Nach kurzer Überlegung beschloss ich nichts zu sagen. Man muss ja nicht gleich kleinlich sein, wenn jemand schon so vorbildlich ist.

[woran ich mich erinnern will. Zweite Augusthälfte 2020]

Menschen die auf Twitter ganz offensichtlich angefeindet werden, schreibe ich manchmal eine DM. Ich habe mir das vor einigen Wochen angewöhnt. Als Gegengewicht, weil sonst nur die Hater zu Wort kommen und alles durchseuchen und alle einschüchtern. Ich erkläre in der Regel warum ich deren Account mag und warum ich sie followe und schreibe ein paar mutmachende Worte, die sich explizit an die Hater richten.

Nachdem ich das ein paarmal gemacht habe, fiel mir auf: alles Frauen.

In meinem Fanclub hat ein Mitglied einen Fernsehbeitrag gesehen, wie jemand in Mainz obdachlose Menschen mit Wasser versorgte. Er fragte in den Gruppenchat, ob wir nicht auch so etwas machen könnten. Einige Stunden später hatten wir 400€ gesammelt und vier Tage später fuhren wir in Dreierteams durch die städtische Hitzewelle und verteilten Wasserflaschen an Obdachlose und andere Bedürftige. Weil wir ein Hertha Fanclub sind und Hertha im Jahr 1892 gegründet wurde, setzten wir den Rahmen, dass wir mindestens 1892 Liter Wasser verteilen wollten und nannten uns 1892Liter Wasser Gruppe. Dann flossen die Spenden, von Privatpersonen, Organisation und auch Firmen und Hertha BSC stellte uns ihren Fanbus zur Verfügung. Das Ding kam ins Rollen. Die Medien meldeten sich bei uns, berichteten darüber, weitere Helferinnen meldeten sich.

Ich bin sehr begeistert darüber wie das alles ablief. Ich selbst konnte nur an einer einzigen Tour teilnehmen, ich kümmerte mich sonst im Hintergrund um Medienarbeit, teils von Schweden aus. Die Tour war für mich sehr eindrücklich und hallte lange in mir nach. Ich werde das demnächst mal in einem längeren Eintrag aufschreiben.

Mit dem Tagesspiegel telefoniert während ich in Unterhose und Doppelripp Unterhemd auf einer Wiese im schwedischen Wald stand. Daran will ich mich erinnern.

Zum “Exilherthaner Podcast” eingeladen worden um über den Fanclub “Axel Kruse Jugend” und die “1892 Liter Wasser” zu reden. Wir saßen zu dritt im Garten von Andy Brehmchens Eltern unter einem Zeltdach und wurden von seiner Mutter mit Marmorkuchen und Bienenstich verwöhnt. Manchmal regnete es, einmal brach ein Windsturm über uns herein. Das gesamte Zelt wackelte bedrohlich und ich musste an Dorothy Gale denken, wie sie in ihrem Häuschen durch den Wirbelsturm nach OZ verfrachtet wurde.
Wir haben uns aber nichts anmerken lassen.

Sobald sich das Mikrophon einschaltet und dort draußen ein Millionenpublikum erreicht, setzen sich sämtliche grammatikalischen Gesetzte außer Kraft und mein Wortschatz schrumpft auf gemessene 16,3% zusammen.

Letzte Woche ist in Longyearbyen das erste Mal seit 4 Monaten wieder die Sonne untergegangen. Für wenige Minuten. In zweieinhalb Monaten beginnt schon die Polarnacht. Für das Protokoll.
Die Sonne ging übrigens zwei Mal an einem Tag unter. Verstanden habe ich das allerdings nicht. Muss ich mal googeln.

Weil wir uns hier ja ganz offiziell in einem Blog der Arktissehnsucht befinden, muss ich auch zu Protokoll geben, dass vor drei Tagen ein Einwohner Longyearbyens von einem Eisbären getötet wurde. Der Mann, ein holländischer Staatsbürger, war mit der Aufsicht der örtlichen Campings beauftragt. Ja, Camping in Eisbärenland, sowas gibt es. Dennoch, Eisbären lassen sich in jener Gegend, 1km abseits des Ortes offenbar nicht so oft blicken bzw auf dem Weg dorthin muss er theoretisch so viele bewohnte und belebte Stellen passieren, dass er üblicherweise aufgefallen wäre. Diesmal halt nicht: um vier Uhr früh, bei Tageslicht, hat er ein Zelt überfallen.

Das doofe ist halt, dass Eisbären nur jagen können wenn es Meereis gibt. Weil darunter die Robben schwimmen, die sie sich schnappen. Wenn kein Eis da ist fasten sie eben mehrere Monate lang, das war schon immer so. Aber das Eis verschwindet seit Jahren immer früher und kehrt immer später zurück. So hat man schon im Spätsommer hungrige Bären, die nach alternativen Nahrungsquellen suchen.

Nota Bene für den nächsten Trip in den Grunewald:
Siehst du einen schwarzen Bären, dann mach dich groß
Siehst du einen braunen Bären, dann laufe
Siehst du einen weißen Bären, dann gib einfach auf

Habe ich von Naturspezialisten gelernt.

Ich höre derzeit Springsteen. Also The Boss. Als ich Bruce Springsteen hörte, muss ich 12 oder 13 gewesen sein. Da ich mir noch meinen Musikgeschmack und männliche Rollenmodelle zusammensuchte stieß ich im Fernsehen auf diesen Typen, der so wild und erdig daherkam. Das imponierte mir. Und Born in the U.S.A. klang schon sehr toll. Da ich zeitgleich wiedermal Geld für Musik ausgeben durfte, kaufte ich mir die Kassette von seiner “Tunnel of Love”. Ja genau Kassette. Die einzige Möglichkeit, in meinem Bergdorf Musik zu kaufen. Im örtlichen Lebensmittelladen gab es auch immer vier oder fünf Kassetten der aktuellen Topmusikerinnen oder irgendeinem Sanremo Sommermix.

Auf “The Tunnel Of Love” gab es dieses romantische Lied mit dem Namen “Tougher Than the Rest“. Und ich, 13 Jahre alt, zum zweiten Mal verliebt und zum zweiten Mal unglücklich, fand mich natürlich auch Tougher Than The Rest. Ich spielte dieses Lied rauf und runter, eine elende und endlose Verliebtheitsleier. Das ging vermutlich den ganzen Sommer lang.

Seit dem Wochenende höre ich diesen Song, den ich mehr als dreißig Jahre nicht mehr gehört habe. Das Lustige ist: das ganze Verliebtheitsgefühl ist wieder da. Aber nicht mehr das dazugehörige Mädchen. Ich kann mich nicht mal mehr vage an ein Gesicht erinnern.

[was schön war. Letzte Juliwoche, erste Augusthälfte 2020]

Mein Fussballverein Hertha BSC wurde auf einer Parkbank auf dem Arkonaplatz in Mitte gegründet. Zwei minderjährige Brüderpaare benannten ihren Verein nach einem Haveldampfer mit dem sie an einem der vorherigen Wochenenden herumgetuckert sind.

Wir finden diese Geschichte so schön, dass wir den Hertha Geburtstag auf einer Parkbank auf dem Arkonaplatz verbracht haben. Wir, das ist der Fanclub namens Axel Kruse Jugend. Ich habe 10 Jahre lang um die Ecke beim Arkonaplatz gewohnt und es hat mich immer schon beschäftigt, dass der Arkonaplatz durch die Jahrzehnte, Kriege und Teilung der Stadt hinweg, ganz aus der Hertha Kultur verschwunden ist. Dabei ist nichts einfacher als Geburtstag zu feiern. Und so war es dann auch. Wir waren zu viert, haben eine Kiste Bier gekauft, einen Flyer gedruckt und auf Twitter Leute eingeladen. Und weil Geburtstage zu feiern so schön ist, sind dann auch viele Leute gekommen und sogar das Fernsehen. Im Fernsehen sieht man 10 Kilos dicker aus, sagte man. Das kann ich jetzt bestätigen.

Das machen wir jetzt jedes Jahr.

Es kamen auch drei Polizistinnen. Sie wurden gerufen. Verdächtige Menschenmengen. Wir kümmerten uns um sie und erzählten ihnen, was wir da machen. Der Geburtstag von Herhta, soso. Eigentlich würden wir gar nichts machen, nur ein bisschen wegen des Geburtstages unseres Vereines herumhängen. Was man an Geburtstagen halt so macht. Wir gaben ihnen einen Flyer. Die jüngste und stillste der drei, nahm den Flyer an und studierte ihn mit Zornesfalte und der Ernsthaftigkeit einer angehenden Polizistin.

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Mein kleines Auto hat ja so gut wie keine Ausstattung. Ein Feature das ich letzten Herbst in Irland im Mietauto zu schätzen gelernt habe, ist ein Tempomat. Dieses Festsetzen einer Geschwindigkeit, das ist schon eine tolle Erfindung. Nun ist es bei mir ja so, dass ich seit einigen Jahren immer zu schnell fahre. Nicht, weil ich ein Raser wäre, sondern weil ich ein schlechtes Geschwindigkeitsmanagement habe. Ich fahre immer nach Bauchgefühl und stimme meine Geschwindkeit sehr ungerne mit dem Tacho ab. Manchmal werde ich dabei auch etwas aggressiv und entwickle eine diebische Freude wenn ich mit meinem untermotorisierten Wagen dicke Audis überhole und dabei Black Metal höre.

Vernünftig ist das nicht. Das weiß ich schon.

In Irland habe ich dann gemerkt wie entspannt das ist, wenn man das Auto einfach auf eine bestimmte Geschwindigkeit festsetzen kann. Ich komme dann nicht in Verlegenheit schnell zu sein und kann mich anderen Gedanken widmen.

Ich habe das jetzt in meinem Auto nachrüsten lassen. Und echt jetzt. Ich habe ganz neue Verliebtheitsgefühle.

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Ich bin jetzt in Schweden. Bei dem Häuschen im Wald, wo ich immer meinen Sommer verbringe. Dieses Frühjahr ist der Fluss über die Ufer getreten und hat unsere selbstgezimmerte Badebrücke mitgerissen. Später fanden wir sie zweihundert Meter weiter am Waldrand, fernab des Flusses.

Wir werden dieses Jahr nicht nach Göteborg fahren sondern die meiste Zeit im Wald verbringen. Die Schweden sind anders drauf als der Rest Europas. Sie tragen keine Masken. Nirgendwo. Dafür halten sie konsequent Abstand. Ich kann nicht einschätzen ob das gut ist, ich habe mich aber so sehr an die Masken gewöhnt, dass ich mich seltsam nackig fände wenn ich Geschäfte ohne sie beträte. Ich behalte die Maske so gut wie immer auf. Man wird allerdings merwürdig angesehen. Wenn das passiert, hustet meine Frau immer auffällig. Die Leute gehen dann ganz von alleine.