(2) Maifestspiele nr 2
Freitag 30. April 2004
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Gestern war es schon zu dunkel meine Haengegeranien zu fotografieren.

Weil das Wetter wieder schlecht geworden ist, habe ich mich auf Haengegeranien traktiert. Als suedtiroler Bergbub, sind Haengegeranien fuer mich naemlich das Symbol fuer Blumen schlechthin. Rosen, Lowenzahn, Vergissmeinnicht, Krokus und all die anderen Gewaechse waren fuer mich immer nutzlose Krauter. Blumen waren Haengegeranien. Wenn meine Mutter um Ostern plotzlich sagte “Die Blumen (Puschn) muessen raus auf den Balkon”, dann hiess das dass die Haengegranien hinaus mussten. Dabei stand die ganze Familie parat. Dutzende Blumenfaesser mussten wir vom Keller hinaus auf den Balkon schleppen. Ein halber Tag Arbeit. Jedoch war das nicht nur in unserem Hause so, nein, das ganze Dorf. Sobald jemand irgendwo die ersten Haengegeranien auf den Balkon setzte, dann musste innerhalb einiger Tage ueberall das praechtige rot hinaus. Christl, die da oben bei der Kirche hatte immer die schoensten. Ein wahrer gruen-roter Teppich hing da vom Balkon, fast alsob es ein mosiges Geflecht waere, das schon fast bis zum Boden herunter ragte. Beim Kaffee am Nachmittag redeten die Frauen immer darueber, dass da irgendwas nicht mit rechten Dingen hergehen konnte. Oder es waeren vielleicht Puschn aus Holland. Aber so richtig ueberpruefen konnte das niemand, weil die Christl war die Frau des Hoteliers und die trieb sich nicht mit den gewoehnlichen Weibern herum. Petronilla, die Frau des Mechanikers hingegen hatte immer nur verkuemmerte rote Spriesse auf ihrem Balkon. Jedes Jahr dasselbe. Aber die ist ja auch so ne launische, meinte Moidl die Frau des Baeckers, dann kann nichts gutes darauf wachsen, schau dir nur mal ihre Tochter an. Wenn Moidl dann weg war, dann fielen die Frauen ueber Moidl’s Blumen her, was sie dieses Jahr doch fuer eine komische Farbenkombination hatte, mit der Violetten Sorte dazwischen, unerhoert wie sie so aus der Reihe tanzte, das waere doch nicht mal schoen.
Naechstes Jahr war der Trend wohl etwas veraendert, als ploetzlich ueberall die Violetten dazwischen hingen.
Jedenfalls hab ich jetzt auch Haengegeranien. Nur habe ich keine Dorffrauen an denen ich mich messen kann. Ich weiss ja auch nicht wie schoen diese werden, die gabs halt bei LIDL. Ohne Gebrauchanweisung und gar nichts, also meine Mutter angerufen:
me: Hallo Mama, ich habe heute Haengegeranien gekauft
mu: Was? Bist du jetzt denn vollkommen uebergeschnappt?
me: Nein, ich will nur den groessten Geranienteppich von Hamburg aus meinem Fenster haengen.
mu: Du hast ja gar keinen Balkon.
me: Das ist den Hamburgern egal.
mu: Komisches Volk.
me: Wie muss ich die eigentlich behandeln, zwecks giessen undso, und kann ich die schon raustun?
(Dann folgt ein 5 minuetiger Dialog ueber Wetterbedingungen, Duengemittel, Wind und Blumenkisten)
mu: Welche Geranien hast du eigentlich?
me: Rote und ein bisschen Violett.
mu: Ah, die sind schoen.
Jetzt muss ich nur noch ein Geruest bauen damit ich die Geranien aus dem Fenster haengen kann, weil wenn ich sie so rausstelle, dann fallen die runter bei einem kleinen Windstoss, und wenn da mal ein richtihger Teppich ist, dann geht das ja sowieso nicht ohne.
Nun habe ich schon zwei Packungen Binden aufgebraucht, und bin bei der dritten angekommen. Jedesmal ein Markenwechsel bisher, da noch keine der Binden mein hygienisches Beduerfnis mit meinem maennlichen Wohlbefinden kombinieren konnte. Wahrscheinlich werde ich meine Marke wohl erst finden sobald ich in die Wechseljahre komme meine Wunde zugeheilt ist. Erst fing ich an mit der Marke Amelia, die billigste die es in der Apotheke hier nebenan gab. Ich wusste gleich dass fuer mich die Groesse Maxi in Frage kam und nicht Ultra-mini oder sowas. Ich nahm die und gut wars. Dass man hinten bei mir am Arsch ein kleines Polster sieht war weiters nicht schlimm, da ich ja ein bisschen wie ein Invalide lief, doch nach einigen Tage normalisierte sich mein Gang und da kam mir das Poelsterchen hinten etwas peinlich vor. Die Packung war aber bald aufgebraucht, also sah ich mich nach geeigneteren Produkten um. Es war Wochenende und dementsprechend war die Auswahl klein. Ich nahm die Marke Attend. Zur Sicherheit ein etwas kleineres Mass. Diese waren etwas laenger, was mich durchaus nicht stoerte, da duenner, also wuerde man durch die Hose nichts sehen. Jedoch jucken diese zwischen meinen Beinen. Der Rand ist nicht so angenehm. Ist wohl fuer Frauen entwickelt und da wir Maenner unsere Aersche sind ja immer etwas zusammengeklemmen, sitzen diese auch aeusserst unbequem. Es ist peinlich wenn man im Supermarkt dauernd an der Hose herumzupft, oder wenn man in der Kneipe dauernd aufs Klo muss, nur um sich die Binde zurecht zu ziehen. Heute wollte ich Always kaufen, aber die machten mir Angst mit deren Fluegel, ich musste da an Kolibris denken und wie sie meine Blume zerhacken. Nein bitte. Also kaufte ich ‘Tena Lady’, in zierlicher Schrift geschrieben, bloederweise gleich eine Riesenpackung, und diese sitzen ganz merkwuerdig am unteren Ende meines Arsches, da hab ich dauernd das Gefuehl, dass man da unter meinemr Rock Hose einen Hubbel sieht, und wenn ich damit laufe, dann mach ich immer komische Schritte, ganz unbewusst, damit der Hubbel verschwindet. Ich bin geneigt Tampons fuer Maenner zu erfinden. Und ja, in meiner Handtasche habe ich Binden. Fuer unterwegs.
Was ich als Kind an Ostern immer hasste war, dass meine Mutter dem Putzwahn verfiel und das ganze Haus nach Putzmittel roch. Meisterpropper-Gestank in jeder Ecke und die Fenster waren immer offen damit das Haus auch richtig durchgelueftet wurde. Kalt war es zu Ostern noch in Corvara, auf 1558 Meter Hoehe. Auch wenn die Sonne schien. Jedenfalls liess ich mich heute, da ich ja noch immer krank zuhause sitze, zu einem ausgiebigen Fensterputzen hinreissen.
Die Fenster hatten es auch wirklich noetig, wir wohnen da ja schon seit September, und haben die Fenster noch nie geputzt, wobei sie schon ziemlich schmutzig waren am Tage an dem wir einzogen. Aber damals gab es wichtigere Dinge zu renovieren.
Also packte ich heute Wasser und das MikroWunder-Tuch von Lidl und schmiss mich an die Fenster. Das Foto unten dokumentiert den ersten Wisch ueber das Fenster. Ich war etwas erschrocken von der Masse an Dreck die ich da vom Glas schabte.
Die groesste Offenbarung dieser Putzaktion war allerdings die Entdeckung, dass die Farbe des Hauses von gegenueber nicht altrosa war, sondern schlichtweg ein sauberes und einfaches Weiss. Und es verwirrt mich den ganzen Tag schon, dass wenn ich aus der Kueche ins Wohnzimmer komme, ich dauernd das Gefuehl habe mir seien die Fenster geklaut worden.
Zusaetzlich habe ich jetzt das Gefuehl dass die Leute von gegenueber reingucken koennen, und das nervt einen schon, wenn ich mir das Chaos hier so angucke.
Am besten lass ich jetzt einfach die Gardinen zu.

Als ich sechzehn war, gab es diesen einen Tag, dessen merkwürdigen Verlauf mich erst viele Jahre später zum Nachdenken brachte.
Am Abend sollte es eine Party geben, auf einem Bauernhof, unten im Etschtal, südlich von Bozen, keine Ahnung wem der Hof gehörte, aber wenn wir mit dem Auto kämen, würde es eines der Gebäude direkt an der Hauptstrasse sein, sagte man mir, gleich das Erste hinter dem Ortsschild “Neumarkt” beim Verlassen desselben Ortes, das war nicht zu verfehlen. Es sei für alles gesorgt, zum Rauchen, zum Essen, und ein paar von den Pillenleuten seien auch da, und zum Trinken gäbe es sowieso.
Alte Freunde aus dem Dorf, in dem ich aufgewachsen war, waren bei mir zu Besuch. Mit ihrem Fiat UNO waren sie viele Kilometer, aus deren weit entfernten Tal gekommen, die Freude war gross, wir hatten einander seit vielen Jahren nicht mehr gesehen, obwohl wir sozusagen Sandkastenfreunde gewesen sind und mir der Abschied damals sehr schwer gefallen war.
Es sollte ein ereignisreicher Tag werden, schliesslich wollte ich meinen Sandkastenfreunden zeigen wie gut es mir ging, in meinem neuen Dorf, das war ja auch viel näher an der Hauptstadt dran, nur eine halbe Stunde den Berg runter, und nicht so weit weg, in den hintersten Dolomitentälern, wo die herkamen.
Wir gingen erst ins Dorf uns zu betrinken, rauchten auf dem Weg einige Joints, trafen drei weitere Freunde aus dem Nachbardorf und als es anfing zu dämmern, beschlossen wir runter ins Tal auf die Party zu fahren. Zu siebt im UNO, der Fahrer voellig betrunken, die Passagiere auch, rauschten wir mit den SexPistols durch die Eggentaler Schlucht, immer so als gäbe es keine zweite Fahrt mehr. Ich war damals schon in einem Zustand, bei dem ich heute sicherlich nicht mehr eine Dreiviertelstunde irgendwohin fahren würde nur um mich noch weiter zuzudröhnen. Bei mir hatte schon eine dieser Apathien eingesetzt, bei der ich zwar noch sprach, die Buchstaben mir aber vereinzelt aus dem Munde flogen und jeder davon in seine eigene Zeitschicht versank, zwischen den Schlägen des Schlagzeuges in eine unsichtbare Lücke verschwand, zu einem verzögerten Moment von irgendwoher wieder auftauchte und meinem zuhörenden Gegenüber in komplett verdrehter Reihenfolge zu erreichen schien. Und wenn ich nicht sprach, dann durchsiebte mich Johnny Rottens Rotzstimme.
Der Fahrer konnte eigentlich nicht mehr fahren, obwohl er mit gefühlten hundert Sachen durch die Schlucht fuhr. Von früher wusste ich noch, dass er den Alkohol noch nie besonders gut vertragen hatte. So war er einer dieser Typen, die völlig die Kontrolle über deren eigenes Bewusstsein zu verlieren scheinen. Oder es ist eine Art Übermut die diese Leute bekommen, ich weiss es nicht genau. Wenn er trank, dann wurde er immer furchtbar laut und agressiv, obwohl er sonst eher von der schüchternen und leisen Sorte war, wie Käse halt, aber als er betrunken war, wurde er schonmal handgreiflich gegen einen alkoholisierten Rentner, der ihn einmal nicht ganz richtig angeguckt hatte. Der Freund zog damals seinen Schwanz aus der Hose, so richtig mitten in der Kneipe, und schrie den Mann an, er solle ihn doch lutschen, komm her, komm her, ich zeigs dir. Wir mussten ihn zu dritt aus der Kneipe zerren, während er noch immer mit seinem Geschlechtsteil herumwedelte und auch draussen nicht daran dachte, ihn einzupacken, sondern nur nach seinem Wein fragte.
Auch an jenem Abend war er wohl schon so weit. Nicht, dass er autofahrend seinen Hosenschlitz öffnete, sondern, dass sein Verstand nicht mehr das tat was er hätte tun sollen. Zweimal streiften wir ueberstehende Felsen, da in der Schlucht. Aber das tat nichts, waren ja nur Kratzer. Bis sich dann vor uns eine Felswand auftürmte, auf die wir geradewegs mit hoher Geschwindigkeit zusteuerten. Es war eine etwas scharfe Kurve und in meinem Gedächtnis spielt sich dieser Moment immer noch in Zeitlupe ab, wie die Felswand näher kam, und ich schon wusste, dass der Fahrer die Wand nicht wahrnahm, sondern lachte und sich zur lauten Musik amüsierte, und ich hatte irgendjemanden auf meinem Schoss, der ungeduldig rumzappelte, oder zur Musik mitschwang, sah ich nur die Felswand näherkommen, und konnte vor lauter sich in Zeitschichten versenkenden Buchstaben, nichts mehr sagen. Ich starrte nur die Wand an, und guckte wie sie näherkam, ohne jetzt sonderlich erschrocken zu sein, sondern bloss mit diesem Blick auf den Felsen gerichtet, und, dass es das nun vielleicht wohl gewesen sei, wohl Tod, vielleicht auch bloss ein Erwachen aus einem wilden Traum, weil eben alles vergänglich ist, wie auch die tiefste Nacht und der grösste Schmerz.
Bis ein Freund neben mir auf der Hinterbank, sich mit einer ungeheuerlichen Geschwindigkeit nach vorne bückte, über den zappelnden, kleinen Kerl auf unserem Schoss hinweg, laut schrie, das Steuer fasste und dieses nach links riss. Ich sah nicht mehr viel, es war ja schon dunkel, hoerte nur ein lautes Krachen auf der rechten Seite des Wagens, und es wurde mir etwas schlecht wegen der plötzlichen Wendung des Autos. Das Licht ging aus, die Musik verstummte, und wir kamen zum Stillstand. Ich glaube niemandem war so richtig bewusst was geschehen war. Mirselbst leuchtete es erst viele Jahre später ein, dass wir am nächsten Tag, in einem dieser klassischen Zeitungsberichte hätten stehen sollen, die von betrunkenen, verunglückten Jugendlichen auf den suedtiroler Bergstrassen berichteten. Diese Berichte, die mehrmals pro Monat erschienen, bei denen die Leute immer die Hände vor den Augen halten und zum Gebet anzusetzen scheinen, oder noch ein Glas Wein nachbestellen.
Das Einzige was uns in dem Moment beschäftigte, war, dass wir dem Fahrer die Fahrerlaubnis entzogen, er musste nach hinten, weil das ging so nicht, so kämen wir niemals zur Party, wenigstens nicht heil, und wir wollten ja nicht unheil ankommen, weil, dass man überhaupt nicht ankommen könnte, stand ja gar nicht zur Debatte. Also übernahm jemand anders das Steuer. Er fügte sich schweigend und wir fuhren weiter.
Doch hier hört die Geschichte noch nicht auf. Eine halbe Stunde später erreichten wir die Party. Ein riesiger Bauernhof im Etschtal, wohl verlassen wie es schien, aber noch in gutem Zustand. Ich kann mich erinnern dass wir uns hauptsächlich im hölzernen Teil des Gebaudes aufhielten, es muss so etwas wie eine Scheune gewesen sein, die jeoch direkt mit dem steinernen Teil verbunden war.
Leute standen herum und rauchten Pfeifen, es lief Musik, die sich dem hochsteigenden Rauch anzupassen schien, ich zog ueberall gerne mit, bekam von einer Freundin eine handvoll Pilze, trank weiter und zählte die Farben oder sprach Sprechblasen, wenn ich versuchte jemanden zu erreichen.
Irgendwann packte mich dann der Hunger und ich legte mir Zucchinis auf den Grill, der da stand, drinnen in einem grossen Raum, wartete bis sie fertig waren, stopfte sie in ein Brot, und gesellte mich zu den Leuten die da am Boden herumsassen, knutschten, Gitarre spielten oder sonstwas taten.
Zum Essen lehnte ich mich zurueck an die hoelzerne Wand, es sollte gemütlich sein, oder auch nicht, ich sitze einfach ungerne verkrampft, ich oeffnete meinen Mund um hineinzubeissen und merkte dann dass die Wand hinter mir nach gab. Es musste eine Tür sein, dachte ich mir, ohne mich umzusehen, irgendwie fand ich es ja witzig, und ich hatte keine Lust mich umzudrehen, oder mich anzustrengen, mich vor dem Rückfall zu bewaren, ich konnte mich einfach zurücklehnen, lachen über das Missgeschickt und mich dann wieder aufrappeln und weiteressen. Jedoch gab es dahinter keinen Boden. Das merkte ich, als mein Oberkörper schon fiel tiefer lag als meine Beine, und nichts zu kommen schien, das mich auffangen würde. Mein Hintern muss dann einfach mitgegangen sein, und bald darauf verliessen auch meine Beine den festen Boden.
Später wird man mir sagen, dass dies ein angelehntes Scheunentor war, das in die Tiefe führte. Nach draussen. Wahrscheinlich um von den verschiedenen Stockwerken das Heu hinunter zu schmeissen. Genau hab ich das noch nie verstanden. Aber so fiel ich eben. Es ging alles sehr langsam. Ich hatte viel Zeit zum nachdenken. Wie tief es da wohl hinuntergehen wuerde – ich fiel ja mit dem Ruecken voraus, also konnte ich das nicht sehen – ob ich im Wasser landen wuerde, oder in einen tiefen Schacht, wo ich stundenlang eingequetscht, um Atem ringend, festsitzen wuerde, oder auf irgendwas drauffallen und mir das Genick brechen.
So fiel ich vor mich hin, und sah waehrend dem Fallen noch ein knutschendes Paaerchen zwischen meine Beine hindurch, die sich in einem unteren Geschoss befanden, mit ebenfalls offenem Scheunentor, aber dann wirklich offen und nicht bloss angelehnt.
Die beiden sahen mich auch, und ich wollte den beiden zuwinken und sie fragen ob sie mir helfen koennen mit meiner unglücklichen Situation, ich wisse ja nicht was mit mir passiere, ich wäre so alleine da draussen und das kam alles so plötzlich. Mir kam es so vor als ob der Junge tatsächlich von seinem Mädchen abliess und mir hoffnunggebende Worte zuwerfen wollte, aber dann landete ich ploetzlich ganz hart auf festem Boden. Ich glaube mich an einen Rülpser erinnern zu können. Daraufhin stand ich gleich wieder auf, mein Zucchinibrot suchen, der Sturz war vorbei, und nun konnte ich weiterfeiern, vor allem mal endlich essen, das Grillen hatte schon lange genug gedauert, und dann das mit diesem doofen Sturz.
Aber das mit dem Stehen ging nicht so gut. Nach einem sehr verwirrten Halbkreis stuerzte ich zu Boden, und blieb da. Ich guckte nach oben und sah viele Köpfe aus einem erhellten, viereckigen Loch herausragen die meinen Namen riefen, Mek, alles gut, Mek, und ich sagte sowas ähnliches wie “ja” und “Zucchinibrot”, aber wenn ich die Augen offen hielt, dann wurde mir sehr schlecht, und irgendwie fand ich das alles sehr komisch und lächelte in mich hinein, dass ich doch wiedermal was komisches angestellt hatte.
Danach ging alles schnell. Der Krankenwagen war sofort da, alsob sie hinter der Mauer auf mich gewartet hätten, wie der Sensenmann, der einem auflauert und nur auf den richtigen Moment abpasst. Oberhalb meines Gesichtes hörte ich laute Stimmen, die von einem grossen Stein sprachen, von dem mein Kopf zehn Zentimeter entfernt lag und diese Sanitäter, die irgendwas an mir herummachten und mich mit zehn oder zwanzig Händen festhielten, während sie eine merkwürdige, harte, aber meinem Körper sich anpassende Masse unter mich schoben. Fragen ob es hier schmerze oder hier, ob ich das fühle oder das, ein Lichtstrahl direkt in meine Augen und dies obwohl ich sie fest zuhielt, weil sich sonst alles ganz furchtbar drehte. Und dann wurde ich ins Krankenhaus eingeliefert, die Sirenen nervten mich, ich bat eine Frau, die neben mir an der Bare sass, die Sirene auszuschalten, ich sei ja schliesslich ganz in Ordnung und kein Fall für den Notarzt, mein Herz das schlüge noch ganz lebendig, ich sei doch nur gefallen, ach das passiere mir so oft, überhaupt wenn ich ein bisschen zu viel getrunken hatte, und sie sagte Jaja, wir schalten die schon aus, und ein paar Minuten später heulte sie schon wieder los.
Ich hatte nur einen leichten Oberarmbruch. Ganz unkompliziert, einfach ab, ein Bruch, der in kürze wieder heil sein würde. Der Arzt war wuetend auf mich und meinte ich haette tot sein sollen bei solch einem Fall, schüttelte dauernd den Kopf und wiederholte immer wieder, dass ich wenigstens einen gebrochenen Rücken haben müsste, bei dem ich für den Rest meines Lebens im Rollstuhl sitzen würde, und ich müsse einen guten Schutzengel, oder gleich eine ganze Armee davon haben.
Diesen Tag gedenke ich nun regelmässig. So auch heute. Diesemal mit Publikum.
Julietta hasst ihn, viele meiner Gaeste kennen die angebrannte Version, meine Mutter verachtet ihn und ich werde nie muede ihn zuzubereiten. Meinen Risotto. Der Einfachheit halber einfach nach mir selbst benannt und deshalb Risotto a la Mequito genannt. Falls jemand also eine kleine Abwechslung im culinarischen Geschehen braucht, schreibe ich hier das Rezept nieder:
Zutaten:
Broccoli (wegen der Vitamine) – halbe Staude pP
Reis – Tasse pP
Zwiebeln (zum Reinigen) – viel
Knoblauch (zum reinigen) – viel
Mais (die Konservenindustrie zu unterstuetzen) halbe Dose pP
Karotten (der Haut und der Augen wegen) 3 stk pP
Zucchini – 1 Stk pP
zum wuerzen Salz, Ketjap manis, Origano und Schnittlauch
Die Kunst des Risottos liegt aber nicht in der Auswahl der Zutaten, sondern in der Zubereitung. Als erstes mal Haende waschen, damit die Bakterien die man tagsueber von der Strasse gepflueckt hat nicht mit ins Essen kommen. Dann faengt man erst mal an die Zwiebel zu schneiden. Groesse ist egal. Zwiebeln sind nur dazu da einen Basisfilm zu verbreiten worauf man die restlichen Gemuese braet. Danach faengt man am besten mit dem haerterem Gemuese an. Karotten und Broccoli. Schneidet diese nicht zu klein, sonst werden sie zu schnell gar. Die Groesse eines halben Zigarettenstummels sollten sie schon haben.
Dann nehme man eine tiefe Pfanne. Am liebsten eine Wok, oder eben eine Bratpfanne in der ALLES rein muss. Also wenn ihr fuer fuenf Leute kocht, nehmt ihr besser gleich eine Wok. Wenn wirklich viele Leute mitessen, dann nehme ich auch einen gewoehnlichen Topf, nur soll man das den Gaesten nicht erzaehlen. Giesst etwas Olivenoel in die Pfanne, wartet bis es brutzelt und dann die Zwiebeln als erstes. Spart nicht an den Zwiebeln. Zwiebeln sind vital fuer eine gut riechende Kueche. Die Zwiebeln muessen etwas arbeiten erst, also wartet bis die Raender der Zwiebeln braeunlich werden. Dann die Karotten rein. Ein bisschen braten lassen. Nicht zu lange; es gibt hier kein Patentrezept dafuer, aber halt so lange bis ihr das Gefuehl habt dass sich Karotten und Zwiebeln zusammen wohl fuehlen. Etwa eine Minute wuerde ich sagen. Und dann den Broccoli dazu. Dann wiederum warten bis sie sich wohlfuehlen. Es soll da schon einiges abgehen in der Pfanne, spart also nicht mit dem Oel, es soll schoen brutzeln.
Danach kommt der Reis. Wenn ihr die Moeglichkeit habt nach Holland zu fahren, dann kauft doch bei Albert Heyn den ‘Meergranen-rijst’, der ist unschlagbar in meinem Risotto. Sonst gewoenlichen Reis. Ich nehme den erstbesten den ich begegne. Ich nehme immer etwa eine Tasse Reis pro Person. Kippt den trockenen Reis in die Pfanne, einfach auf das bratende Gemuese drauf, und ruehrt das ganze gut um. Reis ist sehr saugfaehig, daher muesst ihr gut aufpassen dass das ganze nicht anbrennt. Konzentriert euch bitte deshalb eine Minute lang auf die Pfanne. Nachdem der Reis eine Minute lang trocken mitgebraten hat, kippt ihr erstmal Weisswein hinein. Ich liebe das Geraeusch das dann aus der Pfanne kommt. Einer der Hauptgruende fuer mich diesen Risotto zu machen. Haelt danach bitte immer eine Tasse mit Wasser bereit. Als Regel gilt: Je Tasse Reis, kommen zwei Tassen Wasser. Man muss das Wasser aber erst nach und nach zugeben. Der Waaserpegel soll nie das Gemuese ueberschreiten. Behaelt die Pfanne also dauernd im Auge.
Widmet euch dann dem weicheren Gemuese. Die Zucchinis. Man kann da auch wahlweise Chinakohl, oder aenhliches dazu nehmen. Haengt bei mir immer davon ab was gerade im Kuehlschrank ist. Das weichere Gemuese gibt man ungefaehr in der Mitte der Zeit dazu. Also wenn man drei Tassen Reis genommen hat (6 Tassen Wasser) dann gibt man sie gleich nach der dritten Tasse Wasser dazu.
Achtet bitte immer auf die Pfanne. Weil man das Wasser naemlich immer nach und nach dazugeben muss, passiert es leicht dass das ganze Zeug anbrennt. Das passiert mir dauernd wenn ich mich mit den Gaesten verquatsche.
Theoretisch muesste der Reis genau dann fertig sein wenn die letzte Tasse Wasser verdampft ist, aber das haengt natuerlich vom Reis ab. Beisst also regelmaessig in den Reis um die Konsistenz zu ueberpruefen.
Kurz vor dem Schluss, also wirklich nur etwa zwei Minuten befor es fertig ist, schmeisst ihr gleichzeitig Knoblauch, Schnittlauch und Origano dazu, ruehrt das ganze oft um, bis die zwei Minuten verstrichen sind und dann ab zu Tisch.
Damit Julietta diesen Risotto mag schneide ich oft auch kurz vor Ende einige Kaesewurfel hinein, die zergehen dann so koestlich. Auf dem Tisch gehoeren Ketjap Manis, Olivenoel und etwas Salz. Bei mir zumindest, weil ich meistens vergesse zu salzen.