Neujahrslesung

etwas lustiges? / etwas trauriges? / etwas lustiges? / etwas trauriges?
Wüchsen in dieser Jahreszeit bloss Margeriten, die wüssten es für mich.
Jedenfalls freue ich mich schon auf Berlin und auf alle Menschen die ich sonst nur vom Lesen her kenne, und vor allem auf jene mit denen ich schonmal angestossen habe.
Kommt ihr anderen auch? Ich lasse mich auch gerne fahren, ich bin ein vortrefflicher Co-Pilot, das weiss ich aus verlässlicher Quelle.
Und mal sehen ob das mit einem Livestream klappt.

spiegeleien

Meine Lieblingskollegin schrieb mir neulich davon, dass der Zustand der Wohnung den Zustand der eigenen Seele wiederspiegele. Ich fragte mich danach tagelang welche Farbe meine Wohnung in einen grossherzigen, starken, kreativen, freundlichen und liebevollen Zustand versetzen könnte. Weinrot? Oder ein fahles Blau vielleicht?

(Als ich heutefrüh meine Wohnung verliess beschäftigte mich jedoch der Gedanke, wie es sich wohl mit einer ausgebombten Seele leben liesse)

ach du fröhliche

Und dann frage ich mich warum man mir heute immer eine fröhliche Weihnacht wünscht, mit dem besonderen Nachdruck auf diese Fröhlichkeit und mit dem begleitenden bemitleidenenden Blick, als würde ich heute ganz besonders verdattert dreinschauen, dabei liebe ich es doch nur wie die Stadt sich gerade herunterfährt, wie langsam der Lärm aus den Strassen weniger wird und die Läden schliessen und die Menschen aus den Lichtern verschwinden.
Und morgen erst, wenn die Stadt die Lichter ausmacht, was wird man dann machen, wird man mich dann schon begraben? Dabei liebe ich es doch nur.

(Nächstes Jahr sollte ich wiedermal in die Berge fahren zu Weihnachten, in den Schnee, zu meiner Familie, aber laut meinem Weblog sage ich das schon seit zwei Jahren, und in Zeiten von mequito1.0 -die unvorstellbare PreBloggiare Epoche- sage ich das bestimmt schon einige Jahre länger. Aber nächster Jahr bestimmt. Oh, auch das habe ich schonmal geschrieben)

Euch, lieben, letzten Verbliebenen, die noch nicht in die Weihnacht verschwunden sind, oder es auch gar nicht mehr machen werden, auch vieles Fröhliche. Und Gesegnete.

der gefundene Satz, 37

Trunksucht. Selbstbefleckung. Völlerei. Faulheit.
In manche Häuser zog der Wahnsinn als Mieter ein.
An einem nassen schaurigen Abend geschah es, dass Rebecca Swift, Sardus’ junge aber zerstreute Frau, in ihrem Kopf ein Klopfen hörte -zu laut diesmal, um es unbeachtet zu lassen-, und mit bebendem Herzen und winzigen zitternden Händen zog sie den grossen schwarzen Riegel ein kleines Stück zurück und liess den Mieter ein.

(Nick Cave. Und die Eselin sah den Engel. 1989)

Als kleines Dankeschön an Kids gefundene Sätze und weil er mich ganz besonders an diesen erschlagenden Satz erinnert.
Und weil mir damals beim Lesen dieser Passage über Rebecca Swift derartige Last auf die Brust drückte, dass ich vorhin, acht Jahre später, wegen meiner bodenlosen Vergesslichkeit nicht schlecht staunte, dass ich immer noch wusste, diese Stelle auf Seite 63 zurückzufinden, wobei ich jene Seite seit ebensovielen Jahren nicht mehr aufgeschlagen habe.

es stinkt

Die GEZ stinkt. Seit zwei Wochen klingelt es jeden Abend an der Haustür und ich lasse sie nicht rein. Auch nicht wenn ich offensichtlich zuhause bin, weil das Licht durch den milchigen Türspion nach draussen leuchtet und ich in der Küche laut Pavarotti imitierend koche. Die Klingel klingelt weiter. Ich mache niemals die Tür auf wenn jemand im Treppenhaus klingelt und wenn jemand unten auf die Glocke drückt dann frage ich immer nach Vor- und Nachnamen durch die Fernsprechanlage. Wenn ich besonders gut gelaunt bin, frage ich zusätzlich nach dem Beruf des Vaters und der Mutter. Man will ja gerne wissen welche soziale Klassen sich nachts auf St.Pauli so herumtreiben.

Ich finde das Spielchen ja witzig, meinetwegen, kommt er morgen halt wieder und ich singe ein bisschen schöner, auf das hohe D von vorhin bin ich schliesslich nicht besonders stolz.
Aber die sollen endlich aufhören. Fernsehen fühlt sich nach deren Besuch immer ein wenig Scheisse an. Das nervt.

die Schneezwerge kommen

Höhö, Frau Lisa hat Spuren von Schneezwergen entdeckt. Und erklärt uns gleich dazu wie sowas passieren kann.
Toll, ich gehe gleich raus und mache das auch.

UPDATE 19:05: Achja, in Hamburg liegt gar kein Schnee.

Ich will keinen Löffel zu Spaghetti

Ich will in einem italienischen Restaurant keinen Löffel zu Spaghetti. Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht. Auch nicht wenn das in Deutschland ist. Ich will nicht.
Punkt.
Nein, kein Punkt, sondern Komma: und wenn ich noch einmal einen Löffel bekomme, dann bestelle ich eine Zange dazu. (so, jetzt werden sie zittern)

Blog:Read nr. 30

Schon vor einigen Wochen, als ich über Epicore auf diese Geschichte stiess, dachte ich mir sofort, dass sie sich vortrefflich vorlesen liesse. Es ist nun zwar einige Zeit darüber hinweggegangen, aber jetzt ist es soweit: die Aufnahme ist fertig. Fast ein Hörspiel.
Eine sehr lange Geschichte von Jochen Reinecke. Ein lustiges und irgendwie trauriges Dramolett über seine Mietwohung in einem Untergeschoss in Frankfurt und dem dazugehörigen Vermieter.
Als echter Hesse hat der geschätzte Herr Bandini seine Stimme hergegeben und den Vermieter Herr Liesegang gesprochen.
Die Musik habe ich selbst eingespielt, das einzige Stück das ich fehlerfrei spielen kann, ja genau, das erste Präludium in C-Dur aus “das wohltemperierte Clavier” von J.S. Bach. Samt Fehler und allem. Aber die Fehler hört man kaum. Dafür dauert es fünfunddreissig Minuten lang. Immer wieder und wieder. In Endlosschleife und mit ein paar (hüstel) “kreativen” Einlagen.

Reis

Als ich meiner Kindheit entwuchs, glaubte ich genauso wenig an das chinesische “L” wie ich an das Christkind glaubte. Alberne Märchen der Erwachsenen, die uns weismachen wollten, dass in China kleine, Leis essende Mädchen namens Balbala lebten. Denn, warum sollten die Chinesen den Reis erfinden wenn sie nichtmal dessen Namen aussprechen konnten. Bis ich Jahre später eine junge Frau aus China kennenlernte die auf meine Frage hin, was sie denn trinken möge, einen Lotwein haben wollte.
Aber das ist auch nicht schlimm. Bloss witzig. Und da ich einen sehr stark ausgeprägten Sinn für schlechte Witze habe, konnte ich mich heute vor Lachen auch nicht mehr einhalten, als mein chinesischer Lieblingskollege eine E-Mail an die Abteilung schrieb:

“Chef ist heute klank.”

Ein Freudscher Vertipper der ganz skurrilen Sorte.

Eintrag #600 und was soll ich bloss lesen?

Eigentlich mag ich ja keine Jubileen. Die bringen Unglück. Und alkoholbedingte Kopfschmerzen. Aber da ich jetzt bei Eintrag Nummer 600 angekommen bin und ich dieses Weblog nun seit zwei Jahren führe, bin ich gerade etwas nachdenklich geworden und habe mal eine mathematische Bilanz gezogen. 600 Einträge über 730 Tage verteilt macht optimistisch gerechnet sechs Einträge pro Woche. Das ist gut. Gerade so, dass ich noch ein wenig Freizeit habe und auch wieder genug um kein Wochenendblogger zu sein. Laut einer etwas pessimistischeren Rechnung wären das fünf Einträge pro Woche. Nicht ganz so toll, aber auch das würde mir reichen. Weil ich aber ein ganz cleverer Bursche bin, habe ich es ausgerechnet: 5,7851239669421487603305785123967 Einträge pro Woche. Ich bin ein Optimist, ganz klar.

Aber ich labere… was ich eigentlich sagen wollte:

Jetzt stehe ich vor dem Dilemma, dass die werte Modeste mich gefragt hat, im Januar auf einer Berliner Lesung vorzulesen. Zusammen mit anderen geschätzten Schreiberlingen natürlich, daher muss ich mir kein Abendfüllendes Programm aussuchen, sondern bloss einzweidrei Texte.
Allerdings habe ich keine Lust mir aus diesen 600 Texten selber einen auszusuchen, da ich eh nur die elendigen Heulgeschichten auswähle und ich eigentlich lieber ein bisschen Rocknroll lesen möchte. Weil ich keinen Rocknroll schreibe überlasse ich die Wahl dem Publikum, schliesslich wisst ihr besser, wofür ihr hier jeden Tag vorbeikommt. Die Urne ist in den Kommentaren.

(dies ist ein Aufruf zur Stimmenabgabe)

Springweg 23 – Teil IV – Der Funkenregen

Eine leicht gruselige Erzählung mit coolen Untertiteln

(Teil eins, Teil zwei, Teil drei)

Noch angetrieben von den Ausläufern der feuerlichen Räumung, der Unterstützung der Nachbarschaft und des positiven Echos in den Medien, war die dritte Besetzung von Springweg 23 ein perfekter, militanter Schlag. Anstatt uns im Schutz der Stille und Dunkelheit der ganz frühen Morgenstunden auf dem Weg zum Haus aufzumachen, war es etwa Mittag, als die fünfzigköpfigen Gruppe sich in der Lange Nieuwstraat 37 versammelte. Wir hatten im Parterre einen riesigen Raum zur Verfügung, den wir zu einem kleinen Cafe ausgebaut hatten in dem wir manchmal Lesungen organisierten und jeden Mittwoch Tonnenweise Bier zu aufgedrehter Punkmusik verkauften. Ein idealer Treffpunkt für grössere Gruppen. Auf dem Weg in den Sprinweg trugen wir mehrere Brecheisen und Hammer demonstrativ in der Hand, von zwei Leuten wurde eine lange Leiter getragen, mehrere Matratzen wurden mitgeschleppt und anstatt uns auf dem üblichen Weg durch die engen, mittelaterlichen Stege, die sich durch die ganze Utrechter Altstadt ziehen, zu schlängeln, wählten wir die grossen Strassen. Wir waren eben zu fünfzig und die Besetzung würde aus gesetzlicher Sicht sowieso nicht akzeptiert werden. Jetzt machte man Politik. Jetzt wollten wir laut sein.
Als wir in den Sprinweg einbogen, war es fast wie nachhause zu kommen. Einige älteren Herren die sich unterhielten riefen uns irgendwas witziges zu und ein vorbeifahrender Fahrradfahrer fragte scherzend ob wir von der Polizei seien und begleitete uns bis vor den Haustüren der Nummer 23.
Dann nahm die Gruppe ihre Posten ein. Obwohl Einbahnstrasse, wurde die Strasse auf zwei Seiten von einer Menschenkette abgeriegelt. Jurij und Alex stellten die Leiter auf, klommen zum Dachgeschossfenster hoch und stiegen in das Haus ein. Fünf weitere Menschen erklommen das Dach, machten schonmal ein paar Dachziegel lose und hielten Ausschau über den wunden Punkt an der Seite des Geländes des ehemaligen Deutschen Ritterordens. Wir hatten das Gebäude bei der letzten Räumung dermassen verbarrikadiert, dass es klar war, dass wir nicht auf den konventionellen Weg in das Gebäude eindringen konnten.
Vom Mariaplaats her kamen dann auch schon zwei Streifenwagen die bis zum Gebäude vordringen wollten, doch als der Grossteil der Menschen in der Menschenkette dann Schlagstöcke zückte, blieben sie unvermittelt stehen. Einige Minuten später leuchteten die Blaulichter vom Süden her und da wiederholte sich die selbe Szene.
Das technische Problem mit der dritten Besetzung war, dass die Türen zugänglich gemacht werden mussten. Man konnte nicht die ganze Menschenschar über die Leiter in das Gebäude reinfliessen lassen. Eine Treppe vor dem Haus war ein wunder Punkt. Und es war aus psychischem Sichtpunkt nicht möglich, sich mit 50 Besetzern in einem Haus einzusperren. Man musste einfach raus- und schwer hineinkommen. Jurij und Alex sollten von drinnen einen Weg zu den Türen freiräumen. Eine aufwändige Tätigkeit, da metallene Matratzenroste, Fahrräder und Stützpfeiler von Baugerüsten an den schützenden Türen und Brettern des Vorgiebels und Fenster geschraubt und teilweise verschweisst waren. Dazu hatten wir jeden möglichen Hausschrott, vor allem Holz, dazwischen und dahintergeklemmt und -gestemmt und dahingeworfen waren. Es verging eine ganze Stunde des nervenzerreibenden Wartens auf der Strasse. Die Polizei war unentschlossen. Auf der einen Seite häufte sich dauernd das Aufgebot, nach einer Stunde waren sogar die Arrestatiebussen der Mobile Eenheid arriviert, aber es wurde nicht angegriffen. Einmal kamen zwei Sociocops heran, die mit uns reden wollten. Die wurden dann mit erhobenen Brechstangen kurzerhand verjagd. Die Nachbarn applaudierten von den Fenstern herab. Wir schäumten vor Selbstbewusstsein. Als eine Stunde um war, erschien Jurij im Dachfenster und stieg herab. Er sagte es ginge nicht. Alles war verschweisst und fest verschraubt. Man müsse mit einer Schleifmaschine zu Werke gehen, aber von Innen sei das zu gefährlich wegen dem ganzen Holz, das würde in Kürze in Flammen aufgehen. Wir mussten uns von aussen Zutritt verschaffen. Am besten die rechte Tür, damit man sofort Zugang zur Hinterseite hatte. Einige Nachbarn, worunter auch Berta beteiligten sich interessiert an der technischen Diskussion. Berta forderte ihren Nachbran schliesslich auf, seinen Flex zu holen. Der tat dies. Inzwischen machten wir uns daran, die rechte Tür zu zertrümmern, bis nur noch das dahinterliegende, metallene Gerippe stand. Wir brauchten zwei Verlängerungsschnuren quer über die Strasse um direkt am Haus schleifen zu können. Ich liebe das Arbeiten mit dem Flex. Es ist dieses elektrisierende Geräusch von sich blitzschnell abschabendem Metall, das jegliches andere Geräusch in meinem Umfeld verdrängt und dann der schier unkontrollierbare feurige Schweif von glühenden Metallpartikeln, der sich mal zwischen den Beinen auslässt, und dann wieder in weiter Ferne zerstreut und langsamere Funken auf den Boden tröpfelt. Neben Saucen kochen wäre meine Lieblingsbeschäftigung zu schleifen. Wenn es halt nicht so laut wäre. Das hält man nicht lange durch. Jurij und ich wechselten und deshalb auch ab. Er fünf Minuten und ich fünf Minuten. Nach fünf Minuten kann man einen Flex nicht mehr in der Hand halten, weil die Fingerknochen anfangen zu vibrieren. An der Hinterseite der freigeräumten Tür stand Alex, der aufpasste, dass kleine verirrte Funken im Haus drinnen keine Flammen schlügen.
Es kam dann auch die Feuerwehr, ohne Zweifel von der Polizei gerufen, ein alter Trick, wodurch sich die Polizei oftmals den Weg freiräumen liess. Die Feuerwehr greift man eigentlich grundsätzlich nicht an, weil es in erster Instanz Helfer sind, die von der Polizei lediglich oft missbraucht werden und eigentlich nichts dafür können. Die beiden Löschwagen wurden von uns zum Stillstand gebracht und den Helfern deutlich gemacht, dass es nicht brennen würde, sondern, dass man einfach nur mit dem Flex arbeite. Der Einsatzleiter schien die Situation zu verstehen und wahrscheinlich merkte er auch, dass er wiedermal missbraucht wurde, jedoch wollten sie nicht abziehen, sondern Einsatzbereit in der Strasse bleiben, falls etwas schiefgehen sollte. Es sei ja ihre Pflicht. Deren Einsatz sollte jedoch nicht lange dauern, denn bald war die Tür freigeschliffen und der Flex hörte auf zu Funken.
Die ganze Aktion war aber immer noch nicht zu Ende, weil jetzt ja ein grosses Loch in der Fassade prangte. Da aber im Haus reichlich Holz vorhanden war, beschloss man alle Menschen auf der Strasse, in das Haus zu lotsen und erstmal einen Tisch an die Innenseite der Türpfosten zu verschrauben. Im Laufen der nächsten Stunde, als das Haus also schon besetzt war, bauten wir Scharniere und mehrere Schlösser in die verschraubte Tischplatte ein. In den nächsten Tagen wurde sie noch mit Eisenhaken und langen Stahlschienen verstärkt. Ein kleines, technisches Hochständchen der Hausbesetzerkunst war das. Schade, dass es heute jene Tür nicht mehr gibt.
Aber ach, ich verliere die eigentliche Geschichte ganz aus dem Blickfeld.

Dass man ab diesem Tag nicht daran denken konnte, im Springweg 23 ruhig wohnen zu können, das war jedem sofort klar. Aber manchmal geht es gar nicht um das Wohnen selbst. Manchmal entscheidet man sich zur politischen Konfrontation und weil es um das eigene Haus geht, in dem man auch noch den ganzen Tag Reparaturen vornimmt und baut, wird der ganze Alltag politisiert.
Die paarse Stadtregierung (Paars=Violett. Rot wegen der Sozialdemokraten und Blau die Liberalen, ergibt: ja genau) war WÜ-TEND. Jedoch auch gespalten. Der damalige Räumungsgrund (der “Mietvertrag für eine Ruine”, wie die Medien immerwieder Schlagzeilten) war wirklich lächerlich gewesen, das sahen die Sozialdemokraten ja ein, die Liberalen hingegen sahen die militante Art der damaligen Räumung und nun auch ebensolche Widerbesetzung als Kriegserklärung. Dass die Nachbarschaft so koopeartiv war, störte die Sozialdemokraten hingegen wieder. Der ganze Akt der Besetzung war widerrechtlich gewesen, weil das Haus nach dem Prozess wieder ein ganzes Jahr lang leer stehen musste, und überdies war der Akt der Besetzung ja auch von der Polizei beobachtet worden. Zum Prozess würde es also gar nicht kommen. Eigentlich warteten wir bloss auf den richterlichen Räumungsbefehl. Da eine Räumung des Springweg wieder äusserst unangenehm verlaufen würde, musste sich die Stadtregierung entscheiden ob sie sich einmischen würde. Es passierte schon hin und wieder einmal, dass die Stadt ein schwer umkämpftes Gebäude vom Besitzer aufkaufte und den Besetzern eine Art Nutzungsvertrag anbot, bloss um möglichen Randalen auszuweichen. Auch erzwang die Stadt manchmal Mietverträge vom Besitzer. Aber Springweg 23 war ein etwas schwierigerer Fall. Erstens war es ein sehr kleines Haus, in dem man vielleicht sieben Bewohner unterbringen konnte. Bei den vorigen Legalisierungen handelte es sich immer um grosse Häuser an der Gracht oder etwas ausserhalb, alsob die Stadtregierung jene Häuser bloss legalisiert habe um soviel wie möglich Unruhestifter gleichzeitig zu verarzten. War es den ganzen Aufwand für sieben Hanseln dann wert? Und mit einem Mietvertrag wären wir natürlich nie einverstanden gewesen, immerhin hätten wir das Haus erst reparieren müssen und zu einem Mietvertrag gehören auch die ganzen Brandschutzbestimmungen dazu, die wir doch niemals hätten einhalten können, ohne fünfzigtausend Gulden oder mehr in das Gebäude zu stecken. Wir wollten eigentlich bloss in Ruhe gelassen werden. Vonder Stadt, vom Besitzer und von der Polizei. Wie die sich das aufteilten war uns egal. Und wenn sie uns raushaben wollten, dann würden die Strassen eben wieder brennen.

Wir gewannen sehr viel Zeit weil die Polizei nie vorbeigekommen war um Leerstand zu konstatieren und die Agenten deshalb vergessen hatten die Staatsanwaltschaft zu informieren. Natürlich wusste die ganze Stadt, dass Springweg 23 wieder besetzt war, aber die richterlichen Mühlen zermalmen kein Mehl wenn man ihnen kein Korn bringt. Als im Rathaus nach drei Wochen des Herumstreitens, schon mehrere Köpfe in Rauch aufgegangen waren, kam man erst drauf, dass es noch gar keinen Räumungsbefehl gab. Sogar der Besitzer hatte sich nicht gemeldet, da dieser nicht erreichbar war. Ob er in jenen Wochen verreist war, oder sich sonstwie verdünnt hatte, bekamen wir nie raus. Er war einfch nicht da.

Ich zog der angespannten Stimmung wegen, meine Matratze in den Springweg um und bezog zusammen mit Maleentje, die auch wieder zurückgekehrt war, und einem belgischen Jungen namens Eelco, ein Zimmer. Ich überliess Roos mein Zimmer in der Lange Nieuwstraat, bis ich irgendwann wieder zurückkehren würde. Die Leute aus meinem Haus würden sich schon um Clumsy kümmern, wenn Roos mal in die Kneipe wollte. Und ach, Clumsy kam schon immer alleine zurecht, die wusste schon was sie machte. Es war keine Seltenheit, Clumsy plötzlich irgendwo alleine in der Stadt herumlaufen zu sehen. Die brauchte eigentlich niemanden. Gleich wie Roos.
In jenen spannungsgeladenen Wochen wohnten wir bestimmt zu zwanzig in Springweg 23. Ums Wohnen ging es natürlich nicht. Es ging darum, kreative Barrikaden zu errichten, abends bei Bier beisammenzusitzen und sich nachts irgendwann samt Kleider und allem auf der Matratze breit zu machen.
Und, obwohl jeder vom seltsamen Verhalten der Hunde im Springweg 23 wusste, zogen dort beinahe ebensoviele Hunde ein wie Menschen. Ich hätte sie am liebsten alle verbannt, weil es natürlich weiterhin diese merkwürdigen Begebenheiten gab. Neben dem üblichen Anbellen der Wände jagten die Hunde manchmal im Rudel durch das Haus um an einer bestimmten Stelle -meistens vor dem kleinen Tor des Hinterhauses- halt zu machen und dort dann eine ganz lange Zeit im Chor ins Leere zu bellen. Im Rudel waren sie nicht zu bremsen. Keiner der Herrchen vermochte sie zum Schweigen zu bringen, wenn sie im Rudel in Fahrt gekommen waren und Geister jagten. Den anwesenden Augenzeugen lief anfangs immer der Schauer über den Rücken hinunter, aber mit der Zeit verdrängte man es und tat es als “kleine Verrücktheit” der Köter ab. Wenn es beispielsweise jene gruseligen Momente gab, in denen man gesellig beisammen sass und die Hunde völlig ausser sich einen gespenstisch langsam sich bewegenden Punkt anbellten, dann drehte man einfach das Radio ein wenig lauter und schrie über die heulenden Gitarren und Hunde hinweg.

Als Maleentje und ich einmal abends beim Bier in unserem Zimmer sassen und auf das finstere Hinterhaus guckten, sagte sie mir, dass sie ursprünglich eigentlich nicht mehr hier wohnen wollte, seitdem sie damals diese Gestalt da hinten gesehen hatte. Wir starrten weiter. Dann sprach sie unheimliches Zeug, dass sie das Gefühl habe dieses Wesen wolle uns etwas mitteilen, etwas wie ein Hilfeschrei. Sie wisse, dass dieses Etwas vom Wesen her gutartig sei, nur eben verzweifelt. Damals war sie von der Angst erfasst worden und musste flüchten, aber jetzt sei sie wieder hier, weil sie etwas abschliessen müsse. Ich wollte eigentlich gar nicht darüber sprechen. Ich war einerseits froh darüber, dass jemand ausser mir tatsächlich der Überzeugung war, dass es geisterte, aber auf der anderen Seite so richtig darüber zu reden, war mir irgendwie ungeheuerlich. Aufstehende Nackenhaare undso. Fünf Minuten später vögelten wir. Das war einfacher.

Am nächsten Tag begegnete ich Berta in der Strasse, die gleich meinen Namen aus der Ferne rief. Ich mochte das nicht. In Richtung Mariaplaats stand seit der letzten Besetzung immer, und zwar wirklich immer, ein Streifenwagen und ich war mir auch sicher, dass die merkwürdigen Zeitungslesenden Menschen in der Strasse vorher nie da waren. In den Filmen erkennt man die ja auch immer. Auch wenn sie keine Löcher in der Zeitung haben. Nunja, eigentlich nannte sie mich “Mekmek” aber Frauen verballhornern ja immer meinen Namen auf diese Weise. Ich erklärte mir das damals so, dass Frauen oft melodischer veranlagt sind. Gleich wie ihre Vorliebe zu Blumen oderso. Ganz erklären konnte ich es mir trotzdem nie. Als sie mich fast über den Haufen rannte war sie ziemlich ausser Atem. Das beunruhigte mich ein bisschen. Ich fragte was denn los sei. Sie habe den Adam gesehen. Heute in der Nähe der Stadshuisbrug. “Adam, wer?” “Na Adam, der Alte!”. Ich verstand immer noch nicht wen sie meinte.
“Der Alte Metzger, der seine Frau geschlachtet hat.”
Ich war überrascht. An die Existenz des Metzgers hatte ich ja gar nicht mehr gedacht. Dreiundzwanzig Jahre Knast müssen das gewesen sein. Würde er etwa wieder frei herumlaufen?
“Ich weiss es nicht” sagte Berta, immer noch ausser Atem “aber ich habe ihn sofort wiedererkannt. So einen fiesen Kerl vergisst man nicht schnell. Auch wenn er jetzt hundert Jahre älter aussieht.”
Ich fragte, ob sie sich wirklich sicher sei. “Ja natürlich.” sagte sie. Sie hatte sogar laut seinen Namen gerufen, dann sei er davongerannt. Ich glaubte Berta sofort. Die hatte schliesslich ihr ganzes Leben im Springweg verbracht, und wahrscheinlich immer bei ihm Fleisch eingekauft. Überdies vergessen Elefanten niemals. Und Berta war eine Art Elefant. Da bin ich mir ganz sicher.
Ich erzählte das Maleentje und Jurij, die beide grosse Augen machten. Jurij kümmerte es aber gleich nicht mehr, weil eigentlich war diese Info irrelevant. Der Alte war nicht mehr der Besitzer und wahrscheinlich lebte der jetzt in einer offenen Resozialisierungseinrichtung oder ähnlichem und hatte genaugenommen mit der ganzen Sache gar nichts mehr zu tun. Da hatte er recht. Aber es blieb ein merkwürdiges Gefühl.

Castro war der einzige der ganzen Hundemeute, der immer ruhig blieb. Castro schien die ganze Meute auch zu verachten. Castro war gross, dunkel und ernsthaft. Zwar horchte er immer auf, wenn die Hunde wieder ein Gespenst witterten, jedoch beteiligte er sich nicht an die Hetzjagten durch das Haus. Er war wie sein Herrchen eben: ein harter Brocken. Wenn auch mit sentimentalen Neigungen. Umso angsterregender war es, als Castro plötzlich vor mir stand, während ich auf dem Flur kniete und ein brüchiges Brett durch ein stärkeres ersetzte und mich anknurrte. Als ich in ansah, merkte ich jedoch, dass er nicht mich anknurrte, sondern etwas unmittelbar hinter mir. Alsob jemand genau hinter mir stehen würde. Ich drehte mich sofort um. Und sah niemanden. Castros Maul war etwa dreissig Zentimeter von meinem Gesicht entfernt und knurrte weiter. Sein böser Blick verriet mir, dass es ihm durchaus ernst war. Sein Blick schweifte ganz langsam nach rechts, verfolgte etwas für mich Unsichtbares, und dann plötzlich war er wieder ruhig und sah mich an. Es war wieder weg. Ich streichelte den Hund und ging mir ein Bier holen.
Später sagte ich zu Jurij scherzend, dass man von seinem Hund Angst bekäme, weil wenn der mal Gespenster sähe. Denn dann sei es wirklich ernst. “Ja” antortete Jurij nachdenklich und öffnete sich ein Bier. “Scheissgespenster hier drin”. Und dann ging er weg.

Vier Wochen nach der Besetzung klopften Polizisten an die Tür und überreichten uns den Räumungsbefehl. Wir hätten noch drei Wochen, dann müsse das Haus geräumt sein. Wortlos nahmen wir den Brief entgegen und schlossen die Tür. Es gab keinen Bedarf für Erklärung oder Aussagen, es war beiden Parteien klar, was uns allen in drei Wochen anstehen würde.

Drei Tage später bekam die ganze Geschichte jedoch eine unangenehme Wende. Das Haus war schon ein wenig leerer geworden, da das Räumungsdatum jetzt bekanntgegeben war. Es war Nacht und ich lag wieder in Jurijs Zimmer und war von einem Poltern wach geworden. Ich erkannte sofort die Situation. Das Poltern musste von oben gekommen sein, vom ehemaligen Zimmer der Tochter, das mittlerweile wieder leer geworden war. Und gleich darauf noch ein Poltern. Ich hasste das. Warum wurde ich immer wach bei sowas. Castro war nicht im Zimmer und Jurij schnarchte tief und fest. Ich zündete eine Kerze an, da wir immer noch keinen Strom hatten, nahm eine herumliegende Holzstange zur Hand, weil halt immer überall Stangen herumlagen und tat das gleiche wie letztes Mal auch: ich lief durch das Treppenhaus nach oben. So entschlossen ich bis zur Treppe gelaufen war, sosehr machte ich mir im Treppenhaus in die Hose. Die Kerze flackerte alle möglichen Gestalten an die Wand und die Treppe quietschte natürlich. Genau wie man es in solchen Momenten vorstellt. Im Treppenhaus hörte ich es wieder Poltern und diesmal bestand auch kein Zweifel. Das Poltern kam aus jenem Zimmer. Ich wollte eigentlich nicht mehr weiterlaufen, aber ich setzte immer wieder einen neuen Schritt auf die nächste Stufe und wand mich so durch das gebogene Treppenhaus nach oben. Die Tür zum Zimmer stand halb offen. Das Treppenhaus flackerte im hellen Licht der Kerze und dahinter sah ich das schwarze Dunkel des Zimmers. Dann hielt ich die Stange vor mir und ich stiess die Tür auf. Und dann erstarrte ich. Sieben oder mehr Augenpaare starrten mich aus dem Zimmer her an. In dem gelähmten Zustand erkannte ich dann plötzlich Umrisse. Die Augenpaare gehörten mehreren kleineren, länglichen Gestalten. Es waren die Hunde! Ich wartete auf Erleichterung, es waren bloss die Hunde, haha, die Hunde. Doch die Erleichterung kam nicht.
Die Hunde ignorierten mich wieder und drehten alle gemeinsam ihre Kopfe auf einen Punkt. Was taten die da? Es waren acht Hunde, auch Castro war dabei, die sich um die Mitte des Zimmers versammelt hatten und nach oben starrten. Ich zitterte. Dann fiel mir die Kerze aus der Hand, fiel auf den Boden und erlosch sofort.
Das reichte mir. Hals über Kopf rannte ich die Treppe hinunter, stiess mir dabei ganz fürchterlich das Knie und weckte Jurij, Alex, Maleentje, Eelco, Greetje und die Leute die im Erdgeschoss auf dem Sofa schliefen. Ich schrie lose Wörter zusammen, wie: “Gespenster, Hunde, Hexenkreis.” Ich hatte ein wenig die Nerven verloren. Man brachte mich wieder in Jurijs Zimmer zurück und Maleentje und Eelco wollten hören was ich zu erzählen hatte. Jurij seufzte und öffnete sich ein Bier.

Ich beruhigte mich dann, Eelco und Jurij scherzten ein wenig und die Hunde kehrten wieder zurück, als sei alles normal gewesen. Castro lag neben mir und machte irgendwas mit seiner Zunge an seinem Leib, Alex hatte sich wieder in sein Zimmer begeben und sich schlafen gelegt und Jurij glättete sich seinen Schlafplatz zurecht. Ich dachte noch daran Maleentje in ihr Zimmer zu folgen, aber ich war müde und hatte es gerade wieder ein bisschen warm und kuschelig bekommen auf der Matratze auf der ich lag, und langsam nickte ich auch wieder ein. Es war vier Uhr morgens.
Als ich etwas später von lautem Bellen wieder wach wurde, war es draussen noch dunkel, aber das Morgengrauen hatte schon eingesetzt. Über den Dächern der Häuser zeichnete sich eine helle Silouette ab. Castro war wieder nicht im Zimmer. Das Bellen kam von draussen, deshalb lehnte ich mich, in einer Decke gehüllt, als erstes gleich aus dem Fenster. Unten auf der Strasse stand Clumsy. Und bellte. Was für eine verrückte Hündin, dachte ich mir und schüttelte den Kopf, steht sie doch glatt in allerherrgottsfrühe alleine auf der Strasse und bellt. Ganz automatisch wollte ich runter gehen und ihr die Türe öffnen. Dass sie das Haus eh nicht betreten würde, kam mir nicht in den Sinn. Aber schon während ich mir die Jacke überstreifte stieg mir ein verdächtiger Geruch in die Nase. Rauch.
In dem Moment fing ich zum zweiten Male an zu brüllen, in jener Nacht: FEUER! JURIJ! FEUER! Ich schlug ihn mit Fäusten aus den Träumen heraus. Jurij war augenblicklich wach und stand zwei Sekunden später auf seinen Beinen. Ich wusste nicht wo es brannte, jedoch war es nicht das erste Mal, dass ich mich in einem brennenden Haus befand und ich wusste, dass es immer verdammt schnell ging und es keine einzige Sekunde gab, die man verschwenden konnte. Ich stürmte ins Treppenhaus, wo mir schon dicke Rauchschwaden entgegenkamen und schrie: VUUR! HET BRANDT! Jurij folgte mir durch den Rauch die Treppe hinab und ich merkte wie der Rauch sich gleich etwas lichtete. Es musste also wieder oben im Dachgeschoss brennen. Es war zwecklos, nein lebensgefährlich, jenes Zimmer nach Menschen zu überprüfen. Dort oben mussten die Flammen schon den ganzen Raum ausgefüllt haben. Als Jurij noch einmal hochlaufen wollte, hielt ich ihn fest, da schlief bestimmt niemand, das Zimmer war leer gewesen, als ich nachts oben gewesen war… bis auf die Hunde. Ohje, die Hunde, wo war Castro? Ich zog ihn weiter die Treppe hinunter und von unten kamen uns schon Menschen entgegen, die wir wieder nach unten schoben. Oben war niemand mehr, man müsse schnellstens die Hinterseite überprüfen. Unten im grossen Parterrezimmer war schon ein ganzer Haufen Leute zusammengekommen und die ersten rannten in Panik aus dem Haus. Ich sah Maleentje und ich sah Greetje und auch Alex. Und auch weitere Gesichter. Doch ich war nicht imstande sie zu zählen, oder mir gar Gedanken darüber zu machen wer fehlte und wieviele Leute im Haus geschlafen hatten. Und dann kam von der hinteren Treppe die ganze Meute Hunde heruntergetrampelt, inklusive Castro. Dann schlug es über unseren Köpfen laut auf. Ein brennender Balken musste in Jurijs Zimmer von der Decke gebrochen sein. Gleich hinter den Hunden kam Eelco, der schrie: “Raus, raus, hinten ist niemand mehr!”.
Diese frohe Meldung nahmen wir als Anlass keine merkwürdigen Heldentaten zu erledigen, sondern unser Leben zu retten.
Dicker, schwarzer Rauch qualmte aus Jurijs Zimmer und dazwischen sah man immer wieder kurze orangefarbene Blitze aufleuchten. Das Fenster zum Dachzimmer sah von unten aus wie das Heizloch eines Ofens. Dahinter verbarg sich ein laut und tief knisterndes Flammenmeer. Das Dach fing dann an zu glühen, das heisst, man sah das Feuer durch die Dachziegel hindurch. Man konnte auch erkennen, dass die Hinterseite schon brannte. Das Feuer musste sich durch die Dachbalken durchgefressen haben.
Clumsy stand auf der anderen Strassenseite ein Stück weiter nördlich Richtung Mariaplaats und beobachtete nervös das Feuer. Ich ging zu ihr hin und streichelte ihr hängendes Gesicht. Berta kam in ihrem Schlafanzug und einer dicken Winterjacke darüber, mit Jurij aus ihrem Haus. Sie hatte die Feuerwehr angerufen. Das Feuer tobte diesmal richtig. Die Feuerwehr würde wohl nur mehr verhindern können, dass die Flammen nicht auf die umstehenden Häuser überschwappten. Eine grosse Menschenschar, teilweise in Pijamas und Pantoffeln, versammelte sich auf der Strasse und alle Blicke waren auf das brennende Haus gerichtet. Dann hörte man ein langsames und träges Ächzen, das eher klang wie ein klagendes Stöhnen, und das Dach brach ins sich zusammen. Ein wilder Staub von Milionen Funken sprudelte in grotesken Formen aus der oberen Hälfte des Hauses heraus und aus den drei Fenstern von Jurijs Zimmer stiessen drei dicke Rauchwolken hervor.
Das Haus schien schon dreimal abgebrannt zu sein als ich die Sirenen der Feuerwehr hörte. Es war alles zu spät, es würde nur noch ein Gerippe übrigbleiben.

Die Spezialisten der Versicherung werden später Benzinspuren am Feuerherd feststellen. Ein eindeutiges Zeichen von Brandstiftung. Schonwieder. Ich konnte es mir nicht erklären und fand die Begründung höchst zweifelhaft. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass tatsächlich jemand von uns ein Feuer gelegt hatte. Seit Karel weg war, und das war ja nun schon wirklich lange her, gab es eigentlich keine vagen Leute mehr, die im Hause ein und aus gingen. Und ich war zwei Stunden vor dem Brand noch in jenem Dachzimmer gewesen und hatte keinerlei Anzeichen einer Vorbereitung eines Brandes gesehen. Nur die Hunde waren da… wenn auch in einer merkwürdigen Szene. Hatten sie vielleicht etwas gewittert? Und woher war Clumsy plötzlich gekommen? Roos hatte sie mit ins Cafe Belgie genommen und Clumsy war dann wohl ein wenig spazieren gegangen.

Jurij zögerte nicht lange. Nach einem ausgebreiteten Frühstück für die neuen Dachlosen in der Lange Nieuwstraat packte er Castro an seinem Halsband und sagte er würde zurückkehren. Die Runde Menschen schwieg erstmal, schien kollektiv nachzudenken und ungefähr gleichzeitig standen alle Anwesenden auf und kehrten in den Springweg zurück. Die Türen und der zugenagelte Vorgiebel standen witzigerweise noch. Auch die Scheune, aber sonst waren eigentlich nur noch die Mauern und Reste der Treppen übriggeblieben. Die Polizei hatte die Türen versiegelt und einige Schaulustige standen herum. Wir traten die rechte Tür auf und stiegen in den Trümmerhaufen ein. Man spürte noch regelrecht die Wärme der verkohlten Balken. Irgendjemand lachte und sagte: “Hier gibt es noch viel zu tun”. Darauf lachten wir alle. Und fingen an, erstmal die Balken, die kaum noch etwas wogen, zu verschieben. Über uns strahlte der freie Himmel.

Das Wohnen in vier Wänden unter freiem Himmel wurde zu einem melancholischen Unterfangen. Zwei schwarze Balken, die noch an in der Luft hingen, brachen wir mit Äxten herab. Es war zu gefährlich sie noch hängen zu lassen. Einige Nachbarn brachten ab und zu Kaffee vorbei, stemmten dann aber nur die Arme in die Hüften und sahen sich den Trümmerhaufen an oder schüttelten mehrmals den Kopf. Es sei ja äusserst mutig von uns, sagte einer der Nachbarn einmal, aber es würde doch so wenig Sinn machen dieses Haus noch instande zu setzen. Wir hatten auch keinen Plan, aber irgendwie war das Haus uns wichtig geworden. Wir wollten erstmal Balken anbringen. Wie, wussten wir natürlich nicht und woher wir Balken bekommen würden erst recht nicht. Es entstanden ein paar Ideen, eine Art von Baugerüst im Inneren des Hauses aufzustellen und auf diese Weise Zimmer zu bauen, aber so richtiger Enthusiasmus wollte bei dieser Idee nicht wirklich aufkeimen. Maleentje hatte das Haus schon aufgegeben, jedoch fand sie keine Ruhe bezüglich des alten Metzgers. Sie hatte rausgefunden, dass er vor vier Jahren schon aus der Haft entlassen worden war. Also zu der Zeit als seine Tochter noch lebte. Nur musste sie noch herausfinden wo er sich jetzt befand.

Als es am dritten Tag anfing zu regnen, stellten wir Zelte auf. Es plätscherte die ganze Nacht lang. Es plätscherte eine ganze Woche lang. Eine Woche später waren wir nur noch zu dritt. Jurij, Alex und ich. Und ich muss zugeben, dass auch ich nicht mehr sonderlich anwesend war. Tagsüber bewegte ich mich mehrmals zwischen Springweg und Lange Nieuwstraat hin und her, wusste im Springweg im Regen nicht so recht wo ich anfangen sollte zu arbeiten, kehrte abends nach Hause zurück um eine Dusche zu nehmen und legte mich dann in das Zelt im Springweg zum Schlafen. Es war dann Maleentje die uns drei traurigen Gestalten einredete das Haus einfach Haus lassen zu sein. Wenn wir nicht bald gingen, würde wir in wenigen Tagen von der Polizei abgeholt werden und das Haus sei es einfach nicht mehr wert, die Hunde mochten es nicht, die ganzen komischen Sachen die immer passierten, wir sollten es einfach sein lassen. Ich stand auf und brach mein Zelt ab. Die anderen beiden folgten.

Eine Woche später betrat Maleentje nachdenklich mein Zimmer. Sie, Roos und ich teilten uns in aller Keuschheit mein grosses Bett. Sie zog ein Papier zum Vorschein und sagte sie habe den Wohnort des Metzgers ausfindig machen können. Er habe erst drei Jahre in einer geschlossenen Anstalt verbracht und folgte seit wenigen Monaten ein Resozialisierungsprojekt. Er war jedoch vor kurzem Verstorben. Er habe zwei Tage im Krankenhaus gelegen und sein Herz hatte plötzlich aufgehört zu schlagen. Sie hielt kurz inne und sagte dann: “Genau in jener Nacht als Springweg abgebrannt ist”.
Ich öffnete ein Bier.

zugeschnürt und eingepackt

Ich trage schon seit etwa sieben Jahren keine Jeanshosen mehr. Ich habe damit aufgehört, weil ich damals auch mit Kaffee aufhörte und mir dachte, dass ich dann auch gleich zwei Fliegen auf einem Streich erschlagen kann. Im Sog des Aufhörens riss ich dann auch noch Fingernägelbeissen und Whiskeytrinken mit. Weil das auch dumme Angewohnheiten waren. Vor allem das Whiskeytrinken. Das ersetzte ich darum durch das viel billigere Vodkatrinken.
Das Tragen von Jeanshosen hatte keinen wirklich konkreten Grund und auf meinen Geldbeutel ging das schon gar nicht, jedoch hatte ich immer schon ein wenig eitle Neigungen und deshalb nervte mich diese monotone Jeanskultur, die Rebellentum audrücken wollte. Das kollektive Rebellentum vom Banker nach Feierabend bis hin zum Vollzeitjunkie auf einer Bahnhofstreppe. Immer wenn man in eine Menschenmenge guckt, dann ist der Grossteil der Masse untenherum Jeansblau. Wie ein Dominospiel an dem man die blauen Hälften zusammenschieben kann.
Ich hatte damals schon genug rebelliert und befand mich gerade auf dem Weg mich zum bürgerlichen Altrevolutionären zu entwickeln und kaufte mir meine erste Bügelfaltenhose. Dann noch eine und noch eine, irgendwann kaufte ich Nadelstreifenhosen und war sehr glücklich damit. Abgesehen von meiner neu dazugewonnenen Individualität überraschte mich vor allem die neuentdeckte Freiheit meines Geschlechtsorgans. Alles hatte Platz und konnte fröhlich vor sich hin baumeln. Kein steifer Jeansstoff mehr, der alles versuchte an seinem Platz zu halten, sondern richtiges und uneingeschränktes Atmen.
Seit ich aber nach Deutschland gezogen bin, hat sich mein Rumpf aufgewölbt. Das mag am Essen hierzulande liegen, oder vielleicht am regnerischen Wetter, durch das ich mich des öfteren gezwungen sehe, das gesunde Fahrrad stehen zu lassen und dafür die Bahn zu nehmen. Aber das ist auch egal, worauf ich hinaus will, ist nur, dass mir in letzter Zeit aus meinem Umfeld des öfteren nahegelegt wurde, mich doch mal in etwas sportliche Klamotte zu kleiden. Das würde mich jünger machen und eben, nunja, frischer und dynamischer. Lange habe ich mich geweigert, aber letzten Samstag in der Mönckebergstrasse überfiel mich der Wahn der Jugend: Ich kaufte mir Seife und eine Jeanshose.

Sosehr mich damals die dazugewonnene Freiheit meines Gemächts erfreute, sosehr überraschte mich plötzlich diese angenehme, ähm, Verpackung meiner Eier. Wie nach Hause zu kommen und zu wissen, dass alles gut geschützt, verschnürt und eingepackt ist. Und weil mein Bauch jetzt nach oben gedrückt wird, muss ich die Brust nach vorne heben um halbwegs Luft zu bekommen. Zusammen mit dem breitbeinigen Laufen (mit soviel steifem Jeansstoff im Schritt kann man gar nicht anders) bin ich jetzt wirklich schlagartig zu einem richtigen Kerl herangeschnürt. Beeindruckend.

erster Dezember

Es freut mich immer wieder, mein Blog als unfreiwilliges Dokumentationssystem zu entdecken. So weiss ich heute beispielsweise, dass ich mich dem 1. Dezember des Vorjahres gegenüber deutlich gebessert habe. Heute stehen lediglich fünf Türchen offen. In vier Jahren habe ich vielleicht Disziplin gelernt. Ich habe nun wirklich keinen besonderen Hang zu Süssigkeiten, meine Körpermasse stammen vom herzhaften Essen her. Den Süsswaren kann ich widerstehen. Zumindest solange sie im Laden stehen. Wenn ich mir Schokolade ins Haus hole, ist das schon wieder eine ganz andere Sache. So ein nutzlos herumstehender Adventskalender ist halt doof.

Aber ach, was sind schon meine kleinen haushaltlichen Querelen, schliesslich ist heute Weltaidstag und daher möchte ich der Besinnung wegen auf diese kurze und ergreifende Geschichte von Lu verweisen.
Und da ich heute Abend meine Fabrik frühestens um zehn Uhr Abends verlassen werde, schaffe ich es auch nicht zur Benefizlesung im Weissen Raum. Geht bitte zahlreich hin, ihr Hamburger.